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Der Sturm auf die Hacienda.

Die Entfernung von der Hacienda bis zur Hütte des unglücklichen Fährmanns war zu groß, als daß die Wachen auf den Mauern der Hacienda, bald nachdem Kreuzträger und der Vaquero sie verlassen, den Lärm des kurzen Gefechts hätten vernehmen können, wohl aber glaubte einer der Peons nach Mitternacht das Vorüberjagen eines großen Reitertrupps zu hören und bemerkte auch, daß die Pferde, die sich noch in dem äußeren Corral befanden, sich unruhig gebärdeten, als witterten sie ihresgleichen. Der Vorgang war jedoch zu unbedeutend, um Lärm zu machen, und so erfuhr ihn Don Estevan erst am anderen Morgen, als die Verteidiger der Hacienda sich, besorgt um das Ausbleiben ihrer Kundschafter, berieten.

Kreuzträger hatte es vorgezogen, bei der schlimmen Kunde, die er zu überbringen gehabt hätte, nicht erst in die Hacienda zurückzukehren, sondern direkt der Bande der Apachen und ihren Gefangenen zu folgen, es dem Senator überlassend, über sein Ausbleiben zu denken, was ihm beliebe.

Man blieb daher in der Hacienda den ganzen Tag über in Zweifel, ob die beiden Späher in die Hände der Apachen gefallen wären oder für gut befunden hätten, auf dem Wege, den die Señora von San Guaymas kommen mußte, weiter zu gehen, um sie aufzuhalten. Das Vaterherz neigte sich zu der letzteren Annahme, und auch der alte Haushofmeister, der größere Besorgnis über seinen jungen Verwandten hegte, als er zeigen mochte, stimmte ihm bei. Obschon man den ganzen Tag über nichts von den Indianern sah, wagte sich doch keiner der Bewohner über die engere Umgebung der Hacienda hinaus und Don Estevan in Gemeinschaft mit dem Polen Morawski benutzte die erhaltene Frist, um die Verteidigungsmittel der kleinen Festung noch so sehr zu verstärken, wie es in ihren Kräften stand.

So war der Tag in fortwährender Aufregung vergangen; von dem sehnlichst erwarteten Beistand des Grafen Boulbon zeigte sich noch immer keine Spur.

Erschöpft von den Anstrengungen und Sorgen der letzten Tage und Nächte hatte sich Don Estevan nach dem Abendsegen auf die dringende Bitte seines Hauswarts nach seinem Schlafzimmer zurückgezogen, um dort einer kurzen Ruhe zu genießen. Aus dieser weckte ihn gegen 10 Uhr ein Diener mit der Nachricht von dem Erscheinen zweier Fremden vor dem östlichen Eingangsthor, die dringend Einlaß begehrten und erklärten, daß sie Nachrichten von dem Kreuzträger und den Apachen zu bringen hätten. Die Vorsicht der Wächter hatte die Boten gezwungen, außerhalb der Mauern zu bleiben, bis der Hausherr zu ihrem Einlaß seine Genehmigung erteilt hatte; denn es war wohl bekannt, daß sich genug weißes Gesindel in den Prärieen umhertrieb, das bei Mord und Plünderung gern mit den Indianern Gemeinschaft machte und sich zu ihren Spionen und Helfershelfern hergab.

Als der Senator auf die Mauer über dem Einlaßpförtchen kam, fand er, daß das würdige Paar, dessen Sympathieen sich sehr bald erkannt hatten, sich aus Furcht vor den Indianern dicht an die Mauer gedrängt hatte, um hier wenigstens den Schutz der mexikanischen Büchsen zu genießen.

»Wer seid Ihr, Señores?« frug der Hausherr von der Höhe der Mauer.

»Thue Deine Pforten auf, Jerusalem! Diese Stimme fällt wie Posaunenklang in die Ohren Deines Knechtes!« schnarrte der Methodist. »Ich kenne diese süßen Töne, und sie gehören, wenn nicht der böse Feind die Sinne eines armen Mannes verwirrt hat, dem sehr würdigen Senator Señor Don Estevan.«

»Ich bin Don Estevan,« sagte unwillig der Haciendero, »aber wer seid Ihr, Kerl, daß Ihr bei Nacht hier an die Thür meines Hauses pocht?«

»Würdigster Senator, sollten Sie wirklich den treuen Kampfgenossen und Liebling Ihres hochberühmten und sehr edlen Schwiegersohnes nicht wiedererkennen, Hesekiah Slongh, der mit Ihnen über weite Meere gefahren ist, um Mexiko von der Geißel dieser indianischen Heiden zu befreien?«

»Halten Sie Ihr Maul mit all dem Wischiwaschi,« fuhr ärgerlich der Yankee dazwischen.

»Öffnen Sie rasch die Thür, Señor, wir bringen wichtige Nachrichten von den Indianern und Ihrer Tochter, und jede Zögerung könnte nicht nur uns, sondern Ihnen allen das Leben kosten!«

»Von meiner Tochter?« rief der Haciendero, »geschwind, Jeronimo, öffne das Thor. Ich glaube wirklich, daß ich jenen Mann, der sich Slongh nennt, wiedererkenne.«

Im nächsten Augenblick war das kleine Eingangspförtchen mit einiger Vorsicht geöffnet und die beiden Flüchtlinge wurden eingelassen. Sie fühlten sich nicht sobald in Sicherheit, als sie eine furchtbare Geschichte von ihren überstandenen Gefahren und begangenen Heldenthaten begannen, aus denen der Haciendero mit Schrecken nach verschiedenen Querfragen erfuhr, daß seine Tochter in den Händen der Apachen und diese gewillt seien, noch in derselben Nacht sich auch des Vaters und seines Besitztums zu bemächtigen.

»Und Kreuzträger, Eisenarm und Jaguar?«

»Ich kalkuliere, sie sind drei so unverständige und wortbrüchige Narren, wie es nur irgendwelche zwischen dem stillen Ocean und der Küste von New York geben kann,« murrte der Yankee. »Um aller Weiber der Erde willen hätte ich meinen Kopf nicht wieder in den Rachen dieser roten Teufel gesteckt, namentlich wenn ich gewußt hätte, wo …« Er unterbrach sich selbst, um sein Geheimnis nicht zu verraten, aber Meister Slongh überhob ihn der Mühe einer anderen Fortsetzung.

»Der Herr ist stark in dem Schwachen, Schwert Gideon!« näselte er. »Wenn es möglich gewesen wäre, die Jungfrau aus den Klauen der ungläubigen Philister zu retten, würde es unser Mut gethan haben. Aber was ist selbst die Kraft Simsons oder die Kriegsweisheit eines Makkabäus gegen Feinde, so zahlreich wie Sand am Meere? Darum hielten wir es für besser, jene Männer als Späher auszusenden, den Feind unterdes zu beobachten, und selber hierher zu kommen, um Hilfe und Beistand zu dem großen Werke der Überwältigung der Heiden zu holen!«

»Und, beim heiligen Kreuz von Puebla!« rief der Senator, »wir wollen nicht zögern, sie mit Euch zu bringen. Was sind mir die Reichtümer dieser Hacienda gegen die Befreiung meines Kindes aus den Händen dieser indianischen Teufel! Señor Teniente, wir wollen mit allen unseren Leuten aufbrechen zu einem Überfall des Lagers der Apachen, und diese beiden Männer sollen uns führen!«

Das war nun aber keineswegs nach dem Geschmack der beiden Tapferen, die herzlich froh waren, sich mit unversehrter Haut hinter den schützenden Mauern zu befinden, und sie waren daher gezwungen, ihren Ton bedeutend herabzustimmen und der Wahrheit näher zu kommen. Auch der Pole Morawski und der alte Mayordomo des Haciendero, waren klug genug, das Thörichte eines solchen Planes einzusehen und ihn dem Senator zu widerraten. Während nun Master Slongh in die Lage gebracht wurde, seinem äußeren Menschen wieder ein einigermaßen anständiges Äußere zu geben, wobei er nur den Verlust seines geliebten roten Mantels schwer beklagte, und beide zu gleicher Zeit ihren inneren Menschen nach dem langen Fasten wieder stärkten, gelang es den verständigen Fragen des Haushofmeisters und des Offiziers, die Wahrheit so ziemlich zu enthüllen.

