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Um den Kaiserstuhl

Kein schöneres Land weiß ich, zum Wandern von Ort zu Ort, als unser badisches Oberland, das Gebiet zwischen Baden-Baden und Basel. Man muß nur nicht der großen Landstraße folgen, sondern man muß, abseits von ihr, über die Hügel und Thäler seinen Weg nehmen, wo einem zwar die Tannen des Schwarzwaldes noch fern, die schimmernden Reben aber und die Kirschbaumgärten um so näher stehen.

Es giebt freilich Leute, die gar nicht mehr anders wandern mögen als unter Tannen, oder hoch über den Tannen zwischen Fels und Eis. Das ist so heute Mode.

* * *

Von der Höhe bei Waldulm wanderte ich das Renchthal hinunter. Waldulm heißt der Ort, ist aber ganz von Reben umgeben, und es wächst hier ein Roter, der dem berühmten Affenthaler im Nachbarthal nicht nachsteht.

Als ich von hier weiter zog, durch ein Wiesenthal, einem sprudelnden Bach entlang, war ich wieder einmal ganz erstaunt, wie schön die Welt sei. Am Bach und an den Wassergräben, aus noch graulichem Gras, blühten die ersten Butterblumen und Feigwurzsterne, goldgelb, und daneben einzelne Häuschen von weißen Anemonen. Wer die Anemonen noch nicht in einem Schwarzwaldthal gesehen hat, der weiß nicht, wie entzückend schön das einfache Blümchen sein kann.

Und diese hier waren geradezu bezaubernd. Sie standen auf grauem Untergrund, zu größeren und kleineren Gruppen dicht zusammengedrängt, mit purpurschwarzen Blättern, über denen die weißen Blütenkelche aufleuchteten tote Perlen und Diamanten auf schwarzem Sammetkissen.

Man möchte manchmal sagen, die Natur sei wahrhaft raffinirt in ihren Mitteln; aber man besinnt sich, daß es Blödsinn wäre, von Raffinirtheit zu sprechen, wo Wunderwirkungen ausgestreut werden durch Einsamkeiten hin, in die nie der Blick eines bewundernden Auges fällt.

Vor mir ging ein erwachsenes Mädchen aus dem Dorfe. Sie sah meine Anemonen nicht. Wie sollte sie auch? Sie war selber eine Art Blume, ein Gewächs und Gebild der Natur. Und die Natur sieht sich selber nicht. Erst der Geist, der sich losgerissen hat und freigeworden ist, sieht die Natur, und er sieht sie in dem Maße, in dem er frei ist.

Das Mädchen vor mir war nicht so zart wie die Anemonen. Aber es war auch schön in seiner Art. Sein Körper war von derbem Bau; aber wie dieses jungfräuliche Wesen ihn im Gange trug, leicht und elastisch, entzückte er durch das Spiel seiner Linien nicht weniger das Auge als das leichte Wiegen der Anemonen im Morgenwind. Und aus ihren blauen Augensternen, die mich frei anblitzten, leuchtete dasselbe Lebens- und Lustgefühl des Frühlings, wie aus den hellen Blütenkelchen der Wiesenblumen.

Ich fragte sie, was sie da für einen Strauß in den Händen trage.

– Der Palmen ist das.

Es war nämlich am Morgen des Sonntags Palmarum. Ihr »Palmen« aber bestand aus einem Gemisch von Ilex, Bux und Weidenkätzchen.

– Das ist ein stachlicher Palmen, bemerkte ich.

– Er soll ja auch schützen, Haus und Hof, da taugt stachelig besser als weich.

– Kind, sagte ich ernst, du bist eine schlechte Katholikin, durch seine Weihe und durch den Segen der Kirche schützt er, nicht durch seine Stacheln.

– Ach was, rief sie, so kann es ihm doch nicht schaden, wenn er auch noch Stacheln hat. Gott giebt ja auch seinen Segen für die Felder, aber düngen muß man sie doch. Doppelt g'näht hält besser.

