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Ich und mein Herr

Weich und zart, so wird der Mensch,
Hart und stark stirbt er.
Schwank und zart, so keimt der Baum,
Starr und stark stirbt er.
Starr und stark sind Weisen des Todes;
Weich und wank sind Weisen des Lebens.
Groß und stark ist niedrig,
Zart und weich ist hoch.

Lao-Tse

Ich bin der Kammerdiener des Herrn Baron Josef von Montfort, mein Name ist Li. Herr von Montfort war nicht Baron, wie ich ihn nannte, aber ich machte mir diese Anrede zu eigen, da es einem Untergebenen widerstrebt, seinen Herrn mit dem Namen anzureden, und da mein Herr wohl ein gnädiger sein, aber nicht in jedem Augenblick daran erinnert sein wollte. Es ist notwendig zu erklären, wer ich bin.

Mein Vater hieß Kwang, war ein Chinese und wurde über Bord gespült. Meine Mutter hieß Aurelia und war, als ich geboren wurde, Stewardeß auf einem Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie, als er zwischen dem dreiundzwanzigsten Grad nördlicher Breite und dem fünfunddreißigsten Grad westlicher Länge in einer schweren See lag, und ich bin sozusagen auf dem Wendekreis des Krebses geboren. Ich heiße Li, nur Li. Dies scheint wenig im Deutschen; im Chinesischen bedeutet es soviel wie »guter und geschickter Geist«, und ich bin zufrieden mit diesem Namen. Meine Muttersprache ist die deutsche, die ich bereits mit meinem vierten Lebensjahre fließend zu sprechen verstand, aber ich spreche außerdem Chinesisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Polnisch, Dänisch, Schwedisch und Holländisch. In allen diesen Sprachen vermag ich mich mündlich und schriftlich mit Gewandtheit auszudrücken. Im Alter von fünf Jahren machte ich es zu meiner Beschäftigung, den Menschen zu dienen; als ich fünfzehn Jahre alt war, hatte ich das Glück, die Aufmerksamkeit meines Herrn Barons auf meine geringe Persönlichkeit zu lenken, und die Gnade, von ihm in Dienst genommen zu werden; und ich habe seit diesem Tage bis zu seinem vor nunmehr anderthalb Jahren erfolgten Tode keine andre Freude und kein andres Ziel gehabt, als ihm gefällig zu sein und alle seine Wünsche zu erfüllen. Nun bin ich fünfunddreißig Jahre alt, mein Tag hat seine Sonne, mein Leben seinen Inhalt verloren, ich traure meinem guten Herrn nach und verbringe meine Tage, indem ich seinem Gedächtnis huldige und die Erinnerungen seines Lebens der Öffentlichkeit zugänglich mache in der ihrer würdigen Weise.

Ich bin klein, sehr klein; ein Meter und dreiundfünfzig Zentimeter ist meine ganze Länge, aber ich bin stark und erfahren im Jiu-Jitsu. Ich wünsche nicht den Anschein zu erwecken, als ob ich meine Fähigkeiten und Fertigkeiten rühmen wollte, aber mein Herr Baron pflegte zu sagen, ich besäße alle guten Eigenschaften des Chinesen und von dem Deutschen nur die schlechten, und aus diesem Grunde wäre ich der geborene Kammerdiener. Ich will nicht untersuchen, welches die guten und welches die schlechten Eigenschaften sind, ich bin zufrieden mit dem Lobe, wie es lautet; und übrigens umfaßte eine Liste meiner sämtlichen Fertigkeiten, die mein Herr Baron einmal aufzustellen die Güte hatte, zweihundertunddreiundsiebenzig Nummern, die sittlichen Eigenschaften nicht mitgerechnet.

