Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Eine Osterwanderung im Elsaß

I.

Ich betrat Elsaß bei Straßburg. Ich sage bei Straßburg; denn ich verließ die Eisenbahn in Kehl und ging zu Fuß über den Rhein. Wer die Landkarte nur so obenhin anzuschauen pflegt, denkt sich Straßburg vielleicht als am Rheine liegend; mein Weg müßte ihn eines Bessern belehren. Ich selber hatte mich verrechnet, trotz wiederholter Erfahrung.

Doch die Mühe dieser Wanderung lohnte sich. Einmal bekommt man dabei einen überraschenden Begriff von einem ganz ungeahnten Straßburg extra muros, von einer Villenstadt, die an Ausdehnung hinter dem alten Straßburg kaum zurücksteht; und zum andern hat man aus dem langen Wege ausgiebige Gelegenheit, sich einer gründlichen und ungestörten Betrachtung des Münsterturms hinzugeben, der gerade von hier aus gesehen den wunderbarsten Eindruck macht. Ueber dem Dächerwerk der Stadt steigt er empor, in unglaublicher Höhe, leicht und frei, eine blühende Riesen-Königskerze, bald sich dunkel aus dem Aether hebend, bald blitzend von Sonnenlichtern, je nach der Tageszeit. Und mit aller Bequemlichkeit genießt man hier den zaubervollen Anblick, ohne daß man, wie drinnen in den Straßen, Gefahr läuft, sich ein steifes Genick zuzuziehen.

In der Stadt ließ ich alles beiseite, was Touristen wohl besuchen mögen. Die Wilhelmer-Kirche mit ihren hervorragenden Glasgemälden und mittelalterlichen Skulpturwerken hatte ich schon öfters besucht, und doppelt gern schenkte ich mir die Thomaskirche mit dem berühmten Mausoleum des Marschalls Moritz von Sachsen, dem ich noch nie viel abgewinnen konnte.

Ich beschränkte mich ausschließlich auf das Münster, das ja an sich schon eine ganze Welt von Wundern darstellt, in der man, so oft man sie schon bereist haben mag, immer wieder neue Entdeckungen macht.

Das größte daran ist die Fassade. Sie ist wohl die schönste der Welt.

Man muß freilich sehr viel andere gesehen haben, um dieses Urteil aussprechen zu dürfen. Die Fassade der Notre-Dame zu Paris ist sehr schön. Sie ist von schlichter Größe und in den Einzelheiten besonders ist sie von höherer künstlerischer Vollendung. Aber es fehlt viel, daß sie im ganzen den geheimnißvoll überwältigenden Eindruck machte wie die Fassade zu Straßburg. Die Fassade der Kathedrale zu Reims müßte sich, abgesehen von ihren vielfachen Verwitterungen, dünn und schmächtig neben der Straßburger ausnehmen, und die Kathedrale zu Rouen – der gotikreichsten Stadt der Welt – ist bei allem Zauber ihrer Spätgotik doch auch schon reich an vielen willkürlichen und störenden Ueberladungen. Die Fassade des Kölner Doms dagegen ist zu einförmig-, zu planvoll- zu regelmäßig-, zu phantasielos-spitzgiebelig, sie ermangelt dadurch der höchsten künstlerischen Wirkung. Sie riecht allzusehr nach der Reißschiene. »Ein schneidiges Lokal,« hat jener Leutenant der fliegenden Blätter genäselt. In dem Wort lag ein ungeahnter tiefer Sinn. Nur ein Mathematiker, kein Künstler, könnte der Kölner Fassade den Vorzug vor der Straßburger geben. Die Kathedrale zu Bourges endlich, die einfachste und zugleich die gewaltigste der Welt, hat sozusagen gar keine Fassade. Die ganze Größe dieses Wunderbaues liegt in seinem Organismus.

Im Innern des Straßburger Münsters konnte man die Chorlosigkeit störend empfinden. Denn diese romanische Apsis ist kein Chor. Den Chor hat erst die Gotik eigentlich entwickelt. Und wie hat sie ihn ausgebildet in den französischen Kathedralen, zu einem weiten, wundersamen, heiligen Labyrinth von Nischen und Kapellen, voll geheimnisreichen farbigen Dunkelheiten.

An farbigen Dunkelheiten ist das Straßburger Münster dennoch reich, trotz seines einzig hohen und weitgespannten Raumes. Das machen seine wunderbaren Fenster. Es befinden sich darunter die ältesten und schönsten Glasmalereien der Welt.

