Henriette Paalzow
Thomas Thyrnau – Erster Theil
Henriette Paalzow

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In einem Thurmgemache der alten Hofburg zu Wien, welches in großartiger aber einfacher Ausstattung sich der Bewohnerin würdig zeigte, saß um das Jahr 1755 in einer Fensternische die Kaiserin Maria Theresia und las mit Aufmerksamkeit in einem mäßig starken Aktenstücke, welches von dem vor ihr stehenden Arbeitstische genommen schien, auf welchem in großer Ordnung Papiere, Bücher, Karten und Pergamentrollen lagen, die das Arbeitszimmer der hohen Frau erkennen ließen.

Sie war in der vollen Reife des mittleren Frauenalters und die Schönheit, die sie auszeichnete, trug den besonders festen und kräftigen Ausdruck eines edlen, gesicherten Selbstgefühls, welches jedem Zuge eine plastische Ruhe und eine Reinheit der Form erhielt, die fast an die Unvergänglichkeit dieser Reize glauben ließ. Die Mode der damaligen Zeit ließ keines der kleinen anmuthigen Mittel zu, womit die Mängel der Form hinter Locken, oder den Vortheilen verschiedenartiger Kopfbedeckungen sich zu verbergen vermögen. Die Kaiserin, wie alle Damen jener Zeit, gab ihr Gesicht von allem Haar entblößt der Anschauung Preis, und die hochgewölbten Haarfrisuren wurden nur gekrönt durch kleine darauf schwebende Aufsätze, verschieden in ihrer Ausstattung nach Rang und Vermögen der Besitzerin. Bei Maria Theresia trat hierdurch die reinste ovale Gesichtsform hervor, die durch die Fülle einer unerschütterlichen Gesundheit stark in den Wangen und in dem Unterkinn bezeichnet war, ohne doch das Maaß der Schönheit zu verletzen. Sie hatte vollkommen das Ansehn, was wir mit historisch zu bezeichnen pflegen. Wer sie aufgerichtet stehen sah, mit der hochgehobenen graden Haltung des Hauptes, welches auf dem schönen runden Halse wie auf einer Säule ruhte, mit dem klaren Blick ihrer glänzenden blauen Augen und der rednerischen Fülle des schön gewölbten Mundes – der mußte fühlen, sie gehöre zu den Gipfelpunkten ihrer Zeit, sie sei ein strebendes und schaffendes Werkzeug für die Entwickelung ihres Landes und ihr scharfes Erkenntnißvermögen habe in ihrem festen Willen die Stütze, die Gedanken – Thaten werden läßt.

Die Zeit, in welcher die hohe Frau sich so eben befand, war ein Ruhepunkt ihres bewegten Lebens. Sie konnte mit stolzem Bewußtsein auf die Resultate ihres sichern Willens sehen und sich in seltenem Maaße das Zugeständniß machen, daß sie den Sieg über die gehäuftesten Hindernisse sich selbst schulde.

Der Aachner Friede hatte ihre erblichen Rechte anerkannt, ihre Grenzen gesichert, die kriegerische Aufregung von ganz Europa zur Ruhe verwiesen, und sie mußte sich sagen, daß sie mit der Energie, welche sie entwickelt, sich selbst zu einem gefürchteten und geachteten Oberhaupte Deutschlands gemacht habe, ihren Gatten zum Kaiser erhoben, und in dem erlangten Besitz so vieler Vorzüge eine Garantie für die stolzen Pläne ihrer Zukunft erreicht habe.

Doch täuschte sie sich nicht über den augenblicklich friedlich erscheinenden Zustand Europa's. Zu wohl durch Kaunitz, ihren würdigen Repräsentanten bei den Friedensunterhandlungen zu Aachen, unterrichtet, sah sie in den schwachen Banden, die hier geknüpft waren, schon den Zündstoff neuer, unausbleiblicher Zwistigkeiten, und den Krieg erwartend, nutzte sie die trügerische Ruhe, die wenigstens einen Blick auf das innere Leben ihres Staates zuließ, um mit muthiger Hand die Wunden heilend zu berühren, die der langjährige, bis in das Herz ihrer Länder dringende Krieg überall geschlagen.

Die Größe der Schwierigkeiten schreckte die in voller Kraft sich fühlende Herrscherin nicht zurück, und in dem Kreise ihrer Unterthanen umherschauend, entdeckte sie bald die Geister, die ihr eine Stütze werden mußten, indem sie ihre Kräfte zu leiten und zu nutzen wußte.

Schon durfte sie bei den reichen Naturkräften des Landes in den fünf Jahren des Friedens sich der Symptome wiederkehrenden Wohlstandes freuen, und mit mütterlichem Eifer jede Bestrebung unterstützend, die irgend bleibend sich für das Wohl des Landes erweisen konnte, in welcher Richtung und Weise sie auch sein mochte, griff sie mit scharfsinnigem Geiste die Nebel an, gegen welche das Volk der Abhülfe von Oben harren mußte. Diese waren vorzüglich eine unvollkommene Verwaltung, die bei dem Mangel an einer geordneten Justizpflege und klaren Gesetzgebung tausend Leiden und Störungen verbreiteten, welche das Wohlsein des Landes aufhielten und der Rohheit und Willkür ein noch unverwehrtes Feld zum Spielraum ließen.

Die verschiedenen Elemente, aus denen ihr Reich zusammengesetzt war, vergrößerten die Mühseligkeit dieser Abhülfe. Die Provinzen des Kaiserreichs waren fast selbstständige Länder zu nennen. Jede hatte ihre alten Gerechtsame, die häufig auf Naturbedürfnisse gestützt, mit Schonung beleuchtet werden mußten. Die Betheiligten fühlten wohl hin und wieder Bedrückungen; aber die Bildung fehlte, um die Ursache zu erkennen; am wenigsten wollte man sie alten, bequem gewordenen Gebräuchen zuschreiben, und war geneigt, diese zu schützen und eine Erleichterung zu bezweifeln, die zu Anfang nothwendig eine Neuerung sein mußte, wie denn auch selbst die Verschiedenheit der Sprachen eine leichte Verständigung aufhielt. Dennoch gab die große Kaiserin den Plan nicht auf, diese Schwierigkeiten zu besiegen und ihr ganzes Reich unter dem Segen einer gleichmäßigen, weisen und jedes Individuum wahrhaft schützenden Gesetzgebung zu vereinigen. Sie verfuhr dabei wie eine gute Mutter mit verwöhnten Kindern. Sie bestrebte sich, ihr wahres Bedürfniß in allen Beziehungen kennen zu lernen und die Berichte, die sie von Seiten der verschiedensten Personen zu veranlassen wußte, prüfend mit einander zu vergleichen, um selbst in der Seele der bewußtlos mit Uebeln Kämpfenden für die Hülfe zu entscheiden, die sie für sie als gut erkennen mußte. Sobald sie aber bis zu diesem Punkte der Entscheidung gelangt war, handelte sie auch mit der stolzen Wahrhaftigkeit und Entschiedenheit ihres Charakters; sie sprach aus, was sie geben und nehmen wollte, forderte Gehorsam, und erzwang ihn, wo er unverständig verweigert wurde.

