Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Im Lande der seidenen Gewebe und der seidenen Lüfte

So sehr gefiel mir's in den erhabenen Einsamkeiten des Jura, daß ich über zwei Monate blieb; aber die ersten Nebel, die in der Schlucht von St. Sulpice über den Wassern der Reuse zu brauen begannen, vertrieben mich. Ich bestieg den Schnellzug und erst in der Riesenhalle des Bahnhofs zu Lyon verließ ich ihn wieder.

Beim Verlassen des Bahnhofs, auf dem weiten Zufahrtsplatz – es war am helllichten Tag – machten sich zwei zudringliche Knaben an mich. Sie mochten höchstens acht, vielleicht zehn Jahre alt sein, und ich glaubte, daß sie mir die Schuhe wichsen oder Zündhölzchen verkaufen wollten. Aber sie boten eine ganz andere Waare feil. Des femmes nannten sie's. Sie waren freilich nicht eigentlich die Verkäufer, sondern nur Führer, Führer oder Verführer, wie man will. Aber sie rühmten ihre Waare deswegen nicht mit geringerem Enthusiasmus, jeder wollte das beste und schönste auf Lager haben. Sie nannten ihre Führerpreise, sie steigerten sich gegenseitig herunter, und sie vollführten dabei, wie echte Marktschreier, einen wahren Höllenlärm: Vous me donnerez vingt sous. Vous ne me donnerez que quinze. Rien que dix. Rien que cinq – quatre – trois. Oh, Monsieur, vous ne me donnerez rien du tout.

Ich war mit einem Ruck in eine andere Welt geraten, in eine nicht nur landschaftlich, sondern auch moralisch andere Welt. Dort oben auf dem Jura und im Val de Travers mochte man noch so rein die französische Sprache sprechen, mochte sogar fortschreitend die französische Sprache die deutsche vergewaltigen: in ihrem ganzen Denken und Empfinden war diese Welt christlich-germanisch, d. h. protestantisch. Politisch gab es dort Liberale und Radikale, die Radikalen waren die besten Christen. Es gab auch zwei Kirchengemeinschaften, eine freiere, vom Staat vertreten, und eine davon losgelöste orthodoxere, die ihren Kultus auf eigene Kosten bestreiten mußte. Aber der Unterschied zwischen beiden war lächerlich. Der Pfarrer von Môtiers, der die Verfolger Rousseau's in Schutz nahm, genau wie sein Amtsvorgänger des vorigen Jahrhunderts, war ein liberaler Staatspfarrer. Interessant aber ist es immerhin, daß es die Republik nicht mit der orthodoxen, sondern mit der freieren Kultusform hält. Wenn das Land preußisch wäre, würde man wahrscheinlich etwas anderes erleben.

Und das Land war einmal preußisch. Es war's damals, als Rousseau hier von Dorf zu Dorf verfolgt wurde. Und der König von Preußen hieß damals Friedrich der Große.

In Lyon begann eine andere Welt. Man könnte sie die romanisch-katholische nennen. Denn deutsch-katholisch (auch ohne Ronge) ist nicht dasselbe. Der deutsche Ultramontanismus ist protestantischer als er selber weiß. Ein Herr von Rintelen ist weder in Frankreich noch in Italien denkbar. Ultramontan sein heißt also jedenfalls nicht, daß man so sei wie jenseits der Berge.

Etwas gemahnte mich auch in Lyon an den Protestantismus. An der Kathedrale von St. Jean waren am Portal und ringsherum allen Heiligen die Köpfe abgeschlagen. In Deutschland that das die Reformation, in Frankreich besorgte es die Revolution. Beide bewiesen damit augenfällig, daß sie Kinder eines Geistes sind. In der ganzen Kathedrale zu Lyon sind nur die Glasbilder hoch über dem Chor unversehrt geblieben; es sind Propheten und andere große Männer der Vorzeit, die aus fast viereckigen Augen, denn die ganzen Gestalten sind mosaikartig zusammengesetzt, mit furchtbarem Ernst auf einen niederschauen. Mir aber wurde bei ihrem Anblick freudig zu Mut. Diese hohen ernsten Vorweltsgestalten gaben mir die Gewißheit, daß es doch noch Regionen gibt, wo die moralisch-sozialistisch-evangelische Gleichmacherei nicht hinreichen kann.

