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Der Graf.

Als die Apachen unter Führung ihrer drei Häuptlinge an verschiedenen Stellen in das Haus und den Hof der Hacienda drangen, gaben die Verteidiger, die sich in dem Winkel des Hofes betäubt und verwirrt von dem höllischen Dunst, zusammendrängten, sich und die kleine Feste, die sie bisher so wacker gehalten hatten, verloren, während der Senator, Morawski und der Soldat Escobedo vergeblich bemüht waren, die Entmutigten aufzurufen, wenigstens ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Die Apachen drangen über die Plattform der unteren Dächer, über die Mauern und durch das erbrochene Thor, während der Graue Bär mit wuchtigen Schlägen seines Kampfbeiles die versperrte Thür, die aus dem Balkonzimmer der Dame des Hauses in die große Halle führte, in Stücke schmetterte.

In diesem Augenblick der höchsten Gefahr hörte man plötzlich die schmetternden Töne einer Trompeten-Fanfare von der Ebene jenseits der Hacienda her.

Der Pole Morawski schleuderte mit einem Stoß seines Fußes den heulenden, jammernden Methodisten zur Seite und sprang, seinen Säbel schwingend, vorwärts in den Hof: »Hurra! Mut! Das sind die Unseren, der Graf kommt zum Beistand!«

Ein kräftiger Säbelhieb des alten Soldaten fuhr wie ein Wetterstrahl über das Gesicht Ka-tau-mihs, des Häuptlings der Lipanesen, der an der Spitze der über die Dächer eingedrungenen und gegen die Verteidiger anstürmenden Schar der Apachen war. Frische Schüsse knallten gegen die eindringenden, plötzlich in ihrem Siegeslauf stutzenden Krieger, während draußen den Abhang hinauf näher und näher die Trompete schmetterte, und jetzt eine starke Büchsensalve vor der Front der Hacienda krachte!

»Hurra, der Graf! Auf sie! nieder mit den Weiberdieben!« Der alte Pole achtete nicht des Pfeils, der seine linken Arm durchbohrte; wie ein Blitzstrahl fuhr seine leuchtende Klinge rechts und links, neu ermutigt kämpften seine Leute um ihn; Escobedo, an der Spitze der Vaqueros und Peons fegte die Mauern von den eingedrungenen Roten; der Senator selbst trieb mit seinem langen spanischen Stoßdegen einen Haufen Apachen vor sich her nach den, Hauptgebäude zurück. Schuß auf Schuß knallte von draußen – » Vive Boulbon!« – » Viva el Generale!« – »Hurra!« klang es aus hundert Kehlen, und von weiter her wiederholte sich der Ruf lauter und lauter. Darüber hinaus scholl der Kommandoruf der Offiziere: »Nieder mit den roten Bestien! Keinen Pardon!«

Es war in der That der Graf, der so zur rechten Zeit, wenn auch im letzten Augenblick eingetroffen war.

Es war ja wie Baron Kleist Dolores gesagt hatte, im Kriegsrat der Offiziere der Expedition auf das Drängen der Kaufleute und großen Grundbesitzer beschlossen worden, wenn sich der Zustand des Generals nicht in den nächsten vierundzwanzig Stunden ändern sollte, das Gros der Expedition unter dem Kommando des Kapitän Perez und des Adjutanten Carboyal aufbrechen und der bereits um zwei Tage voraus gegangenen Avantgarde des Polen Morawski folgen zu lassen. Der Kranke sollte unter der Pflege des Arztes und seines jungen Verwandten zurückbleiben. Diese Anordnung war auch zur Ausführung gekommen, allerdings erfolgte der verspäteten Herbeischaffung der Pferde wegen der Aufbruch erst am zweiten Morgen nach dem unglücklichen Ereignis. Don Estevan war demnach um volle zwei Tage dem Gros der Expedition voraus, und da dieses ziemlich langsam marschierte, wurde aus der Verspätung bald ein dritter Tag.

Es war an diesem Tage, als der Zustand des Grafen sich ebenso plötzlich änderte, wie er eingetreten war. In das bleiche Gesicht trat plötzlich – fast mit derselben Minute des Mittags – wieder die Farbe des Lebens, die bisher so starren ausdruckslosen Augen begannen mit der alten Energie zu funkeln, und der Kranke richtete sich ohne jeden Beistand aus seinem Lager empor und rief zum großen Schrecken seiner Krankenwärter mit kräftiger befehlender Stimme:

»Vorwärts! sattelt mein Pferd! Ruft Diego Muñoz! In einer Stunde müssen wir unterwegs sein!«

Vergeblich versuchten Suzanne und Bonifaz ihn auf dem Lager zurückzuhalten. Der Graf war mit dem Augenblick, in dem er erwachte, ganz wieder derselbe Mann und forderte unbedingten Gehorsam. Er ließ eine Flasche alten Bordeauxwein kommen und leerte sie mit einem Zuge. Währenddessen mußte Bonifaz ihm Rapport erstatten über den Abgang der Expedition, und was sonst etwa außerhalb seines Gemaches verhandelt worden war. Alles, was in seiner Gegenwart während seines Starrschlafes geschehen, schien er genau zu wissen, doch vermied er sorgfältig mit einem Wort über seinen Zustand zu sprechen, und als Bonifaz ihn darüber zu fragen wagte, war seine Antwort so rauh und streng, daß der alte Avignote kopfschüttelnd zu schweigen vorzog. Alle Befehle des Grafen waren klar und bestimmt und bewiesen, daß er nicht bloß wieder Herr seiner vollen Körperkräfte, sondern auch seiner geistigen Eigenschaften war.

Suzanne hatte sofort heimlich nach dem deutschen Arzt gesandt. Sie wußte kaum, ob sie Gott und den Heiligen für diese so plötzliche Herstellung danken oder wünschen sollte, daß sie langsamer und auf gewöhnlichem Wege erfolgt wäre.

Als der Arzt eintraf, schloß sich der Graf eine Viertelstunde lang mit ihm allein ein; niemand hat erfahren, was sie da zusammen gesprochen. Doktor Köhler schien mit der erhaltenen Belohnung sehr zufrieden und verließ bald darauf San Guaymas, um nach Kalifornien und von dort nach seiner deutschen Heimat zurückzukehren. Ihm verdankt man manche Einzelnheiten über den berühmten Argonautenzug.

Vergebens flehte Suzanne den Arzt an, als er das Gemach des Grafen verließ, ihm Näheres über die Krankheit und Heilung desselben zu sagen. Der Doktor begnügte sich, sie und den alten Diener des Generals mit der Erklärung zu beruhigen, daß alle Folgen des Anfalls vollständig beseitigt wären, aber er riet, den Grafen nie zu verlassen, möglichst alle außergewöhnlichen Aufregungen zu vermeiden und ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Mit kummerschwerem Herzen trafen die beiden Getreuen ihre raschen Vorbereitungen zur Abreise; denn da die früheren Bestimmungen ihres Anschlusses an das Gros der Expedition jetzt ungültig geworden, hofften sie ihn nach der Hacienda des Senators begleiten zu können.

Die Nachricht von der so wunderbaren und raschen Wiederherstellung des berühmten Führers der Expedition hatte sich schnell in Guaymas verbreitet und von allen Seiten kamen die Chefs der Kaufmannschaft und die noch anwesenden oder bereits zur Küstenstadt geflüchteten großen Grundbesitzer herbei, um mit ihm zu sprechen, während das Volk sich vor der Thür seines Hauses sammelte und mit einer gewissen abergläubischen Furcht auf das Erscheinen des » Endemoniados!«, des »Besessenen«, harrte.

Der Graf gab jedem Antwort, brach die Glückwünsche zu seiner Genesung kurz ab, forschte nach allen in den letzten zwei Tagen eingegangenen Nachrichten und Berichten über die Fortschritte des indianischen Einfalls und betrieb dabei mit einer fieberhaften Energie und Ungeduld die Vorbereitungen seines Aufbruchs.

Dieser erfolgte in der That auch nur kurze Zeit nach der von ihm bei seinem Erwachen bestimmten Frist. Muñoz, der neue Kommandant des Forts, hatte Befehl erhalten, fünf seiner besten Leute nebst einigen kundigen Führern wohlberitten zur Begleitung des Grafen zu stellen, und die kräftigsten Pferde dazu nötigenfalls mit Gewalt fortzunehmen. Aber es waren deren jetzt, nachdem so viele Personen vor den Apachen nach Westen geflüchtet waren, genug vorhanden, und als der Graf mit seinen beiden Gefährten unter der Veranda des Hanfes erschien, war alles zum Abritt bereit.

Der Kommandant des Forts, die Behörden und die Vorsteher der Gilden mit fast der ganzen Bewohnerschaft der Stadt waren zum Abschied versammelt, und als der Graf aus dem Hause trat, empfing ihn nochmals ein lauter Zuruf.

Sein Auge flog mit dem alten Stolz über die Menge, doch wollten viele bemerken, daß die Falte zwischen seinen nahe zusammentretenden Brauen finsterer und schroffer war, als früher, und der sorglose Übermut einem gewissen nachdenklichen Ernst Platz gemacht hatte.

» Amigos! liebe und getreue Männer und Frauen von San José!« sagte der Graf, auf der Veranda vortretend und den Zügel seines Pferdes aus der Hand eines Soldaten nehmend, »der unglückliche Zufall, der mich einige Tage länger hier zu verweilen zwang, kann meine Eile und meinen Eifer nur verdoppeln. Die Grenzen der Sonora sollen binnen wenigen Tagen von den wilden Horden befreit sein, und so wahr das Blut der alten und rechtmäßigen Könige Frankreichs in meinen Adern fließt, will ich nicht eher nach Guaymas zurückkehren und meine Hochzeit in Ihrer Mitte feiern, als bis ich die Indianer bis in das Herz ihrer Wüste verfolgt und ihnen die Lust der Wiederkehr für lange Jahre genommen habe! Behalten Sie mich in Ihrem Andenken und möge die heilige Jungfrau Sie bis zu unserem Wiedersehen in Schutz nehmen!

