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Der Eid.

Es war gegen Mittag desselben Tages, als der Graf mit seinen Leuten zur Hacienda zurückkehrte und seine schöne Braut nach all den überstandenen Gefahren in die Arme ihres Vaters zurückführte, der bereits durch einen Boten von ihrer Befreiung und Rettung benachrichtigt worden war.

Die Apachen waren vollständig geschlagen und eine genügende Strecke weit verfolgt worden, ehe er das Zeichen zum Sammeln und zur Rückkehr gab. Er selbst hatte die Señora nicht mehr verlassen, seit er zu ihr gekommen, und mit größter Aufmerksamkeit Sorge getragen, ihr den Weg von dem Felsen und nach der Hacienda zurück so leicht und bequem zu machen, wie möglich.

Señora Dolores hatte die wenigen Augenblicke benutzt die zwischen dem Verschwinden des Comanchen und dem Erscheinen des Grafen lagen, um wenigstens äußerlich ihre gewohnte stolze Kälte wieder zu erlangen. Sie hatte sich gegenüber den Aufmerksamkeiten des Grafen und den Freudenäußerungen seiner Freunde mit der Abspannung und Erschöpfung entschuldigt, die sie notwendigerweise fühlen mußte und so ihre Einsilbigkeit vollkommen erklärt. Auf die eifrigen Nachfragen des Grafen nach ihren Mitgefangenen und Fluchtgefährten gab sie die Antwort, daß der verwundete Preuße und das Indianermädchen in der Höhle zurückgeblieben und wieder in die Hände der Apachen gefallen wären, und daß ihre beiden Erretter sich aufgemacht hätten, die Gefangenen zu befreien.

Auch bestätigte sie, daß es in der That Lord Drysdale und sein Malaye waren, die sich den Apachen angeschlossen hatten.

Der Graf war mit diesem seltsamen Zusammentreffen der Personen und Ereignisse selbst zu sehr beschäftigt, um ihrem kalten wortkargen Wesen andere Aufmerksamkeit zu schenken, als daß er es den erlittenen Strapazen zuschrieb. So traf der Zug in der Hacienda ein.

Hier waren wenigstens die traurigsten Zeugen des Überfalls, die zahlreichen Toten, bereits beiseite geschafft, und die Verwundeten in einem der Nebengebäude untergebracht. Der Senator war seiner Tochter entgegengeeilt; er empfing sie und den Grafen mit aller Herzlichkeit, die sein stolzes, ceremonielles Wesen ihm nur gestattete, stellte beide als die künftigen Herren seines Eigentums den Bewohnern der Hacienda vor und verhieß dem Grafen zum Dank für das Wiederbringen seiner Tochter, daß, sobald die Apachen über die Sierra zurückgetrieben worden wären, die Hand seiner Tochter die seine werden solle.

Ein eigentümlicher, fast drohender Ausdruck glitt bei diesem Versprechen über das schöne Gesicht der spanischen Dame. Ihr Auge hatte jede Bewegung, jede Handlung ihres Verlobten genau beobachtet und gesehen, mit welcher Bewegung der Knabe Jean, der mit dem alten Avignoten eine Stunde vorher auf der Hacienda eingetroffen war, sich beim Wiedersehen an die Brust des Grafen warf, und wie er von diesem beruhigt wurde.

Die junge Haciendera übte noch die Pflicht der Hausfrau, für den Grafen und seine beiden Begleiter zwei Gemächer in dem Hauptgebäude anzuweisen, die sie nicht ohne Absicht von einander entfernt und der Art wählte, daß sie sie wohl beobachten konnte. Dann zog sie sich in die ihren zurück, um hier der erschöpften Natur Rechnung zu tragen.

Dies war gleichfalls das Bedürfnis aller Bewohner und Verteidiger der Hacienda. So sehr auch der Graf wünschte, seinen Sieg auf der Stelle weiter verfolgen zu können, so erklärten ihm doch seine Offiziere, daß dies unmöglich sei, und daß Menschen und Pferde mindestens vierundzwanzig Stunden Ruhe haben müßten. Der Graf mußte sich daher damit begnügen, für die Ausschlagung eines Biwaks auf dem Platz der früheren Corrals, die Aufstellung der nötigen Wachen und die Aussendung einiger der abgehärtetsten Rostreadores zu sorgen, welche die weiteren Schritte der Indianer beobachten sollten.

Die Späher erhielten zugleich den Auftrag, wenn sie auf Eisenarm und den Comanchen stoßen würden, diese mit zur Hacienda zu bringen.

Ein Stier wurde geschlachtet, der Haciendero gab mit offener Hand seine Vorräte preis, und bald erfüllte wieder der Lärm des Gelages und das unruhige Treiben der Schar die noch vor wenigen Stunden mit dem Blute von Freund und Feind getränkte Stätte. Als die Sonne untergegangen war und rasch die Rächt eintrat, suchte jeder die Ruhe und bald darauf lagen – mit wenigen Ausnahmen selbst die ausgestellten Schildwachen – alle in dem Schlaf tiefer Erschöpfung.

Don Carboyal, der sich hauptsächlich der Sorge für den gefangenen Häuptling angenommen, über dessen Person weiter zu bestimmen der Graf noch keine Zeit gefunden hatte, war für seine Sicherung bemüht gewesen. Sehr richtig schließend, daß, wer am meisten von seiner Grausamkeit zu leiden gehabt, ihn am sorgfältigsten bewachen würde, hatte er die Aufsicht über den Gefangenen Meister Slongh übertragen und ihm zwei handfeste Wächter zum Beistand gegeben.

Die Anordnung der Bewachung wäre in der That auch eine ganz zweckmäßige gewesen, wenn eben Meister Slongh nicht auch andere Dinge zu thun gehabt hätte, als auf den »Grauen Bär« und seine ermüdeten Wächter zu passen. Er war den Nachmittag über sehr geschäftig gewesen, seinen Kameraden von der Expedition und den Vaqueros der Hacienda im Monte oder im Handel nicht bloß ihre Barschaft, sondern auch die geringe Beute abzunehmen, die sie an den erschlagenen Apachen gefunden, und die in einigen plumpen Arm- und Ohrringen von edlen Metallen bestand.

Das Gefängnis des Häuptlings war eine Kammer im oberen Geschoß, deren schmales Fenster einer Schießscharte glich und jede Flucht unmöglich machte. Von ihren beiden Thüren ging die eine nach dem über dem Balkongemach der Señora liegenden Raum, und vor ihr hatten sich die beiden Wächter gelagert; die andere, fest und wohl verwahrt von innen, nach einem Eckzimmer des Hauses, demselben, das die Haciendera dem Knaben Jean, dem angeblichen Verwandten ihres Verlobten, als Schlafgemach hatte anweisen lassen. Die beiden Zimmer des Grafen und seines alten Dieners lagen an der entgegengesetzten Seite des nach dem Hofraum gleich einer Veranda offenen, nur von Jalousieen geschlossenen Korridors.

Meister Slongh hatte zwar mehrfach den ihm anvertrauten Gefangenen besucht, ihn doppelt und dreifach zusammenschnüren lassen, sodaß er sich nicht zu rühren vermochte, und bei jeder Gelegenheit ihn mit Fußtritten und Schimpfnamen verhöhnt, ohne daß der Häuptling dies auch nur mit einem Blick erwiderte; aber er benutzte, wie gesagt, jede Gelegenheit, sich fortzustehlen, und als der Abend kam, nach einem entfernten Schuppen des Hofes zu verschwinden, wo er in einem dunklen Winkel lange Unterredungen mit zwei Männern hielt, die dem lauten Treiben ihrer Kameraden aus dem Wege gingen und sich dorthin zurückgezogen hatten.

Diese Personen waren der Yankee und der Pirat. Der erstere zog es vor, dem Grafen aus dem Wege zu gehen und sich verborgen zu halten, bis er weitere Nachricht über das Schicksal seiner beiden Gefährten und ihr Verbleiben eingezogen hätte. Der andere war seit der Nachricht, daß der Engländer noch immer auf seiner Verfolgung begriffen sei, wieder kleinlaut und mürrisch, und seine Kampflust, die er in dem Blut der Indianer gekühlt, zeigte sich sehr verraucht. Meister Slongh hatte die beiden mit einander bekannt gemacht.

Nachdem der Methodist am Abend nochmals den beiden Wächtern des Gefangenen, wozu man als die Kräftigsten der ganzen Schar die beiden von ihren Schiffen entlaufenen englischen Matrosen gewählt hatte, die strengste Wachsamkeit empfohlen, zog er sich in den Schlupfwinkel seiner Gefährten zurück, ohne zu ahnen, daß die Zofe der Señora auf deren Befehl den beiden durstigen Kehlen eine Flasche scharfen Aguardiente am Abend zur Stärkung und Aufmunterung gebracht hatte.

Es war um Mitternacht, als sich die Thür leise öffnete, die aus den Gemächern der jungen Haciendera in die große Halle führte, und die Señora in einem leichten Nachtgewand in den Raum glitt, der nur von einer in kupfernen Ketten von der Decke hängenden Lampe erleuchtet war. Ihr Schein fiel auf die zahlreichen Schläfer, die, in ihre Ponchos gehüllt, auf dem Pflaster oder dürftigen Lagern von Maisstroh umherlagen, und deren sehr unharmonisches Schnarchen die tiefe Erschöpfung ihrer Körper bewies. Unter der Lampe lag auf einer Bahre, mit grünen Zweigen geschmückt, die Leiche des alten Haushofmeisters und an ihrer Seite auf seinen Knieen der junge Vaquero, der darauf bestanden hatte, bei dem Toten die Leichenwache zu halten. Aber sein guter Wille war gleichfalls der Ermüdung erlegen, sein Kopf auf die Bahre gesunken, und Gebetbuch und Rosenkranz der Hand entfallen.

Die Haciendera glitt wie ein Schatten zwischen den Schläfern hin bis zu dem Jüngling, legte die Hand auf seine Schulter und schüttelte ihn, anfangs leise, dann stärker, bis er erwachte.

Er wollte emporfahren und einen Ruf der Überraschung thun, aber die Hand der Señora verschloß seinen Mund.

»Schweige!« flüsterte sie. »Folge mir! Vorsichtig!« Sie gingen vor ihm her nach der Steintreppe, die aus der Halle in den oberen Stock führte. Auf dem Korridor, den sie betraten, und der durch das in die offenen Jalousieen entfallende Mondlicht genügend erhellt wurde, blieb sie stehen.

»Wo wird der Graue Bär gefangen gehalten?«

»In der Kammer zur Linken, Herrin, die an das letzte Gemach stößt. Seine Wächter befinden sich vor der Thür, Sie brauchen keine Besorgnis zu hegen, auch wenn sie schlafen sollten. Der rote Mörder ist gebunden und unfähig, sich zu rühren.«

»Thor! ich fürchte mich nicht! Geh und überzeuge Dich, ob die Männer schlafen – aber vorsichtig!«

Der Vaquero schlich sich an das offene Gemach, auch hier tönten ihm die Laute entgegen, welche unzweifelhaft einen tiefen Schlaf der Wächter verkündeten. Sie hatten sich quer vor die Thür gelegt, so daß jeder Fluchtversuch nach dieser Seite sie hätte wecken müssen.

Diaz kehrte zurück. »Sie schlafen fest, Herrin,« berichtete er. »Soll ich sie wecken?«

»Nein! Komm und schweige, was Du auch sehen und hören magst. Hast Du Dein Messer bei Dir?«

»Ja, Señora!«

Die Dame zögerte einen Augenblick, dann ging sie zu der Thür des den Korridor schließenden linken Eckgemachs und beugte lauschend den Kopf.

Kein Laut ließ sich hier hören.

»Der Verwandte des Señor Conde schläft hier,« flüsterte der Vaquero.

»Ich weiß, und Du sollst sogleich sehen, wie er schläft.« Sie drückte an der Thür, die sofort nachgab und sich öffnete. Die Haciendero trat in das Gemach, und als der Jüngling ihr gefolgt war, schloß sie die Thür und zündete eine kleine Lampe an, die sie bisher in der Hand getragen hatte.

Als das Licht seinen Schein verbreitete, bemerkte Diaz, daß das Zimmer und das Lager, das es enthielt, leer waren.

Ein finsteres und höhnisches Lächeln glitt über die Züge der Dame. Sie setzte die Lampe auf einen Tisch und blieb an diesem stehen.

»Ich weiß, Diaz, daß Du mir treu und ergeben bist!« sagte sie.

»Bis in den Tod, Señora,« beteuerte der junge Mann. »Bei der heiligen Jungfrau, Herrin, ich hätte Sie sicher auch in dem Thal der Verdammten nicht verlassen, wenn ich nicht gedacht hätte, es wäre besser, Beistand von der Hacienda zu holen. Deshalb allein folgte ich Kreuzträger, der beim Kampf in der Schlacht mein Leben gerettet hat.«

»Er ist ein braver Mann. Möchtest Du nicht etwas thun zu seiner Befreiung?«

»Gewiß, Señora, valgáme Dios! Nachdem mein Oheim tot ist, kenne ich keinen, für den ich lieber etwas thäte. Sie ausgenommen, Señora!«

»Du kannst leicht beides vereinigen. Verstehst Du die Sprache der Apachen?«

»Wenige Worte, Señora, was man bei Gelegenheit von den Jägern und Indianern lernt. Eisenarm hat mich einiges gelehrt, als er noch ein Tigrero des Señor Senador war.«

»Es genügt. Frage mich nicht, sondern thue, was ich Dich heiße, ich übernehme alle Verantwortung. Siehst Du die Thür hier?«

»Ja, Señora, sie führt von dieser Seite in die Kammer, in welcher der Gileno liegt!«

»Schiebe leise die Riegel zurück!«

»Wie Señora? die Thür ist zwar von festem Eichenholz, aber es könnte doch – –«

»Schweig' und gehorche!«

Der junge Mann, der voll Erstaunen war über die Handlungsweise seiner Gebieterin, that doch nach ihrem Gebot. Die Riegel, lange nicht in Gang, wichen nach einiger Anstrengung. Da in Mexiko höchstens durch solche die Thüren gesichert sind, bedurfte es nicht noch eines Schlüssels.

»Öffne ohne Geräusch und sieh nach dem Gefangenen!«

Der Vaquero folgte kopfschüttelnd dem Befehl; der Schein der Lampe fiel in die dunkle Kammer und ließ ihn die mächtige Gestalt des Häuptlings erkennen, der auf dem Estrich ausgestreckt lag.

