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Abenteuer eines Knaben

1

Ich solle, sagte der lahme Zauberer, in diesem Buch, mit dem er mich beschenkte, alle Abenteuer, die mir begegnen würden, beschreiben, um sie ihm nachmals daraus vorzulesen zur Erheiterung seines lahmen Zustandes. Wohlan, so beginne ich mit dem ersten Abenteuer meines noch jugendlichen Lebens, das ich Ihnen, Erlaucht, so gerne verdanke! Es ist freilich nun zwölf Jahre her, daß ich es erlebte, und so ist es klar, daß nicht alles, was ich in so lebhafter Farbigkeit heute noch vor mir sehe, eigne Erinnerung ist; manches wird mir erzählt, manches im Laufe der Zeit aus andern Erinnerungen in dieses Erlebnis von mir übertragen worden sein, aber gleichviel! Die Lücken werden sich erkennen lassen, und so stellt heute das Ganze sich mir dar.

Fünf Jahre war ich alt, jedoch an Wuchs sowohl wie an Vernunft und Erfahrung meinen Jahren voraus, so daß ich mich selber heute wie einen Sieben- oder Achtjährigen sehe. Ich konnte schon lesen und war in allerlei körperlichen Künsten – Turnen, Reiten, Rudern und Klettern – erfahren, und auch dem Klavierungetüm griff ich bereits ganz manierlich im Rachen herum.

Es beginnt damit, daß ich zu ungewöhnlicher Stunde erwache und mich überrascht finde von einem unbekannten Licht – dem der frühesten Morgenstunde im Hochsommer, noch vor oder eben um Sonnenaufgang; denn was mich erweckte, ist in meiner jetzigen Einbildung der schöne Gesang der schwarzen Amsel im Wipfel eines Gartenbaums, der durch das offene Fenster laut zu mir herein tönte. Möglich, daß er mich veranlaßte, aufzustehn und nach dem Sänger auszublicken; möglich auch, daß es die frühe Neigung zum Schaurigen war, von dem ich mich aus der tiefen Morgenstille, der hereinwehenden Kühle, von der die weißen Gardinen sich seltsam bewegten, und dem sonderbar grauen, dem lichtlosen Licht angerührt fühlte. Und jedenfalls sehe ich mich nun an der Fensterbank stehn, sehe sehr still unter mir den Rasenplatz im Rund der sommerlichen Gebüsche und Bäume, wo kein Blatt sich bewegte, und zu meiner Linken die grauen Steinstufen der Veranda zu ihm hinabsteigen, schwingend unter unsichtbaren Tritten des Schweigens – indem ich wohl, zwar ohne es zu erkennen, doch die verhaltene Feierlichkeit des schon überall Erwachten verspürte, das noch das Zeichen, sich regen und wach sein zu dürfen, erwartet. Und sehr geheimnisvoll aus dem Rasen erhob sich der graue Sandsteinsockel der Sonnenuhr. In der tiefen Tonlosigkeit der einzige Laut in Pausen des singenden Vogels oben. Und wie? Während ich späterhin Möglichkeiten des Grausens nur im – wie sag ich? – Gequälten, Düstern, Entsetzlichen suchen sollte: erfuhr ich nicht damals schon im leisen Erschaudern vor der Feierlichkeit der Natur und der Stunde, daß – wie sag ich? – das Antlitz eines Engels so gut Träger der tiefsten Schreckungen sein kann wie das Hörnerpaar Satans! Daß, mit einem Wort, was ich suche, Schauer der Seele sind und nicht Zucke der Nerven; der Seele, die nicht dem Dunkel allein zugewandt ist oder dem Licht, sondern die, zwiegeteilt, aus beiden ihre geheimnisvolle Speise saugt.

Schon klafft hier eine Lücke in meinem Gedächtnis, denn ohne zu wissen, was mich getrieben haben mag, finde ich mich angekleidet unten im Garten, heruntergeklettert vermutlich an den Weinspalieren. Wie war ich gekleidet? Auf einer Menge von Bildern aus allen Lebensjahren – je früher sie sind, um so anmutiger leider muß ich mich finden! – sehe ich mich in allerlei kostbaren Trachten, wie der Knaben auf Bildern von Gainsborough, van Dyck, Velasquez; der Papa in seiner, wie die Leute sagen, »unvernünftigen Liebe« scheint meinem Verlangen, Kleider zu tragen wie die Edelknaben und Prinzen meiner Märchenbücher, um so lieber nachgegeben zu haben, als er in ihnen meine Schönheit so vorteilhaft zur Geltung bringen konnte. Auch das Bild, das mich im Anzug eines spanischen Stierfechters darstellt, kann ich noch heut in der väterlichen Mappe finden, doch habe ich an jenem Tage selbst das wenigste davon am Leibe getragen, nämlich weder den runden Hut noch die Jacke, sondern nur die Schnallenschuh, weiße Strümpfe und Atlaskniehosen zum vorn offenen Hemd mit Spitzen an Hals und Ärmeln und eine blutrote Schärpe. Das muß zu meiner bräunlichen Haut, schwarzen Haaren und Augen verteufelt reizvoll ausgesehn haben.

Aber genug davon. Ich lehne also in der Kühle der einsamen Stunde an der Sonnenuhr, aber das Erscheinen des Schattens auf der ehernen Platte, das ich erwartete, wird mir zu lange gedauert haben, und miteins spüre ich jetzt die Verlockung ins Freie, hineinzulaufen ohne Aufsicht in die unbekannte Weite der Stunde, so heftig, daß ich über den Rasen davontrabe in der Richtung des Gartenzauns hinter den Bäumen. Da wende ich mich noch einmal zum Hause zurück und sehe etwas, das mich zum Stehen bringt.

Nämlich den Kopf meines Stiefbruders Erasmus dicht über der Fensterbank seines Zimmers neben dem meinen. Fünf Jahre älter als ich, schlief er schon damals allein, des frühzeitigen Schulganges halber. Noch sehe ich sein Gesicht zwischen den Gardinen in seiner damals abstoßenden Häßlichkeit: das noch ganz verkümmerte, wie ausgebrochene Untergesicht ohne Kiefer; darüber die quellenden, blöd blickenden Augen unter der übermäßig ausladenden, hangenden Stirn und nie zu glättendem Haar von mißlicher Farbe – was alles mich damals, bei natürlichem Widerwillen gegen Häßliches, fast mit Haß gegen ihn erfüllte. Dazu war er ungewöhnlich groß, ein Vorzug in meinen Augen, der meine Abneigung vertiefte. Mit der Zeit hat sein Gesicht sich ja nun leidlich ausgewachsen, seine Riesenhaftigkeit ist sogar gelenkiger geworden, wenn er auch hölzern genug blieb, poor fellow! Damals war sein Wuchs durchaus der eines Pfahls – einen Nacken hat er bis heute nicht bekommen –, und ich weiß noch, wie sehr beim Auskleiden, beim Baden, die platte Gradheit dieser Linie vom Wirbel herunter zwischen die Schultern mir einen Abscheu einflößte, der mich schüttelte, während ich doch die Augen nicht abwenden konnte von dieser Entstellung.