Unter dem Viva der Menge schwang er sich in den Sattel, gab dem wilden Renner die Sporen und sprengte auf der Straße nach Osten davon, gefolgt von dem Knaben Jean und seinen Begleitern.

Mit dem ersten Schritt aus der Hafenstadt entwickelte der Graf eine so fieberhafte Eile, weiter zu kommen, daß schon auf der zweiten Tagesstation mehrere der Pferde vollständig ermattet waren und durch andere ersetzt werden mußten. Am dritten Tage hatte er das Gros der Expedition eingeholt, von dem stürmischen Jubel der Abenteurer begrüßt, und übernahm nun selbst wieder zum großen Verdruß Don Carboyals den Oberbefehl. Mit einer Energie, die keine Schonung und Rücksicht kannte, trieb er seine Kompagnieen vorwärts, um die versäumte Zeit wieder einzuholen, requirierte auf den Haciendas und Ranchos des Weges mit Gewalt Pferde, um seine ganze Truppe beritten zu machen, und ließ am vierten Tage alle Saumtiere mit dem Gepäck zurück, um rascher und ungehinderter vorwärts zu kommen.

Es geschah dies an demselben Rancho, in dem Señora Dolores ihr letztes Nachtlager vor ihrer Gefangennehmung durch die Apachen genommen hatte. Mit überraschender Schnelle war bereits das Gerücht von dem Überfall der Apachen an der Furt des Flusses, und der Graf trieb daher nach kurzer Rast, indem er die allzusehr Ermatteten mit Bonifaz und Suzanne gleichfalls zurückließ, zum Weitermarsch. Dieser wurde die ganze Nacht fortgesetzt. Kurz vor Anbruch des Tages gelangte der Gras in die Nähe der Furt und machte Halt, um Pferden und Menschen eine Stärkung zu gönnen, bis die am noch dunklen Horizont in der Richtung der Hacienda aufsteigende Rakete ihn zum raschen Aufbruch rief. Als die jetzt etwa 150 Reiter starke Schar des Grafen die Furt im Morgengrauen passiert hatte, fand sie an der Stätte des niedergebrannten Fährhauses die noch unbegrabenen, von den Coyoten, wilden Hunden und Geiern bereits halb verzehrten Leichen der Erschlagenen und andere Spuren des Kampfes, und die militärische Klugheit gebot jetzt, die nötigen Maßregeln zu treffen und mit aller Vorsicht vorwärts zu gehen, um nicht unvorbereitet auf einen übermächtigen Feind zu stoßen.

Der Graf war bei allem Ungestüm seines Charakters doch ein zu alter Soldat und in zu guter Schule in den Kämpfen Algeriens erzogen, um dies zu versäumen. Unter Juan Racunha, dem Perlenfischer von Espiritu Santo, wurden daher Patrouillen vorausgeschickt, die bald Nachricht von dem fernen Büchsenfeuer und, als der Haupttrupp langsam und verborgen noch weiter vorgedrungen war, von dem auffallenden Manöver der Indianer brachten, die gerade ihre Reiter nach verschiedenen Seiten ausgesandt, um die Mittel zu der Ausräucherung der Verteidiger herbeizuschaffen.

Nur mit genauer Not waren die Späher der anrückenden Truppen einer Entdeckung entgangen; als aber die Reiter der Apachen zu der belagernden Horde zurückgekehrt waren und dieselbe sich nun eifrig mit ihrem höllischen Werk beschäftigte, so daß sie jede Vorsicht vernachlässigte, konnte der Graf mit voller Ruhe seine Maßregeln treffen.

Diese waren so umsichtig und wirksam, daß eine vollständige Überraschung der Indianer während des Sturms erfolgte. Eine Abteilung der Weißen bemächtigte sich sofort der nur von wenigen Kriegern bewachten Pferde und zerstreute sie, wie es vorher mit den Herden des Senators geschehen war; eine zweite unter Kapitän Perez suchte die Hohlwege zu gewinnen, um den wilden Kriegern den Rückzug in das Gebirge zu verlegen oder wenigstens zu erschweren, und der Graf selbst fiel mit der Hauptschar den Stürmenden in den Rücken.

So war es gekommen, daß den bedrängten Verteidigern der Hacienda im Augenblick, wo sie diese verloren glaubten, die plötzliche Hilfe und Rettung wurde! – –


Viele der Abenteurer, welche die Gewohnheiten ihres früheren Lebens eben zu keinen besonderen Reitern gemacht, hatten es vorgezogen, zu Fuß zu kämpfen. Dazu gehörten unter anderen die beiden zugleich mit dem Kreuzträger und dem preußischen Offizier zu San Francisco in die Schar aufgenommenen Matrosen und der Seeräuber. Die ganze Mordlust des letzteren brach aufs neue hervor, als er mit diesen beiden standhaften Gefährten an dem eingeschlagenen Thor Posten faßte und hier in dem zurückflutenden Strom der entmutigten Indianer metzelte.

Der Häuptling der Mescaleros hatte sich vergeblich bemüht, den Ansturm der Weißen mit einem Haufen tapferer Krieger auf dem Raum der früheren Corrals standzuhalten. Ihre Zerstörung wurde den Apachen jetzt selbst zum Verderben, denn nichts hinderte die Reiter des Grafen, sich mit voller Wucht auf sie zu werfen, während ein lebhaftes Büchsenfeuer der Fußkämpfer von allen Seiten in ihre Reihen schlug. Gewohnt, auf den weiten Ebenen immer zu Pferde zu kämpfen, bei Krieg und Jagd fast eins geworden mit ihren Rossen, sahen sie sich dieser jetzt durch die klugen Maßregeln des Grafen beraubt, und suchten vergeblich die Pferde wieder zu erreichen und mit ihren unvollkommenen Waffen sich gegen die besser disziplinierte Schar der kühnen und kampflustigen weißen Abenteurer zu wehren.

Der erste im Angriff war der Graf selbst gewesen. Gefolgt von etwa vier oder fünf der Bestberittenen, war er gegen den Haufen angestürmt, der sich Makotöh, dem grimmigen Häuptling der Gilenos, in dem glücklichen Angriff auf den Mittelbau der Hacienda angeschlossen hatte und über den Balkon in das Innere drang. Der Graf hatte sofort die Gefahr auf dieser Stelle bemerkt und ihn dahin geführt. Mehrere der Krieger, die noch nicht über den Balkon eingestiegen waren, hatten sich, durch das Trompetensignal zum Angriff auf die Gefahr aufmerksam gemacht, umgewendet und den Reitern die Stirn geboten. Des Grafen toller Renner warf zwei oder drei zur Seite, den Tomahawkhieb eines vierten parierte die des Fechtens geübte Hand des Reiters, und ein furchtbarer Hieb des Dschambea, des Geschenks Nena Sahibs, des berühmten indischen Rebellen gegen die englische Macht spaltete das Haupt des indianischen Kriegers.

Diese Probe einer ihnen mit Recht dämonisch erscheinenden Kraft entsetzte die anderen Apachen, die sich dem Franzosen entgegengeworfen, und sie ließen sich fast widerstandslos von den Reitern niedermetzeln, die dem Grafen gefolgt waren.

Dieser selbst hatte mit gewaltigem Ruck den Renner pariert, daß dieser auf seine Hinterfesseln zurücksank, und sich, ohne die am Sattel befestigte Büchse zu lösen, herabgeschwungen. Im nächsten Augenblick stand er auf dem seiner Balustrade durch die Balkenstöße der Indianer beraubten Balken und trieb mit den zermalmenden Hieben seiner furchtbaren Waffe die Indianer zurück, die jetzt durch das erbrochene Gitter wieder herauszudringen suchten.

Don unbeschreiblichem Entsetzen gepackt, eilten die Krieger des Grauen Bär in das Innere des von ihnen erstürmten Hauses zurück und flohen in die Winkel der von ihnen geplünderten Gemächer. Ihnen nach stürzte, ohne sich darum zu kümmern, ob seine Leute ihm folgten, der furchtbare Franzose und sprang hinter den Vordersten durch die eingeschlagene Thür der großen steingepflasterten Halle.

Makotöh, der Graue Bär, stand ihm gegenüber.

Der berühmte Häuptling der Gilenos war durch die Flucht und das Gedränge seiner eigenen Leute, welche die Thür versperrten, verhindert worden, sich schon eher den neuen Feinden entgegenzuwerfen und auf den Kampfplatz in den Corrals zurückzueilen. Die plötzliche Erscheinung des Grafen war so überraschend, daß der gigantische Häuptling, dessen Mut und Kraft unbestritten war, unwillkürlich einige Schritte zurückwich.

Die beiden Gegner maßen sich eine Minute lang mit funkelnden Augen, jeder erkannte mit dem ersten Blick den anderen, auch wenn das Bärenfell um die Schultern des einen, die Adlerfedern auf dem Hute des Weißen sie nicht einander kenntlich gemacht hätten.

» El oso pardol« sagte der Graf in spanischer Sprache. »Ergieb Dich, und ich will Dir das Leben schenken!«

»Hund von einem Bleichgesicht! Stirb Du selbst!«

Der Häuptling hielt in seiner linken Faust die Büchse, in der rechten den schweren Tomahawk, mit dem er soeben noch die Thür zur Halle eingeschlagen. Er ließ die Büchse fallen und stürzte sich, den gellenden Kriegsruf seiner Nation ausstoßend, mit dem Sprung eines Tigers auf seinen Feind.

Der Franzose erwartete, ohne einen Zoll zu weichen, den Angriff. Er begegnete mit dem Rücken der Dschambea dem Schlage des Tomahawk so gewaltig, daß die Waffe aus der Hand seines Gegners flog. Dann ließ er die eigene an dem Riemen um sein Handgelenk niedersinken, trat einen halben Schritt vor und packte den Indianer an seinen kurzen mit Menschenhaaren gesäumten ledernen Beinkleidern und dem Gürtel um seine Hüften.

Einige Augenblicke rang die gigantische Kraft des Häuptlings mit seinem Gegner, dann wurde er aufgehoben und mit so gewaltigem Schwung auf das Pflaster der Halle niedergeschleudert, daß er regungslos liegen blieb.

