Balder Olden
Das Herz mit einem Traum genährt
Balder Olden

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Fünftes Kapitel

Tage vergingen, ehe Praxmarer wieder im Büro der Kommandit-Gesellschaft vorsprach, der er seit Jahren angehörte, ohne es zu ahnen. Er sah aus wie ein Mann, dem man wortlos kondolieren mochte, ohne nach seinem Verlust zu fragen.

»Ich war besorgt um Sie, aber das Hotel hat mich nicht vorgelassen und nicht verbunden,« beschwerte sich Knudsen.

»Nein, ich wollte allein sein.«

»Die Erschütterung, ich begreife alles. Aber gerade Gesellschaft hätte Ihnen geholfen, selbst ein ungefüger alter Bär wie ich. Gesellschaft und ein bißchen heißes Wasser mit Zucker und Rum oder alter, roter Wein aus Frankreich.«

Praxmarer hielt den guten Mann mit seinen eigentümlich harten, manchmal bohrenden Blicken fest und machte ihn für Sekunden stumm. Er mußte, widerstrebend, etwas beichten.

»Ich hab mir ein anderes Mittel gewählt. Ich 52 führe eine Reiseapotheke bei mir, ich muß ja oft da draußen Doktor spielen.«

Dann kam die Pause.

Dann: »Morphium?«

»Zum erstenmal in meinem Leben. Ich bin nicht verzärtelt, aber das war zu viel für mich.«

Ein »hm, ja . . .,« eine zweite Pause.

»Erinnern Sie sich an unseren großen Haschisch-Rausch? Vielleicht wäre das noch besser für Sie gewesen, aber natürlich, hier bekommt man's nicht. Wenn man ganz wach ist, aber ohne Schwere, wenn so jeder Ton von außen klingt, als tropfte in eine silberne Schale eine Kugel ans Glas, und aller Zeitbegriff aufhört – von Sekunde zu Sekunde ein Lichtjahr verstreicht – entschuldigen Sie, Praxmarer! Nichts auf der Welt als diese Erinnerung macht mich poetisch.«

»Das war im Dschungel, Knudsen, die Nachtaffen draußen, das ewige Zirpen, Sterne im Fenster, und außerdem waren wir jung. Heute, in einem Berliner Hotel, das ist etwas anderes; und gerade in diesen Tagen wollte ich Schlaf, Schlaf und zum drittenmal Schlaf, kein Schweben und Wachsein ohne Zeit.«

Sie sprachen viel, Praxmarer mehr als sein Freund, gingen fort, um nach Knudsens weisem Arrangement weise zu frühstücken, der Tag ging hin, und es zeigte sich, daß der Chef dieser 53 Kommanditgesellschaft kein sehr gehetzter Asphaltmensch war. Sein Telephon rührte sich kaum, die Post war nicht lesenswert. Der Abend kam, als er endlich fragte: »Soll ich Ihnen heut noch die Bücher vorlegen, Einblick in Ihren Besitz geben?«

»Ohne Bücher, Knudsen, nur mit ein paar Worten. Was für Werte ungefähr, was für Geschäfte, wie hoch sind etwa die Aktiven?«

»Also geben Sie acht! Sehen Sie, wenn ich nur bei den Terrains geblieben wäre, ich könnte Ihnen heut Millionen vorrechnen! Künftige Stadtteile könnten Sie besitzen, Wälder von Westend bis Potsdam.«

»Das begreife ich nicht.«

»Weil Sie die Inflation nicht erlebt haben. Für fünftausend Peso war damals die Welt zu kaufen; für achtzig Peso hab ich mich eingekleidet und war der eleganteste Kaufmann von Berlin. In den leeren Geschäften wurden die Kommis blaß, als ich mir seidene Hemden im Dutzend kaufte, eine Aktenmappe voll Billionenscheine unter'm Arm. So war's damals auch beim Makler, man sah sich nicht an, was man kaufte, warf nur einen Blick auf die Karte und ins Grundbuch. Diesen Straßenzug, diese hundert Waldparzellen! Haben Sie Bauland im Osten, gut, ich bin Käufer – nicht freibleibend, Barscheck.

