Joachim Ringelnatz
Als Mariner im Krieg
Joachim Ringelnatz

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Kommandant und Leutnant

In Cuxhaven übernahm ich stolzerfüllt das Kommando des Schleppers »Caroline«, wobei ich eine feierliche Ansprache an meine Mannschaft hielt und Zigaretten und Schnaps verteilte.

Das Essen ward auch bei unserer Division immer knapper und schlechter. Als mich jemand fragte: »Was gab's heute bei Ihnen auf ›Scharhörn‹ zu Mittag?« konnte ich wahrheitsgemäß antworten: »Steckrüben und Sekt.« Im Kaiserhof, in meinem nicht allzu sauberen, aber gemütlichen Stübchen hatte ich einen großen Stoß von Briefen und Zeitungen vorgefunden. Das las ich nun behaglich rauchend, während dem unter mir wohnenden Korvettenkapitän Lieber von der Z.V.E. ein Ständchen gebracht wurde. – M 15 war in die Luft geflogen. – »Kurfürst« und »Kronprinz« hatten bei einer Kollision fünfzig Tote. – Große U-Boots-Erfolge. Sogar in Südamerika war ein Transportdampfer torpediert. – Das U-Boot »Deutschland« hatte 15-Zentimeter-Kanonen erhalten. Der oft bewitzelte Kommandant König war nach Wilhelmshaven auf einen Hilfskreuzer versetzt. – Und so weiter, was uns halt interessierte. Dann eilte ich an Bord, wo ich als verantwortlicher Kommandant jetzt doppelt viel zu tun hatte. Papiere ausgestellt für einen meiner Matrosen, der als typhusverdächtig ins Lazarett mußte. Geheimbücher und Geheimkarten studiert. Personallisten, Kleiderlisten geführt. Ganz geheime, geheime und offene Befehle durchgelesen. Führungsbücher abgeschlossen. Logbuch, Maschinentagebuch, Befehlsquittungsbuch und Urlaubszettel unterschrieben. Kriegsartikel verlesen. Musterungen vorgenommen usw. Abends von den Thomsener Offizieren eingeladen. Dann Kegelabend im Kasino. Manchmal war ich dieser Gesellschaften und Saufereien recht überdrüssig. Oft kam ich erst um vier Uhr morgens zu Bett und wurde schon um fünf Uhr wieder geweckt und mußte um sechs Uhr meine »Caroline« hinausfahren. An der Leuchttonne sammelten sich die Boote, fuhren dann in Toni-Formation bis Tonne 6, wo das Gerät ausgebracht wurde, bis Elbe I, bis Helgoland NNW peilte. Auf der Rückfahrt ward evolutioniert, signalisiert, Räumgerät geübt oder gefischt. Im April blühte der Heringsfang. Wir fingen auch schon die ersten, die kleinen aber besonders wohlschmeckenden Frühlingsschollen. Meine »Caroline« erbeutete dreißig Schollen und Butts, außerdem viele Seespinnen, Kohlenschlacken, Seesterne, Seeteufel und einen riesigen Taschenkrebs, den ich zum Frühstück verzehrte.

Fahrt in Kiellinie bei Nebel. Als ich für eine Minute die Brücke verlassen hatte, um in meiner Kammer eine Erfrischung zu nehmen, gab es einen Krach und eine Erschütterung. »Caroline« war auf das vor ihr fahrende Boot des Vizesteuermanns Plappert gestoßen und hatte ihm die steuerbordsche Scheuerleiste zersplittert; meinem Boote war der Steven eingedrückt, wobei eine Niete herausgesprungen war. O weh! Das würde ein schlimmes Nachspiel bei dem D.-Chef geben. Zwischen Plappert und mir und unseren beiderseitigen Leuten entstand sofort der übliche und üble Streit um die Schuld. Aber wahrscheinlich nahmen sich ohne Verabredung beide Parteien vor, die Sache völlig zu verschweigen. Denn es traf sich günstig, daß die erste Gruppe, der wir angehörten, am nächsten Tage zur Kesselreinigung nach Hamburg fahren sollte, und dort konnten wir den Schaden leicht und unbemerkt ausbessern lassen. Als dann andern Tags die Gruppe mit »Scharhörn« voran zur Werftfahrt auslief, machten Plapperts Boot und mein Boot höchst seltsame Manöver, das eine wollte seine Steuerbordseite und das andere seinen Vordersteven vor dem Führerboot verbergen. Der D.-Chef merkte auch nichts und war besonders gut aufgelegt. In Hamburg lud er sämtliche Kommandanten auf »Scharhörn« zu einem Festessen, zu dem auch seine Frau und andere Damen erschienen. Es gab Schinken in Burgunder, und es ging hoch her, wie bei allen Reyeschen Veranstaltungen. Der Chef prostete mir wiederholt zu und animierte mich zu allerlei Scherzen. Nach einer kurzen Abwesenheit winkte er mich dann hinaus an Deck und brüllte mich plötzlich fürchterlich an: »Wenn Sie Schiffe entzweifahren, dann melden Sie mir das gefälligst!« Schinken und Burgunder und zum Dessert diesen Eisguß! Aber Reye war nicht nachträglich, und noch am selben Nachmittag bewilligte er mir fünf Tage Urlaub.

Fünf Tage war nicht viel. Aber ich wußte die Zeit zu nutzen und viele Orte zu berühren. Von Eisenach nach Friedrichroda, von dort nach Milz bei Römhild, einem abgelegenen und von der Zivilisation vergessenen Dörfchen, in dem Marburgs Eltern wohnten. Mit Marburg und Lona Kalk traf ich mich dann in Meiningen. Überall erlebte ich merkwürdige und lustige Anekdoten und manche galante Abenteuerchen, die ich in meiner Hast und Seligkeit zu notieren vergaß. Als ich mit den Mädchen in Meiningen in einem Kaffeehaus saß, ließ mir ein feldgrauer Unteroffizier durch den Kellner sagen, ich möchte mich doch einmal an seinen Tisch verfügen. In meiner Vize-Kommandantenwürde reagierte ich sauer auf diese unmilitärische Zumutung, und da kam der Unteroffizier zu mir und war mein alter, gutmütiger Schulfreund Schrickel. Der hatte, als wir uns nach der Schulzeit trennten, die Kochkarriere erwählt. Nun war er Chefkoch eines Lazarettzuges und als solcher der Begehrteste und daher auch Mächtigste in diesem Zug. Ich besuchte ihn andern Tages dort und er bereitete für mich, den Oberstabsarzt Hennig und einen Sanitätsrat ein fürstliches Friedensmahl, gab mir auch ein großes Paket Fleischernes auf den Weg. In Waltershausen besuchte ich den Geheimrat Trinius oder eigentlich seine schöne Tochter. Der stocktaube, alte Ketten- und Wachhund, den ich bei früheren Besuchen immer erst in den Schwanz kniff, ehe er merkte, daß jemand sich näherte, lebte nicht mehr. Er hatte eines Tages seinen Herrn ungewöhnlich traurig angeblickt und war dann ins Wasser gesprungen und ertrunken. – In Schnepfental besuchte ich Schills, das heißt eigentlich auch wieder ihre Töchter. – Lieblich und wild, warm und toll, boten sich mir damals die Ereignisse in Thüringen.

In Hamburg bezog ich Wohnung in dem komisch wüsten, aber durchaus nicht lieblos unordentlichen Atelier des zufällig auch beurlaubten Bahre. In der Werft, bei meiner Division gab es ein freundschaftliches Wiedersehen, sonst graue Nachrichten. Unserer Mannschaft war für drei Tage der Urlaub gestoppt. Man erwartete Unruhen bei der Hamburger Bevölkerung, weil die Brotration herabgesetzt war. Patrouillen zogen durch alle Straßen. Aber für Offiziere gab es noch Vergnügungsstätten, wo man das Düstere vergaß. Die Trokadero-Diele und Esplanade und die lange, laute Reeperbahn. Und durch Bahre wurde ich bei dem Großkaufmann Lührs eingeführt, wo ich in einer wohlhabenden und steif-vornehmen Gesellschaft viel Black and White genoß. Ich inspizierte die Arbeiten auf »Caroline«. – Kesselklopfen – Reparaturen – eine Spring war gestohlen.

Die »Caroline« gehörte, ehe sie von der kaiserlichen Marine geschartert wurde, der Reederei Petersen und Alpers. Ich ließ es mir nicht nehmen, einmal den Chef dieser Firma in seinem Büro zu besuchen. Wir sprachen von der »Caroline« und ihren Schwesterschiffen und dann über Politik. In bezug auf England waren wir gleicher Meinung. Der fünfundsechzigjährige Herr hatte kurz zuvor seinen einzigen Sohn im Felde verloren. Er sagte dennoch ernst zu mir: »Ich freue mich auf den Tag, da dort, wo Sie jetzt sitzen, wieder der erste englische Kapitän sitzt.«

Ein Geheimschreiben befahl den Kommandanten, darauf zu achten, welche Matrosen an einer bestimmten Stelle ihres Hemdkragens einen unauffälligen roten Faden trügen. Dieser Faden wäre ein Erkennungszeichen gewisser aufwieglerischer Elemente.

Die Zahl unserer U-Boote war eine ganz in Dunkelheit gehüllte Angelegenheit. Es interessierte alle, aber niemand wußte, und den offiziellen Angaben oder Andeutungen glaubte man nicht. Die U-Bootskommandanten selbst waren nicht informiert. Als ich in Hamburg einen Direktor einer Privatwerft kennenlernte, schnitt ich auch diese U-Bootsfrage an. Er antwortete bitter: »Unsere Werft hätte Platz und alle Möglichkeit, um U-Boote zu bauen, aber wir bekommen keine Aufträge.«

An den folgenden Abenden war ich bei Herrn Nielsen und bei anderen, wie mir schien, unbegreiflich reichen und mächtigen Handelsherren zu Gast. Whisky und Burgunder flossen in Strömen. Ich tanzte mit der schönen Mrs. Eder und verirrte mich stockbetrunken in dem nächtlich verlassenen Harvestehude. Zu anderer Zeit streifte ich durch die Hafenviertel und ließ wehmütige und glückliche Erinnerungen wach werden – Michaeliskirche – Fleete – Baumwall – Schiffsnachrichten – Freihafen – Kohlenschuten – Meta Seidler.

Ich erhielt folgenden Brief: »Rentwertshausen i. Thür., den 10. April 1917. Lieber Gustav! Mir war so, als ob wir beide uns noch etwas zu sagen hätten, darum kam ich plötzlich auf die Idee, Dir zu telefonieren. Doch es ist besser so. Mir tat es nur auf einmal so leid, daß ich nicht lieber zu Dir war. Doch ich kann so schwer zeigen, was ich fühle. Glaub mir, ich hab dich auch lieb, sehr lieb und möchte Dir so gern etwas Liebes tun. Ich wünsche Dir, daß es Dir gut gehe, recht, recht gut gehe. Sei auch in Cuxhaven ein wenig froh. Viele Grüße und einen herzlichen Kuß von Lona Kalk.«

Was ich täglich dienstlich zu tun hatte, war in einer Stunde abgemacht. Über diese Faulheit tröstete mich der Gedanke, daß die Mannschaften gern auch den freundlichsten Offizier entbehrten, und daß die Mäuse spielen sollen, wenn die Katze nicht zugegen ist. Mit den anderen Vize traf ich mich selten. Wir hatten alle in Hamburg Sonderinteressen. Bahre wurde von einer Tante geliebt, und er nutzte diese Liebe sehr aus. Wir speisten manchmal märchenhaft bei der alten Dame.

Bevor wir Hamburg verließen, gab der Chef noch seinen Damen und Freunden und uns Kommandanten ein Essen im Ratskeller. Das nahm insofern keinen guten Ausklang, als Reye plötzlich durch den Genuß von Austern oder Krebsen von einem heftigen Friesel befallen wurde.

Die erste Gruppe dampfte nach Cuxhaven zurück, ein Boot zum andern im Abstand von fünfzehn Minuten. Das war so befohlen, damit die entarteten Kommandanten nicht zwecks weiterer Gelage von Boot zu Boot stiegen. Bei Brunshausen wurde erst kompensiert. Als ich von den Sankt-Pauli-Brücken ablegte, erbrach ich einen zweiten Brief von Lona Kalk. Er begann: »Heil ›Caroline‹!« –

Nach einer ganzen geheimen Meldung war in Wilhelmshaven die mit Minen und Sprengmaterial beladene Hulk »Seeadler« vermutlich durch Attentäter in die Luft gesprengt worden, wobei nebst zahlreichen Menschenleben viel Minen und Minensuchmaterial vernichtet wurde. Die Kommandanten wurden deshalb angewiesen, beim Räumen künftig möglichst das schwere Suchgerät und Schneidegreifer anstatt Sprengpatronen zu benutzen. Ferner sollten wir noch früher als bisher auslaufen und außer Such- und Übungsfahrten auch Fischzüge unternehmen. Aha! Man hatte unser Fischen beobachtet und mochte uns nun aus Habsucht und Schulmeisterdünkel die Freude daran verderben, indem es das, was wir freiwillig taten, nun anbefahl. Bisher hatten wir es so gehalten: Von den gewöhnlichen Fischen erhielt jeder Mann genau denselben Anteil wie der Kommandant. Das übrige wurde verkauft und der Erlös dafür ebenso gleichmäßig verteilt. Den Kommandanten gehörte nur, als einziges Vorrecht, das, was an Butts und Seezungen gefangen wurde und die Hummer, von denen aber nur selten einer ins Netz ging. Wollte nun der Staat den Leuten die Fische und die Gelder wegnehmen? Es wäre doch zu töricht gewesen, denn wir brachten doch die Fische auch unter die Zivilbevölkerung. Und man konnte wohl befehlen, ein Netz auszubringen, aber Fische zu fangen konnte man nicht befehlen. Nun: noch war das letzte Wort darüber nicht gesprochen.

Die nächste Zeit brachte mir wieder angestrengtesten Dienst, zumal man mir die Nebenfunktion eines Artillerieoffiziers der Division gegeben hatte. Außerdem war ich für die Division zum Haßprediger ernannt, wogegen sich alles in mir sträubte. Ich humpelte, mein Hühnerauge schmerzte. Ich goß heißes Harz darauf, aber das nützte auch nichts. Zur See fuhr ich mit großer Lust, nur etwas vorsichtiger, um jede Ramming zu vermeiden. Bobby gab mir folgenden Winkspruch: »K. an K. Während wir uns in Hamburg amüsierten, sind bei der großen Offensive der Engländer und Franzosen im Westen Tausende von Deutschen gefallen.«

Der deutsche Vorstoß im Kanal, der uns zwei G.-Boote kostete, ward in Cuxhaven sehr getadelt.

Aus allen Teilen des Landes schrieb man mir um Proviant. Aber wir erhielten nur selten noch und wenig. Ich aß abends manchmal trockenes Brot, weil ich kein Geld hatte, ins Wirtshaus zu gehen, wo auch alles rar und teuer war. Selbst die Preise der Kasinoweine schienen für uns Vizes nicht mehr erschwinglich. Bei der Sperrfahrzeugdivision meldete sich ein Mann, man möge ihn in Schutzhaft nehmen, er wüßte sonst nicht, was er aus Hunger anrichten würde.

Sturmfahrten. – Sturmfahrten. – Unsere überanstrengten, von Regen, Salzwasser und Ruß mitgenommenen Boote sahen schmutzig und verwahrlost aus. Es gab keine Farbe mehr. Seife und Putzmaterial wurden nur noch selten und in unzulänglichen Mengen verabfolgt. Wenn ich meine seelische Verfassung ehrlich überprüfte, mußte ich mir gestehen, daß ich selbst kriegsmüde war. Was mich trughaft noch hielt, waren kindliche Ruhmsucht und dürftiger Ehrgeiz. Ich wollte Offizier werden, um vor kleinen Leuten damit großzutun, und ich hoffte noch immer, zu einer gefahrvollen Heldentat zu kommen.

Käte Hyan sang in Cuxhaven geschmackvoll Lieder zur Laute. Sie war mir von München her bekannt. Nach ihrem Vortrag durchbummelte ich mit ihr und Bobby die Nacht, eine schöne, kalte Nacht mit dem Lichtzauber einer großen Scheinwerferübung. Ich konnte Frau Hyan einige neue Soldatenlieder mitteilen.

Sturmfahrt. Plapperts Boot und das meinige machten dabei einige bedenkliche Manöver. Wofür uns später zwei Stunden Straffahrt zudiktiert wurde.

30. April 1917. Halb fünf Uhr geweckt. Bis abends halb acht Uhr gesucht und gefischt. Zirka 400 Pfund Schollen, einige Butts und Taschenkrebse und zwei Zentner Seesterne, Seetang, Seerosen, Dwarsgänger und anderes schleimige Getier und Geschling, was ich als Dünger verkaufte. Von den Fischen verschenkte ich viel, denn für die Freunde im Binnenlande waren das seltene Delikatessen, und beim D.-Chef, bei Drache und den anderen Offizieren konnte ich mich derart ein wenig für freundliche Bewirtungen revanchieren. Diesmal bekam Pampig (Vize Otto) die größten Butts, denn er hatte Geburtstag. Plappert war am gleichen Tage zum Leutnant ernannt. Das mußte eine sektfeuchte Nacht werden.

