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Carlos Pasada

Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, so weit er kann,
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.

Hebbel

 

Aus dem Tagebuch

Aus dem letzten Jahre meiner Schulzeit erinnere ich mich des folgenden kleinen Vorgangs:

Ich hatte Besuch von einem Freunde, als ein andrer Mitschüler, Pensionär im Hause des ersten, hereintrat, dessen Handbekleidung – damals modische gestrickte weiße Handschuh – uns durch ihre tadellose Neuheit sofort auffiel, und mein Freund, noch ehe der andere den Mund geöffnet, schoß das unter uns damals im Schwange befindliche Witzwort gegen ihn ab: »Ich gratuliere!« – Der andere sah still auf und fragte: »Wozu?« – »Na, zu deinen Handschuhen!« – »So ...« Er schwieg zwei Sekunden und sagte: »Ich wollte dich bitten, mir zehn Mark zu leihen. Ich bekam ein Telegramm, mein Vater ist plötzlich gestorben.« –

Und noch erinnere ich mich, daß mein Freund, in Wirklichkeit ein feiner Mensch, über seine tiefe Bestürzung im damaligen Augenblick hinaus, bei späteren Begegnungen mit mir jedesmal zuerst auf jenen Vorgang zurückkam, an den er durch mich erinnert wurde, jene Gedankenlosigkeit, von der ich ihn mehr als einmal sagen hörte, daß ihn, so unscheinbar sie aussehe, gerade an dieser Sache der Gedanke quäle, daß er sie niemals und mit nichts im ganzen Leben wieder gutmachen könne.

Daran wurde ich heute erinnert, wo ich es mir erzwang, die Schuld einer Gedankenlosigkeit noch aufzuheben, zu einer Zeit, wo es jedem andern zu spät erschienen wäre. Ich fühle mich um so eher verlockt, den Vorgang festzuhalten, als ich, wenn ich dies tue, das Bild eines oder zweier Menschen diesen Blättern einverleibe, deren ein wenig dünne oder allzu sachte Erscheinung in einem sonst lärmvollen Leben wie dem meinen bald erlöschen dürfte.

Professor Doktor Carl Pasada. Ich will ihn beschreiben, den einzigen von meinen Lehrern, mit dem ich auch nach dem Verlassen des Gymnasiums diesen zwar losen, aber dauernden Zusammenhang behielt bis zu seinem vorgestern erfolgten Tode.

Ihn beschreiben? Leichter als sein Wesen sein Äußeres, das ich durch zwölf Jahre meiner Schulzeit, wo ich ihn von Ansehn gleich im Anfang kennenlernte, fast unverändert gekannt habe, und ich glaube, er wird auch zwanzig Jahre früher kaum anders ausgesehn haben. Bei seinem Tode war er fünfundsiebzig Jahre alt, davon bereits acht im Ruhestand gewesen. Sein Großvater war noch Spanier, er selber, noch Carlos getauft, nannte sich zwar nun Carl, hieß unter uns Schülern aber mit Spitznamen »Carlos«, seltener auch wohl »das Haupt«.

Er war so klein, daß man ihn beim ersten Sehen für verwachsen halten mochte, und Mißwachs war es auch wohl, der seinem Körper diese rundliche und zierliche Kleinheit gegeben und darauf das mächtige Haupt gesetzt hatte. Wenn dieses sie hob, wurde sie wiederum beeinträchtigt dadurch, daß sein linkes Bein so verkürzt war, daß er nur am Stock gehn und nur mit der Fußspitze auftreten konnte. Und wiederum wurde sein Gesicht entstellt oder, besser, undeutlich gemacht durch ein schwarzes Glas in der Brille, mit dem er den Verlust eines Auges – durch Unachtsamkeit eines Spielkameraden schon früh – verdeckte. Das andre habe ich aus den ersten Schuljahren noch in Erinnerung als schönen, majestätischen Stern von wahrhaft himmelblauem Leuchten; später ließ Überanstrengung es starr werden und hervorquellen. – Über einem büschelig hängenden Schnurrbart von gelblichem Weiß krümmte sich eine cäsarische Nase; von hohem Adel und einer alpinen Klarheit war die schön gebogene Wölbung der Stirn, die eins war mit dem kahlen Schädel; von den Schläfen um den Hinterkopf zog sich ein dünner Kranz weißer, unten gelockter Strähnen; die rundliche Zierlichkeit seines Leibes kleidete er stets mit Sorgfalt unveränderlich in dunkelblaues Tuch. Sehr klein und rund, von festem Fleisch waren seine Hände. Noch höre ich den leicht singend sonoren, innerlich dröhnenden Klang seiner Stimme, fein in gewählter Wendung: »Sie, Montfort, haben sich nicht präpariert, darum nehme ich Sie dran; wenn Sie sich einmal präpariert haben werden, dann werde ich Sie nicht drannehmen.«