Dies bin ich, Li; Li, der keinen Herrn mehr hat; und nunmehr höre ich auf, von mir zu sprechen, und wage es, ein Bild zu entwerfen von meinem gnädigen Herrn, dem Herrn Baron Josef von Montfort Mein gnädiger Herr würde es nicht für wichtig gehalten haben, deshalb sei es in einer Anmerkung gesagt: Der Herr Baron Vater waren Inhaber und sind noch Teilhaber der großen chemischen Werke, Gesellschaft m.b.H., in der norddeutschen Stadt A. Die gnädige Frau Mutter meines Herrn Barons waren eine geborene Ruth Führich, die zweite Gemahlin von Herrn Baron Vater. Das Geschlecht derer von Montfort ist, wie der Name besagt, französischen Ursprungs; einer der Vorfahren war Konnetabel von Frankreich..

Derselbe war achtzehn und ein halbes Jahr alt und auf seiner ersten Reise begriffen, als unsre Seelen sich begegneten und, wie ich sagen darf, von augenblicklicher Sympathie zueinander ergriffen wurden. Mein Herr Baron sah jedoch immer um fast zehn Jahre älter aus, als er war. Er war sehr groß, und ich habe eine kleine Schwäche für große Männer, war breit in den Schultern wie ein Roß, in den Hüften schmal wie ein Tänzer, seine Arme waren lang und dünn wie die eines Negers, seine Beine herrlich, seine Körperkraft war so groß, daß er einen Stuhl, auf dem ich saß, unten am linken Hinterfuß fassen und mit steifem Arm ausgestreckt halten konnte, solange es ihm beliebte. Groß war auch sein Kopf, sein Gesicht breit, dunkelhäutig, das Haar ganz schwarz und heftig gewellt, die Nase kühn, der Mund groß, die Lippen dünn und geschwungen, die Augen waren klein, schwarz, glühend und saßen sehr weit auseinander, was seinen Zügen einen eigentümlichen und fesselnden Ausdruck verlieh. Er trug in früheren Jahren einen kleinen schwarzen Schnurrbart und kleinen Zapfen, eine sogenannte Fliege am Kinn. So sah mein Herr aus Möchte man doch dann – damit der hochgeehrte Herr Leser ein wirkliches Bild habe – dagegen mich sehn: klein, wie ich mich schon beschrieb, das Gesicht – leider ganz gelb – chinesisch, d.h., wie mein gnädiger Herr sagte, ohne Kinn noch Stirn –, ausgenommen die Augen, die braun sind und ganz rund. Mein schwarzes und seidiges Haar trug ich immer gescheitelt und zu einem Zopf geflochten, den ich in der europäischen Öffentlichkeit jedoch unter dem Anzug zu verbergen pflegte. Auch europäische Kleidung trug ich stets nur öffentlich, und das heißt – da mich leicht fror – einen langen Mantel von gelblichem Stoff und mit weiten Ärmeln, unter dem von meinen ebenfalls sehr weiten schwarzen Beinkleidern nur wenig zum Vorschein kam. Dagegen im Hause bin ich die Kleidung meines Vaterlandes gewohnt: zu chinesischen weichen Stiefeln aus Filz einen halblangen schwarzen Kleidrock und eine eng anliegende Jacke aus glänzender Seide, deren ich eine Menge besitze in allen Farben – himmelblau, orange, dunkelviolett und pfirsichgrün – und mit den herrlichsten Stickereien – Drachen, Vögeln, Wolken und Bäumen – in Gold, Silber oder in anderen Farben. – Li., und so war sein Wesen, wenn man sich all dies in große Bewegung gesetzt denkt von einem kalten und heftigen Herzen, einem feurigen Geist und einer wahrhaft großartigen Seele. In alle den fünfzehn Jahren meines Dienstes habe ich ihn niemals unfreundlich gesehn, niemals ein hartes Wort empfangen, doch war er nicht so aus Güte, wie man denken könnte, sondern aus einer Großartigkeit, die sich niemals den kleinlichen Dingen dadurch nähern wollte, daß er sie nahm, wie sie waren. Seine Gebärde war immer eine und gleichmäßige. Ich muß aber aufhören, seinem Wesen meinen Pinsel zu leihen, um es zu schildern, weil ich die Unzulänglichkeit empfinde und gewiß ein eigenes Buch schreiben müßte, um seiner gerecht zu werden.