– Du scheinst mir auch mehr stachelig als weich zu sein, scherzte ich weiter.

Sie sah mich schelmisch an und lächelte selbstbewußt.

– Man muß beides sein können, jedes zur rechten Zeit und am rechten Ort.

Damit sprang sie über den Weggraben und eilte auf einen Hof zu, der mit seinem breiten moosbewachsenen Strohdach recht mit altmodischer Behäbigkeit von seiner Halde niedersah, mit ganz kleinen aber hellen Fensterchen, in denen es blitzte, wie in den Aeuglein eines fröhlichen Alten unter weit überhängenden buschigen Brauen.

Die Kleidung des Mädchens erinnerte nur noch in einzelnen Stücken an die alte Volkstracht dieser Gegend. Diese ist im Verschwinden begriffen. Und dagegen läßt sich auch gar nichts machen.

Im Weiterwandern dachte ich über das Betragen des Mädchens nach. Ich verglich das Schwarzwaldkind mit den Produkten der höheren Töchtererziehung ... Und die meisten Mädchen hier zu Lande würden sich so benommen haben. Sie bleiben unbefangen, wer sie auch anrede, und sie zeigen das unverkennbare Bestreben, in treffenden Antworten zu erwidern, die oft der scharfen Spitze nicht entbehren, aber stets höflich und anständig bleiben. Diese Schwarzwälderinnen sind nie blöd. Sie sind aber auch selten mutwillig oder ausgelassen. Vor allem sind sie nie frech. Der Schwarzwälder Alemanne überhaupt ist eine tief keusche Natur mit stillem, ruhigem, sinnigem Wesen.

* * *

Dann stand ich auf dem Schloß zu Malberg, zwischen den alten Mauern und den zum Teil noch älteren Bäumen, und schaute weit über die grüne Ebene hin, die, unter wild zerrissenen ziehenden Wolken, in wechselnden Lichtern, bald da bald dort hell aufleuchtete.

Dieses Malberg – etwa anderthalb Stunden von Lahr – ist eine überraschende Erscheinung. Es bildet keinen Vorsprung des Schwarzwaldgebirges; sondern mitten in der grünen Ebene, ganz unvermittelt, ragt ein schwarzer Basaltklotz empor und trägt auf seiner Stirne das alte weitläufige Schloß und seinen Rücken hinunter und um sich her das Städtchen. Malberg ist so ein getreues Miniaturbild des berühmten Breisach. Und es ist sozusagen ein Vorposten des Kaiserstuhls, der ebenso abgesondert aus der Rheinebene aufsteigt und dessen Kern aus demselben vulkanischen Basalt gebildet ist.

Nach dem Kaiserstuhl richtete sich mein Wandern. Denn es giebt in Deutschland keine Gegend, wo der Frühling eher Einkehr hielte, als um diese alten Vulkane her.

Nur um jene Felswand aus Korallenkalk, die, etwas südlicher von hier, fast lotrecht über dem Rhein aufsteigt und unter dem Namen Isteiner Klotz und als Schauplatz der sagenhaften Schicksale jener Jutta von Sponeck und der Scheffelschen Dichtung Hugideo bekannt ist, blühen die Veilchen und Pfirsiche noch früher; wie denn überhaupt dieser Isteiner Klotz mit dem Kaiserstuhl zusammen zum landschaftlich Eigenartigsten und Unerwartetsten gehört, das den Fremden am Oberrhein überraschen mag.

Die höhere Schönheit aber muß dem Kaiserstuhl zugesprochen werden.

Ganz auf die Höhe war der Frühling noch nicht gestiegen. Die »Neun Linden« standen kaum in schwellenden Knospen. Die Orchideen fehlten noch. Nur die Schlüsselblumen entfalteten auf den Halden ihre goldenen Kelche, und im Gehölz, zwischen dem braunen Laub des Vorjahrs, blühte plattenweise die Hepatika und warf ihren blauen Schimmer durch die jungen Buchenstämme, die an ihren untersten und geschütztesten Zweigen ihr erstes zartes blaßgrünes Laub aufrollten. Und manchmal geschah ein krächzender Aufschrei und ein Rauschen in der Luft. Da flog ein großer Eichelhäher durch das Geäst und ließ in dem zaghaften graulichten deutschen Frühling einen tiefgesättigten Farbenakkord aufleuchten.