Das Aktenstück, welches in diesem Augenblicke die Aufmerksamkeit der Kaiserin fesselte, enthielt die Ansicht eines jungen Adeligen über Böhmen, ein Land, welches vorzugsweise das Nachdenken der Kaiserin in Anspruch nahm, da es bedeutend im Kriege gelitten und von innern Hemmungen an einem schnelleren Aufschwung, ungeachtet der vorhandenen Hülfsmittel, gehindert schien.

Sie hatte die sorgfältige Durchsicht der Schrift beendigt und indem sie sich erhob, zeigten ihre Züge den ruhig klaren Ausdruck, der von einer innern Befriedigung entstehend, jedes Angesicht verschönt. Ihr helles Auge richtete sich auf die Eingangsthür wie fragend, warum sie sich nicht öffne, und man hätte diesem Blicke wohl die Zauberkraft zutrauen mögen, die der Zufall herbeiführte, denn die Thür öffnete sich wirklich, und der Graf von Kaunitz, dieser große und würdige Teilnehmer ihrer erhabenen Herrscherpläne, trat, wie es ihm gestattet war, unangemeldet in dies Heiligthum seiner Gebieterin.

»Ihr kommt zur rechten Zeit,« rief die Kaiserin sogleich, »ich habe so eben die Durchsicht der Denkschrift beendigt, die Ihr mir brachtet. In der That, sie ist gut – es ist Schärfe der Auffassung drinnen – nicht unnützer Wortkram – die Dinge treten heraus – es ist nicht der Verfasser, oder dieser und jener, der das bemerkt und darthut – es ist die Sache selbst, die redet und sich erklärt.«

Während dieser Anrede war der Graf, der niemals eine Sache die andere übereilen ließ, mit den drei vorgeschriebenen Verbeugungen fertig, und stand jetzt mit seiner geraden, festen Gestalt vor dem Schreibtische der Kaiserin, der Beide trennte, und während aus dem blassen, mienenlosen Gesichte sein Auge mit der Schärfe eines Adlers schaute, sagte er mit der ihm eigenthümlich deutlichen und scharfen Betonung: »So dachte ich, – und wagte daher diesen Aufsatz, der keinen officiellen Charakter hat, der nur ein Studium, eine Uebung des jungen Mannes zu nennen ist, dem hinzuzufügen, was Euer Majestät bereits über diesen Gegenstand gesammelt haben.«

»Es ist vielleicht das Brauchbarste,« sagte Maria Theresia – »weil es eben ohne den Gedanken geschrieben ist, vor unser Auge zu kommen. Der junge Mann ist festzuhalten, Kaunitz – zu beschäftigen – Ihr solltet ihn Euch zuziehen – er muß empfänglich sein für eine große Schule – sein Kopf ist aufgeräumt!«

»Er begleitete mich nach Paris und Aachen,« erwiederte der Graf. »Ich war geneigt, ihn die Dinge arbeiten zu lassen, zu denen ich persönliches und gesichertes Vertrauen bedurfte. Er verstand, die Notizen, die ich während der Konferenzen in meine Gedächtnißtafel zeichnete, mir geordnet an einander zu reihen.«

»Ah!« rief die Kaiserin – »er hat also schon seinen Platz gefunden! – Und dürfen wir seinen Namen wissen?«

»Es ist der Graf von Lacy!« erwiederte Kaunitz.

»Wie?« fragte die Kaiserin, »Lacy? Lacy? Ein Bruder unsers tapfern Hauptmanns? Ist diese Familie so reich an ausgezeichneten Männern?«

»Er ist nur weitläufig mit unserm tapfern Reiter-Hauptmann verwandt,« sagte Kaunitz. »Auch seine Voreltern leiten ihre Familie aus der Zeit Wilhelm des Eroberers her, und längere Zeit muß die Familie des jungen Mannes in England verblieben sein. Erst sein Urgroßvater übernahm, mit all' den Seinigen England verlassend, die Besitzungen in Böhmen, die ihm von seiner Mutter, einer böhmischen Fürstin Wratislaw, überkommen waren. Außer diesen ersten, sich ähnlichen Stammnachrichten haben aber beide Familien keine Verwandtschaft nachzuweisen.«

Nachsinnend fuhr die Kaiserin fort, den Namen wie für sich zu wiederholen. »Ich glaube,« sagte sie dann lauter, »die Prinzessin Therese hat mir den jungen Mann genannt, und ich vermuthe, er ist schön, oder galant, oder etwas der Art.«

»Ihre Durchlaucht die Prinzessin sind allerdings Kennerin! sonst würde ich ihn nur für jung und schön halten; übrigens für zu solide fast – überhaupt für einen Sonderling,« erwiederte Kaunitz. »Doch warum zeigt sich der junge Mann so wenig bei Hofe, daß wir dadurch in den Fall kommen, uns seiner nicht erinnern zu können?«

»Weil er ein Sonderling ist, Euer Majestät, aber einer von den Brauchbaren, die eben deshalb ein weiteres Feld übersehen lernten, auf welchem sie durch Anstrengungen einheimisch werden wollen. Er macht pedantische Forderungen an sich selbst, und wenn ich ihn nutzen will, muß ich ihn zugleich gewähren lassen. Ich kann ihn nicht fesseln, wie Andere wohl; er ist zu unabhängig, und hat die unangenehme Eigenschaft nichts zu wollen.«

Die Kaiserin lächelte, obwohl sich auf dem Antlitz des Grafen keine Miene zeigte, die dies veranlassen wollte. »In Wahrheit, das ist eine unbequeme Eigenschaft,« sagte sie dann. »Doch sind wir wegen der Seltenheit derselben gesonnen, ihm selbst unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr werdet ihm sagen, daß ich diesen Aufsatz gelesen habe und mit ihm darüber sprechen will. Seine Ansichten über die theilweise Aufhebung der Leibeigenschaft in Böhmen gewinnen dadurch an Wahrheitskraft, daß er als Grundbesitzer die Nachtheile empfinden würde, wenn das Geschrei wahr sein sollte, womit man die Anregung dieser Sache von jenen großen Herren beantwortet hören muß.«

»Es ist allerdings wichtig, einen aus ihrer Mitte bei gleichen Interessen von der Ansicht abfallen zu sehn, die sie als gerechtfertigt durch alle ihre Ansprüche geltend machen wollen. Auch, glaube ich, weiß er seine Gesinnungen zu vertreten.«

