Balder Olden
Das Herz mit einem Traum genährt
Balder Olden

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Sechstes Kapitel

Das marmorleuchtende Sanatorium drüben in Argentinien mit den zwanzig strahlend sauberen Zimmern, die alle auf einen maurischen Palmenhof mündeten, hatte immer gleich leer gestanden, Kranke und Gesunde wußten zu gut, daß der Arzt im Kasino praktizierte. Als Helena, die vorzügliche und unermüdliche Oberschwester, ihre Demission gab und das Dienstmädchen mit sich nahm, um auf eigene Rechnung ein Schwesternheim zu organisieren, bekam Dr. Ayala die Kündigung, obwohl die Spielbank selbst Besitzer des Sanatoriums war und dies blanke Unternehmen nur zu Reklamezwecken hielt. Sie hatte Dr. Ayala ohne langes Prüfen zum Chefarzt ernannt, weil er unter allen Bewerbern der schönste Mann war und seine Frau eine große Dame; Sanatorien, die einer Spielbank gehören, werden nicht nach streng medizinischen Grundsätzen geleitet. Mit einem oder zwei Zufallspatienten und zwei Angestellten 64 konnte man es noch hinschleppen. Aber nur leere Betten, gar kein Personal – so war es auch im Sinne des Propagandachefs nicht mehr zu führen. Dr. Ayala hatte viel auf einmal verloren, als er eine Minute vor dem großen Schlag an Niëves' Bett eilen mußte. Ohne das Kapital, eine neue Serie zu beginnen und durchzuhalten, stand er plötzlich da, es reichte nur noch zu einem wilden, kurzen Husarenritt, der natürlich mißlang. Die Möglichkeit, sich als Arzt eine neue Existenz zu bauen, war mit der Kündigung für ganz Argentinien dahin. Diesmal hatte er systemlos gesetzt, erst dem Spiel seinen Beruf geopfert, in letzter, entscheidender Minute aber dem Beruf sein Spiel.

Müde und melancholisch wie immer, aber keineswegs ein Gebrochener, beriet er mit Doña Felicitas, seiner nur am Spieltisch unklugen Frau, die neue Situation. Sie saßen beim Tee in der Loggia ihrer stattlichen Dienstvilla am Strand, zwei schöne, gepflegte Menschen, Felicitas siebenundzwanzig, er noch nicht dreißig Jahre alt. Beide glaubten sie an ihr besonderes Recht darauf, vom Schicksal verwöhnt zu werden; beide wußten, daß sie durch trübe Stunden gehen, Sorgen tragen, aber unmöglich hungern und nie verderben konnten.

»Wir müssen uns auf kurze Zeit trennen,« schlug Ayala vor, »nicht hier, sondern drüben in Europa.«

»Nein!« 65

»Liebe, hör doch zu. In meiner Heimat weiß niemand von diesem Mißerfolg. Ich bin Baske, und du weißt, daß wir Basken zusammenhalten. Ich finde in San Sebastian sofort Stellung in einem Sanatorium –«

»San Sebastian ist auch ein Roulettenburg.«

»Ich spiele zunächst nicht mehr, Liebste. Du gehst auf ein Jahr oder zwei Jahre nach Austria, zu deiner Mutter, solang bis ich ein kleines Kapital gespart habe, stark genug, um das System einmal durchzuspielen. Dann vereinigen wir uns sofort, sind wohlhabend, frei, unabhängig . . .«

Doña Felicitas hatte die Augen geschlossen, ihre sehr schmalen Lippen waren scharf aufeinander gepreßt. Sie erlitt diesen zart und liebenswürdig gehaltenen Vorschlag mit körperlichen Schmerzen, jedes Wort eine Züchtigung.

