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Die Lösung

Du wirst nach langem Brennen
Erkennen offenbar,
Daß was dir schien ein Trennen,
Ein leises Knüpfen war.

Parzival

 

1

Er war eingeschlafen. Dies geschah ihm Nämlich seine Erlaucht Graf K. auf Zweibrücken. – Seit unserer Rückkehr nach Deutschland waren damals fünfzehn Monate verflossen. Li. häufig. Seit der zweite Schlaganfall, am Sitz des Lebens abermals vorbeitreffend, ihn mit Lähme schlug vom Kopf zu den Füßen, so saß ich ihm gerade gegenüber, damit er mich sehen könne, neben mir einen langen Tisch, auf dem ein Armleuchter mit drei Kerzen aus einem Getümmel von unzählbaren vollen und angebrochenen Flaschen mit Wein, Kognak, Likören und Arrak ragte; auch eine Art Samowar stand am Tafelende, um heißes Wasser für Grog zu bereiten. Ich erhob mich nun und ging hinter ihn in die Tiefe des Saals, in dem es wie immer scheußlich aussah. Ich glaube, ich habe das nie beschrieben.

Die rötliche Lichtwolke mit den drei Kerzenflammen läßt das meiste des großen Raumes – fünf, bis zur Decke reichende Fenster ohne Vorhänge – im Schatten. An den Wänden eine Menge massiver Schränke. Dazwischen altes Waffenzeug, Kürasse, Steinpistolen, Haudegen, Rapiere mit riesigen Körben, krumme Landwehrsäbel von achtzehnhundertdreizehn. An den Schränken ist die zum Teil recht schöne alte Arbeit zu erkennen: einer hat reiches Figurenschnitzwerk in geschwärzter Eiche, ein andrer prachtvolle Intarsia in schwarzem und gelbem Holz; ein schwarzer Einlegearbeit in Kupfer, unschön; ein vierter Silberornamente in Schildpatt. Die Türen stehen fast an allen offen, man sieht Kleider drin, auch Wäsche. Der ganze Saal steht und liegt voller Möbel und Gegenstände, mit ihren Schatten gegenseitig überhäuft. Ich zähle drei Betten, willkürlich und schief hingeschoben, sämtlich offen, fertig für die Nacht. Infolge der Lähmung versagen dem Alten auch die Bewegungsnerven; so läßt er sich nachts, mitunter drei-, viermal, von seinen handfesten Schlafknechten, wie er sie nennt, in ein anderes Bett schaffen. Mehrere schwere alte Tische voll undeutlicher Gegenstände, Leuchter, Arzneiflaschen, Stöße von Büchern, Bettwäsche, Pillenschachteln, Eßgeschirr und Gläser; desgleichen auf Stühlen und am Boden. Auf einem Sessel die Ziehharmonika, mit der er sich allabendlich einschläfern läßt. Und mitten in diesem schattenhaft belebten und verzerrten Wirrwarr der schlafende Koloß in seinem Räderstuhl, eingewickelt – da drei Viertel seines Leibes mit Ausschlag bedeckt sind und er keine Kleider, sondern nur Verbände trägt – bis unters Kinn in die verschlissene Brokatdecke, dieselbe, deren Glanz schon meine Kinderaugen entzückte. Und in einer der kahlen Fensterhöhlen ihm gegenüber, gefüllt mit Finsternis, Unsichtbarkeit und Wind, sehe ich alles gespiegelt fern: den Schläfer, dort von vorne zu sehn, das Gesicht hintenüber, davor den Tisch voll Flaschen und den Leuchter. Er saß in seinem Tohuwabohu so aufgebäumt und erledigt, als habe er das Ganze, wie ein Trunkener beim Schlafengehn seine Kleider, von sich ab- oder aus sich herausgeschleudert, um aufstöhnend und rücklings in den Schlaf zu fallen.

Unbewußt bin ich ihm dann nahe getreten und habe lange Zeit auf sein Gesicht hinuntergesehn, das mir ausgesetzt war zum Betrachten wie ein Globus – wahrhaftig geradeso, und ich fühlte mich versucht, diese Kugel umzurollen, um zu sehn, was für Länder es auf der andern Seite gäbe, oder ob nur Meer.

Dies verfluchte Gesicht! Aber das habe ich, glaube ich, schon einmal abgemalt und lasse es gern bewenden.

Plötzlich schlug er das Augenlid – das letzte, was ihm beweglich blieb – auf, glimmte mich ganz wach mit dem kleinen Licht an und sagte heiser: »Willst du mich umbringen? Warum stehst du so und bohrst mir deine zwei Satansaugen mitten durch meinen Schlaf? Du meinst wohl, du wärst schöner als ich?« Er lachte kollernd. »Ach, Josef, ich hab mich nicht selber gemacht!«

»Freilich«, sagte ich mitlachend, »wir sähen alle aus wie die Engel, wenn wir uns selbst machten.«

»Na«, meinte er nach einer Weile mißtrauisch, »was dachtest du denn bei meiner Betrachtung?«

»Ich dachte, es könnte nicht anders sein, als daß der Träger eines solchen Gesichts das absonderlichste Schicksal gehabt habe.«

»Eine Ausnahme sei, wie?« – Ich nickte.

»Wie du selbst, Josef?«

»Meinen Sie, Erlaucht?«

»Habe immer gemeint. Warum sitzen deine Augen so verflucht, so gesperrt, wie zwei Kugeln an einer Kette? Höre mal, es gibt so ein altes Bild, ›Porträt von einem schwermütigen Knaben‹, kennst du's?«

»Von welchem Maler, Erlaucht?«

»Lo – Lo – – Mit Lo fing er an.«

»Lorenzo? Lorenzo Ghiberti?«

»Di Credi. Lorenzo di Credi. Dem sitzen die Augen so auseinandergeschoben. Aber da ist das, als wäre es der Tod gewesen, der sein Siegel schon bei der Geburt zwischen die Augen drückte, und sie wichen angstvoll auseinander. Welcher Teufel bei dir?«

»Wenn es einer gewesen sein sollte, Erlaucht, so habe ich ihn leider nie gesehn.«

»Aber ich, Josef, habe meinen gesehn, den, der mir die Nase verdrehte. Du wirst von mir gehört haben, kleiner Josef!«

Ich bejahte.

»Ich weiß nicht, was du gehört hast, Josef, aber glaube mir«, sagte er traurig, »daß es lauter Lügen gewesen sind. Hör zu! Fünfundneunzig Jahre bin ich, glaube ich, alt, die letzten waren sich so gleich, daß ich nicht mehr recht zählen konnte, und nun wird es ja wohl endlich ein Ende nehmen. Also kann davon geredet werden, und dann sollst du dir ein Beispiel nehmen an einem unglücklichen Mann, der vor seiner Geburt schon ein Mal auf den Leib gebrannt bekam und ein Geächteter wurde unter den Menschen. Du bist auch ein Geächteter, Josef, ich weiß. Heut läßt du dirs noch nicht ansehn, aber denk an übermorgen. Denk, wenn du alt bist, wie ich, und alles Süße ist bitter geworden, und die Einsamkeit dröhnt dir in die Ohren ...«

Aber ich sehe, daß ich nicht fortfahren kann in seiner Sprechweise; vieles ist mir entfallen, und seine Darstellung bewegte sich in solchem Zickzack durch das wilde Gelände der vor ihm ausgebreiteten Jahre, daß der Weg sich nachträglich nicht verfolgen läßt. Mitunter schlief er auch ein, hatte erwachend zwar den Faden zwischen den Fingern, aber an einer ganz andern Stelle, denn in dieser Stunde des Wiedererlebens war alles gleichzeitig für ihn, alles Gegenwart. Was er aus sich herauswürgte, schien er dabei zu erdrosseln und als halbe Leiche von sich zu schleudern; erst gegen Ende redete er fließender, obschon wirr, in gequälter Heftigkeit.

