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Ein Urlaub.

Fast ein Monat war vergangen seit dem Auszug der neuen Argonautenschar von der Hacienda del Cerro, ein Monat unerhörter Anstrengungen, täglicher Gefahren und unsäglicher Leiden.

Von den hundert und fünf Männern, die sich, bewogen von Gold- und Abenteuerdurst oder von aufrichtiger Anhänglichkeit, entschlossen hatten, Graf Boulbon bei seinem seltsamen und phantastischen Unternehmen zu begleiten, waren noch einunddreißig übriggeblieben.

Es befanden sich darunter der Pole Morawski, der Artillerist Weidmann, Kreuzträger, Hawthorn der Seeräuber, Slongh und einer der beiden Matrosen. Die häufigen Scharmützel mit den Indianern, die Desertion vieler Abenteurer nach Chihuahua, jede mögliche Not, Beschwerde und Krankheit hatten die Reihen der Schar gelichtet, und an der täglich wachsenden Unzufriedenheit und Mißstimmung der Zurückgebliebenen, die schon mehrmals zum offenen Widerstand geworden, hatte selbst der energische Charakter des kühnen Führers allmählich zu erlahmen begonnen.

Zu all den Anstrengungen und Kämpfen, welche ihn in der Leitung und dem rastlosen Vorwärtstreiben der Expedition bedrängten, war noch die Sorge um die Arme gekommen, der er in so überraschender Weise den Rang seiner Gattin gegeben hatte. Die heimlichen Leiden und eifersüchtigen Qualen, die Suzanne so lange getragen und in ihr Herz verschlossen, verbunden mit den körperlichen Anstrengungen des vergangenen Jahres hatten ihre Kräfte gebrochen, und so sehr sie sich auch Mühe gab, die Fortschritte der Krankheit zu verbergen, mußte der Graf doch bald die Überzeugung gewinnen, daß sie ihr erliegen werde, wenn es nicht gelang, ihr bessere Hilfe und Pflege zu schaffen, als des alten Avignoten Sorge gewähren konnte, der sich fast nur mit ihr beschäftigte, und in dessen Gesprächen von der Heimat und ihrem Sohn im fernen Paris sie ihre einzige Freude fand. Aber keine Bitten und Vorstellungen des Grafen hatten sie bewegen können, sich, als es noch Zeit war, nach einer der mexikanischen Niederlassungen oder dem volkreichen und blühenden Chihuahua selbst bringen zu lassen. Sie weigerte sich entschieden, ihren Gatten zu verlassen, und bestand darauf, sein Schicksal und seine Gefahren zu teilen.

Der Graf kannte ja nur durch die rohe Zeichnung des verstorbenen Gambusino die ungefähre Lage der Stelle, an der sich das fabelhafte Goldlager befinden sollte; aber selbst die Kenntnis Kreuzträgers, dessen Wüstenzüge mehr den Osten und Süden der großen Einöde umfaßt hatten, von diesem Teil des Landes war zu gering, um ihm einen sicheren Anhalt zu gewähren. Auch konnte er den Wegweiser nur halb ins Vertrauen ziehen, wenn er nicht sein Geheimnis selbst verraten wollte.

So kam es, daß bei den Kreuz- und Querzügen, die er seine Truppe zur Aufsuchung von Goldminen durch das Gebirge und seine Einöde machen ließ, seine Hauptabsicht blieb, sich den selbst von den Eingeborenen nur selten besuchten Quellen des Buenaventura zu nähern, an denen er nach den Mitteilungen Goldauges hoffen durfte, zu der bestimmten Zeit die beiden anderen Entdecker und Mitwisser des Schatzes zu finden.

Unterdes war die Expedition nicht ganz ohne Erfolge geblieben, und der Graf hatte diesen seiner Begleiter wegen manche Zeit widmen müssen. Den untergeordneten Gambusinos und Bergleuten, welche die Expedition begleiteten, war es mehrfach gelungen, nach den ihnen bekannten Anzeichen in den Gebirgsbächen und Schluchten mehr oder weniger reiche Lager von Goldsand und goldhaltiger Erde zu finden, und die Abenteurer hatten bereits nicht unbedeutende Werte gesammelt, die freilich gegen das geträumte Eldorado und die sanguinischen Versprechungen des Grafen kaum in Betracht kamen.

In dieser Zeit glaubten die Bergleute eine neue ergiebige Spur aufgefunden zu haben, und die kleine, damals noch aus einigen sechzig Personen bestehende Schar schlug an dem Rand eines Baches ihr Lager auf. Sie beschlossen, das Wasser abzuleiten, um den goldverheißenden Schlamm auf seinem Grunde näher zu untersuchen. Hier war sie eben mit den Arbeiten beschäftigt, als ein zahlreicher Schwarm Apachen einen Angriff auf sie machte. Die energische Art, in welcher der Überfall ausgeführt wurde, bewies, daß er von Kriegern von Ruf geleitet werde, und in der That behauptete Kreuzträger bald, daß ihre drei alten Feinde, der »Graue Bär«, »Wiscontha« und der »Fliegende Pfeil« sich unter den Indianern befänden.

Trotz des tapferen Widerstandes, den der Graf mit seinen Abenteurern leistete, wurden sie durch die Übermacht doch überwältigt und zum Rückzug genötigt, wobei sie fast alle ihre Habe verloren.

Nur der Aufopferung und Kriegserfahrung des Grafen und Kreuzträgers war es gelungen, die vollständige Niedermetzelung zu verhindern und den Rückzug des Restes zu sichern. Mehr als zwanzig Mann waren bei dem hartnäckigen Kampf gefallen, und selbst Bonifaz hatte bei der Rettung der Gräfin einen schweren Messerhieb über das Gesicht erhalten.

Die schweren Verluste, welche die Apachen selbst in dem Gefecht erlitten, und die große Erfahrung des alten Wegweisers ließen den Rückzug gelingen. Wie sich später ergab, war die Bande, welche die Goldsucher überfallen, der größere Teil eines Streifkorps, das der Graue Bär aus den Tiefen der Einöde zu persönlichen Zwecken in das Gebirge wieder geführt hatte. Nur durch Zufall war sie auf den Zug der Weißen gestoßen. Die Heranziehung der zur Jagd in der Prairie zerstreuten kleineren Trupps zum Ersatz der Gefallenen verzögerte zum Glück die Verfolgung der Geschlagenen, und so war es diesen gelungen, ein Versteck oder vielmehr einen Ort zu erreichen, an dem sie der Übermacht der Verfolger mit Erfolg Widerstand leisten konnten.

Der Rückzug der Abenteurer war, durch die Verfolgung gezwungen, von der Richtung der Ansiedelungen ab, in die Einöde gegangen und hatte an den Ufern eines Stromes geendet, in dessen Mitte eine kleine, felsige, aber dicht bewachsene Insel eine Zuflucht bot, die Kreuzträger nicht übersah. Mit Hilfe eines Kanoes, das man am Ufer versteckt gefunden, und das bewies, die Insel werde zuweilen von den Jägern oder den wilden Bewohnern der Wüste besucht, war es der kleinen Schar gelungen, unter Aufopferung der wenigen Tiere, die sie noch gerettet, die Insel zu erreichen, deren felsige Umwallung den Mauern einer kleinen Festung glich. Die Strömung war an beiden Seiten so stark, daß ein Überschwimmen der Flußarme auf den Pferden nicht ausführbar war, und es ließ sich hoffen, daß das Kanoe, das sie gefunden, auf weite Strecke hin das einzige, zur Überfahrt taugliche Fahrzeug war. Gegen den Versuch der einzelner Schwimmer, die Insel von oberhalb des Flusses her anzugreifen, war ihre Zahl noch immer stark genug, und so befand sich denn die zusammengeschmolzene Kompagnie in verhältnismäßiger Sicherheit, als sie erst den Übergang auf die etwa hundert Schritt lange und vierzig Schritt breite Insel bewerkstelligt hatte.

