Balder Olden
Das Herz mit einem Traum genährt
Balder Olden

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Zweites Kapitel

Auch der Arzt war schön in seinem weißen Doktorkittel, den er wie eine Toga trug, jung, schlank, ein antiker Römer mit traurigen Augen. Wie Engel standen sie rechts und links zu Häupten von Niëves, Helena und Doktor del Ayala, tauschten ernste Blicke aus tiefschwarzen Augen, maßen Temperatur, klopften und horchten.

Ueber Niëves' Gesicht ging das Leben hin, sie war gestern noch ein Kind gewesen und schien jetzt ein Mädchen, das schon beginnen will, Frau zu werden, mit erwachenden Augen und Zärtlichkeit um die Lippen.

Der Doktor flüsterte ein paar Verordnungen, sagte »ziemlich schlimm«, ließ sich ein Formular geben und nahm die Daten auf.

Immer noch zu Häupten des Bettes, wandte er seine melancholischen Blicke zu Ernesto, der erbärmlich und schuldbewußt dasaß, wie jeder Ehemann am Bett seiner kranken Frau. 22

»Sie wollten die Roulette in Baños de Fuente besuchen, Señor?«

Ernesto, dem war, als hätte er Freispruch oder Verdammung aus dem Mund eines Richters zu hören, wußte gar nichts von einer Roulette in Baños de Fuente.

»Wir haben hier das größte Kasino von Süd-Amerika! Spielen Sie System, gleichgültig welches. Jedes System ist gut, wenn man ihm treu bleibt. Sehen Sie, das ist eine gestern gespielte Serie.« Er schrieb Zahlen auf die Rückseite des Rezeptblocks, kommentierte sie in schneller, eintöniger Rede. »Ich nehme an, Sie arbeiten etwa mit einem Kapital von fünfhundert, dann wäre es gestern so gegangen . . .« Er irrte sich nie, auch als die Zahlen zu endlosen Reihen wuchsen.

»Spätestens jetzt beginnen Sie, mit dem Geld der Bank gegen die Bank zu spielen. Jetzt erst kommt der eigentliche Kampf. Sie stecken Ihr Kapital von fünfhundert in der Tasche zurück, aus der Sie es genommen haben, jetzt haben Sie nichts mehr zu fürchten. Ihre Señora ist eben Siebzehn geworden, nehmen wir an, Sie machen heut abend die Siebzehn zum feindlichen Tor, umlagern sie von allen Seiten, auf Säule, auf Dutzend, auf Farbe, auf Straße, Linie . . .«

Er gab Unterricht, bis ein Mädchen, auch dies auffallend schön, mit Niëves' Mahlzeit kam. Es war, 23 als wollte dies Sanatorium durch rein ästhetische Mittel heilen.

»Ich versäume mich. Aber Sie sehen, daß es störende Zwischenfälle nicht gibt. Wenn Sie konsequent bleiben, müssen Sie gewinnen.«

»Wird die Nacht ruhig sein, Doktor?«

»Das Fieber ist beträchtlich, Puls schwach – man weiß es nicht. Wenn Sie mich brauchen, ich bin heut abend ausnahmsweise im Kasino. Das kommt natürlich selten vor, ich als Arzt . . .«

Ernesto folgte Dr. del Ayala, glitt hinter ihm rasch durch die Tür, als begleite er ihn aus Höflichkeit, stand neben ihm, als er sorgfältig die schmalen Hände wusch, den Kittel auszog, in Rock und Schlips ein leicht ermüdeter Lebemann wurde.

»Sind Sie ernstlich besorgt wegen des Fiebers, Doktor? Was ist Ihre Diagnose? Sprechen Sie offen mit mir.«

»Ich bin Arzt, kein Hellseher. Man sieht heute nicht mehr, als die Professoren in Tucuman vorgestern sahen. Aber einen Rat noch, falls es der Señora besser gehen sollte: spielen Sie nie zugleich an der Roulette! Ich bin auch Gatte«, dabei legte sich ein neuer Flor über das junge Gesicht, »meine Señora spielt am gleichen Tisch ein anderes System. Sie ist Europäerin, Deutsche aus Austria, und läßt sich leider keine Vorschriften machen. So gewinnt sie mein Geld oder ich ihres, wenn wir nicht beide 24 verlieren; vor allem splittert sich das Kapital. Sie müssen Doña Niëves darin klar sehen lassen . . .«

 

Nun kamen die Tage, an denen Ernesto und Niëves einander kennen lernten. Mehr Frau von Stunde zu Stunde, fiebernd und dadurch noch prächtiger, oft lächelnd, sehr verliebt, lag Niëves in den Kissen und horchte das ganze Leben eines Mannes in sich hinein. Sie wußte bald viel von deutschen Schulen und einer kleinen Stadt namens Emmendingen im Schwarzwald, kannte Buben und Mädchen, die dort mit dem Ernschtle aufgewachsen, den zelotischen Pastor, der ihnen die Hosen mürbe gedroschen hatte, wenn sie in Sünde fielen oder den Katechismus nicht auswendig konnten, der aber am Sonntag wie ein Luther auf der Kanzel stand und wie ein Begnadeter predigte. Sie kannte den Geschichtslehrer, der immer Angst hatte, mit seiner Prüfungsfrage schon einen Teil der Antwort zu verraten, und die Prüfungen meist begann »Wär hat wo wän geschlage?«, den Philologen, der in Homer dachte, sprach und eines Nachts bei Feuerlärm aus seinem Fenster rief »Sage mir, Wächter der Nacht, wo sich das Feuer befindet.«