Er hatte eine einzige Schwester, älter als er, die trotzdem erst vor ein paar Jahren starb. Sie sei schön gewesen. Er beschrieb sie als eine Art Puppe, sehr klein, zierlich, blauäugig und blond, von denkbar sanftestem Ausdruck, innerlich aber von einer Grausamkeit besessen wie eine Borgia oder eine jener blutträchtigen Merowingerinnen, die nach allen Seiten um sich her mit Gift und Dolchen, mit Wasser und Feuer mordeten, was sie Lust hatten. Dies tat sie freilich nicht; irgend Böses ward nie von ihr bekannt, und die einzige, aber ausgemachte Bosheit ihres Wesens und ganzen Lebens richtete sich gegen ihren Bruder. Als kleinen Knaben habe sie ihn zu schändlichen Liebkosungen verführt und vielleicht nur dadurch die Leidenschaft zu ihr erweckt, jedenfalls aber sie verstärkt und ihr Dauer verliehen, die ihn mehr als sein halbes Leben lang folterte. Sie nämlich, als er heranwuchs, wandte sich von ihm ab und begann ein fürchterliches, halbjahrhundertlanges Spiel des Anlockens und Sichversagens, das ihn mit der Zeit zu einem schwarzen Stier tollwütiger Brunst machte. Immer lockte sie, lockte und ließ sich nicht fassen. Sie bekam es fertig, nie allein zu sein, wenn er zu ihr gelangte; sie war reich, hatte einen ganzen Hofstaat, der sie samt ihrem Ehemann anbetete, so schien sie jedermann ein Wunder von Milde und Süßigkeit. Von ihren Folterungen nur eine: Der Bruder konnte malen, und sie diente ihm als Modell – in aller Unschuld, da er ja ihr Bruder war –, hüllenlos wie Saskia. Umsonst seine Gegenmittel. Er stürzte sich ins Dasein, den Tod drin zu suchen, idealisch, wie man, wie er selber damals war, auf der Barrikade, in Indien, in allen Erdteilen, umsonst, um den Globus fahrend, wie er sagte, als ein endlos rauchender Blitz, der seine Wolke wieder sucht; unerschrocken gegen den Tod aus fremder, rätselhaft feige gegen den aus der eigenen Hand. Glaubte er sich hundertmal erloschen und bezähmt, so wußte sie ihn hundertmal von neuem in Flammen zu setzen. Nach verloderten Jünglingsjahren war sein Ungestüm nur handgreiflicher, plumper, besessener geworden, und das Unerträgliche machte ihn rasend. Er habe sie, keuchte er, einmal, nachdem er sie durch Drohungen doch in Angst versetzt, um die ganze Erde verfolgt. Schließlich trat sie ihm wehrlos entgegen. Da gebrachs ihm an Mut zum Verbrechen. Er hatte sie nehmen und sich und sie töten wollen. Nun konnte er nichts, nicht nehmen und auch nicht töten. Er lebte und lebte. In jungen Jahren hatte seine Liebe, noch voll idealischer Essenz, ihn widerwillig gemacht gegen andere Frauen. Später wirbelte er sich durch Ausschweifungen bis zur niedrigsten, bis zur Gemeinschaft mit Knechten und Tieren, halb nur aus Rachsucht, wie er sagte, da er in jeder Ausbrunst, die ihn würgte, ihren Leib zu erniedrigen sich einbildete.

Ihr Körper, den sie mit allen Mitteln bei Frische erhielt, verfiel erst mit sechzig Jahren, so daß es sich nicht mehr bemänteln ließ. Aber ihre Methoden hatte sie noch nicht erschöpft, ward zwar unsichtbar für ihn, indem sie den Schleier nahm, aber sie verlegte Quälerei und Brunst aus dem leiblichen Gebiet in das der Seele, indem sie ihn nun mit Briefen schluchzender Reue, sich marternder Inbrunst zum Dreieinigen Gott und allen Heiligen überschüttete wie mit einem Hagel von Brandpfeilen, bis sie ihn, der dem Ausglühen nahe gewesen, von neuem entzündet hatte. Er begann zu trinken, ward feig und feiger, begann, was er unbewußt immer getan, im Gewissen zu zittern vor Gott und Verdammnis. Sie bohrte nach, bis er die Nächte durchheulte vor Pein und Grauen. Endlich, neunzig Jahre alt, starb sie. Ihn hatte mit achtzig, wenige Jahre vor ihrem Tod, der erste Schlagfluß gelähmt, erstes Zeichen von Gottes genäherter Hand. Jetzt, im unbeweglichen Gebirg der völlig gelähmten Glieder, ächzte ihm die verschüttete Flamme der Seele, einäugig emporglühend in den schon entsetzlich aufgerissenen Himmel, in den sie – so sagte er – durch das letzte Loch dieses Auges wie eine brennende Rakete emporschießen würde am Sterbetag. –

Bei meinem Dämon! solange er unerschöpflich die Beschreibungen seiner Greuelzustände aus sich rollte, war ich am Fenster in der sternenreichen Julinacht und konnte mich brüsten wie der Pharisäer: Ich danke dir, daß ich nicht bin wie der da. Als er fertig war, mit ausgehöhlter Stimme zu trinken bat, ich den Hilflosen getränkt hatte wie ein Kind, er dann, im Uferlosen verloren, nach dem Schein einer Sicherung griff, indem er mich demütig triumphierend anblinzelte und durch die Zähne pfiff: »Wir sind zwei Ähnliche, Josef, he? Ausnahmen im Jahrtausend!« traf er mich in die Frage des Lebens.

Was hatte ich mir eingebildet? Daß, wer durch die ethischen Gesetze brach, zu seinem Heil noch über den Gebrauch der ästhetischen verfüge, denn wahrhaftig, in der Form allein sitzt das Leben, und der Prinz, auch wenn er Dünger karrt als Sklave, erweist sich als edlen Geblütes durch Haltung, und die wahrte ich. Er bog sich herunter auf seine viere zum Tier; ich blieb immer aufrecht, erkannte die Sterne, und wenn ich zu den Abtrünnigen des Lichts je gehört habe, so ward ich doch nicht geblendet und behielt Augen für den Regenbogen und die Schultern der Engel, die ihn tragen. Ich freilich, ich hatte niemals Unzucht getrieben mit meinen Kräften, meinem Leben, aber: war ich allein? Hatte ich nicht den Jettatore?

Und er? Wo war er? Lebte er noch, war er tot? Himmel und Hölle, wo war er geblieben?

Fünfzehn Jahre jetzt sind es her, daß ich ihn zum erstenmal sah, den Schlammbüffel, der aus der Lagune stieg unter den Lichtern der Giudecca. Von dort bis zu diesem Augenblick sehe ich heute eine dreistufige Treppe. Die erste Stufe war schmal: von Venedig bis zu meiner Rückkehr aus Mesopotamien nach Europa. Es war die fiebrische Zeit, wo seine Erscheinung mich peinigte, wo er in meinem Gehirn saß und überall zu sein schien, wo ich in beständiger Erwartung lauerte, ihn leibhaftig zu sehn, ohne daß er je gekommen wäre. Dies lag an mir. Mein Haß zeugte seine Gestalt aus mir selbst.

Dann kamen lange Jahre in Europa, wo ich ihn nicht eben häufig sah und kaum dreimal vollkommen – nach jener Schießerei im Garten. Wo er sich mir nur von weitem zu zeigen wagte, aus Angst vor einem neuen und besseren Schuß, da seine Jettatura ihm nichts mehr half – unbestimmt und nur, als wollte er mich erinnern, daß er noch vorhanden sei. Damit ich nie vergäße: einer ist in der Welt, der zieht dein Gesicht durch den Kot hinter sich her wie ein Kind seine Puppe. Dann ward er wieder ein wenig zutraulicher, wagte es, an mir vorüberzugehn, sah ein, daß ich ihm das Leben und Sicherheit schenkte, trat mir frecher entgegen, einmal, zweimal – und ich? Ich ließ ihn, er war mir immer zu klein. Hätte mich nicht Abscheu und Wut im Anfang geblendet, ich würde nie die Hand gegen ihn aufgehoben haben.