Das Leben, das ich meinen Herrn Baron habe führen sehn und zu einem großen Teil miterleben dürfen, übertraf jedes andre an Reichtum der Vorgänge und Abenteuer. Es war ein besondrer Zug im Wesen meines gnädigen Herrn, von allen denjenigen Dingen und Geschehnissen angezogen zu werden, von denen andre sich abstoßen lassen; furchteinflößenden, schreckenerregenden Dingen, wie überhaupt allen solchen, welche die zarten, die weichen und weiblichen Inhalte auch der männlichen Seele in Wallung zu setzen pflegen. Solche besaß mein Herr nämlich nicht. Haben Sie, meine hochgeehrten Herren Leser (ich bitte um Verzeihung, wenn es Ihnen als ein Verschulden meinerseits erscheinen sollte, daß ich es nicht eher wagte, mich mit meiner geringen Person gerade an Sie zu wenden!), haben Sie einmal ein Herz gesehn oder gehört, das genau auf den Hauch den Gang der Sekunde ging? Das Herz meines gnädigen Herrn war solch ein Herz; es schlug den Sekundenschlag, tagein und tagaus, jahrein und jahraus, und es hat im Leben meines gnädigen Herrn nicht einen einzigen Augenblick gegeben, wo es gezögert oder geeilt hätte. Mein Herr Baron war von einer völligen Empfindungslosigkeit gegen alles Entsetzliche, Unheimliche und Schändliche. Trotzdem zog es ihn an, auf eigentümliche Weise zog es ihn an, was ich sowohl tatsächlich meine wie seelisch; ich kann nicht sagen, warum dies so war, ich ahne es vielleicht, jedoch, da mein Herr es für gut befunden hat, seinem Diener nichts hiervon zu offenbaren, so habe ich mich keinerlei Vermutungen hinzugeben. Ich glaube, dies war sein Geheimnis. Ich glaube, es war das einzige Geheimnis seines Lebens, denn nichts hätte seiner ganzen Naturanlage mehr widersprochen als Geheimhaltung irgendwelcher Art, selbst vor seinem Diener. Sein Leben, seine Taten, Meinungen, Abenteuer und Empfindungen, kurz sein ganzes Leben war in seinen Augen keine geheimnisvollere oder wichtigere Sache als die Lebensumstände aller andern Menschen, die uns begegnen und über die wir nach Lust und Gutdünken reden zu können meinen. Er prahlte nicht, aber er behielt sich das Recht vor, von dem, was er vollbracht oder erlebt hatte, in eben der nüchternen Art und Weise zu sprechen, mit der er von andern sprach, und er hielt nichts für so wertvoll, um es für sich allein haben zu wollen.

Die Dinge nun, in die er zum Teil mit seinem eigenen Wesen hineinverwickelt wurde, die er zum andern Teil als Zuschauer erlebte, waren oft so furchtbarer Art, daß mich noch in der Erinnerung der Schauder von damals überfällt und fast überwältigt. Mein Herr, wie schon gesagt, geriet infolge seiner eigentümlichen Magie – wie er selber es nannte – immer dazu, wenn es etwas Unerhörtes und Grauenvolles zu sehen oder zu erleben gab. Wo dann andre verzagt wären und sich abgewandt hätten, verhielt er sich mit vollkommener Ungerührtheit als Zuschauer oder, wo dies erforderlich war, als Helfer. Unzählbar ist so die Menge der Menschen, denen er das Leben rettete, oft unter Einsetzung des eigenen, unzählbar sind die Fälle grausigen Geschehens, die ich schaudernd miterlebte. Ich selber bin furchtsam; ich bin ein halber Chinese und furchtsam wie ein ganzer. Der Chinese ist furchtsam, er glaubt an Geister; mein Herr glaubte an keinen Geist, mit dem anders hätte umgegangen werden müssen als mit körperlichen Wesen. Mein Herr, um es mit einem Worte zu sagen, hat sich im Leben niemals und nur einen Augenblick lang gefürchtet.