Nicht ohne Stolz vernahm der erste dabei, wie tapfer sich sein junger Verwandter benommen hatte.

»Gott und die Heiligen mögen das unglückliche Kind beschützen!« sagte endlich der Senator. »Ich gelobe der Madonna vom heiligen Kreuz drei silberne Leuchter, wenn sie mir meine Tochter unversehrt wiedergiebt. Ein Trost ist, daß so wackere Männer, wie Eisenarm und der Jaguar nebst unserm Freunde Kreuzträger über ihrem Leben wachen. Die Tapferen sollen reich belohnt werden, wenn die Heiligen uns selbst das Leben erhalten. Jetzt, Freunde, gilt es vor allem, uns zu einem kräftigen Widerstand zu rüsten, um so mehr, als wir nach der Nachricht dieses Mannes auf den Beistand des edlen Grafen von Boulbon, des Verlobten meines unglücklichen Kindes, nicht mehr zu rechnen haben!«

Die Stimmung, die sich infolge dieser Nachrichten aller Verteidiger der Hacienda bemächtigt hatte, war eine sehr ernste, aber keineswegs mutlose.

Die Vorbereitungen der Verteidigung wurden nochmals auf das Sorgfältigste geprüft.

Die Hacienda zählte in diesem Augenblick einschließlich aller Peons und der aus der Umgebung hier versammelten Vaqueros und Rostreadores dreiundsechzig Männer zu ihrer Verteidigung, während die Zahl der Indianer sich auf viele Hunderte belaufen mußte.

Der Pole Morawski teilte sich mit dem Haciendero in die Leitung der Anordnungen. Da Eisenarm zwar einen Teil der Beratungen der Apachen über den Angriff auf die Hacienda mit angehört, aber doch bei der Entfernung seines Schlupfwinkels von den Einzelheiten keine Kenntnis hatte, wußte man eben nur, daß der Angriff in dieser Nacht erfolgen werde und mußte das Nähere aus den Gewohnheiten der Indianer zu erraten suchen.

Danach ließ sich zunächst erwarten, daß der Überfall kurz vor Anbruch des Tages erfolgen werde. Die nach der Sierra gerichtete Spitze des Gehöfts bot dem Angriff der Indianer so große Schwierigkeiten, daß sie gewiß wie bei früheren Gelegenheiten vorziehen würden, von der Ebene her den Versuch zu machen. Hierzu mußten sie, um nicht den gewöhnlichen Weg durch die beiden Schluchten zur Seite des Hügels zu passieren und so unausbleiblich von den Schildwachen auf den Mauern der Hacienda bemerkt zu werden, einen großen Umweg machen. Es genügte daher, wenn der vordere, nach dem Gebirge gelegene Teil der Hacienda, nur von wenigen erfahrenen Posten bewacht wurde, nicht so zahlreich, um die Hauptmacht der Verteidigung zu schwächen, aber doch genug, um gegen alle Teufeleien der Wilden vorbereitet zu sein.

Über diesen Teil der Verteidigung erhielt der alte Mayordomo die Aufsicht; zehn der Vaqueros und Rostreadores, Männer von Mut und Erfahrung, wurden ihm beigegeben.

Dies war, wie sich später zeigte, eine sehr glückliche Maßregel.

Wie bereits der Mayordomo früher seinem Herrn berichtet, waren die wertvollsten Tiere der Cavaladas in den inneren Raum der Hacienda gebracht worden. Um durch sie nicht beengt und gehindert zu werden, hatte man die, welche man nicht in die festen Notställe hatte bringen können, gefesselt und zu Boden geworfen. Aber es befanden sich noch immer mehr als fünfhundert Pferde und über tausend Rinder in den großen Corrals, Verzäunungen von starken Stangen, die den sich breit erweiternden Abhang von der äußeren Hauptfront der Hacienda bis zur Ebene einnahmen.

Diese Herden konnten ebensogut zum Schutz, wie zum großen Nachteil der Belagerten dienen.

Blieben sie an Ort und Stelle, so konnte sich unmöglich ein großer Haufe Indianer im Anlauf der Mauer nähern. Die Wildheit der Pferde und der Rinder verhinderte dies gewiß.

Auf der anderen Seite konnten die Apachen die Herden benutzen, um sich unter dem Schutz der dunklen Körper bis in die Nähe der Thore und des Hauptgebäudes heran zu schleichen, was für einen glücklichen Erfolg ihres Angriffs um so notwendiger schien, da ein großer Teil nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet war, also nur in der Nähe seine Schüsse nach allen Öffnungen anbringen konnte. Die Besatzung aber wurde durch die Anwesenheit der Tiere und ihre Bewegungen verhindert, die dunklen Körper der Indianer zu entdecken und genau zu zielen.

Überdies war noch ein anderer Grund vorhanden, der die Herden zu einem großen Hindernis der Verteidigung machte.

Der Haciendero faßte, nachdem alle Gründe für und wider in einer Beratung sorgfältig erwogen waren, zu der die ältesten Diener zugezogen wurden, einen männlichen Entschluß. Er sah die Notwendigkeit ein, diesen Teil seiner Habe zu opfern, oder wenigstens dem Zufall preiszugeben, und befahl, daß die Corrals geöffnet und die Herden hinausgetrieben werden sollten.

Bevor jedoch der Befehl ausgeführt wurde, machte einer der Reiter des Polen, ein Mexikaner, der sich in Guaymas der Truppe des Grafen angeschlossen hatte, noch einen anderen Vorschlag. Dieser fand Beifall, und es wurden sofort die Vorbereitungen zu seiner Ausführung getroffen.

Zwei Vaqueros, gewandte und mutige Leute, erklärten sich bereit, mit dem Mann, der den Plan ersann, die ziemlich gefährliche Sache auszuführen. Man wußte, daß man noch einige Stunden Zeit hatte, und nahm daher keinen Anstand, das kleine Pförtchen in einem der Thore zu öffnen und mehrere Leute in den Corral zu senden. Hier lockerten sie die Fenzen, die Stangen und Pfähle der Umzäunung an verschiedenen Stellen derart, daß sie bei einem Anprall sich öffnen oder niederbrechen mußten. Dann machten sich die Vaqueros daran, zwei Stiere und einen Hengst zu fesseln, indem man sie niederwarf und ihnen die vier Beine so zusammenband, daß der Lederstrick mit einem Messerschnitt leicht gelöst werden konnte. Unter den Schwanz des Pferdes und zwischen die Hörner der Stiere befestigte man ein in Öl und Teer getauchtes Reisigbündel.

Die drei Tiere lagen in der Nähe der kleinen Pforte.

Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, zogen sich die Männer wieder in die Hacienda zurück. Nur die beiden Vaqueros und der Reiter, der früher schon lange in der mexikanischen Armee unter Santa Anna gedient hatte, blieben außen im Corral unter den Herden zurück. Die beiden Vaqueros kauerten sich bei dem gefesselten Pferde und den Stieren nieder, der Soldat übernahm den verlorenen Posten an der äußeren Umzäunung des Corrals.

Im Innern der Hacienda waren unterdes die weiteren Vorbereitungen beendet. Die Thore waren, bis auf das erwähnte Pförtchen, fest verrammelt, Munition in genügender Menge an die Besatzung verteilt, und die Posten an den Schießscharten ähnlichen Fenstern und auf dem flachen Dach des Hauptgebäudes und der beiden niederen Seitenflügel ausgestellt. Mit Ausnahme der in der großen Halle, die kein Fenster nach dem Corral hatte, brennenden, wurden alle Lichter ausgelöscht. Tonnen mit Wasser waren auf den Dächern aufgestellt, um das gewöhnliche Mittel der Wilden, brennende Pfeile auf das Holzwerk zu schießen, zu vereiteln, und zwei Raketenstangen wurden an Pfähle befestigt. Der Haciendero versammelte noch einmal alle nicht auf den nötigsten Posten befindliche Leute mit den Frauen und Kindern in der Halle zu einer gemeinschaftlichen Fürbitte an die Heilige Jungfrau und die Heiligen um Schutz gegen die heidnischen Feinde, dann ließ er unter alle einen Trunk Mescal verteilen, ermahnte sie, auf ihrem Posten zu stehen und zu fallen, und sandte dann jeden an den ihm zugewiesenen Ort.