Unbeschreiblich zauberhaft ist hier der Blick in die Weite. Man übersieht den ganzen Breisgau, das ganze Markgräflerland, das ganze Elsaß. Eine reiche freudige Welt liegt zu unseren Füßen, eine Welt voll Größe und lichter Schönheit, von hochgewölbten Gebirgsmassen schwarz umrahmt, vom breiten Rhein durchströmt, aus dessen Flut Breisach aufsteigt, dunkel, wie ein Gespensterschloß, mitten in dem unendlichen, dem lichtgrün funkelnden Gefild ...

Von den »Neun Linden« führt das Lilienthal nach dem Dorfe Ihringen hinunter. Hier wächst vom besten Wein des ganzen Landes, ein Weißwein leise schillernd, der aus schwarzen Burgundertrauben gewonnen wird.

Um so überraschender berührt es, daß in dem Dorf schon der oberflächliche Blick eine auffallende Verarmung wahrnimmt. Am meisten fielen mir einige große Gasthäuser auf, Bauernhöfe von weiter Anlage, die aus bedeutendem Wohlstand herausgewachsen sein mußten, die aber in ihrem heutigen Zustand durchaus heruntergekommen aussahen. Ich trat in dasjenige unter ihnen, das noch den besten Eindruck machte.

Einige Bauern tranken Bier, andere Schnaps. Es gab auch Wein; aber den hatte der Wirt von einem fremden Weinhändler bezogen. Er selber besaß keine Reben. Er besaß überhaupt nichts. Die unendlichen Keller, die Stallungen, die Scheuern, die Speicher, alles stand leer und verödet. Die Gastwirtschaft hatte er gepachtet und ernährte sich darauf als Bierzäpfler.

Eine einzige derartige Thatsache wirft ein grelles Licht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse unserer kleinen Orte von einst und heute. Früher war es in diesen Dörfern und kleinen Landstädtchen unerhört und undenkbar, daß ein Armer eine Gastwirtschaft aufgethan hätte. Das thaten nur die reichsten Bauern. Bei solchen Leuten konnte man dann für sein Geld noch etwas bekommen. Und in Bayern und noch mehr in Tirol trifft das heute noch zu. Bei uns aber wird es schon zur Regel, daß Leute, die selber nichts zu nagen und zu beißen haben, es sich herausnehmen, andere bewirten zu wollen. Die Wirtschaften sind dann danach.

Die Nationalökonomen werden wissen, wie das im allgemeinen so gekommen ist.

In derselben Lage wie das Dorf Ihringen und die meisten Dörfer des Kaiserstuhls ist auch der weltberühmte Rheingau. Hier wie dort ist bei allzu ausschließlichem Weinbau das kleine Volk nach und nach verarmt. Nur der ganz Große ist immer noch größer geworden. Eine Reihe schlechter Weinjahre kann eben nur ein Reicher aushalten, der kleine Mann geht darüber leicht zu Grunde.

So wenig lohnt das Köstlichste seinem Erzeuger die saure Mühe, und es ist nur gut, daß man daran nicht immer denkt, wenn man bei einem feinen Weine sitzt; man könnte sonst leicht aus lauter Sentimentalität und rührhaft-humaner Stimmung – ein Glas zu viel trinken. Besser ist's, man denkt beim schlechten dran, nämlich wie das Weinmachen viel leichter und einträglicher ist, als das Weinbauen. Da wird man nicht wohl ein Glas zu viel trinken. Aber man wird vielleicht eine Wut kriegen und das Glas mitsamt seinem Inhalt dem Wirt an den Kopf schmeißen. Wenn dann die hohe Polizei dazu die Stirne runzelt, thut sie nur, was ihres Amtes ist; aber die sittliche Weltordnung, wenn es eine giebt, wird ein Wohlgefallen haben.

