Balder Olden
Das Herz mit einem Traum genährt
Balder Olden

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Achtes Kapitel

Nun stand ein Wagen in der Garage, dem einstigen Gärtnerhaus, ein großer, amerikanischer Wagen, den ein Livrierter in Stand hielt. Das gab neues Ansehen, wenn es auch nur der Wagen eines Gastes war. Aber auch sonst stiegen die Aktien im Augenblick, denn Praxmarer hatte auf den ersten, verlegen-routinierten Wink sein Scheckbuch gezogen. »Selbstverständlich, der Ordnung halber, ein à Conto

Dieser Scheck über tausend Mark wurde vielen gezeigt, ehe eine Innsbrucker Bank – Ayalas mußten weit fahren, um eine Bank zu finden, bei der sie nicht im Schuldsaldo saßen, – ihn nach Berlin schicken durfte; jeder Händler in Johannes am Stein bekam ihn zu sehen.

»Sobald dieser Betrag herein ist, Herr Kerschenstaner . . .«

In Praxmarers Wohnzimmer hingen Landschaften 89 und Kinderportraits. »Doña Felicitas ist Malerin, das wußten Sie nicht?«

Um den Verkauf durfte Don Camillo sich nicht kümmern, einstweilen hingen die Bilder in Praxmarers Zimmer, er konnte ja bei Gelegenheit selbst mit Felicitas sprechen.

Er sprach so gern nach endlos langem Schweigen. In diesem Raum voll schönen alten Hausrats, vor dessen Fenstern über eine Terrasse hin der See blaute, – ein ganz eigenes Stück See, in dem ein privater Berggipfel mit Schneehaupt sich spiegelte, – sollte etwas ihm selbst gehören!

Praxmarer war noch immer der Mann zarter Vorkriegsgalanterie, der Frau Dolores del Rio y Aquila de Schneiderli so sehr bezaubert hatte, daß sie ihm nach der verlorenen gleich ihre zweite Tochter verloben wollte. Seine Augen und Stimme waren klarer als vor wenig Tagen, der Gestus, mit dem er Frau del Ayala begrüßte, ein wenig leichter.

»Wenn Sie mir eins dieser Bilder ganz überließen, wäre ich glücklich, Madame! Nicht nur als Kunstwerk, das mich entzückt, auch als bleibende Erinnerung an Ihr Haus . . .«

Als Felicitas zögerte, Platz nahm und Herrn Praxmarer bat, sich zu setzen, wurde er beinahe dringlich. »Auf keinen Fall natürlich unter dem Preis, den Ihre Bilder sonst erzielen, Madame! Ich bin ganz 90 fremd auf diesem Gebiet, Sie müssen mir das verzeihen.«

Sie bemerkte, daß Oesterreich ein Markt sei, der . . . Aber auf einer Ausstellung in London oder Berlin würde man . . . Zuletzt wurde sie selbst rot, als sie eine Summe nannte, die ihr zufällig in den Mund kam, wie von einem Wunschtraum diktiert.

»Noch eins, Madame –« Praxmarer war verlegen. »Wäre es Ihnen schmerzlich, ein Bild Ihrer Kinder in fremden Händen zu wissen?«

Der Verkauf von zwei Bildern zu solchen Preisen gab Luft! Wenn man die Hälfte des fälligen Wechsels deckt, wird der Rest gern auf drei Monate prolongiert, – Ayalas waren doch tüchtige Leute, die sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen würden. Sie in Bankrott zu treiben, wäre falsche Politik, das bewies sich. Ihr Haus mit Hypotheken bis zum Dach beladen, das Silber verpfändet, ein disqualifiziertes Rennpferd im Stall, ein geheimnisvolles neues daneben, von dem man noch nichts wußte, die paar Truhen, Schränke, Teppiche wahrscheinlich auch schon beliehen, – das wäre die Masse.

Daß Praxmarer für zwei Bilder der Baronin siebentausend Schilling bezahlt hatte, ging von Haus zu Haus.

Entweder war dieser sehr distinguierte Herr aus der Fremde ein Kenner, dem hier im Land sich keiner 91 vergleichen konnte, ein Spekulant in Malerei womöglich, dann würde er Felicitas Braunsburgs Preise bald noch höher bringen. Dann war man geborgen und sicher.