Über all diesen Vorbereitungen war bereits die erste Morgenstunde vorübergegangen; in kein Auge war Schlaf gekommen, man konnte nunmehr jeden Augenblick die Annäherung und den Angriff der Apachen erwarten.

Der Haciendero begab sich mit dem Offizier auf die Plattform des Daches, wo sie eine vollständige Übersicht über die Abdachung des Hügels hatten, und ließ sich im Schatten der Balustrade nieder.

Alles blieb still wohl drei Viertelstunden lang, dann ließ sich von der Hügelreihe im Süden her ein andauerndes Geräusch, wie der stille Zug einer großen Menschenmenge hören. Das Geräusch verlor sich nach Osten hin, und alles war wieder still, die Ruhe der Nacht schien nur durch das Geheul der Coyoten unterbrochen, die, als witterten sie Beute, in der Nähe der Corrals umherschlichen.

»Ich glaube,« sagte der Pole, »die feigen Hunde haben den Überfall ganz aufgegeben und ziehen nach den Städten, ohne sich weiter um uns und die Hacienda zu kümmern. Der große Napoleon hat es ebenso mit den Festungen gemacht!«

Der Senator legte ihm die Hand auf den Mund. »Still, Señor!« flüsterte er. »Wir werden leider zeitig genug von ihnen hören. Sie sind jetzt daran, ihre Pferde an einem sicheren Ort unterzubringen; denn sie können diese Mauern zum Glück nur zu Fuß angreifen, sonst vermöchte unsere dreifache Zahl ihnen nicht zehn Minuten Widerstand zu leisten. Haben Sie die Zünder in Bereitschaft?«

»Ja, Señor Senator!«

»Dann merken Sie auf, das zweite Zeichen gilt Ihnen!«

Don Estevan hatte eine kleine silberne Pfeife in die Hand genommen, die er an einem Bande um den Hals trug; seine Büchse lehnte neben ihm an der Brustwehr.

Wohl jedem der Verteidiger der Hacienda schlug das Herz voll banger Erwartung, wie es auch bei dem Mutigsten der Fall ist, so lange er das unheimliche Nahen einer Gefahr an untrügbaren Kennzeichen gleich der Schwüle des Samums fühlt, aber sie selbst noch unsichtbar ist. Doch alle waren entschlossen, sich bis zum letzten Blutstropfen zu wehren; denn sie wußten, daß darin ihre einzige Aussicht auf Rettung bestand und sie von diesem Feinde kein Erbarmen zu hoffen hatten. Selbst Slongh und der Yankee hatten sich dazu entschlossen, denn sie fürchteten mehr als jeder andere, in die Hände der Apachen zu fallen, und lagen jetzt nicht weit von Don Estevan und dem Leutnant entfernt mit den Gewehren, mit denen man sie bewaffnet, auf der Lauer.

Die Erwartung des Haciendero sollte nicht lange getäuscht werden.

Wir haben bereits erwähnt, daß der mexikanische Soldat selbst den gefährlichsten Posten an den äußersten Fenzen des Corrals gewählt hatte.

Dieser war ein Mann von wenig mehr als dreißig Jahren, dennoch hatte er bereits ein sehr abenteuerliches Leben hinter sich, das er in immerwährendem Kampf mit seinem Glücksstern und seinen Leidenschaften fast ganz in den Feldlagern Santa Annas und der wechselnden Parteiführer im wilden, blutigen Bürgerkampf, oder mit den verworfensten Genossen im Kriege gegen die bürgerliche Gesellschaft überhaupt zugebracht hatte. Mutig und voll Energie, war es ihm mehr als einmal gelungen, sich in den ewigen Parteiunruhen und politischen Intriguen, die dieses unglückliche Land zerreißen, emporzuarbeiten, und schon zweimal den Rang eines Offiziers zu bekleiden. Aber stets hatte der Sturz seiner Beschützer oder irgend eine schlechte Leidenschaft ihn wieder in die Verborgenheit zurückgetrieben, die allein imstande war, ihn vor einer Füsilade oder dem Strick zu retten. Schmuggler, Soldat, Bandit, Minengräber und Handelsmann, hatte er so ziemlich alles im Leben versucht, aber bis jetzt als einzige Ausbeute nur eine scharfe Beobachtungsgabe und eine kühne Gleichgültigkeit gegen alle Gefahr davongetragen. Unbeugsam, gefühllos und verschlagen, war er gerade der Mann, den ein konsequenterer, spekulativerer und ehrgeizigerer Geist, als der seine, zum Werkzeug brauchen konnte, und sein künftiges Leben, auf so traurige Weise mit den Schicksalen eines hochherzigen deutschen Fürsten verknüpft, sollte den Beweis dafür geben!

Aus seinem Soldaten- und Schmugglerleben war der Mexikaner in allen Listen wohl bewandert. Er wußte, daß ihm auf seinem Posten die Büchse nichts nützen konnte oder seine Bewegungen nur gehindert hätte, und seine Bewaffnung bestand daher nur aus einem langen und scharfen mexikanischen Messer, das er nach dem Landesgebrauch in dem Strumpfband trug. Ohr und Auge zur schärfsten Aufmerksamkeit gespannt, lag er zwischen einer Gruppe von Kühen, tief in die Schatten ihrer Körper gedrückt.

Auch er hatte das entfernte Geräusch des Indianerzuges gehört und seine Bedeutung wohl erkannt. Aber er wollte seinen Posten nicht eher als im letzten Augenblick verlassen, um sein Unternehmen nicht zu gefährden.

Seine Aufmerksamkeit verdoppelte sich, sein Ohr horchte gespannt auf jeden Laut, sein Auge schien das Dämmerlicht, das der erbleichende Mond verbreitete und die Nebel, die der nahende Morgen über die Fläche breitete, zu durchdringen.

Diese Nebel, die sich etwa zwei oder drei Fuß hoch über den Boden lagerten, waren der beste Schutz der Apachen für ihr Heranschleichen und erforderten daher doppelte Wachsamkeit.

Wie groß aber auch die Aufmerksamkeit und Sinnesschärfe des Mannes war, die Sinne oder Instinkte der Tiere waren noch schärfer.

Der Abenteurer bemerkte, daß die Rinder um ihn plötzlich unruhiger wurden; eine der Kühe hob den Kopf und stieß ein leises ängstliches Brüllen aus. Für einen Mann wie der Grenzsoldat war ein solches Zeichen nicht verloren. Er richtete sich vorsichtig auf seine Kniee empor und hob den Kopf über den Körper des beunruhigten Tieres, um einen Blick nach den Fenzen zu werfen und seinen Rückzug zu beginnen.

Er hatte kaum den Kopf über dem Rücken des Tieres erhoben, als er in zwei funkelnde Augen sah.

Der Apache, der sich so geschickt und unbemerkt herangeschlichen, war zum Glück noch mehr erschrocken über die Begegnung, als sein Feind. Der Mexikaner begriff mit der Schnelligkeit des Gedankens, die oft eine Überlegung und einen Entschluß in den zehnten Teil einer Sekunde zusammendrängt, daß nur eine rasche und kühne Handlungsweise ihn selbst und vielleicht die Hacienda retten könne; seine linke Faust streckte sich mit der Schnelligkeit des Blitzes aus und umklammerte mit eisernem Griff den Hals des Wilden, bevor dieser noch einen Laut auszustoßen vermochte. Der Mund seines Opfers öffnete sich unter dem gewaltigen Druck und der Mexikaner stieß ihm sein Messer zweimal bis an das Heft durch den Schlund.

Ein leichtes Gurgeln war alles, was der Apache hören ließ; die von dem warmen Blut überströmte Faust des Soldaten ließ nicht eher los, als bis er die krampfhaften Zuckungen des Sterbenden schwinden fühlte, dann stieß er den verendeten Körper von sich und kroch, so rasch wie möglich, auf Händen und Füßen unter dem Schutz des Nebels zwischen den ruhenden Tieren zurück nach der Mauer, wo seine beiden Gefährten ihn erwarteten.