Man sollte meinen, daß an einem solchen menschlichen Gebäude eine Kuppel wie die seines Hauptes alles gelten und bedeuten müsse, wie gemeinhin am Menschen der Kopf das allein Wichtige und Gültige scheint – und so empfanden auch wohl wir, seine Schüler, wenn die ehrfurchtgebietende Größe des seinen uns bewog, ihn danach zu benennen, anstatt nach seinem Leibeswuchs vielleicht »den Zwerg«. Doch fand ich nicht selten die sonderlichste und beste Form von Kopf oder Zügen eines Menschen nicht als das Gefäß ähnlichen geistigen oder seelischen Inhalts, wenn der Körper, der es trug, irgendwie mißbeschaffen, ja nur zu klein war. Es gilt immer nur ganze Form, und Fehlerhaftigkeit eines einzigen Teils setzt auch die ganze herab.

So war er kein tiefer Denker oder nur Gelehrter, kein Pädagog von Seltenheit, kein Eigentümer seelischer Schätze, war, ein feiner, stiller, bedächtiger Mensch, auch von Charakter in keinem Betracht ungewöhnlich. Wenn er gütig schien, so war er es aus dem gleichen Grunde, aus dem ich selber von diesem oder jenem schlecht wägenden Kopf dafür gehalten worden bin, nämlich aus Verächtlichkeit gegenüber dem Kleinlichen, aus Hochmut also eher als aus Gerechtigkeit, welcher Wesenszug ihn zum Beispiel bei seinen Schülern manche Unart und freies Wesen, Schwatzen und Lachen im Unterricht, Vorsagen und dergleichen so lange übersehen ließ, bis er dadurch im Vortrag gestört wurde. Andrerseits wurde er leicht ungeduldig, war kaum sehr gerecht, liebte wohl den Lehrgegenstand, aber nicht den Unterricht, und am wenigsten den zu Belehrenden, wenn er in ihm keine Teilnahme verspürte, so daß er sich in den Stunden – er lehrte in den Primen Französisch und deutsche Literatur – zumal im letzten Fache nur mit den geistig Regsamen und auch seelisch vom Stoff Angezogenen unter uns beschäftigte; war nicht selten mißgelaunt und dann »knörig«. Ihn beliebt zu machen genügte seine »Anständigkeit«, wie wir das nannten, das heißt eben diese Art, mit der er uns Primaner als »Männer« nahm und uns Freiheiten ließ, doch weiß ich, daß er von den geistig minder Begabten und auch in den unteren Klassen weniger geschätzt wurde. Lernen konnte nur, wer wollte, bei ihm. Auch seine große, immer mit Schwung und Feuer sich äußernde Liebe zu den Dichtern und zu anderen Künsten erhöhte nur die Neigung der ähnlich Gearteten, ohne ihm die der andern zu gewinnen, obgleich sie es anerkannten, denn Jungens sind sehr gerecht. Mich – den Beau, wie er mich nannte – zog er unverhohlen vor, und auch dies fand jeder von uns – mit dem echten Empfinden für Gerechtigkeit, die in Wahrheit nichts weniger zu wollen hat als Gleichheit für alle – verständlich. (Beiläufig: was anders ermöglicht allein jedem seine bürgerliche Existenz als das Geltendmachen und Geltungverlangen für eine einzige seiner Eigenschaften!) Gerne ließ er sich verleiten, zu erzählen – er hatte viel und einen sehr zarten Humor –, sei es von seinen Ferienreisen früherer Jahre nach Frankreich, Paris, woran den meisten unter uns mehr lag als an den Geheimnissen und architektonischen Schönheiten unbekannter Kleinstädte in Deutschland, wie Dinkelsbühl, Maulbronn, Nördlingen und andrer; sei es Anekdoten aus dem Leben großer Männer oder dem eignen. Den Zauber von Stadt, Landschaft, Jahreszeit und Stunde erstehen zu lassen, hatte er eine ganz magische Hand. – Es ging das Gerücht, er sei mit einer gewaltigen, wissenschaftlichen Arbeit insgeheim beschäftigt.