Eine deutsche Reichsstadt war übrigens auch Lyon. Denn was war nicht alles schon deutsche Reichsstadt im Laufe der Jahrhunderte, wo das Deutsche Reich so allumfassend, aber so gar nicht allmächtig war! Heute gehört Lyon zu den vier bedeutendsten Städten Frankreichs, und es ist kein Wunder, wenn die Stadt blühend und wohlhabend ist seit alter Zeit. Seit alter Zeit hat sie, dem Sprichwort zum Trotz, ihre Seide gesponnen, welche einträgliche Spinnerei sich daselbst immer umfangreicher entwickelt hat, so daß sie heut auf über 100 000 Webstühlen betrieben wird.

Lyon gehört aber nicht nur zu den größten und reichsten, sondern auch zu den drei schönsten Städten Frankreichs. Deutschland hat Hunderte von mittleren Städten in entzückenden Lagen, seine ersten Städte sind in dieser Hinsicht aber selten begünstigt. Berlin, Hamburg, München können sich nicht annähernd mit Paris, Marseille und Lyon messen. Zwei bedeutende Flüsse, man könnte sagen Ströme, fließen in Lyon zusammen und zwar mitten in der Stadt, wodurch eine Dreigabelung von Wasserstraßen entsteht, die man selten wieder finden wird. Ringsum ist die Stadt von malerischen Anhöhen umgeben. Die bedeutendste davon ist La Fourvière. Sie trug früher auf ihrem Gipfel eine bescheidene Wallfahrtskapelle. Jetzt hat man sie neu gebaut und fast einen Dom daraus gemacht. von dessen Thurmzinnen und Dachbrüstungen aus man, wie vom Himmel herunter, auf die wimmelnde Stadt niederschaut.

Es muß eine starke und selbstbewußte Religion sein, die immer wieder Kirchen auf hohe Berge baut. Der Protestantismus hat es nie gethan. Er muß seinen Anhängern nicht zugetraut haben, daß sie um nichts, als einer langweiligen Predigt willen, Berge erklommen hätten, was doch die Juden dem Worte Jesu zu lieb gethan haben. Der Katholizismus muß sich zu aller Zeit mehr Anziehungskraft zugetraut haben.

Doch kann man dieser Betrachtung auch eine andere Wendung geben. Indem der Katholizismus vielfach die entzückendsten Aussichtspunkte mit Kapellen besetzt hat, hat er eben doch wieder nur bewiesen, daß er es versteht, die Menschen auch an ihrer sinnlichen Seite zu packen, wodurch er dann zugleich, gewollt oder ungewollt, eine Art Heiligung oder Heiligsprechung der Sinne vollzogen hat, die dem reinen Protestantismus ein Greuel ist, als welcher darum mit Recht dem Katholizismus den Vorwurf des Heidentums macht. Der Weg zu Notre Dame de la Fourvière ist besonders angenehm; man wandelt auf der ganzen Strecke durch einen öffentlichen Garten, der an Schönheit dem Paradiesgarten nicht viel nachgeben mag.

