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Die Einsame.

Sie saß im Hotel-Lesesaal, in einen Lederfauteuil zurückgelehnt, den Kopf etwas gesenkt, die kleinen, lichten, frauenhaften Hände beschäftigten sich mechanisch mit ein paar zusammengefalteten Briefen, die in ihrem Schooß lagen, und der klare Blick, an dem eine lange Reihe ernsthafter Gedanken vorüberzuziehen schien, war auf ein unbestimmtes Ziel gerichtet. Eine Frau, die die Mitte der Zwanzig überschritten hat; ein beinahe volles Gesicht, nicht so glatt wie Puppengesichter, da und dort ein vorzeitig eingegrabenes pikantes Fältchen, eine stark ausgebildete Nase, deren Rücken eine zartgeschwungene Wellenlinie bildete, eine breite, schöne, von der Spur eines quer verlaufenden Fältchens durchschnittene Stirne, ein eigensinniges, kräftiges Kinn, dunkelblonde Brauen, die, weich und lind, die beredsamen Augen überwölbten, und ein volles, natürlichgefärbtes Lippenpaar, über dem sich ein schüchterner goldiger Flaum erkennen ließ. Das üppige lichte Paar mit dem welligen Ansatz war energisch aus der Stirne gekämmt, mit zwei breiten Schildpattnadeln kunstlos aufgesteckt, und nur zu beiden Seiten, in der Schläfengegend, befreite sich je ein zartes, lockiges Haarbüschel. In den regelmäßigen, kleinen Ohren prunkten keine Steine und an den zarten Fingern saßen nur ein paar hübsche Ringe als Erinnerungszeichen und nicht zum Aufputz der schönen, klugen Frauenhände, die keiner weiteren Zierde bedurften.

Eine Stille wie in einer leeren Dorfkirche lag in dem weiten, strahlend erhellten Raum, in welchem die Dämonen der internationalen Langweile in jeder Ecke nisteten. Geräuschlos öffnete sich die Thür und ein Herr trat ein, schritt auf die junge Dame zu und bot ihr mit einem »Guten Abend!« respektvoll die Hand. Die aus ihren Gedanken Aufgeschreckte erwiderte den Gruß mit einem Lächeln, in dem sich die Dankbarkeit für die Erlösung aus ihrer Verlassenheit widerzuspiegeln schien; sie richtete ihre Gestalt ein wenig auf, wobei sie die zierliche Spitze ihres erhobenen Fußes auf den Boden setzte und unter dem Rocksaum verschwinden ließ.

»Guten Abend, Herr Rechtsanwalt!«

»Ich wollte Sie gestern Abend begrüßen, aber ich kam erst spät nach Hause.«

»Sie freuen sich Ihres Lebens – Sie haben Recht.«

»Der Provinzler, der 'mal in die Hauptstadt kommt. Und wie leben Sie, gnädige Frau?«

»Sie sehen ja, mein problematisches Hoteldasein, ein personifizirtes Fragezeichen für die immer wechselnden Hausgenossen, der Zielpunkt für forschende Blicke, manchmal auch der Gegenstand flüsternder Gespräche – mein Gott, ich kann ja doch nicht Jedem meine Geschichte erzählen und die Umstände, die mich nun seit einem Jahr, von Stadt zu Stadt, von einer Karawanserai in die andere treiben. Können Sie sich denken, wie einer Fran zu Muthe ist, die auf jedem Gesicht, das ihr hier begegnet, die Fragen abliest: Wer bist Du, was suchst Du hier, von wo kommst Du, wohin gehst Du, wovon lebst Du? willst Du gemieden sein oder soll man's versuchen, sich zu nähern?«

Die junge Frau sprach lebhaft und mit einem Anflug von Bitterkeit, ihre klaren, denkenden Augen hatten einen fast rührenden Ausdruck angenommen und das Kummerfältchen auf der Stirne vertiefte sich. Als ob sie es gefühlt hätte, fuhr sie mit der Hand wie glättend darüber, dabei ein welliges Strähnchen ihres flatternden weichen Paares hinters Ohr streichend.

Nach einer kleinen Pause begann die Einsame plötzlich und indem sie ihre Augen mit einem halb bittenden Ausdruck auf den Rechtsanwalt richtete: »Sagen Sie mir, bitte, was haben Sie sich von mir gedacht? Ich meine, als Sie mich die ersten Male sahen? Nichts Besonderes, wie?«

Der Gefragte rückte mit dem Stuhl und suchte mit einem lächelnden »Aber« – den Verdacht einer unwürdigen Vermuthung abzuwehren – »ich bitte Sie …«

Sie öffnete die Lippen zu einem gutmüthig-spöttischen Lächeln und zeigte unbewußt einen Augenblick lang ihre glänzenden schönen Zähne, deren Tadellosigkeit durch ein blankes Goldpünktchen in der oberen Reihe kaum beeinträchtigt wurde.