Das frühe Gewecktwerden war ein Theater der Qual. Wie ein teuflisches Todesurteil klang die Stimme des Burschen: »Ganze Division läuft aus!« Dann fragte ich mit verzweifelter, schwacher, beinahe flehender Stimme: »Kann ich denn nicht noch zehn Minuten liegenbleiben?« Und mein Bursche Dreyer, im Gefühl seiner diesbezüglichen Machtbefugnis, antwortete streng: »Fünf!« War ich dann einmal auf der Brücke meiner »Caroline«, so war alle Müdigkeit wie weggeblasen. Ich wechselte dann mit den Vizes von Bord zu Bord Anfragen über gestern, oder wir gaben ganz ernsthaft groteske Winksprüche auf, um zu beobachten, was die Signalgäste dazu für Gesichter schnitten. Z. B.: »K. an K. Sind die abgeschnittenen Matrosenfinger der Staatsanwaltschaft übergeben?«

Wigge gab eine nächtliche Gesellschaft in seiner Privatwohnung. Wir tranken aus Zinnkrügen allzuviel Wein und schossen schließlich scharf mit Pistolen. Andern Tags gab es eine verkaterte Fahrt bei diesigem Wetter. Auf meinem Boot platzte ein Wasserstandsglas. Dann meldeten die Decksleute, die Dampfwinde wäre so mürb, daß sie demnächst in die Brüche ginge. Dann fiel mir mein Füllfederhalter über Bord. Beim Fischen zerriß uns das Netz, es hatte sich ein Stück Kabel darin verfangen. Auf der Rückfahrt legte ich bei Elbe A an, um den Kommandanten dieses Feuerschiffs, den Leutnant Axer, zu besuchen. Man zog mich hinterher damit auf, unsere Schraube hätte die Kabelverbindung mit Helgoland zerstört, denn tatsächlich war die Verbindung mit Helgoland unterbrochen.

Unsere Fischerei reüssierte mehr und mehr. Ich konnte die Vorgesetzten und meine Verwandten und alle Freunde in Cuxhaven und auswärts mit Schollen, Kabeljaus und Butts beschenken. Mitunter erreichten diese Sendungen aber verspätet und verdorben ihr Ziel. Es kam eine Meldung: Zwischen Wangeroog und Scharhörn triebe Butter herum.

Ich setzte die Beförderung meines fleißigen Obermatrosen Böttcher zum Bootsmannmaaten durch. Den Matrosen Ronk ließ ich abkommandieren, er hatte sich übel aufgeführt. Mein Koch erbat und erhielt Urlaub nach Schweden. Es war nicht schwer, einen Vertreter für ihn zu finden. Alle Matrosen rissen sich um den Posten, und die Kocherei war zu einer sehr primitiven Kunst herabgesunken.

Bei einer Übung schiffte sich der Obermaschinist der Division auf meinem Boot ein. Er erschrak über den Zustand der Dampfwinde. Ich fischte eine jener großen Glaskugeln auf, die die Engländer für ihre U-Bootsnetze benutzten. Mittags versprach mir der D.-Chef, mich bald zur Beförderung vorzuschlagen. – M 49 war in die Luft geflogen.

Saufereien. Ausflug mit Bobby und Käthe Hyan nach Otterndorf. Auf Hafenwache in dunkler Nacht kletterte ich, um die Maschinenwache zu kontrollieren, über die elf Boote, die wie unheimliche schwarze Tiere aneinandergeschmiegt lagen, sich nach dem Atem des Wassers hoben und senkten und nach Ebbe oder Flut bald auf, bald unter der Höhe der Pier schaukelten.

Da mir der Divisionschef abermals versicherte, daß er mich nunmehr zur Beförderung vorschlagen würde, und da ich dann auch die formelle Erklärung unterzeichnen mußte: »Ich habe gegen meine Wahl zum Reserveoffizier nichts einzuwenden«, so bestellte ich mir beim Schneider eine Leutnantsuniform. Um die erforderlichen zweihundertdreißig Mark zu beschaffen, hatte ich nun viel Schreibereien und noch mehr Sorgen. Nach dem Kasinokegeln zechten Bobby und ich noch bei Wigge weiter; wiederum schossen wir mit Pistolen große Löcher in die Wand, und zu meiner Verwunderung hatte die Wirtin Hildebrand dagegen nichts einzuwenden.

Krommes und Schütte besuchten uns manchmal. Sie waren auf jene schematisch aus Blech zusammengeschlagenen M-Boote gekommen, von denen viele hergestellt wurden, aber noch mehr in die Luft flogen. Und Schütte erzählte. Draußen wurden massenweise Minen geräumt. Die Nordsee war allerwärts verseucht. Oberassistenzarzt Olivius hatte das Eiserne Kreuz Erster Klasse erhalten. Er stand auf der Brücke, um ein anderes M-Boot zu fotografieren, das im Begriffe war, auf eine Mine zu laufen. Da lief aber sein eigenes Boot auf eine Mine. Bei der Explosion wurde Olivius in die Höhe und beinahe in den Schornstein geschleudert. Kaum war er zur Besinnung gekommen, so nahm er sofort seine Tätigkeit als Arzt auf.

Wir suchten den neuen Hafen mit scharfem Gerät ab. Dort war in der Nacht eine Mine detoniert. Ein M-Boot hatte sie überfahren. Es war dicke Luft. Plapperts Boot brachte meines mehrmals in Gefahr. Maat Döring war Vizefeuerwerker geworden. Otto und Örter warteten nervös auf ihre Beförderung zum Leutnant. Auch ich war verstimmt, weil in meiner Beförderungsangelegenheit sich bürokratische Schwierigkeiten ergaben. Wir wurden jetzt täglich schon um vier Uhr geweckt. Suchen. Wachboot. Prielboot. Postboot.

Am 21. Mai unternahm »Scharhörn« eine Vergnügungsfahrt nach der Lühe zur Baumblüte. Außer uns Vizen und Offizieren nahmen auch Militärs anderer Divisionen und der Hauptmann Brockhaus und Damen daran teil. Unterwegs spielten zehn Landsturmmusiker auf. Weil wir Vize schüchtern zurückhielten, so nahmen sich die Damen schließlich Matrosen zum Tanz. Es war ein hübsches Bild, das wir fotografisch festhielten. Reye bewirtete uns wieder unübertrefflich. Nach der Landung machten Otto und ich uns selbständig. Wir sprachen zwei einfache Mädchen an und wollten sie gerade zum Bier führen, als etwas uns Faszinierendes auftauchte, nämlich drei ungewöhnlich schick und modern gekleidete Mädchen mit ihren distinguierten Eltern. Wir Schufte ließen sofort die einfachen Mädchen los und stiegen den eleganten nach, die auch sofort auf unsere Blicke reagierten. Der Zufall war uns günstig. Die fünf Vornehmen hatten einen hübschen Wolfshund bei sich. Der wurde plötzlich von einer wütenden Dogge angefallen. Die Hunde verbissen sich so ineinander, daß sie auf keinerlei Zurufe mehr hörten. Da ergriff ich einen der Gartenstühle, und sprang äußerlich heldenhaft, innerlich mit Angst auf die Bestien zu. Diese ließen gerade voneinander ab, und es sah noch aus, als hätte ich das bewirkt. Der lange Herr trat auf mich zu und bedankte sich höflich. Die Töchter rückten ihm sofort nach und bedankten sich überhöflich. Ich wehrte sehr höflich ab, aber zähe verweilend. Otto rückte dicht hinter mich und griff ein. Auf der andern Seite nahm die Mutter jetzt das Wort. Und ehe man sich's versah, war man vorgestellt und saß gemeinsam am Kaffeetisch eines Gartenlokals, Herr und Frau Wolke, deren beide Töchter und die Hauslehrerin Grete Timm. Das ward eine reizvolle, charmante Unterhaltung und weil Frau Wolke Engländerin war, konnte ich meine englischen Sprachkenntnisse anbringen. Wir versprachen vor der Trennung unseren Besuch in Rissen, wo Wolkes ein Haus gemietet hatten.

Örter, die Offiziere und auch die Mannschaften hatten sich derweilen offenbar auch nicht gelangweilt, denn als »Scharhörn« ablegte, stand am Ufer eine lange Reihe heller, bunter Mädchen. Sie winkten noch lange, und wir alle winkten zurück, Otto und ich auf eine besonders verabredete, bedeutungsvolle Weise.

In der Nacht tobte ein Sturm, bei dem sich unsere Boote losrissen. Meiner »Caroline« wurde die Heckwallschiene zertrümmert. – Bei Nordholz, nahe der Luftschiffhalle, brannte die Heide. – Ein gehobenes halbes deutsches U-Boot wurde nach Cuxhaven gebracht.

Als wir Vizes nach einer Budensauferei zur Maibowle ins Kasino zogen, erregten wir unliebsames Aufsehen. Zunächst grüßte ich in meiner Betrunkenheit den Admiral auf eine ganz phantastische, unmilitärische Weise. Dann fingen wir noch an zu singen, und zwar so laut, daß der D.-Chef zu uns kam und uns dies verwies. Später kränkte Otto den Oberleutnant Ohlenbusch, und ich hatte am andern Tag das wieder einzurenken. Wir soffen viel zuviel. Wir soffen im Kasino und nachts privat weiter, und früh an Bord und jeder Zeit. Es gab auch immer Anlässe. Nun feierte Kapitänleutnant Drache Geburtstag. Dann kam Ottos und Örters Beförderung heraus. Ich war sehr traurig an dem Tag, denn meine Beförderung stand in weitester Ferne. Ich hatte noch anderen Kummer, vor allem Geldnot, was ich mir aber als Vize nicht anmerken lassen durfte. Leider konnte ich mich bei der Jubelfeier für Otto und Örter nicht so weit beherrschen, meine Mißstimmung zu verbergen. Die beiden neugebackenen Leutnants trösteten mich in reizender Art, und alle anderen behandelten mich an diesem Abend besonders nett. Aber mein Mißmut stieg nunmehr und bis zum kindischen Trotz. Ich rührte kein Getränk an und benützte um zwölf Uhr die Gelegenheit, den rührend betrunkenen Klinke heimzubringen und zu entkleiden. Dann schlich ich mich selbst nach Hause und fand auf meinem Tisch einen Blumenstock ohne Begleitworte. Vielleicht von Grete Prüter. Drei Stunden später ward ich schon wieder zum Auslaufen geweckt. Es war ein linder Maienmorgen und Pfingsten. Plappert war nicht erschienen, sein Boot lief ohne Kommandanten aus. Klinke gab mir auf einen dienstlichen Winkspruch hin die gereizte Antwort: »Das K. an K. können Sie sich sparen!« Nach dem Suchen blieb ich mit drei anderen Booten noch lange draußen zum Fischen. Mit großem Erfolg. Wie ich nach Peilung und Lotung plötzlich feststellte, waren wir im Eifer weit auf verbotenes Gebiet geraten. Am Pfingstsonntag erledigte ich die langweiligen schriftlichen Bordgeschäfte und überholte die gesamte Divisionsmunition. Die hatte in erschreckender Weise unter Feuchtigkeit, Rost und Dreck gelitten. Dann fuhr ich »Caroline« zwecks Einbau einer neuen Dampfwinde zum Minendepot. An der Drehbrücke stand, wie er es versprochen hatte, der alte Prüter und reichte mir in einem Catcher eine geräucherte Scholle herüber, ein Scherz, der mit den Zollvorschriften zusammenhing. Es war ein alter und weitergeführter Witz zwischen Prüter und mir, daß er meiner »Caroline« etwas Lächerliches anzuhängen suchte, und daß ich »S.M.S. Caroline« als das wichtigste Schiff der Flotte herausstrich.

Ich fuhr für drei Tage auf Urlaub nach Lüneburg, Rissen und Hamburg. Wolkes Haus lag zwischen Nadel- und Laubwald versteckt. Es war mit schönen alten Möbeln eingerichtet. Man empfing mich äußerst liebenswürdig. Der hagere feinfühlende Wolke, der aussah wie ein edler und guter Jagdhund, spielte Klavier und seine Töchter und Fräulein Timm sangen dazu. Das Lieblingslied war – es wurde nun mein Lieblingslied – »Wien, Wien, nur du allein«. Frau Wolke, formgewandt und charmant, bewirtete uns aufs beste. Wenn trotz meiner gegenteiligen Vorsätze das Gespräch auf Politik geriet, dann stritten wir uns alle ganz sachlich und wie Neutrale, aber die sonst bescheidene und kluge Frau Wolke blieb steif dabei, England würde siegen. Ein Ausflug wurde unternommen, und ich brachte es zustande, daß Kitty Wolke und Grete Timm sich am nächsten Tag in Hamburg mit mir und Tula Reemi im Esplanade trafen. Eine Tafel Schokolade kostete fünfzehn Mark.

Mit Tula unternahm ich eine kleine Reise, um ihr eine Sommerfrische zwischen Hamburg und Cuxhaven zu suchen. Wir fuhren und wanderten nach Därsdorf und nach X-Dorf und Y-Dorf, aber nirgends gab man uns einen Bissen zu essen. Wir sagten, die wollen nicht geben, sie haben. Sie hatten auch, doch nicht genügend und konnten uns wohl nichts geben. Dagegen setzte man uns in einer einfachen Landkneipe einen wundervollen echten Bordeaux vor. Der Wirt ahnte gar nicht, was er daran hatte. Schließlich trieben wir in Stade ein Rumpsteak mit Bratkartoffeln auf. Ich fuhr dann allein nach Otterndorf und übernachtete dort in der Post. In Otterndorf war viel Militär, angeblich, weil die russischen Gefangenen einen Ausbruch planten. In der Post war eine stattliche, breitschultrige Wirtin, und am nächsten Morgen, anläßlich eines Viehmarktes, großer Einstallungsbetrieb. Ich beobachtete, daß die Kühe sich immer Kopf zu Schwanz nebeneinander stellten. Das taten sie, so fand ich heraus, um sich die Fliegen einander abzuwedeln. Ich fuhr nach dem Forsthaus Höfgrube und anderswohin, wo ich ein wenig Ereignis, etwas Abwechslung erhoffte. Ich sah Störche auf den Wiesen, auf See gab es keine. Ich brach meinen Urlaub vorzeitig ab und kehrte ins Minendepot zurück zu meiner »Caroline«. Der Flieder fing an zu blühen. Asmussen ließ seine Aale im Salz totlaufen. Die Kühe blieben draußen. Waldmeister gab es und Leberblümchen und Butterblümchen und Wiesenschaumkraut. Prüters schenkten mir einen Rasierapparat.

Wenn ich morgens jetzt zum Hafen schritt, lag alles in rosigstem Dunst, und die Amseln sangen, und der Posten am Alten Hafen salutierte und lächelte über den eiligen Vize, der für ihn so komisch aussah.

Ferner Kanonendonner, als wir ausliefen. Bei Wangeroog schossen sie ein neues Geschütz ein, das zweiundsechzig Kilometer weit und dreißig Kilometer hoch schießen sollte.

Im Kasino war Mammiabend. So bezeichneten die Junggesellen die Damenabende. Ich verzog mich in eine entlegene Ecke und ließ die laute Unterhaltung zweier Armeeoffiziere über Pferdesportliches über mich ergehen. »Ein sehr sympathischer Kerl, aber er schlägt mit dem Kopf. Man muß ihn hinten schnallen.« Dann hörte ich hinter mir berichten: Ostende wirkungsvoll beschossen. Ein österreichisches und ein deutsches U-Boot beschossen. Die Stimmung in Norwegen noch schärfer gegen uns. Die Flandernschlacht im Gange. Amerika bereitet gewaltige Unterstützungen der Entente vor. Viele Minensucher in letzter Zeit aufgeflogen und die Engländer warfen noch täglich massenweise Minen in die deutsche Bucht. Nur in Rußland stand unsere Sache besser. – Da vergrübelte ich mich wieder in trübe Gedanken. Meine Beförderung war abermals verschoben. Ein Schreiben vom Hamburger Bezirkskommando verlangte neue Auskünfte von Gewährsleuten über meine Vermögensverhältnisse und eine Erklärung betreffend Ehrenhändel.

Meine Leute merkten mir's an, wieviel Groll und Galle in mir steckte, und in diesem Zustande hatte ich auch ein besseres Augenmerk und ein feineres Gehör für sie. Ich stellte fest, daß sie eigentlich niemals mehr laut sangen oder herzhaft lachten.

Ich machte wieder einen guten Fischfang, viele Zentner Schollen und Steinbutts und Seezungen und Petermännchen. Als die Fische weggeschaufelt wurden, beobachtete ich, wie seit einiger Zeit schon mehrmals, daß mich Obermaat Schürf betrog, indem er Edelfische, die doch mir zukamen, heimlich beiseite schaffte. Als wir zur Prielwache ankerten und ich in meine Koje stieg, nahm ich mir vor, ihn am nächsten Morgen einmal recht drastisch zur Rede zu stellen. Wir schaukelten stark im Seegang, und ich spürte im Schlaf, wie durch die undichten Decks und Wände Wassertropfen mir ins Gesicht rannen, und ich verwischte sie mit instinktiven Gewohnheitsbewegungen, ohne zu ahnen, daß es diesmal nicht Wasser, sondern Tinte war. Beim Rollen des Bootes war die Tintenflasche vom Kojenbord gekippt und hatte sich über mein Gesicht geleert. Beim Erwachen war mein erster Gedanke Schürf. Und ich rief nach ihm, bevor ich mich wusch. Ich wollte ihn auf der Stelle energisch und so hart, wie ich gerade dachte, anschnauzen, daß es einen nachhaltigen Eindruck auf ihn machen sollte. Es klopfte. – »H'rrein!« Schürf trat ein, machte stramm. Ich brüllte los: »Wenn Sie sich noch einmal unterstehen –« ich brach ab, weil Schürf furchtbar lachte. »Meinen Sie, ich scherze?« brüllte ich noch lauter. Schürf lachte noch mehr, lachte so, daß er's plötzlich nicht mehr aushielt und hinausstürzte. Ich schrie nach meinem Burschen. Der kam und lachte, lachte, lachte.