* * *

Von Ihringen aus lockt es hinüber nach Breisach, dem alten Felsennest mit den kleinen armseligen Häuschen und dem dunkelmassigen hohen Münster, der wie aus dem lebendigen Fels gehauen aufragt, hoch über den Fluten des Rheins, gleich einer festen Burg, die den Stürmen und Verheerungen von Jahrtausenden getrotzt hat.

Dieses Breisach, das uns heut fast anmutet wie ein ungeheueres Fossilium, ist unendlich reich an großen Erinnerungen, vom sagenhaften Schicksal der Amelungen, woran der Eckartsberg erinnert, bis zur Episode des Fort Mortier, im Herbst 1870.

In diesem großen Jahr hätten die Breisacher eine Inschrift korrigiren können. Die Stadt besitzt unter vielen Ruinen ein wohl erhaltenes Denkmal von Ludwig XIV., das Rheinthor. Darauf steht, unter der gefesselten Gestalt des Vater Rheins, das stolze Distichon:

Limes eram Gallis, nunc pons et janua fio;
Si pergunt Galli, nullibi limes erit.

»Wenn die Gallier vorschreiten, giebt es für sie keine Grenzen.« Das hat gewiß schon Brennus gesagt. Und wie stolz einer ist, der das von sich redet. Sieger nennt er sich und Held und Eroberer des Weltalls. Wenn aber der Stiel einmal umgekehrt wird und andere über sie hinwegschreiten, das sind dann Räuber und Mordbrenner. So weit geht die Gerechtigkeit der Menschen. Nein, nicht die Gerechtigkeit herrscht in der Welt, sondern die Macht, und wer sie besitzt und weise gebrauchte, der wäre mehr als ein Gerechter.

»Der Schlüssel Deutschlands und des heiligen Römischen Reiches Ruhekissen« hieß Breisach in der bilderliebenden Sprache des Mittelalters. Für seine eigenen Bewohner aber scheint es oft eher ein Nadelkissen gewesen zu sein. Wenn man die Geschichte dieses nun so verödeten Basaltfelsens im Geiste an sich vorüberziehen läßt, ist es eine fast ununterbrochene Reihe von Krieg und Belagerung, von Brandschatzung und Plünderung, von Hungersnot und Pestilenz, von Hängen, Köpfen und Verbrennen.

Natürlich ist das Bild falsch. Denn die Menschen haben überall und zu allen Zeiten das seltsame Bedürfniß empfunden, über nichts so gewissenhaft Buch zu führen, als über empfangene Schläge, die sich übrigens auch ohne Buchführung dem Gedächtniß am dauerndsten einzudrücken pflegen. Nur die guten und die schlechten Weinjahre haben die Deutschen auch regelmäßig aufgeschrieben.

Doch wie viele berichtigende Intervalle man auch hineindenken mag zwischen diese Prügelberichte, die die Weltgeschichte heißen, beträchtlich häufiger als heute sind sie früher schon niedergehagelt, die Prügel. Natürlich ist aber mit der größeren Seltenheit der Schläge auch die Haut der Menschen empfindlicher geworden, und das bedeutet eigentlich eine Art Ausgleichung.

Wenn die Prügel aber allzu dick kamen, dann konnte selbst das geduldige Volk gelegentlich einmal aufmucken. So haben die Breisacher gerade dem berühmtesten Mann ihrer Geschichte einfach den Kopf abgeschlagen. Das war Peter von Hagenbach, le grand noceur, wie die Franzosen sagen würden, die ihn vielleicht, trotz seines deutschen Namens, als ihren Landsmann beanspruchen – der Uebermensch, wie ihn etwa die Nitzscheaner, oder auch deren Gegner, heißen und qualifiziren möchten.