»Es fällt mir schwer genug, mich von dir zu trennen, Felicitas. Vielleicht hättest du nicht mit ins Kasino gehen, nicht gegen mich spielen sollen? Du wolltest nicht, daß ich reich werde, du hast gewußt, was du tatest. Verzeih, wenn ich damit andeute, daß du doch an unserem Debakel ein wenig mitschuldig bist und mittragen mußt.«

»Darf ich jetzt etwas sagen, Camillo? Hast du genug gesprochen? Dann laß dir sagen . . .«

Sie saß noch immer in dieser qualvoll steifen 66 Haltung, mit dem Ausdruck einer Frau, die gefoltert wird und nicht zu schreien wagt.

». . . dann mußt du wissen, daß alles, was du dir ausdenken magst, unannehmbar ist, wenn es mit Trennung anfängt. Du darfst solche Dinge sagen, um mich zu strafen, weil ich an unseren Verlusten mitschuldig bin. Obwohl es ja mein Vermögen war, das wir verloren haben, und obwohl ich an kein System mehr glaube, auch an deines nicht. Aber du darfst sie nur solange sagen, bis du die Strafe vollzogen hast, und nicht länger, als ich sie ertragen kann, ohne zusammenzubrechen.«

»Wenn aber eine kurze Trennung der einzige Weg ist . . .«

»Glaubst du nicht, es ist jetzt so weit?«

Sie tat den Mund auf, um Luft zu fangen, griff sich ans Herz und fiel in Ohnmacht. Er als Mediziner wußte, daß es keine simulierte Ohnmacht war.

 

Bald darauf schifften sie sich ein, dritter Klasse nach Europa hinüber. Felicitas unterwarf sich dieser Entbehrung, die ihr fast Entehrung war, ohne zu klagen. Solcher Art Strafen war sie gewachsen.

An Bord reiste ein Diplomat, der sie erkannte, erkennen mußte, denn unter Arbeiterpassagieren konnten diese beiden Menschen sich nicht verbergen. Wo sie standen oder saßen, war ein weiter Kreis voll Bewunderung und Fremdheit um sie. 67

Der Legationsrat kam die Treppe vom Erster-Klasse-Deck heruntergestürzt, turnte über schlafende, schwatzende, spielende Menschen, die auf den Planken hockten, über Frachtstücke und Schiffsgerät; es war ein Hindernisrennen.

»Sie sind es, Baronin?« Er verbeugte sich tief, küßte ihre Hand. »Sie machen Studien hier unten? – Ich erinnere mich, Sie sind Künstlerin.«

»Wir fahren dritter Klasse, weil wir momentan arm sind. Darf ich Sie meinem Gatten vorstellen?«

Die Herren fanden Gelegenheit, eine Viertelstunde lang unter vier Augen zu sprechen.

»Würden Sie erlauben, Herr Doktor, daß ich Ihnen den Betrag vorstrecke, um wenigstens Ihre Gattin erster Klasse fahren zu lassen? Das ist die Summe, die ich äußerstenfalls entbehren kann. Zwei Tickets auszulegen, geht leider über meine Kraft. Aber Sie müssen begreifen: die Tochter unseres früheren Botschafters, meines früheren Chefs, hier unten – das ist unmöglich!«

»Sie sind verehrungswürdig, Herr Legationsrat. Wenn ich nur meine Frau anständig untergebracht weiß, ist mir das Reisen unter diesen guten Menschen ein Vergnügen.«

»Niemals!« sagte Felicitas, als ihr der Vorschlag gemacht wurde. »Es ist eine indiskutable Idee, lieber Baron, uns zu trennen. Ich wundere mich . . .« 68

