Wilhelm Raabe
Das Odfeld
Wilhelm Raabe

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Viertes Kapitel

Der Magister hielt seinen Gehstock unterm Arm und den schwarzen, leise zappelnden und erschöpft sich wehrenden Streiter zwischen beiden Händen, behutsam und mit allem Mitleid gegen die Kreatur, betrachtend vor sich. Nun zog er sein Sacktuch, und an den geschickten Griffen, mit welchen er den Vogel hineinband, erwies sich einleuchtend, daß er nicht nur aus seinen Büchern, sondern auch von seinen Scholaren etwas gelernt habe; daß er nicht umsonst an einer hohen Wald- und Wildnisschule zum Katheder hinan- und von demselben herabgestiegen war.

Der Amtmann sah seinem Beginnen anfangs verwundert stumm, sodann aber mit ängstlich-unwilliger Remonstranz zu und meinte zuletzt:

»Er wird mir doch das Untier nicht gar mit sich nach Hause schleppen wollen?«

»Ich möchte es wohl, mit des Herrn Amtmanns gütiger Permission. Sei es ad memoriam dieses seltsamen Abends, sei es zur Genossenschaft in der Einsamkeit der Winterstube.«

»Der Einsamkeit?!« ächzte der Klosteramtmann von Amelungsborn. »In dieser Zeit des immerwährenden Tumults!... Und als ob wir der unnützen Fresser nicht noch genug auf dem Hofe hätten! Und gar solchen?!«

»Der Herr, der die Raben speiset, wird auch für diesen wohl noch ein Bröcklein abfallen lassen«, sagte Magister Buchius. Leiser setzte er hinzu: »Hat er doch auch für mich zu jeder Zeit das Notwendigste übrig gehabt.«

»Er ist und bleibt ein schnurriger Patron, Herr«, brummte der Amtmann. »Ich weiß es ja aber wohl, es ist nicht so leicht, wie es aussieht, Ihm Seinen Willen zu wenden, wenn Er sich einmal wieder eine neue Grille eingefangen und in den Kopf gesetzt hat. Eh vraiment, Sein, Gott sei Dank, zum Satan verzogener Conventus, Lehrerschaft und Schlingelschaft, hat wohl gewußt, was er an Ihm gehabt und aufgegeben hat. Na, zum wenigsten mache Er jetzt der Hantierung mit dem Geschöpfe ein Ende und komme Er mit nach Hause, wenn Er sich nicht vielleicht auch noch ein paar Leichname von diesem curieusen Champ de bataille in den Taschen zum Abendbraten mitnehmen will. Es wird vollständig Nacht sein, ehe wir am Kloster sind; und wer weiß, was für neueste Nachricht und allerneuestes Malör uns dort erwartet, nach diesem Por – Por – Prodigium, oder wie Er es sonst nennt, was wir hier eben mit leiblichen Augen gesehen und mit aufgehobenen Schwurfingern bezeugen können, obgleich man es ebensogut im Traum hätte träumen können.« –

Es war freilich vollkommene Nacht, als beide Männer den alten Mauerbezirk der weiland Zisterzienser von Amelungsborn und das gewölbte Eingangstor erreichten: der eine mit seinen Lebensnöten und Sorgen im bitteren Ringen, der andere seiner Daseinskümmernis zum Trotz im kindlichen Vertrauen auf das Geschick und voll wunderlichen Behagens ob der Ausbeute seines melancholischen Abendgangs auf der Landstraße seiner emigrierten Schule nach und aus der Vogelschlacht unter dem Mons Fugleri, auf dem Wodansfelde, seinem und des C. C. Tacitus Campus Odini, dem Odfelde. Wie gern wäre wohl ein anderer lieber Mann mit dem Magister Noah Buchius gegangen und hätte auch wohl zu seinem Contentement das blaugestreifte Sacktuch mit dem schwarzen Vogel getragen! Doch dieser andere, genannt Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg auch –Bevern, Königlich Preußischer Generalfeldmarschall und General en chef der königlich großbritannischen und kurhannöverschen Armeen, hatte leider eben etwas anderes zu tun, als seinem freundlichen guten Herzen, seinen Neigungen, Stimmungen, Schrullen und Grillen Folge zu geben. In seinem roten englischen Generalsrock und mit dem Stern des schwarzen Adlers des Königs Friedrich hatte er noch bei weitem weniger nach seinem Behagen zu fragen wie der Magister Buchius mit seinem Vogel im Kopf und im Taschentuch. Er, der große Feldherr mit dem Kinderherzen, der Siegesheld, der dereinst ob seiner Mildigkeit nur unter der Rechtswohltat des Inventars von seinem Neffen beerbte Gutsherr von Vechelde, hatte eben, mühesam von seinem Fieberlager zu Ohr sich erhebend, seine Scharen von neuem zurechtzurücken auf dem großen blutigen Spielbrett des Siebenjährigen Krieges. Und diesmal zum Schutze seiner eigenen Geburtsstätte auf dem kleinen Mosthause in der Stadt Braunschweig.