Es war die höchste Zeit, daß dieser Übergang beendet war; denn die Büchsen der besten Schützen mußten von den Felswänden her schon die beiden letzten Überfahrten des Kanoes decken. Das gellende Geheul der in verstärkter Zahl herbeieilenden Apachen gab den Ruderern doppelte Kräfte, und als die Indianer endlich bis zum Stromufer vordrangen, war der kleine Kahn mit den letzten Flüchtlingen bereits auf der andern Seite der Insel gelandet. Graf Boulbon war der letzte, der das schützende Asyl betrat, der sich am längsten unbekümmert den Kugeln und Pfeilen der Feinde ausgesetzt hatte. Sofort wurden von ihm und den Offizieren alle Maßregeln zur Verteidigung der Insel getroffen, das Kanoe gesichert und auf allen Punkten zur Beobachtung der Feinde Posten ausgestellt. Ehe noch zwei Stunden vergangen waren, sah sich die kleine Schar einer vollständigen Belagerung preisgegeben, denn die Apachen waren eine Strecke oberhalb der Insel, wo der Fluß ruhiger strömte, übergesetzt und hielten jetzt der Insel gegenüber beide Ufer besetzt.

Diese lagen in etwa halber Büchsenschußweite – auf der einen Seite etwas entfernter – von dem Zufluchtsort der Goldsucher, so daß häufige Schüsse gewechselt wurden, wenn einer oder der andere der beiden Parteien sich absichtlich oder zufällig bloßstellte.

Die Abenteurer, bei denen Suzanne durch ihre offene Freundlichkeit und ihr teilnehmendes Herz sehr beliebt war, hatten für die arme Leidende in der Mitte der Insel an einer vollkommen geschützten Stelle von Baumzweigen eine Hütte erbaut. Hier ruhte die junge Frau, die ihre Kraft mit jeder Stunde mehr dahinschwinden fühlte, in banger Besorgnis, nicht um sich, sondern um den geliebten Mann, dem sie über das Weltmeer gefolgt war.

Den Grafen selbst bedrückte weniger die Gefahr, als die Folge der Niederlage, die er erlitten. Es war das erste Mal, daß die Abenteurer, die bisher zu seinen Siegen ein unbedingtes Vertrauen gehabt hatten, von den Indianern geschlagen worden. Wie immer bei solchen nicht durch die Bande des Gesetzes, sondern nur durch die eigene Willkür und den Vorteil zusammengewürfelten Scharen, verwandelte die Wandelung des Glücks das bisherige Vertrauen zu dem Führer in das Gegenteil und löste vollends die Bande des Gehorsams. Anklagen und Drohungen wurden ganz offen laut, und wäre man nicht überzeugt gewesen, daß nur in dem gegenseitigen Ausharren und der Befolgung aller Befehle des Anführers die Aussicht auf gemeinsame Rettung lag, so würden die meisten keinen Augenblick gezögert haben, den Grafen zu verlassen, wenn nicht gar sich an ihm für die Täuschungen zu rächen.

Hierzu kam für den Grafen noch ein anderer Schmerz: die durch die Umstände, in denen er sich befand, fast gewisse Vereitelung aller seiner Hoffnungen und seiner Wagnisse.

Es war am zweiten Abend, nachdem die Goldsucher auf der Insel Zuflucht gesucht hatten. Da man keine Vorsicht in dieser Beziehung zu üben brauchte, hatten die Abenteurer in der Mitte der Insel unter einer breiten Korkeiche, die hier Wurzel geschlagen, Feuer angezündet und umlagerten es schlafend oder in mißmutigem Gespräch über den erlittenen Verlust und die schlimme Lage, in die sie geraten waren. Bittere Verwünschungen gegen den Mann, der sie dahin gelockt, wurden ungescheut ausgesprochen und drangen schmerzlich in das Ohr der armen Kranken, die unfern von der Gruppe lag. Selbst die wenigen, die noch treu zu dem Grafen hielten, wagten keinen Widerspruch mehr, und Hawthorn, der jetzt ungescheut das große Wort führte und seinem alten Haß gegen den Franzosen Rechnung trug, stieß die wildesten Drohungen aus.

Trotz dieser aufgeregten und meuterischen Stimmung hatte sich jedoch bis jetzt keiner geweigert, seine Pflicht für die Sicherung der kleinen Festung zu erfüllen. Auch jetzt waren auf allen Seiten der Insel Schildwachen ausgestellt, um jedes Nahen einer Gefahr zeitig genug melden zu können und die Indianer zu beobachten, deren Feuer man auf beiden Seiten des Flusses durch die Öffnungen des hohen, felsigen Ufers außer Büchsenschußweite leuchten sah.

Der Graf hatte die kurze Runde um die Insel gemacht, um sich persönlich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen, und sich jetzt der dem Strom zugekehrten Spitze genähert, wo man das Kanoe, ihr einziges Hilfsmittel zum Entkommen, aufs Ufer gezogen. Ein Mann saß hier auf dem Gestein, die Büchse zwischen den Knieen, das Auge auf die dunkle Fläche des Wassers gerichtet.

Der Graf nahm ohne eine weitere Begrüßung neben ihm Platz.

»Wie vergeht Ihre Wache, alter Freund?« sagte er endlich. »Haben Sie nichts Ungewöhnliches bemerkt?«

»Nichts, Señor Conde,« meinte der Kreuzträger, beim dieser war der einsame Wächter, »als daß die heulenden Schurken uns noch ebenso unter ihrem Daumen halten, wie eine Bisamratte in der Falle!«

»Aber wie denken Sie über unsere Aussichten?«

Der Alte zuckte die Achseln. »Die beste ist die, daß es den roten Schuften langweilig wird, uns hier zu belagern. Sie halten bei derlei Gelegenheiten selten lange aus, wenn sie nicht gerade von einem Entschluß getrieben werden. Und der Graue Bär ist sicher fest entschlossen, Revanche an uns zu nehmen für die vielen Schläge, die seine Nation in der letzten Zeit bekommen hat. Pardieu! ich möchte nur eins wissen!«

»Und das ist?«

»Wie die drei großen Diebe so plötzlich wieder hierher und zusammengekommen sind, da wir doch wußten, daß sie mit ihren Stämmen nach ihren Dörfern in dem Innern der Einöde zurückgekehrt sind, die weit genug auseinander liegen.«

»Es ist allerdings auffallend. Aber wie lange glauben Sie wohl, daß sie uns hier festhalten werden?«

»Es kann eine Woche darüber vergehen, aber gewiß nicht, ohne daß wir einige ihrer Teufeleien zu sehen bekommen. Doch wenn wir die Augen offen halten, wird ihnen dies wenig nützen, denn zweiunddreißig gute Büchsen können sich an einem Ort, wie dieser, ein paar Hundert des Gewürms mit leichter Mühe vom Halse halten. Aber …«

Der Alte unterbrach sich und schüttelte wieder bedeutsam das Haupt.