Es war die höchste Zeit gewesen, denn kaum zwei Minuten nachher bewegten sich rechts und links in dem wallenden Nebel verschiedene dunkle Körper am Boden hin. Zum Glück traf keiner der heranschleichenden Apachen auf den Leichnam ihres vordersten Spähers, und da sie weniger als ihr Feind die Lage der jetzt allgemein unruhiger werdenden Tiere kannten und größere Vorsicht beobachten mußten, hatte der Mexikaner den nötigen Vorsprung gewonnen.

Ein Zeichen, das Zischen einer Schlange, benachrichtigte die Vaqueros von seinem Herbeikommen und von per Gefahr.

Beide machten sich sofort fertig, indem sie ihre Messer zwischen die Zähne faßten und die Zündhölzer in die Finger nahmen, mit denen sie der Haciendero versehen.

»Seid Ihr bereit?« flüsterte hinter dem Pferde her der Soldat.

»Ja, Señor!«

»Im Namen der heiligen Jungfrau denn, vorwärts!«

Drei leuchtende Punkte glänzten zu gleicher Zeit durch den Nebel und fuhren an die Reisigbündel der Tiere. Im nächsten Augenblick flammte an drei Stellen eine Lohe empor, ein kräftiger Schnitt zerriß die gefesselten Füße, die drei Männer erhoben sich wie auf einen Schlag und rannten dem Pförtchen zu, jedes Verbergen jetzt als nutzlos aufgebend und nur in der Schnelligkeit die Rettung ihres Lebens wissend.

Sie hatten noch nicht fünf Schritte gethan, als ein furchtbarer gellender Ruf aus hundert Kehlen, das Angriffsgeschrei der sich entdeckt sehenden Apachen, die Luft zerriß, und wohl zwanzig Pfeile hinter ihnen drein durch den Nebel zischten, aus denen sich, vermischt zu wirrem, wildem Knäuel mit den erschreckt emporfahrenden und umherstürzenden Tieren die dunklen Gestalten einer großen Anzahl von Indianern erhoben und hinter ihnen her zu stürmen suchten, um ihnen den Weg abzuschneiden.

Aber die Maßregeln der Verteidiger der Hacienda waren zu gut berechnet. In das gellende Geheul der Wilden mischte sich schrill und laut der Ton aus der silbernen Pfeife des Senators, und das Pförtchen des Thors, hinter dem wohlbewaffnet eine genügende Anzahl Männer stand, flog weit auf. Auf einen zweiten Pfiff fuhr von der Höhe des Daches zischend eine Rakete zwischen die Herden, und eine zweite stieg aus dem Hof in die Lust und warf weit umher ihre Feuergarben.

Die beiden Vaqueros, die nächsten an der Pforte, gelangten glücklich hinein, obschon der eine bei dem Rennen von einem der nachgesandten Pfeile der Apachen im Rücken verwundet wurde. Der Soldat aber, der entfernteste, stolperte auf seinem Lauf über ein im Wege liegendes Kalb, stürzte zu Boden, und als er sich wieder emporraffte, sah er dicht hinter sich, kaum drei Schritte entfernt, die Gestalt eines riesigen Indianers mit geschwungenem Tomahawk.

Der Mexikaner rannte um sein Leben, die Kraft seiner Beine allein rettete ihn, und er stürzte atemlos, so lang er war, in die geöffnete Pforte. Zehn Hände zerrten ihn vollends hinein, während andere hinter ihm die Thür ins Schloß warfen, in deren Holz sich tief der Tomahawkhieb des Grauen Bären eingrub.

Im Nu waren die Balken und Riegel vorgeworfen und die Hacienda vorläufig gesichert.

Jetzt erwies sich die ganze Vortrefflichkeit der von dem Parteigänger vorgeschlagenen und von dem Haciendero getroffenen Maßregeln.

Die drei Tiere, die beiden Stiere und das Pferd, sprangen, als sie das Reisigbündel auf Kopf und Schweif von dem rasch sich verbreitenden Zunder aufflammen und ihre Füße befreit fühlten, wie rasend empor und stürzten sich unter die Herde, die zugleich von der unter sie zischenden Rakete und dem Geheul der Apachen erschreckt und verwirrt wurde. Ein unbeschreibliches Durcheinander erfolgte, ein Geheul, ein Brüllen, Stampfen und Wiehern, das die Ohren der Verteidiger fast taub machte. Die entsetzten Tiere stürzten wild durcheinander und auf die Gestalten der Menschen, die sich zwischen ihnen wanden und drängten, um den Hörnern und Hufen zu entgehen. Viele der Indianer wurden zertreten, andere schwer verwundet und kampfunfähig gemacht, ohne daß von den Mauern der Hacienda ein einziger Schuß gefallen wäre, und es blieb dem kühnen und wilden Häuptling der Gilenos, der den Angriff geleitet, und der selbst mehrere harte Quetschungen erlitten, endlich nichts übrig, als durch seinen Ruf das Zeichen zum Rückzug zu geben.

Aber der Befehl war leichter erteilt, als ausgeführt, und erst, als die rasenden Herden in toller Angst gegen die Umzäunungen brachen und die dazu vorbereiteten gleich einer Sturmflut über den Haufen werfend, in wilder Flucht das Weite suchten und sich über die Ebene zerstreuten, gelang es dem Angriffstrupp des Grauen Bären, den ihm so verderblichen Platz, zersprengt, zerstoßen, schmählich zurückgeschlagen, zu verlassen.

Die Wut des Grauen Bären war groß. Neun seiner Krieger lagen, bis zur Unkenntlichkeit von den Hufen und Hörnern der Tiere entstellt, innerhalb des Corrals, vierzehn andere wurden mehr oder weniger verwundet von ihren Genossen mit zurückgeschleppt.

Schlimmer als der Verlust seiner Krieger traf den stolzen Häuptling die Schmach, überlistet zu sein.

Der Triumph der Mexikaner war jedoch eben nur ein teilweiser. Die Hauptmacht der Indianer war unter dem Befehl der Schwarzen Schlange in genügender Entfernung zurückgeblieben und nur etwa hundert Krieger, freilich die tapfersten und erfahrensten, hatten Makotöh zu dem Handstreich begleiten dürfen.

Im Innern der Hacienda erregte der gelungene Streich natürlich großen Jubel. Der Senator war, dem Polen einstweilen die Aufsicht überlassend, von der Plattform seines Hauses in den Hof hinabgestiegen und näherte sich dem Kreise, der sich um die drei Abenteurer gebildet hatte und ihre Erzählung anhörte.

»Meldet Euch, wenn Gott und die Heiligen unser Haus beschützt haben, morgen bei Geronimo,« befahl er den beiden Vaqueros, »Ihr sollt reichlich belohnt werden. Und Sie, Señor,« wandte er sich zu dem früheren Soldaten, »wie nennen Sie sich?«

Der Angeredete, der sich kaum von der Aufregung seiner Flucht erholt hatte, konnte ein stattlicher Mann geheißen werden. Seine Haltung war stolz und hatte viel Soldatisches. Der Kopf war fast schön zu nennen, nur lag in den dünnen Lippen, dem festen, massigen Kinn und den stechenden Augen etwas Hartes und eine mit Grausamkeit gepaarte Kühnheit.

»Mein Name, Señor Senator,« sagte der Mann, »ist noch ein sehr geringer, obschon ich die Ehre hatte, unter General Santa Anna als Kapitän zu dienen. Indes das Glück wechselt in unserem Lande sehr häufig, wie Euer Excellenz wohl bekannt ist, und so bin ich jetzt nichts als ein einfacher Soldat. Ich nenne mich Escobedo, Rafael Escobedo, Euer Excellenz zu dienen!«

»Wohl, Señor Escobedo, ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Schenkt der Himmel uns Rettung, hoffe ich Ihnen meinen Dank noch besser zu beweisen. Jetzt bitte ich Sie vorläufig, diesen Diamanten als ein Zeichen meiner Schuld anzunehmen.«

Er reichte ihm einen kostbaren Ring, den der Parteigänger sich beeilte, ohne Anstand in die Tasche zu stecken.