Mich von ihm ertappt zu finden, machte mich um so giftiger, als der Papa ihn halb und halb zum Aufpasser über mich bestellt hatte, der mich auf Spaziergängen mit eiserner Kraft festzuhalten pflegte, wenn ich irgendeinem schönen Kind in fremde Häuser und bis in die Wohnungen nachlaufen wollte – wie ich denn überhaupt jedem Menschen zu folgen gewillt war, der mich durch irgendwelche Versprechungen an sich lockte, nach dem Unbekannten immer begierig, wobei mich dann nur meine entschiedene Weigerung gegen jede weibliche oder männliche Leibesberührung vor bösen Erlebnissen schützte, und zu sehn bekam ich freilich genug. – Erasmus, der unselige Bursch, war nur von entsetzlicher Schwere; sein Verstand arbeitete unerträglich langsam für andere und mich, damals und noch heut, wo er seine Chemi- und Physikalien studiert; er lernte sprechen erst in einem Alter, wo ich zu lesen begann, und er würgte noch mit zwölf Jahren greulich mit der Zunge herum, wenn er sich verständlich machen wollte, doch schwieg er meist lieber. Böse, gehässig, verdrossen und stumpf, wofür er gehalten wurde, war er nie. Er war nur so schwer; niemand hatte für ihn Geduld, keine Mutter hatte er gehabt, nur die Stiefmutter, die, als er fünf Jahre alt war, starb, weil ich zur Welt kam; jeder hat ihn stehen lassen, bevor er mit seinen mühseligen Sätzen fertig war, oder gar bevor er sie begann; denn es brauchte Zeit, bis das Chaos der schlaftrunkenen Seele einen sichern Ton aufkommen ließ. Er wollte es immer gut meinen, aber niemand ließ es dazu kommen; ich am wenigsten, ich gab ihm einen Puff vor die Brust und sprang übern Weg zum Papa, der mich in offene Arme fing, ihn kaum einmal berührte, und meine Schlauheit bemerkte wohl, wie er selber den Widerwillen gegen die Mißgeburt verbergen mußte. Und spöttisch, selbst an den Liebevollen geschmiegt, sah ich ihn neben uns trotten, wie er pflegte, geduckt, die Hände auf dem Rücken, grämlichen Ausdruck auf dem überhängenden, grauen und verkümmerten Gesicht, als ob der Kopf eines alten Mannes auf den Körper eines Knaben gesetzt wäre.

Und dies Gesicht erhob sich jetzt über die Fensterbank; alsbald auch eine Hand aus dem Ärmel des Nachthemdes, und er winkte mir stumm. Aus Furcht, jemand im Hause zu wecken, mocht ich nicht rufen, ging daher langsam bis unter sein Fenster und fragte leise, was er wolle. »Nicht weggehn!« brachte er schwerzüngig hervor, »Papa verboten! Nicht weggehn, oder« – »Oder?« – »Ich komm mit.« Daraufhin drehte ich mich achselzuckend um und schlenderte davon, indem ich es ihm überließ, mich einzuholen.

Dann hatte ich den Zaun überklettert und fand mich im hellen Morgenlicht bald auf der Landstraße, der aufgehenden Sonne gegenüber, wo es einsam war über den wehenden Kartoffeläckern und Kleefeldern. Und nun hatte mich das Verlangen, weit wegzukommen, erst mächtig gepackt. Was ich für Vorstellungen hatte, weiß ich nicht, aber jedenfalls war es das Unbekannte, in das ich mitten hinein wollte. Deswegen verließ ich auch die Landstraße, sobald sie durch Bruchland führte. Ich wußte, dahinter war die Heide, und es gab dort hübsche kleine Wege zwischen Unterholz, Beerengestrüpp und an Gräben hin. Aber ich blieb nicht allein. Etwas keuchte hinter mir, und mit hängender Zunge wie ein Hund trabte mein Erasmus heran, so ungeschickt wie möglich, den braunen Samtkittel in der Eile schief zugeknöpft und mit offenhängenden Gürtelenden, was ich, als er vor mir stand, mit spöttischem Blick musterte. Aber was hatte er da in der Hand? Seine Weckuhr in der Form einer faustgroßen Kugel, deren eine Hälfte aus Glas war, sein letztes Weihnachtsgeschenk, das er selber sich ausbedungen hatte! Denn er wollte, nur mühselig Schritt haltend in der Schule, des Morgens eine Stunde früher aufstehn, um das tags zuvor Gelernte sich noch einmal einzuhämmern, was der Papa ihm, mit dem Hinweis, seinetwegen könne niemand so früh aufstehn, um ihn zu wecken, verboten hatte. Da erbat er sich den Wecker, dessen Zifferblatt er mir jetzt hinhielt, auf eine Zahl deutend: um diese Zeit – acht Uhr wirds gewesen sein – müßten wir wieder zu Hause sein, und ich erinnere mich noch meiner Verwunderung, da ich nun merkte, daß es kaum drei Uhr war. Also werde ich gnädig genickt und die Führung übernommen haben; als Marschziel, das weiß ich noch, habe ich einen blauen Hügelrücken angegeben, der mir in der Ferne verlockend erschienen war. Märchenprinzen, glaub ich, pflegten auf dergleichen Hügel loszumarschieren, hinter denen es dann Königreiche und herrliche Städte gab. Also los, querfeldein über Gräben und durch Kieferndickichte möglichst, um dem schwerfälligen Begleiter das Mitkommen ja nicht zu leicht zu machen, und noch sehe ich ihn rot und erhitzt, mit zugekniffenen Augen und gebreiteten Armen aus dem Zweigicht hervorbrechen, unter dem ich schadlos hinweggeschlüpft war. So kamen wir aus dem von schilfigen Moorflächen, Heidebuckeln, Gräben, Schilfwiesen, Birkenschlägen, kleinen Weihern, Föhrenbeständen durchsetzten Bruch ins braune Hügelland kaum sich rötender Heide, wo nur die niedren Wacholderstauden kurze Schatten warfen und wo meine gelenkige Phantasie vermutlich ein Märchen ersonnen haben wird, in dem mein Bruder als verwunschener angewachsener Wacholder, ich selber als fahrender Prinz erschien, der ihn großmütig mit blitzendem Schwert durch Abhauen zu erlösen kam, und worin sicherlich Schatzhöhlen, in die mein dankbarer Wacholdergnom mich führte, aber auch zerhauene blutige Füße eine Rolle spielten.

Wie lange diese Wanderung ein Vergnügen für mich war, weiß ich freilich heut nicht. Nicht, daß ich bald erlahmt wäre; im Gegenteil, aber die Sonne hitzte früh, und Hunger spürte ich sicherlich bald. Trotz unablässigen Lerchengetrillers, heiterer Himmelsbläue und Sonne war es eintönig, wo wir gingen; nie gabs eine Veränderung, immer lag, Viertelstunde um Viertelstunde, das gleiche um uns: Heidehügel und Himmel; eintönig summten Wespen und Käfer, feilten die Grillen, und einförmig überall war das unaufhörliche Auf- und Niederschwirren unzählbarer winziger Flügel; die Begegnung mit einer vereinsamten großen und dickköpfig grünen Libelle schon das größte Ereignis. Nun war ich, bis in die jüngste Zeit hinein, so geartet, daß jedes Gelüst, je unerfüllbarer es schien, mich um so hartnäckiger, dann böse und wütend machte, bis ich, überhitzt, nur noch das Unerreichbare vor den Sinnen – wie der Stier nichts weiß als das blendende rote Tuch – anfing zu toben und zu rasen. Dann brachte eine Kleinigkeit mich zum Überkochen, und wenn ich mich darüberhergeworfen und es womöglich zerstört hatte, so war mit der verrauchten Wut auch die Gier nach dem Unerreichbaren verschwunden.