Die funkelnden Augen des Indianers, dessen scharfe Sinne jedes Geräusch verfolgt hatten, waren mit dem Ausdruck eines gefesselten Wolfes auf die beiden Personen gerichtet, die so geheimnisvoll sein Gefängnis betraten. Einige Augenblicke schien die Haciendera das Wagnis zu überlegen, das sie vorhatte, dann winkte sie entschlossen dem Jüngling.

»Überzeuge Dich, daß seine Hände gebunden sind, Diaz,« sagte sie. »Dann durchschneide die Stricke an seinen Füßen und heiße ihn leise uns folgen.«

Der Vaquero trat erschrocken zurück. »Herrin! bedenke! es ist der Graue Bär!«

»Hast Du nicht Dein Messer?«

»Ja – aber – –«

» Presto! willst Du Dich denn vor einem gefesselten Manne fürchten? Gieb her!«

»Nein, Señora,« sagte entschlossen der junge Mann. »Wenn es denn einmal darauf ankommt, sich auszusetzen, so ist es besser, daß ich es thue. Maria santissima! sehen Sie, wie dieser rote Teufel seine Augäpfel rollt, gerade, als ob er uns verstanden hätte.«

»Wahrscheinlich versteht er spanisch genug, um zu begreifen, was ich befohlen habe, und das wird unser Gespräch sehr erleichtern. Gehorche schnell.«

Der Vaquero schlich mit aller Vorsicht zu dem Wilden, prüfte sorgfältig, ob die Lederstricke, die seine Arme und Hände auf dem Rücken zusammenschnürten, auch noch gut befestigt seien, und bückte sich dann.

Der Gileno streckte ihm die Füße entgegen – er hatte also verstanden!

Mit einigen Schnitten des scharfen Messers löste Diaz nicht ohne Zögern die Stricke, welche die Knöchel des Häuptlings so scharf zusammengeschnürt hatten, daß es einiger Augenblicke bedurfte, ehe das Blut wieder in Cirkulation trat. Sobald er dies fühlte, sprang der wilde Krieger mit einem Satz in die Höhe, so plötzlich, daß der junge Vaquero erschrocken zurückfuhr und das Messer fester faßte, bereit, es bei der geringsten weiteren Bewegung dem gefürchteten Indianer ins Herz zu stoßen.

Aber der Gileno blieb, nachdem er sich so plötzlich erhoben, ohne Bewegung stehen, sein finsteres Auge auf die Dame geheftet.

Die Señora winkte ihm. »Tritt näher, Häuptling!«

Geräuschlos, gleich der Schlange, die sich über das Gras windet, glitt der Häuptling in das Nebenzimmer.

»Verstehst Du unsere Sprache?« fragte die Señora.

Der Gileno nickte.

» Muy bien! das erleichtert uns vieles. Diaz, tritt an die Thür und merke auf, daß niemand uns stört. Es ist jetzt nicht nötig, daß Du hörst, was ich mit dem Indianer zu verhandeln habe.«

Der junge Vaquero zögerte nochmals. »Bei der heiligen Jungfrau, Señora, ich darf es nicht wagen, Sie unbeschützt zu lassen.«

Die Haciendera lächelte spöttisch. »Beruhige Dich, Knabe,« sagte sie. »Ich habe mich für alle Fälle vorgesehen.«

Sie schlug, so daß es der Häuptling sehen konnte, die Falten ihres Obergewandes zurück und zeigte auf einen kleinen Revolver in ihrem Gürtel. Diaz ging schweigend nach der Thür, von wo er jedoch die Gebieterin und den Indianer nicht aus dem Gesicht verlor, obschon er das, was sie redeten, nicht verstehen konnte, da das Folgende in leisem Ton gesprochen wurde.

Die Señora war, ohne die geringste Furcht zu zeigen, auf etwa zwei Schritt zu dem Gefangenen getreten.

»Der Graue Bär,« sagte sie, »ist ein berühmter Krieger. Er hat zum zweitenmal dieses Haus betreten, aber er hat jedesmal Unglück gehabt und ist jetzt ein Gefangener, wie ich gestern noch die seine war.«

Der Indianer blieb stumm, sein Blick starrte in die Luft.

»Will der tapfere Häuptling der Apachen frei werden?«

Die Augen des finstern Kriegers warfen einen Moment lang einen Flammenstrahl. Dann antwortete er mit verächtlichem Lächeln: »Makotöh ist ein Häuptling. Die Zungen der Weiber mögen ihren Witz an den Knaben üben. Makotöh wird lachen zu den Martern seiner Feinde.«

»Häuptling,« sagte die Spanierin mit entschlossenen! Ausdruck, »es ist Wahrheit, was ich Dir biete. Du hast bereits gesehen, daß ich die Macht dazu habe.«

Der Indianer dachte einige Augenblicke nach, dann hob er den Kopf und sah die Señora forschend an.

»Die Bleichgesichter,« sagte er, »geben nichts umsonst, sie fordern für ihr Pulver, das Feuerwasser und die Decken, die sie den roten Männern bieten, ihr Gold und die Beute ihrer Jagd. Was verlangt die Tochter des Mannes mit den hundert Häusern von einem roten Krieger?«

»Du hast recht, Makotöh, wenn Du meinst, daß ich keine solche Thörin sein würde, ohne Bedingung Dir die Freiheit zu geben. Ich habe meine Zwecke und stelle Dir zwei Forderungen.«

»Rede! meine Ohren sind geöffnet.«

»Wohl, Du siehst mich hier frei und als die Herrin über Dein Leben vor Dir stehen. Als Makotöh mit seinen Kriegern gegen das Haus meines Vaters zog, haben meine Freunde mich befreit und seine Wachen getötet.«

»Ihr Tod war gerecht. Warum waren ihre Augen nicht offen?«

»Höre weiter! Auf unserem Wege hierher ist ein Freund in die Hände der Deinen gefallen, der Mann, den Ihr El Crucifero nennt!«

Die Augen des Häuptlings funkelten. »Es ist gut! Der Tod eines Häuptlings wird leicht sein, wenn er weiß, daß der schlimmste Feind seines Volkes ihm vorangegangen ist.«

»Ich glaube nicht, daß Deine Kameraden den wackern Mann sogleich getötet haben, der übrigens volle Ursache zur Feindschaft gegen Deine Nation hat. Ich sah ihn selbst heute morgen als Gefangenen von den Reitern des Fliegenden Pfeil auf der Flucht mitführen.«

»Ein Apache hört gern das Geschrei seines Feindes am Marterpfahl.«

»Ich fürchte, so ist es, und sie haben seines Lebens bloß geschont, um ihn ihrer Rache zu überliefern. Ich möchte mich gern dankbar gegen den Mann bezeigen. Wenn ich Dir zur Flucht verhelfe, willst Du ihn als Lösegeld für Dich frei geben?«

»Makotöh ist nur ein Indianer, die Büchse Cruciferos tötet ihrer viele!«

»Bedenke, daß Du das Haupt der Apachen bist, und daß er seine Tochter zu rächen hat!«

»Die Feuerblume würde ihre Stelle in dem Wigwam eines Häuptlings eingenommen haben. Es ist gut! El Crucifero soll ihr zurückgegeben werden, wenn er noch am Leben ist!«

»Du schwörst es mir?«

»Bei meinem Totem! es wird geschehen.«

» Bueno! ich habe gehört, daß ein Indianer nie diesen Schwur bricht. Aber dies ist für Deine Freiheit, Häuptling, Du schuldest mir noch Dein Leben; denn wäre mir das Geringste geschehen, so hätten sie Deine Glieder von Pferden zerreißen lassen!«

Der Gileno lächelte verächtlich. »Die Bleichgesichter sind Weiber in ihren Martern! Was verlangst Du?«

Die Haciendera sah ihm fest ins Gesicht, in ihren zusammengezogenen Brauen lag ein dämonischer Haß.

»Der Graue Bär ist ein tapferer Krieger,« sagte sie langsam. »Dennoch ist er heute von dem Häuptling der Bleichgesichter besiegt worden wie ein Hund!«

Die Augen des Apachen schienen Feuer zu sprühen bei dieser Erinnerung und die Adern auf seiner Stirn schwollen blaurot.

»Makotöh,« sagte er, »ist nicht von einem Manne besiegt worden. Es war ein Zauberer der Bleichgesichter, der die Kräfte von zehn Büffeln in seiner Hand hat!«

»Thor! er ist ein sterblicher Mann wie Du! Er vermag weder Deiner Büchse noch Deinem Tomahawk zu widerstehen. Du sollst ihn töten! Das ist der Zweck, weshalb ich Dir Leben und Freiheit schenke!«

Der Indianer schüttelte das Haupt. »Makotöh,« sagte er, »kann mit den Kriegern fechten, nicht mit bösen Geistern. Seine Waffen sind stumpf gegen sie.«

Die Señora stampfte unwillig mit dem Fuße auf. »Ich hatte einen Mann in Dir zu finden erwartet, nicht eine abergläubische Squaw. Dein Volk ist besiegt, hundert Deiner Brüder sind erschlagen! Morgen wird der Graf aufs neue mit seinen Soldaten ausziehen, um Euch gänzlich zu vernichten, und der Graue Bär der Apachen hat nicht einmal den Mut, für seine Nation zu kämpfen!«

»Gieb mir die Freiheit, Weib,« sagte der Apache finster, »und Makotöh wird morgen an der Spitze der roten Krieger sein Blut vergießen. Aber er vermag nichts gegen den bösen Geist mit dem schlimmen Blick. Wenn die Feuerblume seinen Tod wünscht, muß sie eine andere Hand suchen!«

»Wohl denn! Du sollst dennoch frei sein, um an der Spitze Deiner Krieger diesen fremden Verrätern entgegen treten zu können. Ich werde einen Tapferern finden, um mich zu rächen, den Kreuzträger oder Eisenarm.«

Der Apache lächelte verächtlich. »Makotöh ist ein großer Krieger. Es ist nur einer in der Prairie, der ihm nahe steht!«

»Und wem erkennst Du denn nach Dir den ersten Rang?«

»Er ist der Feind Makotöhs. Es ist der Jaguar der Toyahs, obschon die Mutter, die ihn gebar, schlechter als eine Hündin war!«

Diese offene und gewissermaßen hochherzige Anerkennung seines jungen Nebenbuhlers schien einen tiefen Eindruck auf die Dame zu machen. Sie preßte die Hand auf die Brust und atmete schwer. »Gut!« flüsterte sie, »ich wollte es auf anderem Wege versuchen, aber es soll so sein! – Häuptling, Du sollst dennoch frei sein, obschon Du Dich weigerst, das Werkzeug einer gerechten Strafe zu werden, indem Du Deinen eigenen Feind vernichtest! Komm hierher, Diaz, und lege die Riegel wieder vor jene Thür.«

Der Vaquero gehorchte; die Señora blieb einige Augenblicke in tiefem Nachdenken, dann schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben.«

»So wird es gehen! Hast Du einen Lasso zur Hand, Knabe?«

»Es hängen ihrer genug draußen an der Wand.«

»Gut, so komm! Häuptling, Du sollst uns folgen, tritt leise auf, daß wir die Schläfer nicht wecken.«

Sie blies die Lampe aus und ging durch die Thür des Zimmers, die sie ebenso anlehnte, wie sie sie vorhin gefunden hatte; der Häuptling, noch immer mit gefesselten Händen, folgte ihr wie ein Schatten, Diaz, das Messer in der Hand, machte den Beschluß. In dieser Reihe stiegen sie die wenigen Stufen zu der Plattform des Daches hinauf, von dem aus am Morgen vorher der Senator die Verteidigung geleitet hatte.

Auf den Befehl der Dame band der Vaquero zwei der Lederstricke an einander und knüpfte sie an die Karonade. Dolores selbst warf das andere Ende über die Mauer.

Der helle Mondschein lag auf dem Abhang, auf dem sich in kurzer Entfernung das Biwak der Schar des Grafen befand. Menschen und Pferde waren aber so erschöpft von den vorhergegangenen Anstrengungen, daß sich kein Laut hören ließ. Die Feuer waren niedergebrannt, und selbst die in einiger Entfernung ausgestellten Wachen schienen auf ihren Posten zu schlafen.

»Häuptling,« sagte flüsternd die Dame, »ich bin im Begriff, Deine Fesseln zu lösen und Dir die Freiheit wiederzugeben. Es ist kein anderes Mittel, Dich ungefährdet aus der Hacienda zu bringen, als dieser Weg. Du wirst Deinen Totem halten, wie es einem berühmten Krieger zukommt!«

»Der rote Mann hat nur eine Zunge! Die Bleichgesichter haben ihrer viele!«

»So sei es denn, und mögen dem Verräter tausend Feinde erwachsen, wie ich hier seinem Hochmut einen neuen erstehen lasse!«

Sie nahm das Messer aus der Hand des Vaquero, der keinen Widerspruch mehr wagte, und zerschnitt selbst die Stricke, welche die Hände des Häuptlings fesselten.

Der Apache riß sie auseinander, dehnte die Muskeln seiner Arme und war im Begriff, ohne sich mit einem Wort des Dankes aufzuhalten, sich über die Brüstung der Plattform zu schwingen und an dem Lasso niederzugleiten, als er plötzlich ein leises »Hugh!« ausstieß und sich in den Schatten der Krenelierung zurückwarf.

»Was ist? was siehst Du?«

Die Augen des Gileno funkelten in wildem Triumph, als er mit einer leichten Bewegung der Hand nach dem Grunde wies. »Die roten Männer haben ihre Augen offen! Die Feuerblume wird den Schlachtruf eines Häuptlings hören und in seinem Wigwam wohnen!«

Ein kurzer Blick hatte die Señora belehrt, was der Grund dieser wilden Drohung war: über den Raum zwischen dem Biwak der Soldaten des Grafen und dem Hause glitt eine Gestalt, das Mondlicht zeigte deutlich, daß es ein Indianer war, indem e8 selbst die Adlerfedern auf seinem Haarschopf sehen ließ.

In einem Augenblick erkannte Dolores die ganze Unklugheit ihres Thuns, und der jähe Schreck lähmte ihre Zunge, denn sie glaubte sich verloren und aufs Neue in den Händen der Wilden. Während ihre Hand aber nach dem Revolver in ihrem Gürtel fuhr, sah sie mit Erstaunen, daß der Gileno die schon erhobenen Arme sinken ließ und sich ruhig auf die zersprungene Karonade setzte.

Sein schärferes Auge hatte ihm gezeigt, daß der Nahende nicht zu seinen Freunden gehörte, und der leise ausgestoßene Ruf: »Wonodongah!« belehrte sie über den Grund des seltsamen Benehmens und beseitigte ebenso rasch wieder ihren Schrecken.