In Lyon fängt der französische Süden an. Die Kathedrale St. Jean ragt zwar noch mit nordisch düsterer Gotik in die heitere Welt hinein, und ihre 20 000 Pfund schwere Glocke mag einen recht brummigen Ton haben. Allein man bekommt diesen Ton kaum zu hören. Man hört vielmehr, wie durch den ganzen Süden hin, von allen Türmen nur heitere, helle Glockenspiele. Dieses spielende Gebimmel, im Gegensatz zu dem vollen Geläut der nördlichen Länder, ist das erste Zeichen des Südens. Unserm deutschen Geschmack entspricht es nicht. Es erscheint uns als eine kindische Spielerei. Ja man wird geradezu nervös bei diesen kurzen abgebrochenen Metalltönen, die lange nicht immer so angenehm klingen, wie das Ambosgehämmer einer alten Dorf- oder Waldschmiede. Sie werden auch seit neuerer Zeit wahrscheinlich durch elektrische Vorrichtungen bewerkstelligt.

Von Lyon an südlich ragt nun auf Schritt und Tritt das antike Heidentum in die lebendige Welt herein. Schon in Vienne steht neben der uralten christlichen Basilika von St. Peter und der urgotischen Metropolitankirche von St. Moritz ein ganz unversehrter römischer Tempel korinthischen Stils, den man, wie den berühmteren zu Nîmes, in der Landessprache etwas prosaisch die maison carée heißt. Ueberreste eines römischen Cirkus sind ebenfalls vorhanden.

Indem man nun weiter die Rhone hinunterfährt, macht man eine höchst überraschende Beobachtung. Auf den Höhen, die den Strom begleiten, sieht man überall umfangreiche alte Ringmauern sich erheben. Das waren mittelalterliche Städte. Sie existiren auch heute noch, sie haben sich nur herunter in die Ebene verlegt. Ihre Mauern aber haben sie oben zurückgelassen wie abgelegte Häutungen, die nun zerfallen mögen in Wind und Wetter. So gründlich hat man in diesen Gegenden das Mittelalter ausgezogen, oder vielmehr man hat sich selber aus dem Mittelalter herausgezogen. Bei uns ist man viel mehr darin stecken geblieben.

Natürlich hatte hier das Mittelalter überhaupt nicht so viel Raum als bei uns. Das Altertum hat in diesen Gegenden zu lange fortgedauert, innerlich und äußerlich. In Orange steht ein Triumphbogen, wie man in Rom keinen schöneren sieht. Er hat drei Arkadenreihen und ist wunderbar erhalten: Ueberhaupt kann man in dieser Stadt keinen Schritt machen, ohne auf Reste alter römischer Herrlichkeit zu stoßen. Eine Stadt des Deutschen Reiches war natürlich auch Orange und Kaiser Karl IV. hat hier eine Universität gegründet.

Der höchste Stolz dieser Stadt ist das wohlerhaltene Amphitheater. Und hier habe ich durch meine Streifereien im Jura etwas versäumt. In diesem Amphitheater hatte nämlich im Verlauf des Monats August – es muß schön heiß dabei gewesen sein – eine Truppe Pariser Schauspieler, hauptsächlich von der Comédie française, den ganzen Sophokles aufgeführt. Natürlich nicht griechisch, sondern in gereimten französischen Alexandrinern, und auch nicht auf dem Kothurn, sondern höchstens auf den Stelzen des französischen Deklamationspathos. Es wird also nicht viel anderes dabei herausgekommen sein, als wie zu Paris in der Comédie française auch, wenn eine Racine'sche Phädra oder dergleichen gegeben wird. Das wäre am End den Schweiß nicht wert gewesen. Aber das Publikum müßte interessant gewesen sein. Alfonse Daudet und Frédéric Mistral waren da und mit ihnen viele Vertreter des französischen Geistes. Und da werden denn auch die Damen nicht gefehlt haben. Die südlichen Schönheiten mögen manchmal in wundersamem Kranz vereinigt gewesen sein. Ich aber habe das alles versäumt, ich streifte während dessen auf grünen Weiden; ich konnte sagen dies perdidi – wenn ich wollte.

* * *

Von Orange ist es nicht mehr weit nach Avignon. Diese Stadt sieht ausnahmsweise wieder mittelalterlicher aus. Sie war nicht umsonst, als Residenz des Papstes, sozusagen einmal die Hauptstadt der Christenheit.