»Und es ist indiskutabel, daß Sie hier bleiben, Baronin.«

Er sprach mit dem Kapitän, dem Zahlmeister, verbürgte sich, schon bei der Ankunft in Rio würde der Betrag für zwei Passagen erster Klasse telegraphisch bei der Agentur eingezahlt sein, und erreichte, daß Herr und Frau del Ayala sofort umplaziert wurden. Es war ein großes Opfer, er holte mit Funksprüchen die letzten Reserven aus seiner Bank und dirigierte sie nach Rio. Felicitas' dahingegangener Vater war der erste Botschafter, unter dem er gearbeitet hatte, sein verehrter, unvergeßbarer Chef. Von den jungen Leuten der diplomatischen Gesellschaft hatte keiner leidenschaftlicher um Felicitas geworben als er, obwohl sie zehn Jahre lang die große Mode gewesen. Von ihrem sechzehnten bis zum sechsundzwanzigsten Jahr hatte sie Sensation gemacht und »nein« gesagt; um dann einen blutjungen Badearzt gewaltsam zu heiraten, von dem man erzählte, er ganz allein sei nicht verliebt gewesen.

»Wir werden die Geldsache in Europa sofort setteln«, versprach Felicitas an Stelle ihres Gatten. »Wir sind Ihnen wirklich dankbar, lieber Baron.« – – –

Da von zwei Menschen stets derjenige seinen Willen durchsetzt, der am bewußtesten und stärksten will, nicht der mir den besseren Argumenten, wurde nichts 69 aus Camillos Absicht, als junger Arzt mit guten Examensnoten eine Stellung in der Heimat zu suchen. Aber doch gab die Luft Biscayas ihm neuen Mut, von Santander über Bilbao bis San Sebastian war kein Dorf, in dem er nicht Verwandte und Freunde zu treffen hatte.

Die Basken sind ein so kleines Volk, daß sie fast eine Familie sind, stolz auf ihren ins Dunkel der Völkerwanderung gehüllten Ursprung, ihre Sprache, die zu keiner Sprachenfamilie gehört, stolz vor allem darauf, nicht Spanier aus spanischem Blut zu sein. Sie fühlen sich als eine aristokratische Schicht im Staat und halten zusammen wie Elsässer in Frankreich oder Deutschland. Ayalas schöne und stolze Frau wurde bewundert, sein momentanes Mißgeschick fand offene Herzen. Diese kleinen Leute konnten ihm nur kleine Summen vorstrecken, aber es reichte zu einem letzten Versuch, im Kasino von San Sebastian das System zu erproben. Es reichte nicht ganz, das wußte Ayala, ein klein wenig Glück mußte er diesmal haben, während das System eigentlich mit Ausschaltung aller Zufälle wissenschaftlich genau arbeiten sollte. Aber er mußte versuchen, dem Legationsrat seine Schuld zu begleichen. Felicitas konnte ihn von seinem Plan nicht abbringen, denn diesmal war er es, der wollte, während sie nur über Argumente verfügte.

»Du versprichst mir, nicht gleichzeitig zu pointieren?« 70

Als sie zögerte, sagte er mit der sanften Traurigkeit, die sein Zauber war:

»Du brauchst nichts zu fürchten, Felicitas. Es ist nur dein Geld, das ich zurückgewinne, und macht mich nicht reich.«

Er verlor, obwohl Felicitas ihr Wort hielt, sein Kapital war zu knapp. Das System bewährte sich auch diesmal – zwei Schläge, nachdem er verschossen war, kam die Dreizehn, kehrte sogar in kurzen Abständen zweimal wieder, während zweite Säule und zweites Dutzend eine ganze Serie hindurch dominierten. Mit seinem stillen Lächeln buchte Ayala, auch als er nicht mehr beteiligt war, Nummer um Nummer, in der die erst hüpfende, dann rollende, zuletzt müd torkelnde Kugel ihr Lager fand.

Nach einer halben Stunde etwa sagte er:

»Jetzt würde ich aufhören.«

Sie setzten sich in eine Ecke, beide ohne einen Heller im Beutel, und Ayala rechnete vor, links seinen Schlachtplan, rechts die Zahlenreihe. Jede Summe, die er nannte, war unwiderlegbar. Dreihundert Pesetas hatten ihm gefehlt, sonst würden sie in dieser Sekunde mit einhundertdreißigtausend Pesetas das Kasino verlassen.

»Tant pis pour nous«, sagte er, und Felicitas machte sein Lächeln mit.