»Sonderbar, Graf Kaunitz,« sagte die Kaiserin, und eine dem Grafen sehr verständliche Röthe, die jede kleine Wallung der sanguinischen Frau verrieth, trat auf ihrer hohen Stirn hervor – »sonderbar, daß Ihr Euch jetzt erst erinnert, wie es zu unsern Wünschen gehörte, bei einer so schwierigen Aufgabe und nach dem erfahrenen Widerspruch, uns unter den dortigen Großen einen Beistand aufzufinden. Ihr theiltet, denke ich, unsere Freude über die Hoffnung, welche uns ein ehrwürdiger böhmischer Prälat machte, später vielleicht mit gutem Beispiel voran zu gehen, und sähet Euch mit uns nach dem Edelmanne um, der uns gleiche Unterstützung böte – und doch hattet Ihr bereits verwirklicht erfahren, woran Eure Kaiserin indessen als an eine Schwierigkeit zu denken genöthigt war.«

»Eins nach dem Andern, Euer Majestät,« entgegnete Kaunitz unerschüttert. »Die Proben, denen ich den jungen Mann unterwarf, um den Grad seiner Zuverläßigkeit zu erfahren und aus ihnen zu entnehmen, ob diese Ansichten sich würdig zeigten, die Aufmerksamkeit Eurer Majestät zu wecken, mußte ich glauben, sei ein passenderes Geschäft für den Diener Eurer Majestät. Jetzt erst, nachdem ich den jungen Mann bewährt gefunden, erst seitdem ich ihn zu diesem schriftlichen Aufsatz ermuthigt und von seiner klaren Darstellung auf die Wahrheit seiner Überzeugungen zu schließen Ursache fand, erst seitdem habe ich geglaubt, könne seine Person ein Recht zur Berücksichtigung Eurer Majestät finden.«

Die Kaiserin hörte mit leisem Nicken des Kopfes der sicheren Entgegnung ihres Ministers zu. Ihr eignes großes Herz war bis auf den Grund von dem vorherrschenden deutschen Nationalzuge, von Wahrheit und Offenheit, durchdrungen, und wo sie ihn bei ihren Umgebungen ohne Anmaßung und Rohheit hervortreten fand, hatte' er sich ihrer Nachsicht, ja ihres Beifalls zu erfreuen. Die hohe Achtung, die Kaunitz ihr dabei mit vollem Rechte einflößte, die oft erlebte Ueberzeugung von dem Werthe seiner Rathschläge und Beschlüsse, selbst wenn sie dieselben anfänglich nicht einsehen konnte, ließ sie, fast immer schon mit der Hoffnung, ihm beitreten zu können, auf seine Verteidigungen horchen, und gerade für ihn schien sie sich dies verrätherische Nicken mit dem Kopfe angewöhnt zu haben, worin der Graf seine Anerkennung erkannte, noch ehe sie die Lippen öffnete.

»Es will uns selbst so als am zweckmäßigsten einleuchten,« sagte sie dann mit dem Lächeln der Genehmigung, »und wir wollen sehn, ob wir jetzt diesen Mann so geschickt benutzen können, als Ihr, mein lieber Graf, ihn uns geschickt vorbereitet habt. Vielleicht schlägt er es doch uns nicht ab, irgend eine Stelle anzunehmen, die ihn uns bequemer nähert.«

»Dazu ist in diesem Augenblick noch wenig Aussicht,« sagte der Graf. »Er ist, wenn auch frei und unabhängig durch seine bedeutenden Besitzungen, doch nicht unabhängig von seinen Familien-Verhältnissen, wie es scheint. Diese stellen ihn unter auffallende Bedingungen, und ich habe nicht erfahren, ob sie für ihn selbst in geheimnißvolles Dunkel gehüllt sind, oder ob er sie mir nur so erscheinen läßt.«

»Nun! nun! wie läßt sich denn das an?« rief die Kaiserin, sich eifrig vorbiegend – »was glaubt Ihr denn – oder was sagte er darüber? Hat er noch Eltern oder Geschwister?«

»Weder das Eine noch das Andere,« erwiederte Kaunitz. »Mir hat ihn Baron Binder zuerst empfohlen. Er studirte damals zu Regensburg die Reichspraxis, zu welcher er bereits in Leipzig und Leyden einen guten Grund gelegt; und da er gesonnen war, einen letzten Kursus zu Wien abzuhalten, lud ihn Baron Binder in sein Haus, wo er ihn so vortheilhaft kennen lernte, daß er ihn mir empfahl. Auch ich theilte bald die Vorliebe des Barons, und da er die lebhafteste Neigung empfand, zu reisen, schlug ich ihm vor, mich nach Paris zu begleiten. Er willigte ein, und ein näheres persönliches Verhältniß entstand nun, welches mich bestimmte, ihn mit mir nach Aachen zu nehmen. Um ihn mir hier nützlicher zu machen, nahm er auf meinen Wunsch eine Art Titel an, und hier erst, bei seiner entschiedenen Weigerung Gehalt zu nehmen, erfuhr ich, daß er keine bindende Verpflichtungen eingehen dürfe, vermöge testamentarischer Verfügungen seines Oheims, dessen unmittelbarer Erbe er war, da sein Vater und der einzige Sohn seines Oheims früher starben. Seit unserer Rückkehr hat er mir mehr gestanden und meine Nachrichten über ihn lauten sonderbar genug. Er hat sich einer Dame gewidmet, von der man kaum glauben sollte, daß sie den schönsten Kavalier, den jugendlichen Mann von acht und zwanzig Jahren, zu fesseln vermöchte.«

»Also eine Liebesgeschichte,« sagte die Kaiserin kalt. »Das alte Hinderniß aller jungen Leute!«

»Ob man es so nennen darf, möchte ich doch kaum wagen zu behaupten. Euer Majestät mögen selbst urtheilen: Es ist die einzige nachgelassene Tochter des alten Fürsten Morani, des Kammerherren Seiner hochseligen Majestät des Kaisers.«

»Die Fürstin Morani!« rief die Kaiserin – mit ihrer lebhaften Weise die Hände zusammenschlagend – »Geht – geht – Kaunitz – wo habt Ihr Euren klugen Kopf – sie ist ja älter als ich – war mir ein Spielfräulein – ist nie schön, kaum hübsch gewesen – die entführt uns den jungen Herrn nicht; denn Vermögen hat sie auch nicht, das wißt Ihr am besten, denn Ihr laßt ihr die bewilligte Pension auszahlen und weiset die Rechnungen für die Baukosten in dem alten Palast Morani auf meine Chatulle an, damit er ihr nicht über dem Kopf zusammen bricht – also woraus soll denn da ein Liebesverhältniß werden?«