Was mich in jener Stunde reizte, das war die verwünschte Uhr des Jungen, die er in eine Hosentasche gezwängt hatte, und die nun mit leisem Klappern bei jedem Schritt gegen seine magere Lende schlug. Ich beschleunigte meinen Gang – so kam er nachgetrabt; ich herrschte ihn an, zurückzubleiben – er begriff nicht; nun, der Zweikampf war unausbleiblich. Meiner größeren Gewandtheit gelang es, ihm die Uhr zu entreißen, ein Stück des Kittels ging dabei drauf. Und nun benutzte ich die Uhr, erstens um ihn zu quälen, zweitens um ihn zur Umkehr zu bewegen, indem ich ihm die Uhr gegen die Versicherung versprach, daß er mich allein ließe. Poor fellow, wie habe ich mich da an deiner Zerrissenheit geweidet! Die ungefüge Seele war ratlos. Die Uhr liebte er über die Maßen, wie jedes persönliche Eigentum, er mußte sie wiederhaben; verlassen durfte er mich auch nicht, sein Weggang vom Hause mit mir verbotenerweise mochte ihn schon lange gepeinigt haben – am Ende sehe ich ihn, abgehetzt vom vergebenen Jagen und Haschen nach mir, schweißtriefend und ziegelrot dastehn, in zwei Teile zerrissen, vor Ingrimm und Ohnmacht stampfend mit den Füßen und wieder die Hände zusammenlegend, sprachlos bettelnd – wo sich dann meine Grausamkeit plötzlich gesättigt hatte; ich warf ihm seine Uhrkugel hin und schlenderte davon, kaum noch sehend, wie er sich darüber hinwarf. Er hielt sie von nun an in der Hand, betrachtete sie zärtlich wieder und wieder, putzte mit Ärmel oder Kittelende immer noch ein Staubkorn davon, und als wir rasteten, öffnete er – seine Finger waren immer kunstfertig und geduldig gewesen – geschickt alle Deckel und horchte sie ganz liebreich ab, so daß ich am Ende froh war, sie nicht zerschmettert zu haben.

Sonderbar, wie diese Erinnerungen nun sich mir eingeflößt haben, deren ich, als ich zu schreiben begann, gar nicht gedachte. Wir waren zwei schlimme Hasser und Feinde, er und ich, und ich wußte doch von Anfang, daß er mich ebensowohl glühend liebte und daß trotz meines Widerwillens sich etwas in mir zu ihm hingezogen fühlte, damals wie heut. Seine Hilflosigkeit, die mich oft maßlos reizte, konnte mich doch, wenn ich ihn einmal bei seinem immer einsam scheinenden Tun, Lernen oder Basteln beobachtete, mit einem fast zärtlichen Mitleid erfüllen, auch ohne das schmeichelnde Gefühl meiner Überlegenheit; und dies war es dann wohl, sein Geheimnis, das ich verspürte; die Vereinsamung, die schon den Knaben beschattete, der immer abseits stand, wo um mich alles sich sammelte. Und wenn es wirklich eine Art Zauber und Bann wäre, der ihn umschlösse, so wollte ich herzlich wünschen, er fände jemand, der ihn erlöste.

Und er selber? Nun fällt mir ein, was der Papa unlängst von ihm erzählte. Der einzige Mensch, gegen den man ihn hat Liebe bezeigen sehn, war meine schöne Mutter. Ihr soll er immerfort kleine Dienste erwiesen haben, ihr Gegenstände nachgetragen, Handschuh, Schlüsselbund, einen Schal – sehr oft zart erratend, was sie selber noch nicht vermißte, und zu ihrer Verwunderung oft fand sie diesen und jenen Gegenstand, den sie brauchte, in ihrer Nähe. Und zu ihr trug er alles hin, was seine frühzeitig bastelnden, bauenden Hände aus Holz oder Pappe, aus Rinde oder Garnrollen zustande brachten, was er aber stets heimlich in ihrer Abwesenheit in ihr Zimmer stellte, verschämt und dankbar knurrend, wenn sie gegen den Vater bemerkte, da habe sie etwas auf ihrem Tisch gefunden; wo in aller Welt das nur wieder hergekommen sei? Aber da kam ich in die Welt, und sie schwand. Den Fünfjährigen fand mein Vater über meinen Wiegenkorb gebückt, die rosige Gardine lüftend, dahinter ich dampfend schlief. Aufblickend mit seinem ungeheuren Ernst zum Vater – der war noch selbst ganz zerbrochen vom Hingang der über alles Geliebten –, sagte er mühsam aus seiner schweren Begrifflichkeit: »Franz« – der Diener, sein Freund –, »Franz hat gesagt, sie ist gestorben, weil er kam. Hat er sie denn umgebracht?« – Und der Papa meint, diese Vermutung müsse zur Gewißheit in ihm festgewachsen sein, für geraume Zeit; er hat, solange ich unbehilflich war, nie etwas von mir wissen wollen, meinen Liebkosungen, mit denen ich alle Welt fraglos beglückte, sich stets finster entzogen, bis ich umherzuspringen begann, und er, wie der Papa sagt, sich nicht mehr entziehen konnte. Ob er meine Unschuld am Tode der Mutter heutigestags eingesehen hat, ist mir unbekannt. Und was war das, vor sieben Jahren, wo er, bei irgendeinem Körperkunststück unterlegen, sich stillschweigend ein Messer holte und auf mich losging, so ruhig, als sei die Zeit nun gekommen – daß ich da nur wehrlos die Hände ausstreckte und bittend: Lieber Bruder Erasmus! sagte? Und dann küßten wir uns und waren einen Tag lang Freunde.

Sieh da, lahmer Zauberer, dich haben wir ganz vergessen und sind doch noch eine gute Wegstunde und durch Wasser und Wildnis von dir getrennt! Los, wie gings weiter?

Nach der Glut der Stunde muß es zwischen zehn und elf Uhr vormittags gewesen sein, als wir todmüde und zermürbt unsre Glieder auf das hohe Ufer der Gracht hinaufgeschleppt hatten – ich hielt sie für einen Strom –, jenseit deren, noch fern zurückliegend, der Turm von Zweibrücken über die Wipfel des Waldparks ragte. Der Hügel, auf dem das Schloß liegt, hatte mit der Bläue seiner Ferne auch an Größe enttäuschend verloren, aber dafür hatte der Turm, weithin sichtbar, schon lange meine Einbildungskraft und Hartnäckigkeit wachgehalten. Die einsame Schönheit der Stunde und des Blicks in die Landschaft zu empfinden, wie man sie von jener Stelle genießt, werde ich noch zu klein und auch zu erschöpft gewesen sein. Man sieht von dorther das Schloß besonders schön, vielfenstrig blitzend mit langen Fronten über dem Wipfelmeer, das zum jenseitigen Uferdamm der Gracht leise heranwogt, tiefer liegend mit dem Grund, so daß nur die höchsten Kronen der Bäume den Damm überragen, verlockend mit Schattenkühle, Geheimnis und Dunkel; und Damm, Wipfel und Ätherblau spiegelte das klare Wasser der Gracht, die in gewaltigem Viereck von drei Seiten Schloß, Park und Hügel umschließt. Zur Rechten von uns wird die entferntere der beiden Brücken über dem gleißenden Wasserspiegel im Sonnendunst halb aufgelöst geschwebt haben; dahinter, vertieft, die flachen Weiten des Wiesenlandes, über dessen unebenen Boden, Gräben und Hecken wir, aus der Heide ins Geest kommend, die letzte Stunde marschiert waren. Näher uns zur Linken die andere Brücke in deutlicher Breite schien gastlich hinüberzuführen. Dort, in einiger Ferne, konnten wir die Häuser eines Dorfes still in der glühenden Stunde liegen sehn, und sichtbar nach allen vier Winden über dem Ganzen die blaue Kuppel, aus der es niedersengte, wolkenlos, kühlungslos, strömend.