Und als ich dann, vor zwei Jahren etwa, Europa verließ – da hatte er sich auf eine neue Methode verlegt. Er selber verschwand; aber überall erschien sein Gesicht.

Manchmal auf Augenblicke nur. Ich erinnere mich, es begann schon auf dem Dampfer. Wenn ich ins Zwischendeck hinuntersah, glaubte ich an dieser und jener, ja, oft an mehreren Stellen zugleich, etwas dämmern zu sehn, das an ihn erinnerte; einmal Augen, einmal eine Stirn, einmal seine Haltung. Nie aber sah ich mich, immer nur ihn, in dem Menschen, aus dessen Erscheinung die seine hervorschattete. Dann bei Tafel. Wenn ich die langen Reihen der Gesichter hinunterschaute, so beugte auf einmal an drei, vier Stellen sein Gesicht sich heraus. Jemand saß, halb hinter seiner Zeitung verborgen, und plötzlich hatte er sein Gesicht, und dann wußte ich: der denkt jetzt gemein. Ein andrer verlor beim Kartenspiel; dessen Gesicht verzerrte sich zu dem seinen. Und nun erst in den Staaten. Die Menschen haben sich dort einen hohen Wuchs zugelegt, um zu verbergen, daß sie in Wirklichkeit alle niedrig auf vieren laufen wie die Hunde nach ihrem Geschäft, und daß sie nicht mehr höher sehn können als bis zu ihresgleichen. Dann konnte es vorkommen, daß ganze Straßen, ganze Restaurants, ganze Versammlungen plötzlich wimmelten von seinem Gesicht. Der Kuli in Singapore konnte es haben und der Malaie in Hongkong, der Mandschu wie der Tibetaner, der Kosak wie der Sträfling in Omsk, der Nächtiger im Petersburger Asyl wie der Großkaufmann in Odessa. Es war immer das Gemeine.

Und noch jedesmal fuhr etwas zusammen in mir, und ich mußte mich beherrschen, nicht zu zittern – wovor?

Dies war nicht Wut, nicht Haß, nicht Angst, keine Empörung. Am ähnlichsten dürfte es gewesen sein – der Scham. Es war doch immer mein Gesicht, was ich zu sehen bekam. Es war eine unbekannte Erregung, die durch mich hinging wie vom Ziehn einer feinen Säge an meiner Wurzel. Und während ich glaubte, daß mein innerstes Mark unberührt davon bliebe, sammelten sich doch all diese dünnen und dünnsten Erregungen unter meiner Oberfläche, höhlten mich aus und machten mich langsam müde.

Warum kehrte ich denn nach Deutschland zurück? Ich hatte für ewig fortbleiben wollen. Wars doch die Frau im väterlichen Hause, die mich an allen Haaren heimwärts zog? Die schon mein Haupt mit schmerzlichem Gebrause über die Meere zu sich niederbog – wie einen Baum – und zerrte an den Seilen, dieweil am Stamm unmerklich leise schliff der feinen Säge jahrelanges Feilen, des leisen Todes sorglos leiser Pfiff ...

Mein Herz ging wie immer seinen Gang. Geist und Vernunft taten das ihre wie je. Aber die Seele?

Sie ward müde dieses unnützen Suchens, des ganzen sinnlosen Lebens, das wie ein Strom nur diese und jene Stelle überspülte, dieses mit sich nahm, jenes vorüberließ, nichts aber wandelte; in sich dahinwandelte, teilnahmslos, unfruchtbar, nur Wasser, nur Leben.

Seltsam genug: bevor ich Europa verließ, war ich wie von einer neben mir flammenden Fackel ganz umströmt von der einen Glut des Gedankens, ihn fassen zu müssen, ihn einmal Auge in Auge zu sehn. Nach Amerika ging ich im Grunde nur, um ihn sicher zu machen, daß ich mich nicht um ihn kümmerte, und damit er mir dann um so leichter ins Netz laufe. Aber die wüste Jagd, die ich vorgehabt, nach der ich so brannte, kam nie, und zwei Jahre und drei Monate waren gewesen wie ein Tag, als ich wieder am väterlichen Gartenzaun stand, unverwandelt bis auf das halbe Gesicht, und die Entzückende vor mir stand in der Dämmerung, schön wie je, Mädchen wie je, gegürtet mit Keuschheit, von keinem berührt, keinem Gedanken, berauschend wie der Rheinfall, und siehe da, auch der gelähmte Lachs Erasmus stand wie je vor dem Sprung.

Müde war ich, und müde war ich gewesen, schon als ich ausfuhr.

Ich trat wieder vor den Alten hin, der wiederum in Schlummer gefallen war. Sein Kopf glühte scharlachen, unter der Decke zitterte der ganze Leib, wie eine Maschine, unter den Stößen seines Atems, so, als verarbeite er drinnen die Brocken eines steinharten Stoffes zu Schlaf.

Sehr widerlich ist mir immer Hilflosigkeit gewesen, die geistige freilich mehr als die leibliche, und dieser hatte lange an der einen gelitten und war nun auch der andern anheimgefallen.

Geächtete, er und ich? Wildes Verse aus der »Ballade« fielen mir ein:

For his mourners will be outcast men,
And outcasts always mourn.

Ja, auch ich hatte getrauert. Wenn es einen Unterschied zwischen ihm und mir gegeben hatte, so war es allein der, daß meine Furchtlosigkeit mich einschloß in Hoffart, mich schützte vor der Angst eines Gewissens, wie es in dieser hilflosen Masse hier schlug. Ich fühlte mich als Ausnahme – ich nahm mich aus; er als Ausgestoßener – Gott und die Welt stießen ihn aus. Und was ich nicht litt, litt für mich der Venediger.

Plötzlich geschah etwas sehr Schauriges. Der alte Mann erwachte und begann zu sterben. Im selben Nu sah ich es an seinem Auge. Angst brach heraus wie ein Dunst, er röchelte, sein Kopf schwankte vor- und rückwärts, und dann schrie er, mich grauenvoll anstarrend: »Josef! Josef! Was ist das? Es kommt! Es kommt! Jesus, Jesus, Barmherzigkeit, nicht so schnell, nicht so schnell!« Über seine Lippen quoll Schaum, seine Angst war so riesengroß, daß er immer noch Laute hervorbrachte, obwohl ihn der Tod schon zusammendrücken mußte wie eine Raupe; noch minutenlang wand sich seine Seele, sein Auge beschlug sich blauweiß, endlich verstummte er, es gab einen harten Zuck. Dann war Frieden.

Wunderliche und elende Geschwindigkeit, mit der ein so langes und volles Leben plötzlich ein Ende nimmt! Keine Minute hatte er gebraucht, so war alles erledigt.

Es geht nun auf Morgen. Zwei Uhr vorüber; die Sonne im Juli kommt früh. Ich saß bei ihm und schrieb seine letzte Stunde mit dem zusammengepreßten Inhalt seines Lebens auf. Der Hauch des Todes, den ich so viele Gesichter glätten und sänftigen sah – obgleich er über die Verzerrungen dieses keine Macht hatte, brachte doch immerhin einen Schein von Beruhigung und Ordnung zustande. Nicht eben friedfertig, aber irgendwie befriedigt sieht er jetzt aus. Und durch den Spalt des einen, nicht gänzlich geschlossenen Lides dringt ein Schimmer, der eine Gewißheit anzudeuten scheint; Gewißheit, daß in jenem Augenblick keine neue Verdammnis begann, sondern ein Abschluß kam.