Er war ein guter Mensch, mit einem Wort: ein Mensch. Ein Mensch, der nach keinem Kanon sich eingestellt, geordnet und entfaltet hätte, sondern der, wie die meisten, getan hatte – soweit ers durfte –, was ihm gefiel; im Seinen sich eingerichtet, sein Pfund verbraucht hatte, ohne damit zu wuchern; ohne Sorgen, nicht ganz ohne Kümmernisse – seine Frau starb nach dreijähriger Ehe, was er nie ganz verschmerzte –; ein Mensch mit einem Unglück, einem Gebrechen – wie es jedem, sei es körperlich oder seelisch, angeboren ist –; der deshalb im besonderen Falle freilich, vom Gedränge des breiten Weges ausgeschlossen, zu viel Mühe beim Suchen und Innehalten des eignen schmalen Pfades aufbringen mußte, um sich bedeutend nach oben entfalten zu können. Der Mann im Gliede darf hinken, wenn er nur mitkommt, aber weder Trommler noch Fahnenträger.

Und irgendwie hierzu paßte seine schöne Tochter.

Gewiß, sie war schön; außergewöhnlich schön konnte sie erscheinen. Ihr großes Gesicht war von überaus zarter, weißer Hautfarbe, von Blut sanft immer gerötet, ein wenig zu weich, wie es auch die große Nase war und der fast blutigrote, schön geformte, zu große Mund mit lang ausgezogenen Winkeln; blauschwarz das Paar der Augen unter starken, rotblonden Brauen, die, über der Nasenwurzel ziemlich hoch beginnend, im festen Bogen zu den äußern Augenwinkeln herabgebeugt waren; das Haar, in vielen lockeren Flechten überm Nacken aufgesteckt, von jenem rauhen roten Blond mit goldnen Hauchen und weißlichen Streifen; und schön auch der Nacken in seiner Breite und edlen Neigung.

Damit hörte es dann auf; der Körper war – nicht eben plump, jedenfalls um etwas zu klein für den Kopf und jedenfalls ganz ohne Belang, ein Gestell und keine Form, und so wurde er von ihr gehandhabt.

Sie wußte nichts von ihm, wie sie auch von ihrer Schönheit, glaube ich, nie etwas gewußt hat.

Ihr Körper traute ihr keine Macht durch sie zu.

Als ich sie kennenlernte, war sie schon hoch in den Dreißigerjahren. Sie hatte Musik studiert – das Klavier –, aber die Pflege ihres Vaters verhinderte sie am Brauchen des Gelernten. Damit hätte ich sie dann wohl erschöpft, es sei denn, ich zählte auf, was sie nicht war oder hätte sein können. Sie war einfach, bescheiden, bereit über alles zu lachen, und vermutlich hat sie mich angebetet, wenn ich zugegen war, oder nicht einmal das. Menschen ihrer Art – die häufigsten – sind dermaßen befangen in sich selber, daß sie sich nicht einmal sehen können, wenn sie ganz entstellt sind, und die auch nicht zu leiden vermögen, einfach weil sie nicht imstande sind, ihr Leid zu sehn, wie es wirklich ist. Sie können sich nicht wichtig nehmen, sich daher nicht zur Geltung bringen und verlaufen in sich selber. Nur von außen kann sie etwas treffen, und aus diesem Grunde weiß ich, daß Pasadas Tochter in Wahrheit tief gelitten hat an ihrer Vereinsamung im väterlichen Hause und wohl an sich selbst, und als ich es erfuhr, kam mir der alte Vers ins Gedächtnis:

Die Seele, die in dir gelebt, wandert auf jenen Höhn,
Um dort, was sie gelitten hat, erst deutlich zu verstehn.