Wenn man von Norden, von Orange herkommt, ist ihr Anblick überraschend. Man gewahrt dann fast nichts von der Stadt, man sieht nur, fast unmittelbar über dem Strom, einen hohen Felsen aufragen, der eine weitläufige, mittelalterliche, feste Burg trägt. Das ist die ehemalige Residenz des Papstes, ein ungeheurer unregelmäßiger Mauerkoloß mit nur wenigen kleinen Fensterchen. Finsterer kann man eine so entzückende Gegend nicht anschauen. Vom Bahnhof führt eine glänzende Straße zur Burg und zur alten Stadt empor. Um die Burg selbst sieht es nichts weniger als glänzend aus. Der Platz um sie her ist abschüssig und bucklig. Zwischen dem Pflaster sieht oft der lebendige Fels hervor. Vor dem Burgthor geht eine Schildwache auf und ab, ein kleiner rothosiger Infanterist. Die alte Priesterzwingburg ist eine Burg des modernen Militarismus geworden, eine Kaserne. Ein freundlicheres Aussehen hat sie davon nicht bekommen.

Während ich, in allerlei Betrachtungen versunken, über den unbeholfenen Platz hinwandelte, bemerkte ich auf einmal, daß mir verschiedene Gegenstände vor die Füße flogen, und bald gewahrte ich ein Häufchen Gassenbuben, die in den engen Seitengassen auftauchten, wo sie wie kleine schwarze Teufelchen zusammen tuschelten und mir bald heißneugierige, südliche Blicke, bald andere Dinge zuwarfen. Ich ergötzte mich eine Zeit lang an den drolligen Kerlchen und räumte dann den Platz. Eh! Monsieur l'Anglais! rief es mir nach in dialektisch gefärbter Aussprache.

Das Land wird so selten von Deutschen besucht, und die wenigen, die hinkommen, mögen aus begreiflichen Gründen ihre Nationalität nicht unnötig an den Tag legen; so werden sie ohne weiteres zu den Engländern gerechnet, die hier schon eine häufigere Erscheinung sind. Als Fremder aber wird man leicht erkannt. Man müßte sich nur absichtlich verkleiden, ich meine, man müßte aufs strengste der hier herrschenden Mode huldigen. Denn je weiter man nach Süden vordringt, desto uniformirter sind die Menschen gekleidet, desto peinlicher halten sie sich an die Mode.

Man schreibt allgemein den Südländern eine reiche Phantasie zu. Mir scheint das ein gewaltiger Irrtum zu sein, eine grobe Verwechselung. Was den Südländer auszeichnet, ist Temperament und Lebhaftigkeit des Geistes, die ihn zu raschen Verknüpfungen der Gedanken und Vorstellungen im hohen Grad befähigen, also auch zu allerlei Art Erdichtung, Lüge und Aufschneiderei. Das ist aber doch nicht Phantasie. Phantasie schafft eigene neue Welten und bevölkert sie mit ihren eigenen Ausgeburten, mit Ungeheuern jeder Art. Und auch in den Dingen der wirklichen Welt sieht sie nicht sowohl die zu Tage liegende Erscheinung, als etwas dahinter verstecktes, eine Beseelung, ein Geisterwesen, einen Spuk, die sie sich unter den willkürlichsten Formen denkt.

Die Phantasie gedeiht viel leichter in dem gebrochenen, unklaren, neblichten Lichte des Nordens, als in der hellen Sonne des Südens. Verschwommene Zustände und verschwommene umrißlose Formen lassen sie wachsen und stark werden. In einer Welt des klaren Lichts und der fest begrenzten hellen Körperlichkeit erstirbt sie. Aus der Phantasie geboren sind die Göttergestalten der nordischen Völker; die Götter Griechenlands verdanken ihren Ursprung dem klarsten Wirklichkeitssehen und einem daraus entspringenden hochentwickelten plastischen Sinn.