»Tant mieux pour moit«, dachte sie, obwohl 71 Armut und Schulden, unehrliche, häßliche Schulden sogar, ihrem Stolz furchtbar zusetzten.

Aber jetzt war er widerstandslos, jetzt war das Haus ihrer Mutter – kein reiches Haus seit der Inflation, aber doch ein Haus – ihnen beiden die einzige Zuflucht.

Sie fuhren auf Holzbänken quer durch Europa, fanden jenen herben Empfang, mit dem in Zeiten des Verfalls, der wegschmelzenden Werte, drohenden Hungers über jedem Dach, der ungerufene Gast rechnen mußte. Die alte Baronin kannte ihre Tochter kaum; Felicitas war, das Kind einer traurigen Ehe, schon früh mit dem Vater hinausgegangen und hatte sich nach dem enttäuschten Gesicht ihrer Mutter nie gesehnt. Ihre Mesalliance, die Heirat mit einem gewöhnlichen Arzt, hatte nur noch tiefer entfremdet. Jetzt kamen sie zu zweit an, mit hungrigen Mündern, flüchteten aus dem sagenhaften Pesoland in diesen Verfall.

»Bin ich die Peitsche wert oder den Strick?« fragte sich Felicitas und glaubte im Spiegel ihr Gesicht mit Linien der Verruchtheit gezeichnet. »So hab ich's gewollt, so, wie es jetzt gekommen ist, hab ich's gewollt!«

Sie stellte sich vor, wie sie auf Befehl des Richters, der ihr Herz und ihre Gedanken kannte, mit nackten Schultern an die Leiter gebunden stand und die Peitsche bekam. 72

»Du warst keine Liebende,« dröhnte die Stimme des Richters, »nur eine Besitzende, in Geiz erstarrt. Du willst nicht geben, du willst nicht geben, du willst nur haben.«

So war das. Und so war es, wenn man, im Nacken rasiert und mit gebundenen Armen, über den Block hinkniet, in eine Kiste mit Sägemehl schaut und das Beil erwartet.

»Du hast zerstört«, sprach der Richter. »Aus Neid hast du vernichtet, was du liebtest. Dafür fällt dein Haupt.«

Sie litt es durch, vorm Spiegel, ihr Gesicht mit den Linien der Verruchtheit von Grauen verzerrt. Auch das war schrecklich, auch das war verdient und zu tragen.

Nur vor sich selbst, nicht vor dem Richter, führte sie ihre Verteidigung.

»Ich kann Camillo nicht eine Stunde lang entbehren, ich leide jede Qual, wenn nur die Tür vor ihm sich auftut. Mein Bett ist ein glühender Rost, wenn er es nicht teilt. Ich kann nicht ertragen, daß er am Bett fremder Frauen sitzt, die kein Geheimnis vor ihm haben, die im Fieber und im Sterben seine Schönheit bewundern müssen. Ich weiß alles, und es ist schrecklicher, weil ich es weiß: er liebt mich nicht! Halten kann ich ihn nicht, ich muß ihn an mich ketten – – –.«

Camillo konnte in Tirol keine Praxis als Arzt 73 ausüben, es war ringsum kein wissenschaftliches Institut oder Laboratorium, in dem er ein Pöstchen gefunden hätte. Aber er studierte Deutsch, schrieb, die Taschenroulette in der Hand, eine Studie über sein System und legte ein Archiv von gespielten Partien an, daß sein Zimmer aussah, wie das Studio eines Mathematikers. Seine Broschüre wurde in Spanien und Frankreich gedruckt, von ernsthaften Leuten begutachtet. Er bezauberte Felicitas' ungnädige Mutter, wurde mehr geliebt und besser gepflegt als die Tochter selbst und wartete elegisch seinen Tag ab.