»Sprechen Sie, Freund!«

»Es gibt außer den Qualen des Durstes, die ich zur Genüge kennen gelernt, noch einen andern Feind, der fast ebenso schlimm sein soll. Sie wissen, daß mit dem Fleisch des getöteten Mustangs, das wir herüber nahmen, wir nur noch auf drei Tage Lebensmittel haben, und das schon knapp genug bei dem Appetit unserer Kameraden. Wenn also unsere roten Freunde da drüben uns länger in der Falle zu halten beabsichtigen, werden wir ziemliche Bekanntschaft mit dem hohläugigen Gespenst des Hungers machen müssen!«

»Drei Tage!« sagte mit schmerzlichem Ausdruck der Graf. »Schon mit drei Tagen ist alles verloren!«

»Ich verstehe Sie nicht, Señor Conde!«

»Hören Sie mich an! Wann haben wir Vollmond?«

»Er wird übermorgen, also in der zweiten Nacht von heute eine Stunde vor Aufgang der Sonne über den Horizont treten.«

»Und ich muß in demselben Augenblick an der Quelle des Buenaventura sein, während ich nicht einmal weiß, wo ich den Fluß zu finden habe!«

»Was das betrifft, Señor Conde,« sagte der Wegweiser, »so bin ich zwar in diesem Teile des Landes wenig bekannt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach befinden wir uns in diesem Augenblick auf dem Flusse selbst, den wir suchten.«

»Und auch, wenn das ist – und ich dachte schon selbst daran, denn nach meiner Karte kann er sich kaum weiter nach Osten befinden, – so sind wir mindestens zwanzig oder dreißig Leguas von den Quellen dieses Stromes entfernt, nach seiner Breite zu urteilen.«

Der Wegweiser lächelte. »Ich sehe, Sie kennen die Natur unserer Sierrengewässer nicht. Nach allem, was ich weiß, dürften die Quellen des Buenaventura, wenn der Fluß, auf dem wir in dieser Falle liegen, dies wirklich und nicht etwa einer seiner Nebenflüsse ist, höchstens fünf oder sechs Leguas entfernt sein; denn als ich mich auf Ihren Befehl in den letzten Ranchos, die wir passierten, danach erkundigte, hörte ich, daß er kurz nach seinem Ursprung im Gebirge mehrere starke Ströme von Westen her aufnimmt. Das würde seine Stärke hier erklären. Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, Señor Conde, aber ich glaube nicht, daß Sie an den Quellen dieses Flusses sicherer daran wären, als hier zwischen diesen festen Steinen.«

»Ich bin gewiß, zu der Stunde des Vollmonds dort zwei Männer zu treffen, mit denen ich aus wichtigen Gründen eine Unterredung halten muß und die bisher stets ein unglücklicher Zufall mich hat verfehlen lassen. Sie kennen sie!«

Der Wegweiser antwortete nicht.

»Die beiden Männer sind Eisenarm und der Indianer, der den Namen der ›Große Jaguar‹ führt.«

Kreuzträger dachte einen Augenblick nach, dann wandte er sich mit offenem Blick an den Grafen.

»Monsieur,« sprach er, »ich habe nicht ohne Bedeutung vorhin gesagt, daß Sie auf dieser von den apachischen Wölfen umheulten Insel doch sicherer wären, als an der entfernten Quelle des Flusses und bei den Männern, die Sie eben genannt haben.«

Der Graf blickte ihn erstaunt an. »Wie meinen Sie das, Meister Kreuzträger? Ich habe diese Männer nie im Leben gesehen, obgleich ich sie seit einem halben Jahre suche.«

»Es kann mir nicht einfallen, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, Monsieur,« sagte der Alte, »aber ich habe es für Pflicht gehalten, Sie vor diesen Männern zu warnen. Ich halte beide für wackere und ehrliche Jäger, obschon ich keine Ursache mehr finde, ihr Freund zu sein, und ich glaube, daß sie eine Blutrache an Ihnen zu üben haben.«

»Eine Blutrache, an mir?«

»Ja – wenn ich recht gehört habe, sollen Sie jenseits des Meeres einen ihrer Freunde, einen berühmten Gambusino, getötet haben, oder wenigstens schuld gewesen sein an seinem Tode, Sie und Bonifaz!«

»Und wer hat Ihnen dies gesagt?« fragte der Graf hastig.

»Eisenarm selbst, als wir in einem Versteck auf die Apachen lauerten, und wenn er auch den Verräter Lopez gegen mich geschützt hat, so ist er doch ein Mann, der nicht lügen wird!«

» Ventre saint gris!« rief der Graf aufgeregt. »Dann ist es desto nötiger, daß ich mit den beiden spreche und ihnen den Wahn benehme, der schuld ist, daß unser Unternehmen bisher nicht geglückt ist. Haben Sie jenen Mann, den mexikanischen Gambusino, ich glaube ›Goldauge‹ nannte man ihn, gekannt, ehe er nach Paris kam?«

»Nein, Monsieur!«

»Nun, dann kann ich Ihnen sagen, daß ich ihn allerdings kennen gelernt, etwa sechs Stunden vor seinem Tode, indem ich und Bonifaz ihn auf der Straße fanden, wo er bei einem Aufruhr unglücklicher Weise, als er sich unberufen hineinmischte, einen tödlichen Schuß davongetragen hatte. Auf die Bitte meines Sohnes trugen wir ihn in die nahe Wohnung meiner jetzigen Gattin und thaten alles mögliche, ihn zu retten. Aber er starb während der Operation, nachdem er meinen Sohn, einen Knaben, zu seinem Erben eingesetzt und mir einen Auftrag an seine Freunde in Mexiko gegeben hatte. Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, so fragen Sie die Gräfin und Bonifaz und ich bin gewiß, daß sie Ihnen alles bestätigen werden.«

»Es ist unnötig, Monsieur,« sagte der Alte mit Wärme, »und Gott und den Heiligen sei Dank für diese Erklärung. Wenn Sie also gewiß wissen, daß Sie die beiden arme Bursche, von dem wir nichts wieder gehört seit dem Abenteuer in dem Thal der Verdammten, erklärte es gleich für Lüge und Verrat, aber ich fürchtete die Menschennatur, die so manchen Schatten verbirgt! Jetzt sehe ich ein, daß es allerdings wünschenswert ist, daß Sie Eisenarm und den Indianer sprechen, und wenn es auch nur wäre, um zwei Freunde da draußen zu gewinnen, die zu unserer Befreiung von den Apachen mehr thun werden, als eine ganze Schwadron von Dragonern der Regierung. Wenn Sie also gewiß wissen, daß Sie die beiden morgen Nacht an der Quelle dieses Flusses finden könnten –«

»Sie haben es ihrem verstorbenen Freunde gelobt!«

» Parbleu! dann werden sie sicher ihr Wort halten! Es gilt also. Ihnen die Mittel zu verschaffen, selbst an Ort und Stelle zu sein.«

»Aber ich sehe keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen!«

» Cordieu, die ganze Gesellschaft freilich nicht; aber die dreifache Zahl der roten Schufte sollte einen oder zwei Männer nicht hindern, zu gehen, wohin sie wollen, namentlich, wenn ihnen ein Kanoe zu Gebote steht, wie jenes dort, und der Mond erst gegen Morgen aufgeht!«

»Aber Sie kennen die Stimmung unserer Leute, Kreuzträger,« sagte der Graf, »sie werden mich nicht fortlassen.«

»Sie müssen einen Urlaub nehmen!«

»Einen Urlaub?«

»Ja – nach indianischer Sitte. Sie müssen schwören, binnen einer gewissen Zeit zurück zu sein, wenn Sie nicht etwa der Tod daran hindert.« Der Wegweiser beugte sich bei den Worten etwas vor nach dem Strom zu und beschattete die Augen mit der Hand.