Und dies ist es wohl, was mir die Atmosphäre ihres Hauses dennoch so anziehend machte und mich zumindest zweimal in jedem Jahre bewog, es aufzusuchen; diese uralte Einbildung der Menschheit: »Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen ...« Daß man wahrzunehmen glaubt – so ich an ihnen –, was einer sein könnte, sein sollte vielleicht, und daß dies empfunden wird – als ein Glänzen sowohl, eine zarte Gloriole in der ausgestreckten Hand einer jenseitigen Zukunft – wie an einem Schatten, einer Umwölkung im Ahnen des Leides, das solchen Menschen das Bewußtsein oder Unbewußtsein ihrer Unvollkommenheit bereiten muß; und beides als vornehm und süß.

Was diese beiden Menschen für Umgang hatten, blieb mir unbekannt; bei meinen seltenen Besuchen fand ich sie stets allein, außer einmal im Anfang, als ich noch Schüler war, wo ich Pasadas Tochter am Klavier im Doppelspiel mit einem jungen Cellisten fand. Ob sie aber zu diesem oder je zu einem andern Manne in einer Herzensbeziehung gestanden hat, vermag ich nicht zu sagen.

Ihre Wohnung lag zu ebener Erde in einem kleinen Landhaus derselben Vorstadt, in der das Haus meines Vaters steht. Der kleine Garten dahinter war zu jeder Jahreszeit außer der winterlichen ein Stück Regenbogen von Blumen, zumal im Hochsommer, wenn die mächtigen, purpurblauen, weißen oder zinnoberroten Hügel des Flox dufteten, dazwischen die schwarzblauen Stauden des Rittersporn; ein schönes Bild blieb mir im Gedächtnis: Pasadas Tochter, die in einem mattblauen Kleid in den Lilienwald hineingetreten war und sich umsah.

Von den Zimmern sah ich bei meinen Besuchen stets nur eines, den sogenannten Saal, vierfenstrig und mit sehr niedriger, geweißter Decke, von den Büschen und Blumen draußen im Sommer mit einem grünen Schein erfüllt. Pasada liebte das dunkle Mahagoni, besonders in der Empireform, und mit solchen Möbeln war der Saal ausgestattet. Man betrat ihn durch eine Tür ziemlich in der Mitte der langen Wand gegenüber den Fenstern, und schien dann die Nachmittagssonne durch die Spalten der Vorhänge ins Kühle des stillen Raums und glänzte in der dunklen Umrahmung des Sofas zur Linken, in der Politur des Tisches, einem Stuhlbein, einem breiten Bildrahmen, so lag die Erinnerung an Bilder von Wilhelm Hammershöj nahe. Es gab Bücherregale, rechts in der Ecke einen schwarzen Stutzflügel, und vor den Fenstern, so daß noch ein Gang frei blieb, einen sehr langen Tisch auf Beinen, den Schreibtisch Pasadas mit einer Bücherreihe; zwischen den Fenstern eine Säule mit dem »Mädchen von Lille«, in der Pasada eine Ähnlichkeit mit seiner Frau fand; und überall Klingelzüge.

(Eben bemerke ich, daß ich die letzten Beschreibungen, auch das, was ich über Pasadas Tochter schrieb, in die Vergangenheitsform faßte, obwohl alles heute noch so ist und sie lebt. Doch bewirkte wohl sein Tod, daß es morgen nicht mehr so sein wird; und überhaupt scheint es eine Eigenschaft der Sterbenden, alles, was zu ihnen gehört, mit sich in die Vergangenheit zu nehmen, sogar viel von uns selbst. Wir sterben mit jedem Tod, der uns angeht.)