»Bindet ihn!« sagte der Graf mit unbewegter Stimme zu seinen Begleitern, die jetzt in die Halle drangen, nachdem sie alle Indianer, die sie gefunden, erbarmungslos getötet. »Bindet ihn, aber niemand thue ihm etwas zu Leide!«

Ohne sich weiter um den gefällten Feind zu kümmern, trat er in die äußere Pforte der Halle.

Im Innern des Hofes dauerte die Metzelei noch fort. Von allen Seiten angegriffen, verhindert, durch das eingestoßene Thor die Flucht zu ergreifen, entsetzt, entmutigt durch den plötzlichen Überfall und die Wendung des Kampfes, nachdem sie bereits den Sieg in Händen gehabt, suchten die eingedrungenen Apachen über die Mauern zu entfliehen oder fochten mit dem Mut der Verzweiflung. Kein Pardon wurde von den Weißen, von den Verteidigern der Hacienda wie von der Schar des Grafen gegeben, unbarmherzig wurde jeder Indianer im Innern der Mauern getötet; nur wenigen gelang die Flucht über diese. Unter der Erschlagenen befand sich auch der Häuptling der Lipanesen.

Wie in der Hacienda selbst, so wurden auch draußen die roten Krieger auf allen Punkten geschlagen und zerstreut, nur daß sie hier leichter sich zu zerstreuen und die Flucht zu ergreifen vermochten, auf der noch mancher von der sicheren Kugel aus dem Rohr der Weißen erreicht wurde. Wis-con-tah, dem schlauen und berechnenden Häuptling der Mescaleros, war es gelungen, wenn auch leicht verwundet, eines der versprengten Pferde zu erhaschen und zu entkommen.

Die Niederlage der Apachen war vollständig; seit einem Menschenalter hatten sie keine so umfassende und blutige erlitten. Was sich vor den mörderischen Waffen der Weißen gerettet und dem Hinterhalt des Kapitän Perez entkommen war, floh im wilden Lauf nach der Sierra und der Stelle, wo die Reiter des »Fliegenden Pfeil« zur Verhinderung eines Fluchtversuchs der Mexikaner aus der Hacienda zurückgeblieben waren.

Der Graf war nicht der Mann, seinen Sieg unbenutzt zu lassen. Der schrille Ton seiner Kommandopfeife rief noch während der letzten Phasen des Kampfes Racunha und den Polen Morawski an seine Seite. Beide waren von Blut bedeckt, der alte Soldat von Ostrolenka zweimal verwundet.

»Wir müssen sie verfolgen, Messieurs!« befahl der General hastig, »keine Ruhe, sonst merken sie unsere geringe Zahl. Dort sind frische Pferde,« er wies nach denen im Hofraum, »lassen Sie die rüstigsten Reiter aufsitzen und hinter ihnen drein!«

Erst jetzt wandte er sich zu dem Senator, der, erschöpft, auf seinen langen Stoßdegen gestützt, herbeikam.

»Sieg! Sieg! Señor Don Estevan! Aber wo ist Dolores, meine Braut?«

»Gefangen – in den Händen der Indianer! Gott schütze mein unglückliches Kind! Was nützt mir unser Sieg, wenn ich sie nicht wiederhabe!«

Der Graf stieß einen furchtbaren Fluch aus. »Ich will den roten Teufel drinnen mit glühenden Zangen zerreißen lassen, wenn sie es wagen, ihr ein Haar zu krümmen! In die Sättel, Kameraden, in die Sättel und ihnen nach!«

Der Senator faßte seinen Arm. »Hören Sie erst, Señor, ich bin nicht ohne Hoffnung; denn ich erhielt gestern abend Nachricht, und treue Freunde wachen über sie.«

»Wer, Señor?«

»Kreuzträger und zwei meiner früheren Tigreros, Eisenarm und ein Comanche, der ›Große Jaguar‹ genannt.«

Der Graf erbebte; er fühlte, daß dieser Wink des Schicksals nicht ohne Bedeutung sei, und daß er die Gelegenheit nicht verlieren dürfe.

»Ich habe einen Bürgen, Señor Senador,« sagte er, »der uns die Freiheit Ihrer Tochter sichert. Der gefürchtete Häuptling der Apachen, der Graue Bär, ist in meinen Händen. Kommen Sie, und lassen Sie mich auf das Genaueste alles hören, damit wir danach unsere Maßregeln zur Befreiung der Señora treffen können.«

Er erteilte noch einige Befehle und folgte dann dem Haciendero in die Halle, wohin man die neuen Toten und Verwundeten brachte.

Don Esteban war bereits mit der Sorge um die letztern beschäftigt. Die geflüchteten Weiber begannen sich wieder einzufinden, Vaqueros und Soldaten trugen ihre verwundeten Kameraden herbei, andere drängten sich heran, den gefürchteten, jetzt machtlosen Häuptling der Gilenos in der Nähe zu sehen; denn die Kunde von dessen Gefangennahme hatte sich bereits durch die ganze Hacienda verbreitet.

Soeben schleppte der ehrliche Deutsche Wichmann, der vom Grafen zum Kommandeur seiner Artillerie – freilich gegenwärtig ohne Kanonen – ernannt worden war, Master Slongh vor den General unter der Anschuldigung, die Toten beider Parteien geplündert zu haben, während er sich von dem Handgemenge weislich fern gehalten hätte, und nur das Zeugnis des Senators von dem wohlgezielten Schuß, den er gethan, und daß er gerade einer der Boten sei, die Nachricht von der Señora gebracht, rettete ihn vor strenger Bestrafung. Nach dem zweiten Boten, dem Yankee, sah man sich vergeblich um, er war verschwunden oder hatte sich versteckt. Bei der Verwirrung und Aufregung, die noch allgemein herrschte, kümmerte man sich überdies wenig um seine Person und sein Schicksal.

Der Methodist wurde nunmehr unter all diesen blutigen und traurigen Scenen, die selbst einem Siege zu folgen pflegen, vom Grafen genau über die Gefangennahme der Haciendera und die Vorgänge seines eigenen Entkommens befragt. Aus der wenn auch mangelhaften Beschreibung Slonghs erkannten mehrere der anwesenden Rostreadores sofort den Ort, wo die Mescaleros und Gilenos ihr Lager aufgeschlagen gehabt, und es fand eine ernste und hastige Beratung statt über die Frage, ob man die Indianer dorthin verfolgen und sie in ihrem Schlupfwinkel angreifen könne. Denn es war wohl zu bedenken, daß sowohl die Verteidiger der Hacienda durch die Aufregung in dem Wachtdienst der letzten Tage und Nächte, wie die Mitglieder der Expedition durch den angestrengten Marsch und den Angriff zum Tode erschöpft waren.

Während dieser Verhandlungen blieb der Häuptling der Gilenos, der nach einigen Minuten wieder erwacht, sich als Gefangener der gehaßten Weißen gefunden und vergeblich seine starken Bande zu zerreißen versucht hatte, unbeweglich an die Wand gelehnt, mit jenem finsteren Trotz sich in sein Schicksal ergebend, der die indianischen Krieger auszeichnet. Don Carboyal, der an dem Kampfe nur mäßigen Anteil genommen, schien ihn sofort als Gefangenen der Regierung zu betrachten und hatte neben ihn zwei Posten gestellt, die jede Bewegung des Gefürchteten beobachten mußten.

Unter den Klagen der Verwundeten, den blutigen Scenen der mangelhaften Hilfeleistung, und der Beratung der Führer gingen die Krüge und Flaschen, mit Aguardiente und Mescal, die der Haciendero zur Stärkung für die Erschöpften herbeischaffen ließ, von Hand zu Hand, und die Cigaretten von Maisstroh erfüllten mit ihrem Dampf die Halle, während Lachen, Beteuerungen, Erzählungen der verrichteten Heldenthaten und Wetten sich mit den letzten Seufzern der Sterbenden oder den Gebeten ihrer Freunde und der schluchzenden Weiber mischten.

In diese wilde und aufregende Unterhaltung klang plötzlich ein Jubelruf von außen, ein stürmisch anschwellendes el viva! und das Geschrei: » El vaquero! Diaz! Diaz!«

Der Graf unterbrach seine Rede, während der Senator ihn erregt am Arm faßte: » Que es esta?«

» Oh por amor de Dios!« stöhnte der Haciendero, »es ist der Knabe, der meine Tochter aufgesucht, lassen Sie uns hin – –«

Es war unnötig! Von einem Haufen seiner Kameraden und der Soldaten der Expedition mehr getragen als geleitet, kam ihm auf der Schwelle der Halle der junge, Vaquero entgegen, der so brav die Abenteuer des vergangenen Tages und der Nacht bestanden und für die Befreiung seiner Herrin gekämpft hatte.

Der junge Mann sah bleich und erschöpft aus und konnte sich offenbar kaum noch auf den Füßen halten. Von seiner Stirne tropfte aus einer Wunde Blut, Hände und Gesicht waren von Dornen zerrissen, seine Kleidung zerfetzt und beschmutzt, sein Atem keuchend, wie von einer furchtbaren Anstrengung.

Der Soldat Escobedo, der in seiner Nähe stand, erkannte zuerst seinen Zustand und seine vergebliche Anstrengung, zu sprechen. Er reichte ihm einen großen Becher Mescal, den der junge Mann mit einem Zuge leerte. Das scharfe Getränk schien ihm wieder Kräfte zu geben und seine Zunge zu lösen. Das erste Wort, was er sagte, war: »Die Señorita! Zu Hilfe für Señora Dolores! Die Apachen belagern unsere Freunde in der Höhle der Condemnados!«

»So ist sie entkommen? Was ist geschehen? rede!«

Ein » Benedita Maria – purissima!« von den Lippen der Bewohner der Hacienda zeigte ihre Teilnahme für die junge Gebieterin. Man hatte Diaz einen Rohrsessel gebracht, und der Erschöpfte sank darauf nieder, ohne zu bemerken, daß dicht hinter ihm der leblose Körper seines alten Verwandten, des Mayordomo, lag.