»Auch dann wird man uns schwerlich fortlassen; denn Sie begreifen, Kreuzträger, daß es für mich nutzlos wäre, allein zu gehen, Sie müssen mich begleiten!«

»So müssen wir Blutbürgen stellen. – Still – hörten Sie nichts?« Er griff nach seiner Büchse.

Der Graf war durch sein Benehmen gleichfalls aufmerksam geworden und lauschte hinaus. Es kam ihm vor, als käme auf der dunklen Fläche des Stroms ein noch dunklerer Körper herangeschwommen.

»Soll ich unsere Leute rufen?« fragte er.

»Nein, noch nicht! Ich sehe nur den einen Körper sich bewegen, und meine Büchse hält ihn trotz des Dunkels genau im Korn! Wenn er sich an das Ufer wagt, werden wir leicht mit ihm fertig werden. Überdies – sehen Sie!«

Der schwimmende Gegenstand, der sich in der That als ein menschlicher Körper erwies, war jetzt so nahe gekommen, daß man trotz der Dunkelheit bemerken konnte, wie ein Arm sich hob und einen Zweig schwang.

Zugleich ertönte leise der Ruf: » Amigo! amigo!« Freund! Freund!

Der Wegweiser sprang hastig auf die vorderste Klippe, an welcher der Strom scharf vorüberschoß, und streckte seine Büchse so weit wie möglich vor, denn der Schwimmende war in Gefahr, von der starken Strömung fortgerissen und an der Seite der Insel hingetrieben zu werden, ohne diese erreichen zu können. Diese Strömung war auch der Hauptschutz der Belagerten gegen jeden Versuch der Indianer, sie durch Schwimmen zu erreichen, da sie fürchten mußten, wehrlos niedergeschossen oder doch am Landen verhindert zu werden.

»Ich sollte die Stimme kennen,« murmelte der Wegweiser, in dem er die Büchse hinüberstreckte. »Da! faß an, wenn Du ein Freund bist, und klammere Dich fest!«

Dem Schwimmer war es geglückt, und Kreuzträger zog ihn aus der Strömung, indem er erst dabei bemerkte, daß der Fremde ein Stück Holz benutzt hatte, um sich auf dem Flusse treiben zu lassen.

Jetzt hatte die fremde Gestalt am Ufer Fuß gefaßt und erhob sich aus dem Wasser, während der Kreuzträger einen Schritt zurücktrat und Graf Boulbon näher gekommen war, um, im Fall es einen Angriff galt, gleich bei der Hand zu sein.

Aber es bedurfte seiner Hilfe nicht; Kreuzträger hatte kaum die nur mit einem leichten, sich verräterisch an ihre Formen schmiegenden Hemd bekleidete Gestalt erblickt, als er ihr hoch erfreut die Hand entgegenstreckte. » Santa Maria purissima, Comeo, Kind, wo kommst Du her?« Der Graf trat hastig näher. Er hatte den Namen zwar öfter erwähnen hören, aber das Indianermädchen selbst nie gesehen.

»Wie, Meister Kreuzträger, ist dies die Schwester des Jaguar?«

»Ja, Monsieur, und ein gutes und braves Mädchen. Aber es muß Wichtiges sein, was sie zu diesem Wagnis getrieben hat. Komm hierher, Kind, und wenn Du Dich erholt hast, dann sage uns, wo Du herkommst?«

Die junge Indianerin hatte sich weiter hinauf ans Ufer in den Schutz der Felsen geleiten lassen. »Aus dem Lager Makotöhs und seiner Freunde,« berichtete sie jetzt, die Frage beantwortend, »mein weißer Vater kann ihre Feuer von hier aus sehen.«

»So weißt Du nichts von Eisenarm und Deinen! Bruder?«

»Comeo hat sie nicht gesehen seit dreimal der Mond sich erneuert hat. Ihretwegen hat Windenblüte den Kugeln der Apachen und den Wellen des Buenaventura getrotzt.«

»Also ist dieser Strom wirklich der Buenaventura?« fragte der Wegweiser.

»Es ist der Name, den ihm die weißen Männer gegeben haben, und ein Mann kann in der Zeit von Sonnenaufgang bis zum Abend seine Quelle in den Gebirgen erreichen, ohne sich anzustrengen.«

Der Alte warf dem Grafen einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Setz' Dich hierher, Kind, auf diesen Stein. Wir möchten gern Näheres von Dir wissen, ehe wir Dich zu dem Feuer führen. Weißt Du, wo sich in diesem Augenblick der Jaguar mit seinem Freunde befindet?«

»Wonodongah ist ein Häuptling,« sagte das Mädchen stolz. »Ein Toyah wird niemals einem Kampf aus dem Wege gehen. Wenn die nächste Sonne untergeht, wird der Jaguar Makotöh und seine Freunde an der Quelle des Stromes erwarten. Er wird sterben, wie ein Häuptling, wenn die Zunge eines Freundes ihm nicht den Verrat in die Ohren flüstert.«

»Ein Kampf? So ist es also den Apachen verraten worden, daß Dein Bruder an jener Stelle verweilt, und sie wollen ihn überfallen?«

»Wonodongah hat den Skalp eines Vaters zu rächen,« sagte mit Energie die junge Indianerin. »Er hat vor Monatsfrist den Grauen Bären und seine Freunde zum Kampf gefordert, und Makotöh selbst hat ihm die Zeit und den Ort bestimmt.«

»Das ist allerdings ein schlimmes Zusammentreffen,« meinte der Wegweiser, der die Sitte der indianischen Zweikämpfe genau kannte und daher wohl wußte, wie pünktlich solche Verabredungen gehalten zu werden pflegen. »Aber Makotöh, wenn er auch ein Bluthund ist und kein Herz in der Brust trägt, hat doch den Ruf eines tapfern Kriegers, und ich kann nicht glauben, daß er Verrat üben wird, um einem Zweikampf Mann gegen Mann auszuweichen.«

»Mein weißer Vater vergißt, daß die Schlange der Mescaleros dabei sein wird. Makotöh hat die Häuptlinge der ihm verbündeten Stämme zu seinen Gefährten gewählt, und sie haben ihn auf dem Jagdpfad begleitet, auf welchem mein weißer Vater und seine Freunde ihren Tomahawks an den Ufern des Goldbachs unterlegen sind.«

»Das erklärt die Rückkehr der Häuptlinge. Aber wie kommst Du dazu, Kind, von einem solchen Plan zu wissen und wie ist es Dir überhaupt ergangen? Kannst Du uns Nachricht geben von dem Schicksal des jungen Offiziers, den wir verwundet nach der Höhle im Krater brachten?«

»Señor Arnoldo lebt und ist von seinen Wunden fast ganz wieder genesen,« sagte das Mädchen. »Er befindet sich bei Freunden!«

»Wie?« rief der Graf, »Leutnant von Kleist ist im Lager unserer Feinde und Gefangener des Grauen Bär?«

Das Mädchen sah ihn fragend an. »Bist Du der Häuptling, den die roten Männer »Die offene Hand« nennen?«

»Ich habe gehört, daß man es thut.«

»Dann hat Comeo oft von Dir gehört! Falkenherz, Dein Freund, ist nicht der Gefangene Makotöhs. Der weiße Krieger, der mit den Apachen war und allein mit uns zurückblieb in der Höhle, hat Falkenherz und mich damals für seine Gefangenen erklärt, und Makotöh hat gegen den Fliegenden Pfeil entschieden, daß er das Recht dazu hatte. So durfte ich bei dem Manne bleiben, der sein Leben für ein armes Indianermädchen preisgegeben, und Jesus, der Sohn Gottes, hat mein Gebet erhört und ihn genesen lassen.«