Ich habe Ursache, anzunehmen, daß dies ihm lästig, ja daß es ihm oftmals ganz schrecklich war und beklagenswert erschien und daß eigentlich sein vielfaches Erleben des Grausigen nur darin bestand, diese seine Eigenschaften der Unerschrockenheit und Unrührbarkeit zu prüfen, und zwar weniger, um die Probe zu bestehn, als um sie nicht zu bestehn. Ich glaube Ursache zu haben – und der hochgeehrte Herr Leser der nachfolgenden Aufzeichnungen wird mir recht geben –, hierin die Wurzel und das eigentliche Geheimnis seines Lebens zu sehn. Er erzählte mir in der freimütigen Art, in der er untätige Stunden der Reise, des Rittes oder der Wanderung durch unbelebte Gegenden mit heiterem Geplauder zu verkürzen liebte – und oftmals in irgendeiner fremden Sprache, die ich vollkommener beherrschte als er und deren Fehlerhaftigkeit ich dann zu verbessern hatte – unter anderm einmal, daß er als ganz kleiner Knabe von drei Jahren ein brennendes Dienstmädchen, dessen Kleidrock in der Waschküche Feuer gefangen hatte, hellflammend in einem Hofe und grauenvoll jammernd hatte umherrennen und so verkohlen sehen, ohne dabei das geringste empfunden zu haben als späterhin das Verlangen, etwas Ähnliches wieder zu sehn. Ich denke also, daß er wohl geahnt haben muß, schon damals, was Furcht und Grauen sind, und da nun, wie er selber mich einmal zu belehren die Güte hatte, das einzige und letzte Verlangen jedes Menschen darin bestehen muß, so zu sein, wie alle andern Menschen sind, daß ein Geist von ungeheurer Größe und Standhaftigkeit dazu gehört, um zu ertragen, daß sein Besitzer eine Ausnahme darstellt unter dem Menschengeschlecht – so – glaube ich – mußte es von damals an, auch unbewußt, sein letzter und einziger Wunsch sein, zu empfinden, wie alle empfinden; das Grauen zu empfinden, sich zu fürchten. Das Schicksal vereinigte sich dann dieser grausamen Anlage und unterließ nicht, ihm immer wieder diese angeborene Unzulänglichkeit zu zeigen, indem es ihm wieder und wieder Dinge in den Weg legte, an denen er sich erprobte. Wenn der hochgeehrte Herr Leser nun noch die Güte haben möchte, sich des bekannten Märchens zu erinnern, »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen«, so hat er ein so vollkommenes Bild von meinem gnädigen Herrn, wie es nötig ist, um die folgenden Aufzeichnungen verständlich erscheinen zu lassen.

Über diese selber noch ein kleines Wort.

Aus welchem Grunde letzthin ist mir nicht bekanntgeworden, jedoch gefiel es meinem gnädigen Herrn, auf allen seinen Reisen ein Tagebuch zu führen, und zwar hatte er die Gewohnheit, es mit der schon erwähnten Freimütigkeit in meine unwürdige Feder zu diktieren. Ich hatte den Auftrag, an jedem Abend, an jedem Tage mit dem Tagebuch vor ihn hinzutreten, ob es ihm gefällig wäre, zu diktieren. Nicht selten war dies nicht der Fall, sei es, daß nur die Laune fehlte oder die Zeit, oder sei es, daß, wenn schon etwas sich zugetragen hatte, mein Herr es nicht des Aufzeichnens für wert hielt. Oft sagte er dann: Schreibe du, Li, schreibe selber, Li, du bist gebildet genug und kannst ja meine Schreibweise nachahmen, wenn du Lust hast. Ein andermal wieder ermahnte er mich späterhin, wenn irgend etwas vorüber war, das aus irgendeiner der genannten Ursachen im Augenblick nicht ins Tagebuch eingetragen wurde – dann ermahnte er mich: Trage es nach, Li, ich habe nun keine Lust mehr! oder auch: Dies mußt du gut behalten, kleiner Li, vergiß es nicht, denke daran, daß ich dich brauche, wenn ich einmal meine Lebenserinnerungen herauszugeben beschließe Das Gedächtnis, hörte ich meinen gnädigen Herrn sagen, ist nicht Sache unsrer Anlage, sondern unseres Willens. Was wir in ihm behalten, verhält sich zu dem, was darin wirklich vorhanden ist und was wir behalten könnten, wie Zeit sich verhält zu Ewigkeit. Und wie das, was wir Zeit nennen, räumliche Ablagerungen sind von dem, was ewig ist, so sind unsre Erinnerungen nur die gewollten Ablagerungen alles je Erlebten, die nach Belieben zu vergrößern oder zu verringern in der Macht unsres Willens steht. – Ist aber, wie ich ihn mehr als einmal habe sagen hören, Willenskraft nur eine Eigenschaft der Liebe, so wird der hochgeehrte Herr Leser vielleicht den Umfang meines Gedächtnisses ermessen können, soweit es meinen gnädigen Herrn betrifft.. Oder er sagte gar: Li, wenn ich unvermutet Todes verbleichen sollte, denke, daß du der Verwalter meines gesamten schriftlichen Nachlasses bist. Dann mußt du ihn herausgeben, sagte er, und einmal, dies weiß ich wie heute, erinnerte er mich an den Glauben der Ägypter, daß in der Form die Seele und also die Unsterblichkeit wohne, und, sagte er: ich setze dich als Wächter und Bewahrer über meine Unsterblichkeit, kleiner Li, indem ich dich beauftrage, meine endgültige Form in meiner schriftlichen Hinterlassenschaft aufzudecken und zu erhalten.