»Euer Majestät haben die Dame wohl ganz aus den Augen verloren?«

»Sie bat nach dem Tode ihres Vaters um Erlaubniß, sich vom Hofe zurück ziehen zu dürfen. Ich sah sie seitdem nicht. Prinzessin Therese ist durch ihre Mutter mit ihr cousine germaine – sie besucht sie und erzählt mir oft von ihr – sie scheint gern bei ihr zu sein – aber, mein lieber Graf, die Zeit hat noch nie die Fehler eines unschönen Gesichts bei einer Frau verbessert, sie wirkt sogar zu unserm Nachtheil da, wo die Natur den Vorzug der Schönheit verliehen hat.«

»Euer Majestät wissen,« erwiederte der Graf, sich verneigend – »daß ich darin völlig unerfahren bin. Doch höre ich durch den Pater Franz und Georg Prey, daß sie sehr mit ihrer Geistesbildung beschäftigt ist, und ich dachte, dies könnten ihre Reize sein!«

»Eine Gelehrte also!« rief die Kaiserin spöttisch. »O! Graf Kaunitz, was man auch von Eurem zärtlichen Herzen zur Zeit gesprochen hat, es muß lange her sein, daß Ihr meinem Geschlecht Eure Aufmerksamkeit geschenkt, denn sonst würdet Ihr wissen, daß selbst von Swieten kein besseres Rezept gegen die Liebe schreiben könnte, als die Gelehrsamkeit einer Frau! Doch genug, Herr Staatskanzler,« sprach sie plötzlich, ganz Kaiserin werdend – »wir wollen diese Mirakel nicht zum Nachtheil unserer heutigen Geschäfte weiter verfolgen – wir erwarten Euren Vortrag!«

Der Graf ordnete die mitgebrachten Papiere, und der Vortrag nahm seinen Anfang.

Der Gegenstand der eben mitgeteilten Unterredung, der junge Graf von Lacy – Wratislaw – wie die Familie sich jetzt zu Ehren der böhmischen Besitzungen der Aeltermutter nannte – war am selben Tage in seinem Arbeitszimmer und las mit gefurchter Stirn in einem langen, eng geschriebenen Briefe, dessen Inhalt keineswegs leichter oder erfreulicher Art sein konnte, denn es waren in dem schönen jugendlichen Angesichte alle Zeichen unangenehmer Aufregung ausgedrückt. Jetzt schien er damit zu Ende gekommen, er stand unmuthig auf, öffnete ein Fenster und sah nachdenkend in den kleinen Garten des Hauses; er wandelte dann wieder durch das Zimmer, setzte sich nieder, sah einzelne Stellen im Briefe nach – es schien aber dasselbe zu bleiben.

Doch besaß er nur sehr selten die Eigenheit, in Selbstgesprächen sich zu erleichtern, und so blieb dem Uneingeweihten sein Zustand ein Geheimniß, bis sich die Thür des Kabinets rasch öffnete und der junge Baron von Pölten leicht und fröhlich herein schlüpfte.

»Für mich gilt doch die Parole nicht, die Du an Deinen Kammerdiener gegeben!« rief er heiter – »für mich bist Du doch zu Hause?«

»Wenn du nicht selbst vor meinem finstern Gesicht entfliehst!« erwiederte Lacy, sichtlich durch des Barons Eintreten erleichtert. »Aber ich bin in einer Stimmung, die ich in Wahrheit Anstand nehmen muß mit einem Andern als mit mir selbst zu theilen, und liebe Freunde ladet man am wenigsten dazu ein.«

»Theilen!« lachte der Baron – »dafür behüte mich auch Gott, wenn theilen hier heißt: die Hälfte nehmen; auch nicht den kleinsten Theil Deiner Stirnrunzeln will ich haben – aber sie Dir verjagen helfen, dazu bin ich der Mann! Also beichte! beichte! ich wette, die ewig krächzende alte Eule, Dein Herr Vormund, hat wieder geschrieben, und da ich nun seit Jahr und Tag es ertragen muß, bloß zu erfahren, daß er Dich quält, so will ich endlich auch erfahren, warum er Dich quält – wo er die Autorität dazu her nimmt, gegen den acht und zwanzigjährigen mündigen Mann! He! willst du beichten und Dich überzeugen, daß ich der lustigste, ausgelassenste und dennoch der treueste Freund meiner Freunde bin?«

»Davon bin ich fest überzeugt,« antwortete Lacy – »doch denke ich,« setzte er lächelnd hinzu – »ich verschulde es nicht, wenn Du nicht früher alles über meine Verhältnisse erfahren, was mir selbst bekannt ist; denn diese wirklich kennen zu wollen, hat Deine flüchtige Laune Dir nie wünschenswerth gemacht, und ich lege wenig Werth auf den Trost, den wir von unsern Freunden durch die Mittheilung unserer Schicksale empfangen. Trost erhalten wir, wenn wir uns geistig frei regen können mit denen, die uns verstehen – diesen hattest Du immer für mich bereit!«

»Nun ja! ungefähr so würde ich auch gedacht haben,« sagte der Baron – »wenn ich mir Zeit genommen hätte, daran zu denken. Jetzt aber will ich mehr wissen, denn diese Falten auf Deiner Stirn müssen fort, ehe Du der schönen Baronesse Binder heut Abend die Aufwartung machst – deshalb – was hat dieser alte Advokat für Rechte über Dich?«

Lacy nahm den Brief vom Tische und sagte: »Das Recht, mich zum armen Manne zu machen, wenn ich nicht zurückkehre und seine sechzehnjährige Enkelin heirathe!«

Der Baron warf sich mit lautem Gelächter auf einen Sessel. »Verzeih!« rief er dann – »bist Du nicht der Graf Lacy? Rechtmäßiger Erbe der Herrschaft Wratislaw? Das ist zu toll!«

»Es sind Räthsel,« sagte Lacy. »Aber Du wirst mir zutrauen, daß ich nicht lammfromm ihnen gegenüber stehen blieb. Bei meiner Majorennität empfing ich mit der Uebergabe der bedeutendsten Einkünfte, einer klaren, musterhaften Darlegung meiner Verhältnisse, aller Rechnungen und Verwaltungs-Maßregeln seit dem Tode meines Oheims, zu gleicher Zeit die Klausel in seinem Testamente – des stolzesten, Ahnenberechtigtsten Mannes der Erde – die Enkelin des alten Herrn Thomas Thyrnau zur Gräfin von Lacy und meiner Gemahlin zu erheben, oder zu gewärtigen, daß Thomas Thyrnau mir die Verhältnisse darlegen werde, die mich des bedeutendsten Theiles meiner Besitzungen berauben würden. Nicht umsonst hatte ich indessen drei Universitäten besucht, um Reichsrecht zu studiren, und entschieden wies ich die Zumuthung dieser Klausel zurück, die mich in einem Grade empörte, wie es von einem jungen stolzen Menschen zu erwarten war, der in dem Augenblicke, wo er glaubt, die größte Freiheit erreicht zu haben, in einen neuen unerträglichen Zwang gerathen soll, der ihm beleidigend, ungerecht erschien, entehrend und was Du noch sonst willst, um das Maaß eines unleidlichen Zustandes voll zu machen. Ich forderte Herrn Thomas Thyrnau auf, sich näher zu erklären, indem ich ihm mein gutes Recht entgegen hielt. Dies gute Recht bestritt er nicht; aber er warnte mich zu widerstehen und wiederholte: das Recht, die Andeutungen des Testaments zu verwirklichen, sei dessenungeachtet da, er würde aber nie damit hervortreten, wenn ich seine Enkelin heirathete.«