Am zehnten Juni fand eine große Feier zugunsten einer U-Bootsspende statt. Ich beteiligte mich nicht, sondern fuhr nach Otterndorf, mietete ein Zimmer, legte mich dort auf ein besonntes Bett und träumte wach am Nachmittag von weit entlegenen, friedlichen Dingen. Eine weiche, entsagende Stimmung überfiel mich und blieb und nahm nachts noch zu, als ich im Kasinogarten auf der Terrasse Bowle trank, in einer wonnig kühlen Nacht, da sich bei sanftem Winde die Baumwipfel pantomimisch miteinander unterhielten.

Ich fuhr als Postboot, wurde auf der Brücke zwischen Sonne und Schornsteinhitze gebraten, obwohl ich beinahe nichts anhatte. Die andere Gruppe brachte einen ungeheuren Seeteufel und ein prächtiges Exemplar von Hummer heim. Irgend jemand wollte gehört haben, daß die H.M.S.D. demnächst aufgelöst würde. Wir versuchten das Gerücht zu ignorieren. Die Lebensmittelnot wurde erörtert und dabei ein kleines Witzchen erzählt: Ein Hauptmann gibt seinem Burschen zwanzig Pfennige; der soll versuchen, dafür zwei Brötchen aufzutreiben, eins für ihn und eins für sich. Der Bursche kommt kauend zurück, reicht dem Hauptmann zehn Pfennige und sagt: »Es gab nur noch eins.«

Mein Koch verschaffte mir für sieben Mark ein Stück Wasch- und ein Stück Rasierseife. Man wartete auf Regen für den Landmann, so was interessierte uns auf einmal. In Hamburg und Berlin nahm die Lebensmittelnot schlimme Formen an. Es gab immer noch genügend dumme Leute, die den dreisten Lügen der Zeitungen glaubten. Ich verkaufte für hundert Mark Schollen, das Pfund für zwanzig Pfennige, verteilte das Geld, verschenkte fünf Zentner Fische an meine Besatzung, einen Eimer voll an Feuerschiff A, ein Paar Hände voll an lungernde Kinder, einen Beutel voll an Oberleutnant Erfling.

Heiße Suchfahrt. Warum suchen? Lächerlich! Wir erhielten uns nur mehr den Humor durch eingebildete Wichtigkeit. Ich war so krankhaft verbittert, daß mich alle flohen. Eines Sonntags beherrschte mich ein seltsames Furchtgefühl. Ich war als einziges Boot nach dem Suchen noch draußen geblieben und fischte. Schwüles Wetter. Der Seespiegel glatt. Tümmler und Seehunde waren auf weite Entfernung zu erkennen, und ich verschoß viel Munition auf sie, wobei ich die Patronen durch Einkerbungen zu Dumdumgeschossen machte. Doch traf ich nicht. Die Luft war diesig, so daß die Schiffe und Bojen trügerisch verrückten. Ich hatte Angst, mich bei den Kursen, die ich angab, zu verirren oder auf Sandbänke zu laufen. Ich hatte ein böses Gewissen wegen der vielen Patronen, die ich verschoß. Einen Taucher hatte ich beim ersten Schuß so seltsam verwundet, daß er sich, solange er auf dem Wasser schwamm, dauernd überschlug. Aber jedesmal, wenn wir hindampften, um ihn aufzufischen, tauchte er plötzlich unter, um ganz woanders wieder aufzukommen. Während dieser hartnäckigen Jagd winkte ein passierender Lotsendampfer uns an. Ich hatte Angst, daß ihm mein Schießen und meine sinnlosen Manöver aufgefallen wären. Mein Signalgast brachte den Spruch »Wie heißt Ihr Kommandant?« Also, wie ich gefürchtet hatte, man wollte mich melden. Selbstverständlich ließ ich richtig zurückgeben »Vizefeuerwerker Hester«. Da winkte der Lotsendampfer nochmals an »K. an K. Herzlichen Gruß«. Unterschrieben von einem mir wohlgesinnten Offizier. Ich atmete auf und dampfte schleunigst heim, hatte aber unterwegs wieder Angst, daß der Kessel explodierte, weil der Zeiger vom Manometer dicht am roten Strich stand. Ich war krank.

Viel Dienst. Viel Sorgen und lange Zeit kein frohes Ereignis. In meiner Beförderungsangelegenheit ärgerte mich der piepmatzhirnige Generalmajor Körbber, ärgerten mich die Briefe meines Vaters, der sich aus falsch geleitetem Anstand nicht getraute, seine bisherigen Anschauungen zu ändern.

Vergessend, daß ich Postboot fahren sollte, ließ ich die Maschine auseinandernehmen und mußte deshalb am nächsten Tage strafweise Postboot fahren. Der D.-Chef, Klinke und der Stabsarzt fuhren ein Stück mit, und der Stabsarzt zog mich auf, wie er es gern tat, und der D.-Chef erteilte mir eine Rüge, die ich diesmal ganz apathisch einsteckte. Auch bei der nächsten Suchfahrt nahm man mich besonders aufs Korn. Gruppenführer Klinke ließ dauernd manövrieren – Mann über Bord – Seite pfeifen – Oberdeck Ordnung – Flagge E.S. und Öse und Anna und Divisionsstander. Von »Scharhörn« aus beäugte man das kritisch. Mein Boot kam glimpflich davon und mittags war der D.-Chef wieder freundlich. Ich wurde dazu verurteilt, dreißig Tassen Kaffee zu spendieren, was keine Kleinigkeit kostete.

Die Kommandanten wurden zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengerufen. Alle dachten sofort erschreckt an den jüngst an die Wand gemalten Teufel »Auflösung der H.M.S.D.« Es handelte sich aber um eine Strafrede, weil wir wieder nachts skandaliert und laut gesungen hatten. »Hester sogar englische Lieder!« rief der D.-Chef. Die anderen wurden ernsthaft verwarnt. Ich erhielt vierzehn Tage Bordarrest, d. h., ich mußte solange an Bord schlafen und jedem Dienst der Leute beiwohnen. Ob das nachhaltig auf meine Beförderungsaussichten wirkte, übersah ich noch nicht, aber ich war diesbezüglich gleichgültiger geworden. Häßliche Briefe meiner Eltern hatten dazu beigetragen. Mein Vater wie meine Mutter bedauerten, daß ich die Offizierslaufbahn ergriffen hätte. Sie fürchteten pekuniäre Schwierigkeiten, obwohl sie selbst mich in keiner Weise unterstützten, und sie schrieben mir außerdem, nach dem Kriege müßte ich mir nun endlich einmal eine eigene sichere Position schaffen. Ich überlegte mir daraufhin ernsthaft, ob ich Kitty Wolke heiraten sollte.

Ich hatte in meiner Zurückgezogenheit der letzten Zeit gerade so reizvolle Landschaften und Winkel entdeckt, alte Bäume, unheimlich kahle Zäune mit Wegerich und den düsteren Garten hinter meinem schwarzen Hotelkasten, mit dem Gartengespenst. Nun schlief ich nachts in der abscheulichen Kammer an Bord und las über deutschfeindliche Demonstrationen in der Schweiz. Andern Tags erließ mir allerdings Herr Reye den größten Teil meiner Strafe und abends ging ich wieder mit zum Kegeln, stahl mich jedoch zwischen dem Spiel mehrmals in den Garten. Über diesem stand eine kalte, graue, feuchte Luft, und ich bestaunte, wie schön überall die Rosen blühten und dufteten.

Um drei Uhr morgens auf See. Die Sonne stand wie eine glühende Glocke in dem verschwimmenden Grau von Wasser und Luft. Ich saß, tagebuchschreibend und dennoch scharf ausblickend, auf dem hohen Bock, den ich mir hatte zimmern lassen und von dem ich, wenn das Schiff sich überlegte, jedesmal herunterfiel, so daß der Rudergänger unter mir, wie er mir einmal erzählte, über dem Gepolter jedesmal seinen Spintisierungsfaden verlor. Wär's nur in mir ein wenig heller gewesen. Der Signalgast meldete treibende englische U-Boots-Glaskugeln. Ich benutzt das zum Manöver »Mann über Bord«. Im Nu hatten wir die lustigen Dinger an Deck. Ich schenkte sie Leuten, die sie daheim in ihren Gärten aufstellen wollten.

Wieder morgens drei Uhr auf. Langer, anstrengender Räumdienst mit dicken Zigarren. Als ich müde ins Hotel kam, bestellte ich mir eine Schüssel Salat und warf mich im Nachthemd für ein Weilchen aufs Sofa. Als ich erwachte, war es noch hell – nein, ich entdeckte plötzlich, daß der Salat inzwischen greisenhaft in sich zusammengesunken war. Ich hatte rund zwölf Stunden durchgeschlafen. Es klopfte. Mein Bursche meldete: »Auslaufen. Herr Leutnant Örter läßt sagen, der Strom kentert um acht Uhr neunundzwanzig.«

Eine große Besichtigung. Vizeadmiral Schaumann inspizierte. Wir ahnten alle, daß von dieser Besichtigung das Bestehen oder Nichtbestehen unserer Division abhing, und eine deplazierte Nervosität bemächtigte sich unsrer, obwohl die Vorübungen vorzüglich geklappt hatten. Legen und Räumen einer Minensperre. Nun versagte alles, besonders das Sprengen. Acht Stunden lang äußerste Nervenanstrengung und trotzdem Versager auf Versager, Kabelstörungen, Kurzschluß und mannigfache unerklärliche Übelstände. Und dann rutschte der schließlich ungeduldig werdende Admiral auf einer Apfelsinenschale aus, die der liederliche Schlawiner Bobby an Deck geworfen hatte. Ich war ziemlich ruhig, besonders, weil mir der D.-Chef leid tat. Ich hatte alle Sinne gespannt, aber ich konnte mich ja persönlich nur um mein Boot kümmern. Zwischendurch betrachtete ich flüchtig die Übung als malerisches Bild. Im Topp von Boot 11 war eine so leuchtende Flaggenzusammenstellung, die Admiralsflagge und darunter der blutige Stander Z. Immer wieder neue Anläufe und neue Greifer und immer wieder Versager. Aber nachdem alles vorüber war, zeigte der Chef eine sehr anständige Ruhe und nahm das ganze Unglück als das, was es war, als force majeur. Zum nächtlichen Kegelabend hatten wir ihm einen Strauß Rosen hingestellt, weil er auf dreißig Tage in Heimatsurlaub fuhr, »zwecks Wiederherstellung seiner Gesundheit«, und weil er demnächst Geburtstag feierte. Und ich hatte ein H.M.S.D.-Lied gedichtet und noch rasch vervielfältigen lassen. Das klang auf das Wohl des D.-Chefs aus und wir sangen es begeistert zur Erdbeerbowle. Dennoch war ich verbittert und böse auf den D.-Chef, denn er hatte meinen Wahltermin versäumt. Als er sich verabschiedete, sagte er zu mir: »Na, wenn ich wiederkomme, hoffe ich Sie mit Ärmelstreifen zu sehen.«

»Dazu ist es zu spät, Herr Kapitänleutnant.«

»Ach, richtig, heute sollte ja Ihre Wahl sein. Nun, dann ein paar Wochen später«, sagte der D.-Chef. Er ließ dann den beurlaubten Bobby telegrafisch zurückrufen, weil dieser die übliche Revision der Geheimakten vergessen hatte, vielleicht aber auch wegen der verhängnisvollen Apfelsinenschale.

Wir gerieten bei Tonne V in einen Sturm. »Caroline« stand Kopf. Abends saß ich allein, wie jetzt meist, im Kasinogarten, wo sich der Kälte wegen jetzt niemand mehr aufhielt. Aus dem japanischen Pavillon drang Musik. Dort hielten die Stabsoffiziere ein Fest. Vor mir bogen sich händeringende Pinien im Sturm. Ich Unglücklicher überlegte mir, ob ich nicht besser täte, mich abkommandieren zu lassen. Ich war ganz mit meinen Nerven herunter. Nachts störte mich das Tuten der Dampfer, die vor der Brücke das Öffnungssignal gaben. Ich hatte wilde Träume und wachte in Schweiß gebadet und unter Zuckungen auf.

In Vertretung des abwesenden Chefs hielt Drache eine seiner humorlosen Ansprachen. Der Admiral sei über unser Versagen bei der Besichtigung sehr aufgebracht, besonders auch über das schmutzige Boot des Leutnants Bobby. Es würden bulgarische Offiziere erwartet, die sich über das Minenwesen informieren wollten. Nun würden aber nicht wir, sondern die Sperrfahrzeugdivision die Bulgaren unterrichten. Uns fiele lediglich die bescheidene Aufgabe zu, den ausländischen Herren draußen den Vorpostendienst zu zeigen.

Meine Gruppe erhielt fünf Tage Erholungsurlaub. Ich fuhr indessen nur nach Otterndorf und vergrub mich dort in ein Hotelzimmer. Nur einmal keine Uniformen sehen und nicht an den D.-Chef denken, der meine Wahl versäumt hatte. Ich bestellte Kitty Wolke und Grete Timm heimlich nach Otterndorf. Nun schritt ich durch die Winkelgäßchen mit schiefen Häusern mit schiefen Fensterrahmen, und eine Kuhmagd, mit der ich mich in ein Gespräch einließ, hieß Timm. Als ich ins Hotel zurückkehrte, lag dort ein Brief. Grete Prüter meldete sich und eine Freundin namens Timm an. Das gab dann viel Wirrwarr und Versteckenspielen. Kittys Eltern hatten herausgebracht, daß ihre Tochter zu mir gefahren war, und nun rief die Mutter mich telefonisch an. Sie war sehr aufgebracht. Nie würde sie zugeben, daß ihre Tochter in Otterndorf übernachtete. Ich mußte ihr heilig versprechen, die beiden Mädchen sofort nach Hause zu bringen. Um zwölf Uhr nachts kam ich in Blankenese an. Am Himmel standen die beiden alten grollenden Wolken. Wir schritten durch den düstern Wald nach Rissen, und es gelang mir, die Eltern zu beschwichtigen und ihre Verzeihung zu erlangen. Aber dann verirrte ich mich schauderhaft in der gott- und menschenverlassenen Gegend, ward einmal von einem Hund gebissen, und als ich nach drei Stunden Umherirrens ein Hotel fand, ließ man mich nicht ein, weil angeblich alles besetzt wäre. Es half auch nichts, daß ich betonte, ich sei ein Offizier, und daß ich später den Säbel zog und wütend gegen die Tür hieb, und dabei die unflätigsten Schimpfworte steigerte. Stundenlang noch mußte ich auf dem Bahnhofsperron warten, bis ich einen Zug nach Hamburg erwischte. Es saßen Passagiere mit mir im Kupee, die die Möglichkeit erörterten, daß Seine Majestät abdanken müßte und wir bald zu einem Friedensschlusse kämen.

In Cuxhaven tat sich ein Schmierentheater auf, das auch zuweilen in Otterndorf gastierte. Ich sah mir »Iphigenie auf Tauris« und ein andermal Sudermanns »Ehre« an. Das gab mir trotz der komischen Inszenierung doch neue und ablenkende Eindrücke.

Im Kasino ward lebhaft die letzte Krise besprochen. Alle bedauerten, daß die neuen Änderungen erst jetzt, so plötzlich und wie mit einer Verbeugung nach dem revolutionären Osten einsetzten. S. M. war zweifellos bei uns allen sehr unbeliebt.

Kapitänleutnant Berger besuchte uns auf »Scharhörn« und erzählte von seinen Erlebnissen als U-Bootskommandant. Er hatte in dreißig Tagen achttausend Tonnen versenkt.

Nachts eine Übungsfahrt mit Schweinwerferübung, bei der die Forts und ein Zeppelin mitwirkten. Die Scheinwerfer entdeckten uns und den Zeppelin sehr bald. Es war Humbug. Ich traktierte unterwegs meine Leute mit Schnaps und plauderte vertraulich mit ihnen.

Heiße Suchfahrt. Auf See plötzlich eine Wolke von Tausenden von vertriebenen Kohlweißlingen. Mir schien, daß sie verzweifelte Flügelanstrengungen machten. Doch beobachtete ich, wie sich manche auf die Wasserfläche niederließen und doch wieder aufflogen.