Phantasiemenschen haben sich zu aller Zeit schon durch ihre äußere Erscheinung als solche ausgewiesen, diesen Modesklaven des Südens sieht man es auf eine halbe Stunde Weges an, daß sie ein phantasieloses Geschlecht sind. Sogar ihr schneller Geist ist ein Beweis ihrer Phantasielosigkeit. Wer eine tiefe Phantasie hat, ist befangen und unbeholfen den nüchternen Alltagsherrlichkeiten des Geistes gegenüber. Der Südländer ist geistig nüchtern. Um so leichter freilich berauscht sich sein Blut. Und das Blut berauscht sich nicht an Phantasien, sondern an Leidenschaften und Begierden, die sich an die Wirklichkeit, an die Erde festhalten mit klammernden Organen.

Hinter dem päpstlichen Schloß liegt eine freie Terrasse, die nach vorn keinen anderen Abschluß hat, als den lotrechten Absturz des Felsens. Hier thut sich einem ein wunderbarer Anblick auf. Unmittelbar unter dem Beschauer, in schwindelnder Tiefe, ein breiter viel gewundener Strom mit zahllosen Städten, und weiterhin scharfgratige Felsberge mit Burgen und Stadtruinen. Es ist ein Bild, wie es der Versucher dem Herrn gezeigt haben mag, als er ihn verführen wollte mit den Herrlichkeiten dieser Welt. Nach Südosten sieht man weit in das Thal der Durance hinein, und gerade aus, über die Ebene hinweg, bis nach Vaucluse hinüber.

Ich dachte dennoch nicht an den Dichter Petrarka. Meine Gedanken verweilten bei einem anderen, bei einem vergessenen deutschen Schriftsteller, der vor mehr als 100 Jahren – Avignon war noch päpstlich – auch auf dieser Stelle saß. Er schrieb: »Auf diesem schönen Vorplatze des geistlichen Palastes soll zu Zeiten ein gewaltiger Zugwind herrschen, der über die französische Grenze herkommt, und dem Legaten, der nie viel Gutes von daher erwartet, oft den Atem versetzt. Heute, zu meinem Vergnügen, ruhte er im Abendglanze der Sonne, die gerade über ihm stand, als ob sie meiner wartete. Mit welcher Freundlichkeit begrüßte sie hier den ersten Tag des Jahres, den sie höchstens nur matt bei Euch überschimmert! O, Ihr armen erfrorenen Berliner! Wie glücklich suhlte ich mich in diesem Augenblicke gegen Euch, da ich an den beschwerlichen Kreislauf zurückdachte, in welchem Euch das neue Jahr zu dem albernsten Vertausche abgenützter Wünsche herumtreibt, die Ihr mit erstarrender Zunge einander feil bietet, während dem ich mich im Sonnenscheine gleichsam badete, und nur in Gedanken fror, wenn ich mich unter die Sonne meiner Heimat versetzte. Wahrlich, es scheint nicht dieselbe zu sein – so unvergleichbar ist sie sich selbst in dieser Verschiedenheit. Ich stand lange ganz unbeweglich auf diesem Sonnenplatze, sog ihre wohlthätigen Strahlen ein, wie die Säule des Memnon, und daß ich auch nicht ohne Klang war, zeigt Dir die Harmonie meiner Rede.«

Das sind Worte eines Vergessenen. August Moritz von Thümmel schrieb sie in seiner »Reise in die mittägigen Provinzen von Frankreich«. Und nicht an den Dichter Petrarka und seine Laura dachte ich, wie ich so saß, an dem abstürzenden Felsen, hoch über Hunderten von Städten, hoch über der Rhone und der Durance; an August Moritz von Thümmel mußte ich denken und an sein Klärchen von Avignon.