Alles drängte sich um ihn. » Hombre! sus! alta! alta! Rede! sprich!« klang es von allen Seiten. Zehn Hände boten ihm frische Becher dar, aber der junge Vaquero wies sie von sich, und der Senator und der Graf drängten die Leute zurück, wohl erkennend, daß sie nur durch ruhiges Befragen das Nötige erfahren würden.

»Sprich jetzt!« befahl der Senator, »ist meine Tochter am Leben und unverletzt?«

» Si, Señor! Der heiligen Jungfrau sei Dank und der Tapferkeit unserer Freunde! Wir haben sie kurz nachher, als der Mond aufgegangen, aus dem Lager der Apachen befreit und ihre Wächter getötet!«

»Bei dem heiligen Kreuz von Puebla! es soll Euch vergolten werden. Aber sprich weiter, was ist geschehen?«

»Wir waren auf dem Wege hierher, Señor Senador,« berichtete der Jüngling, »und hofften die Hacienda zu erreichen vor dem Angriff dieser roten Teufel, die Ihr, wie ich sehe, so glücklich zurückgeschlagen. Aber wir hatten einen Verwundeten bei uns, einen Europäer, Don Arnolds nennt er sich, der auf dem Mordplatz an der Furt dem Tomahawk der Apachen entgangen und dort zu uns gekommen war, und sein Transport und die Gefangenen verzögerten unseren Marsch, bis wir auf einen Hinterhalt stießen, den die Apachen an der Querenzia Bezirk, in dem sich die Pferde aufhalten. der Biberbäume gelegt hatten.«

»Und sie ergriffen Euch aufs neue?«

»Nein, Señor, wir merkten ihre Nähe zeitig genug, und zogen uns zurück nach dem Thale der Verdammten, wo wir früher unsere Pferde versteckt hatten.«

»Und man sandte Dich aus, uns Botschaft zu bringen? Die Apachen hatten Euer Versteck entdeckt?«

» Quedo! que dito, Señor Senador! Es ist eine lange Geschichte und jetzt sie zu erzählen keine Zeit. Bastante! Der Kreuzträger und ich verließen die Gesellschaft, bei der wir nicht mehr mit Ehre und Gewissen bleiben konnten und machten uns auf den Weg, Botschaft hierher oder unsere Büchsen Ihnen zu Hilfe zu bringen. Aber die roten Teufel mußten auf irgend eine andere Weise auf unsere Spur gekommen sein, denn wir hatten kaum, unsere Pferde an die Hand nehmend, den engen Eingang des Thals passiert und wollten den Berghang hinabsteigen, als wir auf einmal wie von einem Wespenschwarm von den roten Halunken überstürzt wurden, die förmlich aus der Erde zu steigen schienen.«

»Und Du entkamst?«

»Der heiligen Jungfrau sei Dank dafür! Sie fielen zunächst über den alten Mann her, der ihnen ein Dorn im Auge ist, so viele der Schurken hat er schon von der Welt geschafft, und rissen ihn zu Boden. Was weiter mit ihm geworden ist, weiß ich nicht, doch schienen sie uns nicht töten zu wollen, da sie dies sonst leicht aus ihrem Hinterhalte gekonnt hätten! Basta! ich hatte verdammt wenig Zeit, mich umzusehen, und sprang auf das Pferd, ehe sie mich fassen konnten. Sie warfen sich zwar dem Gaul an die Beine und versuchten uns auf alle Weise aufzuhalten, aber ich habe nicht umsonst bei meinem guten Oheim Geronimo – ich vermisse seine ehrwürdige Gestalt unter Ihnen, Señores! – dem besten Pastore Pferdehirt. Mexikos in seiner Jugend! reiten gelernt. Ich bäumte ein halbes Dutzend der Schurken zu Boden, und ehe sie von ihren Pfeilen und Flinten Gebrauch machen konnten, jagte ich wie toll den Berg hinab. Zum Glück hatten sie ihre Pferde in irgend einem Versteck zurückgelassen und konnten mich nicht gleich verfolgen. Es war ein Ritt auf Tod und Leben, Señor Senador, denn ich stürzte mit dem Pferde in eine Quebrada Abgrund. daß ich meinte, ich bräche Hals und Beine; aber zum Glück, wenn auch nicht gerade zu meinem besonderen Ergötzen, blieb ich in einem Dornengebüsch hängen. So schlug ich mich durch die Berge und Felsen, um den Indianern nicht wieder in den Weg zu kommen, zu Fuß weiter, bis ich die Flucht der Apachen bemerkte und ihnen dabei nur mit genauer Not entging.«

»Aber, meine Tochter? wo ist meine Tochter?«

»In der Höhle des Kraters. Die Indianer müssen ihr Versteck entdeckt haben, denn ich hörte die Büchse Eisenarms knallen, als ich den Berg hinunterjagte. Ich hoffe, es gelingt ihnen, das Versteck zu halten, bis Sie Hilfe senden, Señor Senador!«

»Wer verteidigt sie, nachdem mein wackerer Kreuzträger in die Hände der Apachen gefallen?« fragte der Graf.

»Zwei der besten Büchsen bis zum Rio del Norte. Eisenarm und der Große Jaguar der Comanchen!«

»Also wirklich! Ich hörte von diesen Männern soviel, daß es mich drängt, ihre Bekanntschaft zu machen. Bringen Sie alle Pferde herbei, Kapitän Perez, die sich noch auf den Beinen halten können. Mögen sie zu Tode gejagt werden, wenn wir nur die Señora retten!«

Einige der Offiziere und der Vaquero eilten hinaus, dem Befehl Folge zu leisten.

»Hältst Du die Position jener Höhle für gut und verteidigungsfähig, Bursche?« fragte der Graf weiter,

» Par Dios! vier solcher Büchsen, wie dort waren, Hätten sie den ganzen Tag halten können, und ich meine, die Indianer haben nicht Zeit, sich lange aufzuhalten nach der Schlappe, die sie hier bekommen! Indes ist das Indianermädchen noch da, und ich habe sie einen so guten Schuß thun sehen, wie nur immer ein Mann ihn für einen Freund in der Not abfeuern mag, Vielleicht läßt sich auch der Engländer bewegen, einen Schutz für ehrliche Christenmenschen zu thun. Er scheint nicht ohne Gefühl zu sein, obschon er ein verdammter Ketzer ist.«

»Ein Engländer? was ist's mit ihm? wie heißt er?«

» Quien sabe! was weiß ich! Er scheint gut Freund mit den Apachen und hat einen Kerl bei sich, der so gelb ist, wie eine Quitte und auf Armen und Beinen hüpft, wie ein Frosch!«

»Lord Drysdale! Höll' und Teufel, wie kommt dieser uns wieder in den Weg? Jetzt, Hawthorn, ist die Reihe an Dir, Kerl, mit ihm fertig zu werden, ich mische mich nicht mehr hinein.«

Der Seeräuber, der eben im vertrauten Gespräch mit seinem Freunde Slongh gewesen war, als der gefürchtete Name an sein Ohr schlug, stieß eine prahlerische Verwünschung gegen seine Verfolger aus, aber sein Gesicht war bleich und seine Lippe bebte.

»Señor Don Carboyal,« fuhr der Graf fort, der eben die Meldung erhalten, daß die Pferde bereit ständen, »ich vertraue Ihnen den Schutz der Hacienda und die Bewachung dieses indianischen Häuptlings an, den ich gegen unseren wackeren Freund Kreuzträger auszuwechseln denke, wenn er noch am Leben ist!«

»Euer Excellenz werden nicht daran denken,« sagte der Adjutant hochmütig, »einen so wichtigen und gefährlichen Gefangenen des Staats für das Leben eines niederen Landstreichers freizugeben. Ich müßte ernstlich namens der Regierung protestieren.«

»Gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Regierung!« lachte der Franzose. »Mein Wort darauf, daß ich es thun werde. Nicht die sehr hohe und sehr jämmerliche Regierung von Mexiko, sondern diese Hand hat den ›Grauen Bär‹ der Gilenos zum Gefangenen gemacht, und ich werde mein Kriegsrecht zu wahren wissen. Aber nun, Freiwillige vor und in den Sattel, wer Lust hat, für eine schöne Dame noch einen Schlag zu thun. Addios, Señor Senador! Sie sehen mich ohne meine schöne Braut nicht wieder!«

»Nehmen Sie mich mit, Excellenza,« bat der junge Vaquero. »Meinen letzten Blutstropfen für Señora Dolores!«

»Sie sind ein braver Bursche! Vorwärts denn!«

Er stülpte den Federhut auf den Kopf und griff nach der furchtbaren Waffe, die er geführt. Diaz, obschon zerschlagen, todesmüde und vielfach verletzt, machte sich bereit, ihm zu folgen, als eine Hand plötzlich sein Jagdhemd festhielt.

»Diaz, mein Sohn! Fleisch von meinem Fleisch, bleibe bei mir!«

Der junge Mann hatte sich umgewendet. »Heilige Jungfrau! Oheim Geronimo, was ist Euch geschehen?«

Der alte Mayordomo der Hacienda hatte sich hinter ihm halb emporgerichtet. Noch einmal war der Lebensfunke bei dem Ton der Stimme seines einzigen Verwandten in dem Greise aufgeglommen, ehe er für immer erlöschen sollte.

Der Haciendero war zu ihm getreten und reichte ihm die Hand. »Geronimo, mein alter Freund und Diener, wie geht es Dir?«

»Ist die Hacienda del Cerro gerettet?«

»Den Heiligen sei Dank und der Hand meines tapferen Schwiegersohnes, der so zur rechten Zeit kam!«

Der Sterbende schaute auf den Grafen, der ungeduldig zur Seite stand, und schüttelte traurig das weiße Haupt. »Er hat keine Zeit zum Freien, Señor,« flüsterte er. »Die Hacienda del Cerro wird ihn niemals ihren Herrn nennen! Die Falte zwischen seinen Brauen verkündet Unheil. Wer ist der Mann dort mit dem blutigen Purpurmantel?«

»Oheim, beruhige Dich! was meinst Du?«

Der Haciendero gab seinen Leuten ein Zeichen, er sah, daß der alte Diener seines Hauses im Delirium des letzten großen Kampfes lag. Die Meisten um ihn her fielen auf die Knie, und das Murmeln der Sterbegebete unterbrach für einige Minuten die lärmende Scene.