Nun wird, du trüber Gestorbener, die Sonne, wenn sie kommt, dich nicht anders bescheinen und erwärmen wie Stein und Erde. Damit dies nun einmal geschehe, leben wir alle. Fruchtbare und Unfruchtbare, durch Sonne und Gewitter gerissen, fallen wir endlich beruhigt der allgemeinen Verwitterung anheim, und die große Fruchtbarkeit nimmt uns auf.

 

2

Ich, Li, kann nicht umhin, bevor ich die nun kommenden letzten Aufzeichnungen von der Hand meines Herrn anschließe, den Versuch einer Beschreibung seines Wesens und Zustandes in der Stunde, wo er sie schrieb, voranzuschicken.

Es war, wie ich erklären muß, zum erstenmal, daß er mich nach Zweibrücken mitgenommen hatte. (Wie es scheint, war das Schloß, in früheren Jahren mit Dienerschaft reichlich bevölkert, mit der zunehmenden Unbeweglichkeit des Besitzers und wohl auch infolge veränderter Vermögensverhältnisse, jetzt ganz entblößt, mit Ausnahme der wenigen Bediensteten, die Seine Erlaucht für die eigene Person benötigte.) Mein Herr Baron selber wies mir ein Zimmer neben dem seinen an – welches offensichtlich zu einem solchen Zweck niemals gedient hatte – mit dem Bemerken, es sei schon gleich, wo ich unterkäme.

In jener Nacht nun war es um Sonnenaufgang, daß ich von einem polternden Geräusch erwachte. Durch die angelehnte Tür konnte ich den gnädigen Herrn sein Zimmer betreten hören, auf eine Weise jedoch, daß ich ihn für trunken hätte halten müssen, wenn nicht eine derartige Annahme der lange und gut mir bekannten Lebensweise meines Herrn zu sehr widersprochen hätte. Ich hörte das Scharren und Stürzen beiseitegestoßener Möbel; dann den schweren Fall seines Körpers über das Bett hin; darauf Stille.

Er lag, als ich nach ihm zu sehen wagte, angekleidet über das Bett hingeworfen, halb auf dem Gesicht; ich sah, daß er in Pausen auf schreckliche Weise zitterte; dann, daß sein Gesicht und seine Hände feucht waren von Schweiß, daß sein Hemdkragen zerknittert und aufgeweicht war. Als ich ihn anrührte, drehte er sich auf den Rücken herum, schien aber meine Fragen nicht gehört zu haben. Die zerstörte Hälfte seines Gesichts zeigte sich unter der künstlichen, die sich verschoben hatte; um sie abzunehmen, mußte ich mich über ihn beugen, und obwohl er offenen Auges nach oben starrte, schien er auch dies nicht zu bemerken. Erst nach langer Zeit, als ich wiederum eine Frage zu äußern wagte, hörte ich ihn, mühsam wie es schien, die zwei Worte: »Allein lassen!« hervorbringen. So mußte ich bangen Herzens wohl oder übel in mein Zimmer zurückkehren, wo ich mich seufzend ausstreckte, um das völlige Tagwerden zu erwarten.

Trotz der Verwirrung meiner Gedanken muß der Rest des plötzlich abgebrochenen Schlafes noch einmal Gewalt über meine Sinne bekommen haben. Ich erwachte mit einem Ruck, geblendet vom hellen Glanz der schräge durchs Fenster fallenden Morgensonne, die – unsre Zimmer lagen im zweiten Stock – noch von unten ihre Strahlen heraufschickte. Das erste, was ich dann sah, war mein gnädiger Herr selber, der auf einem Stuhl in der Nähe des Fensters, diesem zugewandt, saß. Er trug jetzt einen Schlafanzug von gelblicher Rohseide. Seine Haltung – das linke Knie über dem rechten, vorgeschoben im Sitz, die Arme untergeschlagen – hatte, in wunderbarem Gegensatz zu dem Zustand, in dem ich ihn vor wenig mehr als einer Stunde fand, nun etwas so – wie sage ich nur? – so Gestilltes –, und die Art, mit der ich sein schönes heiles Auge nach oben gerichtet sah, etwas an ihm mir so unbekannt Sanftes, ja Geläutertes – wohinzu ja auch der heilige Morgenglanz kam, von dem umflossen er dasaß, ohne es zu wissen –, daß ich aufs tiefste davon erschüttert wurde und mich, ganz im Anschaun seiner befangen, kaum zu bewegen getraute. Um so mehr überraschte es mich dann, als sein Mund und seine Augen auf unbeschreibliche Weise zu lächeln begannen und er, ohne den Kopf nach mir zu bewegen, sagte: »Nun, Li, gut geschlafen?« Ich stammelte eine Bejahung, unwissend, ob er von mir gesehn sein wollte eine Stunde zuvor oder nicht. Er sagte nach einer Weile:

»Unser Aufenthalt hier ist verkürzt worden, mein Freund – Erlaucht ist in dieser Nacht gestorben, und leider verlangt mein Inkognito, daß ich verschwinde.« Er stand auf. »Das wollte ich dir nur sagen. Habe die Güte, nun für etwas Frühstück zu sorgen.« Er stand über mir, der ich mich aufgesetzt hatte, das halbe Gesicht von der schwarzen Kapuze verhüllt, und lächelte auf mich hernieder, wiederum mit einem sich nicht beschreiben lassenden Ausdruck von Milde, Gestilltheit und – Brüderlichkeit möchte ich es nennen, daß ich die Augen senkte und nun das Gefühl hatte, die Sonne legte mir eine Hand wärmend und segnend auf den Scheitel, wie ich es einmal auf dem Reliefbild eines ägyptischen Königs gesehn hatte. Sein Lächeln, und nicht nur dies, auch seine Worte vorher – oder nicht die Worte, die ja so schlicht und belanglos waren, sondern der Ausdruck, mit dem er gesprochen hatte – und freilich auch das Wort »mein Freund«, mit dem er mich gleichsam an sich zog: all das durchrieselte mich auf so geheimnisvolle, so unbegreifliche Weise, daß ich, kaum daß er aus dem Zimmer war, heftig in Tränen ausbrechen mußte, und ich weinte lange, ohne zu ahnen, warum.

Eine halbe Stunde danach mit dem Frühstück bei ihm eintretend, fand ich ihn mit Schreiben beschäftigt. Trotzdem nickte er mir zu und hieß mich das Frühstück neben ihn setzen, aber es verging eine Stunde, bis ich in meinem Zimmer nebenan das erste Klirren des Löffels hörte.

Gegen Mittag empfing ich von ihm den Auftrag, den Koffer zu packen, mich mit ihm zur Bahnstation zu begeben und nach A. zu fahren. Er selber würde zu Fuß gehn und wahrscheinlich noch vor mir wieder zu Hause sein. So geschah es auch.

Und hier ist nun das, was, wie ich später sah, er an jenem Morgen schrieb.

 

Als ich die Kerzen gelöscht hatte, war es noch ganz dunkel; die Masse des Toten in seinem Stuhl war für Augenblicke verschwunden, bis sich mein Sehvermögen gewöhnt hatte und seine, wie die Umrisse der Gegenstände umher, wieder dämmrig erschienen. Die eingeschlossene Luft im Saal war dumpfig und sehr warm, und da die alles Ungeziefer aus der Nacht herbeilockenden Flammen nicht mehr brannten, öffnete ich nacheinander alle fünf Fenster, indem ich dachte, daß der aus dem Körper entwichenen Seele ein Ausgang ins Freie verschafft werden müßte. Am Himmel funkelten noch die Sterne. Tief im Osten über dem Walde sah ich einen weißlichen Streif; groß und blitzend darüber stand der Morgenstern, sehr einsam.