Der Wegweiser sah sie erstaunt an. »Du rufst den Erlöser an, bist Du denn eine Christin?«

»Falkenherz hat es nicht verschmäht, während er krank war in dem Dorf der Apachen, die Augen eines roten Mädchens zu öffnen und sie den Gott der Christen lieben zu lehren, der für alle Menschen gestorben ist, die roten wie die weißen.«

Auf seine weiteren Fragen erfuhr Kreuzträger folgendes:

Lord Drysdale hatte, gerührt von der Aufopferung der jungen Indianerin und getreu seinem Eisenarm gegebenen Versprechen gleich bei dem Eindringen der Mimbrenos in die Höhle des Kraters den Verwundeten und Windenblüte als seine Gefangenen in Anspruch genommen. Da der ersten Blutgier durch den Gesang des Malaien, den die Indianer überhaupt als einen Zauberer betrachteten, begegnet worden, und die Explosion im Innern der Höhle sie eilig wieder hinaustrieb, hatte der Lord Zeit gewonnen, mit Hilfe des Couriers, der ihn jetzt eifrig unterstützte, diesen Anspruch geltend zu machen. Man begnügte sich daher, die beiden Gefangenen eilig aus dem Krater zu schaffen und der Bewachung einiger Krieger zu übergeben, die sie unter der Begleitung des Malaien und des Couriers fortführten, während Kreuzträger nach einer anderen Richtung fortgeführt wurde.

Die kühne und tapfere Weise, in welcher der Lord alsbald an dem Gefecht gegen Graf Boulbon und seine Schar teilnahm, sicherte ihm überdies zu sehr die Achtung und das Vertrauen seiner Bundesgenossen, als daß nach dem Rückzuge und der Wiedervereinigung der Reste der vier Stämme von einem Widerstand gegen seinen Anspruch hätte die Rede sein können.

Auch erfüllte der wilde Häuptling der Gilenos das dem Bruder Windenblütes gegebene Versprechen und nahm sie unter seinen besonderen Schutz, wodurch den Bewerbungen ihres indianischen Verehrers ein Riegel vorgeschoben wurde. Die kriegerischen Ereignisse und die wiederholten Niederlagen der Apachen durch den tapferen Franzosen nahmen ohnehin alle Zeit und Aufmerksamkeit der Häuptlinge in Anspruch.

Windenblüte und der verwundete Preuße waren mit dem Malaien bei erster Gelegenheit in die Wüste geschickt worden, um einstweilen in einem Dorfe der Gilenos zu bleiben, während der Lord mit dem Courier fortfuhr, an dem Kampfe gegen die Kompagnieen Boulbons teilzunehmen und sich dabei das volle Vertrauen der Indianer erwarb. Der Widerwille, den er seinem mexikanischen Begleiter infolge der Erzählung des Wegweisers bewies, die Furcht des letzteren, Kreuzträger wieder zu begegnen, und die Aufgabe, die ihm insgeheim von dem mexikanischen Gouvernement gestellt war, löste sehr bald das Verhältnis zwischen dem Lord und seinem Begleiter. Volaros, oder vielmehr Lopez, leitete die Unterhandlungen von Juarez, der in den Siegen des Franzosen mehr Gefahr sah, als in den Verwüstungen der Indianer, mit den Häuptlingen der Apachen und Comanchen, bis ein Bruch ihres Bündnisses erfolgt war und beide Nationen sich in ihre Wüsteneien zurückzogen. Dahin begleitete sie der Lord, während Lopez sich wieder unter den Schutz des Gouverneurs von San Fernando begab und dessen Verbindung mit seinem Offizier, Carboyal, unterhielt.

Den einfachen Heilmitteln Windenblütes war es inzwischen gelungen, Leutnant von Kleist der Gefahr zu entreißen. Die Aufopferung des Mädchens, ihre treue Pflege hatten tiefen Eindruck auf den Preußen gemacht, und während sie an seinem Lager saß, hatte er versucht, ihrem Geist die Lehren des Christentums zu erklären.

Der Lord hatte, als er mit seinem wilden Bundesgenossen in dem Lager eintraf, bald eine aufrichtige Zuneigung zu dem jungen Offizier gewonnen, dessen Mitteilungen über den Grafen allmählich seinen Groll gegen diesen milderten und ihm seine Handlungsweise in einem anderen Lichte erscheinen ließen. Der Aufenthalt des Häuptlings der Gilenos in seinem Dorf dauerte jedoch nur zwei oder drei Wochen, nach welcher Zeit Makotöh sich zu einem Jagdzug an die Ufer des San Martinsees rüstete, bei dem er den Zweikampf mit dem jungen Comanchen ausfechten wollte.

Der wilde Häuptling hatte aus dieser Absicht und der Herausforderung nach den Sitten seines Volkes nichts weniger als ein Geheimnis gemacht, und schon lange vorher war bestimmt worden, daß die beiden ihm verbündeten Häuptlinge seine Begleiter bei dem Zweikampf sein sollten. Lord Drysdale wollte die Gelegenheit benutzen, um mit seinem genesenen Schützling wieder in die bewohnteren Gegenden zurückkehren, da ein wahrscheinlich von dem Piraten und Slongh verbreitetes Gerücht von dem Fall seines Todfeindes in einem der Gefechte der Mexikaner mit den Apachen seinem Hasse und seiner Verfolgung ihr Ziel gesteckt hatte.

Der Häuptling der Gilenos war nur von wenigen seiner Krieger begleitet. Als sie aber an dem Ufer des Sees San Martin mit den beiden anderen Häuptlingen zusammentrafen, zeigte es sich, daß diese eine weit größere Zahl der Ihren mit sich gebracht hatten, so daß die ganze Schar sich jetzt auf etwa hundertfünfzig Köpfe belief. Wir haben bereits erwähnt, daß hierbei die Apachen auf die bereits sehr verringerte Schar der Goldsucher stießen und der Kampf mit diesen und zu deren Nachteil alsbald erneuert wurde.

Comeo berichtete ferner, daß sie durch einen günstigen Zufall einen Anschlag des tückischen Häuptlings der Mescaleros belauscht habe, der dahin ging, daß ein zahlreicher Haufe seiner Krieger und der des Fliegenden Pfeils ohne Wissen Makotöhs den drei Häuptlingen folgen sollte, wenn sie sich dem Kampf nach den Quellen des Flusses begeben würden, um bei dieser Gelegenheit über den Jaguar und seine beiden Freunde herzufallen und sie zu töten. Comeo hatte nicht gewagt, diese Entdeckung dem jungen Offizier mitzuteilen, weil sie fürchtete, daß dieser sie entweder hindern könne, sich selbst einer Gefahr zur Rettung ihres Bruders auszusetzen, oder durch irgend einen Schritt die Rache der beiden Häuptlinge herausfordern würde. Nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen, hatte sie den Versuch beschlossen, nach der Insel zu schwimmen, um hier Kreuzträger, zu dem sie fast ebenso großes Vertrauen hegte, wie zu Eisenarm, zum Beistand aufzufordern. Da sie in ihren Bewegungen durchaus nicht beschränkt und auch keineswegs mißtrauisch beobachtet wurde, hatte sie die Gelegenheit wahrgenommen, sich von dem Lagerplatz der Apachen wegzuschleichen und eine Stelle stromaufwärts über den ausgestellten Wachtposten hinaus zu erreichen, von der aus sie mit Hilfe eines vom Sturm mitgeführten Baumastes der Strömung sich anvertraute.