Klingelzüge, diese aus bunten Perlen gestickten Kunstwerke der Biedermeierzeit, waren Pasadas Liebhaberei und der Anlaß zu unserer Bekanntschaft. Ich trieb mich, aus eigner Neigung oder im Auftrage meines Vaters, viel in Antiquitätenläden herum und traf dort nicht selten Pasada, um einen Klingelzug feilschend. Als ich mir dann eines Tages das Vergnügen machte, ihm beinah ein sehr schönes Stück mit himmelblauem Perlgrund und weißen Lilienköpfen zu entreißen, lud er mich ein, seine Sammlung anzusehn. Diese Sammlung befand sich an allen Wänden der ganzen Wohnung: nachdem sie anfänglich, wie er erklärte, an den dazu passenden Stellen, neben Fenstern und Türen angebracht wurde, waren nun die dunkelblauen Tapeten bunt gestreift vom satt, sanft und feurigen Leuchten dieser Bänder voller Blumen aller Art, Arabesken und farbiger Vögel.

An jenem Nachmittag ereignete sich der kleine Vorfall, der, damals von unser keinem geahnt, die absonderliche Folge haben sollte, um deretwillen ich all dies heut aufschreibe.

Wie ich schon sagte, war ein junger Cellospieler anwesend. Nun spiele ich selber das Cello, als Autodidakt wie mehrere andre Instrumente, es war natürlich, das zu äußern, ebenso natürlich, daß die übrigen mich baten, etwas hören zu lassen; weil aber die daliegenden Noten uns zu nichts verhelfen konnten, da ich sie nicht lesen konnte, so machte ich Pasadas Tochter den Vorschlag, das erste Präludium aus dem »Wohltemperierten Klavier« zu spielen, wozu ich die Doppelgriffe auf den schweren Taktteilen mit dem Cello angeben würde.

So geschah es denn auch. Sie spielte auswendig wie ich und – zur besonderen Wirkung, wie sie scherzte, allein mit der linken Hand, mich unverhohlen anblickend beim Spielen und hier und da lächelnd, wenn ich doch immer wieder die richtigen Töne anstrich. Übrigens stand der kleine Flügel so, daß sie mit dem Rücken zu den Fenstern saß. Pasada selber hatte sich mit dem Bemerken, so höre er am liebsten zu, ins Nebenzimmer zur Linken entfernt, dessen Tür er offenstehn ließ. Gegen Ende des Stückes jedoch hörten wir ihn hereinkommen, und ich, der ich neben der Klaviatur saß in der Mitte des Zimmers, schräg gegen seine Tochter, sah in dem dunklen Glase des hohen Pfeilerspiegels – über Eck im Winkel neben dem äußersten Fenster zur Rechten – seine kleine Gestalt erscheinen und stehenbleiben, den mächtigen Kopf mit dem schwarzen Brillenglase nach den Fenstern hingewandt, ganz still. Wir begannen auf seiner Tochter begeistertes: Noch einmal! von vorn. Er äußerte dann mit seiner sonoren Stimme sein Wohlgefallen und lobte als besonders schön meinen Einfall, über den klaren Fluß der Sechzehntel immer wieder den dunklen Schatten der ruhigen Celloakkorde zu legen. Es gleiche, sagte er, dem versonnenen Griff einer dunklen, vergeblichen Hand in das klare, unveränderlich bleibende Rieseln. Er sei, setzte er feierlich und mit Rührung hinzu, auf unbekannte Weise dadurch an seine tote Frau erinnert worden. Bei meinen späteren Besuchen unterließ er nie, den Wunsch zu äußern, das Präludium noch einmal von seiner Tochter und mir zu hören, allein, da ich jedesmal auf einen plötzlichen Einfall hin dort erschien, vergaß ich das notwendige Instrument entweder, oder es war mir im letzten Augenblick zu lästig mitzuschleppen.

Gestern fand ich, von einer Reise zurückkehrend, seine Todesanzeige vor, die am selben Tage eingetroffen war, und fuhr noch am selben Nachmittag hinaus. Dem Verlangen, Tote zu sehn, habe ich noch heute nicht Widerstand zu leisten gelernt, solange ich nun schon weiß, daß ich niemals finden werde, was ich mir einbilde, daß ich niemals etwas andres fand als Abgelegtes, meist in der Form des Schlafs. Zwar ist es immerhin freundlich von der rastlos wieder aufbrechenden Seele, die alte Form zuvor zu ordnen und zu beruhigen und so den Verbleibenden auch Einkehr ihrer selbst in einen Ruhezustand vorzutäuschen, doch war es eben nie das, was ich suchte.