» Carrajo, Señor Senador, ich sehe, Sie sind ein Ehrenmann,« meinte der Soldat. »Seien Sie versichert, daß ich Kopf und Kragen an die Erhaltung der Hacienda setzen werde, und ich glaube, daß es Zeit ist, uns wieder nach diesen Hunden von Apachen umzuschauen. Komm. Cortina, wir wollen den Posten auf der Mauer einnehmen.«

Der Mann, den er genannt, war einer der Reiter, ein Kerl, der in dem Ruf stand, während seiner mehrjährigen Abwesenheit aus dem Lande als Flibustier zwischen den karaibischen Inseln gekreuzt und der Mannschaft von mehr als einem Schiff auf einem rascheren Weg zum ewigen Leben verhalfen zu haben. Auch dieser hatte sich in Guaymas der Truppe des Grafen angeschlossen.

Es war in der That nötig, daß die Besatzung an die weitere Behauptung der errungenen Vorteile dachte.

Das Licht des Mondes begann zu erblassen, im Osten über die Sierra her lichteten und röteten sich die Wolken als Vorboten des beginnenden Tages.

Die Apachen hatten ihre Zeit keineswegs unbenutzt hingebracht. Es ist ein Charakterzug der nordamerikanischen Indianer, daß sie feststehenden Thatsachen gegenüber sich nicht in nutzloses Bedauern verlieren, sondern dem Geschehenen sofort Rechnung tragen.

Die Hauptmacht der Apachen unter dem Kommando der beiden Häuptlinge der Mescaleros und der Mimbrenos belief sich mit den Kriegern des Grauen Bären auf etwa hundert Köpfe und war jetzt anscheinend auf der Hügelseite der Hacienda zur Beratung des weiteren Angriffs vereinigt. Es war noch zu dunkel, um ihre Bewegungen deutlich zu sehen, aber das Geheul der Bande und das Umhergaloppieren einzelner Reiter, die sich jedoch weislich aus dem Bereich der Büchsen hielten, verkündeten zur Genüge ihre Anwesenheit und ihre Bewegungen.

Auf diese Weise waren etwa fünfzehn Minuten vergangen; das steigende Tageslicht erhellte immer mehr die Umgebung. Dann sahen die Verteidiger der Hacienda eine seltsame Erscheinung.

Auf der ganzen Front der Hügelseite rückten Büffel und Kühe in ebenmäßig stolperndem Gang gegen die Hauptfront des Grundstücks heran.

Dies geschah langsam, die Tiere schienen nur mit Widerwillen diesen Weg zu nehmen. Aber sie näherten sich fort und fort und traten immer näher zusammen.

Es war unmöglich, weil unnütz, gegen diese blökenden und brüllenden Geschöpfe eine Kugel zu entsenden.

Der Haciendero stand mit dem Polen auf der Plattform seines Hauses. Sie hatten Escobedo und dessen Gefährten Cortina, als die intelligentesten des Trupps, dahin berufen, um mit ihnen über die nächsten Vorsichtsmaßregeln zu beraten.

» Przeklecie! diese Geschichte gefällt mir nicht,« sagte der Pole. »Ich liebe dieses so stetig wandernde Vieh nicht!«

»So begreifen Sie nicht, was es bedeutet?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Ahnung davon habe!«

» Caramba! es sind die Indianer, die sich unter diesem Schutz uns nähern. Sie haben einen Teil der Rinder bei der Flucht derselben eingefangen, und benutzen nun dieselben, um sich Bollwerke gegen unsere Kugeln zu schaffen. Señor Escobedo, sind Sie zufällig ein guter Schütze?«

» O si! was man so in den Grenzkriegen lernt! Aber ich denke doch, immer noch genug, um jenem braunen Schurken dort das Bein zu zeichnen, das er so unvorsichtig vorstreckt!« Eine Bewegung hinter dem Tier bewies, daß der Schuß getroffen hatte, wahrscheinlich aber war es nur eine leichte Wunde, denn die lebendigen Kugelschirme blieben im Vorrücken und kamen immer näher.

Der Schuß des Soldaten hatte übrigens das Signal zu einem allgemeinen Feuer der Verteidiger gegeben. Mehrere Kühe wurden von den Kugeln getroffen und stürzten, da sie gefesselt waren, zu Boden. Mit ihnen warfen sich sogleich die Indianer, welche sich durch ihren Körper geschützt hatten, nieder und deckten sich auch jetzt noch durch die getöteten und verwundeten Tiere. Andere aber rückten glücklicher vor, und alsbald zeigte sich ihre Absicht. Von zwanzig Stellen zugleich flog, sobald die Apachen die gehörige Nähe erreicht hatten, ein Hagel von Pfeilen, mit angezündetem Moos umwickelt und in das Harz der Fichte getaucht, gegen die Gebäude der Hacienda. Zugleich begann der nachrückende Haupttrupp der Indianer, so weit er mit Flinten und Büchsen bewaffnet war, ein Feuer gegen die Fensteröffnungen und die Balustraden des Dachs und der Mauer, das, so schlecht es auch meistenteils gezielt war, doch durch seine Masse die Verteidiger gewaltig genierte und ihr Zielen hinderte.

Obschon die Hauptgebäude von Stein erbaut waren, und die Dächer aus massiven Balken der Steineiche bestanden, blieben doch viele Teile der verderblichen Einwirkung der Brander preisgegeben, und das wußten die Indianer sehr wohl. Hinter ihrem lebendigen Wall her, den sie in der genügenden Nähe selbst in einen toten verwandelten, indem sie die geängsteten Tiere niederstachen und sich hinter den noch zuckenden Leibern verbargen, flog Pfeil auf Pfeil, Brander auf Brander, und die Mexikaner hatten alle Hände voll zu thun, die an einigen Stellen emporleckenden kleinen Flammen mit dem bereit gehaltenen Wasser zu dämpfen.

Ein höllisches Jubelgeschrei der Wilden verkündete, daß sie einen Erfolg errungen. Aus dem Hof der Hacienda stieg eine dunkle Rauchsäule in die helle Morgenluft und rote Flammen züngelten ihr nach. Einer der hoch im Bogen über die Gebäude geschossenen Brander war im Innern des Gehöftes auf einen mit Rohr gedeckten Schuppen gefallen, in dem Maisstroh und getrocknetes Futter für die Haustiere aufbewahrt wurde. Die Gefahr war nicht sogleich von den Männern im Hofe bemerkt worden, und als der Haciendero ihnen von dem Dach des Hauptgebäudes her zurief, hatte das Feuer bereits gezündet, und die Flamme lief mit Windesschnelle über das leicht empfängliche Material und loderte bald hoch auf.

Der Schaden und die Gefahr waren zwar nicht so groß, wie die Indianer von ihrem tückischen Plan gehofft hatten, denn der Schuppen stand etwas isoliert und konnte leicht preisgegeben werden. Aber in seiner Nähe befand sich der Pferch der Pferde, und diese, ohnehin von dem Geschrei und dem Schießen erschreckt und von dem Anblick des Feuers jetzt noch wilder gemacht, versuchten auszubrechen. Dies gelang in der That mehreren, und eine Anzahl Vaqueros wurde dadurch gezwungen, ihre Posten zu verlassen und die Pferde wieder zurückzutreiben, die eine heillose Verwirrung in dem Hof der Hacienda anrichteten.

Das Schnauben und Stöhnen der Rosse, das Brüllen der Rinder, das Geheul der angreifenden Indianer, begleitet von dem fortwährenden Knallen der Büchsen, gab einen unbeschreiblichen Lärm. Über diesen hin erhob sich plötzlich ein so gellender, langgedehnter Ton, daß man kaum glauben mochte, er komme aus einer menschlichen Kehle. Dennoch wußten die erfahrenen Mitglieder der kleinen Schar Don Estevans, was er bedeuten sollte: es war das Signal des wilden Häuptlings der Apachen zu einem allgemeinen Angriff gegen das bedrohte Bollwerk.

Es war jetzt hell genug, um deutlich die anstürmenden Banden zu sehen. Den Kugeln der bedrohten Weißen trotzend, stürmten die dunklen Haufen der indianischen Krieger, die sich bisher außer Schußweite gehalten, heran; viele von ihnen die in ihrem Lager am Abend vorher zwar roh, aber nicht unpraktisch gefertigten Sturmböcke zum Erklimmen der Mauer tragend. Reiter galoppierten mit rasender Eile hin und her, schossen ihre Flinten gegen die Mauern ab und boten mit ihren aalgleichen Windungen auf ihren Pferden nur ein unsicheres Ziel.