»Ein Häuschen sollte ich für Sie kaufen und hab 54 einen Straßenzug im Westen besorgt. Aber sehen Sie, gewachsen war ich der Sache nicht als kleiner Vertreter in buntgedruckten asiatischen Götzenbildern. Kein Mensch allerdings war damals viel gescheiter als der andere. Die größten Gewinner hat danach erst recht die Katze geholt. Damals war's so: Abends legt man sich glückselig ins Bett, weil man ungeheure Besitztümer hat und übermorgen die Roggenmark kommen soll, die alles fest macht. Am andern Tag verkracht die Roggenmark, die Häuser, die man gekauft, kosten Geld, jede Stunde kommt eine Forderung, die Parzellen tragen keinen Pfennig, Steuereinnehmer schreiben, man blutet aus allen Ritzen. Die kleinen Fonds, die bis zur Stabilisierung durchhalten sollten, schwimmen weg. Da wird wieder verkauft, damit was in die Kasse kommt. Am nächsten Tag sieht man den nationalen Bankrott kommen, der alles bis zum Rest wegschwemmt, verkauft, verkauft und flüchtet atemlos in fremde Werte, dann wieder in die Industrie, dann auf die Börse. Kein Mensch, der einem befiehlt, was man zu machen hat, kein Chef, der sich um sein Eigentum kümmert, – einmal besaßen wir so viel Häuser, daß allein die Türen und Fenster heut ein Vermögen darstellen würden, sechsstellig! Dann wurden wir wieder klein und scheinbar solid, aber nur scheinbar. Es kamen neue Gesetze und Verordnungen, daß man mit einem Fuß 55 im Zuchthaus stand, nur weil man kaufmännisch war und solide Anlagen suchte. Weg also mit dem Zeug, ins Zuchthaus paßt Knudsen nicht, das ist ihm zu eng. Aber wohin das Geld, das in keiner Form fest wird?

»Damals sollen Menschen auf der Straße verhungert sein, aber das las man nur, das sah man nicht, man sah nur Kurszettel. Die Ausländer kamen mit Schokoladeflotten und Notküchen, man verkauft mal ein Etagenhaus und stiftet das halbe Geld so als kleine Beihilfe, weil man ein soziales Gewissen hat. Aber an die Hungernden dachte man nicht. Man war eben einen Steinkasten los, in dem die Leute ihre Miete nicht zahlen konnten, wo man für bare Däuser noch dazu ihr Dach flicken sollte. Einen Hungerzirkus war man los, in dem die Gerippe von Generalstöchtern und Geheimratswitwen aus Angst vor Emission laut winselten, wenn man sich zeigte. Auf dem Bauch kamen ihre Töchter gerutscht und wollten in Natura Zahlung leisten. Weg damit, es war zu ekelhaft, dort Besitzer zu spielen. Um ein Dach und ein Büro für mich selbst zu bekommen, hab ich irgendwo ein Stockwerk aufsetzen lassen. Den Leuten darunter fiel der Stuck in die Suppe, ihre Kronleuchter wackelten, die Ahnenbilder auf der Ledertapete bekreuzten sich. Sie konnten nicht denken und beten vor Lärm. Aber kein Mucks, kein Protest – sie hatten die 56 Miete nicht gezahlt . . . Sie haben den Maurern Essen gekocht und verkauft und selbst die Reste aufgeschleckt, endlich wurden sie mal wieder satt. Sie haben Gott gedankt für diese Konjunkturtortur!

»Und unsere Konjunktur war nicht viel besser, sag ich Ihnen. Tauchen Sie ins Meer unter, Praxmarer, zwei Meter tief, und greifen Sie beide Hände voll Sand. Stellen Sie sich vor, es sei Goldstaub, und Ihre Kinder verhungern, wenn Sie ihn nichts heraufbringen. Sie bringen doch nichts herauf, nur ein bißchen Schlamm klebt zwischen den Fingern – ein Zehntausendstel von dem, was Sie in den Händen hatten. Sehen Sie, genau so war's. Und heute dank ich Gott, daß ich das bißchen Schlamm wirklich ins Trockene gebracht hab. Das heißt, nach der Stabilisierung war's erst ganz schön, eine gute Million Gold, fast eineinhalb waren wir damals vielleicht wert. Aber dann kam neues Bröckeln, zwei Jahre später ging's wieder auf der Börse zu wie auf der russischen Schaukel, schwarzer Freitag, schwarzer Montag. –. Damals hab ich was ganz Verrücktes getan: Ihr Geld nach Argentinien zurückgeschleppt, woher es gekommen war! Wissen sie, wohin, an die Bahn, die Sie gebaut haben! Nicht an die Bahn selbst, wo's schon teuer war, sondern an ihre Verlängerung zur chilenischen Küste. Dort sind Sie jetzt begütert, dort liegt Ihr Geld fest wie 57 Stein, trägt nichts und kostet nichts. Aber einmal muß die Verbindung doch gebaut werden, mit einem Blick auf die Karte sieht man's. Dann steigt dort alles. In zehn Jahren oder in zwanzig Jahren wird Ihr Bodenwert wachsen – dann sind Sie noch nicht so alt wie ich heute.«