Der Mann wirtschaftete in Breisach als der Statthalter Karls des Kühnen, dem der Kaiser Sigismund seine liebe und getreue Stadt, des Deutschen Reiches Ruhekissen, um eine lumpige Geldsumme verpfändet hatte. Und wie der Herr ein kühner Karl, so war der Knecht ein kühner Peter und trank den Breisachern eine solche Zeche an, daß ihnen der Angstschweiß ausbrach. Er liebte schwelgerische Gelage und wilde Tänze.

Sy alle tantzen musten
und überkamen vast den husten,
auch was da maniger roter mund,
der weyß wart zu der selben stundt.
Und manige schone frawe zart
des langen tantzens siech wart.

Und beim Tanzen allein blieb es nicht.

Da sie zu tisch waren gesessen,
getruncken hatten und gegessen,
hub Hagenbach an ein rumor,
schlug je eins das ander an ein or;
und do der schimpf am besten was,
do wurden der frawen augen naß.

Er trieb mit Frauen und Jungfrauen derartigen Schabernack, für dessen bloße Berichterstattung man heute, wenn sie zu den keuschen Ohren der Polizei käme, hinter Schloß und Riegel gesetzt werden könnte.

Wäret auch ein gute wyl
im tantz erdacht er ander spyl,
furt die schonen frawen mit,
es was ein seltzamer sitt.

Wahrlich eine seltsame und unsagbare Sitte. Aber der schlimme Peter wurde in jener christlichen Zeit keineswegs wegen Verletzung der Keuschheit geköpft; einfach wegen des »bösen Pfennigs« wurde ihm der Kopf abgeschlagen – wie man das in der lustig gereimten und noch lustiger mit Zeichnungen verzierten, auch gewiß mehrfach edirten Chronik zu Kurzweil und Erbauung nachlesen mag bis zu der Stelle, wo der Chronist, nachdem der Peter geköpft war, mit gutem Galgenhumor meint:

Hagenbach noch der gestalt
nam ein gut end,
gott der seelen send
frid und gut gemach.
Also schied Peter von Hagenbach.

Man könnte sich wundern, daß die Tragikomödie des Hagenbacher niemals künstlerisch gestaltet worden ist, namentlich in Deutschland, dem klassischen Land des historischen Romans.

Freilich würde der Hagenbach kein Buch geben für den Weihnachtstisch. Und zu was anderem braucht man in Deutschland keine Bücher, wenigstens keine Bücher von Dichtern. Dieser Hagenbach müßte eine Art von Buch werden, wie man sie am keuschen deutschen Herd nur in fremden Sprachen – oder in Uebersetzungen aus solchen duldet. Der Stoff hat auch eine stark soziale Seite. Vielleicht gerät Gerhart Hauptmann noch an ihn. So viel alte Scharteken wie für seinen Florian Geyer brauchte er hier nicht zu studiren, und wenn er dann, aus historisch-naturalistischer Skrupelhaftigkeit, den bösen Peter etwa französisch sprechen lassen wollte, und natürlich in burgundischem Französisch des fünfzehnten Jahrhunderts – so würde ihm das gewiß ebenso gut gelingen, als das Fränkisch der fränkischen Bauern.

* * *

Von Breisach fährt man in einem halben Stündchen mit der Bahn nach Freiburg oder Colmar.

Diese beiden alemannischen Städte, die eine am Ausgang des Dreisamthals aus dem Schwarzwald, die andere an der Oeffnung des Münsterthals am Fuß der Vogesen, beide fast unter demselben Breitegrad gelegen, haben eine auffallende Aehnlichkeit miteinander; es sind im besten Sinne des Wortes Schwesterstädte. Bis auf Benennungen wie »Oberlinden« und »Unterlinden« geht die Uebereinstimmung. Nur war Colmar immer, bis zur Franzosenzeit, eine freie Stadt, und Freiburg war es nie. Das sieht sich gleich. Colmar ist unendlich viel reicher an künstlerischem Schaffen als Freiburg.

Besonders hatte Colmar eine der hervorragendsten altdeutschen Malerschulen. Sein Martin Schongauer gehört zu den ausgezeichnetsten alten Meistern.