Was aber sieht das Volk an, wenn es, von fremd herkommend, das Straßburger Münster besucht? Es bestaunt den Turm, weil er so hoch ist; denn es begreift, daß es eine Kunst ist, mit irdischem Steingefüge so hoch in den Himmel emporzukommen. Noch mehr aber begafft und bewundert das Volk etwas anderes: die berühmte Uhr. Sie ist dem Volk der Bauern und Handwerker und andern, die zum Volk gehören, ohne daß sie sich dazu rechnen, viel wichtiger und bewunderungswürdiger als das ganze Münster. Die bekannte Sage über den Verfertiger des kunstreichen Mechanismus und sein grausames Schicksal beweist dies klar; um Erwin von Steinbach hat das Volk keinen Mythos gewoben.

Das höchste Geistige im Volk ist praktischer Verstand; was es bewundern soll, muß, wenigstens teilweise, von diesem Verstand ergriffen werden können. Darum wird beim Volke der Prediger mehr Glück haben als der Dichter, und der Dichter um so mehr, je mehr er selber, sei es durch den Pathos des Vortrages oder durch die Lehrhaftigkeit des Inhalts, dem Prediger nahe kommt. Die Kunst insbesondere ist in der Auffassung des Volkes nicht sowohl die Offenbarung höchster Schönheit, als eben eine schwere Sache; und der gemeine Mann wird ein Kunstwerk immer genau in dem Maße bewundern, als er die Schwierigkeit der technischen Herstellung einsieht. Das Volk bewundert die Uhr höher als das Münster.

Und es gehören viele zum Volk, die es sich nicht träumen lassen.

* * *

Die Deutschen sind in Sprachsachen das fackeligste Volk der Welt. Elsaß-Lothringen haben sie zurückerobert; ob sie aber ›der Elsaß‹ oder ›das Elsaß‹ sagen wollen, darüber werden sie sich sicher in Ewigkeit nicht einigen. Ein volles Menschenalter hat daran nichts geändert.

Im Elsaß selbst hat dieses Menschenalter an den sprachlichen Verhältnissen zum Glück mehr geändert. Vor allem in Straßburg.

Am deutschesten sind natürlich – wenige Ausnahmen abgerechnet – die Wirtshäuser geworden. Ich aß im Bratwurstglöckle zu Abend, und außer der deutschen Sprache ›imponierte‹ mir hier noch ein anderer Ausdruck des Deutschtums. In dem Saal aßen viele Offiziere und Einjährige, und so oft ein Offizier den Raum betrat, schnellte es von allen Seiten derartig schnurstracks in die Höhe, als ob der Eintretende aus den Knopf eines geheimnißvollen Uhrwerks getreten wäre. Mir lief dabei jedes Mal ein patriotischer Schauder den Rücken hinunter; ich dachte:

»Lieb Vaterland magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«

Am meisten französisch gebärdet sich im Elsaß die katholische Geistlichkeit. Sie hat überall nicht nur die französische Tracht beibehalten, sie hängt auch überall in der Oeffentlichkeit die französische Sprache heraus. Und was sie für eine Politik treibt, weiß man ebenfalls. Man kann ihr aber deswegen nicht einmal einen Vorwurf machen. Wie mir scheint, und wie ich es auch schon anderorts ausgesprochen habe, liegt vielmehr die Hauptschuld an der deutschen Politik, die offenbar in diesem Fall wieder einmal gar nicht, oder sehr übel beraten war, vielleicht von Leuten, denen Kirchentum höher gilt als Deutschtum; denn solche Leute soll es geben.

Ich möchte aber wissen, was man gedacht hat, als man in Straßburg eine Universität und eine protestantisch-theologische Fakultät gründete, die Katholiken aber ausschloß und deren Priester wie vorher in französischen Seminarien weiter erziehen ließ. Diese Politik ist in erster Linie kaum von deutschnationalen Beweggründen ausgegangen. Wenn ich nicht irre, verrät sie vor allem etwas: eine gewisse Angst vor dem Katholizismus. Angst sollte man aber nie verraten, am wenigsten in der Politik.