Schweigend, gleich dem Gileno beobachtete sie mit Erstaunen die Annäherung des Toyah, den noch kurz vorher der wilde und gefürchtete Häuptling als seinen einzigen Rivalen auf der Prairie bezeichnet hatte.

Der junge Comanche kam mit leichten unhörbaren Schritten über den Grund. Er schien sich der vollkommensten Sicherheit bewußt und sehr wohl mit dem Umstande bekannt, daß das Biwak so gut wie gänzlich unbewacht war. Er trug in seiner Hand einen Gegenstand, den die Señora anfangs nicht zu erkennen vermochte. Dann sah sie, daß es ein Kranz von den duftigen Blüten des Suchilbaums war.

Der Toyah glaubte sich offenbar unbeobachtet. Er blieb einige Augenblicke vor dem Hause stehen und ging dann zu dem vergitterten schmalen Fenster, das aus dem gewöhnlichen Schlafzimmer der jungen Haciendera ins Freie sah. Als Dolores mit weiblicher Neugier, was er thun würde, sich über die Brüstung lehnte, bemerkte sie, daß er sich gewandt zu dem Gitter emporgeschwungen hatte und den Kranz an den Eisenstäben befestigte.

Ein Gedanke fuhr ihr durch den Sinn, und sie führte ihn alsbald aus.

Als der Comanche bereits im Begriff war, sich auf dieselbe Weise zu entfernen, wie er gekommen, fesselte der leise Ruf seines Namens seinen Fuß.

Er blieb stehen und schaute empor.

»Wonodongah!«

Sein scharfes Auge erkannte sofort die Gestalt der Dame.

»Der süße Ton des Canzonte dringt an das Ohr eines Wanderers. Die Herrin der hundert Häuser ist in ihr Eigentum zurückgekehrt. Warum liegt sie nicht in tiefem Schlaf, da ihre Freunde für sie wachen, und träumt von ihrem Verlobten?«

»Ich habe einen Auftrag für Dich.«

»Die Worte der Feuerblume sind ein Befehl für Wonodongah. Sie rede!«

»Ein Mann wird sofort zu Dir niedersteigen. Gieb mir Dein Wort, daß Du ihn sicher durch das Lager der Soldaten führst und über die Wachen hinaus.«

»In den Augen aller Krieger der Bleichgesichter ist Schlaf,« erwiderte lächelnd der Indianer. »Aber er komme.«

»Gut, ich danke Dir. Wer es auch sei, frage nicht um die Ursache und vollziehe meinen Willen. Jetzt, Häuptling, ist es Zeit – Dein Weg ist sicher.«

Der Gileno schwang sich ohne Gruß, ohne Dank, ohne ein Wort zu verlieren, über die Brüstung und fuhr an dem Lederstrick nieder auf den Grund.

Einen Augenblick standen die beiden roten Krieger, die beiden Todfeinde, kaum zwei Schritte von einander, der Toyah die Hand an den Griff seines Tomahawk gelegt, als er den Häuptling der Gilenos erkannte.

Makotöh erwiderte furchtlos seinen drohenden Blick.

»Seit wann zerfleischen sich die Wölfe unter einander, wenn der Jäger auf ihrer Fährte ist?«

»Hugh! Ein Häuptling redet die Wahrheit: Der Graue Bär der Gilenos möge mir folgen!«

Die beiden Indianer schritten über den Grund und verschwanden in den Schleiern des Mondlichts.

»Laß die Lassos hängen und kehre zu Deiner Leichenwache, Diaz,« sagte die Señora, dem jungen Vaquero die Hand reichend. »Schweige über alles, was Du gehört und gesehen, und sei meiner Dankbarkeit gewiß!«


Es war eine Stunde später, als aus dem Schatten hoher Felsen, eine Legua von der Hacienda entfernt, zwei rote Krieger traten.

Ein langes schmales Thal lag vor ihnen und dehnte sich weit hinein nach Osten in das Innere der Sierra.

Der vordere der beiden Indianer blieb stehen, es war der junge Toyah.

»Die Wachen der Bleichgesichter sind hinter uns,« sagte er, »kein weißer Mann mehr wird den Pfad eines Häuptlings kreuzen, wenn er seinem Stamme folgt. Die Apachen sind nach dem Aufgang der Sonne gegangen!«

»Gut. Ein Toyah kann der Feuerblume sagen, daß er sein Versprechen gelöst hat.«

»Bedarf Makotöh einer Waffe, um zu seinen Kriegern zurückzukehren?«

»Nein!«

»Der Graue Bär der Apachen hat Wonodongah aus den Krallen seines Bruders gerettet. Wir sind quitt. Aber er hat den Vater und die Mutter des Jaguar getötet und seine Verwandten. Ihre Skalpe bleichen in dem Rauch seiner Hütte.«

»Makotöh ist ein großer Häuptling!« sagte der Gileno stolz.

»Mein roter Bruder redet die Wahrheit,« fuhr der Toyah fort. »Er wird einem jungen Krieger sein Recht nicht verweigern. Wann gedenkt er ihn zu treffen?«

»Wenn zum dritten Male das große Gesicht des Mondes aufgeht.«

Der Toyah ließ sich eine Bewegung der Überraschung entschlüpfen. Durch einen seltsamen Zufall war es dieselbe Zeit, welche die drei Entdecker der geheimnisvollen Goldhöhle zu ihrem zweiten Rendezvous bestimmt hatten.

»Gut – es sei! Bis dahin wird der Krieg der Bleichgesichter gegen die roten Männer entschieden sein.«

»So möge mein junger Bruder den Ort nennen!«

»Makotöh kennt die Quelle des Flusses, den die Bleichgesichter den Bonaventura nennen.«

»Ich kenne sie.«

»Es stehen drei Biberbäume in ihrer Nähe. Der große Häuptling der Apachen wird den Jaguar mit zwei Freunden zu der bestimmten Zeit an dieser Stelle finden.«

»Drei Häuptlinge werden dort, und Makotöh wird einer von ihnen sein. Hat mein roter Bruder noch sonst einen Wunsch?«

»Die Schwester Wonodongahs ist in den Händen der Apachen geblieben, weil sie einen verwundeten Freund nicht verlassen wollte.«

»Es ist gut! Die Streitaxt zwischen einem Gileno und einem Toyah ist begraben, bis der Mond sich dreimal erneut hat. Sie wird unter dem Schutze Makotöhs stehen, bis der große Geist unsern Streit entscheidet.«

»Ich danke dem Häuptling der Apachen. Möge sein Weg leicht sein.«

Ohne weiteren Gruß wandte sich der Toyah und kehrte auf dem Wege zurück, den er gekommen, während der Graue Bär mit dem leichten elastischen Schritt, der die indianischen Krieger auszeichnet, durch das Thal weiter ging.

So trennten sich die beiden Todfeinde, nachdem die Herausforderung gegeben und angenommen worden war.


Der nächste Morgen und Vormittag brachte ein sehr lebendiges Leben und Treiben auf die Hacienda del Cerro.

Die Flucht des Apachenhäuptlings wurde natürlich bald entdeckt, und der Graf ließ Slongh und die beiden Matrosen dafür in den Bock legen. Die Lassos von der Plattform des Daches zeigten, auf welche Weise der Häuptling aus der Hacienda entkommen war und die tiefe Erschöpfung, der alle unterlegen, machte es erklärlich, daß niemand die Flucht bemerkt hatte. Den Grafen verdroß sie hauptsächlich deshalb, weil er dadurch verhindert wurde, mit der Person seines Gefangenen die Freilassung Kreuzträgers und des Preußen zu erkaufen, für welche er aufrichtige Zuneigung hegte.

Die ausgesandten Späher kehrten am Morgen mit der Nachricht zurück, daß die Apachen sich in südöstlicher Richtung und in das Gebirge zurückgezogen hätten, wahrscheinlich, um sich mit den andern Stämmen der Nation und den für den Einfall verbündeten Comanchen zu vereinigen. Don Carboyal bestand auf einer eiligen Verfolgung, und der Graf selbst hielt diese für notwendig und beeilte mit aller Energie den Aufbruch seiner Kompagnieen.

Zwischen allen diesen Geschäften und Anordnungen fand er jedoch Zeit, seiner schönen Verlobten die Huldigungen eines galanten Kavaliers und glücklichen Bräutigams darzubringen, die von der Señora ganz in der alten Weise aufgenommen wurden. Nur ein scharfer Beobachter und ein solcher war nicht einmal Suzanne, da sie mit ihrem eigenen Leid genug zu thun hatte, – würde von Zeit zu Zeit den verborgenen Hohn ihrer Antworten und den finstern drohenden Blick schwer beleidigten Stolzes bemerkt haben, den ihr Auge schoß, wenn sie sich unbeobachtet glaubte.

Bei allen zurückgekehrten Spähern hatte sich der Graf sorgfältig nach Eisenarm und Wonodongah erkundigt, aber niemand konnte Auskunft über sie geben, und Diaz, der einzige, der seit der Flucht aus dem Krater den Comanchen gesehen, hütete sich wohl, davon zu sprechen.

In einer Beratung der Offiziere wurde beschlossen, die Hacienda als den Ausgangspunkt der weiteren Operationen zu betrachten und deshalb hier unter dem Befehl Racunhas eine kleine Besatzung zurückzulassen, während Don Estevan zugleich die Verbindung mit San Guaymas und der Konföderation der Kaufleute und Grundbesitzer unterhalten sollte. Das Gouvernement von Sonora und Chihuahua sollte von den Operationen des Grafen in Kenntnis gesetzt werden, um nach gemeinsamem Plane gegen die Indianer operieren zu können.

Der Senator wiederholte sein Versprechen, daß die Vermählung des Paares sofort nach der völligen Besiegung des Einfalls stattfinden solle und zeigte sich immer mehr erfreut über die Verbindung und stolz auf seinen künftigen Eidam. Er zweifelte nicht mehr an dem Erfolg aller seiner geheimen Pläne.

Jean und Bonifaz erhielten vom Grafen den Befehl, in der Hacienda zurückzubleiben. Doña Dolores schien das größte Wohlwollen für den Verwandten ihres Verlobten zu empfinden, kam dessen kühler Zurückhaltung mit der liebevollsten Sorgfalt entgegen und wußte ihre Absichten und Gefühle so vollständig zu verbergen, daß weder der Graf noch anfangs Suzanne das Geringste von ihrer Entdeckung zu ahnen vermochten.

Von dem ersteren erhielten Racunha und Bonifaz den geheimen Auftrag, während ihrer Anwesenheit in der Villa die Nachforschungen nach dem Trapper und seinem indianischen Freunde fortzusetzen.

Unter diesen Vorbereitungen war der Tag und die Zeit der Siesta vergangen, und der Graf hatte endlich den Befehl zum Aufbruch seiner Schar geben können, als das plötzliche Erscheinen Kreuzträgers ihn noch einmal aufhielt und alle auf das freudigste überraschte.

Der alte Wegweiser kam, zwar ohne Waffen, aber auf einem Mustang aus der Richtung der Sierra und wurde, als er am Thor der Hacienda vom Rücken des Tieres sprang, das ihn hierher getragen, von dem Jubelruf seiner Kameraden und aller Bewohner des Gutes begrüßt. Er war zwar ohne Büchse, aber sonst unverletzt und selbst unberaubt; auf seiner Brust glänzte noch das verhängnisvolle Kreuz und im Gürtel seines Jagdhemdes steckte das seltsame Abrechnungsbuch mit seinen Feinden.

Die Erzählung des Alten von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung war ebenso überraschend wie seine Erscheinung. Nachdem er am Ausgang des Kraters von den auflauernden Gilenos überwältigt worden war und jeden unnützen Widerstand aufgegeben hatte, nur erfreut über das glückliche Entkommen seines jungen Gefährten, hatte man ihm zwar seine Waffen genommen, sonst ihn aber mit einer gewissen Scheu und Schonung behandelt, die er offenbar seinem furchtbaren Rufe verdankte. Der Triumph, den gefürchteten Feind ihrer Nation endlich in ihren Händen zu haben, schien die Apachen später selbst ihre Niederlage vergessen zu machen. Er war Zeuge gewesen, wie die Krieger des Fliegenden Pfeils, von dem Signal des Verräters Lopez herbeigerufen, in die Höhle des Kraters gedrungen waren. Wenn ihre Erwartungen, als sie das Entkommen Eisenarms und seines Gefährten mit der Haciendera bemerkt hatten, auch schwer getäuscht worden waren, und sie dadurch auch anfangs wahrscheinlich zu Handlungen blutiger Grausamkeit veranlaßt wären, so war doch ein feierlicher Gesang, den der Malaye angestimmt, von der besten Wirkung. Der seltsame Krüppel galt ihnen als geistesgestört, und man weiß, welche Scheu selbst die blutgierigsten Wilden vor solchen Wesen haben, und wie sehr sie sich hüten, diese zu verletzen. Die Schrecken der plötzlichen Explosion erhöhten diese Gefühle, und als Mechokan die junge Comanchin erkannte, und Lord Drysdale den Verwundeten für seinen Gefangenen erklärte, war jede Gefahr selbst für diesen beseitigt. Die Mimbrenos führten die Zurückgebliebenen aus dem Krater und den Berg hinab zu dem Ort, wo sie ihre Pferde untergebracht hatten. Hier war es, wo Kreuzträger zum letzten Male Windenblüte und den verwundeten Offizier gesehen hatte, denn als bald darauf die ersten Flüchtlinge von der Hacienda her das Mißlingen des Angriffs und die vollständige Niederlage der Indianer verkündet hatten, trennte man ihn von seinen früheren Gefährten, und er sah nur noch, wie diese von dem Malayen und dem verräterischen Courier begleitet auf Pferden und mit großer Sorgfalt bewacht, von einem Trupp weiter zurückgeführt wurden, während man ihn selbst unter Beobachtung der bisher gezeigten Schonung nach einer andern Seite hin in Sicherheit brachte.

Er wußte übrigens sehr wohl, was diese zu bedeuten hatte und welchem Schicksal sie ihn aufsparen sollte, wenn es dem Grafen und seiner Schar nicht gelingen würde, ihn zu befreien. Er war noch Zeuge des beginnenden Gefechts, wurde aber im Lauf desselben auf den Befehl des »Fliegenden Pfeil« immer weiter zurückgeführt und mußte endlich jede Hoffnung aufgeben, obschon er später aus den Gesprächen der Krieger vernahm, daß sie auch hier von dem Grafen besiegt worden.