Der hagere Arm des Greises hatte sich um das Haupt seines jungen Verwandten gelegt, sein Finger deutete auf den Soldaten Escobedo, der unter den Knieenden stehen geblieben war.

»Es ist Blut an seiner Hand,« murmelte er, »Fürstenblut! Gehe nicht mit ihnen, Diaz, mein Sohn! Denn auch um Dich sehe ich einen Strom von Blut. Hüte Dich vor Puebla! Aus dem Blut der weißen Männer wächst die Herrschaft des roten Stammes – – Herr, mein Gott! soll denn der Indianer wieder Herr im Lande seiner Väter und das blaue Blut sein Knecht werden?«

Der Arm um das Haupt des Jünglings löste sich, die ausgestreckte Hand des Greises sank nieder, das ehrwürdige Haupt fiel zurück, mit einem letzten Blick auf seinen Herrn, dem er so lange treu gedient, war der alte Diener verschieden.

»Leben Sie wohl, Señor Don Estevan,« sagte der Graf, »wir haben schon zuviel der kostbaren Zeit verloren! Vorwärts, Caballeros!«


In den ersten Augenblicken nach der von ihm selbst hervorgerufenen Explosion und dem Sturz des Lavablocks begriff Eisenarm kaum, was vorgegangen. Er hatte die Menschengestalt an sich vorbeischlüpfen fühlen, sie vergeblich festhalten wollen und war gleich darauf von Staub und Geröll halb erstickt worden.

Durch den Luftdruck in dem engen Raum des Höhlenganges war auch die Holzfackel des Comanchen erloschen, und es bedurfte einiger Zeit, ehe sie wieder in Brand gebracht werden konnte. Während der Zeit lauschte der Trapper vergebens durch das Gewirr der seltsamen Töne, die aus dem vorderen Teil der Höhle zu ihm drangen, auf einen Laut, der ihm das Schicksal der Person verraten möchte, die sich so unbesonnen der Zerschmetterung durch den Lavablock ausgesetzt hatte. Endlich kehrte Wonodongah mit dem Brand soweit zurück, daß Eisenarm zu seinem Schmerz seine Ahnung bestätigt fand, Comeo sei die Person gewesen, die sich an ihm vorbeigedrängt.

»Was hat Eisenarm mit der Schwester seines Freundes gemacht?« frug der Indianer. »Ich sehe Windenblüte nicht bei ihm!«

»Ich möchte mir das Haar ausreißen, Comanche,« antwortete in größter Unruhe der Trapper. »Das Mädchen ist fort; sie huschte wie ein Wiesel an mir vorüber, der Teufel weiß aus welchem Grunde, und ich fürchte, der Felsblock hat die Unglückliche zerschmettert.«

Trotz seiner gewohnten Ruhe überflog der Ausdruck jähen Schreckens das Gesicht des Toyah und bewies, wie innig er das junge Mädchen liebte. Er drängte den Freund zur Seite und sprang nach der Stelle der Explosion, wo er sorgfältig am Boden jeden Spalt unter dem Lavablock beleuchtete. Als er sich wieder erhob, war sein Gesicht ruhig und es schwebte selbst ein leichtes Lächeln um seine Lippen.

»Windenblüte ist unverletzt,« sagte er, »sie befindet sich jenseits des Steines in der Höhle.«

»Aber was um Himmels willen kann das Mädchen bewogen haben, uns zu verlassen und sich aufs neue in die Gefahr zu stürzen?« murrte der ehrliche Kanadier, indem er sich den kalten Angstschweiß mit dem Ärmel seines Lederhemdes von der Stirn trocknete. »Ich wüßte doch nicht, daß wir etwas vergessen hätten, was eines solchen Wagnisses wert war?!«

»Comeo ist zu ihrem weißen Freunde zurückgekehrt. Der junge Krieger hat sein Leben für sie eingesetzt und Comeo ist dankbar. Es ist Zeit, daß wir weitergehen. Wenn die Feuerblume in Sicherheit ist, werden Eisenarm und der Jaguar ihre Schwester von den Apachen zurückfordern.«

Der Trapper murmelte etwas, wie: der Teufel könne allein die Weiberlaunen ausstudieren, und sie hätten jetzt das Vergnügen, die ganze Geschichte von vorn anzufangen! aber er begriff, daß im Augenblick nichts zu machen war, als der Entscheidung seines jungen Freundes sich zu fügen, und so folgte er denn diesem zu den bereits voller Angst ihrer im Dunkeln harrenden beiden Frauen, denen der würdige Jäger in etwas konfuser und unklarer Weise die Handlungsweise der jungen Indianerin mitteilte.

Die schöne Dolores bedauerte aufrichtig den Verlust des Mädchens, aber die Zeit drängte zu sehr, aus der gefährlichen Nähe der Apachen zu kommen, als daß man dem seltsamen und nicht wieder gut zu machenden Entschluß Comeos hätte längeres Bedauern widmen können, und so verfolgten die vier Personen in der früheren Reihenfolge ihren mühseligen Weg.

Dieser ging im vollsten, nur durch den Schein des Cedernspans spärlich erhelltem Dunkel etwa vierzig Schritte weit in die Tiefe und war offenbar aus einer durch die vulkanischen Erschütterungen in die Bergwand gerissenen, bei einer späteren Eruption von einem neuen Lavaguß wieder gefüllten oder überwölbten Bergspaltung entstanden; denn an zwei Stellen traten die Wände so dicht zusammen, daß sich die Flüchtlinge nur mit Mühe hindurchzwängen konnten und schon hier der Transport des Verwundeten und des Malaien unmöglich geworden wäre. Bei der nächsten Wendung aber öffnete sich plötzlich der Gang und die beiden Frauen sahen mit unbeschreibbarer Erleichterung und Beruhigung den blauen Morgenhimmel wieder über sich.

Das Gefühl der Sicherheit und der überstandenen Gefahr dauerte jedoch nicht lange; denn als sie sich näher umsahen, fanden sie, daß sie sich auf einer Art enger Platte befanden, die zu einer Fortsetzung der von schroffen Wänden eingefaßten, jetzt offenen Bergspalte wohl dreißig Fuß tief steil und glatt abfiel.

Die beiden Mädchen erschraken vor diesem Hindernis ihrer weiteren Flucht, umsomehr, als ihre beiden Führer gar keine Anstalt zu machen schienen, auf irgend eine Art weiter zu kommen. Beide standen vielmehr in horchender Stellung, und als die Señora aufmerksamer lauschte, konnte auch sie den Knall entfernter Schüsse vernehmen.

» Pardiou, Toyah!« sagte der Trapper, »was meinst Du zu der Richtung dieser Schüsse?«

»Sie kommen von diesseits der Hacienda. Die Apachen sind geschlagen und werden verfolgt!«

» Demonio! was so ein Indianer für eine feine Nase hat! Aber es ist richtig damit. Señora, jetzt kann ich Ihnen Glück wünschen, daß Sie in das Haus Ihres Vaters zurückkehren können, was eine verteufelt fragliche Sache war. Hören Sie, wie das Knallen der Büchsen sich vermehrt? Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser Lungerer, der Fliegende Pfeil, noch von Ihren Freunden in der eigenen Falle abgefangen würde.«

»Können wir uns nicht Überzeugung verschaffen, wie die Sachen stehen?«

»Wir können es wohl, allein – – –«

»Nun Bras-de-fer, warum sprechen Sie nicht?«

»Wir müssen erst jene Schlucht passiert haben, dann führt uns unser Weg auf die Spitze des Berges, die über dem Krater liegt, und von der aus wir ein hübsches Stück nach der Hacienda zu übersehen können.«

»Aber wie wollen wir hinunter kommen?«

Der Trapper zuckte die Achseln. »Das wäre in der That die geringste Sorge,« meinte er. »Der Jaguar und ich haben mehr als einmal auf unseren Ranzen die Fahrt da hinunter gemacht. Es ist nur der Umstand zu bedenken, daß wir so nahe an den roten Halunken nicht schießen dürfen, ohne sie auf unsere Spur zu lenken. Ohnehin haben wir auch nur noch Pulver zu zwei Ladungen.«

»Aber wozu sollten Sie denn Ihre Büchsen hier brauchen?« fragte die Señora.

» Caramba! das ist leicht erklärt. Erinnern Sie sich der Zeit noch, wo wir beide als Tigreros im Dienst des Señors, Ihres Vaters, standen?«

»Wie sollt' ich nicht? es ist ja etwa erst achtzehn Monate her!«

»Richtig! richtig! Aber erinnern Sie sich auch, daß Sie uns von der ›Schlucht der Tiger‹ haben sprechen hören, und daß Sie uns vergeblich baten, Sie einmal dahin mitzunehmen?«

»Ich erinnere mich!«

»Nun, was wir Ihnen damals verweigerten, es hat jetzt unfreiwillig geschehen müssen! Das ist die Schlucht der Tiger.«

»Aber ich sehe keinen solchen?« meinte die Dame naiv.

Der Jäger lachte. » Parbleu! als wir damals in des Señors, Ihres Vaters, Dienst jagten, bis wir so rauh fortgeschickt wurden, hatten wir nicht so zarte Rücksichten zu nehmen, und diese Wände hallten mehr als einmal vom Knall unserer Büchsen wieder. Es war zuletzt eine ganze Familie da, zwei alte und zwei junge, der wir den Garaus machten. Aber es wäre auch möglich, es hätte sich wieder eine neue Brut angesiedelt, denn der Schlupfwinkel ist gar zu gelegen für die Bestien, um lange leer zu stehen.«

»Nun, ich sollte meinen, Eisenarm,« erwiderte die Dame, »Ihr beide wäret nicht die Männer, um Euch vor einem Jaguar zu fürchten.«

»Das ist es nicht, aber – –«

»Sprich!«

Der Trapper kraute sich verlegen lächelnd am Kopf, »Wenn Sie es denn wissen wollen, Señora, wir haben nur ein Hilfsmittel, Sie herunter zu bringen, und – – es wäre gegen den Respekt, wenn einer von uns vor Ihnen oder Ihrem Mädchen da hinunter gehen wollte. Es schickt sich nicht recht.«

Die schöne Dame mußte nicht ohne Erröten lächeln über das Zartgefühl des nur an die Wüste und den Verkehr mit ihren wilden Bewohnern, nicht an die verfeinerten Sitten der Gesellschaft gewöhnten Mannes.