Oder er war ein blöder Millionär, dem's nicht drauf ankam. Dann war er in guten Händen und würde im Herbst – selbst etwas derangiert – eine leidlich sanierte Villa Braunsburg verlassen. Aber es gab ja so viele, die immer behauptet hatten, die Baronin versteht was vom Malen! Mancher Besitzer eines »echten Braunsburg« hatte jetzt andere Augen für sein Eigentum. Praxmarer wurde von fremden Leuten gegrüßt, Gendarmen und Postbeamte standen stramm, wenn sein Wagen vorüber glitt; freilich zeigte er sich selten, aß auf seinem Balkon und lernte nicht einmal die Zimmernachbarn kennen. Aber er war da, sah vornehm und gütig aus, war ein Freund der Ayalas. Ins Fundament dieses wankenden Hauses kam plötzlich neuer Beton.

Cilli von Braunsburg, eine entfernte Kusine von Felicitas, Doppelwaise, nicht ganz mittellos, war bald nach Praxmarer eingezogen. Ihr Vormund hatte sie geschickt und angedeutet, das Mädchen sei in einer Krisis, man sollte ein Auge auf sie haben, aber ihr Vertrauen nicht zu erzwingen suchen. Gute Luft und freundliche Gesichter würden ihr ein paar Wochen lang gut tun. 92

Cilli war gerade siebzehn geworden, trug den Kopf mit seinem dicken, altmodischen Zopf hoch und zeigte nicht gern ihr verdüstertes Kindergesicht. Sie badete allein, man wußte nicht, in welcher einsamen Bucht, schritt auf hohen kraftvollen Beinen an jedermann vorbei, kümmerte sich um Felicitas' Kinder so wenig wie um die Kusine selbst. Wenn erwachsene Menschen sich ganz ausgelassen kindisch benahmen, was im Sommer und in einem geschlossenen Garten oft vorkam, wenn richtige Damen und Herren Blindekuh oder Schinkenklopfen spielten, lachte sie mit, und ihr Lachen kam ganz aus der Tiefe, befreiend kindlich; aber sie spielte nicht mit.

Im Pferdestall sah man sie oft, sie lernte auch alle Hunde und viele Katzen im Dorf kennen, mit denen sie Gespräche führte, viertelstundenlang, man hörte nicht, was. Die Tiere liefen ihr zu, obwohl sie keines fütterte, auch kaum streichelte. Wenn herzliche Beobachter, denen das schöne, einsame Mädchen interessant war, nach den Tieren fragten, gab sie Auskunft; auf andere Fragen nie.

»Jedenfalls ein sehr netter Hund!« sagte sie, weil seine Rasse als Promenadenmischung bewitzelt wurde. »Es handelt sich nicht um die Rasse, sondern um ihn.«

»Eine sehr arme Katze, sie hat nur ein Auge und zittert immer vor Angst.«

Dies Mädchen Cilli trat eines Tages bei 93 Praxmarer ein, wies sein verdüstertes Kindergesicht ohne den Versuch, zu lächeln, verteidigte sich nur: »Ich hab geklopft, aber Sie haben's nicht gehört, weil Sie auf dem Balkon waren,« und schwieg ihn peinvoll an. Er hatte wie immer in sein Stück See, auf sein Spiegelbild des hohen Woergel geschaut und sanft gefühlt, daß seit kurzem neue Lebenskraft ihn durchflutete; seit dies Seebild vor ihm stand und im Gespräch mit Ayala der Name Niëves häufig fiel, als sei sie zwar nicht da, aber gar nicht verschwunden. Tage begannen mit dem Gefühl, irgendetwas Freundliches würde begegnen, endeten mit dem Empfinden, Nacht und Bett und starke Luft, die durchs Fenster kam, seien etwas Gutes. Auch der rote Tiroler, den Ayala ihm abends verschrieb, war etwas Gutes.

»Schwimmen und Rotweintrinken, Don Ernesto, das tut schließlich dieselbe Wirkung wie Morphium, aber Sie bleiben frisch.«

Ayala war bisher noch der einzige Mensch, mit dem Praxmarer sprechen mochte. Die müde Elegie dieses immer schöneren Kopfes tat gut, Ayala fragte nichts und erzählte wenig. Es war mehr Zusammensitzen als Unterhaltung.