Die Division lief aus mit Kapitän Reeder und vier bulgarischen Offizieren auf »Scharhörn«. Durch Draches Schuld entstand viel Kuddelmuddel. Es hagelte scharfe Rügen und besonders Bobby wurde heruntergeputzt. Der steckte das ziemlich gleichgültig ein und veranstaltete abends in seinem Zimmer eine Art ästhetischen Maskenball, bei dem wir, d. h. eine kleine ausgewählte Gemeinde, literarische und herzliche Gespräche führten.

Ich war mit Otto und Örter zu einem Kaffee zu Drache geladen. Um ihm ein ansehnliches Fischgeschenk zu machen, ging ich trotz bedenklicher Dünung zum Fischen, südöstlich fast bis Helgoland. Aber keine Fische waren da. »Sie stehen jetzt bei Amrum«, sagte einer meiner Sachverständigen an Bord. Die Kaffeegesellschaft verlief üblich steif. Die jungen Leutnants benahmen sich ebenso ungeschickt wie ich Vize. Die hübsche junge Frau sagte manches, was ihren Mann in Verlegenheit brachte, z. B.: »Ja, wenn mein Mann heimkommt, ist auch sein erstes: der Dolch.« Die Marineoffiziere, die kein Steuermannsexamen hatten, also von der Matrosenartillerie her kamen, durften nämlich keinen Dolch, sondern mußten einen Säbel tragen. Weil nun aber der kurze Marinedolch in höherem Ansehen stand, schnallten sich alle Offiziere der Matrosenartillerie auf Urlaub, besonders im Binnenland, doch heimlich einen Dolch um. Es war Drache auch sicher nicht angenehm, als uns seine Frau die Vorratskammer zeigte, wo er Würste, Speck und Schinken in eigentlich schamloser Weise aufgespeichert hatte.

Ich bekam einen neuen Burschen. Budney hieß er und war früher Bergarbeiter gewesen. Ich hörte ihn gern darüber erzählen, obwohl er oft allzu dumm log. Daß sein Vater einen billigen Kanarienvogel kaufte, der trotz wochenlangen Vorpfeifens nur Pieps lernte und sich zuletzt als gelb angepinselter Sperling entpuppte, auch das glaubte ich ihm nur scheinbar. Budney war frisch, aber plump.

Schlechte Nahrung, freudlose Zeit. Dann kam etwas Neues. Erst geriet ich in einen ebenso gefährlichen, wie aufregenden Briefwechsel mit einer schönen Frau. Dann sah ich eines Abends ein blauäugiges, interessantes Mädchen in meinem Hotel und folgte ihr unbemerkt. Sie ging ins Theater, wo man das »Dreimäderlhaus« spielte. Ich erhielt einen Platz dicht hinter ihr. Sie trug eine einfache blaue Bluse, einen braun-karierten Rock, und ihr Haar war straff angeklatscht. Während des Stückes las sie in einem Buch oder machte sich Notizen, und mitunter wandte sie den Kopf mit einem forschenden Blick nach der Zuschauermenge. Sie wohnte in meinem Hotel. Der schlaue und gewandte Geschäftsführer erkannte meine Wünsche und arrangierte es so, daß ich mich vorstellte und Annemarie Schmied zum Kaffee auf der Veranda einlud. Sie war ein Waisenkind, aus Hamburg gebürtig, und nun sollte sie als Schauspielerin in Cuxhaven auftreten.

Zwischen Drache und Bobby spitzte sich die Feindschaft immer mehr zu. – Drei Jahre Krieg waren um. Die Engländer gingen jetzt in Flandern mächtig ins Zeug. Man erwartete Angriffe auf unseren U-Bootsstützpunkt Ostende. – Der D.-Chef kam von Urlaub und erzählte, wie immer, interessant, sachlich und überzeugend. In Warnemünde war unter öffentlichem Schleichhandel Butter zu acht Mark pro Pfund und Schokolade und anderes Kostbare zu haben. »Der kann leicht reden«, flüsterte mir jemand zu, »der hat eine Millionenfrau.« In Mannheim hatte Reye einen schweren Fliegerangriff erlebt. Von der großen Anilinfabrik stiegen hohe Rauchsäulen auf. Die waren aber von uns künstlich erzeugt, um dem Feinde vorzutäuschen, daß seine Bomben getroffen hätten.

Am dritten August sagte der D.-Chef zu mir: »Herr Hester, Sie sind wirklich ein Pechvogel. Ihre Beförderungspapiere sind infolge eines kleinen Formfehlers nun wieder zurückgekommen, und da sie bis zum fünften August auf der Station sein müssen, wird Ihre Beförderung nun wieder um einen Monat hinausgeschoben.« Der D.-Chef machte sich dann wirklich persönlich außerordentlich viel Mühe und Wege, um möglichst noch alles ins Rechtzeitige zu bringen. Ich ging abends ins Theater, um Annemaries Debüt als »Waise von Lowood« zu sehen. Sie spielte ergreifend. Hinterher sah ich Annemarie im Kreise neidischer Kolleginnen. Ich schrieb ihr einen herzlichen Gratulationsbrief. Nachts schlich ich mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern nach ihrer Zimmertür und kratzte vorsichtig, aber ich erhielt weder Einlaß noch Antwort.

Bobby verliebte sich sofort in Annemarie und suchte taktlos mich bei ihr auszustechen. Glücklicherweise kannte ich keine Eifersucht. – Ich schoß zwei Taucher. Sieben andere verwundete ich nur und mußte sie leider aus Mangel an Zeit so zurücklassen. – In Deutschland trafen große Pferdetransporte ein, die angeblich Dänemark liefern mußte, als Strafe dafür, daß es englische U-Boote durchgelassen hatte. Mit diesen Transporten fanden jedesmal auch dänische Butter, Wurst, Kuchen und Seife ihren Weg nach Warnemünde. – Lübek, von einem Ehrengericht abgeurteilt, erhielt den »schlichten Abschied«. – Abends saß ich mit Annemarie in der Laube hinterm Kaiserhof. Der Sekt taute ihr Herz auf. Wir gerieten in verliebteste Stimmung und schrieben an die Laubenwand »Fünfter August 1917«.

Zu meinem Geburtstag ward mir viel beschert. In der Messe brachte man mir drei Heils aus. Abends war ich allein und wieder sehr niedergeschlagen. Wie gut hatten es die hohen Offiziere mit drei und vier Ärmelstreifen. Sie bezogen reiche Gehälter, mit denen sie sich alles leisten konnten, was andere entbehrten. Und sie waren zum Teil noch so gewissenlos, dann alles aufzukaufen, um für schlimmere Zeiten gedeckt zu sein, während geringer bezahlte Offiziere Mangel und die Mannschaften Hunger litten.

Ganze Division lief aus. Ich mußte umkehren. Im Niederdruckzylinder hatte sich die Schraube gelockert, die Kolbenstange mit Kolbendeckel verbindet. Örters Boot schleppte mich nach Elbe A, wo mein Maschinenpersonal den Schaden reparierte.

Ich traf täglich mit Annemarie zusammen, dem lieben, sentimentalen Schulmädchen. Ich hörte ihre Rolle ab. Sie spielte abends in Hans Müllers »Könige«. Die Aufführung wirkte sehr komisch. Von den beiden Königen sog der eine, der überdies noch taub schien, alles aus dem Souffleurkasten, und den anderen König spielte der jüdische Theaterdirektor Merseburger, der ein Holzbein hatte. Nach der Vorstellung holte ich Annemarie ab. Sie zeigte mir ihre Kleider. Das Gretchenkleid, die blaue Bluse mit den Kinderzähnchen, das bulgarische Kleid mit Vogelbeeren besetzt und mein Lieblingskleid, das Schulmädchenkleid in Blaugrün, das so gut zu ihrem braunen Teint paßte.

In meinem Kleiderschrank hing nun schon eine nagelneue Offiziersuniform und der seidengefütterte Mantel und die silberdurchwirkte Schärpe. Ich aber trug eine abgewetzte Vizeuniform und wartete auf die Allerhöchste Kabinettsorder. Ich schoß einige entzückend hübsche Möwen und fischte etwa zweihundert Pfund Krabben. – Die aktive Minensuchdivision fischte draußen eine Menge Fässer auf, die von torpedierten Schiffen herrührten und Wein, Öl, Kakaobutter und Kokusbutter enthielten. Einige dieser Boote hatten ein Gefecht mit englischen Kreuzern gehabt. Dem Boot von Krommes wurde durch einen Treffer der Bug aufgerissen. M 65 wurde schwer getroffen und erhielt unter anderem einen Schuß ins Dampfrohr. Es hatte zehn Tote und vierzehn Verwundete, aber abends waren schon zwölf Särge bestellt. Die anderen M-Boote waren hinter Nebelbomben entkommen. In der Zeitung vom 17. August stand die Sache natürlich völlig entstellt.

In der Konferenz brachte der Chef deprimierende Neuigkeiten und ernste Befehle von oben. Die Leute sollten künftig mit allen Künsten bei guter Laune erhalten werden: durch Ausflüge und sonstige Vergnügungen. Sie sollten gleichzeitig durch Spitzel überwacht werden in bezug auf sozialdemokratische und Anti-Kriegspropaganda. Man rechnete mit einem gewaltigen Fliegerangriff auf Cuxhaven. Am Euphrat sollte demnächst unsere große Offensive einsetzen. Morgen würde der Kaiser nach Cuxhaven kommen. Vor den Mannschaften sollte das möglichst lange geheimgehalten werden.

Meine Gruppe lief am nächsten Morgen aus. Da wir vermutlich Seiner Majestät begegnen würden, hatten alle Boote über die Toppen geflaggt. Wir passierten aber nur die dem Kaiser wie Windhunde vorauslaufenden Hochseetorpedoboote. Es war ein herrliches Bild, wie diese schnellen scharfen Boote mit hoher Bugwelle durch die Dünung schossen. Mittags liefen wir wieder ein. Die andere Gruppe stand schon seit zehn Uhr auf der Pier zum Empfang des Kaisers angetreten. Ich war wegen meiner zerlumpten Vizeuniform in Verlegenheit. Dennoch stellte ich mich heimlich ganz dreist auf die Brücke von Klinkes Boot, das gegenüber der kaiserlichen Anlegestelle und neben dem zerschossenen M 65 festgemacht hatte. Die Cuxhavener Marine war in Aufregung. Jeder wollte voranstehen. Wir behaupteten, daß die Sperrfahrzeugdivision zu viel Platz einnähme, und so entbrannte überall Neid und Eifersucht. An der Pier war auf einer Schiefertafel das Gefecht der Minensucher skizziert. Man wollte dem Kaiser diese Skizze und das zerschossene Boot zeigen.

Es war ein imposanter Anblick, als das große Schlachtschiff »Baden« mit der Kaiserstandarte im Topp ganz vorsichtig langsam heranglitt. Auf den Decks standen hohe Militärs mit dicken Ärmelstreifen und breiten roten Hosenstreifen allzu nonchalant herum. Der Kaiser in Großadmiralsuniform und mit dem Großadmiralsstab in der Hand verließ das Schiff. Er kam mir sehr ernst und sehr eitel vor. Er schritt rasch die aufgestellten Reihen ab und hatte für die Tafel und für das zerschossene Schiff nur einen flüchtigen Blick. »Guten Morgen, Matrosen!« grüßte er, obwohl es halb acht Uhr abends war, und ich hörte deutlich, wie von den Leuten, die allerdings schon seit morgens dort angetreten standen, viele statt Hurra »Hunger« riefen. So viel bemerkte ich. Später erfuhr ich dazu, daß der Kaiser wütender Stimmung gewesen wäre, daß er die Reserveoffiziere völlig ignorierte und nur den aktiven die Hand reichte und sich im übrigen sofort in seinen Hofzug zurückzog. Es gab dann noch eine große Aufregung in Cuxhaven, weil Majestät nach einem geräucherten Aal verlangte und ein solcher – wenigstens in kaiserwürdiger Größe – nicht aufzutreiben war. Selbstverständlich wußten alle, daß die Reise des Kaisers mit den jüngsten Meutereien in der Marine zusammenhing. Ich fragte mich nur, warum er statt einer Versöhnungsreise eine Strafreise unternahm.

Der von mir so geschätzte Oberleutnant Klinker hatte auch an dem Seegefecht mit teilgenommen. Er erzählte mir davon, als wir zum Baden gingen. Nachts hatte ich mit ihm und Wigge und Bobby und Riemenschneider und Gebauer ein stimmungsvolles Kasinogelage. Es war ein wonniger Augustabend. Wir saßen im blumenbunten Garten und sangen »Ein Grenadier auf dem Dorfplatz stand« und »Nicht ich allein hab so gedacht, Annemarie«, und Bobby prostete mir bedeutungsvoll zu, und ich riß mir zum Symbol die Vizeanker von den Achseln.

Das zwangsweise Fischen wurde nun wirklich eingeführt. Auf Draches und des Stabsarztes Rat. Diese beiden Herren hatten davon keine Mühe, sondern nur Fische. – Als ich mit Bobby an der Alten Liebe badete, wagte ich mich zu weit hinaus und konnte mich nur mit äußerster Anstrengung gegen den Strom zurückarbeiten. – Ein Geheimbefehl besagte, daß ein Maat mit einem modernen Flugzeug desertiert und Richtung Holland genommen hätte. Ferner flöge ein Ballon in der Richtung von Köln nach Bremen; der sei möglichst abzuschießen. – Die neuen Beförderungen kamen heraus, die meinige war nicht dabei. – Zwischen den Pfählen der Pier schwammen, dehnten sich, blähten sich Hunderte von petroleumschillernden Quallen, manche so groß wie ein Kinderkopf. – Ich brachte Annemarie Fische und Milch. Ich wußte, sie hungerte oft. Ich ging in einem geborgten Zivilanzug in Kneipen, die für Offiziere verboten waren, und wenn ich bekannte Matrosen traf, hielt ich sie frei. Am nächsten Morgen ganz früh unternahm ich mit Annemarie einen Ausflug am Wasser entlang nach Brokeswalde. Annemarie trug das grüne Seidenkleid, ich Zivil. Wir hörten eine Zeitlang einem Waldprediger zu, bis Annemarie sich mit Tränen in den Augen abwendete, weil der Prediger von Waisenkindern sprach. Pampig begegnete uns. Er war tags zuvor auf Prielwache in Seenot geraten, hatte ein Beiboot, eine Karte und beinahe einen Mann verloren. Ich lagerte mich mit Annemarie und las ihr den Entwurf zu meinem neuen Drama vor, das »Der Flieger« heißen sollte.

Im Kasino kondolierten mir die Bekannten. Ich zog mich zurück, saß als einziger noch in dem kühlen Rosengarten und schrieb am »Flieger«. Um andere Anregung zu finden, besuchte ich ein Kino, mußte aber während des an sich törichten Stückes aufbrechen, weil mir die Tränen kamen.

Wegen meiner schwachen Augen pflegte ich auf See doppelt scharf auszuspähen. Es war mir eine Genugtuung, als ich, bei hoher Dünung auslaufend, auf weite Entfernung eine senkrecht schwimmende Stange und zwei undefinierbare treibende Gegenstände sichtete. Ich merkte mir die Stelle, oder vielmehr, ich berechnete mir, wo ich nach der Suchfahrt die Gegenstände wieder treffen könnte, und ich fand und barg sie dann nicht ohne Schwierigkeiten, einen Bootshaken und zwei komplizierte U-Bootsdrachen. Niemand von uns kannte diese Instrumente, die anscheinend eine große Sprengladung enthielten.

Auf »Zieten« war wieder etwas Revolutionäres vorgekommen. Man hatte Massenverhaftungen vorgenommen. – Lord Grey war gestorben. – Es gab jetzt 69 Minensuchboote in Cuxhaven. – Im Kaiserhof fand ein bunter Abend statt. Wir tanzten mit den Schauspielerinnen, ich mit Annemarie und Bobby mit der Friedrich, die die Hosenrollen spielte.

Der D.-Chef war, wohl aus Mitleid und bösem Gewissen, ausgesucht liebenswürdig zu mir. Er meinte, ich würde für die geborgenen U-Bootsdrachen wahrscheinlich eine Belohnung kriegen. Die Treibgutfischerei wurde ein aufregender und anspornender Sport bei uns. Für Kakaobutter zahlte man uns in Hamburg vierzig Mark pro Pfund. Sie ließ sich vorzüglich zum Kochen wie zur Seifenbereitung verwerten. – Der leitende Ingenieur stellte fest, daß mein Dampfkessel Sprünge hätte und jederzeit platzen könnte. Ich sollte möglichst bald in die Werft laufen. – Wieder fand ein Seegefecht statt. Vier Fischdampfer wurden auf die dänische Küste gejagt.