»Viel Geld?«

»Nein, nur, was so durch Zufall grad disponibel war, als man überhaupt wieder raus durfte in fremde Anlagen. Ein sicherer Notgroschen, wenn Sie alt werden, denk ich.«

Praxmarer sah plötzlich leichter und froher aus.

»Ein sicherer Notgroschen also und das andere – hüitt, weg? Gottseidank, dann weiß ich, woran ich bin.«

»Erlauben Sie, Praxmarer, hab ich dazu geschuftet, daß Sie vor einem ›hüitt‹ stehen? Wenn Sie Befehl geben, schmeiß ich morgen früh auf den Markt, was wir haben, und wir lösen die Kommandit-Gesellschaft auf. Sie ist ja nur eine Farce, ich hab mich mit einem Zehntel des Kapitals als Gesellschafter eingetragen und zum Generaldirektor gewählt, denn irgend jemand muß doch schließlich firmieren können. Also gut, wir liquidieren, wenn Sie wünschen, obwohl der Moment der schlechteste wäre. Die Schiffahrtspapiere, die wir erst nur geschleppt haben, ziehen an, wir bekommen am ersten Januar junge Aktien zu Vorzugspreis, die 58 Nordhausener Ziegelei A.‑G. – egal. Aber wenn Sie darauf bestehen, lege ich Ihnen, schätzungsweise, nach Abzug aller Liquidationskosten, nu, sagen wir, fünfhunderttausend Eier auf den Tisch. Ein Zehntel lassen Sie mir, nehme ich an, im Sinne meiner fingierten Beteiligung. Denn wenn ich auch in schlaflosen Nächten alles grundfalsch und wie ein Dummerjahn gemacht hab – vervielfacht hat sich schließlich doch, was ich zu verwalten hatte. Oder nehmen Sie den ganzen Kies und lassen mir nur das Geschäftslokal als Prämie? Das steht pompös aus, war aber auch Spekulation und vielleicht meine beste.«

»Fünfhunderttausend? . . Ich lasse Ihnen zwanzig Prozent und das Lokal. Das heißt, eigentlich stünde Ihnen die Hälfte von allem zu.«

»Nein, das steht mir nicht zu, und das nehme ich nicht. Zwanzig Prozent und das Lokal, dann bin ich nicht schlecht bezahlt für fünf Jahre Arbeit, als verbrauchter, alter Dilettant geleistet. Dann geh ich nicht mehr hausieren und trinke meinen Burgunder mit gutem Gewissen.«

»Bleiben vierhunderttausend Mark für mich. Andrerseits hab ich als Ingenieur Spesen und monatlich sechshundert Mark Gehalt. Wie reimt sich das?«

»Das reimt sich gar nicht.«

»Wieso?« 59

»Weil nur ein Idiot Eisenbahnschienen in den Urwald schleppt, wenn er auch ohne das dreißig- bis vierzigtausend Mark Rente hat.«

»Wenn ich aber will! Ich baue gern Tunnels und Viadukte.«

»Bitte sehr, mich geht's nichts an, wenn Sie heiliger Franziskus spielen wollen. Es ist nicht zeitgemäß und durchaus widersinnig, aber ich hab Ihnen nichts hineinzureden. Geben Sie Ihr Geld den Armen, kleiden Sie sich in eine härene Kutte und predigen Sie den Rifkabylen das Evangelium der Armut. Lassen Sie sich von der Tropensonne, die Ihnen vielleicht schon zugesetzt hat, das Hirn ganz aus dem Schädel brennen, mich geht's nichts an, wie gesagt.«

»Ja, Herr Knudsen, ja, das tu ich auch!«

»Und dafür schufte ich seit fünf Jahren? Blut hab ich geschwitzt und Galle gekotzt, wenn Ihr Vermögen gefährdet war, Ihr Kuli bin ich gewesen, verstehen Sie, der Kuli Ihres Kapitals. Und das ist der Dank, daß Sie sich zum Narren machen.«

»So war's nicht gemeint, als meine Frau Ihnen diesen Spielgewinn zugeschickt hat.«

»Was? . . .«

Knudsen brauchte Zeit, sich zu sammeln.