Nun saß ihm ganz ebenso dies junge, fremde Mädchen gegenüber, die Augen umschleiert, aber gradaus in seine Augen gerichtet, als prüfe sie ihn männerkundig, Arme und Beine tapsig hingestellt 94 wie von einer derben Puppe. Dieser erste, stumme Besuch einer fremden Person war Praxmarer nicht peinlich. Er läutete um eine Vesper, freute sich, daß sein Gast Schokolade verlangte, bestellte Kuchen und Schlagobers dazu, fragte schließlich nach ihrem Namen und sprach gelegentlich ein Wort über die Aussicht oder die Ruhe im Haus, zu dem Cilli gedankenlos nickte.

Sie hatte ihm nur den Vornamen gesagt, als wollte sie betonen, daß sie ein Kind war; nach der Schokolade, als sie beide rauchten, draußen die Sonne unterging, sagte er ›du‹ zu ihr, ganz unwillkürlich. »Bleibst du noch lang hier, Cilli?«

Dies »du« schien ihr Freude zu machen, sie lächelte vor sich hin wie ein Mensch, dem im Spazierengehen etwas Freundliches einfällt. Dann fuhr sie fort, ihn schweigend zu prüfen. Er war es, der zu sprechen hatte:

»Du bist gern hier?«

Sie legte sichtbar eine Antwort zurecht, es dauerte lang, dann kam es wie auswendig gelernt:

»Sie werden erstaunt sein, weil Sie mich nicht kennen. Aber ob ich noch lang bleibe, und ob ich gern hier bin, kommt auf Sie an.«

Ein verbitterter Einsiedelmensch, der in Vergangenheit lebt, sich aber zurück in die Gegenwart sehnt, kann nicht schönere Worte hören. Praxmarer trug keinen Bart mehr, sein dünnhäutiges, blasses 95 Gesicht lag ganz offen, und er war so wenig an Gespräche gewöhnt, daß er ein Strahlen nicht verbarg, daß es aus seinem Herzen jetzt über das Gesicht zog.

»Dann ist es gut, Cilli. Was ich dazu tun kann, tu ich bestimmt.«

Sie formte wieder mit suchenden Lippen eine Rede voraus, die endlich fest und eindeutig kam.

»Ich hab Sie nur ein paarmal gesehen, aber zu Ihnen hab ich Vertrauen. Eltern hab ich keine und Freunde auch nicht. Einen Vormund hab ich, aber zu dem hab ich kein Vertrauen, weil er ein Bohême ist. Meine Kusine, die Felicitas, wissen Sie, und ihr Mann sind auch Bohême. Aber Sie sind keiner.«

Die Vorstellung, er könnte Bohême sein, war komisch genug. Aber es war entzückend, wie nach einer Stunde Schweigen das Eis aufbrach, wie selbstbewußt, als eine Ehrung, dies sichtbar verschlossene, elternlose Kind ihm seine Huld ankündete.

»Ich bin Ihnen dankbar! Vertrauen ist ein seltenes Geschenk.«

Jetzt sprach sie ohne Vorbereitung, aber etwas gereizt:

»Warum siezen Sie mich auf einmal? Soll ich lieber weggehen?«

Das Zusammensein wurde für Praxmarer immer beglückender; so mündet ein junges, klares Wesen 96 in ein anderes, das breit und ruhig seinen Lauf zieht, schnurgerade und notwendig, wie ein Bach in den Fluß geht; einmal hatte er es erlebt, und das war Inhalt seines Lebens geworden.

»Verzeih, ich will nie wieder ›Sie‹ sagen. Aber muß das nicht gegenseitig sein?«

»Nein, danke, Sie sind lieb, aber das geht nicht. Es geht leichter, wenn ich ›Sie‹ sage und Sie ›du‹ sagen.«

»Du willst mir etwas erzählen?«

»Ja, alles.«

Es war fast dunkel geworden, eine elektrische Birne warf aus dem Garten ihren Schein auf Cillis Gesicht, das sehr gefaßt war. Praxmarer drängte nicht, er saß ihr unsichtbar nah, in einen weichen Stuhl zurückgelehnt, und wartete.