So klar und frisch aber die Kühle der Vormorgenstunde hereinschauerte, fand ich mich mehr fröstelnd als erquickt. Ungeduld, Überdruß und mehr, ein Gefühl von Unerträglichkeit ging zuckend in meinem Hirn um. Gedanken, deren Keime lange in mir gelegen hatten, waren unter der magischen Glutwirkung dieses Todes und der Stunde davor mit ihrem qualvollen Gehalt an Lebensverstricktheit und Unsalen plötzlich zu langen Schößlingen hochgewuchert, die mich mit Polypenarmen umschlangen. Durch neunzig Jahre, dachte ich, eine [Hydra] von Peinigungen schleppen, sich selber aus einem Tag in den andern wie von einer Folterkammer in die andre – so wie der da, dessen Seele nun aufächzend aus den spanischen Stiefeln stieg? Für nichts leben, immer leben, nur weil Leben vorhanden ist, dem Brennen immer des gleichen Gestirns ausgesetzt? Einmal hatte ich doch mein Schicksal häuptlings getragen, König und Sklave, Last und Krone zugleich. Nun schien mir sie lange nach unten verrutscht, und ich schleppte sie am Bein wie seine Kettenkugel der Sträfling. – Und ich geriet in einen erhitzten Wirrwarr von Einbildungen und Vorstellungen, die fieberhaft, traumhaft wurden mit der Leibhaftigkeit des Geträumten. Des Toten Galeere, seine Flamingos und Kraniche erschienen mir, ich selber mir als nackter Knabe, dem Staub und Sonne der Fahrten die rosig glänzende Ölung der Unschuld noch nicht von den Gliedern gezehrt hatte. Der Alte, wieder lebendig, rollte über die Terrasse hin. Für seine Verwandtschaft mit ihm zeigte er mir die noch unbedachten Belegfiguren, Bruder und Geliebte, die, wie er, den andern in mir verspürt hatten, den Feind, den Jettatore.

Und er lebte ja, lebte! Welcher Wahnsinn oder welcher Dämon hatte mich mit Lähmung geschlagen und nachlässig gemacht in der Verfolgung? Oder wars ein Gesetz gewesen, daß ich ihm unlöslich verbunden zu sein hatte? In plötzlichem Haßgefühl tastete ich nach der Waffe. Sie war da; ich hatte sie fünfzehn Jahre lang mechanisch beim Auskleiden aus der Tasche genommen, beim Ankleiden hineingesteckt, sie auch gebraucht dieses und jenes Mal, im ganzen Zeitraum vielleicht zweimal frisch geladen, und selbst dieser belanglose Umstand erhitzte mich so mit Überdruß, daß ich sie hervorzog und aus blöder Wutlust, daraus zu feuern, ihre Mündung auf die Umrisse des kopflosen Herkules im Dunkel richtete, der auf dem Brunnenbau stand, worauf ich die allergrößte Lust empfand, sie auf meine eigne Stirne zu setzen. Ich schien mir in tausend Stricken zu hängen. Und das seit ewig. Wenn einer, so war ich der Mensch, dessen körperliche und geistige Freiheit jedem andern als Unbegrenztheit erscheinen mußte, und so lange mir selber. Aber von außen her unbegrenzt meinetwegen, hatte ich in mir einen eisernen Rahmen von Begrenztheit, von Behinderung und Hilflosigkeit wie jeder schlechte Knecht, und brennend nach allen Seiten stand ich selber im Dunkel wie der flammentragende Leuchter; mein einziger Vorzug auch mein eigner Schatten; und der hatte sich losgemacht von mir und Leben gewonnen und Gestalt in der schwarzen Schattenhaftigkeit des Jettatore, dessen Behinderung bei jedem Schritt meine Füße umschlug.

Da erschien mir der alte Mann, dessen Leben ich verstört, dessen Gemüt sich umdunkelt hatte in der Stunde, in der ich vor zweieinhalb Jahren sein Haus verließ, seitdem er sprachlos, keinen mehr kennend, die Wanderung um die Sonnenuhr aufgenommen hatte, die meine Mutter begann, damals, als sie mich erwartete – und nun war ers, der auf mich wartete. Kahlhäuptig, weißbärtig, einen Anachoreten, wie ich ihn heimlich beobachtet hatte, sah ich ihn wandern; er hielt die Arme auf dem Rücken wie ein Gefesselter, sein Gesicht war seltsam rosig, die Stirne klar, aber er blickte nicht auf von der Bahn seines Umgangs. Fiele jedoch mein Schatten über seinen Weg, er würde ihn erkennen und aufschauen ... Und danach? Ein biblisches Bild ging mir auf: der verlorene Sohn hatte einen Bruder. Möglich jedoch, daß es genügte, wenn der alte Mann mich sah. Danach nahm das Schicksal seinen Lauf und ich in Brudersarmen ein besseres Ende als durch eigne Hand. Von diesen Vorstellungen aufgeregt, muß der seelische Wunsch, sie zu erleben, mich körperlich in Bewegung gesetzt haben. Ich erinnere mich dunkel einer Wanderung durch das schlafende Haus. Der Morgen graute, als ich auf der Terrasse stand im Kühlen der regungslosen Luft. Über mir flimmerten noch einige Sterne, klein und weißlich, vor dem Erlöschen. Schaudernd einmal rauschten die Parkbäume auf; ich sah die schwarzen Kronen der Kiefern im Umkreis des Teiches nacheinander in Bewegung geraten, die heftiger wurde, als ob sie gestört wären und sich erzürnt zuriefen; danach beruhigten sie sich langsam, ihr Gemurmel erstarb. Über den Himmel flog ein Glänzen. Über mir, wie ein Zauber, war auf einmal eine ganz rosige Wolke zu sehn. Es war hell geworden, ward heller mit jeder Minute; nur der Wald vor mir blieb noch in seinen Schatten gehüllt, ohne Bewegung.

Erst jetzt wurde ein schon lange unbewußt verspürter Petroleumgeruch merklich, von dem der leise Luftzug des Morgens ganze Wolken an mir vorübertrug. Und wie mir da die tiefe Stille des Sumpfbeckens zu meinen Füßen auffällig wird und ich mich erinnere, den früheren Chorgesang der Frösche in dieser Nacht nicht gehört zu haben, siehe da – im helleren Tageslicht schillern die grünen Flächen des Morastes nebst den Binsenwäldern überall von Petroleum! Ach, hier war ein riesiger Mord geschehn! Alles Ungeziefer dahin. Das letzte Lebenswerk des Alten, so schiens. Die Anregung dazu hatte zweifellos ich gegeben, als ich ihm einen Besuch im Sommer nur für den Fall in Aussicht stellte, daß er die teuflische Mückenplage abschaffe, wogegen er jedoch einwandte, daß dann auch alle seine Frösche zugrunde gehn würden, deren Gesang ihm in Sommernächten die einschläfernde Winterharmonika ersetzte. Da er aber mir gegenüber nichts davon hatte verlauten lassen, so sah das Ganze mir vielmehr nach einem plötzlichen Anfall von Mordlust aus. Für dies Jahr jedenfalls hatte er alles Lebendige vernichtet oder in die Flucht geschlagen.

Was? dachte ich, ein niedriger, gemeiner Racheakt für deine Pinguine – weiter nichts liegt hier vor! De mortuis nil nisi bene, sagt ich, aber es widerte mich plötzlich dermaßen an, der stinkende Morast sowohl wie seine Verbindung mit dem Gestorbenen, der, selber hilflos, mordete, was sich nicht helfen konnte, daß ich davonging, heiß, schläfrig und erregt, überzeugt, daß der Alte bloß aus unzüchtiger Mordgier gehandelt und der Prozedur grimassierend beigewohnt hatte. Und der wollte verwandt mit mir sein? Nein, beim Dämon, aber zum Venediger paßte es! War er selber nicht heraufgestiegen aus der wie der Sumpf hier stinkenden Lagune? Mir schwoll der Kamm. Das Haus hier steckte seit fünf Stunden voll mit Erscheinungen des Venedigers. Ich lief jetzt durch die Räume, als wäre ich hinter ihm her, dumpf kaum bemerkend, wie ich Türen auf Türen öffnete und wieder schloß. Es war wie ein Fieber. Das hallende Zuschlagen der Türen lag als hallender Lärm mir in den Ohren, als ich mit einemmal merkte, daß Stille war.