Der tapfere Widerstand der Mimbrenos hatte jedoch die anfängliche Flucht der Krieger des Grauen Bären, der Schlange und des gefallenen Häuptlings der Lipanesen in einen sicheren Rückzug verwandelt, den die Weißen bei ihrer Erschöpfung und geringen Anzahl nicht zu stören vermochten. Die Krieger der verschiedenen Stämme, oder vielmehr die Reste der früheren Banden, waren zu ihren Lagerplätzen zurückgekehrt, hatten die bisher gemachte Beute aufgeladen und dann nach geschehener Verabredung ihren weiteren Rückweg in das Gebirge angetreten, um sich mit den anderen Abteilungen in südlicherer Richtung zu vereinigen, wie die Späher des Grafen richtig vermutet hatten. Erst am Abend hatten die Reste der vier Stämme, durch die Versprengten verstärkt und jetzt noch immer eine Schar von fünfhundert Kriegern bildend, vereinigt ein Lager auf einem geeigneten Platz aufgeschlagen und einen Kriegsrat gehalten. Der boshafte und grausame Häuptling der Mescaleros hatte jetzt als der Älteste den Oberbefehl übernommen, da man glaubte, daß der Graue Bär von den Weißen getötet sei, und aus den kurzen Worten seiner Wächter entnahm der Wegweiser, daß man beschlossen habe, am Morgen mit seiner Marterung die Geister der Erschlagenen zu versöhnen.

Bei dem großen und schrecklichen Ruf, den ihr Gefangener hatte, versäumten die Apachen keine Vorbereitung, um nach den Gebräuchen ihres Volkes seinen Tod so feierlich wie möglich zu machen. Kreuzträger ergab sich in sein Schicksal und war bereit, die Martern, die ihn mit seinen vorangegangenen Lieben wieder zusammenführen sollten, zu erdulden, wie schrecklich auch die Grausamkeit Wis-con-tahs sie ersinnen würde, als plötzlich kurz nach Sonnenaufgang das Erscheinen Makotöhs im Lager seinem Schicksal eine andere Wendung gab.

Es erfolgte eine Beratung der Häuptlinge, in welcher der strenge Wille des Grauen Bären den Sieg über alle Winkelzüge der Schlange und den Widerspruch Mechocans davontrug, und Makotöh erschien, von den Häuptlingen begleitet, vor dem alten Mann, um ihm seine Freilassung zu verkünden.

»El Crucifero,« sagte der Häuptling, »ist frei. Er möge zu den Bleichgesichtern zurückkehren. Meine jungen Leute werden ihn begleiten, bis er das Antlitz seiner Freunde sehen kann.«

Der Wegweiser hatte mit Erstaunen diese Verkündung angehört. »Rothaut,« sagte der Alte, »ich habe so viel Böses von Dir und Deinem Volk erfahren, daß ich das Geschenk meines Lebens aus Deiner Hand verschmähe. Wenn Gott gewollt hat, daß ich in Eure Hände gefallen bin, so füge ich mich seinem Willen und bin bereit, zu sterben.«

»Makotöh ist ein großer Häuptling,« erwiderte der Gileno. »Er war in den Händen der Bleichgesichter und hat geschworen auf seinen Totem, El Crucifero an seine Stelle zu senden. Ein Gileno hält sein Wort.«

Erst jetzt begriff der Alte, daß es sich um einen Austausch handelte, aber er war ehrlich genug, seine Bedenken nicht zurückzuhalten.

»Der Graue Bär,« sagte er, »weiß, daß ich ein Feind seines Volkes bin. Kennt er mich?«

»Du bist der Vater des Weißen Rehs. Ein Weib ist aus dem Wigwam eines Häuptlings geschieden.«

»Dann weißt Du auch, daß zwischen uns Fehde auf Leben und Tod ist, und daß, wenn ich von hier gehe, diese Hand nicht ruhen wird, bis sie den Schatten meiner gemordeten Kinder an Dir und jenem Teufel gerächt hat!«

Der Gileno zuckte mit Verachtung die Achseln. »Geh!« sagte er, »Dein Haupt ist weiß! Meine jungen Krieger wissen jetzt, daß El Crucifero keinen Zauber hat und ihnen nicht mehr gefährlich ist!«

Ein Hohngelächter der Bande folgte diesen Worten des Häuptlings. Der alte Mann fühlte, daß der geheimnisvolle Nimbus, welcher bisher seinen Namen und seine Rache umgeben, gebrochen war, und daß er nicht das Recht hatte, sie über die Grenze auszudehnen, die Gottes Fügung ihm gesetzt hatte.

In bedrückter Stimmung, von den Apachen fortan unbeachtet, verließ er das Lager, auf den Befehl des Grauen Bären, der den Absichten der Schlange mißtraute, von zwei jungen Kriegern begleitet, die ihm stumm das Geleit gaben, bis man die ersten Streifer der Mexikaner erblickte.

Das war, was der Bericht Kreuzträgers zum Teil erzählte, zum Teil erraten ließ, ohne aufzuklären, wie der gefangene Häuptling der Gilenos zu dieser Verpfändung seines Wortes gekommen. Kreuzträger selbst mutmaßte später, daß die Befreiung des Grauen Bären auf geheimen Befehl des Grafen durch den jungen Vaquero erfolgt sei und machte gegen den letzteren auch einige Andeutungen darüber. Diaz hütete sich jedoch wohl, darauf einzugehen. Dagegen schloß er sich desto enger an den alten Mann und schien in ihm nicht bloß den Gefährten der bestandenen Abenteuer, sondern auch den Ersatz und Nachfolger seines erschlagenen Verwandten zu sehen. Auf seine Bitten und auf den Wunsch der Señora hatte er von dem Senator die Erlaubnis erhalten, sich dem Expeditionskorps des Grafen anschließen zu dürfen, und manchen Abend verbrachten die beiden zusammen am Biwakfeuer in der Erinnerung an die vorangegangenen Kämpfe und Gefahren.

Auch fehlte es ihnen keineswegs an neuen in der nächsten Zeit; durch die Nachrichten, die der Wegweiser geben konnte, wurde der Angriffsplan des Grafen wesentlich bestimmt, und noch an demselben Abend brach die Expedition auf. – – – – – – – – – – –


In den nächsten zwei Monaten war Graf Boulbon in seinen Unternehmungen gegen die Indianer auf allen Punkten glücklich, obgleich ihn bald der Neid und die Intriguen der eingeborenen Behörden im Stich ließen, ja, ihm vielfache Hindernisse in den Weg legten.

Seiner Energie und der Unterstützung des Senators allein dankte er ihre Überwindung, obschon der fortwährende Kampf mit Trägheit, Zwiespalt und Bosheit ihn verbitterte. Es konnte ihm bald nicht verborgen bleiben, daß selbst in seiner kleinen Schar geheimer Einfluß Intriguen spann und zu Unzufriedenheit und Verrat anreizte. Die zusammengelaufene, aus so vielen heterogenen Elementen bestehende Gesellschaft konnte nur durch eiserne Strenge beherrscht werden. Die rastlose Tätigkeit des Führers, die fortwährenden Anstrengungen in der Verfolgung der indianischen Banden, die, leichter beweglich als ihre Gegner, sich auf Sengen und Plündern beschränkten, – namentlich aber die Mannszucht, die er hielt, und der Umstand, daß der Krieg eben nur Mühseligkeiten und wenig Beute bot und der erschlagene Feind nicht der Plünderung lohnte, vermehrte diese Unzufriedenheit und das Murren.

Zweimal während dieser Zeit blieben sogar die versprochenen Subsidien der Regierung und der Junta der Grundbesitzer und Kaufleute infolge widerstrebender Machinationen aus, und der persönliche Kredit des Senators mußte das zur Besoldung der Truppe nötige Geld herbeischaffen. Daß dies alles nicht dazu diente, die ohnehin reizbare Laune des tapfern Franzosen zu verbessern, läßt sich denken. Durch die Abwesenheit der beiden einzigen zuverlässigen und anhänglichen Freunde, die er besaß, Suzannes und des Avignoten, sowie des ehemaligen preußischen Offiziers, auf den er großes Vertrauen gesetzt, und von dessen Schicksal noch immer keine sichere Kunde gekommen war, wurde sein Gemüt verbittert und seine Handlungen rücksichtsloser, ja selbst grausame Härte verschafften ihm bald einen furchtbaren Ruf bei Freund und Feind und drohten die ritterlichen Eigenschaften seines Charakters zu verdunkeln.

Um jene Zeit tauchten zuerst in Pariser Blättern wieder der Name des Grafen und die wunderbarsten Erzählungen von seiner modernen Argonautenfahrt auf. Ja, selbst die geheimen Pläne des kühnen Abenteurers auf die Gründung eines souverainen Staates Sonora wurden Gegenstand geheimnisvoller Andeutung und Besprechung, und der nach allem Neuen begierige abenteuerliche Geist der französischen Nation wendete sein Interesse von der großen Staatsumwälzung, die das Land unter der Hand eines ebenso kühnen, aber schlaueren und glücklicheren Geistes erfahren, dem Geschick des verbannten Bourbons zu, in dessen Adern allein noch das Heldenblut Heinrichs IV. zu fließen schien.

Die Pariser Zeitungen waren damals voll von wahren und falschen Nachrichten über den Grafen. Die Cercles des Faubourg-Saint Germain, die alten Schlachtgefährten von Algerien erinnerten sich, daß der Abkömmling des alten Königgeschlechts einen unehelichen Sohn zurückgelassen hatte, und der junge Zögling von St. Cyr wurde ein Gegenstand der Aufmerksamkeit – wenigstens für einige Zeit. Aufrufe zur Unterstützung des Grafen erfolgten und es bildete sich in der That eine Gesellschaft jener unruhigen abenteuerlustigen Elemente, an denen Paris nie Mangel hat, und denen jede Regierung mit Vergnügen den Abfluß nach außen öffnet. Aber ehe die Expedition wirklich zustande kam, traf das Gerücht von der geheimnisvollen und furchtbaren Katastrophe ein, die allen Spekulationen ein Ende machte, vorläufig auch den politischen, die, wie man wissen wollte, bereits das neue Kabinett der Tuilerien ins Auge gefaßt haben sollte.

Mehr noch, wie selbst in Paris, erregten die kriegerischen Erfolge des Grafen die Aufmerksamkeit in Mexiko, der Hauptstadt des Landes und dem Sitz der Föderalregierung.

Daß die Person des Grafen und seine Unternehmungen bei den politischen Wirren, die damals den mexikanischen Staat zerrissen, und den Intriguen, die um die Präsidentur gesponnen wurden, für die Regierung und die geheimen Bewerber von um so größerer Bedeutung wurden, und man ihn bald zu fürchten begann, ist sehr erklärlich. Im Laufe des Feldzugs gegen die Indianer, der mit deren Zurücktreibung in die Einöden Apachiens und des Rio del Norte endigte, waren geheime Unterhändler sowohl Santa Annas als des Generals Avalos in das Feldlager des Grafen gekommen, um ihn durch Versprechungen aller Art für ihre Auftraggeber zu stimmen. Graf Boulbon hielt jedoch, getreu den mit seinem künftigen Schwiegervater verabredeten geheimen Plänen, äußerlich an der Partei des gegenwärtigen Präsidenten Cevallos fest, bis die günstige Zeit zur Aufdeckung ihrer eigenen Pläne gekommen wäre.

Von diesen – nämlich den auf die vollständige Losreißung der Sonora und Chihuahuas und ihre Proklamation als selbständiges Königtum mit der Wahl des Bourbonen zu seinem Beherrscher gerichteten Plänen – verbreitete sich aber seltsamer Weise bald das Gerücht in der mexikanischen Presse, sei es aus Mißtrauen hervorgegangene Präsumtion, sei es aus geheimen Nachrichten und Andeutungen entstanden. Sicher ist, daß von vielen geheimen Schritten und Plänen der Verbündeten auf unerklärtem Wege die Nachricht sofort in die Öffentlichkeit drang.

Trotz dieses Verrats nahmen jedoch die Vorbereitungen der beiden Männer einen raschen Fortgang und die Aussicht auf die Erfüllung ihres geheimen Plans steigerte sich bei der anscheinenden Unthätigkeit der Gegner mit jedem Tage. Die Besiegung der Indianer machte den Namen des Grafen trotz seines stolzern und strengern Auftretens und der Unzufriedenheit in seiner Schar bei der Menge populär, während das Gold und der Einfluß des reichen Haciendero nach anderen Seiten hin den Erfolg des beabsichtigten Pronunciamentos vorbereiteten. Was seine wilde und unbändige Kohorte betraf, so hoffte der Graf, daß ihre Unzufriedenheit in dem Augenblick schwinden würde, wo er ihr ein neues und vielversprechendes Ziel bot.

Zweimal im Laufe der zwei Monate war Don Esteban nach Guaymas zurückgekehrt, zweimal hatte der Graf auf kurze Zeit die Hacienda besucht, wo seine schöne Braut zurückgeblieben. Jedesmal hatte ihn der Teniente Carboyal begleitet, den der Graf absichtlich nicht allein bei der Expedition zurücklassen wollte, da er ihm mit Recht mißtraute.

Dolores blieb sich in ihrem Benehmen gegen den Verlobten gleich, der ihrer Neigung und ihrer Person so sicher zu sein schien, daß er – von seinen Plänen erfüllt – weniger als früher sich um jene Aufmerksamkeiten und mitunter sehr seltsamen Galanterieen kümmerte, welche die mexikanischen Damen verlangen, ja, sie sogar hochmütig vernachlässigte. Mit jedem Besuch wuchs ihr geheimer Haß, denn sie wußte sehr wohl, wo er die Nächte seines Aufenthalts in der Hacienda zubrachte.

Die Sympathieen und Antipathieen des Herzens sagten Suzanne, daß sie in der Señora eine Feindin besaß, ja, daß diese wahrscheinlich ihr Geheimnis kenne oder ahne; denn sie überraschte die Haciendera bei dem täglichen Umgang oft auf beobachtenden Blicken. Aber sie wagte es nicht, mit dem Grafen davon zu sprechen, fürchtend, daß er ihrer Warnung andere Beweggründe unterlegen oder gar das schwache Band, das ihn noch an sie fesselte, ganz zerreißen würde.

Der Einfall der Indianer konnte jetzt als vollständig abgeschlagen gelten. Zwischen den Völkerschaften der Apachen und Comanchen waren schon während des Krieges wieder die alten Zwistigkeiten ausgebrochen, durch die Schlauheit der mexikanischen Agenten hervorgerufen und genährt, und die Krieger der beiden Nationen hatten sich wieder nach der großen Wüste Bolson und den gewöhnlichen Wohnstätten ihrer Stämme zurückgezogen. Die Sonora war gänzlich von ihnen gesäubert, und nur in den öden Gebieten des Staates Chihuahua im Westen der Sierra de los Patos trieben sich noch einzelne Indianerbanden umher.