Es wird aber alles nichts nützen, weder das französische Predigen im Münster, noch das französisch Parlieren von einigen höheren Töchtern und ihrer Frau Mutter: wo eine deutsche Regierung ist und ein urdeutsches Volk, da ist auch eine deutsche Stadt. Und das ist Straßburg. Das war Straßburg sogar immer, auch ohne deutsche Regierung.

Als ich in den ersten Jahren nach dem Kriege, noch sehr jung, zum ersten Mal nach Straßburg kam, sah die Stadt äußerlich sehr viel französischer aus als heute. Aber das war nur Anstrich, und das deutsche Kernholz sah überall hervor.

An ein Goethedenkmal dachten wir damals noch nicht; aber mit echt jugendlichem Uebermut und studentischem Chauvinismus sangen wir:

In Straßburg, im schönen Straßburg allhier,
In Straßburg singen und kneipen wir,
In Straßburg.
Von allem was Straßburg kennt und nennt
Das deutscheste ist der deutsche Student
In Straßburg.

Trinkt, daß das Kneipen in Ehren bleibt!
Die alten Deutschen schon haben gekneipt
In Straßburg.
Und Herder und Goethe haben wie wir
Gesungen und gekneipt allhier
In Straßburg.

Herr Geiler der Mann vom deutschen Wort
Hat auch gekneipt allhier am Ort
In Straßburg.
Und Murner und Sebastian Brand
Sie haben die deutsche Kneipe gekannt
In Straßburg.

Und der große Mann, der deutsche Mann –
Zieht die Mütze, daß ich ihn nennen kann
In Straßburg –
Ja der Gutenberg nach manchem Tag
Voll Mühen und Schweiß des Kneipens pflag
In Straßburg.

Und Meister Gottfried und Fischart auch
Sie haben gekneipt nach deutschem Brauch
In Straßburg.
Die Franzosen aber vor lauter Licht
Sie sehen hier die Deutschheit nicht
In Straßburg.

Die Franzosen sind das Licht der Welt,
Herr Viktor Hugo hat's ausgeschellt,
Die Franzosen.
Die Franzosen sehen vor lauter Licht
Die Dinge vor ihrer Nase nicht,
Die Franzosen.

O, kommt einmal einer zur Kneipe herein,
Dann grüßt ihn deutsch, dann schenkt ihm ein,
Dem Franzosen!
Herr Platon und Sokrates haben gekneipt,
Entsetzen aber von hinnen treibt
Den Franzosen.

Der Franzose die deutschen Humpen sieht,
Um's Ohr ihm rauscht das deutsche Lied,
In Straßburg.
Da wird dem Franzosen wind und weh,
Da rufen wir lachend adee, adee
Für Straßburg!

Wenn nur Metz so deutsch wäre wie Straßburg! Aber dort sieht es anders aus. In der dortigen Kathedrale – die auch noch heute unter dem Metropoliten von Nancy steht – fühlt man sich ganz und gar in Frankreich. Gleich daneben liegt ein Gasthof mit dem romantischen Titel zum »Mondschein«. Es ist aber kein deutschlyrischer Mondschein, sondern ein französischer » Clair de lune«. Der Besitzer heißt zwar Metzger, nennt sich aber Monsieur »Metsché«.

Ich besuchte Metz im letzten Sommer auf meiner Heimreise von Paris. Als ich, nicht sehr erbaut, daselbst wieder abfuhr, nach Deutschland herein, stieg mit mir ein Fräulein von etwa zwanzig Jahren in die Wagenabteilung. Sie sprach zuerst mit dem Schaffner, den sie in verschiedenen Angelegenheiten um Auskunft fragte, und dann des längeren mit einer Freundin, die sie begleitet hatte und vor der Wagenthür stand. Und die ganze Rede war französisch. Ich erfuhr aber nachher, was ich schon geahnt hatte, daß weder die Freundin noch mein Gegenüber Französinnen seien. Beide waren vielmehr norddeutsche Beamtentöchter, meine Fahrtgenossin die Tochter eines Schaffners. Sie hatte die höhere Töchterschule in Metz besucht, wo sie während acht Jahren im Französischsprechen abgerichtet worden ist. Das wollte sie nun nicht umsonst gelernt haben, denn es war ohnehin alles, was ihr die Schule mitgegeben hatte. Und also setzte man den Brauch der Schule fort und plapperte französisch so oft man konnte, mit Freundinnen, mit Französinnen, mit wem es sich geben wollte, besonders in der Oeffentlichkeit, womit man sich in Metz obendrein einen vornehmen Anstrich gab.