Die Nachricht, die sie brachte, war nicht bloß von hohem Interesse, sondern auch von der größten Wichtigkeit für den Grafen.

Gelang es den Häuptlingen der Apachen, Wonodongah und Eisenarm zu überfallen und zu töten, so war jede Aussicht auf Auffindung des Goldthals für immer dahin.

Sie mußten also unbedingt gewarnt werden.

Der dritte Mitbesitzer des Geheimnisses, der Erbe des Gambusino José, dem zu genau derselben Stunde an demselben Ort das Rendezvous bestimmt war, war er selbst. Er mußte also zur Stelle sein, womöglich noch vor der Zeit, um den Kampf zu verhindern.

Aber wie?

Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

Warum sollte die Indianerin nicht selbst die Warnung überbringen, zugleich ihre beiden Freunde von der Gefahr der Gesellschaft benachrichtigen und ihnen eine andere Zeit und einen anderen Ort der Zusammenkunft bestimmen?

Der Graf wandte sich sogleich zu Kreuzträger und teilte ihm diesen Gedanken mit, der jedoch wenig die Zustimmung des Alten zu haben schien.

»Du hast gehört, Windenblüte,« sagte der Wegweiser zu dem Mädchen, denn die Frage war in spanischer Sprache geschehen, »was dieser Herr meint. Wäre es nicht das Beste, wenn wir Dich mit unserem Kahn ans Ufer setzen, daß Du Dich selbst zu Deinem Bruder und dem Trapper begiebst und sie warnst?«

»Aber Er? man würde ihn töten!«

»Wen meinst Du, Kind?«

»Falkenherz. Ich habe daran gedacht, aber es geht nicht. Ich muß zurück sein, ehe die Häuptlinge aufbrechen. Wenn ich fehle, könnten sie Verdacht schöpfen und ihn erschlagen. Comeo muß sich noch einmal dem Strome anvertrauen.«

Der alte Mann nickte. »Ich dachte es mir fast,« murmelte er, »es ist die Natur des Weibes. Überdies, Señor Conde, fürchte ich auch noch etwas anderes, das diesen Plan unnütz macht. Wir müssen selbst gehen, und darauf hat auch dieses Mädchen gerechnet.«

»Windenblüte hat gethan, was ihr der gute Gott eingegeben,« sagte die Indianerin, sich erhebend. »Es ist Zeit, daß sie in das Lager der Apachen zurückkehrt.«

»Nicht so, Kind,« sagte der Wegweiser, – »ich habe einen Plan, wie wir zusammen gehen. Nehmen Sie das Kind mit zum Feuer, Monsieur; denn ich darf meinen Posten nicht verlassen, bis ich abgelöst bin, und fordern Sie den Urlaub, von dem wir gesprochen.«

Der Graf erklärte, sogleich einen andern Mann an seine Stelle senden zu wollen, dann bedeutete er Comeo, ihm zu folgen, und führte sie nach der Mitte der Insel, wo die Abenteurer um das Feuer lagerten.

Außerhalb des Lichtscheins desselben ließ er sie zurückbleiben, ging dann zu der Laubhütte, in der Suzanne ruhte, und schickte Bonifaz mit einem Poncho zu dem Mädchen, damit sie ihre wenig bekleidete Gestalt darein hüllen könne, ehe sie den Männern vor Augen käme.

Hierauf trat er in die Mitte des Kreises und rief die Anwesenden zusammen, die, teils neugierig, teils widerwillig, alsbald dem Rufe folgten.

»Kameraden,« sagte der Graf, – »ich komme, um einen Beweis des Vertrauens von Euch zu fordern. Es ist keiner unter Euch, der mir nicht das Zeugnis geben wird, daß ich jede Mühe und Anstrengung redlich mit Euch geteilt und der erste und letzte in der Gefahr gewesen bin. Wenn unser Zug auch bisher von wenig Glück begleitet war und wir in diesem Augenblick in einer schlimmen Klemme uns befinden, so kann ich Euch doch auf das Ehrenwort eines französischen Edelmannes, bei dem Blut Heinrichs von Navarra, das in diesen Adern fließt, versichern, daß wir der Erreichung unseres Zweckes näher sind, als je. Aber eine Nachricht, die ich soeben erhalten, zwingt mich. Euch auf zwei Tage und zwei Nächte zu verlassen, und für so lange fordere ich, Euer Anführer, Urlaub von Euch!«

Ein wildes Gewirr von Stimmen und Rufen antwortete ihm; die meisten konnten nicht begreifen, wie der Graf ohne ihr Wissen eine Botschaft erhalten haben sollte, und sprachen ihre Zweifel aus; andere erklärten laut, er dürfe sie nicht verlassen, nachdem er sie in diese Gefahr gebracht, und Hawthorn, der keine Ahnung von der Nähe seines unerbittlichen Feindes hatte, und dem der alte Trotz und Haß zurückgekehrt war, erklärte das Verlangen des Grafen geradezu für einen Vorwand, sich selbst zu retten, und schwor mit einem Fluch, daß er dies nimmer zugeben werde.

Die Gräfin hatte sich bei der ihr gleichfalls unerwarteten Ankündigung trotz ihrer Schwäche erhoben und war an die Seite ihres Gemahls getreten, der mit dem Ausdruck tiefer Verachtung sein Auge über den murrenden Kreis schweifen ließ. »Es ist nicht meine Art,« sagte er endlich, »denen, die sich mir zu gehorchen verpflichtet haben, Rechenschaft über meinen Willen zu geben. Aber ich will es diesmal thun, und so sage ich Euch, daß zwei Männer, die den Weg zu dem Orte kennen, den wir suchen, mich morgen beim Aufgang des Vollmondes einen Tagemarsch von hier erwarten, und daß sie außerdem in Gefahr sind, von unsern gemeinschaftlichen Feinden, den Apachen, überfallen und gemordet zu werden, wenn es nicht gelingt, sie zu warnen.«

»Sie mögen sich helfen, so gut sie können,« sagte eine Stimme. »Jeder ist sich selbst der Nächste!«

»Die Nachricht scheint Ihnen plötzlich mit der Luft zugeflogen zu sein, Señor,« rief ein anderer. »Wir sind nicht so albern, daran zu glauben.«

»Mit der Luft nicht. Elender,« erwiderte der Graf barsch, »aber mit dem Wasser. Komm hierher, Mädchen!«

Comeo, in den Poncho gehüllt, trat zum großen Erstaunen der Männer aus dem Dunkel in ihren Kreis.

»Hier ist der Bote,« fuhr der Graf fort, »sie hat es gewagt, mit Lebensgefahr hierher zu schwimmen, um mir die Nachricht zu bringen. Treten Sie vor, Master Slongh!«

Der Methodist war gezwungen, den Hintergrund zu verlassen, wo er es an Hetzereien gegen den Grafen nicht hatte fehlen lassen.

»Nach Ihren eigenen Erzählungen,« fuhr der Graf fort, »müssen Sie diese junge Indianerin kennen und wissen, daß sie zu unseren Freunden gehört.«

Der Methodist mußte dies bestätigen, fügte aber hinzu, daß er nach der Trennung von ihr auf der Flucht nach der Hacienda nichts weiter von ihr gesehen habe. Er wußte, daß das Mädchen die Schwester des Comanchen war, des Begleiters des Yankee, und hätte gern die Gelegenheit benutzt, sie nach diesem auszuforschen, aber der Graf ließ ihm keine Zeit dazu.