Mir ward bewußt, daß ich mich eine Weile schon um mich selbst gedreht hatte auf der Suche nach einem Ausgang; dazu, daß ich meine Pistole in der Hand hatte, was mich zuerst lachen, dann wütend, ja fast rasend machte gegen den Jettatore, gegen mich, gegen die ganze Welt. Der Raum, in dem ich stand, war halbdunkel; ein einziges Fenster saß oben in der Wand. Die Mauern waren getäfelt, dunkelbraun, keine Möbel vorhanden außer einem Diwan. Dann gewahrte ich an der Wand das lebensgroße Porträt einer halbnackten weiblichen Gestalt, in der mich zuerst eine Ähnlichkeit erschreckte und zugleich anwiderte. Aber das puppenhafte Gesicht dieser Phryne, in der ich augenscheinlich die Schwester des Grafen vor mir hatte, mit übergroßen Veilchenaugen, erinnerte mich nur durch die Haartracht, jene der vierziger Jahre, in der sie gemalt war, an jemand anders. Sie saß in einem Sofa oder einer Couchette, angekleidet, aber Schultern und dreiviertel Brust entblößt, einen aufgeschlagenen schwarzen Fächer, die Hand im Schoß, so an sich gedrückt, daß er alles unbedeckt ließ, was er bedecken zu sollen schien – und hierzu paßte bei aller Unschuldigkeit und Sanftmut der Ausdruck ihres Lächelns. So war ich ins Heiligtum des Toten geraten. Die Luft roch abgestanden, übel und alkoholisch. Ich starrte die Gemalte an, sie lächelte stärker, und mich befiel siedende Wut über der Erkenntnis, daß sie den Jettatore anlächelte, nicht mich.

Es hatte einen Ausgang zu geben, eine Tür im Getäfel, deren Mechanismus, wie bei all solchen Geheimtüren, leicht zu finden sein mußte. Aber das Halbdunkel und meine Erregung behinderten mich, ich tappte wie ein Urtier an den Wänden umher, mit dem Pistolenkolben pochend, um zu hören, wo es hohl klang, und endlich traf ich in einem Winkel des Raumes, nicht weit vom Fenster, einen Knopf in der geschnitzten Verzierung, der sich eindrücken ließ. Eine Tür rollt schnarrend auf, ich – stehe in meinem Treppenhaus.

Und gerade auf mich zu, dreißig Schritt gegenüber, stürzt der Jettatore, groß, deutlich, lebendig.

Bei meinem Dämon, ich wußte nicht, ob das er war oder ich! Ich wußte: ein Spiegel. Aber der im Spiegel war nicht ich. Verzerrt, gemein, sein Gesicht war es, so zum Rasen mich ekelnd, daß ich kopflos nach der Waffe suche, die ich in der Hand halte, doppelt in Wut, als ich das merke, und daß ich auf das riesige Ungeziefer drüben abdrücke, ein–, zwei–, dreimal und noch einmal.

Drüben krachte es und splitterte; drüben sah ich noch diesen andern, seltsam zerrissen, seine Waffe in der Hand wie ich – allein jetzt geschah das Namenlose.

Aus langen Glassplittern, die von allen Rändern des Spiegels her aufbrachen, stürzte einer; neigte sich eine vornübersinkende Gestalt, seine, nein – meine! meine Gestalt! Sein Kopf fiel nach vorn, er hing im Stürzen, sein Gesicht erhob sich sterbend, im schweren Todeskampf, brechende Augen, meine – meine Augen und mein Gesicht und mein Sterben ...

Und da brach es auf in mir, das Gewitter des wahnsinnigen Grauens. Da schlotterte ich an allen Gliedern, hing über so wie er, alles in mir zerriß und keuchte sich aus, und ich triefte, ich triefte von flüssigem Grauen, Eis und Feuer rann aus meinen Haaren, über meinen Leib, aus meinen Fingern herunter, und ich starrte hin, aufgelöst Leib und Seele in die rasende Wollust des Grausens, das mich schüttelte wie einen Sack! Und so ward es dunkel vor meinen Augen, ich fühlte die Ohnmacht bröckeln an meinen Knien, ich taumelte die Stufen hinunter, sah alles tanzen um mich her, die Nacht, meinen Schatten, das Geländer oben, und hinab, schlotternd nieder klatschte ich auf den Boden.

Da lag ich, und je mehr meiner Sinne ich wiederkehren fühlte, um so wütender durchtoste mich das Brausen der Betäubung. Tausend Bilder meines Lebens zuckten durch mein Gehirn, es rauschte mir im Gehör wie von Wäldern, meine Glieder flatterten und sprangen, mein Mund war mit Galle gefüllt, ich spie, ich lag mit der Schläfe auf den Dielen, angeschwemmt aus dem Ozean des Grauens, überspült noch von immer neuer Woge, ein Wrack, umdonnert und umzischt vom hinschwindenden Unwetter, das mich zerspalten hatte wie eine Nuß, und ich war hohl.

Langsam, langsam füllte ich mich wieder mit mir selber. Ich stand auf. Als ich zu gehen versuchte, war ich zum Greise gealtert und so schwach, daß ich wieder in die Knie sank und lange lag, auf die Hände gestützt, zum Aufstehn zu kraftlos, und wieder mich hinzulegen nur um einen Hauch nicht mehr schlaff genug. Merkend, daß meine Hände naß waren, hatte ich das Gefühl, in einer Blutlache zu knien, ja, mein ganzes Blut ausgeströmt zu haben in einem Nu. Wirklich war es am Boden feucht, und ich konnte nun erkennen, daß mein ganzer Körper in ein solches Gewitter von Schweiß ausgebrochen war, daß er an Knien und Ellbogen, Schenkeln, Achseln und am Rücken Unterzeug und Kleidung durchnäßt hatte, und ich troff.

Dann begann ich zu frieren, stand auf, und allen Willen zusammenraffend, klomm ich von Stufe zu Stufe – es schien mir eine Viertelstunde zu dauern – treppauf. Weiß nicht, weshalb. – Wieder stand ich dort oben wie vor hundert Jahren als Knabe, über der Tiefe hangend wie ein Seekranker, minutenlang ohne Kraft. Wenn man um dreißig Jahre altert in einer Minute – wie lange mag man brauchen, um zurückzukehren? Bin ich zurückgekehrt? Als ich so weit war, daß ich gehen konnte, wäre ich, in den Fußgelenken und Kniekehlen einknickend, ums Haar die Treppe hinuntergestürzt, mußte, ganz wie ein kleines Kind, auf jede Stufe die beiden Füße setzen, um nicht zu straucheln, und weiß nicht, wie lange Zeit verging, bis ich mein Zimmer erreicht hatte. Unausgekleidet fand ich mich auf meinem Bett wieder, als schon die aufgehende Sonne des Sommertages hell in die offenen Fenster zu mir hereinschien, der dalag sterbensmatt, unbegreiflich genesen, dankbar.

In jener halben Stunde Schlafs träumte mir folgendes:

Ich war wieder auf der Jagd durch das Haus, aber der Gejagte war ich. Ich hatte die erbärmliche Angst; etwas Unsichtbares verfolgte mich, und ich war wieder Knabe. Die Finsternis war vollkommen undurchdringlich. Ich mußte in jedem Raum lange nach der Tür suchen, spürte voll Grauen das Dasein und Näherkommen des Unsichtbaren im Raum, endlich hatte ich die Tür, allein anstatt auf das schnellste durchschlüpfen zu können, konnte ich mich nur ganz langsam bewegen, meine Füße waren gelähmt; endlich war ich doch hindurch, dann ließ die Tür sich nicht zuschlagen, und dies wiederholte sich endlos. Auf einmal stand ich am Fuß einer unsichtbaren Treppe, ertastete die Stufen im Finstern und begann sie hinaufzuklimmen, stöhnend, geladen mit Grausen, gelähmt in den Knien, in qualvoller Not, eilen zu müssen und nicht zu können.