Abends auf Hafenwache erhielt ich Besuch von Klinke, Bobby, Pampig, Örter, Plappert, Liebert und einem Leutnant Meyer. Wir begannen eine gewaltige Zecherei. Der Fall von Riga wurde mit Schnaps und Sekt und Tanz und Geschrei gefeiert, als wären wir verrückt geworden. Dann brachte uns Leutnant Meyer auf sein Boot »Baden«, wo man uns mit einer ebenso süffigen wie gefährlichen Bowle bewirtete, die aus Sekt, Arrak und Zucker gebraut war und die wir seitdem Rigabowle nannten. Auf der »Baden« setzten wir unsere Tollheiten fort; Tänze, wilde Zweikämpfe, Musik und lautes Gejohle. Schließlich kam Kapitän Reeder hinzu. Er nannte Bobby einen Schafkopf und schickte Klinke heim, der im Suff sehr komisches, aber besonders törichtes Zeug vorbrachte. Allmählich verlief sich auch die andere, wahnsinnig besoffene Gesellschaft. Örter wurde wieder aus einem dunklen Proviantraum gezogen, wo er seine Eulenaugen rollte. Otto hatte auf unerklärliche Weise seine Schuhe »verlegt« und trat den weiten Heimweg in Strümpfen an. Nur Möbus und ich tranken mit Kapitän Reeder weiter bis morgens halb sechs Uhr. Als ich an Bord kam, hieß es, die ganze Division liefe aus. Der Chef war schon da. Er ließ mich rufen und war so zornig wie nie zuvor. Die Messestewards hatten verschlafen, und der D.-Chef fand den Salon, wo wir nachts gehaust hatten, in unbeschreiblich verwüstetem Zustand. Eine dicke Stickluft aus Tabaksqualm und Alkoholdämpfen. Die große polierte Tischplatte von Schnäpsen total zerfressen. Löcher ins Sofa gebrannt. Stühle zerbrochen. Der Fußboden mit Glasscherben besät.

»Was war gestern eigentlich los?« herrschte Reye mich an, aber er wartete gar nicht meine Antwort ab, sondern stieg auf die Brücke. »Auslaufen!« Ich glaube, draußen war kaltes, klares Wetter. Auf den Booten war dickste Luft. Bei der Rigafeier war ich Wachoffizier gewesen, und ich war nur Vize. Ich war auf Schlimmstes gefaßt. Wir hatten uns an der Leuchttonne gesammelt, »Scharhörn« fuhr nun an uns vorüber, und die Kommandanten pfiffen Seite. Das tat auch ich, als ich an der Reihe war und rief dazu schneidig und laut: »Oberdeck stillgestanden! Front nach Backbord!« Aber sofort stieg auf dem Führerschiff ein Signal auf, und mein vertrauter Bursche und Signalgast Budney übersetzte eiligst mit mir nach dem Signalbuch »Achten Sie gefälligst auf Ihre Garderobe!« Bautz! Das war die erste Zigarre. Ich trug statt eines Kragens einen Wollschal, kam aber gar nicht auf die Idee, daß der D.-Chef daran Anstoß nähme, weil ich täglich so ausfuhr. Ich zerbrach mir also den Kopf über den Sinn des Signals, bis mir einfiel, daß ich nur noch auf der linken Achsel einen Anker trug. Der rechte Anker war mir schon vor Wochen abgefallen und ich hatte das Messingding aus Scherz oder zur Erinnerung an den Mast meiner »Caroline« genagelt. Es war inzwischen von Grünspan ganz überzogen. Nun riß ich mit Anstrengung dieses vermeintliche Corpus delicti vom Mast und Budney nähte es mir an, wenn man so sagen darf, denn in Ermangelung von Faden und Nadel benutzte er Draht. Kapitänleutnant Reye verstreute weiter dickste Zigarren, wie Konfetti, und nach dem Suchen hetzte er uns in wilden Manövern noch lange herum. Aber die Hauptsache kam erst im Hafen bei der üblichen Konferenz auf »Scharhörn«. Ein großer Speech und dann ein weiterer von Drache gehalten, der seine Rednergabe gern zeigte und sich wohl einen neuen Stein im Brett bei Reye holen wollte. Sein seriöses Geseire giftete mich viel mehr als die scharfen, aber natürlichen und ehrlichen Anschnauzer Reyes. Der war am andern Tage schon wieder versöhnt.

Ein neuer Befehl verbot der Marine das Lesen von dreißig Zeitungen. Die Leute wurden dadurch erst auf diese Blätter aufmerksam. Ich belauschte einen Mann, der einem anderen diesen Befehl wiederholte und nur das kaiserliche Zitat hinzufügte: »Ich kenne keine Parteien mehr.«

Ich studierte deutsche und englische Zeitungen vom Juni als Vorarbeit zu meinem Drama. Annemarie war verreist, sie schrieb mir reizende Briefe. Wohl merkte ich, daß sie bis zu einem gewissen Grade auch in ihren Reden und Briefen Komödie spielte, aber wenn ich das abzog, blieb immer noch viel Rührendes, Anziehendes und Liebenswertes. Ich hatte Sehnsucht nach ihr.

Nach dem Suchen fischte ich Krabben und kochte sie ab. Diese widerlichen Krabben. Ihr Gestank verpestete ganz Cuxhaven. In der Nähe warf ein Zeppelin übungsweise Bomben ab. Dann stieg ich noch auf einen verankerten, aus Schweden gekommenen Dampfer über und hamsterte zwei Stücke schlechter Seife zu sechs Mark. Schokolade nahm ich nicht, für die dünnste Tafel forderte man zwölf Mark. – Bei der Mittagstafel wurden zwei Gerüchte serviert: England habe Deutschland ein Friedensangebot gemacht und Kerensky sei ermordet. Nachts hatte ich ein kleines Abenteuer auf dem Zimmer der zurückgekehrten Annemarie. Ich mußte mich in einen Kleiderschrank einschließen lassen und dort ein langes, vertrauliches Gespräch über ein Abenteuer einer anderen Schauspielerin anhören.

Sturmfahrten. Im Hafen Hochwasser. Oberleutnant Frührich besuchte uns zum Mittagessen, ward reizend empfangen und bewirtet und erzählte von U »Deutschland«. Dieses Boot fuhr vier Monate lang als Kreuzer im Atlantik, versenkte aber nur fünfzigtausend Tonnen, weil es wegen seiner untauglichen Unterbauten von seinen Geschützen keinen Gebrauch machen konnte. Frührich hatte sächsisch-blaue Augen, sächsische Intelligenz, erzählte sächsisch und verweilte sächsisch lange.

Herr Reye war etwas böse auf mich, weil ich den Kegelabenden fernblieb, doch bei meiner nächsten Hafenwache lud er mich zu einer Gesellschaft auf »Scharhörn«, die er einigen Armeeoffizieren und deren Damen gab. Hauptmann Brokhaus war dabei. Dessen Sohn, ein junger, langer Feldartillerist, wohnte am folgenden Tage als mein Gast einer Suchfahrt bei. Die See ging hoch und Herr Brokhaus junior kotzte. Überdampfende Brecher zerschlugen meine Armbanduhr und rissen mir Tassen, Teller, Käse und Butter über Bord. Als ich auf dem Weg nach dem Kaiserhof die Drehbrücke erreichte, trieb dort gerade eine nackte, abscheulich zerfressene Wasserleiche an.

Sturm, Böen. Zwischen Helgoland und Neuwerk war das U-Boot C 43 gesunken. Man hatte nur den ertrunkenen Koch gefunden. Oberleutnant Klinke fischte später außer einem toten Seehund verschiedene Gegenstände auf, die von C 43 stammen mußten. Erst später stellte ich fest, daß C 43 jenes U-Boot war, auf dem ich als frischgebackener Vize Weihnachten gefeiert hatte.

Wigge war abkommandiert. Er gab Bobby, dem Oberleutnant Klinker, dem Oberleutnant Klinke und mir noch eine Abschiedstrinkerei, die noch toller verlief als die Rigafeier. Da Wigge schon seine Sachen verpackt hatte, erlaubte uns die Wirtin, das Zimmer des Leutnants Sch., eines aktiven Offiziers, zu benutzen, der für eine Woche zum Minensuchen in See gegangen war. Der tolle wilde Klinker zeigte eine große Fertigkeit darin, ein Bierglas, das ich mir auf den Kopf stellte, mit einem anderen Bierglas herunterzuwerfen. Das genügte dann nicht mehr, und er fing an, mir Gläser mit dem Revolver vom Kopf zu schießen. Dann griffen wir andern auch zum Revolver und schossen. Schossen zunächst auf die Fotografie der Braut des abwesenden und uns durchaus nicht näher bekannten Leutnants Sch. Schossen andere Bilder entzwei. Schossen in die Fenster und in die Gaslampe. Eine unbändige Zerstörungslust überkam uns. Es war so viel entzweigegangen, nun sollte alles entzweigehen. Als wir sämtliche Gläser an der Wand zerschellt hatten, eilte Wigge in sein Zimmer, erbrach die schon vernagelten Kisten und riß heraus, was er an Glas und Porzellan erwischte. Das brachte er zu uns, warf es aber schon auf der Schwelle mit vandalischer Freude zu Boden. Sodann veranstalteten wir Ringkämpfe und begingen sonstige berauschte und uns berauschende Heldentaten, bis wir schließlich mit Lärminstrumenten und das Pfannenflickerlied singend zum Hafen zogen.

Unser Katzenjammer am nächsten Tag war schlimm. Ich hatte gar keinen Humor dafür, daß sich Klinke von seinem Burschen Glasscherben aus dem Rücken ziehen ließ. Die Wirtin Hildebrand war diesmal durchaus nicht mit unserer Schießerei einverstanden gewesen. Sie benutzte den Begriff Schadenersatz zu außerordentlichen Geschäften. Auch hatten sich die Unter- und Nebenmieter beschwert. Von jenem aktiven, von uns so roh beleidigten Minensuchoffizier sei nur gesagt, daß er uns alle durch sein Verhalten beschämte. Aber ich hatte die Hosen gestrichen voll Angst und lief den ganzen Tag herum, um zu beschwichtigen, Abbitte zu tun, zu bezahlen und zu borgen, um wieder zu bezahlen und zu ersetzen. Und gerade zwischen diesen Aufregungen kam meine Beförderung zum Leutnant heraus. Klinke erhielt gleichzeitig das Braunschweigische Verdienstkreuz. So taten wir uns zusammen und gaben zunächst einmal ein intimeres Sektgelage im engen Kreise.

Der D.-Chef war reizend zu mir, und im Kasino, bei Prüfers, an Bord, auf der Straße, überall wurde mir gratuliert. Annemarie hatte mir prachtvolle Rosen aufs Zimmer gestellt. Am nächsten Morgen betrat ich, Säbel in der Linken, Mütze in der Rechten, die Messe von »Scharhörn« und sagte mit einer Verbeugung zu Reye vorschriftsmäßig: »Leutnant der Reserve Hester meldet sich gehorsamst laut Allerhöchster Kabinettsorder zum Dienstgrad befördert.« Man feierte mich gewaltig. Ich mußte natürlich auch gewaltig blechen. Meinen »Caroline«-Leuten spendierte ich ein Faß Bier und Tabak und überschwengliche Reden. Die nächsten drei Tage wurde außerhalb des Dienstes nur gefeiert und gesoffen. Dabei traten außer Annemarie auch noch andere Schauspielerinnen in Erscheinung, vor allen Dingen eine besonders intelligente Dame, die wir von vornherein Gürkchen nannten. Dann fand die große Beförderungsfeier für mich im Kasino statt, ein besonders stimmungsvoller und harmonischer Divisionsabend. Ich trug ein eigens dazu verfaßtes Gedicht vor, volltönende Reden wurden geschwungen, die Tafel war geschmackvoll geschmückt, und es sah hübsch aus, wie wir dort in unseren kleidsamen gleichen Uniformen saßen. Ich konnte mich nun freier mit dem D.-Chef unterhalten, und ich war hinterher sehr ergriffen über mein Glück, über den erreichten Leutnantsgrad, über mein ganzes Lebensglück, war auch glücklich über alles Unglück, was ich durchkostet hatte. Glücklich und fromm gestimmt war ich und sagte zu Otto: »Nun bin ich Leutnant. Ich möchte so gern einmal Pastor werden.« Eichhörnchen sandte mir ein langes Glückwunschtelegramm. Beim nächsten Auslaufen hißte »Caroline« zum erstenmal meinen Kommandantenwimpel.

Speisezettel der H.M.S.D.
für die Zeit vom 14.–20. Oktober 1917

Sonntag, den 14.
          Fruchtsuppe. Beefsteak, Kartoffeln und Apfelmus
Abends Dauerwurst 125 gr.

Montag, den 15.
          Weißkohl mit frischem Fleisch
Abends Erbsensuppe mit Speck

Dienstag, den 16.
          Griessuppe mit Milch und gefüllte Kartoffelpuffer
Abends Sülze 125 gr.

Mittwoch, den 17.
          Labskaus von konserviertem Rindfleisch und Salzgurken
Abends Butter 125 gr.

Donnerstag, den 18.
          Makkaroni mit Speck
Abends Gerstengrützsuppe mit konserviertem Fleisch

Freitag, den 19.
          Bouillon mit Reis. Gekochtes Rindfleisch mit Kartoffeln und Merettich- oder Zwiebeltunke
Abends Frische Wurst 200 gr.

Sonnabend, den 20.
          Mohrrüben und frisches Fleisch
Abends Käse 125 gr.

Gesehen!
gez. Reye.

Ich sah mir »Hedda Gabler« an und feierte anschließend Abschied von Annemarie, denn dann fuhr ich mit geliehenem Dolch auf Urlaub, Herr Leutnant zur See Hester.

Das war eine Erholungsreise! Nun brauchte ich nicht mehr aufzuspringen und strammzustehen, ich war bei Geld, war wohlgekleidet, meine Uniform genoß im Binnenlande mehr Ansehen als die feldgraue. Zunächst imponierte ich in Halle meinem Bruder. Von dort aus wollte ich nach München. Als aber der Zug in Probstzella hielt, stieg ich kurz entschlossen aus, weil mich eine Sehnsucht nach der Burg Lauenstein packte, wo ich einmal vor Jahren Fremdenführer gewesen war. Es dämmerte schon und ich geriet in Zweifel über die Wegrichtung. Deshalb bat ich eine vor mir wandernde Gesellschaft um Auskunft. Eine Dame antwortete mir: ich sollte nicht nach dem Lauenstein gehen, weil ich dort keinen Platz fände. Denn auf dem Lauenstein tagten für eine Woche zweiundneunzig Koryphäen Deutschlands. Ich dankte der Dame – später erfuhr ich, daß sie die Schriftstellerin Lulu von Strauß und Torney wäre – aber ich ging dennoch auf die Burg. Tatsächlich tagten dort an jenem Abend an zweiundneunzig Koryphäen, darunter der Verleger Eugen Diederichs, der Dichter Richard Dehmel nebst Frau, Professor Weber aus Heidelberg, Professor Maurenbrecher, Prögler, Winkler und andere Berühmtheiten. Der Burgherr, Doktor Meßmer, hieß mich freundlich willkommen. Auch das schöne Märchenmädchen Lukardes war da. Und die Burg war noch immer so romantisch und verkitscht, und wahrscheinlich blies der Burgherr sonst auch abends noch auf dem Söller das Waldhorn. Aber an diesem Abend fand im Rittersaal die Eröffnung der achttägigen Konferenz statt. Was sie bezweckte, bekam ich nicht heraus, aber vermutlich war es etwas Revolutionäres oder Pazifistisches, das merkte ich an den erstaunten Gesichtern, die man mir zuwarf, weil ich als einzig Unbekannter und obendrein noch Uniformierter im Rittersaal saß. Verleger Diederichs hielt die Begrüßungsrede. Sie begann: »Erlauchte Gesellschaft!« Der Ort für diese Zusammenkunft war nicht übel gewählt, denn auf diese abgelegene und steil gelegene Burg verirrte sich kein Polizist, kein Spitzel. Indessen interessierte mich die Tendenz der Reden und der Zusammenkunft gar nicht. Das kam mir vor wie Seifenblasen. Wenn ich mich nach dem Begrüßungsakt unaufgefordert einer Gesellschaft anschloß, die sich im sogenannten Trompeterstübchen niederließ, so geschah es nur, weil das Stübchen hübsch und erinnerungsvoll für mich war und weil ich gar zu gern einmal wieder unter Zivilisten saß. Ein Arbeiterdichter trug eigene Verse vor, Frau Dehmel bat ihn dann, abzubrechen, weil sie zu traurig an ihren gefallenen Sohn erinnert würde. Und andere trugen vor, und alle redeten sehr weise, nur ich kleiner Leutnant saß still und verachtet da. Ich beging dennoch die Torheit, eine Karte herumzureichen mit der Bitte um Autographen. Die Anwesenden unterschrieben. Richard Dehmel schrieb in großen Buchstaben: »Notgedrungen Dehmel.« Erst um ein Uhr gestand ich mir, wie überflüssig ich dort war, stieg bergab und erwischte den D-Zug nach München und nach kurzem Stehen – Damen und alte Herren standen todmüde in den Gängen – erhielt ich sogar ein Bett im Schlafwagen.

In München Lotte Pritzel. – Foitzick, Geschäftsführer der Neuen Sezession, die ich feierlich schloß, indem ich – es war kein einziger Besucher da – eine Ansprache hielt und mit meinem Dolch ein Kreuz durch die Luft schlug. – Direktor Falckenberg von den Kammerspielen. – Bildhauer Edwin Scharff. – David Rank. – Die Frau des Malers Seewald. – Künstlerkneipe Simplizissimus. – Akropolis mit dem griechischen Wirt Vaviades, der keine Bezahlung für meine Zechen annahm, aus Verehrung für die deutsche Marine. – Karl Kinndts herrliche Verbrüderungshymne. – Das Figurentheater der Feldgrauen. – Es war soviel Anregendes für mich, und ich meinte, kniehoch in Geistigkeit zu waten. Als ich von München abreiste, sah ich im letzten Moment eine mir bekannte, höchst sympathische Dame auf dem Bahnsteig. Aber ihr Name, ihr Name fiel mir nicht ein, und ich winkte und riß das Fenster auf und – es war fast zu spät – rief noch: »Du! Du!« Und sie winkte, und ich war glücklich.