Das alles berichtete sie, ganz unbefangen, als etwas Selbstverständliches.

Ich mußte mir an ihrer Stelle eine Französin denken.

Pariser Blätter aber haben schon oft mit Hohn darauf hingewiesen, daß die Deutschen in Lothringen eher französisch werden, als die Lothringer deutsch.

Das mag übertrieben sein, wie diese Blätter alles im Sinn ihres Vorteils übertreiben; aber der Stachel einer höchst betrübenden Thatsache steckt dennoch darin.

II.

Meine Osterwanderung ging von Molsheim im Unterelsaß aus und endete in Thann an der südöstlichen Ecke des Landes; sie ging, im Großen und Ganzen, so weit die elsässer Rebe geht. Die Vogesen, für die Touristen sonst die Hauptsache, ließ ich zwar nicht links, aber rechts liegen. Mir ging es wie dem Riesenfräulein des benachbarten Niedeck; ich fand unten so viel zappeliges und krappeliges, das mir alles viel interessanter vorkam als alle Felsen und Burgen auf den Bergen, wo ohnedies die Riesenfräulein längst ausgestorben sind.

Das ist ein Land zum Wandern gemacht!
Ich gab oft auf den Weg nicht acht,
Hab mich bald rechts, bald links verirrt,
Und kam doch immer zum rechten Wirt.

Wenn einer ein Land durchwandert und studiert, so wird das Ergebniß seiner Beobachtungen nicht nur nach seiner Persönlichkeit, sondern auch nach seinem Herkommen ein verschiedenes sein. Denn alle Beobachtung ist, ob wir uns dessen bewußt werden oder nicht, mehr oder weniger Vergleichung. Wer aus Baden kommt, wird Elsaß mit anderen Augen ansehen, als wer aus Hinterpommern ober Ostpreußen kommt. Der Norddeutsche wird viele Züge als spezifisch elsässisch auffassen, die doch nur süddeutsch sind. Im Allgemeinen kann man sagen, daß ein tieferer Blick dazu gehört, das mit dem Heimischen Uebereinstimmende, als das davon Verschiedene herauszusehen.

Das Uebereinstimmenste zwischen Elsaß und dem gegenüberliegenden alemannischen Baden ist die Sprache. Der Dialekt ist beiderseits fast aufs Haar derselbe. Er schien mir nur im Munde der Elsässer, wenigstens innerhalb des Bürgerstandes, weicher und geschmeidiger, was bei Organen, die sich schon seit mehreren Generationen her im französisch sprechen geübt haben, leicht erklärlich fällt. Und wie man beiderseits dieselbe Sprache spricht, so singt man auch dieselben Lieder. In Egisheim traf ich es, wie am Abend die jungen Leute des Orts, Burschen und Mädchen, vor dem Dorfe lustwandelten, genau wie in Schwaben; sie sangen zuerst »Preisend mit viel schönen Reden« und dann »Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten«.

Neben dieser Uebereinstimmung in der Hauptsache giebt es aber Verschiedenheiten genug. Schon in der äußeren Physiognomie weichen Baden und Elsaß weit von einander ab. Und zwar hat dieser abweichende landschaftliche Charakter mancherlei Ursachen. Eine davon ist die Verschiedenheit der Bodenkultur. Elsaß hat wohl zehnmal soviel Weinbau als Baden und macht deshalb am Gebirge hin einen weniger frischen, man könnte sagen einen weniger deutschen Eindruck; es nimmt sich heißer, südlicher aus.

Und so machen auch die begrenzenden Gebirge der beiden Länder, der Schwarzwald einerseits und die Vogesen andererseits, einen verschiedenartigen landschaftlichen Eindruck, lieber dem einen Gebirge geht die Sonne aus, über dem andern geht sie unter. Die Beleuchtungs- und Farbenwirkungen sind deshalb drüben ganz andere als hüben. Ein Sonnenuntergang im Elsaß muß das deutsche Auge aufs Höchste überraschen. Ich habe einen besonders schönen Fall beobachtet. Der Himmel erschien hell blaugrün. Lange Wolkenstreifen spielten zwischen dem hellsten Orange und dem dunkelsten Purpur, und die Berge darunter standen in einem so starken violetten Lichtschein, wie man ihn nur in Italien für möglich halten würde. In Baden sind solche Farben undenkbar. Wenn die Sonne über dem Schwarzwald aufgeht, so wird fast immer das ganze Gebirge in ein einförmiges graugetöntes Silberlicht getaucht erscheinen. Das ist deutscher Luftton.