»Ihr seht, Kameraden,« sagte er, »daß ich die Wahrheit gesprochen. Aber es ist nötig, daß ich einen schnellen Entschluß fasse. Seid Ihr einverstanden damit, daß Kreuzträger und ich – denn ich vermöchte ohne ihn nicht die Stelle zu finden – uns auf zwei Tage entfernen und Euch die Verteidigung der Insel überlassen? Sie wird keine Schwierigkeit haben, da, wie ich aus derselben Quelle weiß, die Hälfte unserer Feinde mit ihren Häuptlingen morgen den Ort verläßt, um sich an die gleiche Stelle zu begeben, wie ich!?«

»Wie wollen Sie von hier fortkommen?« fragte der Pole.

»Zwei von Euch mögen uns in dem Kanoe im Schutz der Dunkelheit eine Strecke stromabwärts rudern und dann zurückkehren.«

Hawthorn stieß eine Verwünschung aus. »Daß wir Narren wären, uns unnütz den Kugeln der roten Hunde auszusetzen! Wenn Sie erst fort sind, mein Gräflein, würden Sie gewiß das Wiederkommen vergessen.«

Boulbon nahm sich mit aller Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben. »Wenn ich ein Schurke wäre, wie Du,« sagte er finster, »so könnte dies geschehen. Ich wende mich an bessere Männer und fordere ihre Antwort. Leutnant Morawski, sammeln Sie die Stimmen.«

Es folgte eine kurze und stürmische Beratung der Männer, während welcher der Graf sich mit seiner Gattin beschäftigte und diese zu beruhigen suchte über die Notwendigkeit seines Entschlusses. Er zweifelte übrigens trotz der aufrührerischen Stimmung der Mehrzahl nicht, daß sie auch diesmal seinem Willen sich fügen würden.

Diese Annahme sollte ihn jedoch täuschen. Wahrscheinlich infolge des Umstandes, daß Kreuzträger, obschon Bonifaz ihn auf seinem Posten abgelöst, nicht sogleich an dem Feuer erschienen war, sondern sich an dem entgegengesetzten Teil der Insel beschäftigte, hatte die Partei der Unzufriedenen die Oberhand, und als der Pole zu dem Grafen trat, mußte er ihm mit Achselzucken erklären, daß sich die Leute weigerten, ihn fortzulassen und den Kahn herzugeben.

Die Augen des Franzosen funkelten, als ihm dieser Entschluß verkündet wurde. Er machte sich heftig von den Armen seiner Gattin los und trat den Männern entgegen, die sich in einen Haufen zusammengedrängt noch stritten.

»Ich habe mich herabgelassen, Euch um Eure Zustimmung zu bitten,« sagte er hochmütig, »aber Ihr habt vergessen, daß jeder von Euch mir blinden Gehorsam gelobt hat. Zum zweitenmal sage ich Euch daher, unser Kontrakt ist gelöst, meine Pflicht gegen Euch zu Ende! Behaltet den Kahn, es wird mich nicht hindern, meinen Entschluß auszuführen!«

»Nichts da!« brüllte der Pirat. »Kameraden, sollen wir es zugeben, daß wir von einem Aristokraten verraten werden?«

»Nein! nein! er soll nicht fort ohne uns!«

»Ich will den sehen, der mich aufzuhalten wagt! Her zu mir, die ihrem Eide treu bleiben!«

Nur der Pole, der Deutsche Weidmann und drei andere traten entschlossen an die Seite ihres Anführers.

»Euch, meine Braven,« sagte der Graf, »bin ich gezwungen, die Sorge für meine Gattin zu überlassen. Ihr Leben und das meines alten Freundes sollen Euch Bürge sein, daß wir zu Euch zurückkehren werden, ehe zum drittenmal die Sonne aufgeht. Die Scene hat schon zu lange gedauert; rufen Sie Kreuzträger, damit wir uns fertig machen.«

»Nicht von der Stelle ohne unsere Erlaubnis!« schrie der Pirat. »Auf, Kameraden, wir müssen uns der Person des Verräters bemächtigen!«

Wilder Beifall folgte der Aufforderung, Waffen wurden drohend erhoben – – die wenigen treuen Anhänger des Grafen blickten besorgt auf diesen.

Boulbon trat noch einen Schritt vor und streckte befehlend den Arm aus, während Suzanne sich zitternd an den andern hängte.

»Die Waffen nieder, Männer! Wagt Ihr es, so mit mir zu sprechen?«

Hawthorn sah ihm frech ins Gesicht. »Unser Leben gilt so viel, wie das Ihre! Sie dürfen nicht fort!«

»Denk' an San Francisco, Bursche!«

»Möge meine Seele zehnmal verdammt sein, wenn ich Dir's nicht wett mache!« Er riß sein Pistol aus dem Gürtel und schlug es auf den Grafen an, der gänzlich unbewaffnet war.

»Schurke!«

Mit einem Schrei warf sich die Französin vor den geliebten Mann im selben Augenblick, als der Schuß knallte. Die Kugel hätte sie durchbohren müssen, wenn nicht zugleich eine feste Hand den Arm des Mörders in die Höhe geschlagen hätte. So pfiff die Kugel dicht über dem Kopf des Grafen in die Luft.

»Schämt Euch, Männer, daß Ihr auf die Worte eines Mörders hören konntet!« sagte die strenge Stimme Kreuzträgers, der, zur rechten Zeit hinzukommend, die That gehindert hatte. »Fort mit ihm, bindet ihn, wie ein wildes Tier, bis der Graf über ihn bestimmt!«

Die schändliche That hatte wirklich dazu gedient, im Augenblick die Stimmung der Abenteurer zu ändern, und dieselben Männer, die noch kurz vorher den Verwünschungen und Aufreizungen des Mörders zugestimmt, nahmen jetzt keinen Anstand, der Aufforderung Kreuzträgers zuzustimmen und über den Piraten herzufallen, der bald fluchend und vergeblich tobend am Boden lag.

Als dies geschehen, standen sie wie über einen Streich ertappte Schulknaben vor ihrem Anführer, der sich bis jetzt nur mit seiner von Schreck und Angst ohnmächtig gewordenen Gattin beschäftigt hatte. Die Männer waren behilflich, sie auf ihr Lager zurückzutragen, und zwanzig teilnehmende Fragen kreuzten sich, ob ihr auch wirklich von der Kugel Hawthorns kein Leid widerfahren.

Erst als die Kranke unter den Händen der jungen Indianerin und des Avignoten, der eilig bei dem Schusse herbeigekommen war, sich wieder zu erholen begann, verließ sie der Graf und trat wieder in den Kreis der Männer.

»Mylord,« redete ihn der ehemalige Matrose an, »rechnen Sie uns nicht zu, was geschehen ist. Wenn Sie den Kerl hängen lassen wollen, will ich ihn mit Vergnügen an die erste Raanocke hinaufhissen. Wir sehen ein, daß es das Beste sein wird, Ihren Willen zu thun, und wenn Sie uns nochmals Ihr Wort geben wollen, uns nicht hier in der Patsche sitzen zu lassen, wo wir weder Steuerbord noch Backbord uns davon machen können, mögen Sie immerhin das Kanoe nehmen, und Goddam! ich selbst will Sie ans Ufer rudern, ohne mich um die Kugeln der roten Schufte zu kümmern!«

Der Graf begriff, daß er nicht zögern durfte, von der besseren Aufwallung der Gemüter Gebrauch zu machen, wenn er die Herrschaft über sie wiedergewinnen wollte. Er hatte unterdes einige Worte mit Kreuzträger gesprochen, der bereits beschäftigt war, ihre Büchsen sorgfältig in eine Hirschhaut zu schlagen.