Ich stieg aufs Geratewohl in Gmünden aus, fand viel Frohsinn, drollige Gassen und Häuser, logierte mich im Hotel Koppen ein und trank der Kellnerin Therese zuliebe fünfzehn Schoppen Wein. Andern Tags besuchte ich meinen ebenfalls beurlaubten Kameraden Pampig in Hersfeld. Er und seine Angehörigen nahmen mich aufs herzlichste auf. Ottos hatten ein Delikatessengeschäft, so erstklassig, wie es in München keins gab. Nachts um vier Uhr speisten wir noch gebratene Hirschzunge, und wir besuchten Kamerad Brückmann auf seiner nahebei gelegenen Domäne Eichhof. Und unser D.-Chef kam noch angereist, so daß wir vier Offiziere der H.M.S.D. im Binnenlande vereint waren. Da hätten wir nicht vergnügt sein sollen! Ottos Hersfelder Freunde, besonders Oberleutnant Andre und Leutnant Kückenthal, waren auch nicht von Pappe. Dann reiste ich – das mußte sich ja alles in wenigen Tagen abwickeln – nach Eisenach und eroberte bei Dora Kurs neue Mädchen, traf mich im Rodensteiner mit Doktor Hoefner, besuchte trotz Doras Warnung in Friedrichroda die schöne Frau Marta Elisabeth, wo ich den höchstdekorierten Fliegerleutnant Dalmann kennenlernte. Aber so abwechslungsreich und ungewohnt das alles war, so befriedigte es mich doch nicht. Immer wieder fühlte ich mich einsam. Immer wieder empfand ich, warum es so schrecklich war, daß es hier keine Weine mehr oder keinen Bohnenkaffee gab und daß dort Lokale geschlossen waren, oder daß man zur Beleuchtung nur noch Lichtstümpfchen hatte.

In Leipzig traf ich unangemeldet und so spät ein, daß ich es vorzog, bei einer Hure zu übernachten, die mir dann in rührendster Weise Proviant aus »Hamsterdam« aufdrängen wollte. Meinen Vater traf ich krank an. Er hatte ein Lungenemphysem. Ich fuhr nochmals zu meinem Bruder nach Halle. Aber der war zu dumm, als daß ich mit ihm über den Krieg oder sonstige die Zeit bewegende Fragen hätte sprechen können. Sein Sohn schrieb mir folgenden Wunschzettel: »Ich wünsche mir eine Eisenbahnbrücke für Nullspur.« Über Rissen, Kitty, »Wien, Wien, nur du allein« und Hamburg kam ich dann wieder zu »Caroline«, die in der Werft lag. Wir freuten uns still, daß die Reparaturen sich verzögerten. In der Zeit verkehrte ich wieder in den ersten Bars und Hotels und in reichen Villen bei Reedern und Kaufleuten, von denen die meisten noch alles hatten, was Herz, Magen oder Kehle begehrten. Ich freundete mich mit dem Reeder Carl August John an, der in Blankenese eine stattliche Villa am Wasser bewohnte. Wir hatten abgemacht, daß ich auf der Rückfahrt nach Cuxhaven in Blankenese anlegen sollte. John wollte dann an den Strand kommen und mir einen Trunk reichen. Selbstverständlich konnte das nur heimlich geschehen. Mein Kriegsschifflein durfte keine privaten Abstecher machen. Ich instruierte meine Leute demgemäß, sagte, sie würden sicher in Blankenese etwas zu trinken bekommen. Es wäre Ehrensache, daß jeder im übrigen seine Pflicht täte und niemand sich in Cuxhaven die geringste Trunkenheit anmerken ließe. Nach dem Auslaufen kompensierten wir erst. Dann gings weiter. Als ich Johns Villa erkannte, gab ich mit der Dampfpfeife das verabredete Zeichen und hißte das Flaggensignal seiner Reederei. Dann vollführten wir ein schneidiges Anlegemanöver mit lauten Kommandos und vielen Flaggen- und Pfeifensignalen, die teils überflüssig oder erfunden waren, um John zu imponieren. Der war aber durchaus maritim versiert und lachte sich eins. Ich machte mit ihm und seiner Frau kurzes Shake hands. Ein schwerer, mit einer Serviette bedeckter Korb wurde auf meine Brücke gereicht, dann brachten wir drei Hurras auf die Reederei C. A. John aus und dampften winkend weiter. Jetzt besah ich mir das Geschenk und erschrak. Der Korb enthielt nur edelste Weine und teure echte ausländische Schnäpse. Meinen Leuten wäre mit einfachem Korn oder Köm genauso gedient gewesen. Aber da half nun nichts. Während wir durch das gar nicht einfache Fahrwasser der Elbe fuhren, bei heftiger Brise, rief ich einen Mann nach dem andern auf die Brücke und gab jedem zu trinken und stieß mit ihm an. Wenn die Reihe durch war, fing ich wieder von neuem an. So soffen wir die ganzen Kostbarkeiten aus, als wäre es Wasser gewesen. Wenn das auch nicht ohne Wirkung blieb, so nahmen wir uns doch alle beim Einlaufen und Festmachen so krampfhaft zusammen und waren dabei so mäuschenstill, daß wir auf einen Beobachter wie eine verwunschene Besatzung wirken mußten. So kam nichts heraus. Ich fand Berge von dienstlichen und privaten Schreiben vor, und Annemarie bereitete mir einen warmen Empfang.

Vom fünfundzwanzigsten Oktober an wütete ein großer Sturm. Abends stand das Wasser in der Deichstraße, so daß der Weg zur Division abgeschnitten war. Bei Annemarie, dann bei Prüters dachten wir an die Boote, die in See waren; unsere kleinen Schlepper konnten natürlich nicht auslaufen. Nachts tobte ein Gewitter. Wie hatte die sechste Halbflotille gekämpft! Ich sah am andern Tag Boote, die wie blecherne Spielzeuge von Riesenhänden zerknittert und zerschlagen aussahen. Dicke eiserne Pfosten waren wie Rohr geknickt. Herr Nicolaison hatte sich beide Beine schwer verstaucht. Viele Leute waren ertrunken. Ein Boot wurde vermißt, andere irrten noch am siebenundzwanzigsten vertrieben umher und kämpften verzweifelt gegen den furchtbaren Orkan. Manchmal ward ein Funkspruch von ihnen aufgefangen. »Befinde mich da und da in höchster Seenot!« Aber wie sollte man ihnen helfen. In solcher höchster Gefahr meldete sich M 55, dessen Kommandant der von mir so verehrte Oberleutnant Klinker war. Nachmittags kam dann die Kunde, daß er ertrunken sei. Sein Boot hatte schon die Einfahrt vom Helgoländer Hafen erreicht, war aber wieder von der See zurückgeworfen, und eine Woge hatte die ganze Kommandobrücke mit sechs Mann und dem Kommandanten über Bord geschlagen. Fast alle anderen Boote der Flotille hatten Tote oder Verwundete.

Abends war unser Kegelabend. Wir feierten einen Sieg in Italien. Sechzigtausend Italiener gefangen. Und wir tranken ein stilles Glas auf unseren toten Freund Klinker.

Zu meinem Verhältnis mit Annemarie bildeten sich analoge Beziehungen zwischen Otto und Gürkchen und zwischen Brückmann und der Schauspielerin Dorrit, einer aparten, zarten Erscheinung. Brückmann selbst war groß und breitschultrig und in seinem Wesen sehr geradeaus. Ich begriff es nie, warum er eine gewisse Abneigung gegen mich hatte, während ich ihn doch hochschätzte und gern hatte. Dieser Gegensatz kam allerdings nur selten zur Geltung. Wir drei Paare verbrachten viel lustige und gemeinsam verliebte Kaffeestunden und Abendgelage. Oft nahm Reye daran teil. Wenn Brückmann einen Rausch hatte, benahm er sich sehr komisch. Dann griff er etwa nach einem Besen und fegte wütend damit im Zimmer herum und rief uns anderen beleidigt zu: »Geht weg! Geht alle weit, weit weg! Ihr Zementfürsten!« Einmal kam er in solchem Zustande zu einem Barbier. »Bitte rasieren.« Der Barbier wehrte ab: »So kann ich Sie nicht rasieren.« Brückmann stutzte. »Na, dann scheren Sie mir die Haare.«

Zu den kleinen Sonderheiten, die sich mit unseren Zusammenkünften und wechselseitigen Besuchen verknüpften, gehörte auch der Totenschädel eines polnischen Mädels, den ich immer in meinem Zimmer, manchmal auch im Bett hatte und der aus unwichtigen Gründen »Liberia Tut« genannt wurde.

Der Sturm hatte sich gelegt. Ich mußte jeden Tag auslaufen, um meine Hamburger Faulzeit wieder auszugleichen. Wir spähten nach Leichen und treibenden Wrackstücken aus. Es wurden nähere Einzelheiten von dem Unglück bekannt. Bei dem Sturm war ein getöteter Mann eines Bootes ins Logis geschleppt worden. Gleich darauf füllte eine überschlagende See dieses Logis mit Wasser. Ein lebender Matrose, der unten saß, wurde wahnsinnig und bildete sich ein, mit seinem toten Kameraden auf dem Meeresgrunde zu liegen. Manche Leute waren im Wogenanprall durch die Wasserpforten, einer sogar durch die Ankerklüse gespült.

Abends war ich im »Faust« und beklatschte Annemarie, das braune Gretchen. Nachts ereignete sich im Treppenflur meines Hotels eine Weiberschlacht zwischen der Geliebten des Direktors Merseburger und der Frau des Geschäftsführers. –

»Caroline« und Bobbys »Cuxhaven« mußten abgegeben werden, sollten nach der Ostsee kommen. Als sie zum letzten Male ausliefen, standen wir Offiziere am Molenkopf und der D.-Chef lächelte mir zu und brachte drei Hurras auf beide Boote aus.

Ich legte all mein Gehalt und darüber hinaus meine Schulden in Proviant an, Vollmilch, Kakao, Käse, Kaffee. Denn wir Ehepaare, Herr und Frau Specht, Herr und Frau Pampig, Herr und Frau Brückmann und dazu immer noch Junggesellen, fanden uns nach jedem Dienst zu gesellschaftlichen Völlereien zusammen. Annemarie aß dabei so gern und so viel, daß ihr der Spitzname Bampf verblieb. Dabei schämten wir uns alle solcher Prassereien und gaben uns wenigstens Mühe, das in irgendwelcher Weise bei den Leuten wiedergutzumachen. Nach einer solchen Nachtsitzung begleitete mich Otto noch auf mein Zimmer. Wir stifteten jeder eine Flasche Sekt, die wir gleichzeitig öffneten. Als wir dabei aber wegen dieser Gleichzeitigkeit oder um sonst eine ähnliche Bagatelle in Meinungsverschiedenheit gerieten, goß Otto eigensinnig seinen Sekt in den Wassereimer. Ich goß meinen Sekt trotzig nach, und darüber lachten wir, waren sofort wieder einig, aber hatten keinen Sekt mehr.

Die Division lief wegen Nebels nicht aus. Kapitänleutnant Drache ließ Otto und mich rufen. Wir beide waren einige Tage vorher aus Jux als Matrosen verkleidet in einer Wirtschaft gewesen, und das war Herrn Drache hinterbracht worden. Nun sagte er: »Meine Herren, das ist eine ernste Angelegenheit. Das kostet Ehrengericht. Ich fürchte um Ihr Offizierspatent.« Weil für den Abend gerade sämtliche Kommandanten vom Divisionschef zu einem Essen mit Musik auf »Scharhörn« eingeladen waren, sagte Herr Drache weiter: »Ich werde dem D.-Chef die Sache erst morgen melden, um ihm bei dem heutigen Fest nicht die Stimmung zu verderben.«

Wir waren völlig niedergeschmettert. Erst kürzlich Leutnant geworden, sollten wir nun wieder degradiert werden. Was war es denn Schlimmes gewesen, was wir getan hatten. Ein lustiges Beisammensein. Mit Gürkchen, Bampf und Dorrit. Die Leutnants hatten sich als Matrosen angezogen, und Otto und ich waren für zehn Minuten ins nächste Wirtshaus gegangen. Wir hatten dort nur ein Glas Bier getrunken und waren durchaus nüchtern. Kein Offizier hatte uns bemerkt, und den Unteroffizieren, die wir in der Kneipe antrafen, hatten wir ganz sachlich die für Matrosen vorgeschriebenen Ehrenbezeugungen erwiesen. Und wer mochte uns wohl verraten haben? Zunächst suchten wir Oberleutnant Klinke auf und baten um seinen väterlichen Rat. Er nahm sich der Sache mit dem größten Eifer an, ohne uns vorläufig Hoffnungen zu geben, und machte sich sofort auf, um sich bei juristisch beschlageneren Offizieren über die Rechtslage zu erkundigen. Inzwischen gingen wir zu Örter und erzählten ihm die Angelegenheit, und da erfuhren wir zu unserem maßlosen Erstaunen, daß unser Kamerad Örter es gewesen war, der uns verraten hatte. Wir verließen ihn ohne weitere Worte. Dann lagen wir in Gürkchens Zimmer mit ihr und Bampf auf Sofa, Bett und Klappstühlen. Otto und ich lasen abwechselnd in einem Nachschlagwerk betreffend Offiziersehre und Ehrengerichte und reichten einander inzwischen die Hand, wie im stummen Versprechen, immer Freunde zu bleiben. Und unsere Mädchen weinten und trösteten uns und verwünschten den Schurken Örter. Auch Bobby hatten wir unser Leid geklagt. Der hatte dann mit Brückmann und dieser wieder mit Klinke lange vertrauliche Besprechungen, alle in dem freundschaftlichen und eifrigsten Bestreben, uns beizustehen. Schließlich entschlossen wir uns nach langem Zögern, Herrn Drache einen Besuch abzustatten und ganz kleinlaut zu bitten, von einer Anzeige abzusehen. In peinlichst offiziellem Anzug ließen wir uns bei ihm melden und brachten unsere Bitte vor, wobei wir nochmals betonten, wie kurz und harmlos unsere Entgleisung verlaufen wäre. Drache ließ uns an langen, wohlgesetzten, seriösen Reden rösten, aber der Schluß war: er könnte leider nichts ändern und uns nicht die geringsten Hoffnungen machen.

Bei der Abendfeier auf »Scharhörn« ging es außerordentlich lustig zu. Nur Drache zeigte seine kühle brütende Ruhe, und auch Örter war in seinem bösen Gewissen noch stiller als gewöhnlich. Es versteht sich von selbst, daß Otto und ich, mit unserem Blei im Herzen, ganz gedrückt dasaßen. Wenn wir einmal in die Unterhaltung mit eingriffen oder mitlachten, so geschah es mit einer würgenden Gezwungenheit. Das fiel dem D.-Chef auf. Er prostete mir einmal zu: »Prost Hester, was haben Sie denn heute? Ist Ihnen die Petersilie verhagelt? Sie sind doch sonst immer so vergnügt.«

Eine schlaflose Nacht. Eine bange lange Suchfahrt. Dann Konferenz auf »Scharhörn«. Gleich zu Anfang bat der D.-Chef Otto und mich an Deck und beiseite und sagte: »Meine Herren, ich sehe in dem, was Sie getan haben, nichts Schlechtes. Aber ich gebe Ihnen den kameradschaftlichen Rat, derartiges nicht zu wiederholen. Denn Sie merken ja selbst, wie schlimm Ihnen so etwas ausgelegt werden kann.« Damit reichte er uns die Hand, und wir hätten ihn am liebsten umarmt und geküßt. Wir stammelten salutierend Worte des Dankes und sparten die Küsse und Umarmungen für Bampf und Gürkchen auf. Kapitänleutnant Drache richtete ein paar sauersüße Redensarten an uns. Er müßte der Auffassung des D.-Chefs beipflichten, und er, Drache, habe sich in diesem Falle mit seiner Meinung verhauen. Alles war erledigt. Nur zwischen Örter und uns war ein tiefer Spalt, der auf Bitten von Drache und Reye und nach einem dafür anberaumten Konvent der Kameraden wenigstens äußerlich überbrückt wurde.

Um so fester waren nun die Bündnisse zwischen Otto, Gürkchen, Bampf und mir. Der D.-Chef nahm gern an unseren Vergnügungen teil und häufig waren auch Brückmann und Dorrit dabei. Goldene Stunden.

Wir schossen bei Elbe B eine Mine ab und suchten nach weiteren, die bei Lister Tief gesichtet waren. Jeder Tag brachte Stürme. Unsere Boote standen zwischen Dora und Tonne 6 jedesmal Kopf. Der Nordwest bescherte uns Treibgut. So barg der neue Vize Pich ein dreißig Kilo schweres Faß mit Kokosbutter. Ich fischte zehn U-Bootskugeln und fand dann eine große Tonne Benzin. Bei der hohen Dünung gelang es mir aber nicht gleich, sie zu bergen, und ich mußte meine Bemühungen abbrechen und dieses treibende Wertobjekt von mehreren tausend Mark zurücklassen, weil der Gruppenführer mir befahl, wieder Formation aufzunehmen. Andern Tags brachte ich zwei lange Balken im Werte von etwa zweihundert Mark und eine Kiste mit zwölf Kilo Margarine und anderes heim, so einen Lederball (englische U-Boots-Boje). Den Ball schenkte ich Reye für seine liebreizenden Töchterchen. Diesen ging der Ball beim Spielen oder Drücken entzwei, und er enthielt eine greuliche Teermasse.