Natürlich bedingt auch die Gestalt der menschlichen Wohnorte die Physiognomie der Landschaft. Die elsässer Orte erscheinen viel zusammengepackter und geschlossener als die badischen. Sie sehen alle viel mehr nach Städten aus, wenigstens die am Gebirge hin.

Im Innern der Orte muß einem, der aus Baden oder Württemberg kommt, Eines vor Allem auffallen: die viel geringere Anzahl von Wirtshäusern. Orte, die in Baden wenigstens ein Dutzend aufwiesen, haben im Elsaß deren kaum drei oder vier. Langherausgestreckte, verlockende Wirtshausschilder sieht man hier vollends fast gar nicht. Und dem Aeußern entspricht das Innere. Während sonst in Süddeutschland, besonders aber im alemannischen Baden, die Wirtsstuben die volle Behäbigkeit und Behaglichkeit einer besseren Familienstube darbieten, sehen diese elsässer Kneipen kahl und ungemütlich aus. An langen sehr schmalen Tischen stehen meistens nur Schrannen oder lehnenlose Hockerstühle. Das Ganze lädt kaum zum behaglichen Verweilen ein.

Man sieht hier deutlich den französischen Einfluß. Jedermann baut Wein und hat ihn im Keller. Und wenn auch die Elsässer, wie sie selber versichern, ebenso mannbare Trinker sind wie ihre anderen deutschen Brüder, so sind sie doch viel weniger Wirtshaushocker. Das Beste trinkt der Mann zu Haus. Im Wirtshaus trinkt er nur, gleichsam im Vorübergehen, ein Glas Bier oder einen kleinen Liqueur. Es ist dies französische Art, die man offenbar, wie alles französische, für vornehmer empfunden hat, als die ursprünglich eigene. Ich traf auf meiner langen Wanderung nur einmal eine gemütliche Wirtshausgesellschaft beisammen, in der Krone zu Dambach.

Dambach ist einer der ersten Weinorte im Elsaß; die Weinkultur ist daselbst fortgeschrittener als irgendwo. Und die Krone ist ein altehrwürdiges, vornehmes Haus, von ungeheurem Umfang, mit ganz monumentalem Treppenaufgang. Ich kam von Oberehnheim her, wo ich dem Landeskind Thomas Murner zu Ehren, der mir in manchen Stücken so lieb ist als der Doktor Martin Luther, einen Schoppen roten Ottrotter getrunken; aber ich hatte so manche Kirche und Kapelle unterwegs besucht, zuletzt die Sebastianskapelle auf dem Berg vor Dambach, wo ein großes Schnitzwerk zu sehen ist, und nirgendswo wird man bekanntlich durstiger als in den Kirchen. Ich beschloß also, an der stattlichen Krone zu Dambach nicht vorüberzugehen. In der großen saalartigen Stube, die diesmal die deutsche Wirtshausbehäbigkeit nicht entbehrte, saß der Wirt mit verschiedenen Ortsgästen beim Kaffee. Er erhob sich bei meinem Eintritt sofort, grüßte mich französisch, lud mich aber auf gut alemannisch ein, an dem Tisch der Herren Platz zu nehmen.

Der Gruß ist durch ganz Elsaß immer französisch, am ausschließlichsten bei solchen Leuten, die nicht französisch können. Man muß sich hüten, daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Es ist nichts mehr und nichts weniger als eine ganz gedankenlose Gewohnheit der Leute, die ja auch in Baden und der Pfalz schon Sitte war. Der Elsässer ist eben gerade darin recht ein Deutscher, daß ihm das Fremde vornehmer dünkt als das Eigene, und daß er den Deutschen deutsch zu grüßen für unhöflich hielte. Also nicht zum Trotz grüßen sie französisch, wie man zu glauben versucht sein könnte, sondern um einen erst recht zu ehren.

Und nicht nur dem Franzosen gegenüber fehlt es dem Elsässer am richtigen Selbstbewußtsein; er ist heute einem gewissen Deutschtum gegenüber in derselben Lage. Der junge Elsässer, der sich um die deutsche Sprache bemüht, verfährt nicht wie der gebildete Schwabe und Bayer; er entwickelt die reinere und gewandtere Umgangssprache nicht aus seinem angeborenen Dialekt heraus; er lernt einfach norddeutsch und nennt närrischer Weise seine eigene Sprache »platt«.