»Es würde mich ja gar nicht wundern, es ist nicht meine Schuld. Ich habe schon lächerliche Briefe bekommen von phantasievollen Passagieren, die den neutralen Boden des Hotels als Tummelplatz für ihre Zudringlichkeiten ansehen; man hat die Hausmädchen zur Ueberbringung von Botschaften zu bewegen versucht, und denken Sie, seit ein paar Tagen schickt mir ein anonymer Toggenburg Rosen, die ich natürlich sofort dem Stubenmädchen schenke, aufs Zimmer, ich finde das stark. Wie kommen die Männer dazu?«

»Sie sind eine interessante – und, wenn ich es sagen darf, eine schöne Frau …«

»Ja und vor Allem eine alleinstehende Frau. Kein Hahn würde nach mir krähen, wenn ich hier oder im Speisesaal an der Seite meines Gatten erschiene. Ich bin nachgerade hinter das Geheimniß gekommen, warum ich so furchtbar »interessant« bin. Traurig, aber wahr!«

Der Rechtsanwalt lächelte, er mußte ihr im Stillen Recht geben. Eine Frau ohne Mann … das ist immer etwas verwunderliches. »Warum?« – »Wo ist er?« denkt sich Jeder, und nicht nur die Don Juans der Straße, die Damen ohne Begleitung belästigen und verfolgen, auch gereifte, erfahrene und wohlerzogene Männer denken bei einer alleinstehenden Frau gewöhnlich: »Halt, hier ist etwas nicht in Ordnung!« oder » Jede Frau will sich amüsiren, die Arme, sie langweilt sich allein, du würdest ihr vielleicht nur einen Dienst erweisen« – u. s. w.

Es ist für eine Frau die schwierigste Aufgabe sich selbst zu schützen und wie ein Wild muß sie den galanten Jägern entschlüpfen. Das ist unsere Galanterie, unser Frauendienst, unsere Rücksicht, die wir den Damen entgegenbringen, unsere Verehrung – unsere gesellschaftliche Verlogenheit. – Um von dem heiklen Thema abzukommen, sagte der Rechtsanwalt unvermittelt: »Würden Sie mir's übel nehmen, wenn ich Sie an ein Versprechen erinnerte, das Sie mir vor einigen Tagen – –«

»Ihnen die kleine Tragödie meines Lebens zu erzählen, o, ich bin damit gar nicht so zurückhaltend, wozu auch? Wenn Sie zufällig nach ** kämen und Sie nennen meinen Namen, würde Ihnen die ganze Stadt die Geschichte erzählen. Es ist kein Geheimniß und ich habe mich nicht zu schämen.

Ich bin eine geschiedene Frau.

Man verheirathete mich mit zwanzig Jahren an einen Mann von Bedeutung. Ich bewunderte den Geist und das gelehrte Wissen eines Mannes, und sein weiches Knabengemüth nahm mich für ihn ein. Ich wußte nicht, was zur Liebe und zur Ehe gehört, ich opferte ihm meine Mädchenträume, und er nahm das Opfer an, denn auch er wußte nichts von der Welt und vom Leben. Eine zu Zweifeln und zur Trauer angelegte Philosophennatur. Wir haben uns nun vier Jahre lang angehört, in einer Sonderlings-Ehe – wissen Sie, vielleicht so in der Art, wie die des Pfarrers Rosmersholm mit seiner unglücklichen ersten Frau; – ideale Forderungen, Mystik und alles Unmögliche, und das Ganze in einer einigen stimmungsvollen Dämmerung, kein Bischen heitere, lachende Sonne. Und dann kam wie bei Meister Ibsen unsere Rebekka, aber dabei ein heiteres, jugendfrohes Geschöpf, ungefähr wie ich es war, ehe mich mein Rosmersholm in sein Museum gesperrt hatte. Es mochte sie wohl gereizt haben, die Aufmerksamkeit des berühmten Gelehrten auf sich zu lenken und ihn zu fesseln. Ich ging aber nicht in den Mühlbach, sondern ich verließ meinen Mann, nachdem ich unzweideutige Beweise dafür empfangen hatte, daß der Puppenverstand meiner Rivalin und ihre niedlichen Mädchenkünste gerade ausgereicht hatten, den wunderlichen Mann auf den grünen plan des Lebens hinauszulocken, während meine kongeniale Natur – wie er sie rühmend nannte – ihm willig in die düsteren Labyrinthe seiner grübelnden Weltbetrachtung gefolgt war.

Ich war bis dahin sein Freund, sein Famulus und wir saßen manche Nacht zusammen, wie Faust und Wagner – und brauten philosophische und metaphysische Tränke, mit denen wir den kranken Weltgeist kuriren wollten, er ein verhältnißmäßig noch junger Mann und ich eine einundzwanzigjährige Frau! Bedenken Sie!