Mit Schrecken bemerkte übrigens der Senator, daß der Angriff sich keineswegs auf die westliche Front der Hacienda beschränkte. Es war, als ob die Apachen aus der Erde wüchsen, so plötzlich tauchten sie auch auf den Seiten der Hohlwege auf, erstiegen die Felswand und griffen den vorderen Eingang an. Don Estevan aber mußte hier den alten Diener, dem er diesen Posten anvertraut, sich selbst überlassen, denn der günstige Augenblick, den Hauptangriff zu vereiteln, durfte nicht verpaßt werden.

»Fertig, Señor Teniente?«

»Fertig, Pan!« erwiderte der alte Pole, eine brennende Lunte schwingend, während er mit Hilfe Slonghs und des Yankee eine kleine Schiffskaronade durch die Balustrade schob und auf den Abhang richtete.

Der Senator wartete den günstigen Augenblick ab, bis die Haufen der Anstürmenden etwa noch fünfzig Schritt von dem Gebäude entfernt waren.

»Feuer!« befahl er.

Der Schuß krachte, die Karonade war bis zur Mündung mit Kugeln, Schrot, alten Nägeln und Bleistücken geladen gewesen, die Wirkung also, da der Pole sie vorzüglich gerichtet, eine mörderische. Mehr als dreißig Indianer stürzten verwundet oder tot zu Boden und ein so panischer Schrecken ergriff die ganze Bande, daß die meisten trotz der Drohungen des Grauen Bären Halt machten und eilig zurückflohen. Nur etwa zehn Krieger gelangten bis an die Mauer, den Balkon und die Thore und setzten sich hier in verhältnismäßiger Sicherheit fest, da die Verteidiger sie mit ihren Büchsen nicht erreichen konnten, ohne sich über die Mauern hinaus zu beugen und so sich selbst preiszugeben.

Trotz dieses Übelstandes konnte der Angriff auf dieser Seite als nochmals abgeschlagen angesehen werden und die Aufmerksamkeit des Haciendero sich alsbald auf den vorderen Teil der Umfassungsmauer und den dort befindlichen Eingang richten. Es war die höchste Zeit, daß dorthin Hilfe gebracht wurde; denn die kleine Mannschaft, der dieser Posten anvertraut worden, war auf dem Punkt, überwältigt zu werden. Bereits an drei Stellen hatten die Apachen die Höhe der Mauer erstiegen und suchten hier Mann gegen Mann mit Messer und Tomahawk sich zu behaupten.

Der Ruf des Senators jagte ein Dutzend Männer eilig nach jener Seite, und sie kamen noch zu rechter Zeit, um das weitere Eindringen der Indianer zu verhindern, indem sie mit Kolben und Messer die roten Krieger wieder von den Mauern warfen.

Leider konnten sie ein Unglück nicht hindern, dessen Hergang der Senator bei dem jetzt eingetretenen vollen Morgenlicht mit ansah und das ihn mit tiefem Schmerz erfüllte.

Der alte Geronimo hatte seinen Posten in dem Wachttürmchen über der kleinen Pforte genommen, die den spitzen Winkel der beiden Langseiten bildete. Von hier aus hatte er die Verteidigung geleitet und trotz seines Alters wiederholt sich der größten Gefahr ausgesetzt, als es der Übermacht der Indianer gelang, an einigen Stellen die Mauern zu erklimmen.

Während nun die herbeieilenden Mexikaner auf dem Rundgang im Innern der Mauer mit den Apachen handgemein waren und sie töteten oder zurücktrieben, hatte sich einer der indianischen Krieger, ein großer, kräftiger Mann, von der hölzernen Galerie in das Innere des Hofes geschwungen und war nach der Pforte geeilt, um die schweren Querbalken, welche sie schlossen, aus ihren Klammern zu heben. Der greise Haushofmeister allein hatte die That bemerkt, seine Flinte war entladen, aber, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, sprang er von der Brüstung herab, um den Wilden, der bereits Hand an die Balken gelegt hatte, an seinem gefahrbringenden Unternehmen zu hindern.

Der Sprung war für die nicht mehr so elastischen Muskeln des alten Mannes zu hoch, er stürzte, fast vor den Füßen des Apachen, zu Boden. Dennoch umklammerte er, sich auf seine Knie erhebend, ohne Zögern die Beine des Kriegers und versuchte ihn von der Thür fortzuziehen. Der Indianer ließ gezwungen die Hand von dem zweiten Balken, nachdem er den ersten bereits beseitigt, und schwang den Tomahawk gegen seinen wehrlosen Feind zum gewaltigen Hieb.

Das war, was der Haciendero von der Plattform des Hauses mit ansah und was außer ihm nur noch der Methodist bemerkte, der eben sein Gewehr wieder lud, während die Verwirrung im Hof, die hin- und herrennenden Pferde, welche die Vaqueros bei dem allgemeinen Angriff wieder hatten loslassen müssen, die Feuersbrunst und der Kampf auf der Mauer wahrscheinlich alle anderen verhindert hatten, die Gefahr des Mayordomo zu sehen.

Die Büchse Don Estevans war gleichfalls abgeschossen, er vermochte nur den Arm nach der Stelle hin zu strecken und zu dem Methodisten zu stammeln: »Dort – hundert Dollars, wenn Ihr ihn rettet!«

Master Slongh hob gerade die Flinte, als der Tomahawk des Indianers niederfiel. Durch eine rasche Wendung des Hauptes entging der alte Mann zwar dem augenblicklichen Tode, aber das Beil traf mit voller Wucht seine Schulter und grub sich tief zwischen Achsel und Hals ein. Mit einem Schmerzensschrei fiel der Greis neben seinem Feinde nieder, ohne ihn loszulassen, und gewahrte es kaum, daß dieser im nächsten Augenblick selbst über ihn hin zusammenstürzte. Die Kugel Slonghs, der, wenn seine eigene Person nicht unmittelbar gefährdet erschien, sehr kaltblütig und ein ziemlich guter Schütze war, hatte ihm den Kopf zerschmettert.

Don Estevan stieg sofort von dem Dach und eilte seinem treuen Diener zu Hilfe, den bereits ein Paar Peons, nachdem die dringendste Gefahr beseitigt war, aufgehoben hatten. Der alte Mann war bewußtlos, und der Haciendero ließ ihn in die Halle des Hauptgebäudes schaffen, damit ihm dort von den Händen der Frauen so viel wie möglich Hilfe geleistet werbe.

Die Indianer hatten sich, bis auf die acht oder zehn Krieger, die am Fuß der Thore und unter dem Balkon des Hauptgebäudes in verhältnismäßiger Sicherheit lagen, nochmals auf allen Seiten zurückgezogen. Mehr als dreißig rote Leichname bedeckten den Kampfplatz, aber auch die Verteidiger der Hacienda hatten schwere Verluste erlitten. Außer dem Haushofmeister waren sieben Männer gefallen und fast die doppelte Zahl durch Kugeln und Pfeile oder durch die Hufe der wild gewordenen Tiere verwundet. Die meisten der Verletzten waren jedoch noch kampffähig und benutzten die augenblickliche Ruhe nur, um sich so gut es anging, verbinden zu lassen.

Es kommt nur in seltenen Fällen vor, daß die Indianer einen abgeschlagenen Angriff erneuern; daß dieses nach zweimaligem Mißglücken geschehen sollte, ließ sich daher kaum annehmen, und die Verteidiger der Hacienda gaben sich nunmehr der Hoffnung hin, vorläufig von ihren Bedrängern befreit zu sein.

Aber sie sollten sich getäuscht haben.

Das volle Morgenlicht ließ bald erkennen, daß die Indianer sich wieder in einiger Entfernung sammelten und offenbar Kriegsrat hielten. Wäre Eisenarm oder Kreuzträger zur Hand gewesen, so hätten sie bald dem Gutsherrn sagen können, daß seine schlimmsten Feinde, der Graue Bär und die Schlange, dort den wilden ungebeugten Mut und die teuflische Schlauheit vereinigten, um über die Bedrohten Unheil und Verderben zu bringen.