Abends rief mich Reye oft telefonisch ins Kasino oder zu Dölle oder in den Kaiserhof, wo wir dann lustige oder merkwürdige, manchmal auch fade Gelage hatten.

Der Dichter Karl Kinndt zeigte mir seine Kriegstrauung mit einer Dame an, die ihn als Krankenschwester gepflegt hatte.

Frau Dora Kurs schrieb mir: »Gustav Hester. Schon wiederholt bat ich Sie, nicht wieder zu mir zu kommen, wenn immer die jungen Mädchen bei mir sind. Ich schrieb Ihnen, daß ihre revolutionäre Art meine Existenz bedrohe, und ich meine, wenn Sie mir freundlich, geschweige denn freundschaftlich gesonnen sind, hätte das genügen müssen, um meine Bitte zu erfüllen. Sie aber verlachten dieselbe und meinten, Freundschaft sei dazu da, daß der Eine willkürlich seine Laune ausleben könne, während der Andere sich das – er ist ja befreundet – gefallen zu lassen hat. So kamen Sie und brachen nicht nur die Freundschaft, sondern auch das Gastrecht, indem Sie meine jungen Mädchen zu der unverantwortlich leichtsinnigen Tat veranlaßten, nachts durch die Fenster zu gehen und sich heimlich zu entfernen. Die ganze Burgstraße weiß darum. Wenn das Freundschaft heißt, so muß ich, um nicht gezwungen zu werden, mein Pensionat zu schließen, in Zukunft darauf verzichten. Ich bitte Sie nochmals, mein Haus zu meiden und sich einen andern Schauplatz für Ihre Unternehmungen zu suchen. –«

In Cuxhaven wurde der verschärfte Kriegszustand erklärt. Es waren vierzehn englische Einheiten nordwestlich von Helgoland gesichtet, auch befürchtete man einen Fliegerangriff. Sturm. Wir fischten für zwölfhundert Mark Holz. Es war ein Vergnügen, den Eifer zu sehen, mit dem die Leute die Bretter aus dem Wasser zogen.

Eines Morgens, nach einer schweren Kasinofête, kriegte mich mein Bursche nicht wach. Als ich später von selber munter ward, war es schon spät. Die Division war längst in See und mein neues Boot »Fairplay VI« ohne Kommandanten ausgelaufen. Ich zog mich erschreckt an und lief zur Sperrfahrzeugdivision. Ich wollte versuchen, mein Boot mit irgendeinem anderen Fahrzeug zu erreichen. Leutnant Möbus nahm mich ein Stück auf seinem Kahn mit. Aber es war ein Tag voll Pech und dicker Luft. Erst hielt uns »Kaiser« auf, der dicht vorm Hafen eine Mine abschoß. Dann begegneten wir zwei aus Schweden kommenden Dampfern, und Möbus hatte oder bekam den Befehl, sie nach Konterbande zu durchsuchen. Ich begleitete ihn. Einer von den Dampfern lag, topplastig, so schräg, daß man an Bord nicht mehr gehen, sondern nur klettern konnte, was bei der Verhandlung und Durchsuchung mit dem Kapitän sich sehr komisch ausnahm. Wir erstanden einige Stücke Seife. Durchs Fernglas sah ich meine Division und mein Boot, aber niemand wollte oder konnte mich dorthin bringen. Und so ließ ich mich auf das einlaufende Postboot übersetzen und begab mich zu Annemarie, um ihr mein böses Gewissen auszuschütten. Ich ließ mich telefonisch bei der Division krank melden. Otto erzählte nachmittags, es sei gerade diesmal draußen so viel los gewesen. Mein Boot hatte eine Mine gefischt, und weil ich nicht an Bord war, hatte Brückmann sie entschärft. Schiffe waren festgefahren, losgerissene Leichter trieben herum, und unsere Boote hatten Netze und viel Seife gefischt. Um mein Kranksein noch wahrscheinlicher zu machen, blieb ich noch einen zweiten Tag der Division fern und meldete mich erst am dritten Tage gesund zurück. Der D.-Chef ließ sich nichts anmerken, aber Stabsarzt Hartmann schilderte bei Tisch ironisch, wie er im Kaiserhof den Leutnant Hester besuchen wollte und zu seinem Erstaunen statt des Kranken ein sehr gesundes, braunhäutiges Mädchen im Bett fand.

Tolle Stürme Tag für Tag, die allenthalben Schaden anrichteten und sogar im Hafen unsere Boote gefährdeten. Hunderte von Planken – vielleicht weggespülte Decksladung eines Schiffes – trieben auf der Wasserfläche. Der Holzhändler bot nach langem Feilschen hundertfünfzehn Mark für den Kubikmeter, dafür wollte er angeblich auch für den Zoll aufkommen. – Ein großes Spanferkelessen bei Brückmann, unsere Damen nahmen teil. Zum Schluß biß Brückmann meinen Bampf in den Popo und fegte mit einem Besen einen Kopf Rotkohl durchs Zimmer: »Geht alle weg! Geht weit, weit weg! Ihr Zementfürsten!« – Viel Artillerieschreibkram und nachträglich alle Logbücher vom ersten Kriegstage an führen. Mein »Fairplay VI« schöpfte beim Suchen so viel Wasser, daß ich ein Notsignal an »Scharhörn« gab. Ich hatte eine Novelle geschrieben und an den Simplizissimus gesandt. Die ward mir retourniert, was mich sehr verstimmte, weil ich kurzen Kesselurlaub erhielt und kein Geld zum Reisen hatte. Um meine drückendsten Schulden zu decken, verkaufte ich meinen Pelzkragen aus München, den ich zu meiner Uniform tragen durfte, und der einem Offizier so etwas »Moltkeartiges« verlieh. – Meinen Urlaub benützte ich nun, um eine Weihnachtsfestschrift zu beginnen, die vervielfältigt werden sollte. Ich versah sie mit Illustrationen, die ich nach eigener Erfindung in Wachsplatten grub. Sie wurden dann ebenso wie der Text mimeographisch kopiert. Der Büroschreiber Haida übernahm das und war mit großem Eifer und viel außerdienstlicher nächtlicher Mühe dabei. Wenn ich auch die übrigen Kameraden zu Beiträgen aufforderte, so sollte doch das Nähere über diese Zeitschrift geheim bleiben. – Wieder fischte die Division viel Treibgut. Von dem Erlös ward ein Teil für den Weihnachtsfond reserviert, das andere gleichmäßig unter die Leute verteilt. – Ich sandte per Eilboten oder per Nachnahme viele Weihnachtspakete nach allen Richtungen ab, war aber darauf gefaßt, daß manches davon unterschlagen oder gestohlen würde, denn die Zustände bei der Bahn wie bei der Post waren nicht mehr friedensdeutsch – Waffenstillstand mit Rußland. Ich war dennoch jetzt der Meinung, daß wir vor 1920 keinen allgemeinen Frieden erreichen würden. – Mami-Abend im Kasino. Der neu zu uns kommandierte Oberleutnant Freygang wurde eingeweicht. Ein sächsischer Herr, den wir gern litten und über den wir uns amüsierten, wenn er Münchhausensche Balladen ernst vortrug. »Graf Mongpischuh – Wie schön pist du –.« Der gab guten Stoff für meine Weihnachtszeitung, der ich nun so viel freie Stunden widmete, daß mein kränkliches Aussehen auffiel. Man wählte mich auch in eine Kommission, der das Einkaufen von Weihnachtsgeschenken und das Festarrangement oblag. Nach einer dreitägigen Seegefangenschaft im Nebel begab sich diese Kommission nach Hamburg und vergaß über Wein, Weib, Gesang nicht, auch allerlei solide und angepaßte und meist geschmacklose Geschenke einzukaufen. Auch Privatgeschenke besorgten wir. Ich kaufte für Annemarie Schirasrose und Briefpapier, für Otto einen Rasierspiegel und für Bobby einen silbernen Becher, in den ich eingravieren ließ »Für Bobby von Specht«. Mit Bobby und Brückmann besuchte ich Reemis. Sie spielten uns wundersam Geige vor. In Cuxhaven fand ich selbst die ersten Weihnachtspakete vor. Von Tante Michel, von Mutter. Lona Kalk und ihre Geschwister hatten mich ebenfalls sinnig bedacht. Ich vollendete in langen Nächten die Weihnachtszeitung. Jedes Exemplar in einen handkolorierten Umschlag gebunden und nach Art alter Urkunden mit einem Siegel versehen.

Weihnachtsbescherung auf »Scharhörn« und dann auf den einzelnen Booten. Flaggendekoration. Weihnachtsbäume. Dann in der Messe die Kommandantenfeier. Leider hatte ich eine ernste Verstimmung mit Brückmann, die mir alle Stimmung nahm, und das bewirkte bei mir wieder einmal einen ganz übertriebenen Trotz, so daß ich mich ungeachtet der freundlichen Vermittlungsversuche von Reye und anderen Offizieren bald zurückzog. Am 25. feierte ich mittags intim mit Annemarie bei Wein und Kuchen. Sie trug das braune Kleid zu braunen Strümpfen und die hübsche ererbte Granatbrosche. Abends bescherten wir bei Brückmann unseren Damen und diese uns. Bampf hatte mir eine leuchtende Decke gestickt. Mir lag jedoch noch das gestrige Zerwürfnis mit Brückmann im Sinn. Deshalb verschwand ich bald. Meine Festzeitung hatte übrigens allgemeinen Beifall gefunden. Wachen und Fahrten. Wachen und Fahrten. Große Möwenschwärme und Seehunde zeigten an, daß wieder Heringe kamen, das heißt zunächst erst Sprotten. In unserer Kantine wurde aufgefischte Kokosbutter verkauft. Wir fingen an, eifrigst Seife zu kochen. Mit kaustischem Soda, Parfüm usw.; jedes Boot hatte eine andere Methode, und die Resultate waren danach unterschiedlich. Indessen kriegten wir doch alle nicht ganz das Geheimnis der Seifensiederei heraus. – Ich sah ein hübsches Schattenspiel und einen witzigen Trickfilm. – Zu Neujahr gab Brückmann einen umfangreichen Gänseschmaus. Ich übernahm für Bobby freiwillig die Scharhörnwache von elf bis ein Uhr nachts. Aus Gutmütigkeit schickte ich während dieser Stunden den neuen Vize Lange heim. Der kam aber um ein Uhr nicht zurück, und als nun der D.-Chef mich durch einen Burschen zu Brückmann holen wollte, mußte ich melden, daß ich nicht abkömmlich wäre, weil Vize Lange mich im Stich gelassen hätte. Reye ließ mich daraufhin durch Klinke und Dorrit auf seine eigene Verantwortung hin holen. Den Vize Lange steckte er andern Tags für drei Tage ins Loch und beantragte seine Abkommandierung. Dieser Vize gehörte schon der neuen, sozusagen kriegsgeborenen und ebenso verwöhnten wie verwahrlosten Generation an.

Am zweiten Januar war Komplimentier-Vormittag im Kasino. Exzellenz drückte allen Offizieren die Hand. In der nächsten Zeit folgten Gelage und Typhuserscheinungen, so daß wir uns alle dreimal hintereinander impfen lassen mußten, was Hartmann nicht ohne Schadenfreude vollzog. Ich griff mir auf der Straße einen herrenlosen, rehbraunen Pinscher auf, der leider die Räude hatte und das Gegenteil von stubenrein war. Ohne Rücksicht auf seine Männlichkeit taufte ich ihn »Caroline«. – Ich mußte meinen sonst tüchtigen Obermaaten X. mit drei Tagen Mittelarrest bestrafen, weil er zu Silvester auf meinen Namen hin Schnaps abgehoben hatte. – Caroline, das goldkäfer-lackschuh-schillernde Edeltier, machte Annemarie und mir viel Scherereien, aber wir liebten es. Budney kam »Ganze Division läuft aus«. Es war sehr früh und noch dunkel, und ich hauste im Hotel im vierten Stock. Deshalb sagte ich zu Budney: »Wollen Sie nicht Caroline auf den Arm nehmen, damit er nicht durchs Geländer stürzt.«

»Nee, Herr Leutnant, so ein Tier findet seinen Weg.«

Gleich darauf hörten wir einen Schrei. Caroline war durchs Geländer in den Treppenschacht gestürzt und mehrmals auf eisernen Querstützen aufgeschlagen. Nun lag er steif und röchelnd auf den untersten Stufen und blickte mich unendlich rührend und hilflos an. Ich ließ ihn durch Budney sofort in dem eiskalten Wasser des Hafens ersäufen. Das schien mir der schnellste Tod für das arme Tier.

Urlaub. Tante Michel hatte mich nach Berlin eingeladen. Sie war äußerst lieb zu mir und schenkte mir praktische Dinge für meinen Landhaushalt und für meinen Bordhaushalt. Im übrigen aber lag über Berlin eine düstere, bange Stimmung. Man meinte, daß Hindenburg und Ludendorf ihren Willen nicht mehr durchsetzen könnten. Man erzählte, daß der Kaiser manchmal stundenlang in der Kirche weinend auf den Knien läge, und daß die Österreicher sich so unzuverlässig erwiesen hätten, weshalb wir Deutschen die Offensive in Italien abbrachen. Man hatte befürchtet, daß Österreich, wenn ein Erfolg erzielt würde, einen Sonderfrieden abschlösse. Kohlen und Futtermittel wurden bedenklich knapp. Der Straßenbahnverkehr in Berlin stockte wie bei der Eisenbahn. Hier wie dort gab es keine Verantwortung, keine Disziplin mehr. Es lag hoher Schnee in der Residenz. Tante Michel gab mir eine Karte von meiner Mutter. Sie schrieb, Vater wäre an Lungenspitzenkatarrh erkrankt. Meine Schwester und meine Mutter hielten abwechselnd Wache an seinem Bett, würden nun aber eine Schwester engagieren. Da mein Urlaub ablief, und auch nur nach Berlin lautete, ich aber andererseits aus der Karte nichts Klares erkannte, so depeschierte ich meinem Bruder nach Halle, er möchte mich sofort in Berlin anrufen. Nach langen Stunden kam das Ferngespräch zustande. Meine Schwägerin am Apparat fragte: »Weißt du schon?« Ich fragte: »Ist Vater sehr krank?«

»Vater ist tot.«

»Was ist er?«

»Tot.«

»Sag's noch einmal!«

»Tot. Gestorben. Um vier Uhr heute morgen.«

Ich fälschte meinen Urlaubsschein nach Leipzig, depeschierte gleichzeitig an mein Kommando um Nachurlaub und reiste ab. Dann saß ich lange Nachtstunden bei Mutter und Schwester und tröstete sie, so gut ich's vermochte. Vater lag schon in der Leichenhalle des Südfriedhofes. Wir fuhren am andern Vormittag hinaus zum Südfriedhof beim Völkerschlachtsdenkmal. Es wehte ein abscheulicher Wind, der die Trauerschleier meiner Schwester verwirrte und meiner Mutter den Schirm umkippte. Vater lag mit wächsernen Zügen im offenen Sarg in der Kühlhalle. Ich legte einen Kranz von Tante Michel nieder. Ich selbst hatte kein Blümchen mitgebracht, aber heimlich, als niemand zuschaute, warf ich einen Groschen in den Sarg. Und ich mußte weinen. Andern Tags wurde Vater eingeäschert. Die Offiziere der H.M.S.D. hatten zu herzlichen Worten einen Kranz gesandt.

In Cuxhaven erwartete mich Bampf mit gedecktem und geschmücktem Tisch. – Ein Sperrbrecher, ein U-Boot, zwei A-Boote und zwei M-Boote waren auf Minen gelaufen. – Als ich zum Kohlen einlief, signalisierte mir Örter, sein Boot habe das Netz in der Schraube, ich möchte ihn einschleppen. Ich bugsierte ihn so weit als möglich im Alten Hafen auf Schlick. Beim nächsten Fischen blieb mein Netz an einem Wrackstück hängen und ein ansehnlicher Fang Heringe ging mir flöten. Dann rannte ich einmal in dickem Nebel beinahe den Molenkopf um. – Zapfenstreich mit Fackelzug. – Kaisers Geburtstag. Parade von Herrn v. Hippel vorgeführt. Es war ein fataler Anblick, einen so würdigen älteren Herrn solo in Paradeschritten vorausmarschieren zu sehen. – Tagesparole »Es lebe der Kaiser«. Abends Festessen.– Meine Schulden bedrückten mich sehr. – In Berlin streikten vierhunderttausend Arbeiter der Rüstungsindustrie. Auch in den großen Privatwerften in Hamburg und Kiel waren Streiks ausgebrochen.

Am zweiten Februar wurde bekannt, daß die H.M.S.D. aufgelöst würde. Wir saßen bedrückt im Kasino, während neben uns die aktiven Minensucher laut zechten. Ihr Boot M 65 (Kommandant Glimpf) war aufgelaufen, hatte aber dabei nur einen Mann verloren.