Aber meine Eigenwilligkeit, Hartnäckigkeit, Eigensinnigkeit, oder wie das heißen soll, war größer gewesen als meine Kräfte, und trotz der lockenden Vermutung: Himbeeren! aus dem Park und trotz meines Hungers war ich im Augenblick, in dem meine Glieder ausgestreckt den Grasboden berührten, entschlafen.

 

2

Beim Erwachen traf mein erster Blick auf die Riesenuhr des Erasmus, die er ins Gras zwischen uns gestellt hatte; der zweite ihn selber, der glührot und dampfend offenen Mundes in der prallen Sonne lag und schlief, einen Arm über den Augen. Die Stunde, die ich ablas, weiß ich heute nicht mehr; es wird Mittag gewesen sein, das Firmament stand in Flammen, ich war wie gedörrt, glaubte umzukommen vor Durst, und – ja, hier versagt meine Erinnerung. Das nächste, was ich sehe, bin ich selber, der frostschlotternd, nackt und triefend das jenseitige Ufer der Gracht hinaufklettert; eine tüchtige Leistung, auf die ich heute noch stolz bin, selbst wenn ich annehme, daß ich die ihre sechzig Meter breite Gracht von Pfeiler zu Pfeiler der Brücke durchschwommen habe. Warum dies? Die Brücke ist nicht nur mit einem über ihre ganze Breite gespannten, höllisch mit Zacken und Spießen bewehrten Gittertor versperrt, sondern ganze Fächer langspießigen Gitterwerks sind zu ihren Seiten bis zum Wasser hinab angebracht. Was blieb mir übrig, um zu meinen Himbeeren zu kommen? (Und ich fand, weiß ich, solche Mengen, daß ich mich satt dran aß fürs Leben!) Den Erasmus habe ich schlafen lassen, denn grade wie ich selber halb zerbrochen mich ins Gras meines Ufers setze, sehe ich ihn drüben sich aufrichten und – höchst betroffen vermutlich – dicht neben sich meine hübschen Kleider gewahren, die ich ihm hingelegt hatte. Ob ich berechnet habe, daß ich über die jenseit offene Brücke zurücklaufen und mir meine Kleider von ihm durch das Gitter könnte reichen lassen, weiß ich nicht. Da ich aber später in Zweibrücken als glänzender Nacktfrosch in Erscheinung getreten bin, wird es wohl so gewesen sein, daß der Erasmus mich vermittels der Kleider zu sich hat zurück zwingen wollen, anstatt sie mir auszuhändigen, bis ich ungeduldig der Verhandlungen und allzu verhungert entlief. Vielleicht habe ich noch ein Weilchen auf meinem Ufer getanzt und: »Komm doch 'rüber, du Feigling! du Memme!« gebrüllt, denn irgendein Lärm ist mir in den Ohren, bevor ich die Stille des Waldes um meine lautlose Gefräßigkeit sich schließen hörte.

Weiter wird es folgendermaßen gegangen sein. Durch das Dickicht des Unterholzes fraß ich mich langsam; dann überraschte mich der Zauber des Hochwaldes, wie ich mich deutlich erinnere – unendliche Höhen kupferbrauner Föhrensäulen, dunkle, blauende Kronen im Mittagsglast, und wieder die sonnengesprenkelten Heiterkeiten des Laubwaldes, Einsamkeit und tiefes Schweigen am Mittag, wo kein Vogel mehr sang, noch sich rührte. Tiere, die unsichtbar blieben, scheuchte ich zu raschelnder Flucht auf. Und plötzlich das erste Wunder: ein Pfau. Ganz lebendig, groß, lang schleppenden Schweifes und mit wunderbar leuchtender grüner Brust, trat er hinter einem Dickicht hervor in den nadelbraunen Weg der Tannen, stand und blickte nach mir. Ich lief nach der ersten Atemlosigkeit des Erstaunens stracks auf ihn zu – da läuft auch er, hebt sich plötzlich, schlägt mit den Flügeln und ist in loderndem Aufschwung, rauschend und funkelnd übersät, auf dem Ast einer Kiefer gelandet, hoch über mir, den sein hangender Schweif überschaukelt. Daß eine fußlange Kette mit mehr als faustgroßer Eisenkugel von ihm herunterhing, sah ich, ohne daß es mich erstaunt hätte. Spuren von Vergoldung waren daran; so hielt ich sie sicher für golden und dachte, das gehörte sich so bei Märchenvögeln. Ja, schöne Märchen, lahmer Zauberer – aber laß uns erst weiter sehn.

Was kam? Ein Volk grauer Trappen, ich glaube, die den Weg vor mir hinabflohen, hinter sich jede die Kugelkette schleppend, die sie am Fußgelenk trug. Dann Geschnatter nahe und Kreischen, und da öffnet sich der Wald und – für meine Knabenkleinheit gewaltig – liegt vor mir, von Stämmen der Föhren umschlossen, das runde Becken des Teichs, bevölkert über und über mit märchenhaftem Gevögel.

Höchst erstaunliche Flamingos! Daß ich dergleichen Getier, wie ich dort beisammen fand, vorher gesehen habe, ist unwahrscheinlich; aber da ich sie allesamt später in Naturgeschichtsbüchern abgebildet fand und erkannte, so sehe ich sie nun auch dort: Wildente und Graugans, den weißen Schwan und den düsteren, rotschnäblig schwarzen; Möwen verschiedener Art, grauweiße und schwarzweiße, schaukelnd im Wasser und fliegend – beschwerlich, denn diese Schwimmvögel alle trugen an Stricken oder Ketten dicke Holzklötze mit sich, die mit ihnen im Wasser schwammen, blau bemalt oder gelb oder rot, und ich fand das reizend! – Und ich sehe den nachdenklichen Marabu vereinsamt – an Bruder Erasmus erinnernd – zwischen Stämmen stehn; sehe Kraniche stelzen, Schopfreiher, zierlich, und den bekannten Storch; sehe die riesigen Beete der Pelikane, dahockend, aufgelöste Mütterlichkeit, und am Uferrand herwandernd, muntere Pilgerschar aus dem Morgenland, den Pinguintrupp. Das heißt: munter wird kaum ein einziger gewesen sein, vielmehr kann ich heut, wenn ich es sonst nicht wüßte, aus dem geringen Lärm, den sie machten, und den geringen und ungeschickten Bewegungen, die mich ergötzten, auf ihre Schwermut und Trostlosigkeit schließen. Durch mich ließen sie sich zu meiner Freude wenig stören, gingen höchstens ein paar Schritte zur Seite, öffneten den Schnabel und stießen klagende Trompetentöne aus. Unvergeßlich blieben mir die Flamingos, die auf dünnen Beinstielen – einbeinige Vögel, oh Gott! –, diese auch ohne Kopf, jene mit lang herauszüngelndem Halse, riesigen fleischfarbenen Blumen glichen, die kopflosen Rosen, die langhalsigen jenen Rüsselorchideen, die ich aus Blumenläden kennen mochte – wundervoll beängstigende Geschöpfe! Und alle an Ketten! Es war des Teufels! Beim Dämon, alter Zauberer, welch bestialische Laune, leichtes Gevögel, mit böser Tücke das freieste Getier in Galeerensträflinge zu verwandeln! Weshalb, Unhold? Weil dir das Schicksal eine Zentnerkette ums Bein band, Ungetüm? Süßer Spaß des Gequälten, andre zu quälen, die sich nicht wehren konnten. Du konntest es auch nicht? Gleichviel – aber ich bin nicht dein Richter. Und wo, als ich zehn Jahre später wiederkam, wo war sie geblieben, die ganze Bagnoversammlung? Davongeschritten ins Imaginäre, wie der Dichter singt – so warf dir einer nach dem andern, still protestierend, seine Kette hin mitsamt dem Balg, und du knirschtest dazu, weil du nicht fertigbrachtest, was sie, denn wie alt bist du heut? Achtzig Jahr, und auf hundert wirst du es bringen, was?