Pferdekenner und Aesthet, entdeckte er einen verhungerten, verprügelten, jungen Hengst auf dem Weg zum Roßmetzger, in dem er ein Rennpferd witterte. Für den Preis von Knochen und Fell erwarb er das Tier, entfaltete in der Pflege all seine Milde, Geduld, seinen Optimismus. Er forschte der Herkunft nach und stellte fest, daß »Bäcker-Carl« aus reinem Traberblut stammte, einen Stammbaum besaß und in ökonomisch besseren Zeiten die stolze Karriere eines Turf-Matadors gemacht hatte.

Nach zwei Monaten Pflege stand fest, daß es nicht zu spät war! Als der Hengst wieder Fleisch auf den Knochen trug, sein Fell glänzend war und seine Seele die Mißhandlungen verwunden hatte, denen er fast erlegen, bewies er die eisernen Sehnen, 74 den wahnsinnigen Ehrgeiz eines hochgezüchteten Trabers. Ayala meldete ihn beim provinzialen Rennkomitee an, ließ sich selbst in die Liste der Herrenfahrer schreiben.

Nun hielt er eine Karte doch wieder in der Hand, vielleicht einen Trumpf! »Bäcker-Carl« war ein unbekanntes Pferd aus vergessenem Stamm. Wenn er einmal siegte, – wetten würde außer dem Besitzer niemand auf ihn – zahlte der Totalisator ihm alles Geld, das überhaupt auf Sieg gewettet war. Dieser erste Sieg mußte in Paris oder Rom sein, ein toller Ueberraschungssieg. Hier in Tirol durfte »Bäcker-Carl« höchstens einmal Zweiter werden.

»Bedenke auch das, Felicitas, er ist ein Hengst, kann als Zuchthengst Kapitalien tragen. Wenn er Rennen macht, gibt es fünftausend, zehntausend für den Sprung!«

Felicitas war Malerin, sie hatte bis zu ihrer Heirat in den Ateliers wirklicher Meister mit verbissenem Eifer studiert. Sie beherrschte das Material, kannte die Geheimnisse ihres Handwerks, konnte ihren Portraits etwas von dem Flair, dem Duft bestimmter Meister geben, die in der großen Welt den Markt beherrschten. Sie war im Grunde talentlos, sah künstlerisch schlecht und häufig falsch, was sie malen wollte. Ihre Bilder waren talentvoll gemalten Bildern merkwürdig 75 ähnlich, einen Kenner täuschten sie nie. Aber sie hatte den fanatischen Fleiß und viel Ueberredungskraft. Solang sie Camillo im Stall oder beim Training aufgehoben wußte, wenn er über seinen Listen saß oder ihr den Tee kochte, ihrem Malen zusah – auch morgens, wenn er, zuverlässig schlafend, im gemeinsamen Bett lag, – konnte sie ohne Hemmung und Müdigkeit malen, schuften. Sie malte auch Schränke und Stoffe an, übersetzte Bücher, es gab keine Arbeit, die sie, trotz Migräne und Kreuzschmerzen, abgelehnt hätte.

Felicitas gehörte zur besten Aristokratie des Landes, die freilich ganz verarmt war. Man führte ihr aufstrebende Metzgermeister zu, die ein Familienportrait brauchten, und wohlhabende Fremde, die ein Sommerandenken an diesen Alpensee kaufen mußten, alle Aristokraten rings um den See waren ihre Agenten. Sie versah Camillo mit Geld für Hafer und Zigaretten, kaufte ihm einen Dogcart. Schön und noch jung, zwei so elegante Menschen, daß sie auch in Lumpen vornehm gewirkt hätten, brausten sie, schnell wie die Autos, mit ihrem Bäcker-Carl durchs Land. Sie besuchten die Botschafter und Admirale, die nichts mehr waren, die jungen Oblomows, die ohne die Revolution jetzt Exzellenz wären und von winzigen Pensionen trübselig lebten, die Grafenfamilie, in der vier schöne, junge Schwestern an der Nähmaschine saßen, 76 täglich drei Dutzend Kragen für Kindermatrosenblusen herstellten.