Eigentlich ist das eine recht schmutzige Geschichte, diese Klärchengeschichte. Und sie wird dadurch nicht besser, daß sie in einen unendlichen Brei von Geschwätzigkeit eingehüllt ist. Aber gerade deswegen mußte ich daran denken. Denn unseren Großvätern und Großmüttern hat diese Geschichte sehr gefallen, sie haben sie mit Entzücken gelesen, Thümmel ist ein berühmter Mann durch sie geworden. Zugleich mußte ich an die litterarischen Kämpfe der Gegenwart denken.

Ich mußte denken, mit welcher tiefen sittlichen Entrüstung fast die gesammte deutsche Presse diejenigen Schriftsteller brandmarkte, die eine Litteratur anstrebten, welche von Männern für Männer geschrieben wurde, im Gegensatz zu der landläufigen, die von Backfischen und alten Jungfern für alte Jungfern und Backfische geschrieben wird. Ich mußte besonders denken, daß man diese Schriftsteller nicht an ihrem Talent und an ihrer künstlerischen Bildung angriff, wo vielleicht viel anzugreifen gewesen wäre, sondern daß man nur immer und immer wieder ihre sittlichen Intentionen verdächtigte. Ich mußte denken, daß wir es in der Sittlichkeit wirklich herrlich weit gebracht, so weit, daß unsere unsittlichen Großväter und Großmütter sich geradezu vor uns schämen müßten.

Zwischen diesen Gedanken fiel mir noch ein anderer Vergessener ein: Varnhagen von Ense. Es war zur Zeit des Jungen Deutschland. Varnhagen las einer vornehmen Gesellschaft ein Buch. Die ganze Gesellschaft war sittlich entrüstet. Je weiter die Lektüre ging, desto höher stieg die sittliche Entrüstung, und alle erklärten einstimmig, das sei nun das frechste und unsittlichste Buch, das man bis jetzt vom Jungen Deutschland kennen gelernt habe. Das Buch aber hieß »Die schwedische Gräfin« und sein Verfasser – Christian Fürchtegott Gellert.

Wir sind vielleicht nur deshalb so ungerecht in unseren Urteilen, weil wir ein so schlechtes Gedächtniß haben.

»Nur in Gedanken fror ich, wenn ich mich unter die Sonne meiner Heimat versetzte«, schrieb August Moritz von Thümmel auf der Felsterrasse zu Avignon. Ich habe auch in Gedanken gefroren, indem ich mich in die Gedanken meiner Heimat versetzte. Man sollte freilich, wenn man in den Süden reist, die Gedanken seiner Heimat daheim lassen, auf daß es wahr werde, was Nikolaus Lenau singt:

Welche Freude fühlt der Wanderer,
Zieht er so im Frühlingsstrahle
Durch die schönen, liedervollen,
Wonnigen Provencerthale!

Aber diese Freude, von welcher der freudlose Dichter des Savonarola und der Albigenser zu singen weiß, wird eigentlich recht selten erlebt. Denn mag auch von allem, was die Poeten an dem Wunderlande preisen, ihm nichts abgehen, so fehlt ihm doch gewöhnlich der Wanderer, der sich darüber freuen könnte.

* * *

Manches haben die Provençalen vor uns voraus, z. B. einen gewissen romantischen Schmutz in ihren Städten. Damit streifen sie die ewige Poesie des Orients. Arles besitzt vor der Stadt eine wunderschöne Platanenallee. Das ist für den größten Teil der Einwohner der Ort, den man sonst, mit einem lateinischen Worte, den Ort kurzweg nennt. Dort wandelt man nicht ungestraft unter – Platanen. An anderen Orten, z. B. zu Hières, sind es Palmen.