Endlich stand ich oben und sah in eine dämmrige Tiefe hinunter. Es war aber nicht das Treppenhaus, sondern der Sumpf unter der Terrasse, was ich sah; ich befand mich gar nicht hoch über ihm und erkannte jetzt, daß er lebendig war von einem dichtverschlungenen Gewimmel großen Ungeziefers, armlangen Würmern, Tausendfüßern, Mauerasseln, riesigen Tintenfischen, die mit Stielaugen heraufglotzten und deren Arme sich überall durch das scheusälige Getümmel wanden, handgroße Unken, fußlange Krebse, alle schwarz und mit tausend Gliedern sich umschlingend und bewegend, überwölkt von dem grauenhaftesten Leichengestank, da sie alle lebendig schon im Verwesen waren, während ich mit wüsterem Grausen spürte, daß eine Riesengewalt auf meinem Nacken lag, die mich in diese Hölle hinabdrücken wollte.

(Wie es scheint, habe ich in diesem noch vom eben zuvor in Wirklichkeit erlebten Schrecken entzündeten Traum einige unvollkommen gebliebene Erlebnisse meiner Kindheit nachgeholt und ergänzt. Die Wanderung des Fünfjährigen durch das Haus ist mir noch gut in Erinnerung. Und was den Ungeziefersumpf angeht – dessen Erscheinung natürlich der unmittelbar vorangehenden Wirklichkeit entstammte –, so fällt mir etwas ein, vor dem mich als Knaben einmal der Ekel fast bis zum Grauen geschüttelt hatte – nämlich ein Einmacheglas, dessen Boden zwei Zoll hoch bedeckt war mit einer halb verwesten Schicht nackter Regenwürmer, von Erasmus für sein Terrarium gesammelt, der in seiner Gedankenschwere nicht bedacht hatte, was für ein Brei von wimmelnder Fäulnis nach ein paar Tagen daraus werden mußte. Ich kann heute wieder den Schauder empfinden, mit dem ich mich abwenden mußte unter dem üblichen Gedankenzwang, ich müßte in den gräßlich stinkenden Modder hineingreifen.)

Hiernach hat mein Traum eine Lücke für mein Gedächtnis. Wie es scheint, bin ich der Gewalt, die mich in den Morast hineinzwingen wollte, doch entronnen, wurde aber nun durch den Parkwald verfolgt wie zuvor durch das Haus, und dies war so, daß ich immer wieder gegen die Lichtung mit dem Leichensumpf getrieben wurde, bis ich mit plötzlicher Erleichterung erkannte, es war gar nicht jene, sondern eine andre, unbekannte Lichtung, kleiner und mit einem Waldboden, umgeben von schwarzen Tannen oder Eiben, die zum Teil weißgrünlich gefleckt waren vom Licht eines unsichtbaren Mondes. Mitten auf dem Platz war ein Mann mit Graben beschäftigt. Ich trat hin, um zu sehn, wer er wäre, legte ihm eine Hand auf die Schulter, er richtete sich plötzlich auf, es war mein Bruder. Er sah mich an, ohne mich zu erkennen. Ich flüsterte: »Was machst du denn?« – Er schüttelte nur traurig den Kopf und sah nach etwas mir gegenüber. Mit Entsetzen erkannte ich da mich selber, der am Stamm eines riesigen Baumes lehnte, oder vielmehr so vornüber zusammengesunken war, wie – niemand an einem Baum lehnen kann, wie ich aber den Venediger aus dem Spiegel hatte hangen sehn, und nun wußte ich auch, daß er es war, und daß er tot war. Der Erasmus grub ihm das Grab. Er war, als ich mich nach ihm umdrehte, schon in der Erde verschwunden, und ich sah nur seine Schaufel in regelmäßigen Pausen über dem Wall aufgeworfener Erde erscheinen. Das Taktmäßige der dunklen Bewegung im Dunkel hatte etwas grauenerregend Unerbittliches für mich, ich mußte mir Mühe geben, mich zu freuen, daß dem Jettatore das Grab gemacht wurde, und da stand ich neben ihm, bemüht, seinen Kopf hochzuheben, der wie von Eisen war. Als ich ihn hoch bekam, zeigte sich mir das Gesicht des toten Grafen, verschmitzt lachend mit einem Auge, obwohl er tot war, und ich ließ den Kopf wieder fallen.

Der Traum endete damit, daß zu Häupten des Grabes Renate stand und mich hilflos und heftig weinend so anblickte, daß ich wußte: sie sah nicht mich, und sie weinte über den, der im Grabe lag – was mir dann ein so jähes, so brennendes und auf keine Weise zu äußerndes Wonneempfinden erregte, daß ich nichts tun konnte als zu erwachen.

Daß Träume nicht für die Zukunft, sondern nur aus der Vergangenheit deutbar sind, weiß ich, und weiß auch, welche Verschlingung wirklicher Wünsche und Hoffnungen dieser Traum darstellte. (Der lange ersehnte Tod des Venedigers – das Grab; meine Hoffnung, Renate dadurch gefällig zu werden; mein Wunsch, ihr mehr zu bedeuten – ihre Tränen; meine geheime Furcht vor dem Erasmus, vermischt mit der Vorstellung, daß sein Haß nicht mir, sondern meinem Doppelgänger galt; all das ist klar.) Woraus aber entsteht unsre Zukunft? Aus Gegenwart und Vergangenheit, in denen sie also schon enthalten sein muß, so gut im befruchteten Ei der ganze Mensch enthalten ist, Dasein, Wesen und Schicksal bis an den Tod. Und so, als ich, erwacht auf dem Bett liegend, mir den Traum wiederholte, hatte ich recht, ihn für eine Bürgschaft meines sonst unbegreiflichen Gefühles von Frieden und Sänftigung zu halten, das mich wunderbar erfüllte. Nicht daß ich in die Zukunft gespäht und Bestimmtes darin zu sehen geglaubt hätte; vielmehr lag in jener Richtung nur ein sanft blendender Sonnendunst; aber mir war kräftig bewußt, daß ich, was es auch dort sein möge, ihm heiter und entschlossen entgegengehn würde.

 

Und so ist mir nun!

Gewaschen, umgekleidet und mittlerweil hungrig geworden, gedachte ich den Li für Frühstück sorgen zu lassen. Er schlief. Ich trat an sein Bett, wo er eigentümlicherweise nicht zugedeckt lag, sondern oben auf seiner Decke. Und wie lag er? Mir zugewandt auf der Seite, zusammengekrümmt, die Hände flach gegeneinander und zwischen die Knie gelegt, und der Kopf war ihm so tief und schwer gegen die Brust gesunken, daß er der Figur eines Embryos glich auf ein Haar. Ich bückte mich, um seine Züge zu sehen, und als ich da unter der brauenlosen Stirn die runzligen Liddeckel erkannte und den schlafenden Ausdruck von Alter und Grämlichkeit, glich er nun ganz einem jener noch ungeborenen Geschöpfe in der wärmsten der Grotten, schwimmend in der leise vom flutenden Herzschlag geschaukelten Welle des heiligen Sees, aus dem er die goldene Nahrung saugt mit dem ganzen, schlummernd atmenden Leib.