Ich komme zu meinen »Hämmeln« zurück, zu meinen Tischgenossen in der Krone zu Dambach, die aber nichts weniger als schafsmäßig aussahen.

Sie sprachen Politik, und sie zogen mich, obwohl ich mich dagegen wehrte, auf die liebenswürdigste Weise mit hinein. Sie äußerten sich durchweg maßvoll und billig. Daß sie durch ihre Zugehörigkeit zu Deutschland nichts verloren hätten, betonten sie selber, und als einer hinzusetzte: »aber au nix g'wonne«, lächelte er dazu spitzbübisch, als ob er sein »nix« selber nicht allzu wörtlich nähme.

Verschiedenes, was die Herren auf dem Herzen hatten, kam nach und nach heraus. Eine große Ungerechtigkeit nannten sie den Diktaturparagraphen. Er sei für Elsaß ganz gewiß nicht nötig. Einer meinte, nicht ohne Ironie: Die Elsässer deutsch zu machen, das werde doch keine so große Kunst sein. Sie seien es ja alle Zeit schon gewesen. Jedenfalls hätten sie viel Anlage dazu; sonst hätten sie nicht durch zwei Jahrhunderte französischer Herrschaft unversehrt ihre deutsche Sprache bewahrt. »Wenn Ihr Pfälzer«, rief mir einer zu, »an unserer Stelle gewesen wäret, Ihr wäret inwendig und auswendig zu Franzosen geworden.«

Ich mußte dem Mann leider heimlich recht geben.

III.

Elsaß ist an alten und bedeutenden Kunst-Denkmälern hundertmal so reich als das gegenüberliegende Baden. Man muß im Elsaß wandern, um zu erfahren, was die Franzosen (und andere!) diesseits des Rheins alles zerstört haben.

Schon in Molsheim, meinem Ausgangsort, überraschten mich die vielen alten Kirchen. Und eine Stunde davon, in Rosheim, stieg meine Verwunderung aufs höchste. Dieser kleine Ort von ungefähr 3000 Einwohnern besitzt einen romanischen Dom aus der höchsten Blütezeit dieses Stils, der sich, wenn nicht an Größe, so doch an Schönheit mit den berühmtesten Domen Deutschlands messen kann. Besonders weist er, in einer Reihe von Menschen- und Tiergestalten, so vollendete Typen der romanischen Skulptur aus, wie man sie im Norden nicht leicht wieder finden wird. Die menschlichen Figuren an den Abschrägungen des Turmes, über der Vierung, sind von höchst rätselhaftem Charakter.

Auch gelten Rosheim und das nahe Börsch für die ältesten Orte des Elsaß.

Ihnen schließt sich die alte Reichsstadt Oberehnheim an. Auf meiner Karte, aus deutschem Verlag stammend, suchte ich diesen in der deutschen Geschichte so berühmten Ort umsonst. Statt Oberehnheim stand darauf Obernai – ein Beispiel im kleinen, wie geneigt sich die Deutschen immer zeigten, eine an ihrem nationalen Besitz begangene Vergewaltigung selber gleich gut zu heißen.

In Oberehnheim ist die Kirche neu, das Rathaus aber dafür um so älter – und um so schöner. Auch ein außerordentlich schöner Ziehbrunnen liegt in der Nähe, im reinsten Stil der Renaissance, dreiseitig, auf jeder Seite mit seinen Bibelsprüchen geschmückt.

Wundern könnte es einen, daß Oberehnheim seinem berühmten Sohne Thomas Murner noch kein Denkmal gesetzt hat, dem heftigen Gegner und doch mächtigen Förderer der Reformation, der in seiner Gesamtexistenz zugleich ein Beweis ist, wie großherzig und liberal die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten sein konnte. Auf den Sockel könnte man seine Verse aus der »Schelmenzunft« schreiben:

Die schelmen zunft hab ich beschriben
Und bin uf gemeiner rede bliben.
Wo ich denn hätt in sunderheit
Troffen ein, das wer mir leit;
Denn mein meinung ernstlich was,
Niemans schelten hie us has
Sondern schimpflich zeigen an,
Wo doch irret jederman.