Zu Aix gibt es mit Recht eine Rue Zola. Es ist eine neuere Straße vor der Stadt, und in der Nähe geht es terrassenartig eine Anhöhe hinauf, die von Oliven bestanden ist. Es ist nicht die Gegend, wo die Sonne aufgeht, aber etwas anderes geht jeden Morgen hier auf. Ich bin manchmal in der Frühe des Weges gekommen, um eine Wanderung nach den Höhen zu machen: Da waren sie dann hier aufgegangen, seltsame Monde, hundertweise gleich; sie hockten auf zwei Beinen und ließen ihren Schein der Stadt entgegenleuchten. Schade, daß Armand Sylvestre zu Paris diesen pluralen Mondaufgang nie gesehen hat, er hätte ein grandioses Gedicht daraus gemacht. Denn dieser Dichter dichtet, trotz seiner »Grisélides«, von nichts lieber als von solchen Monden, und man könnte seinen Naturalismus die Kehrseite des Zola'schen nennen. Aber das muß man ihm lassen, diese Kehrseite behandelt er mit Humor. Den Humor hat Armand Sylvestre vor Emile Zola voraus – so wie der Süden die Poesie des Schmutzes vor dem Norden voraus hat.

In anderen Dingen wieder sind wir »romantischer« als die Romanen. Wir sind es vor allem im Vagabundenwesen. Darin stehen jene weit hinter uns zurück. Der reisende Handwerksbursche und sonstige Stromer, diese malerische Staffage unserer deutschen Landstraße, dieser ideale Wanderer, der seinen Beruf wie eine heilige Kunst treibt, der wandert allein um des Wanderns willen,

Er zieht nicht im Frühlingsstrahle
Durch die schönen, liedervollen,
Wonnigen Provencerthale.

Ebenso wenig wie den »armen Reisenden« sieht man hier die andere Art Fahrender, die sich von jenem, doch nicht immer, durch einen minder malerischen Habitus unterscheiden: ferienbeglückte Scholaren und Scholarchen, lyrische Poeten und Schreiber aller Kategorien. Auch sie sind spezifisch deutsches Nationalerzeugniß. In diesen romantischen Gegenden fällt es Niemand ein, Landstreicher aus purem Vergnügen zu werden.

Als ich in Nimes von der höchsten Zinne des Amphitheaters herunter die Stadt genugsam aus der Vogelschau betrachtet hatte, wollte ich sie mir auch etwas näher und von unten ansehen. Ich schlenderte also durch die Straßen. Es war in der Abenddämmerung. Vor einem Laden standen ein paar ehrsame Bürger beisammen, deren Aufmerksamkeit ich erregte. Ich merkte, daß sie sich über mich äußerten, und ich horchte. »Diese Engländer«, sagte einer, »sind ein närrisches Volk. Was sie nur davon haben mögen, so in fremden Städten herumzulaufen. Sie müssen ihre Heimat wenig lieben.« Der Mann sprach aus, was in Frankreich jeder denkt und empfindet.

Auch hier wurde ich wieder kurzweg für einen Engländer gehalten. Der deutsche Tourist ist eben hier noch unbekannt. Er geht, wenn er doch einmal das Geld für eine so weite Reise ausgibt, lieber vollends nach Italien. Und seit dem Spionagegesetz des Herrn Boulanger meint man gar, man könne in Frankreich keine Landschaft mehr ansehen, ohne einen Gendarmen auf die Fersen zu bekommen. Andere sind zu gute Patrioten; sie halten es, dem Beispiele der Franzosen folgend, mit ihrem vaterländischen Gewissen für unvereinbar, dem Erbfeind Geld ins Land zu tragen. Wenn sie es hinschicken, für Modekleider z. B. und für Modestücke des Theaters, das beschwert dann ihr Gewissen nicht. Oder sie kommen nicht nach Frankreich, weil sie nur nach Paris gehen, weil sie Paris für Frankreich halten. Und das ist ja auch die Meinung der Franzosen. Frankreich kennt sich selber kaum. Andere sehen vor Bäumen den Wald nicht, die Franzosen sehen vor lauter Hauptstadt Frankreich nicht.


 << zurück weiter >>