»Ich bin schwanger!«

Praxmarer rührte sich nicht und erschrak nicht; es war ihm, als sei er nicht überrascht.

»Außer Ihnen weiß es noch kein Mensch.«

Er schwieg und wartete.

»Der Mann, von dem ich schwanger bin« – sie betonte das Wort, als sei sie stolz darauf, es zu kennen, – »der Mann ist noch gar kein Mann, sondern ein Bub. Er kann nichts dafür und braucht auch nichts davon zu wissen.«

»Hast du ihn sehr lieb gehabt?«

»Ach . . . so etwas mit Liebe war das nicht.« 97

Sie dachten beide nach, Praxmarer suchte in tief verstaubten Archiven ein tröstendes Wort, Cilli fragte sich nur, ob er weiter hören wollte. Ein schluchzendes Mädchen hätte er an sich gezogen, gestreichelt. Aber diese harte, klare Bekennerin wollte anders behandelt sein.

Endlich fiel ihm die wichtigste Frage ein:

»Wie lang schon?«

»Fünf Monate, gottlob, das Schlimmste ist vorbei. Aber in vier Wochen spätestens wird jeder mir's ansehen, sogar auf der Straße. Jetzt sagen Sie, was soll ich tun?«

»Fünf Monate! . . .«

»Ich kann mir das Leben nicht nehmen und kann dem Kind das Leben nicht nehmen. Es war vielleicht gewissenlos von mir, aber jetzt muß ich weiter gehn und meinem Kind eine gute Mutter sein. Ich weiß, daß andere Mädchen Lysol trinken, und auch, daß ein Arzt das Kind wegnehmen kann. Aber ich finde das beides feig, und ich tu's einfach nicht.«

Selbst als sie von ihrer Angst sprach, war ihre Stimme tränenlos, ohne Beben. Sie wollte Rat haben, nicht bemitleidet werden; Heulen, das jetzt gut getan hätte, wollte sie sich nachts in ihrem Zimmer gönnen.

»Tapferer Kerl!« dachte Praxmarer laut. Er war völlig unbewandert, als Beichtvater wie als Mann 98 des praktischen Lebens. Ihm wäre nicht einmal der Gedanke an einen hilfreichen Arzt gekommen, den Cilli so selbstverständlich annahm und ausschloß. Sie verlangte Rat von ihm und sah alles viel klarer.

»Onkel wird die Vormundschaft verlieren, weil er sich unfähig gezeigt hat. Man wird mich in die Besserungsanstalt schicken, mein Kind ins Säuglingsheim. Weil ich ein ›feines‹ Mädchen bin und ein bißchen Vermögen hab, aber nicht mehr viel, glaube ich, wird man mich vielleicht nur in ein strenges Pfarrhaus zur Erziehung geben. Dort werd ich als Dienstmädchen arbeiten müssen, damit ich Demut lerne; bis ich großjährig bin. Dann ist mein Kind schon fünf Jahre alt und kennt mich nicht. Dann hab ich nichts anderes gelernt, dann bin ich ein Dienstmädchen mit einem Kind, das mir fremd ist. So ist das, Herr Praxmarer.«

Der Gong schlug zum Nachtessen. Cilli sprang auf, gab Praxmarer die Hand und machte unversehens eine Art Knix. Im Dunkeln strich er über ihr Gesicht, das jetzt doch feucht war.

»Tapferer Kerl!« dachte er wieder. »Keine Träne, solang sie im Hellen saß!«

»Ich muß nachdenken, Cilli. Geh essen . . . Brav essen ist das Wichtigste.«

Mehr fiel ihm nicht ein, es klopfte auch, ein Mädchen drehte Licht an, servierte sein Abendbrot. 99

Cilli trat rasch auf den Balkon hinaus, stand schön und aufrecht als Silhouette vor der schwarzen Nacht und trocknete ihre Wangen.

Noch ehe das Mädchen gegangen war, kam sie zurück, lächelte ihm mit den Augen zu, nicht mit dem festgeschlossenen Mund, und verließ ihn.

Er rief ihr heftig nach: »Komm morgen wieder!« 100

 


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