»Ich danke Euch, Kameraden,« sagte der tapfere Franzose, »daß Ihr zur Einsicht gekommen, und schwöre Euch bei dem Leben meines fernen Sohnes, daß Ihr Euer Vertrauen nicht zu bereuen haben sollt. Wenn die Sonne zum drittenmal aufgeht, bin ich wieder in Eurer Mitte, es müßte denn Tod oder Gefangenschaft mich hindern, mein Wort zu halten. Bis dahin wird Leutnant Morawski das Kommando führen, und Ihr mögt ihm gehorchen, wie mir selbst. Ich lasse ein Pfand in Eurer Mitte, das ich von Euch fordern werde. Der Weg, den ich antrete, ist zu unser aller Glück, und die Gefahren und Drangsale, die Ihr jetzt besteht, sollen mit Millionen ausgewogen werden und Euch für den Rest Eures Lebens glücklich machen.«

Einstimmiger Zuruf antwortete ihm. Master Slongh hatte es bei der Wendung der Dinge für vorteilhaft gehalten, seinen Kameraden die Andeutungen ins Ohr zu flüstern, die er von dem Yankee in der Sierra erhalten, und der Umstand, daß Comeo gekommen, bewies ihm, daß die Männer, mit denen der Graf zusammentreffen wollte, wirklich die Genossen Jonathon Browns waren. Durch das kühne Unternehmen des Grafen konnten sich jetzt die Aussichten auf das wirkliche Auffinden des Schatzes nur erhöhen.

Williams, der Matrose, fragte, ob er das Kanoe bereit machen solle, aber der Graf lehnte es ab. Er erklärte, daß er es nach reiflicher Überlegung vorzöge, auf eine andere Art, als mit dem Kanoe, die gefährliche Fahrt zu unternehmen und keinen seiner Leute in Gefahr setzen wolle.

Die Art, in der er an das Ufer gelangen wollte, zeigte sich bald, als die Männer jetzt zu der stromabwärts liegenden Spitze der Insel gingen. Kreuzträger hatte die Zeit benutzt, in welcher der Graf mit den Abenteurern verhandelte, um das einfache Hilfsmittel Windenblütes in etwas vervollkommneter Form nachzuahmen. Er hatte zwei hinreichend lange Stücke der von den Abenteurern zu ihrem Feuer gefällten Bäume durch Querhölzer der Art aneinander gebunden, daß sie ein kleines Floß bildeten und für jeden der beiden kühnen Schwimmer einen sattelartigen Sitz abgaben. Auf ihn sie sich niederbeugen und so bei der Vorüberfahrt in den Schatten der hohen Ufer leichter der Aufmerksamkeit der indianischen Schildwachen entgehen, als dies in dem Kanoe möglich gewesen wäre, dessen Zurückrudern ohnehin nicht ohne Entdeckung geschehen konnte. Comeo sollte quer vor ihnen auf den Balken Platz finden und tiefer den Fluß hinab, wo die schnelle Strömung aufgehört und, wie sie wußte, keine Schildwachen der Apachen mehr standen, nach dem rechten Ufer schwimmen, während sie selbst auf dem linken landen und dann das einfache Fahrzeug seinem Schicksal überlassen wollten. Diese Anordnung war auf den Rat des Mädchens erfolgt. Obschon der Weg auf dem linken Ufer stromaufwärts nach der Quelle des Flusses schwieriger zu machen war, schon wegen der hier vom Gebirge her einmündenden Zuflüsse, war er doch, sobald man erst das zweite Lager der Indianer gegenüber der Insel glücklich umgangen hatte, von ungleich größerer Sicherheit, da auf der andern Seite am nächsten Tage die drei Häuptlinge nach den Quellen aufbrechen wollten und dabei leicht die Spuren der Vorangegangenen hätten entdecken können.

Es war jetzt mehr als eine Stunde verstrichen, seit die junge Indianerin sich auf der Insel befand, und selbst wenn die Rücksicht auf ihre Sicherheit nicht zur Eile gedrängt hätte, wäre es nötig gewesen, noch vor Aufgang des Mondes die gefährlichen Stellen zu passieren und die Posten der Apachen zu umgehen. Drüben an den Ufern machte sich nichts Verdächtiges bemerkbar, was auf eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit schließen ließ. Der schwache Knall des Pistolenschusses konnte bei dem Brausen des Stromes schwerlich gehört worden sein.

Der Kreuzträger meldete jetzt dem Grafen, der an der Seite seiner Gattin kniete, daß alles zu ihrer Abfahrt bereit sei. Trotz der Schwäche hatte sich Suzanne in die Nähe der Stelle tragen lassen, wo diese erfolgen sollte. Es war, als ob eine Ahnung ihr sagte, daß sie sich in diesem Leben nicht mehr wiedersehen sollten, und leidenschaftlich weinend hing sie an seinem Halse, nachdem alle ihre Bitten, von dem Wagnis abzustehen und lieber das ganze Unternehmen der Aufsuchung der Goldhöhle aufzugeben, an seinem festen Entschluß gescheitert waren.

»Mein Wort und meine Ehre sind verpfändet,« sagte er fast rauh, »und was ich thue, geschieht für unsern Sohn. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, kehren wir zurück in die Civilisation, und in ihrer Pflege wird Deine Gesundheit wiederkommen. Unser Kind soll nicht im Dunkel der Armut sein Leben hinbringen, und das Gold, das ich zu erringen gehe, soll seinem Blute Geltung verschaffen und ihn den Stolzesten und Mächtigsten der alten Welt gleichstellen!«

Die Indianerin hatte ihren Platz auf dem Floß bereits eingenommen, wo das Leder mit den Büchsen befestigt war. Die Pulverhörner trugen der Graf und Kreuzträger in ihren Hüten, um sie vor jeder Feuchtigkeit zu schützen. Alle Männer drängten sich um die beiden, ihnen die Hand zu schütteln und den besten Erfolg zu wünschen, bei dem sie so sehr beteiligt waren.

Der Graf hatte den alten Diener und Freund umarmt, der ihn durch drei Weltteile begleitet, und ihm nochmals seine Gemahlin auf das dringendste empfohlen. Der leise Ruf des Kreuzträgers mahnte ihn zur Eile. Noch einmal drückte er das treue aufopfernde Wesen ans Herz, dem sein Ehrgeiz erst so spät Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen und sprang dann, als traue er der eigenen Kraft nicht mehr, hinunter zu dem Felsenufer.

Die Hand Morawskis hielt ihn noch einmal auf.

» Pan,« sagte der Pole, »Sie haben noch nichts über das Schicksal des Elenden bestimmt, der Sie zu ermorden versuchte.«

» Ventre saint gris!« erwiderte der Graf ungeduldig, »lassen Sie den Bösewicht in irgend einen Winkel der Insel werfen und dort liegen, bis ich zurückkehre. Und nun – Gott befohlen, alle!«

Er trat auf das Floß und setzte sich auf den Balken.

»Vorwärts, Männer, los!«

Ein Stoß trieb das leichte Fahrzeug vom Ufer hinaus in den Fluß.

Als der Graf noch einmal zurückblickte, sah er zwischen die dunklen Männerfiguren eine Gestalt mit lichtem wehenden Gewand sich drängen.

»Aimé, halt' ein! Du tötest mich!«

Er sah sie sinken, aufgefangen von den Armen der Männer – wenn er auch gewollt hätte, es war zu spät: unaufhaltsam riß die Strömung sie fort und trug ihn seinem Geschick entgegen!



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