Von Rosheim machte ich einen Abstecher nach Ebermünster, dem uralten und berühmten, auch mit der Odiliensage eng verknüpften Benediktinerkloster. Hier hat nun längst die finstere romanische Architektur dem Renaissancestil Platz gemacht. Der aufgeklärteste katholische Orden hat auch den leichtesten und modernsten kirchlichen Stil am meisten angewandt und ausgebildet. Zuvorgethan haben es ihm nur noch die Jesuiten, die ja nicht weniger modern sind, schon durch den militärischen Geist, der sie belebt. Ich hoffe, die deutschen Fürsten werden bald einsehen, daß die Jesuiten im neuen Deutschen Reiche nachgerade sehr zeitgemäß sind. Friedrich der Große hat ja ähnlich gedacht.

Von Colmar wird in anderem Zusammenhang die Rede sein. Hier nur noch ein Wort über Rusach. In dem kleinen Orte verdient außer der Kirche wohl ein Dutzend Renaissancebauten unsere Bewunderung. Dieses Nest ist ein Nürnberg im Kleinen. Besonders könnten die Architekten hier lernen, wie man die Schönheit in der Einfachheit ausdrückt.

* * *

Das Schönste hatte ich mir bis zuletzt aufgespart, die Theobaldskirche zu Thann. Größere und gewaltigere gotische Münster giebt es viele; aber etwas reizenderes und anmutigeres, das bei aller Zierlichkeit groß ist, etwas in seinen Grenzen reicheres und in seiner Art vollendeteres kann man sich nicht leicht denken.

St. Theobold stammt nicht aus der höchsten Blütezeit der Gotik; die Kirche gehört vielmehr, wenn auch vielleicht nicht in ihrer ersten Anlage, so doch in ihrer letzten Ausführung der Nachblüte dieses Stils alt, jener Entwicklung der Gotik, die die Franzosen, höchst bezeichnend, le style flamboyant heißen. Die strengere ästhetische Auffassung spricht hier vom Verfall des gotischen Stils.

Aber auch die Straßburger Turmpyramide stammt aus dieser »Verfallzeit« der Gotik.

Außerordentlich reich ist das Portal der Theobaldskirche.

Eine hübsche Gruppe ist die Anbetung der Könige. Sie ist durch eine naive Abweichung vom Herkömmlichen interessant. Die Mutter des Kindes ruht, wiewohl im Stalle zu Bethlehem befindlich, bequem in einem mächtigen Bette; der hl. Joseph aber, dem es in Gegenwart der vornehmen Herren nicht ganz geheuer sein mochte, hat sich hinter dem Kopfende der Bettlade niedergekauert, und sein Haupt ruht auf einem artigen Nachtstühlchen.

* * *

Als ich von Thann nach Mülhausen fuhr, erlebte ich eine eigentümliche Eisenbahnscene. Ein schon ältlischer katholischer Priester und eine hübsche Frauensperson in den mittleren Jahren stiegen zusammen mit mir in eine Wagenabtheilung. Der Priester saß still, mit gefalteten Händen, wie im Gebet. Sein Gesicht hatte den Ausdruck der völligen Ergebung in den Willen Gottes. Er hätte gar nicht priesterlicher aussehen können. Aber das Aeußere kann täuschen. Der Frieden seiner Seele mußte doch nicht ganz ungetrübt sein. Denn seine Begleiterin, die ihm halbwegs den Rücken kehrte und ihr kokettes Stumpfnäschen und ein höchst geärgertes Gesicht zum Fenster hinauswandte, erweckte die Vermutung, daß man sich kurz zuvor gezankt hatte.

Lange saßen sie so in stummem Trutzen. Einmal aber rappelte sich der Priester aus seiner tiefen Ruhe auf. Er nahm aus der umgehängten Ledertasche ein schweres Portemonnaie hervor und aus dem Portemonnaie eine Geldrolle, die er der Erzürnten hinhob. Diese machte einen abwehrenden Ruck und warf ihm einen Blick zu, über den jeder andere als ein Priester erschrocken wäre. Der Mann in der Soutane aber legte ganz ruhig die Geldrolle in das Portemonnaie und das Portemonnaie in die Ledertasche. Dann saß er wieder ruhig wie zuvor. Nicht der leiseste Zug in seinem Gesichte verriet eine innere Unruhe, oder auch nur ein Nachdenken, ein Ueberlegen. Doch nach einer Weile griff er von neuem in seine Tasche. Und nun zog er ein zweites dickes Portemonnaie heraus. Diesem entnahm er ein Zwanzigmarkstück und bot es der erzürnten Schönen. Als sie sich nicht rührte, legte er es ihr ruhig in den Schoß. Hier ließ sie es eine Zeitlang liegen, bis es bei einer Bewegung zu Boden zu fallen drohte. Da nahm sie es und stopfte es in ein winzig kleines Geldbeutelchen. Weder sie noch der Priester sprach ein Wort.