Von Kreuzträger oder dem Toyah und seiner Schwester war keine Kunde weiter nach der Hacienda gekommen, doch wußte die Señora, daß sich ihr roter Anbeter in der Nähe aufhalten mußte, denn häufig fand sie am Morgen an den Gitterstäben ihres Fensters einen Kranz duftiger Blumen befestigt, wie ihn Wonodongah in der Nacht der Befreiung seines Feindes gebracht hatte. Der einzige, der einige nähere Kunde zu haben schien, war Master Slongh, der mit dem Piraten unter der kleinen Besatzung der Hacienda zurückgeblieben war und, seit der Yankee sich nach dem Abzug des Grafen gleichfalls aus dieser entfernt hatte, häufige Ausflüge in die Sierra machte unter dem Vorwande, ein großer Freund der Jagd zu sein und dem Wilde Fallen zu stellen. Aber selbst gegen Hawthorn, der sich hütete, die Mauern der Hacienda zu verlassen, ließ er sich nicht über die wahren Zwecke seiner Abwesenheit aus.


Zwei Monate etwa waren vergangen.

Die sinkende Sonne vergoldete die Hacienda und die Berge um sie her.

Keine Spur der Zerstörung und des blutigen Kampfes, der noch wenige Wochen vorher hier getobt, war mehr zu sehen – im Gegenteil hatte sich alles in ein festliches Gewand gekleidet. Die bunten Farben Mexikos mit den Lilien der Bourbonen wehten in hundert Flaggen und Fahnen von den Dächern der Gebäude und den Mauern der Hacienda, Kränze und Guirlanden schmückten die luftigen Veranden, und selbst die Hörner und Mähnen der Tiere in den Corrals waren mit Blumen und Bändern geziert. An allen Ecken und Vorsprüngen sah man die Vorbereitungen glänzender pyrotechnischer Schauspiele: Feuerwerk und Illumination, in den Papierhülsen und chinesischen Laternen befestigt, und eine Bande schwarzer Musikanten paukte und cymbelte einstweilen lustig drauf los in dem Hof der Hacienda, wo an einem mächtigen Feuer die Anstalten getroffen waren, einen großen Ochsen in seinem Fett zu braten.

Es war der Hochzeitstag der jungen und schönen Gebieterin all dieser Reichtümer. In einer Stunde sollte Louis Aimé Graf Raousset Boulbon mit seiner tapferen Schar eintreffen und dann sofort die Trauung mit Señora Dolores an dem blumengeschmückten Altar stattfinden, der vor dem Mittelgebäude im Hofe der Hacienda errichtet war.

Die schöne Braut, reich mit Diamanten geschmückt, stand auf der Plattform des Hauses und schaute mit leerem, starrem Blick auf das muntere Leben und Treiben zu ihren Füßen. Der Senator, ihr Vater, hatte sie soeben verlassen, um im Hofraum noch einige Anordnungen zu treffen, und nur Don Carboyal, der Adjutant des Gouverneurs, der am Tage vorher mit Diaz von Aribechi eingetroffen war, befand sich an ihrer Seite. Auch seine Augen waren nach der Ebene gerichtet.

Plötzlich wandte sich die Dame zu ihm.

»Glauben Sie bestimmt, Señor Assistente,« fragte sie mit scharfem Ton, »daß die Abteilung zur rechten Zeit hier sein wird?«

»Volaros versichert es. Er hat sie gestern verlassen, um dem Courier des Grafen zuvor zu kommen. Jetzt harrt er ihrer Ankunft an der Furt, und er wird zur rechten Zeit hier sein, wenn er das Signal sieht.«

»Und Ihre Anstalten sind alle in Ordnung?«

»Vollständig, Señora – vorausgesetzt, daß wir uns auf Ihren Entschluß und Ihre Festigkeit verlassen können.«

»Heilige Jungfrau! ich wünschte, daß Ihr Männer nur den hundertsten Teil der Entschlossenheit eines beleidigten Weibes hättet! Lassen Sie mich noch einmal die Bedingungen wiederholen, Señor Assistente, unter denen wir Bundesgenossen sind.«

»Ich bin ganz zu Ihrem Befehl!«

»Don Juarez sichert meinem Vater einen Sitz in dem Kongreß zu Mexiko!«

»Die Partei der Patrioten wird glücklich sein, ein so wichtiges Mitglied der Grundbesitzer in ihre Reihen treten zu sehen. Aber ich fürchte noch immer, daß die thörichten Pläne …«

»Lassen Sie das meine Sache sein. Hätte es in meinen Absichten gelegen, diese Pläne des Fremden zur Ausführung kommen zu lassen, so hätten zehn Gouverneure, wie Don Juarez, es nicht zu hindern vermocht. Don Estevan wird sich auf einige Zeit nach Puebla zurückziehen, vorausgesetzt …«

»Hier ist die Ernennung des Señor Senador zum Präsidenten des obersten Gerichtshofes.«

»Von einem ehemaligen Advokaten erwirkt und ausgestellt,« sagte die Dame mit Hohn, indem sie das Papier zurückwies. »Don Juarez scheint seinen Weg etwas zu rasch zu machen und zu vergessen, daß seine Partei noch keineswegs am Ruder des Staates sitzt.«

»Aber sie wird dahin kommen, Señora, Sie kennen diesen Mann nicht!«

»Er ist mir beinahe ebenso verhaßt, wie der Franzose,« sagte sie hochmütig. »Doch genug davon! Ich wünsche nur, unser Eigentum hier im Westen in diesen Zeiten ewiger Unruhe gesichert zu sehen, während mein Vater sich auf seine Besitzungen in Puebla zurückzieht. Der Aufenthalt in der Sonora ist mir verleidet worden.«

»Und darf Ihr Sklave nicht erfahren, wie Sie den Bruch mit diesem hergelaufenen Abenteurer herbeizuführen gedenken?« fragte der Mexikaner. »Überlegen Sie wohl, daß er einen Akt der Gewalt verüben könnte, da Sie nicht wollen, daß die Truppen der rechtmäßigen Regierung vorher die Hacienda besetzen, um Ihnen Schutz zu gewähren.«

»Seien Sie unbesorgt, Señor Teniente! Seien Sie nur zur rechten Zeit hier, sobald Sie die grüne Schärpe sehen, die mein Mädchen aus dem Fenster über dem Balkon ausstecken wird. Und sehen Sie, dort kommt, glaub' ich, Ihr Mann!«

Sie wies auf einen Reiter, der im Galopp auf der Straße vom Fluß daherkam.

»Und dort, Señora, naht Ihr Bräutigam, der König der Sonora!« Dann ließ er sich plötzlich vor ihr auf ein Knie nieder. »Wenn es mir gelingt, den Verräter zu stürzen und zu vernichten – wird die schöne Dolores, die wahre Königin aller Herzen, sich herablassen, ihr Versprechen zu halten und die Hoffnungen ihres getreuesten Sklaven zu erfüllen?«

»Ich habe meine Hand dem Gouverneur von Puebla versprochen!«

Er sprang auf. »Dann, Señora, ist sie in drei Monaten die meine. Auf Wiedersehen denn am Altar!«

Während der fernen Flintenschüsse, welche die Annäherung der Kolonne des Grafen Boulbon verkündeten, eilte er die Treppe hinab, warf sich außerhalb des Thores auf ein Pferd und sprengte dem von der anderen Seite nahenden Reiter entgegen.

In zehn Minuten hatte er diesen erreicht – es war der Soldat, der so wacker zur Verteidigung der Hacienda beigetragen hatte.

»Halten Sie gefälligst, Señor Escobedo,« sagte er, »ich habe mit Ihnen dringend zu reden.«

Der Courier, den Graf Boulbon nach San Guaymas geschickt hatte, parierte etwas ungeduldig sein Pferd.

»Was befehlen Sie, Señor Teniente? Befindet sich Seine Excellenz in der Hacienda?«

»Seine Excellenz,« sagte der Adjutant spöttisch, »werden in einer halben Stunde dort sein. Indes wird sie immer noch zeitig genug Ihre Botschaft hören.«

»Wie, Señor, so wissen Sie –?«

»Der Bote des Gouverneurs ist bereits vor zwei Stunden hier eingetroffen.«

» Cuerpo de tal! So wissen Sie also auch, daß die Dragoner der Regierung hierher unterwegs sind?«

»Ich hoffe, sie werden in kurzem hier sein.«

»Der Conde muß es sogleich erfahren. Lassen Sie mich vorüber, Señor Teniente, wenn es Ihnen gefällig ist. Man hat bereits eine Legua von hier versucht, mich aufzuhalten, indem man aus einem Dickicht nach mir schoß.«

»Dieser Volaros ist ein Dummkopf,« sagte ruhig der Adjutant. »Aber, Señor Capitano, Sie dürften am besten thun, trotz jener Kugel mit mir zu ihm zurückzukehren.«

»Ich verstehe Sie nicht, Señor Assistente. Ich bin ein einfacher Soldat des Conde Boulbon und Überbringer eiliger Nachrichten –«

»Für deren Verzögerung um eine Stunde ich die Ehre habe, Ihnen ein Patent als Kapitän im Namen Seiner Excellenz des Gouverneurs Don Juarez anzubieten, da Señor Volaros Sie gefehlt hat!«

»Ach – ich verstehe! Und Sie haben wirklich Vollmacht?«

»Vollständige. Das Blankett braucht nur mit Ihrem Namen ausgefüllt zu werden. Ich hoffe. Sie noch als General zu begrüßen, wenn Sie sich unserer Partei anschließen.«

Der Abenteurer verbeugte sich. »Ich küsse Euer Excellenz die Hand und stehe ganz zu Ihrem Befehl.«

Auf einen Wink des Offiziers wandte er sein Pferd und galoppierte mit ihm den Weg zurück, den er eben gekommen war. – – –

Immer näher kamen die Freudensalven der heranziehenden Schar und wurden von den Bewohnern der Hacienda mit Jubelruf und Flintenschüssen erwidert. Man weiß, wie sehr es der Südländer, namentlich auch der Mexikaner liebt, bei allen Gelegenheiten Pulver zu verknallen. Hüte und Schärpen wurden von der Höhe der Mauern geschwenkt, Feuerwerk in die helle Tagesluft verpafft, und als jetzt die Kompagnieen des Grafen, etwa hundertfünfzig Mann an der Zahl, an den Mauern der Hacienda vorüberzogen, um durch eines der Thore ihren Einmarsch zu halten, fiel ein Regen von Blumen auf sie nieder.

Die Schar des Grafen gewährte einen noch abenteuerlicheren Anblick, als sie bei ihrer Ausschiffung und jener Parade bot, welche der Gouverneur von Guaymas in San José über sie zu halten versucht hatte. Die Strapazen des kurzen Feldzuges und die Büchsen und Pfeile der Indianer hatten wohl ein Dritteil der kühnen Männer, die sich in San Francisco hatten anwerben lassen, hinweggerafft oder zerstreut, aber noch immer waren genug von dem alten Stamm übrig, um eine furchtbare Macht zur Ausführung jedes kühnen Anschlags zu bilden, dessen Gelingen bald wieder das Zehnfache der Zahl um die Fahne des kühnen Franzosen sammeln mußte. Das wußte der Graf sehr wohl, und deshalb hatte er auch nur diesen Stamm seiner Kompagnieen nach der Hacienda zurückgebracht.

Der Graf selbst, noch immer das schöne und wilde Pferd reitend, das ihm der Gouverneur von Guaymas in so boshafter Weise verehrt, sprang am Thor aus den Bügeln, als er hier den Senator, umgeben von seiner Dienerschaft, ihn erwarten sah, umarmte ihn aufs Herzlichste und erkundigte sich sogleich nach seiner schönen Braut.

»Mögen Sie tausend Jahre leben, Señor Conde,« sagte der alte Spanier, »mein Haus und alles, was ich besitze, sind zu Ihren Diensten. Treten Sie ein, mein Sohn, und empfangen Sie aus meiner Hand den Lohn Ihrer Tapferkeit, der das Blut der Monteras, eines der edelsten von Kastilien und Arragon, mit dem des Königsgeschlechts von Frankreich verbinden soll – – und ihm wieder den Weg zu einem Throne öffnen wird!« fügte er leise hinzu.

Der Graf küßte nach spanischer Sitte den Hausherrn auf beide Wangen. »Ist mein Bote aus San Fernando zurück?« flüsterte er.

»Noch nicht, ich erwartete ihn vergeblich. Ich habe alle Anstalten dafür getroffen, daß wir morgen früh bereits nach dem Westen aufbrechen können.«

»Vortrefflich, Señor suegro!« Schwiegervater. sagte der Graf einigermaßen zerstreut. »So lassen Sie mich denn meiner schönen Braut meine Huldigung darbringen und mit ihrer Erlaubnis alsdann, sobald ich die Kleidung gewechselt, die heilige Ceremonie vor sich gehen, die mein Glück sichert, und zu der Ihre Güte, wie ich sehe, bereits alle Vorbereitungen getroffen hat.«

»Señores,« rief der Senator, »machen Sie es sich bequem, und nehmen Sie vorlieb mit allem, was die Hacienda del Cerro ihren tapferen Errettern zu bieten vermag, die ich mich herzlich freue, wiederzusehen!«

Ein hundertfaches Viva el Señor Senador! beantwortete die gastfreie Einladung, und im Nu war die ausgelassene und wilde Schar der Abenteurer über den Hofraum verbreitet und mit den alten Bewohnern und Dienern, derselben vermischt. Hundert Erzählungen von bestandenen Abenteuern und Erkundigungen nach gefallenen Kameraden wurden im Fluge ausgetauscht, und die Krüge mit Mescal und Aguardiente, sowie die Flaschen und Lederschläuche mit dem Amontilado und Paquareta, dem feurigen Wein des Landes, gingen von Hand zu Hand. Mit dem Eintritt der Soldaten des Grafen hatte das Fest begonnen.

Diesen hatte die Hand des Senators unterdes zu den Stufen der mittleren Veranda geführt, auf deren obersten in ihrem Rohrsessel, von ihren Dienerinnen umstanden, die Señora saß. Der Graf beugte mit ritterlicher Galanterie ein Knie vor der Schönen, nahm aus seinem Jagdhemd zwei Adlerfedern, die Kopfzier eines berühmten Häuptlings, den er in einem der Gefechte mit eigener Hand getötet, und legte ihr die Trophäe zu Füßen.