Das nach Schongauer benannte Museum, im Kloster Unterlinden sehr glücklich und stimmungsvoll untergebracht, enthält eine große Anzahl seiner Werke, worunter besonders eine Grablegung Christi durch Gewalt des Ausdrucks bei fast naturalistischer Behandlung auffällt. Als ganz machtvolle Gemälde erscheinen auch, durch ihre kräftigen Farben und die derb charakteristischen mächtigen Gestalten, eine Anzahl Tafeln von Mathias Grünewald. Das bedeutendste dieser Werke ist der Isenheimer Altar. Er ist nach Woltmann das großartigste Werk der Plastik und Malerei aus dem sechzehnten Jahrhundert, das man heute noch im Elsaß finden mag.

Eine andere Tafel, die Grünewald zugeschrieben wird, hat die Versuchung des heiligen Antonius zum Gegenstand. Ein tolleres Gemisch von grausigen Gestalten hat selbst der berühmte Höllen-Breughel nicht gemalt. Aber während die Bilder dieses Malers ans Burleske grenzen, und ihre Gestalten mehr gnomenhaft als furchtbar, wirken, macht das Gemälde Grünewalds einen großen und überwältigenden Eindruck.

Das berühmteste Bild Colmars und seines großen Meisters, die Maria im Rosenhag, hängt nicht im Schongauer-Museum. Um dieses köstliche Werk altdeutscher Kunst zu sehen, muß man in die Sakristei von St. Martin eindringen.

Die Mühe lohnt sich. Dieses Bild gehört zu jenen Werken, in die ein Meister all seine Liebe und all seine Seele hineingemalt hat. Es steht deßhalb hoch über allem, was wir von diesem Meister besitzen. Und es ist in jeder Beziehung ein merkwürdiges Bild. Schon seine Farben allein sind ein wahres Labsal fürs Auge. Zwar, weder die Mutter noch das Kind sind eigentlich schön, sie sind eher das Gegenteil: aber – und das ist in der Kunst immer die Hauptsache – sie sind entzückend schön gemalt. Und die unendlich liebevolle Hingabe des Meisters an sein Werk hat sich auf seine Gestalten übertragen, die uns darum von einer überraschenden seelischen Innigkeit erscheinen, wodurch sie uns tief ergreifen und rühren.

Bedauerlich ist, daß das Bild in dieser Sakristei hängt. Eine Sakristei ist der unheiligste Ort einer Kirche. Als ich das letzte Mal dort war, erlebte ich einen rechten Aerger. Ich kam mir vor wie in einer Krämerbude. Unerbaulich war alles um mich her. Verschiedenes Meßnervolk zählte auf einem Tisch große Haufen kleiner Geldmünzen. Ein Priester betete murmelnd im Brevier und richtete dazwischen, in französischer Sprache, klatschhafte Bemerkungen und Fragen an einen Konfrater. Ich hatte vorher einem Nachmittagsgottesdienste beigewohnt, man hatte deutsch gebetet und deutsch gesungen, denn Colmar ist in seinem Volke so deutsch, wie nur das gegenüberliegende Freiburg es sein kann, beide Städte sprechen sogar einen auffallend übereinstimmenden Dialekt. Aber der Geistliche in Colmar, obwohl der Hirt einer deutschen Herde, meint, er müsse französisch reden.

Der Geistliche und die »höhere Tochter«. Mit der letzteren hatte ich einen kleinen Auftritt.

Ich machte einen Gang über das Marsfeld. Auf einer Bank saßen ein halbes Dutzend Stadtfräulein, die in einem so gemachten, in einem so unfranzösischen Französisch zusammen parlirten, daß ich stehen blieb und mir die Dämchen etwas näher ansah, als es vielleicht dem »Guten Ton« entsprechen mochte. Eine sagte: Comme ça regarde, cette bête d'un Allemand. Das war nun auch nicht der beste Ton. Ich mußte lachen.

– Allerdings, sagte ich, bin ich ein Alemanne, doch ihr scheint mir auch ganz gute deutsche Gänschen zu sein.