»Luckner von Ringelheim an der Innerste nach Lutter am Barenberge gegen den Stainville! Der Erbprinz von Hildesheim über die Leine bei Papenborn gradaus über Limmer und Alfeld gegen die Hube bei Einbeck, um Monsieur de Broglio den Weg zu verlegen! Mylord Granby mit Generalleutnant von Scheele, Leutnant Colonel Beckwith, Generalmajor Pincier mit den Bataillons von Zastrow, Laffert, Imhoff, Maxwell, Keith, den Campbells und den wallisischen Grenadieren, mit Kopplow, Warnstedt und der bückeburgischen Artillerie, mit den Reitern des Obersten Harway, drei Schwadronen von den Elliots, zwei von den Greys, zwei von Ancram, zwei von Moystin über Coppenbrügge, Cappelnhagen unter allen Umständen auf Wickensen, um die hohlen Wege zu besetzen, die über Eschershausen nach Einbeck führen. Hardenberg mit Bose, Bremer, Joncquières und den hannoverschen Jägern unter Oberst Friedrich von Bodenwerder auf Stadtoldendorf, um dem Herrn Generalleutnant von Poyanne da den Rückweg abzuschneiden. Wir selber, lieber Westphalen, unter Gottes gnädigem Beistand mit Conway, Kielmannsegge, Waldgrave und Howard zwischen Hastenbeck und Tundern über die Weser und auf den Höhen den Ith entlang gleichfalls nach Wickensen. Wenn alles gut und vorzüglich Hardenberg nicht fehl geht, würden wir wohl den Herrn Marquis von Poyanne in der Falle haben und dem Herrn Herzog und Maréchal de France einen braven Strich durch die Rechnung machen. Meinen Sie nicht auch, lieber Westphalen?«

Der damalige Geheimsekretär Seiner Durchlaucht und spätere Kanonikus am Dom Sankt Blasii zu Braunschweig ist ganz der Ansicht seines Herrn und Freundes gewesen und hat auch das Seinige zur Ausführung des guten Plans getan. Den beiden Herren am Klostertor von Amelungsborn hat er freilich keine Mitteilung von der Lage der Dinge zwischen Göttingen und Wolfenbüttel, zwischen der Weser und dem Harz machen können. Sowohl der Klosteramtmann wie der Magister Buchius mußten die Sachen nehmen, wie sie ihnen kamen, und beide hatten wohl eine Ahnung, daß der Invalide im Sacktuch des Magisters, der schwarze Kämpfer mit dem gelähmten Fittich, für den Augenblick wenigstens am behaglichsten aus der Affäre heraus sei. Sie fanden jedenfalls ihr Haus- und Heimwesen von neuem in einer erklecklichen Aufregung vor und hatten abermals Mühe, im Elend der Zeit den Kopf oben zu behalten. Auch Magister Buchius trotz seiner Erlebnisse und Erfahrungen im dreißigjährigen Schulleben und -kriege und seiner Studien im Polybio, im Hygino und in des Vegetii Epitome institutorum rei militaris. –

Er war ein Mann der Ordnung, dieser Klosteramtmann von Amelungsborn; aber halte einmal einer Ordnung im Hause in Zeiten wie die eben vorhandenen! Nach dem Abzug der Schule aus seinem Reich hatte er gemeint, nunmehro sein Reich nach seinem Sinne zu lenken; doch bitter hatte ihn das Jahr eintausendsiebenhundertundeinundsechzig getäuscht. Er faßte auch an diesem Abend beim Eingehen in sein Hoftor sein spanisch Rohr mit einem schweren Seufzer und mit der Gewißheit, daß seine Anwendung ihm wenig helfen werde, fester. Sie wußten auch im Kloster schon, daß das Kriegeswetter dräuender denn je heranziehe, daß weniger denn je auf Schonung vom Feinde zu rechnen sei, und – die Raben hatten sie auch über ihren Köpfen ziehen sehen: Menschen und Vieh, alt und jung, Mann und Weib – alles war in Bewegung in Amelungsborn und erwartete den Herrn und Meister, seinen Rat und Trost.