»Señora,« sagte er, »die Hand, die Ihre Heimat von den Indianern befreit hat, streckt sich nach dem schönsten Schatz des Landes aus. In den Augenblicken wilden Kampfes hat mir diese Stunde als Lohn vorgeschwebt, und ich komme, die Erfüllung Ihres süßen Versprechens zu erbitten.«

Die Dame spielte nachlässig mit den beiden Federn. »Seien Sie willkommen, Señor Conde! Bitte, sagen Sie mir, war dieses reiche Brautgeschenk vielleicht der Kopfputz des Grauen Bären?«

Eine dunkle Röte schoß bei den ironischen Worten über das Gesicht des Franzosen. »Es ist seltsam, Madonna,« sagte er stolz, indem er sich erhob, »daß ein Mann zum zweiten Male es wagt, dem Grafen Raousset Boulbon entgegenzutreten. Auch Ihr indianischer Häuptling hat es nicht versucht, so sehr er es auch wünschte. Diese Federn schmückten das Haar eines Comanchenführers, des Roten Adlers, der ebenso berühmt sein soll, wie der Häuptling der Gilenos, und meines Wissens war das Diadem der Inkas von Mexiko und ihrer Gemahlinnen auch mit Federn geschmückt!«

»Sie haben recht, Señor Conde,« erwiderte ruhig die Dame, »doch ist die Erinnerung eine unglückliche; denn die Frauen der alten Herrscher dieses Landes genossen leider nicht die Segnungen des Christentums und die Rechte einer einzigen rechtmäßigen Gattin.«

Der Graf brach das Gespräch geschickt ab, das ihm nicht zu gefallen schien. »Erlauben Sie, teure Dolores,« sagte er, »daß ich mich einige Augenblicke zurückziehe, um auch äußerlich des Glückes würdig zu erscheinen, das mich erwartet.«

Die Haciendera machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Fächer. »Ihre Gemächer, Señor Conde, und Ihre Freunde erwarten Sie!«

Der Graf beurlaubte sich mit einer höflichen Verbeugung, und ging der Treppe zu, die nach dem oberen Stockwerk führte. Auf der ersten Stufe hatte er Bonifaz, seinen alten Getreuen, bemerkt und nahm ihn am Arm.

»Du hast meinen Brief bekommen?« fragte er.

»Ja, Monsieur! Ihre Befehle sind vollzogen.«

»Und wie erträgt sie die Notwendigkeit?«

»Sie ist entschlossen, noch diesen Abend nach Veracruz abzureisen, und ich, Monseigneur, bitte um die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen.«

Der Graf blieb auf der Treppe stehen, sein Wink hatte alle Begleiter verabschiedet.

»Wie, Bonifaz, mein alter Freund, Du willst mich verlassen? Aber doch hoffentlich nur für die Reise bis zur Küste?«

»Ich sehne mich danach, Monseigneur, Frankreich wiederzusehen,« sagte der alte Mann. »Die napoleonische Luft ist immer noch besser, als diese Atmosphäre mexikanischer Falschheit und Spitzbüberei, die uns hier umgiebt, und ich kann die arme Kleine nicht allein zu unserm Kinde zurückkehren lassen, da Sie nun einmal Lust haben, ein vollständiger Mexikaner zu werden. Pardious! wer mir das gesagt hätte, als ich den steifen Spanier und seine hochmütige Tochter nach San Francisco brachte – der Teufel hätte mich eher zu einem Frikassee hacken sollen!«

»Murrkopf – Ihr bedenkt nicht, daß es eben zu unser aller Besten geschieht!«

» Ca! ça! – indes, jeder ist seines Schicksals Schmied! – Suzanne erwartet Sie, um Ihnen Lebewohl zu sagen vor dieser verfluchten Heirat!«

»Wo?«

»In ihrem Gemach. Das arme Ding wird Sie nicht lange aufhalten. Nur noch eins! Sie wissen doch, Monseigneur, daß der mexikanische Lump, der Leutnant Carboyal, ein Kerl, dessen konfisziertem Gesicht ich nicht über den Weg traue, vor zwei Stunden einen Courier aus dem Westen empfangen hat?«

»Kein Wort! Wo ist der Teniente? ich sah ihn noch nicht.«

»Der Teufel weiß, wohin, ich habe mich nicht um ihn bekümmert. Aber ich warne Sie, Louis, trauen Sie dem Boden hier nicht; der einzige Ehrliche scheint mir noch der Senator zu sein, aber er ist blind wie ein Maulwurf vor lauter Ehrgeiz und Hochmut, und jener gelbhäutige Schuft macht sich etwas zu dreist an die Señora!«

Der Graf lachte sorglos. »Wenn Du weiter keine Bekümmernis hast, Alter! Doch nun geschwind, bringe meine Kleidung in Ordnung zur Trauung. Ich verlange, daß Du mein Brautführer bist, dann magst Du thun, was Dein Gewissen verlangt!«

»Monseigneur, Ihre Uniform finden Sie hier!« Er öffnete die Thür zu dem Zimmer Jeans. Der Graf trat ein und blieb betroffen stehen, als aus dem Hintergründe des Gemachs sich eine Frau erhob und ihm langsam entgegenkam.

»Suzanne –! In dieser Kleidung – welche Unvorsichtigkeit!«

»Es ist die meines Geschlechts, Aimé! Laß sie mich tragen in dem Augenblick, wo wir für immer scheiden!«

Der alte Avignote hatte sich außen vor die Thür gestellt, niemand sollte die wenigen Augenblicke stören, die den beiden noch gehörten. – – – – – – – – – –

Die halbe Stunde, die der Graf für seine Toilette sich erbeten, war verflossen, die Glocke der Hacienda rief zu der Messe, die der Trauung vorangehen sollte, die Thore des Hofes wurden geschlossen, und alle versammelten sich um den Altar.

Der Senator kam, noch einmal seine Tochter zu umarmen, ehe er den Bräutigam zu holen ging. Sein Gesicht strahlte von Stolz und ehrgeizigen Hoffnungen, so daß er die kalte und finstere Haltung seiner Tochter gar nicht bemerkte. Er hatte sie kaum verlassen, als diese den jungen Vaquero zu sich winkte.

»Diaz,« sagte sie, »Du weißt, daß wir Verbündete sind. Bei dem heiligen Kreuz von Puebla, ich werde für Deine Zukunft sorgen. Jetzt nimm dieses Band,« sie reichte ihm die grüne Seidenschärpe, die sie getragen, »und sobald der Graf die Treppe herabgekommen, gehe in das Gemach über dem Balkon und knüpfe sie an das Gitter. Dann kehre in den Hof zurück und halte Dich an dem Thor zur Linken auf, um es sofort zu öffnen, wenn Einlaß begehrt wird. Hast Du mich verstanden?«

»Ja, Señora!«

»So gehorche! dort kommen sie, und ich will Dein Glück machen!«

In der That erschien bei dem zweiten Läuten der Glocke der Graf an der Seite seines zukünftigen Schwiegervaters. Er trug, wie bei seiner Ausschiffung in San Fernando, die französische Oberstenuniform und auf seiner Brust verschiedene Orden. Seine Haltung war ruhig und würdevoll, auf seiner Stirn lag tiefer Ernst, selbst eine gewisse Trauer, das Ergebnis der vorangegangenen Scene!

Hinter dem Grafen kam sein alter Diener, Bonifaz der Avignote.

Der Franzose schritt auf die Señora zu, die ihn bewegungslos erwartete. Er bot ihr mit einer Verbeugung den Arm und führte sie die Stufen der Veranda hinab und zu den beiden mit blühenden Orangenzweigen geschmückten Betpulten, die man für das Brautpaar vor dem Altar aufgestellt hatte. Die ganze Versammlung warf sich alsbald aus die Kniee und der Priester begann die heilige Messe zu lesen.

Señora Dolores hielt ihr von dem langen Schleier umwalltes Haupt tief auf ihr Gebetbuch und die gefalteten Hände niedergebeugt, als sammle sie Kraft zu dem wichtigsten Akt ihres Lebens.

Dem Psalm folgte der Hymnus, das Symbolum und das Opfer, die ganze Schar der Andächtigen responsierte, und selbst die Andersgläubigen wohnten in achtungsvollem Schweigen und mit entblößten Häuptern der heiligen Handlung bei, bis der Segen gesprochen war und der Priester das Brautpaar zum Altar rief.

In diesem Augenblick hörte man ein fernes Geräusch, wie von weither näher und näher anschwellendem Donner.

Die Braut hob ihr Haupt, und eine leichte Röte flog über ihr Gesicht, während ihr Auge über den Hofraum schweifte und auf Diaz haften blieb.

Auch der Graf, der Pole Morawski und mehrere der Soldaten und Vaqueros hatten den Kopf erhoben, ihr mit dem Klange vertrautes Ohr erkannte in dem nahenden Geräusch den Galopp einer Pferdekolonne.

Unterdes nahm die Ceremonie ihren Fortgang.

» Horace Aimé Graf von Raousset Boulbon,« fragte der Priester, »Marquis de Tremblay, willst Du diese hier gegenwärtige hochedle Jungfrau Doña Dolores da Sylva Montera zu Deiner ehelichen Gemahlin nach den Satzungen der heiligen katholischen Kirche nehmen?«

»Ich will!«

»Jungfrau Doña Dolores da Sylva Montera, willst Du diesen hier gegenwärtigen Señor Horace Aimé Grafen von Raousset Boulbon zu Deinem ehelichen Gemahl nehmen?«

» Nein, Señor Padre, denn der Señor Conde hat bereits eine Frau!«

Die Worte wurden langsam und gemessen gesprochen, aber ihre ruhige Stimme hatte einen so klaren festen Ton, daß er bis zu den entferntesten Mitgliedern der Versammlung drang.

Einige Augenblicke stand diese wie vom Blitzstrahl getroffen oder zu Stein geworden, kein Laut wurde hörbar, so unerwartet war der Widerspruch gekommen. Selbst der Senator starrte seine Tochter erschrocken an und glaubte falsch gehört zu haben.

In diesem Moment, während draußen ein wütender Galopp näher brauste, unterbrach die Stille der Erstaunens ein Ruf von der Höhe der Galerie her.

»Aimé, hüte Dich! Die Dragoner des Gouverneurs kommen!«

Den Augen der Menge zeigte sich eine bleiche Frau, in ein dunkles spanisches Gewand gekleidet, die auf der offenen Veranda des ersten Stockes in Angst die Hände rang.

Der Galopp der fremden Reiter hörte plötzlich vor dem Kommando: Alto! auf – Waffen klirrten – drei Schläge donnerten an das Thor.

» Abrite la puerto! Im Namen der Konföderation!«

Die Hand der Señora wies nach der Frauengestalt zwischen den Jalousieen. »Ehrwürdiger Herr und Sie, mein Vater, dort sehen Sie, daß ich die Wahrheit gesprochen. Caballeros – ich stelle mich unter Ihren Schutz!«

Sie trat von der Seite des Grafen zurück, der allein vor dem Altar stehen blieb, aller Blicke auf sich gerichtet.

»Um der heiligen Jungfrau willen, Señor Conde, was soll dies bedeuten? Reden Sie, erklären Sie uns –«

Ehe der Graf, der wie ein Träumender umherstarrte, bald auf die Braut, bald auf Suzanne, deren Angst sich in einem Thränenstrom Luft machte, antworten konnte, wurde von Diaz das Thor geöffnet und der Assistente des Gouverneurs, Don Carboyal, ritt in den Hof, gefolgt von einem halben Dutzend Dragoner, die sich hinter ihm aufstellten. Durch die geöffneten Flügel sah man draußen eine lange Reihe Dragoner, der besten Kavallerie, die Mexiko besitzt.

Neben dem Leutnant ging, sein Pferd am Zügel, der Soldat Escobedo, der Courier des Grafen.

Bei dem Anblick seines heimlichen Feindes hatte dieser seine volle Ruhe wieder gefunden. Er stand noch auf der nämlichen Stelle, wo die Señora ihn verlassen hatte, die Arme über der Brust gekreuzt, sein stolzes Gesicht, obschon blaß, zeigte Ruhe und Sicherheit.

»Willkommen, Señor Escobedo, mein getreuer Bote!« sagte der Graf, »und besonders in so guter Gesellschaft. Ich durfte erwarten, Sie bereits hier zu finden.«

»Euer Excellenz werden das alte Sprüchwort kennen, daß manche Botschaft immer noch zeitig genug kommt! Was die Gesellschaft dieser Herren betrifft, so genieße ich solcher Ehre erst seit einer Stunde.«

»Ohne viel Worte, Mann,« sagte der Graf streng. »Geben Sie mir die Briefe des Kommandanten Muñoz.«

Der Mexikaner zuckte die Achseln. »Ich bedauere aufrichtig, Euer Excellenz nicht dienen zu können. Señor Muñoz hat keine Zeit zu schreiben.«

»Und warum nicht?«

»Weil er eben dringend mit seinem Beichtvater beschäftigt war, um sich für das wichtige Geschäft des nächsten Morgens vorzubereiten.«

»Welches Geschäft?«

»Der tapfere Kommandant des Forts von San Fernando hatte unglücklicherweise die Bestimmung, gehängt zu werden, und seine Seele muß jetzt längst im Fegefeuer sein.«

»Gehängt? Ventre saint gris! wer sollte es gewagt haben …«

»Seine Excellenz der Herr Gouverneur Don Juarez hat »ihn dazu verurteilt, nachdem die Regierungstruppen wieder das Fort besetzt haben.«

»Das Fort besetzt? und meine Schiffe?«

»Man hat sie nach San Francisco zurückgeschickt. Die gesetzlichen Behörden sind, dank der tapferen Besiegung der Indianer durch Euer Excellenz, jetzt wieder vollkommen befestigt, und ich freue mich. Euer Excellenz anzeigen zu können, daß auch meine geringen Verdienste in der Ernennung zum Kapitän des stehenden Heeres ihre Anerkennung gefunden haben.«

Der neue Schlag war so unerwartet, daß der Graf bei der ironischen und dreisten Weise, in der er ihm angekündigt wurde, die Antwort schuldig blieb.

Aber er war noch keineswegs zu Ende.

Don Carboyal hielt noch immer zu Pferde und hatte mit boshaftem Vergnügen die Scene beobachtet. Jetzt aber nahm er das Wort.