Auf dem Wege fiel mir ein, daß Pasada auch bei meinem letzten Besuch – einige Monate zuvor und eine Woche ungefähr vor meiner Abreise – bedauert hatte, daß er wieder nicht sein Präludium zu hören bekommen, und auf mein vertröstendes: Das nächste Mal aber sicher, Professor! – gescherzt hatte, ich müsse dann aber sorgen, daß ich vor seinem Tode zurückkehre –, schließlich noch auf einiges Gegenreden und Gelächter: »Das nächste Mal sicher! haben Sie auch als Primaner gedacht, wenn Sie nicht präpariert waren, aber dann nahm ich Sie nicht dran – sehen Sie, Josefo –«, so verschönte er sich meinen Namen ins Spanische – »wenn Sie gespielt hätten, hätten Sie meinen blauen Klingelzug bekommen!«

Sooft aber dergleichen uns begegnen mag im Leben – der Vorfall erschien mir doch bedeutender in der Erinnerung an die Dringlichkeit, mit der seine Tochter beim Abschied auf dem Flur mich gebeten hatte: »Kommen Sie doch noch einmal, ehe Sie reisen, tun Sies doch!« Ich versprach es und hatte es – wohl augenblicks – vergessen.

Pasadas Tochter, das alte Mädchen, nun fand ich sie ganz zusammengebrochen. Ohne sich überwinden zu können, ohne nur den Versuch zu machen, fuhr sie fort, wie ich sie fand im Sofa sitzend, Kopf und Arme auf dem Tisch, Ströme von Tränen zu vergießen. Ich stand schließlich auf und ging durch die offene Tür ins Nebenzimmer, aus dem Lichterschein kam, Pasadas Schlafzimmer, in dem ich ihn aufgebahrt fand, noch auf seinem Bett unter grünen Gewächsen und silberbeschlagenen Kandelabern, weiß zugedeckt, ein weißes Tuch überm Gesicht, so daß nur die gelbe Hand, die an seiner Seite lag, sichtbar war. Ich nahm das Tuch ab, er lag in Totenfriedlichkeit, hagerer, als ich ihn gekannt, in Todesentfremdung, tief im Schlaf.

Zurückkehrend fand ich seine Tochter ruhiger, und nach und nach kam sie mit ihrem doppelten Jammer heraus. Ihr eignes Ungemach: fast dreißig Jahre ihres Lebens hatte sie um diesen Toten gehängt als alltägliches Kleid, nie zu eigenen Festen getragen; noch zwanzig Jahre gut und gern ließ es sich tragen, wozu? Die zwanzig Jahre waren vor ihr wie eine große leere Lade, in die sich nichts räumen ließ als Andenken – und das Kleid; und was sie je unbewußt gelitten hatte, stürzte nun hervor, da das Unberechnete eintraf, die Freiheit, jedoch zu spät. Frei ward nur Schmerz und Reue, sie selber nicht.

Das andre war ein unvollendetes Werk ihres Vaters, – soviel ich aus ihren unvollkommenen Erklärungen verstehen konnte, eine statistische Arbeit über den Gebrauch der Worte bei einer großen Zahl von Dichtern, ein Werk also wohl von Bedeutung, aber eines von jenen, die mehr Fleiß erfordern als Kopf. Ihr Vater hatte es geheimgehalten, da mehrfache, schon vor vielen Jahren gemachte Versuche, die Wissenschaft zur Teilnahme anzuregen, fehlgeschlagen waren, wobei für ihn die seelische Enttäuschung besonders schwer deshalb wog, weil der riesenhafte Umfang der Arbeit mehr Hände verlangte, als er hatte, und kaum zu hoffen war, daß er vor seinem Lebensende fertig werden würde. Nur die Mußestunden innerhalb seines Berufes standen ihm zur Verfügung; seine Verhältnisse erlaubten ihm nicht, ihn aufzugeben.

Ja: sie war noch im Leben; aber vollenden würde sie sich so wenig, als er sich vollendet hatte.