Das Verfahren der Indianer ließ jedoch auf ihr Vorhaben keine Schlüsse ziehen. Ein großer Teil der mit Flinten bewaffneten Wilden wurde von den Häuptlingen wieder gleich einer Plänklerkette der civilisierten Kriegführung bis auf Schußweite vorgeschickt, suchte hinter den gefallenen Tieren, den Pfählen des Corrals und selbst den Leibern ihrer toten Genossen, so gut es anging, Deckung, und unterhielt ein wechselndes Feuer gegen die Mauern, so daß deren Verteidiger sich vorsichtig im Schutz der Brüstungen halten mußten. Auf diese Weise blieben auch die indianischen Krieger am Fuß der Mauern vorläufig noch unentdeckt oder wenigstens ungefährdet. Das Gros der Wilden lagerte sich außerhalb der Schußweite, und der Haciendero bemerkte mit Erstaunen, daß sich eine zahlreiche berittene Rotte nach allen Seiten hin zerstreute.

Als vorsichtiger Mann benutzte er übrigens die gegebene Frist, um im Innern der Hacienda alle Unordnungen zu beseitigen und seine kleine Feste wieder in vollen Verteidigungszustand zu bringen. Der in Flammen gesetzte Schuppen war niedergebrannt, ohne an den nächsten Gebäuden weiteren Schaden zu thun; die scheu gewordenen Pferde waren sämtlich wieder eingefangen und gefesselt, frische Munition an die Leute verteilt worden. Leider aber brachte der Yankee, der den Auftrag erhalten hatte, mit seinem Gefährten die Karonade aufs neue fertig zu machen, die Meldung, daß dies nutzlos sei, da das Rohr, wahrscheinlich infolge der Überladung, einen starken Sprung erhalten hatte.

Zweimal besuchte der Haciendero während dieser Beschäftigungen seinen verwundeten Diener. Dieser war noch immer bewußtlos, und auch der Laie mußte sehen, daß, selbst wenn der Greis wieder zum Bewußtsein kommen sollte, doch sein Leben verloren war. Schmerzlich bedauerten alle diesen Verlust, denn der alte Mann war nicht bloß bei seinem Herrn, sondern auch bei dem ganzen Personal der Besitzung hoch angesehen und beliebt.

Master Slongh benutzte einen müßigen Augenblick, um trotz der gefährlichen Lage den Haciendero daran zu erinnern, daß, wenn auch sein Schuß den Mayordomo nicht mehr zu retten vermocht, er ihn doch jedenfalls gerächt hätte, und daß er daher wohl ein Anrecht auf die versprochene Belohnung zu haben glaube. Don Estevan begnügte sich mit schweigendem Erstaunen über diese edle Unverschämtheit und händigte ihm sechs Dublonen ein, die der Kerl mit einem salbungsvollen Dank und so vergnügtem Grinsen, als befinde sein Schopf sich in größter Sicherheit, in die Tasche des Kleides schob, das er wenige Stunden vorher durch die Güte des erschlagenen Haushofmeisters erhalten hatte.

Leutnant Morawski sandte jetzt einen Boten an den Haciendero nach der großen Halle und ließ ihn bitten, schleunigst sich wieder zu ihm auf die Plattform zu verfügen, da er nicht wisse, was er aus dem Treiben der Indianer machen solle.

Der Haciendero folgte dem Ruf.

Die Sonne stand jetzt schon seit einer Stunde über dem Horizont und erlaubte, jede Bewegung des Feindes genau zu beobachten.

Die Morgennebel hatten sich bereits zerteilt, der Wind, der scharf von der Ebene her gegen das Gebirge strich, brach ihre leichten Reste an den Mauern, der Hacienda.

In der Entfernung von etwa Flintenschußweite, hatten die Indianer begonnen, an drei, der Front der Gebäude gerade gegenüber liegenden Stellen Haufen von Reisigbündeln und Gesträuch aufzustapeln. Das unsichere Feuer der Besatzung hatte sie nur wenig daran hindern können, und mit Erstaunen sah der Senator fortwährend von allen Seiten Reiter herangaloppieren, die neuen Vorrat von Reisig und Buschwerk brachten. Drei oder vier trugen, wie man deutlich sehen konnte, Tiere herber, offenbar die Beute ihrer Jagd, ohne daß man jedoch in der Entfernung deren Gattung zu erkennen vermochte. Andere schleppten Bündel von Kräutern hinzu, noch andere endlich waren beschäftigt, die Füße und Köpfe der gefallenen Stiere abzuschneiden und sie zu den Reisighaufen zu tragen.

Einen Augenblick glaubte der Haciendero, die Apachen träfen Anstalt zu einer regelmäßigen Belagerung der kleinen Feste und zu ihrer Morgenmahlzeit nach den Anstrengungen der Nacht. Aber bald zeigte ihm bessere Überlegung, daß die Indianer sich schwerlich mit einer Einschließung der Hacienda aufhalten würden, da sie wohl wissen konnten, daß es den Verteidigern nicht an Proviant fehlte, und daß sie offenbar eine neue Teufelei beabsichtigten.

Er ließ daher alle Leute wieder auf ihre Posten rufen und empfahl ihnen doppelte Aufmerksamkeit.

Dann sah man, wie die Apachen die drei Holzhaufen in Brand steckten und die Klauen und Hörner der Stiere und die herbeigeholten Kräuter aus die sich entwickelnde Glut zu werfen begannen.

Ein dicker stinkender Qualm erhob sich von den drei Stellen, wurde mit jedem Augenblick dichter und der Morgenwind trieb ihn, während die Sonne seine Verteilung hinderte, in dunklen Rauchwolken gegen die Hacienda

Es dauerte nur wenige Minuten und das ganze Gehöft war in den stinkenden Rauch gehüllt, die Atmosphäre ringsum so verpestet, daß den Weißen das Atmen schwer wurde; nur die Lunge und Nase eines Indianers konnte solche Gerüche vertragen.

Fort und fort häuften die Apachen, die bei dem Luftzug ohnehin weniger zu leiden hatten; neues Material auf die Glut. Während dieser Manipulation sah man einen jungen Krieger unbewaffnet, in dem Schoß seines Mantels von Büffelhaut unsichtbare Gegenstände tragend, zwischen den Feuern hervorkommen und auf die Hacienda zuschreiten.

In dieser war alles Entsetzen und Verwirrung. Die Mitglieder der Kompagnie des Polen hatten bereits größtenteils ihre Posten verlassen, selbst die Eingeborenen vermochten kaum auszuhalten. Überall Augenwischen, Prusten und bittere Verwünschungen auf das hinterlistige Verfahren der Wilden.

»Was will dieser Schurke dort beginnen?« stöhnte hustend und schnaubend der Senator, der kaum noch auf dem Dach zu verweilen vermochte. »Hat denn niemand eine Kugel für den roten Satan?«

Mehrere Schüsse wurden auf den Apachen abgefeuert, aber keiner traf bei dem unsicheren Zielen.

Der Indianer näherte sich bis auf etwa 30 Schritt der Hacienda. Es war Miaukih, »das springende Kalb«, derselbe junge Mann, dem auf seinem ersten Kriegszug mit einem tapfer auf seinem Posten gefallenen Kameraden die Bewachung der Pferde in der Nähe des Indianer-Lagers anvertraut gewesen, und der so feig entflohen war, als der Kreuzträger und seine Gefährten sich der Rosse bemächtigten.

Die Flucht des Jünglings war von den damals zu Hilfe eilenden Indianern natürlich gesehen worden, und er wurde nach ihrer Rückkehr mit Schimpf und Hohn im Lager empfangen. Nur der Graue Bär hatte geschwiegen und kein Wort gesagt, obschon der Jüngling der Sohn seiner einzigen Schwester war.

Jetzt, als die verderblichen Feuer angezündet worden, rief er ihn in den Kriegsrat der Häuptlinge und gab ihm den Auftrag, in dessen Ausführung er jetzt begriffen war.

Miaukih wußte, daß diese Vollführung so gut wie sicherer Tod war, aber in den Begriffen seines Volkes erzogen, war ihm dieser Tod zehnfach willkommener, als der Vorwurf der Feigheit, zu der er sich durch den Anblick des in der ganzen Wüste so furchtbar berühmten Kreuzträgers hatte hinreißen lassen.