Und nun näher zu dir!

Zwischen dem – beiläufig unmäßig stinkenden, schmutzigen und ruppigen Gesindel hindurch war ich, ohne aufzusehen, um das Wasserbecken gelangt und fand mich am Ende einer ungeheuer langen Terrasse. (In Wirklichkeit nicht mehr als hundert Schritt lang und halb so breit.) Damals entstiegen ihre zwanzig Stufen dem Wasser des Beckens, das heute versiegt ist, ein stinkender Morast, eine Unzuchtstätte für Milliarden von Spinnen, Fliegen, Schnecken, Unken, Molche und alle zehntausend Mückenarten, die einen nur Herbstes und Winters sich auf Besuch herwagen lassen, nachdem sie sich freiwillig an Stelle der unfreiwilligen Bewohnerschaft angesiedelt haben. – Infolge der Höhe der Stufenwand, an deren Fuße ich stand, war von dem, was jenseits der Terrasse lag, nicht viel für mich zu gewahren, aber ich sah ein altertümliches Haus an jedes Ende der Terrasse stoßen, und daß diese beiden die letzten in einem riesigen Viereck von Gebäuden waren, deren verschieden geformte und gebrochene Dächer ich wahrnahm, dazu auf einer der hinteren Ecken den Turm. Das Ganze machte auf mich einen überwältigenden Eindruck von Geheimnissen, Alter und Bedrohlichkeit, aber bald fesselte mich ein Vorgang auf der noch leeren Fläche der Terrasse über mir.

Aus einer Tür nämlich in der an das ferne Terrassenende stoßenden Hauswand, kam eine glänzende Masse seltsam hervorgerollt, in der ich beim Näherkommen bald einen sitzenden Mann von gewaltigem Umfang erkannte. Das, worin er saß, war ein mächtiger und hochlehniger grüner Sessel, zwischen zwei derben Wagenrädern befestigt, die der Sitzende, mit beiden Pranken in die Speichen packend und sie nach vorn drückend, mit sich vorwärts wälzte. Was ich an ihm glänzen sah, war die Decke aus – wie ich heute weiß – Goldbrokat, in der der lahme Zauberer – also benamte ich ihn stracks – sich bis unter die Arme eingewickelt hatte. Neben seinem Stuhlwagen, eine Hand auf der Rückenlehne, ging ein bunt und prachtvoll Gekleideter in Pluderhosen und Turban, dessen starker, kohlschwarzer Vollbart, blitzende Augen und gelbes Gesicht mich ihn für den Ritter Blaubart halten ließen; ein Afghane. Ungefähr in der Mitte der Terrasse schwenkte der lahme Zauberer seinen Wagen mit solcher Wucht herum, daß ich hocherfreut glaubte, er würde sich über die Stufen hinab ins Wasser stürzen, was aber nicht geschah, sondern er hielt nah am Rande. Alsbald tauchte über dem jenseitigen Rand der Terrasse der Kopf eines Mohren auf, der erst die Augen verdrehte, dann heraufgestiegen kam wie auf einer unsichtbaren Leiter – und es war wirklich eine da! –, einen flachen Korb gegen die Hüfte gestemmt. Er eilte auf den lahmen Zauberer zu, verbeugte sich unterwürfig, eilte dann die Stufen hinab bis zum Wasser und begann aus dem Korb mit großer Geschwindigkeit eine Unmenge silberblanker, beweglicher Fischleiber nach allen Seiten in die Luft zu werfen, wie eine Wasserkunst, die zum Teil noch in der Luft von Möwenschnäbeln erhackt und im Fluge davongetragen wurden, zum Teil ins Wasser und den von allen Seiten heranflatternden Vogelscharen anheimfielen. Das Gekreisch und Geschnatter war außerordentlich, der Korb indes kaum geleert, als der Mohr zurücklief, einen von mehreren ähnlichen Körben, die sich inzwischen auf den Terrassenrand gezaubert hatten, ergriff und mit ihm wie mit dem ersten verfuhr. Mein Entzücken war nicht klein! Und kaum sah ich einen der Fische anstatt ins Wasser in der Richtung zu mir auf die Stufen niederfallen, als ich hinzusprang und ihn aufhob, mit freudigem Schrecken bemerkend, daß er lebendig war und sich glatt und zappelnd meinen Händen entwand.

Was nun kam, vergesse ich nie. Eine dröhnende Stimme hörte ich sagen: »Jetzt den! den Frosch da!« Ein riesiger Schatten, der des Schwarzen, war im Augenblick über mir, ich schwebte hoch in der Luft, die ich augenblicks auf unbegreifliche Weise durchwirbelte, und dann klatschte und spritzte es um mich her, ich versank bis zum Grund, tauchte atemlos, prustend und vor Wut brüllend wieder auf, sah aber kaum den bis zum Gürtel im Wasser stehenden Nigger, als ich mich eilig ans Fortschwimmen machte, überzeugt, er wollte mich fassen und untertauchen; allein seine Anwesenheit im Teich hatte, wie ich zur Ehre des lahmen Zauberers sagen muß, andere Gründe. Ihn selber sah ich oben sitzen und lachen, daß er rot anlief wie glühendes Eisen und hustete, worauf er mir zurief, ich solle herauskommen. Aber ich, fest überzeugt, in die Hände der grausamsten Unholde und Kinderschlächter gefallen zu sein, traute mich lange nicht; dann, als ich sah, daß er den Schwarzen um den Teich schickte, um mir den Weg abzuschneiden, fing ich an, alle beide zu verhöhnen aus meiner sicheren Wassermitte, bis ich genug hatte und entrüstet und spuckend herauskam. So wenigstens erzählte mir nachmals der Alte.

Was dann folgte, ist wieder ungewiß. Ich entsinne mich einiger Verhandlungen wegen meiner Nacktheit, meiner Kleider, meines Bruders, meiner ganzen Herkunft, und hatte die Genugtuung, den boshaften Schwarzen nach Bruder und Kleidern ausgeschickt zu sehn. Auch der Afghane verschwand, um mit einem kostbar gestickten Schal wiederzukommen, in den er mich einwickelte. Dann sehe ich mich am Innenrand der Terrasse stehn und mich umsehn, hierzu vermutlich vom Alten eingeladen, ob es mir bei ihm gefallen würde. Ja, und Sie selber, Erlaucht, wie gefielen mir Sie? Ich glaube, ausgezeichnet, seltsamerweise! – ja, daran glaube ich mich zu erinnern, trotz Ihrer anerkannten Scheußlichkeit. Aber nun, Dürer, oder Breughel, oder besser noch Bosch, müßte einer von euch an meine Stelle treten, um dies Antlitz zu malen, dies Bündel gelber und roter Knollen, aus dem ein Kakadu nicht nur den Schnabel steckte, sondern auch mit seinen runden, ganz kleinen, rot und runzlich umränderten Augen blinzelte, und der Schnabel obenein ist zu wahrhaft abscheulichem Ausdruck schief gedreht, als kniffen ihn zwei Finger einer Teufelskralle zusammen, und was die Augen betrifft, so hängt übers eine das lahme Lid, und das offene ist so blauweiß wie das eines sterbenden Fisches. Brauengestrüpp, ganz wenig, starrt da und dort wie ein paar Federn heraus. Und vom Greulichen endlich das Greulichste: mitten über den Augen im Schädel das pflaumengroße Loch, eingedrückt wie in die Schale eines Eies, atmend mit der Haut und so unwahrscheinlich groß, daß ich es eigentlich noch heut nicht begreife. – Und ja – wenn ich nun Ihr geschriebenes Konterfei überblicke, Erlaucht, so scheinen Sie mir noch immer verschönt.