Wir hatten treu zueinandergestanden, ungefähr so wie zwei an eine Ruderbank gefesselte Galeerensklaven, und eine Galeere war für uns die Welt, aus der wir uns mit emsigem Bemühen alle Freuden hinausphilosophirt hatten. Und nun bot sich die Aussicht, daß doch Eines von uns glücklich werden könne, mein Mann. Er sollte sich retten. Wir schieden voneinander, ich habe es ihm leicht gemacht. Bald darauf heirathete er das junge Mädchen. Ich übersiedelte nach einer kleinen Stadt, und das war nicht gut; das gesellschaftliche Vorurtheil, das gegen geschiedene Frauen in der Welt der intakten braven und vorwurfsfreien Philistergemüther besteht, verdrängte mich bald von dort, und seit anderthalb Jahren befinde ich mich auf Reisen, an der Riviera, im Seebad, in der großen Stadt, – eine vertriebene Einsame. Ich kann nirgends festen Fuß fassen, vertrieben durch Haß und durch Liebe, – ein weiblicher Ahasver …

Die junge Frau schwieg.

»Und wie ist es ihm ergangen!«

Meinem Mann? »Im vorigen Jahre begegnete ich ihm in Genua – ich dachte an einen Zufall und reiste sofort ab, in Bordighera sahen wir uns wieder, und in Cannes. Es peinigte mich. Sehen Sie, wenn man mit einem Menschen ein gutes Stück Weg gegangen ist, und wenn es auch ein schmaler, steiniger Bergpfad war, so vergißt man ihn doch nicht ganz und es hat mich immer furchtbar gepackt, wenn ich den Unglücklichen sah, und wenn mir seine traurigen Augen mit einem einzigen Strahl beichteten, daß er das Glück, das ich ihm durch mein Opfer bereiten wollte, vielleicht gar nicht, vielleicht nur für kurze Zeit gefunden hatte und daß er nun ganz haltlos umhertrieb.

Seither folgt er mir überall hin, das stille Bild der verzehrenden Reue, eine Anklage gegen sich selbst, ein Glückloser im vollsten Sinne das, was Göthe eine problematische Natur nennt. – Im Sommer erschien er in Karlsbad, dann wurde er für ein paar Monate unsichtbar. Und da überraschte mich ein Angstgefühl, die Sorge, es könne ihm etwas zugestoßen sein, er bangte immer vor den Gedanken verrückt zu werden. Auf Umwegen verschaffte ich mir Nachrichten. Ich erfuhr, daß seine neue Ehe nichts weniger als glücklich war. Das heitere, selbstsüchtige Geschöpfchen lehnte sich alsbald gegen seine Düsterkeit auf und rettete sich vor seinem geistigen Einfluß, sie betrachtete ihn als einen Halbunzurechnungsfähigen und freute sich der Freiheiten, die ihr die Welt aus dieser Rücksicht einräumte. Die Ehe ist unlöslich – und er wird die Fessel bis ans Lebensende tragen, stöhnend und ächzend.

»Haben Sie nie mehr ein Wort miteinander gesprochen?«

»Nie mehr! Wozu? – und es darf nicht sein – wenn ich auch wollte,« schloß die Einsame bedächtig und wie im Selbstgespräch.

»Wie lange gedenken Sie noch hier zu bleiben?«

»Bis der Winter sich rauher anläßt, – dann vielleicht nach Capri – ich glaube, es steht schlecht mit seiner Gesundheit, – er braucht den Süden.«

In diesem Augenblicke betrat ein hagerer Mann mit einem etwas verfallenen schmalen Christusgesicht, in einen langen Pelz gehüllt, eine Pelzmütze auf dem Kopf, den Lesesaal.

Etwas verspätet, als dächte er an ganz andere Dinge, nahm er die Mütze ab und sein Blick hastete einige Minuten lang auf den plaudernden in der Saalecke. Dann schritt er quer durch den Saal, dem anderen Ausgang zu; dort wandte er sich noch einmal um, und während er langsam die Thür öffnete, sah er, so lange er konnte, ohne es gar zu auffällig zu machen, aus die Beiden zurück.

»Was ist denn das für ein Unverschämter?« zürnte der Rechtsanwalt mit starker Betonung des letzten Wortes.

»Lassen Sie, – es ist mein Mann!« sagte die junge Frau, noch immer nach der Thür blickend, durch die die seltsame Erscheinung verschwunden war.

»Ihr Mann?«

Sie schwiegen Beide.

Und nun richtete auch der Rechtsanwalt plötzlich seinen Blick nach der Thür.

»Ich sehe ihn nicht zum erstenmal – warten Sie …«

»Er wohnt ja hier im Hotel.«

»Nein – nicht hier – ah, ich weiß, gestern, da nebenan im Blumenladen – er fiel mir auf – ja, das war er – er bestellte ein Bouquet von rothen und weißen Rosen, das sollte hier im Hotel abgegeben werden. – Ja/ ganz bestimmt, er war's.«

– Was, er war im Blumenladen, – er hat rothe und weiße Rosen bestellt, ein Bouquet sagen Sie? –

– Oder einen Korb, ja ich glaube einen Korb aus Geflecht mit einem großen Bügel und Schleifen daran …

» Von ihm?« sagte die junge Frau in einem Tone, in dem Ueberraschung und leise Rührung zitternd zusammenklangen.

Das blonde Köpfchen suchte sich vor dem Fremden zu verbergen, aber er sah dennoch, wie zwei helle Thränen langsam über das Gesicht der Einsamen rannen.


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