Das wirkte.

Quelle horreur! riefen einige.

Eine aber fiel aus der Rolle. Sie sagte: Das isch jetz ämol ä Grobian!

– Ein grober Schwabe, fiel ich ein; aber es thut mir leid, mein Fräulein, nach ihrer Muttersprache zu schließen, sind wir nahe miteinander verwandt.

Damit ging ich und ließ die Schönen stumm zurück. Aber nicht lange blieben sie stumm. Mein Weg führte mich im Bogen, und ich bemerkte sie in lebhafter Rede und Gegenrede. Diesmal sprachen sie deutsch. Natürlich. Jetzt hatten sie etwas zu sagen. Jetzt hatten sie etwas auf dem Herzen, das herunter mußte. Vorher hatten sie nur geschwatzt, um zu schwatzen, und dazu war am Ende das Französische gut genug gewesen.

* * *

Von Breisach wäre ich ebenso schnell nach Freiburg gefahren, und ich habe es auch zu andern Malen wiederholt gethan.

Von dem Kirchturm dieser Stadt schreibt Sebastian Minister: »Die Heiden hetten ihn vorzeiten under die sieben Wunderwerck gezellt, wo sie ein sollich Werk gefunden hetten.«

Wie sehr der Mann recht hatte mit seinen einfachen Worten, das empfand ich aufs neue, als nun wieder einmal diese wunderbarste, diese schönste Pyramide der Welt in ihrer durchbrochenen Massenlosigkeit vor mir aufstieg, wie ein »Blütenwunder emporgeschwellt«, gerade von der Sonne durchflochten, der seine grünmoosige Stein schimmernd wie altes Gold ...

* * *

Das Freiburger Münster besitzt außer seinem Turm noch eine Einzigkeit. Das ist sein überraschender Portikus, eine hohe Vorhalle unter dem Turm, wo zu beiden Seiten zehn wunderbar graziöse Statuen aufgereiht sind, die fünf klugen und die fünf thörichten Jungfrauen. Dieser Portikus muß die Fassade vertreten. Das Freiburger Münster hat eigentlich keine. Es steht hierin weit hinter dem Straßburger zurück.

Was für das Straßburger Münster die Fassade, das ist für das Freiburger der Chor, der in Straßburg gar nicht, in Freiburg aber so reich und üppig entfaltet ist, wie nur in irgend einer französischen Kathedrale.

Und wenn daran in den konstruktiven architektonischen Verhältnissen nicht alles musterhaft ist und mit dem Turm bei weitem nicht verglichen werden kann, an malerischer Wirkung läßt dieser Chor, innerlich und äußerlich, nichts zu wünschen übrig. Seine bildnerischen Teile sind vielfach grotesk; sie sind aber immer voll reicher Phantasie und voll von köstlichem, wenn auch manchmal derbem Humor. Das Münster zu Freiburg hat, wie P. Hilarius à la Santa Clara sich ausdrückt, die »patzigsten, fratzigsten Wasserspeier«.

Zwischen heiligen Jungfrauen und frommen Prinzen
Die abscheulichsten Dinger heruntergrinsen.
Auf jedem Pfeilerabsatz lauert's,
Auf jeder Kante hockt's und kauert's.
Hier ein altes Weib ein Teufel reit,
Daneben aus zwanzig Mäulern speit
Ein Ding zu abscheulichem Klumpen geballt,
Einem Rattenkönig gleich an Gestalt;
Dazwischen hängt's voll phantastischer Drachen,
Ein blöder Stierkopf bemüht sich zu lachen,
Dort ist's ein Biest mit tausend Beinen,
Zwei Seehunde da, die komisch weinen,
Und nahe daran ein unsaubrer Geist
Mit jedes Anstands Hintenansetzung
Und allen Volkes Schamverletzung
Seinen bloßen Hintern herunter weist.