All diese jäh aus den Himmeln ihrer Stellung gerissenen Menschen, die ihren Besitz verloren hatten, ihren Titel nicht führen durften, die nicht einmal ein Phantom besaßen, keinen aspirierenden Bourbon, keinen gefangenen Bonaparte, – sie hielten sich alle so weit am Rande des Lebens fest, in Bereitschaft, in Klassenbewußtsein, daß eine leichte Drehung des Bodens, ein kleines Erdbeben nach der anderen Seite, sie wieder in den Sattel bringen konnte. Sie waren ein Bund der Schwachen, aber Stolzen, dem Felicitas angehörte.

Daß ihr Gatte in diesen Bund aufgenommen wurde, schien ihr selbstverständlich und war selbstverständlich; aber das »del« vor seinem Namen, das man für ein Adelsprädikat hielt, sein aristokratisch-müder Gestus, seine Leidenschaft für Pferd und Pferdesport, waren ihm vielleicht noch bessere Paten als das Haus Braunsburg. Er gefiel.

Er gefiel! Man gratulierte Felicitas und fand ihn schön, vornehm, sympathisch, gebildet . . . Er durfte nicht praktizieren, aber man konnte ihn freundschaftlich konsultieren, und die Komtessen beichteten ihm lieber als den Sanitätsräten und Regiments-Oberärzten a. D. Sie wandten sich gerade mit solchen Beschwerden an ihn, die sie selbst vor dem Hausarzt geheimhalten wollten, er war ja Arzt, 77 aber zugleich Freund, Standesgenosse, Vetter. So fing an, sich zu wiederholen, was Felicitas in Baños de Fuente zur Verzweiflung getrieben.

Sie, die Kinder nicht liebte und Säuglinge unappetitlich fand wie junge Mäuse, listete ihm ein Kind ab, in allen Kampf und all die Not hinein.

»Straf mich Gott,« dachte sie, »jetzt muß ich Kinder haben. Das hält, das sind die Ketten!«

Ihre Mutter, die sich abgewöhnt hatte, zu Bett zu gehen, weil sie vor Sorgen nicht schlafen konnte, sank um, als sie die Nachricht bekam. Es war nicht ihr erster Schlaganfall, aber der schwerste und erbarmungslos letzte, weil er eine unterernährte, zermürbte Frau traf.

Sie hinterließ an Wertpapieren so wenig, daß es nur fürs Begräbnis langte, viel weniger, als man erwartet hatte. Aber jetzt konnte Felicitas im Sommer ein paar Zimmer vermieten, was der Mutter Aristokratenstolz nie erlaubt hätte. Eine kleine Pension aus ihrer Villa zu machen, wurde bedacht, wieder verworfen: »Es hätte Camillo bei seiner Arbeit gestört«, endlich doch wieder aufgenommen. Ihr Haus war »vornehm«, man traf und verliebte sich gern bei einer Baronin Braunsburg. Sie konnte jungen Damen und Herren wohlhabender Bourgoisie die Häuser des alten Adels auftun. Für ein bißchen Aufzahlung hatten die ihre Sommerfrische unter siebenzackigen Kronen 78 verbracht, mit Komtessen oder Baronen gebadet und getanzt.

Zur Feier der Geburt, die sie im Schuldgefühl einer Verbrecherin lautlos ertragen hatte, – bis in die Agonie von Schmerzen bewußt, daß Camillos Hände unermüdlich mit ihrem Körper beschäftigt waren – schenkte man ihr einen Hund, Liddy, ein sehr edles, sanftes, überzüchtetes Windspiel.

Diese Vier, Felicitas, Camillo, Bäcker-Carl und Liddy waren Geschöpfe wie aus einer Manufaktur von Tier- und Menschenseelen. Alle vier langbeinig und schmal, von nervösem Temperament, obwohl die Müdigkeit vieler Generationen jedem im Blut lag, eilten sie, phantasiebeflügelt, an aller Wirklichkeit dahin. 79

 


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