Ich aber, so abgeneigt gegen Häßlichkeit sonst, ich mochte Sie wohl, und was tat ich? Tauchte meine Knabenhand durch Ihr Auge ins Unsichtbare hinunter, wo das uralte, faltige Ding lag, Ihr Herz, das, hurtig wie die Auster, eine Runzel darum zukniff und festhielt. – Heute noch weiß ich nicht, was, aber etwas muß da sein, das uns heimlich verbindet, und irgendwie sind wir verwandt.

Aber wo war ich? Richtig, ich stand am Terrassenrand und bewunderte zuerst das steinerne und grün bemooste Ungetüm von Brunnen, der, ein Berg von Kentauren, Wassergöttern, Flußpferden und Krokodilen, aus der Mitte des Schloßhofes emporstieg, einen kopflosen Herkules mit der Keule auf seinem Gipfel tragend. Gegenüber hatte ich nun die gewaltige, steinbraune Wand des alten Klosterbaus mit dem gotischen Kreuzgang unten, dem mönchischen Überrest, aus dem Zweibrücken entstand, und dem im Gang der Jahrhunderte links und rechts die Gebäudeflügel anwuchsen wie Wurmglieder. Aber das entstandene Gewirr von gotischer und romanischer, von Barock- und Rokoko- und Empire-Architektur wußte ich damals freilich kaum zu würdigen, sosehr ich es zu loben meinte, indem ich zum Zauberer sagte, es sei alles so alt wie er selbst ...

Und dann gab es Frühstück.

Der Mohr kam zurück und mußte sich nun auch vor mir verbeugen. Weder Kleider noch Bruder ... »Kleiner Knabe«, sagte der Schwarze – zehn Jahre später erzählte er mirs mit denselben Worten vergnügt – »kleiner Knabe sehr traurig. Sitzt bei Kleidern und weint. Will nicht hereinkommen, Kleider geben auch nicht. Schüttelt immerzu Kopf, sagt: ›Nein, nein!‹ packt Kleider zusammen und geht heim.« – Warum er sie mit sich nahm, ist schwer zu erraten, allein entweder mißtraute er dem Nigger oder, da er mich nicht bringen konnte, so hielt sich sein Pflichtgefühl an den bunten Rock, um ihn wie den meines biblischen Namensbruders in die Hände des bestürzten Erzeugers zu legen. Dies obendrein erst spät abends, denn er verirrte sich auf dem Heimweg, lief stundenlang umher, gelangte endlich in ein Dorf und auf einem Bauernwagen zur Stadt zurück. Papa erzählte später unendlich gerührt, wie der sprachlose Junge bei seinem Anblick auf die Knie gefallen sei und zitternd und angstvoll nur die Kleider hingehalten habe, wie um zu zeigen, daß er getan habe, was in seinen Kräften stand. Wo er gewesen war, konnte er nur sehr verwirrt angeben, und da der Papa nicht ahnen mochte, wie weit wir gekommen waren, war das ihm bekannte Zweibrücken aus Erasmus' Andeutungen kaum für ihn zu erraten; so mußte er vorläufig ahnungslos bleiben über meinen Aufenthaltsort. – Zu seinem Glück; in den Klauen welchen Untiers hätte er mich sonst geglaubt und sicher gewehklagt wie Jakob: Ein wildes Tier hat ihn zerrissen! – Aber Sie sind freilich keines, Erlaucht, ich weiß!

Ich inzwischen, ich schwelgte in Aladins Höhlen oder den Schätzen Golkondas. Noch zehn Jahre später, als ich vom alten Zauberer erzählen hörte, den einen: er habe mit Handel in Westindien, den andern: als Goldgräber in Alaska; den dritten: mit Fischfang auf den Lofoten unermeßliche Reichtümer erworben, so erfuhr ich freilich bald, daß es wohl mit seiner Anwesenheit in diesen und noch mehreren Weltgegenden, nicht aber mit der Unermeßlichkeit des Erworbenen seine Richtigkeit hatte. Das Schloß ist seit langem im Verfall; die einst reiche und prachtvolle Einrichtung verwahrlost, zerfressen und verblichen, und was die Reisebeute anlangt, die das gewaltige Staunen des Fünfjährigen erregte, so füllte sie nicht mehr als vier oder fünf Räume, wo sie übrigens noch heute so herumliegen mag, wie sie damals aus Koffern und Truhen gerissen und umhergeschleudert wurde. Nicht einmal ihren Wert schätze ich bedeutend, da sie, ausgenommen einige keramische Kostbarkeiten, wenn ich mich recht erinnere, nur aus Stoffen und Waffen bestand, dazu einem tibetanischen Tempeltorpfosten und ein paar geschnitzten Götzen von den Sundainseln. Aber die Waffen – japanische und chinesische Rüstungen aus Leder, Helme, afrikanische Schilde, Bogen, Pfeile, malaiische Dolche, maurische Panzer und Helmturbane, Roßschweife und dergleichen mehr – genügten, meine fünfjährigen Abenteuergelüste in Flammen zu setzen, und der Nachmittag verging mir im Fluge.

Und heute noch kann ich den aus Erschöpftheit und seliger Sättigung gemischten Zustand empfinden, in dem ich mich plötzlich, an der Hand des Afghanen, in der Tiefe des Schloßhofs befand, den die Abendschatten bereits erfüllten; noch sehe ich drüben die Dunkelheit unter den Spitzbögen des Klostergangs, auf den wir zugehen, und hoch über dem Dache den Abendhimmel vom reinsten und sanftesten Grün.

Wir betreten den Gewölbegang, gehn ihn hinunter, eine Tür schlägt auf, ich sehe das Erschreckende: in der Höhe schwebend in tiefer Dämmerung eines riesenhaft scheinenden Raumes das leuchtend bunte Kaleidoskop einer mächtigen Fensterrose, ein feuriges Erstaunen. – Ich habe sie bei jedem späteren Besuch in Zweibrücken wiedergesehn und unglaublich gefunden, obwohl ihre lodernde Buntheit willkürlich zusammengestückt ist aus tausendundeiner Fensterscherbe von allerdings uraltem Feuer. Der lahme Zauberer selbst hat sie machen lassen. Sie befindet sich in der stehengebliebenen Hälfte des ehemaligen Kirchenschiffs, jetzigen Marstalls. Er ist heute lange schon leer; damals konnte ich an der langen Wand hin eine im Dunkel unabsehbar scheinende Reihe von gelblichweißen Pferdegestalten erkennen, deren lange Schweife überall wie Gießbäche sich bis auf den Boden ergossen. Acht Paar isabellfarbene Hengste und Stuten sollen es gewesen sein, uralt an Geschlecht und an Lebensjahren schon damals, so daß ich zehn Jahre später auch nicht eines mehr lebend fand. – Meine letzte Erinnerung des Tages ist, daß ich von einem ihrer warmen, gewaltigen Rücken in die Tiefe des Schlafes hinabglitt.

Allein ein Abenteuer hatte die Nacht noch für mich, und in der Erinnerung heut scheint es mir das bedeutendste des ganzen Tages gewesen zu sein, in so wenig es eigentlich bestand.