Pampig, Gürkchen, Annemarie und ich hielten weiter treue Freundschaft. Wir besuchten einander täglich und oft nächtlich auf unseren Zimmern, beschenkten uns und feierten Feste, einmal unsere Alluminiumhochzeit und andermal Pampig-Gürkchens Zelluloidhochzeit. Häufig kochten wir gemeinsam und zwar im Klosett auf einer offenen Gasflamme. Die war so hoch angebracht, daß wir auf einen Stuhl steigen und den Kochtopf mit ausgestreckten Händen über die Flamme halten mußten. Das war sehr anstrengend und wir wechselten uns dabei ab. Später aber schafften wir uns einen kleinen Gaskocher an, den wir heimlich durch einen Schlauch mit unseren Zimmerlampen verbanden. Wir hatten uns immer über die ungerecht hohe Gasrechnung der Hotelwirtin, Frau Bücken, zu beklagen gehabt. Nun betrogen wir die Wirtin mit unserer Kocherei. Nachts war ein geheimnisvoller Betrieb in diesem Hotel. Man hörte schleichen und flüstern. Auch Bampf und ich schlichen manchmal mit Federbetten aus dem zweiten in den vierten Stock oder umgekehrt. Dann hörte man plötzlich Direktor Merseburgers Holzbein auf den Stufen aufstoßen, und etwas später vernahm man ein hysterisches Kreischen. Oder es klang aus irgendwelchem Zimmer Zank. Es spukte allenthalben.

Zwei Fischdampfer waren auf Borkum-Riff aufgelaufen. Die Besatzungen hatten achtundvierzig Stunden lang in den aus dem Wasser ragenden Schornsteinen und Ventilatoren gesteckt und waren darin erfroren. Aus Borkum, das in Sichtweite vor ihnen lag, war keine Rettung gekommen. Auch Holland hatte trotz ihrer Bitten keine Hilfe gesandt. Noch andere Unglücksfälle wurden gemeldet. Und Hartwig sollte tot sein.

Um meine Schulden zu decken, verkaufte ich blaues Uniformtuch und Schuhe und selbstbereitete Seife und Proviant nach dem Binnenlande. Annemarie half mir beim Verpacken. – Ein Telegramm meldete: Der Friede mit der Ukraine sei unterzeichnet. Später hieß es: Friede mit ganz Rußland. – Der erste, der von uns abkommandiert wurde, war Stabsarzt Hartmann. Er kam auf S.M.S. »Karlsruhe«. Wir andern schlichen sehr geknickt umher und erwarteten Weiteres. Reye sah auf einer Fotografie, die um diese Zeit angefertigt wurde, aus, als weinte er, und als habe er in die Hosen gemacht. Dennoch brachten wir einen begeisterten Divisionsabend zustande. Im Theater lachte ich mich tot über Merseburger und zog hinterher mit Annemarie zu Büchsenfleisch mit Sekt. Ich war endlich schuldenfrei. – Dann kam die Nachricht, die H.M.S.D. bliebe doch bestehen. Alles schwamm in Glück und Champagner. Dann wurde die Nachricht wieder dementiert. Alles schwamm in Trübsal und Champagner. Ich war genau wie alle anderen der Meinung, daß unsere H.M.S.D.-Zeit eine selten glückliche gewesen war, aber gerade deshalb wollte ich eine Abkommandierung als eine gerechte Schicksalsfügung hinnehmen, hoffte dann auch ein etwas ernsteres Kommando zu bekommen.

Ich warf Annemarie vor, daß sie liederlich wäre. Ich sagte ihr, es würde nie etwas Großes aus ihr werden, weil sie sich gleich nach »Wallensteins Tod« ins Bett gelegt hätte, statt mit mir zu zechen. Als ich von der nächsten Suchfahrt ins Hotel zurückkehrte, fand ich folgenden Brief vor:

»Cuxhaven, den siebzehnten Februar 1918. Lieber Gustav, solchen Stunden wie der heute nacht, bin ich nicht gewachsen. Es ist ein Riß in unsere Freundschaft gekommen. Ich hoffe, daß ich den Weg zu Dir wiederfinde, aber augenblicklich habe ich nur den einen Wunsch, allein zu sein und endlich einmal in meinem Denken und Handeln ganz ich selbst zu sein. Ich komme mir vor, wie eine durcheinandergewühlte Schublade und muß in Ruhe Ordnung machen, um das wieder hineinzutun, was ich nach Überlegung für gut halte. Wenn es soweit ist, werde ich zu dir kommen, und Du wirst vielleicht, wie schon sooft, sagen, daß ich wertlos bin.«

Versöhnung mit Annemarie. – Ich übernahm gern den Auftrag, zwei Leichter nach Wilhelmshaven zu schleppen. Das gab aber von Anfang an Scherereien. Erst traf der Kriegslotse nicht ein. Dann versperrten mir die ein- und auslaufenden Finkenwärder den Weg. Draußen vorm Hafen rissen mir die verrosteten dünnen Stahlleinen. Es gab schon lange weder Hanf noch Manila. Ich stand winterlich eingewickelt mit meinem Muff auf der Brücke und trank Schnaps und Kaffee mit dem Lotsen. Um halb vier Uhr erreichte ich Wilhelmshaven. Um halb sechs wurde ich in die zweite Einfahrt eingeschleust, aber wegen eines vorgemeldeten Torpedobootes erst um halb neun ausgeschleust. Auf meine Beschwerden gab man mir zur Antwort, ich sollte mich doch mit zwei lumpigen Schuten nicht so wichtig machen. Ich setzte in der Nähe der Inselbrücke Positionslampen, band die lästigen Schuten im nächsten Winkel fest und meldete sie und mich beim Tenderpark, wie mir's aufgetragen war. Aber kein Mensch wußte Bescheid, und zwölf Telefongespräche brachten kein Licht in dieses Bürodunkel, so daß ich, des Wartens überdrüssig, mit einer provisorischen Quittung davonging. Ich mietete ein Zimmer im Hotel Hohenzollern und suchte dann das Kasino auf, an dem ich in meiner ersten Wilhelmshavener Zeit so oft neidisch vorübergegangen war. Es war hübsch und vornehm eingerichtet. Die Preise waren mäßiger als in Cuxhaven. Im großen Saale hingen zwei imposante Kolossal-Seegemälde. Ich traf viele Bekannte und auch Kapitänleutnant Drache, der abkommandiert war. Er stellte mich Herrn Kapitänleutnant Meißner vor. Als ich neben einem höheren Offizier durch die Straßen schritt, sah ich schon von weitem den pausbackigen Schlachtermeister, Bootsmaat Engel aus Warnemünde nahen. Was ich fürchtete, geschah. Engel trat plump auf mich zu, ohne den anderen Offizier zu grüßen, schlug mir mit seinen klobigen Tatzen vergnügt auf die Schulter und rief einmal übers andere: »Alter Junge, ist das eine Freude!«

Am nächsten Morgen war Sturm. Sollte ich die Rückfahrt riskieren? Der Lotse wiegte bedenklich den Kopf. Ich lief dennoch aus und begegnete draußen F. M. III, einem neuartigen M-Boot mit geringem Tiefgang, das eine Probefahrt unternahm. Dort war jetzt Drache an Bord. Ich pfiff Seite. Er winkte mir zu, er müßte des Sturmes wegen umkehren, ich sollte keinesfalls die Ausfahrt wagen. Ich wollte aber weiter, zudem war mir der Proviant ausgegangen. Nach jedem neuen Schnaps tauschte ich mit dem Lotsen Blicke des Bedenkens. Es wehte mordsmäßig. Bei Voslap drehte ich doch um und fand dann in Wilhelmshaven Windstärke 12 angezeigt. Ich ging zum Verpflegungsamt, erhielt aber keinen Proviant, weil ich nicht die nötigen vorgedruckten Formulare fand. Ich lief umsonst von P. zu P. Endlich fiel mir Tante Michels Vetter, der Intendanturrat Bruhn, ein, der ja dafür zuständig war und eine einflußreiche Charge bekleidete. Jedoch der Herr Rat war vormittags nicht zu treffen und nachmittags nicht zu treffen, und am nächsten Vormittag erklärte mir der knöcherne Herr, daß er in diesem schwierigen Fall auch nichts helfen könnte. So legte ich meinen »Fairplay« im Fluthafen fest, neben den Booten der Wilhelmshavener Hilfsminensuchdivision. Die Kommandanten dieser Schiffe nahmen mich freundlich auf und liehen mir auch Proviant für meine schon hungrig murrenden Leute. Aber auch über der Wilhelmshavener H.M.S.D. lag eine düstere Stimmung, denn auch sie wurde aufgelöst. Abends hatten die Kommandanten aus diesem Anlaß eine Feier, zu der sie Prinz Ysenburg erwarteten. Da ich nicht richtig eingeladen war, sandte ich dem D.-Chef Scheuer ein Gedicht und ging ins Kasino, wo ich einem Oberleutnant v. Raichert vorgestellt wurde. Den erinnerte ich daran, daß er dem Minenmaat Hester einmal vor Jahren eine halbe Pulle Sekt geschenkt hatte. Er sagte: »Ja, ich besinne mich, Sie waren der schlimmste Querulant der Division, hatten immer Frontgesuche.« Später ward ich dann doch zu der Feier der H.M.S.D. geholt. Andern Tags suchte ich den Adjutanten der zweiten Wasserflugstation auf. Ich wollte fragen, ob ich nicht Flieger werden könnte. Antwort: »Gesuche bitte schriftlich einreichen.« Ein ungeheures Geknatter erfüllte dort die Luft. In einem Schuppen wurden gleichzeitig viele Propeller auf Haltbarkeit geprüft, indem man sie stundenlang in rasendem Tempo kreisen lies. – Der Sturm hielt unvermindert an. Ich amüsierte mich gut. Meinen Leuten erging es ebenso. Aber ich war bange, daß man mir mein langes Ausbleiben in Cuxhaven verübelte. Deshalb telefonierte ich. Der Schreiber Haida meldete sich am Apparat. Er erzählte Neuigkeiten. Hartwig sei beerdigt. Die H.M.S.D. läge jetzt im Neuen Hafen. Ich merkte, daß kein Grund zur Beunruhigung vorlag und besuchte abends die Kriegswohlfahrts-Spiele im Parkhaus.

Um sechs Uhr morgens lief ich aus, und um zwölf Uhr bei günstigster Tide traf ich in Cuxhaven ein. Annemarie empfing mich mit Blumen und mancherlei Vorbereitungen.

Die Division stand in hellodernder Auflösung. G. G.-Sachen, G.-Sachen, N.D.B.-Sachen, Artillerie- und Torpedo-Sachen und nautische Sachen abgeben. Sicherung für Nicht-mehr-Vorhandenes durch Quittungen, Verlustverhandlungen oder Verbrauchsanweisungen. Während dieser Abrüstung traten Neid, Egoismus, Schiebungen und anderes Häßliche zutage. Zwei von unseren Offizieren baten den Flottillenchef ums Eiserne Kreuz.

Man sprach von der Rückkehr des Hilfskreuzers »Wolf«, der nach fünfzehn Monaten mit Beute und Gefangenen zurückkam. Man sprach, und sehr offen, von Schiebungen in der Stellung und in der Verpflegung. – In der Operette amüsierte ich mich wieder über Merseburger, der sich in einem ernsten Moment versprach und statt »holde Wesen binden« nun »holde Besen winden« wollte. – Ich bewarb mich um Stellung bei der Presse-Abteilung des Reichs-Marineamtes. Eine Abschiedsfeier bei Brückmann verlief ziemlich lau, weil alle an »Abkommandierung« litten. Andern Tags rückten unsere Leute ab. Der D.-Chef, die beiden Vize Lange und Pich sowie ich wurden der Luftabwehrabteilung überwiesen. Pich und ich fuhren aber erst mit unseren »Fairplays« nach Hamburg, um von dort Schuten nach der Ems zu bringen. Auch »Scharhörn« dampfte mit. Dieses Boot hatte mit M 17, Kommandant Kapitänleutnant Walter, eine Ramming gehabt. Die Fahrt war lustig. Unsere »Fairplays« hatten nur noch je vier Mann, und ich vertrug mich gut mit dem eifrigen und tüchtigen Pich. Es ging mir wieder wie bei der Wilhelmshavener Fahrt: Ich blieb überall länger stecken als geplant. Schon in Hamburg wickelten sich die Geschäfte nur langsam ab. In dieser Zeit besuchte mich Annemarie an Bord. Ich führte sie dann durch ihre Heimatstadt und machte sie mit Lebemännern bekannt. Es wurde wüst gekneipt, und dabei passierte es mir, daß ich in einer Bar Frau John nicht wiedererkannte, sie vielmehr, ohne ihre Erscheinung zu prüfen, und nur, weil sie ohne Herrenbegleitung war, mit »kleines Mäuseschwänzchen« anredete. Ich war sogar an hellem Tag einmal so betrunken und in meiner Kleidung demgemäß derangiert, daß John und der Holländer Hischemöller mich zu einem Friseur schleppten, und mich dort gewaltsam waschen und massieren ließen. Auch sonst ereignete sich viel Lustiges aus Sekt, Portwein, Übermut und schönen Frauen, und der Stabsingenieur Mulsen wunderte sich außerordentlich über meine Verspätung. Beim Altonaer Fischmarkt händigte man uns dann die durchaus nicht interessierenden Schuten und achtzig Meter Stahl und fünfzehn Meter Tauvorlauf ein. Wir dampften zunächst nach Cuxhaven zurück. Dort ereignete sich am nächsten Abend eine öffentliche Schlägerei zwischen Mannschaften und Offizieren. Kapitänleutnant Rote und andere Herren wurden von der Patrouille festgenommen.

Wegen Nebels verzögerte sich mein Auslaufen. So machte ich eine Abschiedsfeier für den abkommandierten Festungskommandanten, Exzellenz Schaumann, mit, ging diesmal aber, um nüchtern zu bleiben, schon frühzeitig heim. Ich weckte Annemarie mit einem Kuß, und sie sagte: »Ich bete oft für dich.« Das rührte mich so, daß ich Sektflaschen öffnete und wir bezechten uns fürchterlich.

Endlich dampften Pich und ich los. Wunderbare glatte See. Die Schuten lagen brav. Dann kam Nebel auf. Der Lotse verlor den Weg. Wir gerieten zu weit ab auf holländisches Gebiet und scherzten von Internierung. Ich wollte aber nicht ankern und nahm vor Delft einen zweiten Lotsen. Es wurde dunkel. Wir setzten die vorgeschriebenen Lampen, aber die Glaszylinder waren entzwei und ich hatte keinen Signalgast zum Signalisieren. Ich war so verwöhnt in bezug auf große Besatzung, daß ich nun wetterte, weil mit meinen vier Leuten mir alles zu langsam ging (Obermaat Busch, Maschinistenmaat Sturm, Matrose Welzer und mein guter Obermatrose Quast, der die Dreistigkeit hatte, seinem Kommandanten ähnlich zu sehen).

Im Zentralhotel in Emden logierte ich gut. Früh gab ich bei der Zentralversorgungsstelle der Ems meine Schuten und meinen »Fairplay VI« ab. Zuvor hielt ich eine warme Ansprache an meine vier letzten Getreuen und ließ feierlich meinen Kommandantenwimpel niederholen. Ihn und die sturmverkürzte und rußgeschwärzte Kriegsflagge behielt ich. Meine Leute machten stramm und brachten mir drei Hurras aus. Darauf machte ich vor ihnen stramm, salutierte und gab drei Hurras zurück. Ich hatte in Emden sofort netten Anschluß gefunden. Oberleutnant Schuler, ein Maler, Leutnant Müller und Leutnant Hammer aus Thomsen, ein Leutnant Schierer und zwei Armeeoffiziere. Wir pokulierten und speisten gut. In Emden bekam man noch Eier für fünfundachtzig Pfennig pro Stück und bekam Beafsteak ohne Fleischmarken, und die Menschen dort waren höflich und freundlich.

Zurückgekehrt nach Cuxhaven, mußte ich mich bei Kapitänleutnant Freygang melden und kam zur siebenten Kompanie, deren Führer Oberleutnant Erfling war. Das begann mit viel Sekt und Burgunder, so daß ich nachts im Bett Krämpfe bekam. Mein Bursche kurierte mich durch ein einfaches Aberglaubenmittel. Am nächsten Tage fungierte ich bei einem Feldstandgericht als zweiter Beisitzer. Drei Fälle Körperverletzung und ein Diebstahl. – Bampf und ich unternahmen Spazier- und Hamstergänge im herrlichsten Frühlingswetter. – Mein Gesuch betreffs Presseabteilung wurde abgeschlagen. »Es sei bereits anders über mich verfügt.« – Ein interessanter G. G.-Bericht ging uns zu, darüber, wie die deutschen Gefangenen von den Engländern ausgefragt würden. – Die erste Schlacht der neuen Offensive, die größte Schlacht der Welt, war von uns gewonnen. – Paris wurde aus einer Entfernung von 120 km beschossen, von der »Langen Berta«, deren Geschosse 40 000 Meter hoch gingen.

Ich kam zur L.A.A.


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