»Señor Conde,« sagte er, »es freut mich, von der Regierung beauftragt zu sein, Euer Excellenz und all diesen tapferen Herren den Dank des Präsidenten Cevallos und der Junta der Staaten Sonora und Chihuahua zu überbringen. Die Regierung ist erfreut, schon heute imstande zu sein, die mobile Armee auflösen zu können und bewilligt den tapferen Soldaten und Offizieren einen zweimonatlichen Sold, der ihnen sofort ausgezahlt werden soll. Auch stellt sie jedem anheim, die Ansprüche an die zugesagte Landentschädigung am Rio del Norte geltend zu machen, wo neue Kolonieen angelegt werden sollen, oder in Alamos mit dem Grade eines Unteroffiziers bis zum Range des Kapitäns in das stehende Heer einzutreten. Ihnen, Señor Conde, behält die Regierung sich vor, in Arispe, wohin ich die Ehre haben werde, Ihnen das Geleit zu geben, bei der Abrechnung ganz besonders ihren Dank und die Anerkennung Ihrer Verdienste um Mexiko auszudrücken.«

»In Arispe? Also an der Grenze der Freistaaten?«

»Die Regierung glaubte, daß es Euer Excellenz bei der Rückkehr dahin der geeignetste Platz sein würde, da Sie dort Gelegenheit haben, dem Herrn Generalgouverneur direkt Ihre Wünsche auszudrücken. Ich habe Befehl Euer Excellenz mit einer Schwadron meiner Dragoner dahin zu geleiten, während die andere diese Herren nach dem Süden begleitet!«

Der Graf lachte hell auf.

»Bei dem Blute des Bearners!« rief er, »Señor Teniente, der Plan ist nicht übel! – Schade nur, daß ich in Mexiko noch einiges zu thun habe. Señor Senador, was sagen Sie dazu, und wollen wir die eifersüchtige Dame da, Ihre Tochter, zur Herrin der Sonora machen, auch ohne ihren Willen?«

»Bei der heiligen Jungfrau!« flüsterte erschrocken der Haciendero, »richten Sie uns nicht alle zugrunde, Señor Conde! Sie sehen, daß alles verraten ist, und daß wir verloren sind, wenn wir nicht nachzugeben scheinen. Was Doña Dolores betrifft, so hoffe ich …«

»Halt, Señor! Kein Wort darüber! – Kameraden,« die Stimme des tapferen Franzosen klang hell und laut über den Hof hin, »Ihr habt die Vorschläge dieses Herrn gehört. Wir sind wieder freie Männer, was zu sein wir niemals hätten aufhören sollen. Wer Lust hat, mit den Burschen da draußen, die sich mit den Apachen nicht zu messen wagten, Kameradschaft zu trinken, der möge es thun! Ich will niemand hindern! Wer aber mit mir gehen will, den Schatz der Ynkas zu heben, der halte sich bereit; denn die Zeit ist gekommen, die ich Euch versprochen!«

Ein stürmischer Jubel aus hundert Kehlen antwortete dieser unerwarteten Ankündigung, dennoch konnte es dem scharfen Blick des Grafen nicht verborgen bleiben, daß viele von der Schar, die sich rasch um ihn sammelte, zurückgeblieben waren. Er begriff, daß er sie nicht zur Überlegung kommen lassen durfte.

»Señor Senador,« sagte er, »meine Kameraden dürfen nicht um das versprochene Fest kommen!« Er neigte sich zu dem Avignoten und flüsterte ihm einige Worte zu, worauf der Alte ihn freudig erschrocken anstaunte und dann in das Haus eilte. »Halt, ehrwürdiger Herr! Sie dürfen sich nicht entfernen, ehe Sie Ihr Amt vollzogen. Señores und Señoras, Graf Raousset Boulbon ladet Sie zu seiner Hochzeit ein!«

»Wie, Señor? Nach dem Vorgefallenen …«

Doña Dolores wandte sich hochmütig zum Gehen. »Kommen Sie, mein Vater, das Unglück scheint diesem Herrn den Verstand verrückt zu haben!«

Mit zwei Schritten war der Graf an ihrer Seite und hatte ihr Handgelenk erfaßt. Sein Gesicht drückte jetzt einen so furchtbaren Ernst aus, daß selbst ihr stolzer, kräftiger Sinn erbebte.

»Halt, Señora!« sagte er rauh, »nicht so eilig! Der Schimpf, den Sie einem Manne anzuthun glaubten, muß erst seine Sühne haben!«

»Sie werden es nicht wagen, Señor, mich zu zwingen! Zu Hilfe, Don Carboyal! Sie werden es nicht dulden, daß mir Gewalt geschieht!«

»Still!« befahl der Graf mit Donnerstimme. »Wenn Sie zehnfach jene Schätze besäßen, die tapfere Männer zu suchen gehen, so möchte ich das königliche Blut von Frankreich nicht mit Ihrem Namen beschimpfen. Still, Schlange, sage ich, oder meine Hand zerschmettert Dich! Nicht eine Braut brauche ich, aber eine Brautjungfer, und das soll Deine Strafe sein! – Kapitän Perez!«

»Hier, General!«

»Besetzen Sie mit zehn Mann das Thor und lassen Sie in der nächsten Stunde niemand ein- noch austreten! Bei Ihrem Leben! Doch vergießen Sie nur Blut, wenn Sie angegriffen werden!«

Der wilde Sinn der Abenteurer begann an dem seltsamen Auftritt Gefallen zu finden. Im Nu, und noch ehe Leutnant Carboyal einen Befehl an seine Leute geben konnte, war das Thor besetzt und Diaz, der allein zu widerstreben wagte, hinweggedrängt.

»Jetzt, Señor Teniente und alle, die hier versammelt sind,« sagte der Graf zu dem Adjutanten und der staunenden Menge, »wird es nur auf Sie ankommen, ob wir als gute Freunde scheiden sollen oder nicht. Keinem soll ein Haar gekrümmt werden, der uns nicht herausfordert. Wir sind zu meiner Hochzeit hierher geladen und wollen uns nicht durch die alberne Laune eines Weibes unverrichteter Sache fortschicken lassen. Auf Ihren Platz, Señora, wenn Sie nicht die Schmach der Peitsche für Ihr dreistes Spiel fühlen wollen, denn hier kommt die Braut!«

Von dem alten Avignoten mehr getragen als geführt erschien Suzanne auf den Stufen der Veranda. Sie war ebenso bleich und zitternd vor Schrecken und Freude, wie ihre stolze Nebenbuhlerin vor Haß und Zorn. Auf ihren Wunsch hatte Bonifaz ihr das einfache spanische Frauengewand verschafft, in dem sie nach dem Verlassen der Hacienda ihre Reise nach einem Hafen der Ostküste machen wollte, und das leicht erklärliche Gefühl einer Frau hatte sie bewogen, von dem Geliebten in dem Gewand ihres Geschlechts Abschied zu nehmen.

Der plötzliche Entschluß des Grafen, den der Avignote ihr andeutete, erfüllte sie mit freudigem Schrecken – noch konnte sie an die Wahrheit kaum glauben, als der Graf sie aus den Armen des treuen Dieners nahm, sie auf die Stirn küßte und ihre Hand erfaßte.

»Kameraden,« sagte er, »ich war im Begriff, ein großes Unrecht an einem Wesen zu begehen, das seit zwölf Jahren nur Aufopferung und Treue für mich gehabt hat, das ihre Heimat und sein Kind verließ, um dem ungewissen Schicksal eines Mannes über das Weltmeer zu folgen, und das auch jetzt wieder bereit war, selbst ihr Leben der Zukunft eines Undankbaren zum Opfer zu bringen. Gott, der alles wohl macht, hat mir durch den boshaften Hochmut eines anderen Weibes die Augen geöffnet, ehe es zu spät war, und ich lade Sie alle ein, Kameraden, Zeuge zu sein, wie Aimé Boulbon Suzanne Clement zu seiner rechtmäßigen Gattin macht und damit seinen Sohn Louis zum rechtmäßigen Erben seines Namens und alles dessen, was er jetzt und künftig besitzen wird!«

Ein stürmischer Zuruf zeigte ihm, daß seine Worte auf diese wilden Herzen und Charaktere ihren Eindruck nicht verfehlt hatten. Selbst die Bewohner der Hacienda wagten nicht, ein Zeichen des Widerspruchs zu geben.

Der Graf zog die arme, kaum ihrer selbst mächtige Schauspielerin vor den Priester. »Señora,« sagte er mit kalter Ruhe, aber einem Blick, der selbst ihre trotzige Wut in Furcht verkehrte, »Sie kennen meinen Willen, und werden die Güte haben, die Zeugin von Madame zu sein. Unter dieser Bedingung verzeihe ich Ihnen Ihren Verrat! Nehmen Sie Ihren Platz ein und Sie, ehrwürdiger Herr, verrichten Sie Ihr Amt!«

Der Ton ihrer Worte war derart, daß niemand auch nur den Gedanken eines Widerspruchs faßte. Der Pater verrichtete hastig die heilige Ceremonie, und die Señora kniete, das Herz bis zum Bersten von ohnmächtiger Wut erfüllt, hinter der Braut.

Der seltsame Auftritt dauerte nur wenige Minuten, der Pfaffe beeilte sich auf das Möglichste. Als er das Amen gesprochen, ließ der Graf eine Börse mit Gold zu seinen Füßen fallen, zog den Arm seiner zitternd und zärtlich sich an ihn schmiegenden Gemahlin durch den seinen und wandte sich zu den Umgebenden.

»Kapitän Perez,« befahl er, »sorgen Sie dafür, daß unsere Kameraden mein Hochzeitsfest in lustiger Weise feiern. Halten Sie die Thüren besetzt – jedermann mag frei ausgehen nach seinem Belieben – niemand darf ohne Ihre Erlaubnis den Hof vor Sonnenuntergang betreten. Leutnant Morawski und Kreuzträger, mein alter Freund, sorgen Sie dafür, daß alles um diese Zeit zum Aufbruch bereit ist. Die Mannschaften sollen für acht Tage mit Proviant versehen werden. Nehmen Sie alle Maultiere in Beschlag für den Transport der Lagergerätschaften und erneuern Sie aus unseren Vorräten die Munition. Señor Racunha, sorgen Sie dafür, daß alle Leute, die vorziehen, aus der Kompagnie auszutreten, ihren vollen Sold bekommen. Und nun, Señor Senador, entschuldigen Sie, daß wir für einige Stunden die Herren Ihres Hauses machen, und Sie, Señora, nehmen Sie den Dank der Gräfin Boulbon für den Liebesdienst, den Sie ihr erwiesen.«

Er verbeugte sich mit allem Anstand des Weltmannes vor der Dame und ihrem Vater und führte Suzanne in das Haus zurück. –

Wie verschieden auch infolge der schon längere Zeit fortgesetzten heimlichen Intriguen des Assistente die Stimmung unter den Mitgliedern der Expedition sein mochte, die entschlossene Haltung des Grafen, mit der er den beabsichtigten Schimpf und die Niederlage auf seine Gegner zurückwarf, verfehlte ihren Eindruck nicht, und selbst von denen, die bereits entschlossen waren, ihn zu verlassen, wagte keiner einen Ungehorsam gegen seine Befehle. Der Aufruf, das Gelage trotz der veränderten Situation alsbald vor sich gehen zu lassen, war für Leute, wie die Abenteurer, zu verführerisch, um nicht befolgt zu werden. Alsbald bildeten sich Gruppen und Gesellschaften, in denen die Weinschläuche und die Krüge mit dem nationalen Branntwein lebhaft kreisten, und als der Haciendero mißmutig und verstört über das Scheitern der so mühsam vorbereiteten Pläne den Hof verlassen und sich in sein Gemach zurückgezogen hatte, erklangen alsbald auch die Kastagnetten, und das Personal der Hacienda nahm im Fandango und lustigen Trunk teil an dem Gelage der Freischar.

Der Graf hatte kaum den Hof verlassen, als ein Wink der Señora den Adjutanten des Gouverneurs aus der kläglichen Rolle, die er gespielt hatte, erlöste und an ihre Seite rief.

Die schönen Augen der Spanierin funkelten in mühsam unterdrückter Wut.

»Warum geben Sie Ihren Leuten nicht das Zeichen zum Angriff, Señor,« herrschte sie ihm zu, »und lassen alle, die sich zu widersetzen wagen, wie Hunde töten, den hochmütigen Verräter zuerst?«

»Zum Henker, schöne Doña!« meinte zögernd der Offizier, »Sie sehen die Sache verteufelt leicht an! Ach habe keine Order, den Conde zu verhaften, insofern er nicht gegen die Entlassung durch die Regierung Widerstand versucht, und selbst wenn ich sie hätte, würde ich mich wohl hüten, den Tiger in seinem Nest am Bart zu zupfen!«

»So fordern Sie ihn Mann gegen Mann heraus! – er hat Sie und mich beschimpft. Wer mir sein Herzblut bringt, soll mich die Seine nennen!«

»Schöne Dame,« sagte der Teniente mit Aufbietung aller Galanterie, »Sie wissen, wie das Herz Ihres Sklaven für Sie schlägt, und welchen Lohn Sie ihm verheißen haben. Lassen Sie den Narren sich den Kopf in der Wildnis in einem thörichten Unternehmen einrennen, das, wenn es ausführbar wäre, längst klügere Leute als er vollführt haben würden. Ich schwöre Ihnen, daß nicht die Hälfte seiner Leute ihn aus dieser Don-Quixote-Fahrt begleiten wird, und ich werde mein möglichstes thun, die Zahl noch zu verringern. Der Hunger, das Fieber und die Apachen werden uns an der ganzen Sippschaft rächen, ohne daß wir nötig haben, einen Finger zu erheben!«

Sie sah ihn mit tiefer Verachtung an. »O, daß ich ein Mann wäre! Gehen Sie, Señor, und jeder thue das Seine!«

Einen Moment verweilte ihr Blick zweifelnd auf Diaz – dann schüttelte sie leicht das schöne Haupt, als habe sie den Gedanken als unzulässig aufgegeben, und schritt, ihren Rebozo vor das Gesicht ziehend, nach ihren Gemächern. – – – – – – – – – – – –


Der Graf hatte sich nach dem offenen Bruch mit dem Gouvernement und dem Senator nicht einen Augenblick darüber getäuscht, daß er von nun an ganz auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen sei; aber mit der Energie, die ihn stets im Augenblick der Entscheidung erfüllte, traf er sofort alle Anstalten für den abenteuerlichen Zug, den er beschlossen. Er ließ den alten Wegweiser kommen, forschte bei ihm nach den Sagen und Gerüchten, die seit Jahrhunderten unter den Trappern und Jägern der Wildnis über die geheimnisvolle Existenz des angeblichen Schatzes gingen, und suchte, ohne ihn in das Vertrauen zu ziehen, von ihm Nachrichten über die Gegend der Wildnis einzuziehen, welche die rohe Zeichnung in dem Amulett des Gambusino andeutete.