»Sei unbesorgt, Eisenarm,« sagte sie, »ich bin vollkommen in Bereitschaft, zuerst hinabzusteigen und allein da unten zu bleiben, wenn ich nur erst weiß, wie es geschehen kann.«

» Pardieu, Señora, ich wußte, daß Sie Mut haben. Nun, Jaguar, die Dame willigt ein. Aber der Vorsicht halber wollen wir immerhin erst einen Versuch machen, ob solche Bestien im alten Lager sind. Nimm einen Stein, Jaguar, und versuche, ihn hinter jenen Felsblock zu werfen, der uns die Aussicht versperrt.«

Der Toyah nahm einige abgebrochene Stücke des Gesteins und warf. Der zweite Wurf traf genau auf die Stelle, aber es erfolgte keinerlei Bewegung.

»Nun, Señora, jetzt denk' ich, sind wir sicher! Es hilft ohnehin nichts, wir können hier oben unmöglich stehen bleiben. Nun, da die Herrin will, Comanche, so suche einen tüchtigen Stein, aus dem sie mit Bequemlichkeit den Ritt machen kann.«

Er entledigte sich damit seiner Jagdtasche und holte zunächst daraus eine Rolle Schnur aus schmalen Hanfstreifen geflochten, wie die Trapper und Jäger sich ihrer in der Prairie zum Zusammenschnüren und zum Transport der Felle, ihrer Jagdbeute, bedienen. Während dessen hatte der Toyah einen breiten, flachen Lavastein, etwa von der Größe eines Hirschkopfes, aus dem eben verlassenen Berggang gesucht und ihn in das Lederhemd seines Gefährten geschlagen, dessen sich dieser ohne Prüderie entledigte. Er legte hierauf das Paket, das einer Art Sattel glich, an den Rand des Abhanges und nahm das Ende der Schnur.

»Es ist freilich kein sehr bequemer Sitz, Señora, den wir Ihnen da bieten,« sagte der Trapper, der auf die einfache Maschinerie noch seinen Ranzen befestigt hatte, »aber wenn Sie nur die Ruhe nicht verlieren und sich gut daran festhalten wollen, indem Sie sich hübsch zurücklehnen, werden Sie so sicher hinabkommen, wie ich in meiner Jugend am Hudson die Knaben auf ihren Schlitten einen ganzen Berg hinabfahren sah. So – lassen Sie mich die Schlinge hier um ihren Leib legen, der Jaguar und ich werden das andere Ende halten.«

Die Dame hatte allerdings nicht ohne einige Besorgnis und Verlegenheit das seltsame Fuhrwerk anfertigen sehen, aber die Sache hatte bei allem Ernst und ihrer Lage zugleich etwas Komisches, und dies Gefühl brachte sie leichter über das Unangenehme hinweg. Sie ließ sich die Schnur unter den Armen befestigen, nahm ihre Gewänder in Form eines Beinkleides möglichst fest zusammen und setzte sich so auf den angewiesenen Sattel, diesen mit Beinen und Händen festhaltend, indem sie den Oberkörper, durch die vorsorgliche Vorrichtung des Jagdranzens vor dem Gestein geschützt, weit zurückbog.

Der Trapper gab der einfachen Maschinerie einen leichten Stoß, und der neue Schlitten fuhr mit ziemlicher Geschwindigkeit die steil abfallende Fläche hinunter.

Ein munteres Lachen verkündete den Männern, daß die Dame unten glücklich angelangt war, und während der Comanche die Maschinerie an der Schnur wieder emporzog, um auf die gleiche Weise die Zofe der Señora hinunter zu befördern, begann die letztere sich trotz des Zurufs Eisenarms von der Stelle zu entfernen und nach dem Gestein zu gehen, hinter dem der Jäger das Nest der Tigerkatzen vermutet hatte.

Das Mädchen oben auf der Platte der Lavahöhle zeigte sich ängstlich, dem kecken Beispiel ihrer Gebieterin zu folgen, und machte verschiedene Umstände, ehe sie sich dazu verstand, den allerdings nicht sehr bequemen Sitz einzunehmen. Nur die Erklärung Eisenarms, daß man sie ohne weiteres zurücklassen werde, bewog sie endlich, die unsichere Rutschpartie anzutreten. Dies hatte einigen Zeitverlust zur Folge gehabt und die Aufmerksamkeit der beiden Männer einige Augenblicke von der Herrin abgelenkt.

Ein Wort der jungen Haciendera wandte jedoch beider Blicke zu ihr.

»Señor Eisenarm!« sprach Dolores herauf, »sehen Sie einmal hierher – wie kommen die jungen Hunde an diesen Ort?«

Die Dame befand sich etwa zwanzig Schritt von dem Gestein entfernt und beugte sich eben zu zwei jungen, bräunlichen, kaum spannhohen Tierchen, die im Sonnenschein um sie herspielten und sich an ihren Füßen rieben.

»Gott im Himmel! zurück, Señora, zurück! werfen Sie die Bestien von sich – es sind die Jungen eines Panthers!«

Die Haciendera schleuderte erschrocken eines der Tierchen von sich, das, auf einen scharfen Stein fallend, sich verletzte und jämmerlich zu schreien begann.

Ein Ton, wie ein entferntes Schnauben und Brüllen antwortete diesem Schmerzensschrei.

Der Comanche, der eben das Mädchen an der glatten Wand mit derselben Vorsicht wie ihre Gebieterin langsam hinuntersenkte, ließ den Strick los, warf sich auf den Abhang und ließ sich mit einer Schnelle hinabgleiten, die den Sturz des Frauenzimmers noch überholte, das, nicht mehr von dem Strick zurückgehalten, das Gleichgewicht verlor und kopfüber mit ihrem Gefährt hinunterpurzelte und zeterschreiend in gerade nicht sehr decenter Stellung auf dem Grunde ankam und liegen blieb.

Der Toyah kümmerte sich jedoch nicht um sie. Er war kaum von seiner mehr einem Sturz gleichenden Fahrt aufgesprungen, als er den Tomahawk, den er dem von Eisenarm im Lager erschossenen Apachenhäuptling abgenommen hatte, von seinem Gürtel riß und in zwei Sprüngen an die Seite der Haciendera flog.

Ein Schlag mit dem Rücken des Tomahawk machte dem Geschrei und dem Leben des kleinen Tieres ein Ende, aber das Unheil war bereits geschehen – in geringer Entfernung hörte man das Geheul des Pantherweibchens.

Einen Augenblick darauf schoß das Tier selbst in langen Sätzen um das Gestein, hinter dem es vergeblich seine Jungen gesucht hatte.

Bei dem plötzlichen Anblick der Menschen hielt der Panther in seinem Lauf inne und warf sich auf seine Hinterläufe zurück. Das Tier war sehr groß. Seine Augen rollten und sein langer Schweif peitschte den Boden.

Die Haciendera war, überrascht und betäubt von diesem Anblick, in die Knie gesunken. Der Toyah, die Streitaxt in der Hand, sonst aber gänzlich unbewaffnet, war einen Schritt vor sie getreten und stand mit seinem rechten Fuß fest in dem Boden.

»Nieder, Junge, nieder mit dem Kopf!« rief der Trapper. »Du bist zwischen meinem Korn und dem Tiere!«

Bevor Wonodongah dem Rufe Folge leisten konnte, setzte der Panther zum Sprunge an.

Diesen Augenblick hatte sein Gegner erwartet. In dem Moment, wo die Bestie kaum fünf Schritt von ihm niederfiel und sich elastisch zum zweiten, dem letzten und verderblichen Satze erhob, und, auf den Hinterbeinen stehend, die volle weiße Brust bot, sauste das scharfe Beil durch die Luft, und begrub sein breites Eisen tief in den Hals des Untiers.

Der Wurf war von einer ebenso sicheren wie starken Hand gethan und an der einzigen Stelle eingedrungen, wo er tödlich wirken konnte. Dennoch vermochte er nicht ganz den Sprung des Tieres zu verhindern, dessen Muskeln bereits im Aufschwellen begriffen gewesen. Der Panther fiel dicht vor dem jungen Häuptling nieder, mit einem Strom von Blut den Boden färbend, und schlug mit den Tatzen nach ihm.

Es ist bekannt, welches zähe Leben die Katzenarten besitzen. Obschon die Halsarterien von dem Beil des Toyah durchschnitten waren, und das Tier mit jedem Schnauben der Wut aus der Wunde und dem Rachen einen Blutstrahl ergoß, in dem es bald ersticken mußte, war es doch noch für Minuten gefährlich.

Aber der Toyah kannte die Eigenschaften des Raubtieres, dessen Mut und Gewandtheit er seinen Namen verdankte, zu gut, um nicht danach zu handeln. Ohne auch nur einen Pulsschlag nach dem Wurf zu zögern, beugte er sich nieder zu dem halb knieenden, halb liegenden, den sicheren Tod unter dem furchtbaren Gebiß der Bestie erwartenden Mädchen, wobei der Tatzenschlag des Tigers das Fleisch seiner Hüfte zerriß, hob sie empor an seine Brust und sprang mit ihr aus dem Bereich seiner scharfen Klauen.

Bevor der Panther den Versuch ausführen konnte, seinem Feinde zu folgen, krachte der Schuß des Trappers, und die letzte Kugel Eisenarms zerschmetterte den Kopf des Tieres, das sich in den Zuckungen des Todes am Boden wand.