Es beginnt, wie der ganze Tag begann, damit, daß ich erwache – aus keinem andern Grund vermutlich als dem eines natürlichen Bedürfnisses – und zum Greifen dicht über mir große Sterne funkeln sehe –, doch erkannte ich nach der ersten Verwirrung durch die unbekannte Nachterscheinung bald das hohe, mit schwarzem Blau gefüllte Rechteck eines Fensters, in das die Sterne sich nun entfernt hatten. Etwas anderes aber jagte mir einen Schrecken ein, nämlich nah bei mir hockend eine schwarze und plumpe kleine Gestalt. Aber siehe da, es war mein hölzerner Erasmus, mein Ölgötze aus Neuguinea, derselbe, dessen ausbündige Garstigkeit mich so mit Erinnerung an den verschwundenen Bruder belustigt hatte, daß ich ihn fürs erste insgeheim Erasmus taufte, später ihn mir zum Geschenk erbat (nebst einigen kriegerischen Gegenständen, da ich dazu aufgefordert wurde), um ihn der brüderlichen Liebe als Andenken von der Reise zu verehren. – Ich merke nun, daß ich auf und unter etlichen Teppichen liege, und erinnere mich des Teppichlagers in einem der Räume vom Nachmittag her. Nun, vermutlich weil es in meiner Nähe keine Gelegenheit zur Befriedigung meines Bedürfnisses gab, ziehe ich mich zwischen meinen Teppichen hervor, stehe am offenen Fenster, in der lauen Sommernacht nackt, ohne zu frieren, und sehe in den weiten und stillen Schloßhof hinab, der zur Hälfte im Schatten liegt, zur Hälfte im hellen Mondschein, und die Hauswand fern zu meiner Linken – der Klosterbau – ist schräge in eine schwarze und eine grünweiße Hälfte geteilt; ich erkenne sogar die Schatten einiger Gewölbepfeiler im finstern Innern der Arkade. Nach unten blickend, sehe ich, daß mein Fenster ein Stockwerk hoch über der Terrasse liegt – leer, glatt und weiß wie eine Rennbahn dehnt sie sich unter mir fort –, und da ist der ganze mondblanke Weiher in der düsteren Kreiswand der Föhren, und ich sehe die weite Mondhelle der Lichtung bevölkert mit hellen und dunkleren Schatten des schlafenden Getiers. Die Flamingos sehe ich mitsamt ihren Schatten, denn sie haben sich in langer Reihe auf den Stufen der Terrasse aufgestellt, dicht überm Wasser, jeder auf einem Bein, ein unförmiger Riesenblütenklump auf fadendünnem Stengel.

Im nächsten Augenblick finde ich mich selbst auf der Terrasse und glaube wohl, daß ich allda ein Weilchen eine Darstellung des berühmten Brüsseler Mannekens gegeben habe. Die großen Vögel sind nun erwacht, haben allesamt lange Hälse und abgewandt horchende Köpfe, aus denen es heräugt. Ich muß natürlich Schabernack spielen, schleiche oben auf der Terrasse bis hinter sie und entsetze sie fürchterlich durch jähes Emporstrecken meines Ölgötzen, den ich nicht zurückgelassen hatte. Möglich auch, daß ich nur zu diesem Zweck herunter gekommen bin. Allesamt stürzen ins Wasser.

Es dürfte nun gleich sein, ob ich, anstatt in meinen Flügel des Schlosses zurück oder zum gegenüberliegenden hineingegangen bin, gleichgültig meine ich in bezug auf meine Irrfahrt im Hause, die wohl so oder so eintreten mußte.

Was aber wars, das ich tat in jener Nacht und mit jener Irrwanderung? Nichts andres, als was ich hernach im Leben zu tun angefangen und zu tun fortgefahren habe bis heut, und ist heute ein Ende? Oh, keineswegs!

Denn: daß ich nun durch Zimmer wanderte um Zimmer, durch Säle um Säle, Treppen hinauf, Treppen hinunter, durch Korridore und Galerien und wieder durch Zimmer, diese von Mondschein erhellt, jene verfinstert von Vorhängen oder Läden, jene im Schatten mit glänzenden Fenstern; daß ich immer wieder erschreckt wurde von einem wehenden Vorhang, einem Schatten, einem losgerissenen Stück Gobelin, einem lichtüberfluteten Porträt, einem Geharnischten, und was es noch sein mochte, bis zum gestaltenlosen, aber von geahnter, befürchteter Gestalt bewohnten Dunkel der Winkel und Flure und Wendelstiegen; daß ich mit Angst und Bangen und langsam jede Tür vor mir aufschlug; daß ich mich immer wieder entsetzen und so von Grauen zu Grauen fortlocken ließ, der ich doch damals noch klein und mit einem Keim von Furcht sicherlich versehen war; daß ich ihn nun abtöten lernte und ihn doch im Grunde vergrößern wollte; daß ich nicht wußte, was wollüstiger war, das Grauen oder die Erleichterung, wenn immer wieder der schwarze Alte im Winkel zum Sessel, der Gehenkte zum leer hangenden Meßgewand, der jäh vor mich hintretende Geharnischte zur hohlen Rüstung ohne Antlitz und Hände wurde; daß ich dergestalt mich abstumpfte zugleich und die ganze Verlockung des Grauens aus dem Grunde kennen und genießen lernte: all das wars, was ich seither im Leben vollführte, in Wahrheit bereits abgestumpft heut und ziemlich verekelt, aber doch voll Begier nach tieferen Grausamkeiten und Schaudern, von denen ich weiß, daß es sie gibt, daß ich ihnen in andern Erdgegenden als grade in mitteldeutschen Bürgerstädten begegnen und sie und mich an ihnen prüfen kann, ob ich wahrhaftig gefeit – oder sag ich: verflucht? – bin mit Unfruchtbarkeit, mit Unverletzlichkeit gegen – ich weiß nicht was, weiß nicht, wie ich es nennen soll, jenes Imaginäre, oder die magischen Kräfte, die ich ahne, deren Walten ich tausendmal wahrnahm und deren verwünschte Schmelzigkeit, Flüssigkeit und Unfaßlichkeit mich schon tausendmal so verdroß.

Sonderbar, daß ich eben schrieb: Unfruchtbarkeit. Es muß aus dem Unbewußten gekommen sein, das Wort, ich verstehe es kaum, aber ich begreife, was ich damit hab sagen wollen: daß ich wie im Leeren lebe, in einem Nichtigen, verflucht, einem ewig entflüchtenden Schatten von Geist nachzujagen; von nichts angerührt – wahrhaft, im Kerne getroffen nicht vom Süßen noch Herben, vom Hohen noch Tiefen; erregbar wohl, aber leidenschaftsvoll nie, haßlos und lieblos; und daß es einer jener ultravioletten Strahlen aus dem schwarzen Reich allein sein kann, dem es gelänge, diese Brust zu durchbrechen, das Eisgestein drin zu schmelzen und über Unerschrockenheit, Kühnheit und Gewandtheit des Geistes erst die wahren Kräfte des Lebens, flutend, glühend, stürmisch, fruchtbar, zu entfesseln.

Hab ich einen Dämon im Leib oder nicht? Bei deinem Dasein, Dämon, dann will ich dich noch um den Erdball peitschen, bis du um Gnade winselst und mir selber den Engel zeigst, der dich aufs Rad flicht, dich mit glühenden Rosen steinigt und dir das Haupt zertritt, dieweil ich zusehe!

Genug Monologe, und weiter im Texte!