»Die Fünftausend waren Spielgewinn?«

Die schauerliche Viertelstunde, in der er zwischen 60 Fischgesichtern im Knattern der Knochenvaluta gestanden, stieg vor Praxmarer auf, lebendiger, als er sie damals erlebt. Er hatte damals nicht gefragt und nicht beachtet, wie viel man ihm auszahlte, – dies Bündel Noten war ein Veilchenstrauß gewesen, den er dem Kind Niëves aufs Krankenbett legen wollte, weil sie kindlich-beharrlich darauf bestand. Er hatte nicht bemerkt, daß die Summe, die ihm nach Niëves' Tod – mit ihrem Gebetbuch und ein paar Briefen der Mutter, mit allem Krimskrams aus ihrer Nachttischschublade, mit Bildchen und Stoffpuppen – übergeben wurde, kleiner war als die, die er gewonnen. Dumpf und bitter hatte er gerade aus dieser Summe Aerzte, Sanatorium und all das gezahlt, was noch kam: den Sarg, das Begräbnis; einen Rest, ohne zu zählen, den Armen der Stadt. All diese Tage und Nächte, in denen er keine Minute geschlafen, lagen damals und heute ganz in Nebeln, aus denen sich selten nur ein Gesicht hob. Eine graue Schwade von Zeit war das gewesen, die über ihn hingegangen, ihn betäubt und in der Betäubung zerstört hatte.

»Sie sind doch jung, Praxmarer, mit Ihren dreiundvierzig, obwohl Sie wie der Weihnachtsmann aussehen! Geld, ob's einem zugeflogen ist, oder ob man's erkämpft hat, gibt Freiheit und, wenn Sie etwas durchsetzen wollen, Macht. Es gibt heute für Sie nichts Unerreichbares!« 61

»Und wenn ich wirklich den ganzen Zauber den Armen schenke?«

»Dann nehmen Sie von allem Elend der Welt so viel fort, daß keine Laus es spürt.«

Knudsen sah nur die große Summe, für die er sich gequält hatte, und die ihm kein Dankeswort eintrug, kein Auf-die-Schulter-Klopfen, auch nicht den Schatten von Anerkennung. Sein Brotherr sah nur, daß seinem Leben der letzte Inhalt genommen war. Gestern noch hatte ihn getröstet, daß es Einsamkeiten und Betäubung der Arbeit gab. Das war jetzt hin – seine Arbeit war sinnlos geworden, jetzt war nur noch Leere.

»Ich überleg mir's, Herr Knudsen, ich weiß noch nicht, was ich tu. Machen Sie Ihr Sach weiter, Sie werden's schon recht machen.«

Damit wollte er gehen, aber Knudsen hatte jetzt so sehr genug, daß er auf den Konferenztisch schlug, Wassergläser und Bleistifte tanzen ließ, aus weit offenem Mund brüllte:

»Ich mach gar nichts weiter und gar nichts recht! Da ist mein Tisch, an den können Sie sich setzen! Ich nehm meinen Hut und geh, haben Sie mich verstanden? Meine hunderttausend Mark schicken Sie mir durch das Tippmädel zu, die kennt meine Adresse, und fünfzigtausend Abstand für das Lokal, damit Sie sehen, daß ich Ihr edles Narrenspiel nicht mitmache. Aber im übrigen können Sie mir 62 den Buckel runterrutschen, rauf und runter, adieu. Morgen früh um elf Uhr, hier in diesem Büro, auf die Minute pünktlich, übergeb ich Ihnen Schlüssel und Bücher und schriftliche Prokura. Auf die Minute pünktlich, ich hab fünf Jahre drauf gewartet, jetzt wart ich nicht mehr fünf Minuten.«

Im Vorzimmer rief er dem Fräulein zu:

»Der Herr dadrin befiehlt jetzt,« und warf, vor sich hinkollernd, die Türen.

»Das hat man davon! Das ist der Dank! Buckel rauf, Buckel runter, kreuz und quer!« 63

 


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