»Sie kommen zu Tausenden und Hunderttausenden! Sie verschonen diesmal nicht das Kind im Mutterleibe. Dassel brennt wieder einmal! Der ganze Solling steht in Feuer. Über Erichsburg und Lüthorst sind sie schon mit der Hauptmacht hinaus. In Stadtoldendorf sind die weißblauen Dragoner wieder, und die Schweizer sind auf dem Wege hierher und sind wieder die Schlimmsten, wie im Sommer! Und sie bringen wie in der Schwedenzeit ganze Wagen voll von den alten Mönchen mit. Und nicht mal verkriechen im Wald und in der Erde soll man sich vor ihnen! Sie hängen jeden, den sie aus dem Busch ziehen, und die Mädchen nehmen sie, über den Sattelknopf gelegt, mit. Barmherziger Gott, wer hilft uns diesmal in der allerhöchsten Not? O liebster Himmel, Herr Amtmann, Herr Amtmann, was sollen wir tun?«

»Vermaledeiter Hund, vorsichtig mit Feuer und Licht in den Ställen umgehen, und wenn der jüngste Tag vor der Türe stünde!« schrie der Herr Amtmann, sich aus dem zeternden Haufen unter der nächsten Stalltür einen Knecht hervorlangend, der mit einer zerbrochenen, scheibenlosen Hornlaterne das Getümmel beleuchtete. Das spanische Rohr fiel nieder auf die Hand, welche das Licht hielt, und in das erschreckte Auseinanderstieben seines Haus- und Hofgesindes donnerte der Herr und Meister hinein:

»Ob der Satan seinen ganzen Sack voll Gezücht über mich ausschüttet, so weit mein Stock reicht, will ich meine Ordnung halten. Fällt mir die Welt über dem Kopfe ein, soll's mir allmählich recht sein. Fliegt mir der rote Hahn aufs Dach, so soll er doch nicht auf meinem eigenen Herd aus dem Ei gekrochen sein. Ja, schiele nur her, Bestie von Kerl! Was will die Gans da mit ihrer Schürze? In deinen Stall, zu deinen Kracken, Hund! In deine Küche, Weibsbild! Krieg – Krieg – Krieg! Auf dem Amtmann von Amelungsborn liegt der Krieg, und auf keinem andern. Aus dem Wege – aus dem Wege!«

Er schwankte wie ein Betrunkener über den alten Klosterhof, der in Frieden und Krieg schon soviel gesehen hatte, seinem Wohnhause zu; und wie er sich, die Steintreppe zur Haustür hinauf, am Geländer hielt, war er wirklich der festen Überzeugung, daß die Last der Zeit ganz allein auf ihm liege – auf ihm, dem Klosteramtmann von Amelungsborn, daß alles, was der Satan in seinem Sack habe, über ihn ausgeschüttet werde, über ihn, den Klosteramtmann von Amelungsborn.

Der geschlagene Knecht sah ihm drohend nach, die geschimpfte Magd, die ihre Schürze dem Menschen um die verwundete Hand hatte binden wollen, tat das jetzt schluchzend. Von dem Amtshause her klang eine keifende Weiberzunge und durcheinanderzeternde Kinderstimmen. Die Hunde bellten sämtlich; das wenige noch vorhandene Vieh regte sich in den Ställen. Verhaltenes Spottlachen, Schimpfworte, verhaltenes Murren und dann und wann schrille Pfiffe kamen aus den Winkeln des Hofes, wo das sonstige Gesinde sich vor dem Grimm des Herrn verkrochen hatte, und der Homeister meinte zu dem Magister gewendet dem Amtmann nachdeutend:

»Herr, wen der heute abend zu seiner Suppe einlädt, dem wird er auch einen schlimmen Löffel bei den Napf legen. No, no, freilich, es liegt auch schwer genug auf ihm, und er hat mit keinem bessern zu fressen. Der Herr Magister aber haben sich wohl Ihr Abendbrod da im Taschentuch eingeholt? Wie unsere alten Vorfahren hier, die Mönche, Wurzeln aus dem Erdboden. Das ist wohl recht. Den gebratenen Ochsen mit Haß, von dem der weise Sirach schreibt, haben wir also den Franschen wieder vorzusetzen, und die Sackermenter lassen all unsern Kohl mit Liebe drum stehen. Wie lange – Herr du mein je, Herr, ist Er denn wahrhaftig vorhin mit unter den Rabenäsern im Zuge gezogen und hat sich gar einen Gefangenen aus der Bataille mitgebracht?«

»Nur einen Invaliden, Meister«, sagte Magister Noah Buchius. »Nur einen armen flügellahmen Warner von Wodans Felde. Ach, wenn Er, Homeister, durch Schloß und Riegel was dazu tun könnte, Amelungsborn morgen vor Feindeseinbruch und Mordbrand zu bewahren!«


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