Nun, kleiner Josef, womit endet die Fahrt? Auf einmal befindest du dich in einer offenen, ganz heißen Galerie dicht unterm Dach einer großen Halle, an deren einer Langseite sie hinführt und auf deren Mitte es ganz hell ist vom Mondlicht, das dort durch ein rundes Fenster einfällt, hin über die Galerie flutet und zwischen den Säulen der Brüstung hindurch schräg in die Tiefe des Raums, in dem du, dich überneigend, ein Treppenhaus erkennst. Breite Stufenreihen unten führen zur Wand dir gegenüber, an der hinauf je ein Treppenarm zur Linken und Rechten bis zum Winkel der Halle emporsteigt, und von dort kommen sie, in zwei Absätzen jede, wo es Türen gibt, bis zu deiner Galerie nach oben geschwungen. Du lehnst, deinen Erasmus im Arm, am Geländer und siehst dir lange dies an, schlaftrunken schon, halb erwacht und eigentümlich versunken, als ob etwas davon dir gälte, und du flüsterst vor dich hin, Worte, die du selbst nicht verstehst.

Dann gleitest du an der Brüstung hin, und weiter, schief den Kopf, einen Arm auf dem Geländer, wie sonst in der Mittagsschläfrigkeit zu Haus, die Treppe hinunter, zum ersten Absatz, zum zweiten, und wendest dich im Winkel der Halle und da –

Da tritt aus einer hohen, nachtfinstern Tür dir gegenüber eine helle Gestalt, ein Knabe wie du, von dessen einer Hand am Boden etwas Dunkles schleift, dir entgegen; sieht dich entgeisterten Auges an, und du – ja, zum ersten-, und bis heut kann ich sagen, zum letztenmal in deinem Leben – fürchtest du dich wirklich. Deine Haut kraust sich im Nacken, dich graust es, du bringst nicht fertig, ganz zu erraten, was das ist dir gegenüber, und als du es weißt, auch da tröstet es dich nicht, sondern ganz klein und zitternd drehst du dich um, brauchst eine Mühe, um nicht zu schrein oder weinen, und tappst so frostig und schlotternd wie aus der Gracht treppenauf, bis du im heißen Dunst unter dem Dache erwärmst und endlich merkst, wie du dich selber zum besten gehabt hast, Angsthase, der sich noch niemals im Spiegel sah, was? Aber wenn du erleichtert aufatmetest und sogar lachtest, so schauderte es dich doch noch immer, und dein Kichern war unecht, nicht wahr? Und wie fuhrst du zusammen und schimpftest wie ein Sperling, als auf einmal der Afghane vor dir stand, der dich lange gesucht hatte. Auf seinen Armen nicht unbehaglich, fielst du in leichter Knabenvergessenheit wieder dem Schlummer anheim.

Der Papa schwor, daß noch in derselben Nacht ein Wagen mit zwei greisenhaften Isabellpferden vor seinem Hause gehalten habe, ein bärtig schwarzer Afghane herausgestiegen sei und den schlafenden Sprößling auf seine Arme hinübergelegt habe mit einer Empfehlung von Seiner Erlaucht, und ich wäre mit keiner Gewalt aus seinem Hause zu vertreiben gewesen; er hätte mich mit Schlaf überlisten müssen. Ich, sagte er, soll erwacht sein und ihm schlaftrunken und glänzend meinen Ölgötzen hingehalten haben, was ihn in der Erinnerung noch nachmals beglückte.

Verwunderlich scheint mir in diesem Augenblick zum erstenmal, daß ich die Halle nur in jener Nacht und nicht wieder gesehen habe. Ich habe sie freilich nicht gesucht, war auch selten länger als einen oder anderthalb Tage in Zweibrücken, aber es hätte doch geschehen können, daß ich sie zufällig betrat, zumal fast jedes der vielen Gebäude sein Tor und sein Treppenhaus hat, durch die man ins Ganze gelangen kann. Oder sollte jenes Erlebnis ein Traum gewesen sein?

Wie denn das ganze Zweibrückener Abenteuer mit der Zeit in Vergessenheit geriet und Gestalt und Farben eines Traumes bekam. Denn erstlich nahm der Papa mir unter Tränen und Schelten einen heiligen Schwur ab, niemals wieder nach Zweibrücken davonzugehen, und hielt es danach für besser, die Erinnerung durch die fabelhaften Wunder einer Seereise, auf die er mich mit sich nahm, zu ertöten, was ihm auch gelang. Der Götze, der mich hätte mahnen können, war bei meiner Rückkehr verschwunden.

Auf einem Schulausflug, zehn Jahre später, verirrte sich der uns führende Lehrer in der Heide; plötzlich fand ich mich, entrückt in ferne Kindheit, auf dem Uferdamm der Gracht zwischen den Brücken, vor Augen Schloß, Hügel und Park. Aber der Lehrer verriet nicht, wer dort hause – so wußtens doch ein paar Kameraden. Graf K. also – Entführer und Mörder kleiner Knaben, raunte der eine, allein dieses Gerücht wird auf mich selber zurückzuführen sein. Was jedoch ein anderer wußte, daß der Graf eine Schwester habe, die jetzt im Kloster lebe, und daß eine frevelhafte Beziehung zwischen ihm und der Schwester bestand, das erhielt ich später bestätigt, wenn auch nicht von ihm selber.

Ich aber saß noch am selben Abend auf dem Motorrad eines Freundes und sauste nach Z., ward allda vom lahmen Zauberer in unveränderter Gestalt und mit offenen Armen empfangen und hörte ihn die halbe Nacht, bis ich im Morgengrauen zurückfuhr, erzählen, wie er Anno achtundvierzig auf der Barrikade gestanden, unter englischen Fahnen in Afghanistan gefochten, im bengalischen Dschungel den Tiger geschossen hatte, von chinesischen Opiumdschunken, Pampasritten, Goldgräberschenken, Sierren und Nevaden.

Unzählige Male seither war ich beim Alten zu Gast, habe ihn oft launisch, gehässig und plump, habe ihn niemals roh oder häßlich oder nur unedel gefunden, wohl aber unglücklich und zerrüttet. Nach Abenteuern jeder Art, die er mit einer kralligen Phantasie aus sich riß in lebendigen Stücken, die noch blutig schienen und zuckten, habe ich ihn lange nicht ausgeschöpft, aber es ist nun doch genug mit lechzendem Zuhören, und wenn ich wiederkomme, Erlaucht, hoffe ich, selber am Reden zu sein und Ihnen zumindest vergelten, wo nicht Sie überbieten zu können. Seit drei Wochen bin ich frei, Weltkenntnis – nicht zum wenigsten, lahmer Zauberer, durch dich! – besitze ich schon genug, um zu wissen, daß hier unten wenige Dinge, die vorstellbar, unmöglich sind. Siebenzehn Jahre bin ich alt; im Besitze der besten Gesundheit, vorzüglicher Körperkräfte, vollkommener Unerschrockenheit und im Besitz einer erprobten Magie, Menschen jeder Art, jeden Geschlechts und Alters mir zahm und wohlgeneigt, um nicht zu sagen unterwürfig zu machen. Wohlan, damit läßt sich ein Fahren beginnen, und übermorgen sieht mich Venedig!

Gestern behauptete der lahme Zauberer, achtzig Jahre alt geworden zu sein, und wollte mich dazu beschenken. Da ihm sein Afghane inzwischen leider weggestorben ist, so hat er ihm ein Stück Rückenhaut abziehen, zu gelbem Pergamentum vergerben, ein Ries fein Velin hineinbinden lassen und mir zum eingangs genannten Zwecke verehrt.

Und nun auf Wiedersehn, Erlaucht, auf Wiedersehn, lahmer Zauberer, oder wie der Venediger sagt: A rivederla!


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