Gleich darauf hatte der Kanadier, die Büchse Wonodongahs mit sich bringend, auf dieselbe Weise wie dieser, nur mit etwas größerer Vorsicht und Ruhe, den gefährlichen Abhang passiert und befand sich an der Seite des Paares.

Aber die wenigen Augenblicke hatten genügt, zwischen dem Indianer, dem Sohn einer verachteten und angefeindeten Rasse, und der stolzen Spanierin, der Erbin weiter Güter, deren Ausdehnung der eines europäischen Fürstentums glich, eine neue Beziehung herzustellen.

Wonodongah hielt die Dame noch immer an seine Brust gedrückt, seine Augen ruhten mit einem Gemisch von Leidenschaft und unbeschreiblicher Hingebung auf ihrem noch von der Blässe der Angst und des Schreckens überzogenen Gesicht, während das Blut an seiner Seite hinabrann.

Wie in der Schlucht des Lagers in jenem unbewachten Moment begegneten ihre Augen den seinen; tiefe Röte überzog ihr stolzes Gesicht, und ihre Lippe flüsterte mit einem Ausdruck tiefen Gefühls, den man ihrer sonstigen hochmütigen und kalten Haltung kaum zugetraut hätte: »Wonodongah, ich danke Dir!«

»Nun, Jaguar,« sagte der Trapper in aller Unschuld, »ich denke, Du brauchst die Señora nicht mehr auf Deinen Armen zu halten, die Bestie ist wirklich tot; Dein Wurf war ein Meisterschlag, und es hätte sicher nicht meiner Kugel bedurft, wenn Du noch eine Waffe zur Hand gehabt hättest.«

Langsam ließ der Toyah seine schöne Last zur Erde gleiten, während sie nicht ohne Verwirrung das Antlitz an seiner Brust verbarg. Als sie jedoch wieder auf ihren Füßen stand, war jeder Ausdruck des Zweifels und der Verlegenheit verschwunden. Sie reichte dem Trapper die Hand und drückte warm die schwielige harte Faust.

»Es ist das dritte Mal, Eisenarm,« sagte sie, »daß Dolores Montera Euch beiden ihr Leben verdankt. Welche Kluft auch das Schicksal zwischen uns gestellt haben mag, sie ist ausgeglichen, ich bitte Euch um Vergebung für meine frühere Härte, die Euch aus dem Dienst meines Vaters jagte. Ihr habt Euch edel gerächt, und ich denke, wir sind Freunde!«

»'s ist wenig genug, Dame, was wir thun konnten,« erwiderte der Jäger, »und nicht der Rede wert, denn es war nichts als Christenpflicht. Wenn eine Gefahr dabei war, hat sie der Bursche hier allein getragen. Aber, parbleu, Jaguar, es ist Dein eigenes Blut, was ich für das Deines Namensvetters hielt. Bist Du stark verwundet, Junge?«

Der Toyah machte eine verächtliche Gebärde. »Die Krallen eines Tigers Der Jaguar gilt als der Tiger Amerikas und wird auch von den Eingeborenen stets so bezeichnet. schlugen nicht so tief, als die des Grauen Bären. Der Saft des Oregano Ein duftiges Wundkraut. wird die Ritzen heilen, ehe die Sonne zweimal gesunken ist. Es ist Zeit, daß wir uns entfernen.«

»Du hast recht, Jaguar! Der Schuß könnte uns die Bande auf den Hals hetzen, wenn sie nicht, wie ich zu Gott hoffen will, jetzt für sich selbst zu sorgen hat,« bemerkte der Trapper. »Wenn wir weiter hin in diesem Teufelspaß, statt abwärts zu gehen, in die Höhe klettern, können wir die Gegend bis zur Hacienda übersehen und vielleicht erfahren, was aus unseren Gefährten in dem Thal der Verdammten geworden ist; denn das Schießen wiederholt sich nach der Seite hin.«

Die Zofe der Señora wurde durch einige ernste Worte ihrer Gebieterin und den Anblick des getöteten Raubtiers, dem Eisenarm alsbald auch das zweite Junge folgen ließ, zur Ruhe gebracht. Sie war mit einigen leichten Quetschungen davon gekommen; und die Angst machte sie sehr bereitwillig, allen Anweisungen zu folgen. So setzte denn die kleine Gesellschaft jetzt im vollen Lichte des Tages ihren Weg fort, der in der Bergspalte auf und nieder führte und, wenigstens in der Richtung, die der Trapper eingeschlagen hatte, auf einer Felsterrasse endete, die einen freien Blick auf den Fuß des Berges und gegen den Auslauf der Sierra nach der Hacienda hin gestattete.

Der erste Blick der Señora richtete sich nach dem Hause ihres Vaters, und ein lauter Ruf der Freude entfuhr ihren Lippen.

»Eisenarm, Wonodongah! seht dorthin – sie sind gerettet!«

Von dem Hauptgebäude der Hacienda flatterten an langen Flaggenstäben zwei Fahnen im Luftzug. Die eine trug die Farben Mexikos, die andere das Weiß der Bourbons.

Die beiden Jäger schenkten diesem Umstand jedoch nur sehr flüchtige Beachtung.

Das, was sie fast unmittelbar zu ihren Füßen in der Niederung am Fuße des Vulkans und der Nebenberge, auf deren einem sie jetzt standen, sahen, belehrte sie weit besser über die Ereignisse.

Das Geplänkel eines lebhaften Gefechts drang von unten zu ihnen herauf, der weiße Rauch der Büchsenschüsse quoll zwischen den Steinen und den Büschen wilder Feigen und Myrten oder der mächtigen Korkbäume und Cedern empor.

Der Blick der Zuschauer übersah weithin das Schauspiel eines interessanten Reitergefechts, das sich zwischen der Bande der Mimbrenos, an die sich ein Teil der von der Hacienda entkommenen Krieger der anderen Stämme geschlossen, und den Reitern Boulbons entsponnen hatte. Wir haben bereits erwähnt, daß der »Fliegende Pfeil«, wenn auch der jüngste der vier Häuptlinge, doch keineswegs ein unerfahrener oder zu verachtender Feind war. Der Angriff des Grafen auf den zurückgelassenen Teil seiner Krieger, der, durch die Nachrichten der Flüchtigen bereits in Schrecken und Verwirrung gesetzt, mit leichter Mühe und trotz der geringen Zahl der Abenteurer geworfen wurde, hatte ihn rasch aus der Höhle des Kraters zurückgeführt und jeden Gedanken an eine Verfolgung der Señora und ihrer beiden Befreier aufgeben lassen. Er begnügte sich, die Gefundenen mit sich zu führen und mit seiner Bande alsbald das Gefecht zum Stehen zu bringen, um wenigstens den Rückzug Wis-con-tahs mit den Resten seiner Schar zu decken. Wie kühn und entschlossen auch der Graf mit seinen Reitern vordrang, so war doch die Zahl der Abenteurer, die sich ihm hatten anschließen können, zu gering, um einen gleich raschen Erfolg durchsetzen zu können, wie bei dem Überfall der Belagerer, und er hatte bereits einen Boten zur Hacienda mit dem Befehl an Kapitän Perez gesendet, ihm möglichst rasch Verstärkung zuzuführen.

Eisenarm, an Kampf und Verteidigung gewöhnt, betrachtete mit höchstem Interesse die Scene.

» Pardieu!« sagte er, »selbst sein ärgster Feind müßte zugestehen, daß er zum Befehlen geboren und ein ganzer Mann ist! Sieh hin, Jaguar, wie er aus seinem Rappen sitzt, der beste Comanche lenkt sein Roß nicht besser als er!«

»Der rote Schuft dort hinter der Myrtenhecke schlägt seine Flinte auf ihn an. – Nehmt Euch in acht, Herr! Bei der heiligen Jungfrau, die Kugel hat ihm den Hut vom Kopfe gerissen, und er thut, als ginge ihn die Sache nichts an! Halt! ich täuschte mich, – er hat den Kerl gesehen und ist wie der Blitz hinter ihm! Hurra! einer von diesen Schurken weniger wird auf der Prairie heulen! Was sagen Sie zu dem Manne, Señora? Es ist kein Zweifel, daß er dem Señor, Ihrem Vater, die Schädelhaut bewahrt hat und Sie ihm zu großem Danke verpflichtet sind, wenn er auch sonst Schlimmes genug gethan!«

»Graf Boulbon ist mein Verlobter, sprich mit Achtung von ihm!« sagte die Haciendera.

Ihr Auge starrte auf das bewegte Schauspiel unter ihr, ohne zur Seite zu weichen.

»Hugh!«

»Was hast Du, Jaguar? Das ist eine schlimme Nachricht, Dame, für unser Ohr; denn der Toyah und ich haben eine blutige Rechnung mit dem Manne da unten auszumachen, und unser Gelöbnis muß gehalten werden, obschon ich ihm sonst einige gute Eigenschaften nicht absprechen will. Auch der ›Graue Bär‹ schlägt sich wie ein Held, wenn er auch sonst ein verdammter Mörder ist. Aber ich wundere mich, daß ich ihn hier nicht sehe; es ist doch sonst nicht seine Art, sich zu drücken, wo es tüchtige Schläge giebt, wie die Schlange der Meskaleros es thut, der spitzbübische Lump! Verdammnis über ihn! Siehst Du den Reiter dort, Jaguar, auf demselben Pferde, das ich den Apachen am Lager nahm?«

»Hugh!«

»Zum Teufel mit Deiner Kaltherzigkeit! Es ist der Engländer, den wir von dem Lager der Apachen mit uns schleppten und in der Höhle zurückließen! Er hat sich wahrhaftig den roten Teufeln gegen ehrliche Christenmenschen angeschlossen und ficht gegen sie! Ich wünschte, meine Büchse wäre noch geladen, und ich könnte ihm eine Kugel von hier durch den Kopf senden, statt daß ich sie an eine Bestie verschwenden mußte.«

»Wenn es wirklich der Lord ist,« sagte die Haciendera, »so können unsere Freunde nicht weit sein. Wonodongah, entdeckst Du keine Spur von Deiner Schwester?«

Der Comanche hob die Hand und deutete nach einer Stelle im Rücken der indianischen Kampflinie.