»Lieber ließe ich mich zerhacken und zerstampfen,« rief der Baron – »oder zöge als Bänkelsänger durchs Land, oder ginge unter Trenks Panduren, oder schnitte dem erlauchten Grafen von Kaunitz die Federn und zöge seine zwanzig französischen Uhren auf! Herzensliebster Lacy! Du wirst Dich doch von Advokaten-Kniffen nicht einschüchtern – nicht um Dein unverletzbares rechtmäßiges Eigenthum betrügen lassen?«

Die Stirn des jungen Grafen röthete sich etwas. »Ich fühle mich nicht eingeschüchtert,« sagte er mit etwas gepreßter Stimme – »und denke, dies Gefühl soll mir immer fremd bleiben. Verwechsele damit nicht die Scheu, den letzten Willen eines Mannes anzugreifen, dem ich alles verdanke, was ich bin. Mein Oheim war der edelste, großartigste Mann, den die Erde tragen kann. Seine Fehler selbst, das heiße Blut der Lacy, ward bei ihm die Treibhausglut seiner Tugenden. Aber er war zugleich der adelstolzeste Mann; vergraben unter Stammbäumen und Geschlechtsregistern und von den Ahnen unseres Hauses, wie von einer Schaar geharnischter Geister umgeben. Aber wenn das Gefühl, auf eine lange Reihe ausgezeichneter Vorfahren blicken zu können, zu der Veredelung eines Nachkommen beitragen kann, so sah ich bis zum achtzehnten Jahre, wo ich seinen Umgang genoß, dies in dem erhabenen Greise verwirklicht; und wenn diese Jugendeindrücke und jedes seiner Worte mich auf diese stolze Stellung hingewiesen haben, so wirst Du vielleicht jetzt besser den Eindruck erkennen, den mir sein letzter Wille machen muß, der allen Ueberzeugungen seines Lebens schroff gegenüber steht.«

»Um so mehr würde ich an der Wahrheit dieses letzten Willens zweifeln – um so mehr alles diesem Thomas Thyrnau zuschieben! Gerade was Du mir eben mitgetheilt, bestimmt mich noch mehr, die ganze Sache für einen Advokaten-Streich zu halten, besonders da Du bei seinem Tode abwesend warst und das ganze Testament in geistesschwachen Stunden abgefaßt sein kann.«

Der junge Graf ging ein paar Mal nachdenkend durch's Zimmer, dann blieb er vor seinem Freunde stehen und sagte, seine ernsten Augen lebhaft zu ihm aufschlagend: »Ich kann nicht! Es ist mir unmöglich, diesem Thyrnau ein solches Verbrechen zuzutrauen! Wir kennen uns beide nicht persönlich, denn obwohl er der Rechtsanwalt unserer Familie war, so lange er überhaupt praktizirte, war doch in den früheren Jahren meiner Anwesenheit bei meinem Oheim, eine Entfremdung zwischen Beiden eingetreten, die ihren geselligen Verkehr aufgehoben hatte. Aber dessenungeachtet sprach mein Oheim von Thomas Thyrnau nie anders, als von einem theuren Jugendfreunde; nie anders als mit der größten Hochachtung von seinem Charakter, seinen Fähigkeiten, seinen hohen Tugenden! Freilich bezeichnete er oft einen einzigen Fehler, einen Fehler, den er nie unterließ, an die große Kette der Lobeserhebungen zu reihen, die er stets seinem Namen hinzufügte – und dieser einzige Fehler macht mich jetzt, trotz der Abneigung, die ich gegen diesen Verdacht empfinde, gegen einen Mann mißtrauisch, an welchem sonst kein Makel zu finden ist. Dieser Fehler ist Stolz! Eitelkeit selbst nannte ihn mein Oheim; ein unbegrenztes Ankämpfen gegen die Vorrechte unseres Standes; ein dünkelvolles Erheben des persönlichen Verdienstes, und unter diesen Bedingungen ein gewisses Gleichstellen, das mein adelstolzer Oheim nicht immer in der Laune war, ertragen zu können. Ob die Kälte und Zurückhaltung, die damals unter beiden Männern vorherrschte, in solchen Reibungen ihren Grund hatte, oder, wie ich geneigter bin zu glauben, in einer bedeutenderen Störung zwischen ihnen liegen mochte, habe ich nie erfahren. Doch erzählte mir mein Oheim oft, wie die Familie des Advokaten und die unsrige früher in so großer Einigkeit gelebt, daß, obwohl Thomas Thyrnau von seinen Geschäften getrieben, oft in Prag seinen Aufenthalt nehmen mußte, seine Familie dennoch zuletzt auf dem Stammgute bei meinem Oheim ganz einheimisch wurde und der Advokat immer mit der alten Freude dorthin zurückkehrte. Sehr wohl erinnere ich mich noch des alten Hauses, wo sie gewohnt hatten; es lag am Ende des großen Thiergartens und stand zu meiner Zeit leer. Wenn wir jagten oder spazieren gingen, zeigte mir mein Oheim stets von fern dies Haus, welches das Dohlennest genannt ward; aber nie ging er vorüber oder trat ihm näher. Hatte er mir erzählt, wie einig er einst mit dessen Bewohnern gelebt, schwieg er dann nur um so länger still, und als ich anfing zu beobachten, sah ich, wie das wehmüthigste Nachdenken sich auf seiner Stirn lagerte, und wie er an solchen Tagen sich stets in seine Zimmer zurückzog. Nur einmal fragte ich ihn: wo denn alle diese lieben Menschen geblieben wären? Da sagte er mit allen Zeichen unverjährten Kummers: »»Todt! – Todt! Alle todt! Ich und Thomas, wir haben Beide Weib und Kinder begraben sehen, und sind unter tausend Schmerzen alt geworden!«« Seitdem fragte ich ihn nie wieder, denn ich konnte die Trauer nicht vergessen, die sein Angesicht ausdrückte, als er dies sprach.«

»Das sind wirklich seltsam widersprechende Umstände,« rief der junge Baron ernster als seine Art war – »denn diese Trennung der beiden Freunde läßt doch kaum den Verdacht zu, daß das sonderbare Testament unter dem persönlichen Einfluße von Thomas Thyrnau entstanden sein könnte.