Sie war schon gefaßter und stiller geworden; dann brach das Ganze noch einmal auf, indem sie, den Kopf in den Nacken legend, kindlich verzweifelt hervorstieß: »Ach, und sein Präludium hat er auch nicht mehr zu hören bekommen!« und zerschmolz.

Was sie sagte, war so kindlich und natürlich, daß es sich kaum belächeln ließ. Ich stand noch am Fenster, es war schon dunkel geworden, bereit zum Fortgehn, als ich merkte, daß mich das Präludium wurmte. Da erschien jener Schulkamerad mir im Gedächtnis – auch damals war ja ein Gestorbener beteiligt gewesen – und stach sein Gefühl vom Nicht-wieder-gutmachen-Können in mich hinein. An meiner Taschenuhr, deren Zifferblatt ich ins Licht hielt, merkte ich, was ich erwog. Ich zauderte. Eine Handlung ohne Sinn, einerseits, tröstlich andrerseits vielleicht für Pasadas Tochter. Zu meiner Wohnung hatte ich kaum fünf Minuten zu gehn, eine gerade so geringfügige Leistung, daß man geneigt ist, sie von sich wegzuschieben, und noch unschlüssig trat ich zu ihr und sagte: »Das Präludium können wir ja noch spielen, wenn Sie mögen.«

Es dauerte eine Weile, bis sie mit Schlucken und Schluchzen aufhörte; ich mußte – was bei derartigen, nur halbgemeinten Sätzen obendrein lästig ist, meine Frage wiederholen, sie brauchte einige Zeit, um zu verstehn, brachte dann unsicher und halb bewußt hervor: »Meinen Sie?« Ich nickte, bat sie zu warten, bis ich mit meinem Instrument zurück sei, und ging.

Zurückkommend fand ich sie noch im Dunkel, das nur vom Schein der unsichtbaren Lichter im Totenzimmer matt erhellt war. Während ich das Cello aus der Leinenkutte löste, sah ich sie suchend umherblicken, fragte, und sie murmelte: »Streichhölzer«. Ich gab ihr die meinen und fragte noch, als sie schon die Kerzen am Klavier entzündete: »Warum tun Sie das?« – Nun erst schien sie sich zu besinnen, daß wir ohne Noten spielen würden und kein Licht brauchten, worauf sie sich zu einem Lächeln aufraffte und meinte, es sei nun alles wie damals.

Also stellte ich auch meinen Stuhl und setzte mich wie damals, wir sahn uns an, und sie begann die reinen Perlen geruhig abrollen zu lassen, die ich in den gleichmäßigen Pausen mit sachtem Doppelgriff zusammenfaßte. Sie blickte vor sich nieder im Spiel, gefaßt und mit andächtigem Ausdruck, und ich folgte gedankenverloren dem Bilden und Sichverändern der Figuren und Stellungen ihrer großen weißen Hand.

Plötzlich, als wir nicht mehr sehr weit vom Ende waren, glaubte ich etwas Seltsames zu hören, horchte auf und – ja! das war das leise, dumpfe Aufstoßen eines Stockes mit Gummizwinge. Und das war das schwere Auftreten eines Fußes; und das war das schleifende Gehn einer Fußspitze.

Pasadas Tochter sah mich an, ihre Züge veränderten sich, schon wollten ihre Finger straucheln, vernehmlicher ertönte das Näherkommen – da gelang es mir mit festem Anblicken, ihr erschrecktes Gemüt zu bändigen und zu fesseln. Sie senkte langsam den Kopf und spielte weiter. Ich aber, während ich das schöne Grauen in mir rieseln fühlte, sah hinter ihr schräg drüben im Dunkel des Spiegels die kleine Gestalt Carlos Pasadas erscheinen, das große kahle Haupt, das schwarze Brillenglas, ja den Blick des andern, ein wenig vorstehenden Auges, in dem Kerzenlicht glomm, nach den Fenstern gerichtet, und unten den Fuß, der auf der Spitze stand, und daneben das gelbe Rohr des Stocks. Und so stand er, stiller Hörer, die Zeit, während wir das Stück zu Ende führten und noch einmal, wie damals, von vorn bis an das Ende.