Zugleich traf er durch Bonifaz alle noch nötigen Anordnungen für den Zug. Aus den in der Hacienda für den Krieg gegen die Apachen aufgehäuften Vorräten wurden Zeltgeräte, Waffen und Munition in reichem Maße genommen, ebenso fanden sich die genügenden Werkzeuge für die Untersuchung und Sicherung der Placers oder Stätten, wo das Gold gewöhnlich zu finden ist. Da sich unter den Abenteurern mehrere Bergleute befanden, die schon in den Goldlagern der Sacramento ihr Heil versucht hatten, war auch in dieser Richtung vorgesorgt.

Durch Bonifaz ließ der Graf mit Hilfe der ihm ergebenen Offiziere ein Verzeichnis derer aufnehmen, welche sich unter den alten Bedingungen der Unternehmung auch ferner anschließen wollten, indem er nochmals allen anheimstellte, zurückzutreten. Es fand sich, daß von der ganzen Schar hundert und drei Mann entschlossen blieben, die Expedition fortzusetzen und ihr Schicksal unwiderruflich an das des kühnen Abenteurers zu knüpfen.

Die anderen, von der Überredung und den Versprechungen Don Carboyals zum Abfall bewogen oder die Mühseligkeiten und Gefahren eines neuen Zugs in das Indianergebiet fürchtend, traten zurück, um teils in den Städten, teils unter den Regierungstruppen ein Unterkommen zu finden.

Unter denen, die ihren Austritt erklärten, befand sich auch Leutnant Racunha, der Perlenfischer von Espiritu Santo; er wollte zu seiner alten Heimat, dem Meer, zu seinem alten Gewerbe: dem Kampf mit den Tintoreras zurückkehren.

Perez, der Stierfechter, der Pole Morawski und der Pirat Hawthorn zählten zu den Bleibenden. Der letztere glaubte dabei weniger der Gefahr ausgesetzt zu sein, als bei der Rückkehr zur Küste, wo, wie er wußte, die Autoritäten Freunde seines unversöhnlichen Feindes waren.

Selbst Slongh befand sich unter den Verwegenen, die sich dem Zuge des Grafen anschließen wollten; dies geschah, nachdem er eine heimliche Unterredung mit dem Assistente gehabt hatte.

Da Don Carboyal nicht im entferntesten daran lag, es zu einem Kampfe zwischen dem starken Kommando der Regierungstruppen und den Abenteurern des Grafen kommen zu lassen, einem Kampf, dessen Ausgang jedenfalls sehr zweifelhaft war und ihm selbst das Leben kosten konnte, so ließ er die Dragoner eine Strecke zurückgehen und auf der Ebene ihr Biwak aufschlagen.

Pünktlich mit dem Untergange der Sonne erklangen die Hornfanfaren, welche die kleine Schar der Abenteurer zum Auszug aus der Hacienda sammelten. Weder der Senator noch seine Tochter ließen sich sehen, doch zeigten sich wenigstens die rohen Naturen der Vaqueros und Rostreadores nicht undankbar; sie erinnerten sich, daß sie dem rechtzeitigen und tapferen Angriff dieser Männer vor zwei Monaten ihr Leben verdankten und mit manchen: aufrichtig gemeinten Anruf an die Madonna und die Heiligen, mit manchem Rat, Händedruck und gewechselten Geschenk wurden die kühnen Abenteurer von den Männern und Frauen entlassen, mit denen sie noch eben getanzt und getrunken.

Der Graf erschien auf den Stufen der Veranda, er trug sein Jagdhemd und die frühere Bewaffnung. An seiner Seite ging Suzanne in kurzem Reitrock, einen langen mexikanischen Dolch und einen leichten Revolver im Gürtel. Das von dem langen geheimen Leid abgehärmte Gesicht der kleinen Französin strahlte jetzt von Glück und Stolz, der höchste Wunsch ihres Lebens war erfüllt, das geliebte Kind im fernen Frankreich jetzt ihr rechtmäßiger Sohn, der Erbe eines stolzen Namens.

Als die kleine Schar jetzt, wohl beritten und ausgerüstet, in bester Ordnung den Hof der Hacienda verließ und in den Hohlweg niederstieg, der sie zurück in das Gebirge und die Wüstenei führen sollte, gaben ihr selbst die Kameraden, die sie entmutigt und so untreu verlassen, ein begeistertes Hurra mit auf den Weg, und der jubelnde Ruf: » Viva el Generale! Vive Boulbon!« klang durch die Mauern in das einsame Gemach, in welchem die Señora den Haß und die Erbitterung über die erlittene Niederlage verbarg.

Die Schar des Grafen legte an dem Abend nur eine kurze Strecke zurück; auf der Stelle, wo der »Fliegende Pfeil« mit seinen Kriegern bei dem Überfall der Hacienda stehen geblieben, schlug sie für die Nacht ihr Lager auf.


Es kam die Nacht! Durch das Dunkel funkelten Tausende grünleuchtender Cucuyos, Johanniswürmchen die Düfte des Jasmin, der Orangen und des wilden Mandelbaums kamen auf den Schwingen des Landwindes und mischten sich mit dem Hauch der Kräuter und Gräser des Gebirges.

Über der Hacienda funkelte der prächtige Sternenhimmel; das Kreuz, das große Gestirn des Südens, glühte in seiner Pracht; von der Ebene her hallten die Töne aus dem Lager der Dragoner und ihrer neuen Bundesgenossen; durch die Schluchten strich mit dem eigentümlichen Klagelaut der Coyote und fern, aus den Felsen klang das Geheul eines hungrigen Panthers.

In ihrem amerikanischen Butacas Lehnsessel, Schaukelstuhl. lag die Haciendera in tiefem unheimlichen Sinnen. Ein leichtes weites Musselingewand in Form eines Bademantels hüllte allein noch ihren schönen Leib ein, und das lange schwarze Haar fiel in dunklen Wellen fessellos über den entblößten Busen.

Ihr Arm war auf die Lehne des Stuhls, die schöne Stirn auf die Hand gestützt.

Alles umher bewies, daß sie finsteren Gedanken nachgehangen im Augenblick, wo sie sich eben hatte zur Ruhe begeben wollen. Die seidenen Gewänder lagen zerstreut umher, aus dem Hintergrunde des Gemachs sandte die Marmorwanne, in der ihr die Dienerinnen das erfrischende kühle Bad bereitet, den Duft des mit Blüten parfümierten Wassers; der Vorhang des anstoßenden Alkovens war halb zur Seite gezogen und zeigte das mit feinem irischen Linnen bedeckte Lager, und eine von der Decke hängende Ampel verbreitete ein sanftes ruhiges Licht.

Aber in dem Innern der schönen Herrin dieses Schlafgemachs tobte es wild. Sie erhob sich plötzlich aus ihrem Sinnen, schritt hastig über den Binsenteppich und trat an das Fenster des Gemachs, dessen Moskitovorhang sie aufriß, um an dem frischen Hauch der Nachtluft den stürmisch wogenden Busen zu kühlen.

In der Ferne glänzten die Biwakfeuer der Dragoner, zuweilen trug der Nachtwind das Wiehern eines Rosses, den Klang kriegerischen Lebens herüber.

»Der Feigling!« murmelte sie, die Hand ballend, »wenn er nur den zehnten Teil des Mutes jenes niederen verachteten Indianers gehabt hätte, würde das Herzblut jenes Abscheulichen geflossen sein, der es wagen durfte, Dolores Montera mit der Peitsche der Knechte zu drohen. Wenn Wonodongah – –«

Wonodongah!

Es war, als hätte die magische Gewalt ihrer entflammten Gefühle die dunkle Gestalt heraufbeschworen, die über den sternenbeleuchteten Grund glitt.

In ihrer Hand trug sie einen Kranz von den duftigen Blüten des Suchil-Baumes, wie ihn die Señora so oft des Morgens beim Erwachen an den Eisengittern des Gemachs gefunden hatte.

Dolores trat in den Schatten des Vorhangs zurück und hüllte sich in seine Falten. Der Toyah kam langsam und vorsichtig näher; er blieb wiederholt stehen, um zu lauschen. Erst als er sich überzeugt hielt, daß alle Bewohner der Hacienda zur Ruhe waren, nahte er sich dem Fenster des Gemachs und schwang sich an den Vorsprüngen der Steine zu dem Gitter empor, an dessen Stäben er seinen Kranz befestigte.

Die Hand des jungen Kriegers war noch damit beschäftigt, als sich die Vorhänge, die im Innern die Einsicht in das Zimmer verschlossen, teilten und die Dame, der seine nächtliche und bescheidene Huldigung galt, vor ihm stand.

Erschrocken wollte der Indianer die Eisenstäbe loslassen und sich auf den Boden fallen lassen, als ein Wort ihn zurückhielt.

»Bleib!«

Die schöne Bewohnerin des Zimmers, in den leichten Nachtmantel gehüllt, war dicht zu dem Fenster getreten – er fühlte den warmen Hauch ihres Atems auf seiner gebeugten Stirn.

»Bleib, Wonodongah,« sagte die Señora, »ich habe mit Dir zu reden. Kannst Du auf der Stelle verweilen, wo Du Dich befindest? Denn was ich Dir zu sagen habe darf selbst die Nacht nicht hören – es ist ein Geheimnis zwischen Dir und mir!«

»Der Stein unter meinem Fuß ist breit genug, einen Krieger zu tragen,« entgegnete der Indianer. »Wonodongah würde jedes lebende Wesen töten, und wäre es der Bruder seines Blutes, dessen Ohr die süßen Töne der Cenzontle des steinernen Hauses belauschen wollten.«

»Wohlan, Jaguar, ich nehme Dich beim Wort, ich fordere ein Leben von Dir!«

»Das Leben Wonodongahs gehört der Herrin. Sie möge es nehmen!«

»Nein, Jaguar, sagte die Dame, »nicht das Leben eines Freundes ist es, das ich verlange – es ist das Leben eines Feindes, der Dolores Montera tödlichen Schimpf angethan hat.«

»Die Feuerblume möge ihre Anklage in das Ohr eines Freundes flüstern, und der Mann, der gewagt hat, ihr Unrecht zu thun, soll sterben!«

Die Dame stampfte erbittert mit dem Fuß auf den Boden – die Beschränkung, die in den Worten des Indianers lag, steigerte ihren Zorn fast bis zum Wahnwitz.

»Wie, elender Indianer, wagst Du noch von Recht oder Unrecht zu sprechen, wenn eine weiße Frau Dir die Ehre anthut. Dich zu ihrem Rächer zu wählen? Bist Du so feig, wie die andern?«

»Das Leben Wonodongahs gehört der Feuerblume! Ein Häuptling ist kein Mörder. Sie möge einem Krieger den Mann nennen und sein Verbrechen, und die Hand eines Toyah wird ihn töten!«

Ihre Brust keuchte in wilder Aufregung, sie begriff, daß die Mitteilung der Thatsache in den einfachen Anschauungen des Indianers keineswegs eine todeswürdige Schuld des Mannes ergeben würde, den sie ja selbst zu beschimpfen und zu verderben gesucht hatte.

»Wonodongah, liebst Du mich?«

»Das Herz eines Indianers hat rotes Blut, wie das eines weißen Mannes. Wonodongah liebt die Feuerblume mehr als den Stern seines Auges, mehr als die Hoffnung, mit seinen Vätern auf den Jagdgründen des großen Geistes zusammenzutreffen.«

»Wohlan denn, beweise es, und ich will Dir gehören! Dolores Montera hat bei der heiligen Jungfrau geschworen, daß sie dem Manne gehören will, der sie an dem schändlichen Verräter rächen wird! Siehst Du diesen Schlüssel?«

»Ja, Herrin!«

»Er öffnet den Eingang zu dem Gitter des Balkons, zu der Thür meines Schlafgemaches! Eine Nacht, eine ganze Nacht wird Dolores dem Jaguar gehören, wenn er ihr dies Tuch, mit dem Herzblut ihres Feindes getränkt, zurückbringt!«

Sie schleuderte ihm das leichte spitzenbesetzte Gewebe zu.

»Bei dem großen Geist! Du machst mich wahnsinnig! – Den Namen – sage den Namen!«

»Es ist Dein eigener Feind, der Franzose, den Du kennst –«

»Dein Verlobter? Die Eiche, um die sich die Feuerblume ranken will? Du selbst hast mir verboten, die Hand gegen ihn zu erheben! Was hat er gethan?«

»Gethan? Sieh her!«

Eine Bewegung der Hand warf den Schirm von der Lampe, eine zweite riß die leichte Hülle von ihren Schultern im vollen Licht stand die reizende üppig schöne Gestalt des Weibes vor den glühenden Blicken des Naturmenschen, dessen Leidenschaften in ungezähmter Kraft emporbäumten.

»Sieh her! Willst Du diesen Leib erkaufen mit seinem Herzblut, ohne zu fragen, welch Unrecht er mir gethan?«

Der Indianer rüttelte wie ein wildes Tier an den festen Eisenstäben des Gitters – seine Augen unterliefen mit Blut, sie schienen die unverhüllte Schönheit der weißen Frau förmlich zu verschlingen.

»Er soll sterben!«

»Du schwörst es?« Sie näherte sich ihm, ihre Hand berührte seine Finger, die er blutend durch das Gitter drängte, ihr warmer Atem traf sein Gesicht.

»Du schwörst es?«

»Bei dem Totem der Toyahs, er soll sterben!«

Ein Sprung rückwärts brachte sie zu dem Tisch, auf dem die Lampe stand. Eine rasche Bewegung schleuderte sie auf den Boden und machte sie verlöschen. Im nächsten Augenblick plätscherte das Wasser des Bades.

Die dicken eisernen Stäbe rasselten unter dem rasenden Angriff des Indianers.

»Mitleid, Herrin! Mitleid mit Deinem Sklaven!«

»Bringe sein Herzblut, und ich bin Dein!« klang es durch das verdunkelte Gemach, »in einem Monat von heute erwarte ich Dich mit dem süßen Lohn der Liebe!«

Sein glühendes Gesicht, seine klopfenden Pulse, seine bis zum Zerreißen strotzenden Adern fühlten die Tropfen des Bades, die ihre Hand zu ihm hinüber schleuderte, sein Ohr hörte jede ihrer Bewegungen, den schweren Atem ihres Busens –

»Geh!«

Er ließ die Stäbe des Gitters los und fiel rücklings zurück, nieder auf den Boden.

Wehe Dir, Boulbon!



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