Er nahm dem Befehl des Häuptlings gemäß die Büffeldecke, die dieser ihm reichte, füllte die Hautseite mit glühenden Holzkohlen und empfing einen ledernen Beutel, in den die zurückgekehrten Jäger gewisse Teile der drei von ihnen erlegten Tiere gethan hatten.

Dann, ohne auch nur ein Wort des Abschieds an seinen Verwandten oder an seine Genossen zu richten, ja, ohne den Kopf nach ihnen zu wenden, trat er seinen gefährlichen Weg an.

Wir haben gesehen, daß die Kugeln der Weißen ihn bisher verschont hatten. Als der junge Apache bis auf die erwähnte Entfernung gekommen, legte er die Haut mit den Kohlen auf den Boden, warf einige Büschel trockenes Gras auf sie und begann den Beutel zu öffnen.

» Por amor de Dios!« keuchte der Senator, als er sah, daß auch der Methodist sich vor dem höllischen Qualm geflüchtet hatte, »ich glaube, seit jene beiden Tigreros die Hacienda verlassen, besitzt sie keine halbwegs taugliche Büchse mehr. Reicht mir die meine her!«

Don Estevan nahm alle Kraft zusammen, dem Rauch zu trotzen. Er zielte lange und sorgfältig, das Gewehr auf die Balustrade der Mauer gelegt, ehe er abdrückte. Als der Schuß krachte, sah man den jungen Wilden eine krampfhafte Bewegung der Hand nach der Brust machen und einen Augenblick hin- und herschwanken. Aber bald gewann er seine Haltung wieder, öffnete den Beutel und begann seinen Inhalt auf die Kohlen zu schütten.

»Eine andere Büchse!« befahl der Haciendero. »Ich möchte wissen, was der rote Satan dort thut?«

Einer der Rostreaderos reichte ihm sein Gewehr, diesmal zielte der Senator noch sorgfältiger, ehe er schoß.

Der junge Apache warf die Arme in die Höhe, drehte sich um sich selbst und stürzte zu Boden, die erste Kugel hatte seine Brust durchbohrt, die zweite ihn in die Stirn getroffen.

Aber er hatte seinen Auftrag vollführt, in den Wigwams seines Stammes konnte sein Name nicht mehr mit Verachtung genannt werden.

Sein Körper rang noch in den letzten Todeszuckungen, als sich von dem Kohlenhaufen ein weißer, dicker Qualm erhob und von dem Winde getragen sich mit dem Rauch der Feuer mischte.

In wenigen Augenblicken gelangten die ersten Rauchwellen an die Hacienda.

Der alte Rostreador, der bei seinem Herrn, dem bisherigen Dampf trotzend, auf der Plattform zurückgeblieben war, hatte kaum die ersten Spuren mit seinen weit geöffneten Nüstern aufgefangen, als er einen grimmigen Fluch ausstieß und den Haciendero zur Treppe riß, die in den untern Teil des Gebäudes führte.

»Verflucht sei der Schoß, der den Henkersknecht geboren Jetzt, Señor Senator, wissen wir, worauf die Schurken Jagd gemacht! Es waren Chingas, welche die Teufel gefangen und deren Beutel sie aufgeschnitten haben!«

Der Haciendero schauderte, er hatte lange genug auf seinen Landgütern gelebt, um zu wissen, welche entsetzliche Wirkung der Geruch jener ätzenden Flüssigkeit ausübt, welche die Stinktiere – ein Geschöpf, das dem amerikanischen Kontinent allein eigen ist, – in einer Hautasche am After tragen und mit der sie sich ihrer Feinde erwehren. Der Mephitis gehört zu den bärenartigen Fleischfressern, ist ohne den Schwanz etwa 15 Zoll lang, und die mexikanische Gattung hat ein schwarzes Fell mit weißem Rücken und wird von den Indianern gegessen, nachdem diese sorgfältig nach seiner Tötung den schrecklichen Drüsenbeutel ausgeschnitten haben.

Ein Tropfen dieser Flüssigkeit in die Augen gespritzt genügt, um Menschen und Tiere erblinden zu machen. Der Geruch ist so penetrant, daß ihn, abgesehen von den Wilden, kein Mensch ertragen kann und alles vor ihm flüchtet der Senator begriff daher, daß, so lange die Wirkung dieses satanischen Mittels dauerte, an eine Gegenwehr und Verteidigung der Hacienda gar nicht zu denken war.

In der That flüchtete auch, sobald der Geruch sich verbreitete, alles, was noch dem stinkenden Rauch der Feuer widerstanden hatte, vor diesem wahrhaft pestilenzialischen und betäubenden Qualm in die untersten Räume der Hacienda oder warf sich auf den Boden.

Die Hacienda blieb buchstäblich wohl zehn Minuten lang ohne Verteidiger.

Auf diesen Erfolg hatten die Indianer gerechnet. Denn kaum überzeugte sie die gänzliche Einstellung des Feuers, daß die Mexikaner sich von den Mauern geflüchtet hatten, als die ganze Schar lautlos auf diese zustürzte und aufs neue den Versuch machte, sie zu ersteigen. Die Krieger, die sich schon vorher an die Schwelle der Thore und unter dem Balkon des Mittelbaues versteckt gehalten, waren natürlich die ersten, welche die Eingänge aufzusprengen und in das Innere zu dringen versuchten. Die rohen Leitern wurden an mindestens zehn Stellen angelegt und einer auf den Schultern des andern stehend, versuchten sie, die Höhe der Mauern zu erreichen.

Der Graue Bär hatte sich den früheren Weg, den Zugang über den Balkon, in das Gemach der Señorita vorbehalten und seine Anstalten danach getroffen. Vier kräftige Indianer seiner Horde trugen zwei der stärksten Pfähle der Umzäunung herbei und hoben sie auf den etwa in Mannshöhe vom Boden befindlichen Altan. Die Eisenstangen des Fallgitters, mit dem nach dem früheren Überfall der Zugang in das Innere des Hauses geschlossen war, widerstanden zwar den Stößen der Balken, aber als es gelang, ihre Spitzen zwischen die Stangen zu zwängen und sich ihrer als Hebel zu bedienen, bog die gewaltige Kraft des Grauen Bären sie aus den Fugen, Makotöh mit seinen Begleitern drang in das innere Gemach, und ihre Tomahawk-Schläge donnerten gegen die Thüren, die den Salon der Haciendera von den Seitengemächern und der großen Halle schieden.

Zugleich verkündete ein wildes Triumphgeheul aus der Höhe, daß es den Indianern gelungen war, an drei Stellen die Mauer zu ersteigen.

Die Weiber und Kinder, die sich in der großen Halle geborgen, flüchteten schreiend und jammernd in den Hof, selbst die in dem früheren Kampf Schwerverwundeten wankten und krochen, so gut es ging, über die Schwelle nur der bewußtlose, sterbende Mayordomo blieb in der Halle zurück.

Der furchtbaren Gefahr oder vielmehr dem sicheren Tode gegenüber hatten die Verteidiger sich endlich wiederermannt, und wenn auch noch immer der stinkende Rauch die Atmosphäre verpestete, hatte doch der starke Luftzug bereits die schwersten Wolken zerstreut und mit sich fortgeführt.

Die Leute der Hacienda wie die Fremden hatten sich in die äußere Spitze des Gehöfts geflüchtet und der Senator, Morawski und der Soldat Escobedo waren bemüht, die Entmutigten aufzurufen und zur weiteren Verteidigung zu ermuntern.

Master Slongh jedoch warf seine Büchse zu Boden, stürzte auf die Kniee und heulte, mit den Händen nach den Seitengebäuden über den Thoren deutend: »Der Tag des Gerichts ist da, Gott Zebaoth, erbarme Dich unserer Sünden! Sie kommen! sie kommen!«

Vier, fünf dunkle Gestalten erschienen auf der Plattform der unteren Dächer und sprangen in den Hof, andere folgten ihnen – unter den wuchtigen von zwanzig Armen ausgeführten Stößen der Corralpfähle krachte das eine der Thore und brach aus seinen Angeln.

Die Hacienda war verloren!



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