»Ich verließ meinen Oheim in meinem achtzehnten Jahre, und fing meine Studien auf der Universität Leipzig an, und zwar mußte ich meinem Oheim versprechen, ohne Unterbrechung die drei Universitäten zu besuchen, die er für mich gewählt hätte. Ich mußte mich von ihm und von der Heimath auf so lange trennen, als meine Studien dauern sollten.«

»Er hatte Dich also für den Staatsdienst bestimmt?« fragte ihn der Baron.

»Im Gegentheil! Er forderte von mir, nie eine dauernde oder bindende Stellung im Staate anzunehmen. Er wollte, daß ich das große Werk, was in seinem Kopfe entstanden war, einst ausführen sollte; er wollte mit einem Worte, daß ich theilweise das Joch der Leibeigenschaft, nach den weisen Grundsätzen, die er entwickelt in seinem Kopfe trug, auf unserer großen Herrschaft aufheben sollte, und um mich zu allen damit verbundenen Rechtshändeln auszurüsten, ließ er mich studiren und ordnete meine Studien so, daß ich befähigt sein könnte, dereinst mir und meinen Untergebenen selbst den nöthigen Rath, nach den Gesetzen des Landes zu ertheilen.«

Der Baron lächelte. »Er wollte Dich also unabhängig machen von Advokaten und Gerichtshöfen! Er rüstete Dich also aus, um das Unrecht mit der eigenen Kenntniß der Gesetze bekämpfen zu können! Sollte das nicht schon Mißtrauen andeuten gegen den Rath, dem er sich in Thomas Thyrnau unterziehen mußte? von dem er Dich unabhängig machen wollte?«

»Ich kann dies um so weniger glauben, als ihr Verhältniß nach meiner Abreise bald die vorige Innigkeit wiedergewann! Thomas Thyrnau gab Prag und seine dortigen Geschäfte auf und bezog das alte Dohlennest, und mein Oheim war bald wieder so zu Hause dort, wie in dem eigenen Schlosse.«

»Nun,« rief der Baron, »siehst Du nicht ein, daß dann der Verdacht auch wieder wächst? Gewann er seinen alten mächtigen Einfluß aufs Neue, wie leicht konnte er ihn dann mißbrauchen, und gewiß liegt in dem vorliegenden Falle der bezeichnete Fehler – und sei es sein Einziger – klar und deutlich aufgedeckt. Seine Eitelkeit treibt ihn, seine Enkelin zur Gräfin Lacy zu erheben. Oder sein bürgerlicher Stolz, um zu beweisen, daß sein persönliches Verdienst an jeden Vorzug reiche, den Rang und vornehme Herkunft zu geben vermögen.«

Wieder schritt Lacy nachdenkend umher; endlich aber sagte er, wie zu sich selbst: »Ich dachte das auch – oder vielmehr ich denke es noch – ja ich muß fortfahren, es zu denken, um gegen die unsinnige Forderung dieses Testaments fest zu bleiben. Aber ich will so wenig mit Dir heucheln, wie ich es mit mir selbst gethan; – ich glaube es dennoch nicht!«

»Nun« – rief Pölten lachend – »bester Freund! so gehe hin und heirathe! Heirathe die rothwangige Dorfschönheit von sechszehn Jahren – sie ist vielleicht so übel nicht! In Rücksicht des Adels, der ihr fehlt, wirst Du doch nicht strenger sein als Dein alter Oheim.«

»Wer weiß,« sagte der Graf sinnend, »was ich gethan hätte, wäre der wunderliche Alte früher so dringend geworden als jetzt! Aber nach der ersten Mittheilung hierüber, welche das Testament nöthig machte, verharrte er lange in einem stolzen Schweigen, welches mich mit der Hoffnung einwiegte: er selbst gäbe eine Forderung auf, die so gegen alle Sitten und Gebräuche unserer vornehmen Familien streitet, daß ich diese Bedingung nie zu einer Sorge für mich werden ließ. Ich hatte nie an meiner persönlichen Freiheit gezweifelt; ich habe demgemäß gehandelt – selbstständig entschieden, jetzt kann ich die Forderung von Thomas Thyrnau nicht mehr erfüllen – weder Neigung noch Ehre erlauben es mir!«

Mit Heftigkeit fast hatte sich der junge Graf von seinem Freunde abgewendet. Er stand am Fenster und blickte über die Ufer der Donau hinüber und genoß den heitern Anblick der großartigen Stadt, die über dem kleinen Gärtchen ausgebreitet lag. Plötzlich wendete er sich nach seinem Freunde zurück und sagte: »Du hast mich schon so oft gebeten, Dich der Fürstin Morani vorzustellen, hast Du heute Zeit und Neigung dazu, so bin ich bereit, Dich dort einzuführen.«

Pölten sah ihm lächelnd in die Augen; dann verneigte er sich tief und sagte: »Es ist eine Gunst, um die ich so oft vergeblich gebeten habe, daß ich nicht mehr darauf zu rechnen wagte. Um so mehr weiß ich es zu schätzen, daß endlich Dein felsenfestes Herz bricht und Du Deinen besten Freund Dein Glück willst theilen lassen, an welchem Du bisher, wie es schien, Niemanden Antheil gönntest.«

Ohne die ironische Rede beachten zu wollen, sagte der Graf leichthin, daß die Fürstin sehr eingezogen lebe, bis auf einige gelehrte Freunde Niemand sehe, und es ihm daher nicht zugestanden, seine Bekannte dort einzuführen. »Jetzt aber,« rief er mit einem warmen Blick auf seinen Freund – »jetzt wünsche ich selbst, daß Du sie kennen lernst.«

Schnell unterbrach er den Versuch des Barons, ihm zu antworten, indem er fortfuhr, als verstünde eine Erklärung sich von selbst: »Meine Bekanntschaft mit der Fürstin entstand noch bei Lebzeiten ihres Vaters. Ich hatte eine Empfehlung an ihn von meinem Oheim; doch damals verließ er schon das Zimmer nicht mehr, aus welchem er ein Jahr später als Leiche getragen ward. Hier lernte ich die edle Tochter kennen, deren Jugend in dem Krankenzimmer des Vaters verblüht war. Aber an der Seite des hochgebildeten Mannes, der in den schwierigsten Weltverhältnissen, an fremden Höfen, in ehrenvollen und wichtigen Sendungen alt geworden war, hatte sie dagegen einen Schatz von Bildung und Kenntnissen eingetauscht, in dieser Einsamkeit eine Güte und Reinheit der Gesinnung erhalten, und eine Weisheit der Weltanschauung erlangt, wie sie wenigen Frauen zu Theil werden kann. Ich habe sie in sehr verwickelten Verhältnissen, unter den nagendsten Sorgen aller Art mit dem Muthe eines Mannes, mit der Zartheit einer Frau handeln sehen, und,« setzte er bewegt hinzu, »ich verdanke ihr sehr viel! – Als mich der Fürst bei sich aufnahm, geschah es aus Liebe zu seinem alten Freunde, dessen Neffe ich war. Bald gewöhnte er sich an mich, und als er noch des Mittags einen Kreis mit ihm alt gewordener Freunde sehen konnte, waren mir und seiner Tochter die Abende überlassen und ich half ihr oft die langen Nächte hindurch den Leidenden durch Lektüre und Unterhaltung zu zerstreuen.«