In Mülhausen stiegen sie aus, der Priester half der Dame höflichst einige Gepäckstücke aus dem Wagen nehmen, dann gingen sie mit leichtem Gruß in verschiedener Richtung auseinander.

Ich fuhr nach Freiburg im Breisgau.

Hier erwartete mich noch einmal ein Nachklang aus dem Elsaß. Von Rappoltsweiler aus hatte ich an einen Freund in Paris eine gereimte Karte geschrieben, und in Freiburg erhielt ich die Antwort in gleichem Stil. Der Schreiber ist ein geborener Elsässer, der 1871 für Frankreich optiert hat. Seine Verse sind zu charakteristisch für die Stimmung derjenigen vornehmen Elsässer, die auch nach 1871 französische Bürger geblieben sind, als daß ich sie nicht hier anfügen sollte. Ich gedenke damit, da ich es anonym thue, keine allzugroße Indiskretion zu begehen. Die Epistel fährt nach kurzer Einleitung fort:

So wandern Sie fröhlich, den Stab in der Hand,
Durch mein liebes, schönes Elsaßland,
Und atmen die Bergluft in langen Zügen
Und trinken den Bergwein in bäuchigen Krügen.
Ich wandre, ich atme, ich trinke mit,
Im Geist begleit' ich Sie Schritt für Schritt.
Denn das Elsaß, wissen Sie, das ist noch mein,
Ich heiße Sie drinn willkommen sein.
Ja, mein ist's! willkommen in meinem Haus!
Der Beweis, daß es mein? Man schmiß mich hinaus.
Freilich, ich darf mit Protektion,
Mit gnädiger Fürsprach der Kreisdirektion,
Und wenn mir der Gendarm nicht übel will,
Drei Wochen daheim mich verhalten still,
Und komm' ich dann um Verlängerung ein
Mit seinem Gesuch – ist's auch nicht »Nein«!
Meine Burgen und Berge im Sonnenstrahl,
Mein Heimatsdorf im blühenden Thal,
Wer dürft' es wagen? Wer hat mich vertrieben
Vom Grund, dem entsprossen meine Lieben,
Und wo meine Wurzeln stecken geblieben?
Weiß wohl, so mancher blieb ruhig dort
Und fragt mich höhnisch: »Was gingst Du fort?
Als die Herde den neuen Hirten erhalten,
Was liefst aus dem Pferch Du hin zum alten?
Was bliebst Du nicht auch am Fuß der Vogesen?«
– »Ich wär' halt ungern ein Hundsfott gewesen.«
Vergeben Sie, Freund, den bittern Erguß,
Der so übel stimmt zu Ihrem Gruß.
Doch Sie werden mich nicht mißverstehen,
In mir nicht Deutschenhaß brodeln sehen.
Der deutsche Gedanke, das deutsche Lied
Mich immer mächtig nach Deutschland zieht.

Wie ich meinen Freund lernte, ist er sich des Sophismus, der in einem Teil seiner Verse liegt, keineswegs bewußt. Uns möchten die Verse empören, aber seien wir nicht ungerecht. Es ist ja allerdings traurig, daß sich die Elsässer im Jahre 1871 als Franzosen fühlten und es wie eine Art Renegatentum aufgefaßt hätten, wenn einer freiwillig und von Herzen hätte deutsch sein wollen. Das ist traurig, aber wo ist denn in Deutschland durch die letzten Jahrhunderte hindurch ein nationales Vaterlandsgefühl lebendig gewesen? Wie singt Max von Schenkendorf in seinem heiligen Zorn?

»Wir haben alle schwer gesündigt,
Wir mangeln allesamt an Ruhm.«

Hüten wir uns also, die Elsässer allzu hart zu beurteilen, indem wir von ihnen verlangen, was uns selber oft genug gefehlt hat – und manchem von uns noch heute fehlt.


 << zurück weiter >>