»Windenblüte ist dort an der Seite eines Freundes!«

»Wahrhaftig, Jaguar, Du hast das Auge eines Falken! Sehen Sie dorthin, Señora, zwischen den beiden Hügeln dort hinter den Fächerpalmen. Ich sehe deutlich das Mädchen, das neben dem Pferde geht, auf dem ein Apache den jungen Krieger festhält, der sein Leben für sie einsetzte! Hollah, da unten! Wenn Ihr zehn Mann da links hinter dem Erdwall hinaufschickt, könnt Ihr sie befreien von den roten Henkersknechten!«

Der Eifer riß ihn zu dem Rufe hin, als könnten die Kämpfer im Grunde seine Stimme hören und seinen Rat verstehen. Die Haciendera, von gleichem Wunsch erfüllt und demselben Eifer beseelt, stand am Rande des Plateaus und winkte eifrig mit ihrem Tuch, als könne sie ihre Freunde herbeirufen.

Der Toyah streckte nochmals die Hand aus und deutete nach einem Punkt in der Rückzugsreihe der Apachen.

»El Crucifero!«

»Ich sehe ihn, Junge, ich sehe ihn! Sie führen ihn auf einem andern Wege fort, wie das Mädchen und den Offizier. Aber der Alte scheint einer gewissen Freiheit zu genießen, er geht mit erhobenem Kopf in der Mitte seiner Wächter, und seine Arme sind nicht gebunden. Ich wollte, wir könnten einen Versuch machen zu ihrer Befreiung!«

»Und warum solltet Ihr das nicht, Bras-de-fer?« fragte hastig die Dame. »Was hindert Euch daran, den Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, oder wenigstens unsere Freunde auf ihre Spur zu bringen, die sie jetzt nicht sehen können. Geht, Eisenarm, geh, Wonodongah, sucht einen Weg hinab und fürchtet Euch nicht, mich hier zurückzulassen. Ich bin hier sicher und verspreche Euch, nicht von der Stelle zu gehen!«

Der Trapper schüttelte, mit der Versuchung und der eigenen, immer stärker werdenden Kampflust ringend, den Kopf. » Pardieu! Dame, es geht kaum! Wenn Ihnen ein Unglück passierte –«

»Denken Sie nicht daran, nicht das Geringste kann mir geschehen, und sehen Sie, Eisenarm, man hat uns bereits gesehen, unsere Freunde wissen, daß ich gerettet bin, und kommen zu meinem Beistand herbei! Ich beschwöre Sie, zögern Sie keinen Augenblick, unsern Freunden zu Hilfe zu eilen, und Comeo, meine liebe Freundin, wieder zu mir zu führen!«

In der That schien der Graf und seine Umgebung die Gesellschaft auf der Felsenterrasse bemerkt zu haben – der General schaute einige Augenblicke durch sein Glas, dann schwenkte er grüßend den Hut nach ihnen herüber, und galoppierte nach der Stelle unter der Felsenterrasse.

Der Trapper warf bei diesem Beweis, daß seine Besorgnis unbegründet sei, die Büchse über die Schulter und streckte die nervige haarige Faust der Dame zum Abschied entgegen. »Nun, parbleu! es soll geschehen, wie Ihr wollt. Jaguar, bleibe noch einen Augenblick hier und sieh zu, daß die da unten den Weg hier herauf nicht verfehlen! Ich gebe Dir ein Zeichen, wenn der unsere klar ist, um uns an die Fersen dieser Schufte zu heften!«

Der Toyah nickte stumm und machte sich mit seinen Waffen zu schaffen. Alsobald trat Eisenarm den Rückweg an, nachdem er sich noch einmal von der Richtung überzeugt hatte, welche die Apachen mit ihren Gefangenen genommen.

Es waren jetzt von der Hacienda her ansehnliche Verstärkungen eingetroffen, und die Indianer auf allen Stellen zurückgeschlagen. Vergeblich hatte der Lord während des Gefechts mehrmals versucht, sich dem Führer der Weißen gegenüberzustellen. Boulbon, durch die Erzählung des jungen Vaquero von seiner Anwesenheit unter den Apachen in Kenntnis gesetzt, vereitelte jedesmal ein persönliches Zusammentreffen, und der Lord mußte, als der Rückzug der Apachen trotz aller Anstrengung der Häuptlinge in eine Flucht auszuarten begann, seine Absicht aufgeben und sich dem Strom anschließen, um nicht in die Gefangenschaft seines Gegners zu geraten.

Der Graf hatte sich bei diesem Stande der Sachen, da es keineswegs seine Absicht sein konnte, die Indianer in das Innere des Gebirges zu verfolgen, begnügt, die nötigsten Befehle an seine Offiziere zu geben und seine Aufmerksamkeit dann nur der jungen Haciendera zugewendet, winkte ihr wiederholt zu und sprang jetzt am Fuße der Felsen vom Pferde, um einen Weg zu ihr zu suchen.

Wonodongah hatte dies alles sehr wohl bemerkt, doch keine Bewegung, kein Zeichen verriet, was in dem Herzen des tapferen Indianers vorging.

Die schöne Haciendera zeigte anfangs eine gewisse Befangenheit, ihr Auge hing am Boden, Ernst und Nachdenken zogen ihre Brauen zusammen. Dann, als habe sie ihren Entschluß gefaßt, trat sie zu dem Toyah.

»Wird der Jaguar Windenblüte begleiten, wenn sie zu einer Freundin kommt?« frug sie. »Mein Vater hat ihm noch nicht Dank gesagt für die Rettung seiner Tochter.«

»Der Mann mit den hundert Häusern hat zu einem Häuptling gesprochen: ›geh'!‹ Ein Comanche ist kein Hund, der zu den Füßen seines Herrn kriecht, wenn die Hand ihn geschlagen hat.«

»Du darfst nicht rachsüchtig sein, Jaguar. Wir haben unrecht an Dir gehandelt, aber wir wollen es gut machen. Ich möchte Dich gern noch einmal sehen vor meiner Vermählung, und der Graf selbst soll Dir danken.«

»Es wird gut sein, wenn die Sierra zwischen der ›Offenen Hand‹ und einem Toyah liegt. Wenn die Feuerblume vermählt ist, möge sie ihren Gatten hüten, daß er nicht die Wüste betritt. Wonodongah will seinen Tomahawk begraben, aber die Kugel Eisenarms verfehlt selten ihr Ziel.«

»Aber warum hasset Ihr den Grafen?«

»Sollen die weißen Häuptlinge, die über das große Wasser kommen, das Recht haben, den Kindern der Wüste alles zu nehmen, bloß weil ihre Haut rot ist?« sagte leidenschaftlich der junge Indianer. »Sollen sie das Recht haben, ihre Freunde zu töten, das Gold ihrer Väter zu rauben, das der große Geist in der Wüste verborgen, und die Blume zu brechen, an deren Duft sich ein roter Mann labt, wenn er auch niemals seine Hand nach ihr strecken darf.«

Die Haciendera senkte ihr Auge. »Mein Vater hat mich dem Grafen Boulbon verlobt,« sagte sie leise. »Ich muß nach meinem Stande und meiner Religion mich vermählen, und in den Adern meines Verlobten fließt das Blut von Königen.«

Der Indianer hob energisch den Arm und wies über die Gegend hin. »Wonodongah,« sagte er, »ist der letzte Sohn seiner Väter, die über Berg und Thal geboten von einem Wasser zum anderen. Ich wußte nicht, daß die weißen Männer von jenseits des Meeres zwei Weiber nehmen.«

»Du bist im Irrtum, Jaguar. Der Graf ist unverheiratet; unser Glaube gestattet dem Manne nur eine Frau, und sie steht dem Manne gleich.«

»Wonodongah hat nur ein Herz. Wann die ›Offene Hand‹ die Feuerblume liebt, warum hat er dann sein Weib von jenseits des großen Wassers mit herüber gebracht? Die Feuerblume sollte die erste sein im Wigwam eines großen Häuptlings.«

»Dolores Montera,« sagte die Spanierin mit stolzem Blick, »wird niemals die Liebe ihres Gatten mit einer andern teilen. Die bösen Sitten Deines Volkes lassen Dich einen Irrtum begehen. Der Graf war niemals vermählt.«

»Die Herrin der hundert Häuser möge den Irrtum eines unwissenden Indianers verzeihen. Wonodongah glaubte, die Tochter des alten Mannes, mit der sie gereist ist, sei das Weib des weißen Häuptlings, da sie sein Lager teilt. Möge die Feuerblume glücklich sein und eines Freundes gedenken, dessen Blut ihr gehört, denn der Ruf Eisenarms ertönt und ich höre ihre Freunde kommen.«

In der That erklang aus einiger Entfernung der Schrei eines Falken, das Signal des Trappers, und der Toyah wandte sich, um zu gehen.

Aber die Hand der Haciendera hielt ihn fest, ihr Gesicht glühte, ihr Auge blitzte.

»Was meinst Du, Wonodongah, von welcher Tochter sprichst Du?«

Der Indianer sah sie erstaunt an. »Sind die Frauen der weißen Männer blind, daß sie ihr eigenes Geschlecht nicht erkennen? Kein Comanchenmädchen wird die Taube für einen jungen Falken halten.«

»Wie? der Knabe Jean? Und woher weißt Du – –«

Der Indianer legte den Finger auf seinen linken Oberarm.

»Die Feuerblume möge sich der Nacht erinnern, in der sie das Blut eines Freundes vergoß. Der Arm der Taube hat in jener Nacht allein das Herz eines Adlers vor dem Messer Wonodongahs geschützt!«

Zum zweiten Male klang das Signal Eisenarms.

Die Spanierin stand unbeweglich, die hochgewölbten dunklen Brauen finster zusammengezogen, die Augen fest auf den Boden gerichtet.

Als sie sie wieder erhob, war der Indianer verschwunden. Schwere Schritte, Stimmen und das Klirren von Waffen klangen den Absturz herauf. – –

»Dolores, Señora Dolores, meine geliebte Braut, wo sind Sie?«

Es war der Graf! – –



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