Der Baron ehrte die ernste und achtungsvolle Haltung, mit der sein Freund sprach; endlich sagte er: »Worin bestanden die großen Schwierigkeiten der Tochter? Ihre eigne edle und ernste Richtung mußte ihr dies Leben nicht so erschweren, dächte ich.«

»Der Fürst war Einer aus der fröhlichen alten Schule, die nicht begreifen wollen, daß man nur das ausgeben soll, was man hat. Er fragte immer nur: Was kommt mir zu, als Fürst Morani auszugeben? Das mußte da sein, und er hoffte dabei auf eine Ausgleichung, die um so mehr ausbleiben mußte, als Krankheit und Alter ihn nachgerade von all' den öffentlichen Stellungen verdrängten, die in früheren Zeiten häufig den Ausfall gedeckt, den seine ungebundenen Neigungen veranlaßten. Zur Zeit, als ich Vater und Tochter kennen lernte, hatte Letztere die Verwaltung des Ganzen übernommen. Sie zahlte heimlich Schulden ab, und erhielt ihm, in dem beschränkten Kreise, den er noch übersehen konnte, allen Schein des alten Glanzes, ohne den er sich nicht anders als entwürdigt zu denken vermochte. Sie raubte mit ruhigem Bewußtsein ihrer Zukunft jede Stütze, jede Aussicht auf ein anständiges, sorgenfreies Leben, und legte sich schon in dieser Zeit jede Entbehrung auf, die seinen argwöhnischen Augen zu entziehen war. So hat sie ihren großmüthigen Zweck erreicht! Er starb, umgeben von allen angewöhnten kostspieligen Bedürfnissen seines langen Lebens, und als sie sein von ihm selbst angeordnetes fürstliches Begräbniß bezahlt hatte – war sie in dem fürstlichen Palast Morani – am Bettelstabe!« Lebhaft rückte der Baron bei diesen Worten seinen Sessel näher zu dem Freunde hin, und blickte ihn mit so gespannter Erwartung an, daß sein schönes jugendliches Gesicht in höherer Farbe glühte. Graf Lacy stand dagegen auf und indem er wieder das Zimmer zu durchwandern begann, sagte er kurz: »Der edle Graf von Kaunitz erfuhr die Lage der Fürstin; er fühlte die Verpflichtung der Kaiserin, welche ihr sogleich in huldvollen Ausdrücken eine Pension sicherte und auch fortfährt, die Lage der verwaisten Fürstin zu erleichtern.«

Auch Baron Pölten erhob sich jetzt. Beide Freunde nahmen eine kurze Verabredung für den Abend und trennten sich, in diese bezuglosen Worte eine Wärme des Ausdrucks legend, die sie, ohne daß sie es beachteten, hinriß, sich zu umarmen, was sie sonst nie thaten.


Der Juli-Abend war weit vorgerückt, als der Graf Lacy endlich seinen Spaziergang beendigte und sich der Häuserreihe zuwendete, die an der Wallseite nach dem Neuthore zu aufhörte eine zusammenhängende Straße zu bilden, da sich hier mehrere der bedeutendsten Paläste der in Wien ansäßigen Familien befanden, die von ihren weitläufigen Gärten, und von den kleinen Gebäuden umgeben waren, wie man sie für die zugehörenden Dienstleute zu benutzen pflegte.

Der Graf nahte sich dem Palast Morani, welcher sich durch seine düstere, schwerfällige Architektur und durch den alten Baumwuchs auszeichnete, der sich, ohne von der Hand des Gärtners mehr gestört zu werden, über die eisernen Gitterthore des Vorplatzes erhob und das höhere Alter dieser Besitzung bezeugen half. Er zog die Glocke, und da kein Portier mehr das leere Eingangs-Häuschen bewohnte, er auch genau wußte, daß der einzige hochbetagte Diener dieses Hauses nur langsam den Weg über den gepflasterten Vorplatz zurücklegen könne, lehnte er sich gegen das Gitter des Hofes und blickte unter dem Schutz einer alten Linde sinnend in die vor ihm ausgebreitete Landschaft.