Ach, gnädiger Himmel, wie sind nun diese Worte erschrecklich wahr geworden! Der kleine Li muß es wagen, seine dürftigen Hände in die große unsterbliche Seele zu tauchen nach der ewigen Form; der arme Li hat ja kein Grab wie die deutschen Menschen, es mit Efeu und Geranium zu verzieren, mit Gießkanne und Harke zu pflegen, noch eine heilige Nische, um die kleine Opferschale hineinzustellen. Der arme Li hat das Größte, den unvergänglichen Leib und die Seele zu erhalten und zu schmücken; sein bescheidener Pinsel, aus dem das schwarze Band der Sprache fließt, darf die großen Umrisse wieder und wieder nachziehn mit der dienenden Hand, und ihm bleibt lebendig das Leben seines gnädigen Herrn, solange er selber lebendig sein wird.

Wann aber, und wie, und auf welche Weise, und warum schon so frühe mein Herr Baron diese Form des Lebens verließ, das ist auch Lis Geheimnis, das er mit wenigen teilt, die dessen würdig sind, und sein Geheimnis wird es immerdar bleiben.

Nun, hochgeehrter Herr Leser, begeben Sie sich an das erste Stück aus den Tagebüchern, das ich genannt habe »Abenteuer eines Knaben«. Aus der Art und Weise, wie, meiner oben gemachten Angabe nach, die Tagebücher geführt wurden, wird es dem hochgeehrten Herrn Leser klar sein, daß Lücken in der Darstellung nicht selten sind, Lücken an allen denjenigen Stellen, die meinem gnädigen Herrn nicht der Aufzeichnung wert schienen, die jedoch zum Verständnis eines Fremden von höchster Notwendigkeit sind. Möge der hochgeehrte Herr Leser überzeugt sein, daß die Liebe Lis zu seinem angebeteten Herrn viel zu groß war, um nicht die Kraft seines Gedächtnisses auf das äußerste zu schärfen, wo dies notwendig sein sollte, und viel zu groß, um ihm nur die geringste Abweichung vom Tatsächlichen zu erlauben. Nicht umsonst hat er fünfzehn Jahre lang unbedeutenden, aber aus glühend ergebener Seele geleisteten Dienstes dargebracht und würde doppelt und dreifach soviel – ach, hätte es ihm nur vergönnt sein dürfen! – mit gleicher Kraft und gleicher Ergebenheit vollendet haben, als daß die im Leben ihm geweihte Form nun ihre Heiligkeit verloren haben sollte. Sie, diese heilige Form, im geringsten ihrer Umrisse für nicht gering, im äußersten Rande noch für tief innen zu halten und zu wahren, diese Pflicht wird der demütige Li auf den folgenden Blättern gläubig zu erfüllen versuchen.


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