Denn »die Kirche des Mittelalters ... sagt Johannes Jansen, hegte und pflegte den Humor und ließ ihn gleichsam Wache halten neben dem Göttlichen, damit der Mensch immer seines Abstands von demselben eingedenk bleibe«.

Warum hat nur aber die heutige Kirche so gar keinen Humor mehr? Um ehrlich zu sein, daran sind zum guten Teil die Feinde der Kirche schuld. Sie haben es ihr zu arg gemacht, sie haben ihr den Humor verdorben. Diesen Leuten war ja die Kirche nie heilig genug. Sie hat sich unterdessen »bekehrt« und thut Buße. Voltaire hat die Kirche bekehrt. Das ist eine der größten Ironien (und Humore) der Weltgeschichte.

* * *

Es ist mit dem Humor wie mit dem »Nackten«. Die Roeren und Rintelen und lex Heinze sind ein Produkt des Protestantismus, nicht des Katholizismus.

* * *

Auch in seinen Fenstern kann es das Freiburger Münster mit allen großen Kathedralen aufnehmen.

Hier sieht man blühen von Feld zu Feld
Die mächtigsten Farbenwunder der Welt,
Wo mystische Blumen und Heiligengesichter
Auftauchen im Vielglanz farbiger Lichter ...

Die ältesten, mit ihren unglaublich reichen und tiefen Farbensymphonien, gehen ins dreizehnte Jahrhundert zurück. Eine solche Musik in Farben, mit einer solchen mystischen Tiefe und Kraft wurde später nicht wieder gemacht; sie verstummte früh. Doch besitzt das Freiburger Münster sehr schöne Fenster noch aus dem sechzehnten Jahrhundert; Hans Baldung Grien hat sie entworfen, und sie sind voll lichter Schönheit und Lieblichkeit in Linien und Farben.

Wer Hans Baldung kennen lernen will, muß überhaupt nach Freiburg gehen. Der Meister, dessen Werke selten sind, hat hier sein Bestes geschaffen. Die elf Tafeln des Hochaltars sind von ihm, und das Mittelbild, die Krönung Mariä, gehört zum Lieblichsten und Empfindungsgewaltigsten, was die oberdeutsche, von Dürer ausgehende Malerei hervorgebracht hat. Diese Maria ist mit Unrecht weniger berühmt, als die »Madonna im Rosenhag« von Martin Schongauer.

* * *

Noch einmal muß ich auf die Freiburger Turmpyramide zurückkommen. »Die Heiden hetten ihn vorzeiten under die sieben Wunderwerk gezellt«, murmelte ich mit schmerzlichem Enthusiasmus. Ich dachte nämlich an die alten Juden zu Jerusalem. Als zu denen Jesus von Nazareth die Worte sprach von dem Tempel, den er in drei Tagen wieder aufbauen wolle, da verstanden sie ihn nicht; denn sie nahmen ihn wörtlich. Und sie brachen in hellen Zorn aus. Sie bebten vor Wut und Ingrimm. Sie wollten das Heiligtum ihrer Stadt und ihrer Nation nicht zerstören lassen auf das Versprechen hin, daß man es wieder aufbaue.

Nun, in Freiburg giebt es auch Menschen, die die Münsterpyramide einreißen wollen, indem sie versprechen, sie wieder aufzubauen, ich weiß nicht in wieviel Tagen. Es sind keine göttlichen Heilande, aber doch Leute mit hohen staatlichen Würden. Konservatoren nennt man sie komischerweise. Und niemand entrüstet sich über sie. Niemand setzt sich zur Wehre. Es ist unglaublich. Die Leute geben noch Geld dazu, wenn auch allerdings nur unter der frommen Lockung eines Lotteriegewinnes.

Und also ist das Niederreißen dieses Wunderwerks beschlossen.

Sie werden Mühe haben, die jahrtausendlang verwachsenen Steine abzutragen; aber sie werden es fertig bringen. Alle bösen Geister der Verneinung werden ihnen dabei helfen. Und sie werden ihn dann wieder aufbauen. Natürlich. Und wie! Qui vivra verra ...


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