Wie konnt ich da die Augen nicht abwenden von dem Schutzlosen? Heilige Götter, welch niemals gekannte Empfindung! Da lag vor mir die ganze Natur, und ich verstand ihre zarte Bedürftigkeit, die sich nächtlich zusammenrollt unterm riesigen Herzschlag des Sphärengewölbs, unendlich vertrauend, Atem ziehend und Speise von Stern zu Stern, Schlummer saugend und Trunk aus der göttlichen Stille; sich stillend mit unendlichem Glauben aus dem Unbekannten.

Dies verstand ich.

Dann war ich am Fenster und hob meine magisch gewordene Seele entgegen dem großen Gestirn. Über dem Dunst der unendlichen Ebene stand es, ein scharfer Gott, umbrodelt vom sausend geschwungenen Feuerkranz, und machte von Augenblick zu Augenblick und von Jahrtausend zu Jahrtausend die goldene Sichtbarkeit der Erde. Mir zu Füßen Wiesen heiliger Sanftmut, große Baumgruppen tragend, flossen talab zu den Ufern der dunklen, bläulichen Gracht. Jenseits war alles grün; ruhten Dörfer, Wälder, wandelten in ihrer Stille die Rinder des Tieflands, abgewandt grasend von der Sonne, ihren Schatten voraus.

Heiliges Morgenland! Nun wieder, da dich der goldene Fittich erhob, dich hinzuschweben ausgebreitet mit Ortschaft, Auen und Seen durch die sausenden Räume der Winde, richtest du dich auf, helläugig, weiblich; das Siegel der Fruchtbarkeit glänzt zwischen deinen Brauen, lächelnde Hoffnungen stützen die Winkel des ernsthaft schweigenden Mundes, Vögel des Sommers wiegen sich auf deinem süßeren Atem entzückt; wer dich anschaut, dem erfüllst du die Seele mit Sicherheit, und das ergriffene Herz stillsteht dem Kühnen.

Ich meinte das Grauen und wußte von je:

Grauen der Seele ist in allem Irdischen der Kern. Vom letzten Wurm auf Erden bis zum Heiligen: alles was wahrhaft Leben hat, ist gewachsen und genährt mit dem heiligen Grauen. Diese Urangst, sie schuf zuerst die Dämonen; und sie schuf hernach den Gott. Sie war es, die beide erfand: den dräuenden Dämon im Finstern und den tröstenden Gott in dem Licht. Ewig furchtsam die Seele schauderte süß an dem Göttlichen. Nie verlernen ließ sich die Furcht, auch der Gott behielt den heiligen Mantel des Grauens. Furcht ist die Quelle des gemeinsamen Lebens. Furcht wohnt in allem. Leiden ist Furcht vor dem Leiden, Schmerz ist Furcht vor dem Schmerz, Leben Furcht vor dem Tod; alle Furcht ist Angst, überwältigt zu werden vom Unbegreiflichen. Alles, was uns positiv scheint, Hoffnung, Glauben, Liebe sind nur die Negative jenes uns negativ Scheinenden, das in Wahrheit das einzig Positive ist: das Unbekannte. Seine Formen sind tausend. Alles, was Leiden ist.

Ich wußte nicht, was Leiden ist. Das verschloß mir das Leben. Leben mit den andern, das ist: sich fürchten können in der Furcht der andern.

Und auch im Leiden also wohnt das Grauen; wenn es nämlich so groß ist, daß es Gott erreicht, daß er mit leiden muß in diesem Leid, daß er sich selber einmal sieht in seiner furchtbaren Entstellung; und dann – ich denke es mir so – wirkt er die Erlösung.

Erlösung, bei Gott! Ich hab sie gefühlt!

Nicht als ich im Treppenhaus stand und schlotterte – doch das war der Beginn. Auch nicht, als ich im Treppenhaus am Boden lag wie ein Sterbender, trunken von Mattigkeit. Sondern Stunden nachher, als ich überm erwachenden Morgen am Fenster saß, da war mir das ganze Dasein versüßt von meiner Seele.

Unerschrocken zu sein – welche Kunst wäre das für den, der das Grauen nicht kennt? Und ich war nur ein plumper Narr. Jetzt kenne ich es; jetzt wird es eine Kunst sein, das Gelernte auch zu bewähren.

Mir war fröhlich zumut, und Verse, die mir, so wenig ich sie verstand, immer lieblich geklungen hatten, fielen mir ein und waren verständlich:

Aber indes ich hinauf in die dämmernde Ferne mich sehne,
Wo du fremde Gestad' umfängst mit der bläulichen Woge,
Kommst du säuselnd herab von des Fruchtbaums blühenden Wipfeln,
Vater Äther! Und sänftigest selbst das bebende Herz mir,
Und ich lebe nun gern, wie zuvor, mit den Blumen der Erde.

Ende

 

Nachschrift

Hier brechen die Aufzeichnungen meines armen gnädigen Herrn ab. Zwei volle Tage hatte ich ihn noch, Tage, die ich niemals werde beschreiben können, so selig waren sie, gefärbt und vergoldet durch die wahrhaft göttliche Heiterkeit seines Wesens, die er gegen das gnädige Fräulein und mich und die wenigen andern, die ihn sahen, bewies, und die ich als Zeugen aufrufe. Nie glitzerte so sein Geist in Tänzen der Wortspiele und Scherze, nie – aber wozu den unwiederbringlichen Glanz entstellen durch tauben Dunst armseliger Aufzählungen! Er ist hin. Alles liegt in dem Wort. Gegen zehn Uhr in der Nacht nach dem zweiten Tage verließ er das Haus mit zwei treuen Freunden zu einem abenteuerlichen Anschlag halb ernster, halb scherzhafter Art, vermummt und mit einem Scherzwort. Wir sahn ihn nicht mehr. Nach vier Tagen der unendlichen Peinigung des Wartens gelang es mir, diejenige Person zu sprechen, die – mit einer andern – allein um sein Ende wußte, und von der ich erfuhr, was ich zu wissen begehrte. Ehrfürchtige Rücksicht verlangt von mir, daß ich schweige. Schweige von den Umständen seines Endes – aber dies darf ich sagen: daß er, der Furchtlose, den Tod mit so vollkommener Unerschrockenheit erlitt, wie er gelebt hatte.

Ich habe nichts mehr hinzuzufügen als dies:

Vier oder fünf Tage später – des genauen Datums kann ich mich nicht mehr erinnern, da ich in meiner Schmerzensnot kaum etwas wahrnahm – erhielt ich von unbekannter Hand unter Kreuzband das Hauptblatt einer in Venedig erscheinenden Zeitung mit dem folgenden, blau angestrichenen Artikel im lokalen Teil:

 

Wahnsinn oder Selbstmord?

Nicht nur den Einwohnern unserer Stadt wird der Name Giuseppe del M. bekannt sein als der des berüchtigten Jettatore. Nachdem wir unsern Lesern erst vor kurzem mitteilen konnten, daß er nach jahrelanger Abwesenheit auf Reisen wiederum im alten Palazzo Dandolo an der Riva, jetzigem Grand Hotel Royal, Wohnung genommen habe, erfahren wir nun von seinem plötzlichen und schrecklichen Ende. Gestern, mitten in der Nacht zwischen zwei und drei Uhr wurden späte Passanten der Riva von dem plötzlichen Splittern und Brechen eines Fensterglases erschreckt, und es folgte der Sturz eines menschlichen Körpers auf das Pflaster. Man eilte hinzu, man erkannte in dem Zerschmetterten – er war im Augenblick tot – Herrn Giuseppe del M. Er hatte sich durch die Scheiben des Fensters hinausgestürzt. Es dürfte bekannt sein, daß der Verstorbene ein wüstes und ausschweifendes Leben führte. War es Selbsterkenntnis, ein Anfall unüberwindlicher Schwermut, der ihn dies schauerliche Ende nehmen ließ? Zahllos waren die Opfer seiner unheilvollen Eigenschaft, des böses Blicks, die sich nun gerächt fühlen mögen. Ein Unglücklicher, den zu verdammen wir nicht das Recht haben nach einem solchen Ende.


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