Der warme Sommertag wich jetzt der duftigen Kühle des Abends, aber die ganze Natur stand noch lautlos still, erschöpft von den glühenden Strahlen der Sonne, die der wolkenlose Himmel während des langen Tages ohne Unterbrechung ausgegossen. Die Zweige der alten Lindenbäume, die das Innere des Hofes im Halbkreis umzogen, hingen schwer von duftenden Blüten nach allen Seiten hernieder; die Bienen nahmen scheidend mit wohlbehaglichem Summen die letzten Tröpfchen zu ihrer reichen Ausbeute, und man sah sie dann gegen den klaren Abendhimmel, den die sinkende Sonne am Rande glühend umsäumte, die Reise heimwärts antreten. Jenseits des Fahrweges in dem Gärtchen vor dem Hause des Jägers standen die Rosen in voller Blüte; über das niedere Dach hinweg sah man in ein Kleefeld, dessen volle violette Blumen den erquickenden Geruch von Wasser und Kühlung ausathmeten. Dahinter zeigte sich der schmale Streif eines Kornfeldes, dessen reife Aehren in den letzten Sonnenstrahlen wie Gold glänzten. Ueberall war der Ausdruck eines überschwenglich reichen Naturlebens. Alles schien fertig, schien den höchsten Punkt seiner Entwickelung erreicht zu haben, und indem man fast berauscht von dieser verschwenderischen Fülle und Schönheit war, fühlte man zugleich mit einer Art Wehmuth, es sei der Höhepunkt des Sommers mit allen seinen Reizen erreicht, und umgeben von seiner Vollendung, habe man nichts mehr zu erwarten, als Abschied nehmend dem langsamen Verschwinden seiner Schätze zuzusehen. Der junge Graf genoß mit vollen Zügen den Eindruck dieses schönen Momentes und indem er die Erhebung fühlte, die einer tieferen Auffassung der Natur selten fehlen wird, verschwanden die Schatten, die sich um seine Stirn gelagert hatten, und er bekam das alte belebende Gefühl seiner glücklichen und bedeutenden Stellung zur Welt. Kräftig richteten sich alle großartigen Pläne und Wünsche in ihm auf und gaben ihm eine freudige Erhebung. Er wendete sich nach dem Gitter zurück, und da der alte Diener den ersten Schellenzug überhört zu haben schien, wiederholte er ihn jetzt noch einmal, und ließ das Auge auf der Eingangsthür des dahinter sich erhebenden Schlosses ruhen. Dieses war ein langes Besitzthum der eigentlich venetianischen Ursprungs sich rühmenden Familie Morani. Es war zu Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts von Octavio Burnaccini und im Charakter der damaligen Mode erbaut. Die Hauptfront, die nach dem Hofe, und die gegenüber liegende, die unmittelbar an den Garten stieß, waren von röthlichem salzburgischen Marmor, und die schwerfälligen Verzierungen von grauem und weißem Marmor. Die Zeit hatte nicht gesäumt, die grellen Kontraste dieses Materials in eine übereinstimmendere Farbe umzuwandeln und trug wohlthätig dazu bei, diese gleichmäßig verbreitete Vermischung, wie die überladene Ausstattung jeder einzelnen architektonischen Linie, zu einer größeren Masse zu verschmelzen. Wellenartig bogen sich an der Hauptfront des Bauwerks, in der Mitte und an den Seiten einzelne Theile vor, bildeten im Innern halbrunde Zimmer und gaben die eirunde Form des Flurs, in welchem die künstlich geschwungenen Treppen emporstiegen. Die Eingangsthür war von einigen verfänglichen Säulen gestützt, deren gemischte Ordnung keine große Strenge verrieth; sie waren aber auch mit einer solchen Ueberladung heraldischer Zeichen und diese durch so schwerfällige Blumenketten und Engelgestalten verherrlicht, daß von ihrem Dasein wenig zum Bewußtsein der Beschauer kam. In demselben Geschmacke waren alle Fenster des ersten und zweiten Stockwerks verziert, während unter einem flachen Dache nur hier und da ein kleines oeuil de boeuf angebracht war, und über der schwerfälligen Einfassung der Plattform zahllose Marmorfiguren in regellosen Gruppen die reizlosen Gestalten erhoben. Von allen Seiten sah aber der dahinter liegende Garten hervor und schloß sich, obwohl durch das Gitter gesondert, doch mit seinen Laubkronen an die Lindenallee, die den Hof umzog. Das Palais, das, wenn auch nicht zu den größten gehörend, da es ohne Flügel und nur von zwei Stockwerken war, doch von der Prachtliebe und den früheren Ansprüchen seiner Besitzer zeugte, machte jedes Mal einen ganz besondern Eindruck auf den Grafen Lacy; denn es war ihm ein Zeichen, wie die Zeit schonungslos die Umgestaltungen bewirkt, gegen die der stolze Sinn des Menschen sich zur Zeit des vollen Besitzes bis an die fernste Zukunft gesichert hält. Die hochmüthige Geringachtung, mit der die Mittel verschwendet werden, die ein großes Eigenthum darbietet, und die ein mäßiger Gebrauch und eine klare Uebersicht den stolzen Ansprüchen erhalten hätten, arbeitet der Zeit in die Hände, die jede Versäumniß rächt, und ihre verderblichen Erfolge überraschen den sicher gewordenen Hochmuth erst, wenn er schon im Begriff steht, unter ihnen vergraben zu werden. So hatte der Fürst gelebt und hatte längst aufgehört, den wahren Anspruch an einen rechtlichen und ehrenhaften Namen zu besitzen, und dennoch durch den angemaßten Schein davon, das Gefühl behalten, als sei ein solcher ganz unzertrennlich von seiner Person, da er die zahllosen Bedrückungen und Wortbrüchigkeiten, womit er die Mittel erkaufte, um sein geträumtes Anrecht an Glanz und Ueberfluß zu erhalten, nicht zu den Überschreitungen der Grundsätze rechnete, die er als Edelmann zu seinem privilegirten Besitze zählte. Der Graf hatte die einflußreichsten Erfahrungen in dem jetzt verödet vor ihm da liegenden Palaste gemacht, und sein Oheim, dieser wahrhafte Ehrenmann, der keine Beziehung des Lebens kannte, die ihn von der Strenge und Rechtlichkeit, die sein ganzes Wesen durchdrang, abzulösen vermochte, ahnte nicht, wie der Fürst Morani, den er von gleichen Gesinnungen erfüllt hielt, seinem Neffen die Lehre geben würde, daß hinter einem liebenswürdigen, geistvollen Aeußern ein hartes Herz und die größte Gewissenlosigkeit liegen könne. Als die verkauften und verpfändeten Besitzungen des einst so reichen Hauses Morani keine Hülfsmittel mehr darbieten wollten für die Summen, die immer wieder aufgenommen werden mußten, um den angewöhnten Glanz zu behaupten, wurden mit lachendem Munde die unwürdigsten Täuschungen wie Scherze erdacht, die Darleiher damit ihres Eigenthums beraubt und zahllose Personen in unverschuldetes Unglück gestürzt. Seine edle Tochter, die mehrere Heirathsanträge ablehnen mußte, um die Lage ihres Vaters nicht fremder Einsicht bloß zu stellen, sah er an seiner Seite ohne alle Vorwürfe verblühen, nichts bedenkend, als daß sie ihm für den Augenblick die angenehmste und bequemste Gefährtin war, und als er endlich, durch Krankheit gefesselt, seine Angelegenheiten in ihre Hände niederlegen mußte, forderte er von ihr die Erhaltung desselben frevelhaften Aufwandes, obwohl er wußte, er beraube sie damit jeder Stütze für die Zukunft, und werde sie bei seinem Ende, was er voraussah, am Bettelstabe zurück lassen. Aber neben diesen Schattenseiten besaß er hinreißend liebenswürdige Eigenschaften und war durch seine Freigebigkeit und Gefälligkeit, durch seine Sanftmuth und anscheinende Güte ein Gegenstand der Liebe und Verehrung.

Während der Graf mit der fliegenden Schnelligkeit des Gedankens dies Bild des Verstorbenen, welches sich ihm in einem jahrelangen, fast täglichen Umgange offenbart hatte, durchlief – richtete er die Blicke zu den hohen Fenstern hinauf, die einst von tausend Wachskerzen leuchteten und jetzt nur noch den glühenden Strahlen der Sonne einen kurzen Lichtglanz verdankten. Er wußte, hinter ihrem trügerischen Scheine verbargen sich leere Wände; Bibliothek, Gemälde- und Statuen-Sammlungen, prachtvolles Hausgeräth, Kunstgegenstände und Antiquitäten, wie die Bedürfnisse üppiger Tafelausstattungen – Alles war allmälig schon bei Lebzeiten des Fürsten verschwunden. Krankheit hinderte ihn, diese Räume zu betreten, und nur die wenigen Zimmer im Erdgeschoß blieben ihm in ihrem alten Glanze erhalten, von denen aus er sich noch zuweilen durch die Gärten tragen ließ, oder bei geöffneten Fensterthüren den Duft seiner Orangerie genoß. Nach seinem Tode waren auch diese letzten glänzend eingerichteten Gemächer leer geworden, und die klösterliche Einfachheit, die schon seit lange die Zimmer der Fürstin ausgezeichnet hatte, war nunmehr die einzige Ausstattung der stolzen Wohnung.


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