Bewegt vom leisen Grausen, im seltsamen Atem einer andern Welt, der in die unsre floß, mit gefesselten Augen an das ferne und dunkle Spiegelbild der Erscheinung – ich habe niemals unter feierlicheren Umständen und mit so wenig Bewußtsein gespielt.

Es war still. Die Schwarzgekleidete am Flügel wagte den Kopf zu heben und langsam zu mir her und weiter hin zu bewegen. Sie zuckte zusammen, schrie auf, und meine Hand streckte sich eben rechtzeitig aus, um ihre Stirn aufzufangen, bevor sie auf die Tasten fiel.

Von der Ohnmacht erholte sie sich bald und war jetzt sehr gefaßt und von jener Heiterkeit, die nicht so selten auch die einfache Seele erringt, als einen Flügel, sich über sich hinauszuschwingen in das Klare.

Ob sie etwas gedacht hat, weiß ich nicht, doch konnte, wenn ihr gelöstes Gefühl sich in einem Gedanken darstellte, nur der es sein: Wenn es denn erlaubt wurde, zu so später Stunde noch dieses zu Ende zu führen, so wird auch manches andre Abgebrochene und Unfertige vielleicht seine Vollendung finden, von der wir nichts wissen.

Noch etwas hätte ich fast vergessen. Sie führte mich noch einmal zu dem Toten. Da bemerkten wir – das Bett stand mit der rechten Seite an der Wand – seine rechte Hand verdeckt von etwas Blauem, das glitzerte, und siehe da, der Klingelzug mit den Lilien wars, der dort an der Wand gehangen hatte. Es schien, er hatte ihn heruntergezupft, und ich habe ihn nun.

Nachschrift eine Weile später:

Was mich anbelangt, ich bin eine Ausnahme, ich komme höchstens ein Dutzend Male vor. Und deshalb, was die übrige Menschheit anbetrifft, so geht sie mich wenig an, aber: wenn ich gerade heute auch meine Nichtzugehörigkeit mir bezeugte durch eine Handlung, auf die unter hundert nicht einer verfallen wäre, so war doch in der Wurzel dieser Handlung – jener Gedankenlosigkeit – Ebenbürtigkeit genug, um mich einmal in einiges Nachdenken über diesen Gegenstand geraten zu lassen, und dies trat zutage:

Gedankenlos, vergeßlich, wie ich selber, war auch Pasada, der seine Tochter für sich sorgen ließ unentgeltlich, ohne ihr nachzufragen. Nur gedankenlos, nicht mehr, denn sie selber – ihre Erscheinung und Wesen verbürgten es – lehnte sich niemals auf, verlangte nichts, führte ihm nicht einmal mit Leidenszügen deutlich vor Augen, was er ein Menschenalter lang übersah. Er selber litt, – und ward nur gedankenlos, nicht gedankenvoll.

Gedankenlos desgleichen war sie selber, die sich viele Male täglich im Spiegel sah und nie erkannte.

Gedankenlos war die Welt gegen ihn in ihrem Ausschnitt der »Gelehrtenwelt«, die seine Leistung übersah; nur gedankenlos, denn – wie oben seine Tochter.

Und niemand weiß, ob die Gewissensleistung Pasadas gegen seine Tochter, oder der Welt gegen Pasada, eine größere Anstrengung erfordert hätte, als es mich kostete, ein Präludium zu spielen.

Freilich: da niemand sonst, wie ich, auf den Gedanken verfallen wäre, einem Toten vorzuspielen, so würde es auch niemand gelungen sein, einen Toten zum Aufstehn und Zuhören zu bewegen.

Darin aber – so viel ist gewiß – zeigt wahres Leben, das gedankenvolle, sich allein, daß es überall und allezeit den Tod mit in Rechnung stellt. Wer nur für sein Leben arbeitet, was könnte den überleben? Wer nicht glaubt, Tote aufwecken zu können mit seinem Spiel, wie kann der die Lebenden bezaubern?

Und der allein freilich wäre der einzig Gedankenvolle, der weiß und bedenkt:

Am fernen Ende jeder Tat
erscheint der Mord.
Die Seele wandert über jenem Grat,
um dort – was sie verschuldet hat, erst deutlich zu verstehn.


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