Studienjahre, Ferien in der Werkstatt, im blauen Schlosserkittel, Tanzstunde und erste Lieben, Examensnöte, Auslandsmission – alles lernte sie kennen, wurde nicht müd. 25

Ob er wieder heim nach Emmendingen wollte, einmal, in vielen Jahren? . . . Nein, dort war alles Friedhof. Schulkameraden und Kommilitonen vom Polytechnikum waren gefallen, soweit Ernscht ihre Schicksale kannte, die Eltern tot, Geschwister hatte er nicht gehabt. Nur mit einem Menschen in Deutschland stand er lose in Verbindung, einem viel älteren, trockenen Kaufmann, mit dem er in einem anderen Weltversteck ein Stück Leben geteilt hatte. Das war ein Braver, ein Zuverlässiger. Aber die Jahre hatten ihn auch von dem getrennt. Wie er hieß? Knudsen, nicht einmal der Vorname fiel Ernst ein. Aber sie schrieben ihm zusammen eine Karte.

»Das ist meine erste und einzige Vermählungsanzeige, Niëves! Sonst interessiert mein Schicksal keine Seele. Du hast's gut mit deinen elf Geschwistern.«

»Ja, ich hab's gut.«

»Du kannst nie einsam werden.«

»Nie! Aber du, Ernscht, du hast gar kein Daheim?«

»Dich!«

Er hatte als junger Diplom-Ingenieur im fernen Osten angefangen, in einem Land, das Siam hieß, hatte später in Panama und Nikaragua und zuletzt in den Cordilleren Trassen geschlagen, Viadukte und Tunnels gebaut, Strecken vermessen, Schienen gelegt. 26

»Du solltest ein Häuschen haben, irgendwo in Deutschland.«

»Wir setzen uns einmal in Tucuman hin, wenn ich müd werde und was gespart hab.«

»Deutschland wär besser, Ernscht.«

Manchmal sprach sie leise von sich, nicht von dem Kinderkraal, in dem sie aufgewachsen, nur von den Tagen, seit er aufgetaucht.

»Erst hab ich Angst gehabt, du warst ein Señor und ich eine dumme Niña. Aber die Mamita hat drei Rosenkränze gebetet, jeden Abend, vom ersten Tag an, daß du mich mit dir nimmst.«

Dr. del Ayala kam zweimal täglich, stellte seine drei Fragen, machte die gleiche Diagnose »bastante mal, ziemlich schlecht«, warf Helena durch kaum geöffnete Lippen ein paar Befehle zu: kalte Wickel, Fruchtsalz, Eisbeutel auf den Leib. Dann wandte er seine elegische Schönheit zu Ernesto.

»Und das System, Herr? Bei mir hat sich heute folgendes abgespielt – passen Sie auf. Ich forciere die Dreizehn, weil sie als Unglückszahl gilt, ich bin ein Freigeist. Passen Sie auf, es gibt nur acht Zahlen, die absoluten Verlust für mich bedeuten. Vier von ihnen kommen hintereinander, Zero, Sechsunddreißig, drei, wieder Zero. Gut, damit rechne ich, es ist sogar gut, denn jetzt doubliere ich. Es ist natürlich besser, wenn ich nach dem 27 Doublieren erst anfange, zu gewinnen . . . Höherer Satz, höherer Gewinn.«

Es war eine lange Geschichte mit der üblichen Pointe. Als seine Säulen und Gassen wirklich kamen, hatte die Señora Gattin in seinen beginnenden Reichtum – das Geld der Bank, der Bank abgekämpftes Kapital! – gegriffen und nach seinem System die Neunundzwanzig forciert. Sehr galant, weil es sein Alter war . . . Eine Zeitlang hatten sie sich beide gehalten, aber das nächste Zero zerstörte alles.

»In dieser Saison betreten wir das Kasino nicht wieder, so wahr ich Arzt bin. Nächstes Jahr habe ich ein noch stärkeres System, an dem ich momentan in freien Stunden arbeite. Siebenundsechzig Schläge hindurch habe ich jede Möglichkeit ausgerechnet . . .« Er zog aus der rechten Westentasche eine winzige Roulette im Uhrgehäuse, drückte auf einen Knopf und ließ sie surren, während er in der anderen Hand ein Protokoll voll von Zahlen hielt.

»Ich spiele die Partie weiter, wie sie hier protokolliert ist. Diesmal muß erstes oder drittes Dutzend kommen.«

Das Surren hörte auf.

»Ueberzeugen Sie sich selbst, Doña Niëves!«

Im Hinausgehen sagte er:

»Sie brauchen ein wenig Abwechslung, Don Ernesto. Ein Spaziergang, eine Stunde Kasino . . .« 28 und mit einem vielsagenden Blick auf die Patientin »nur allein kann man die Roulette bekämpfen!« Niëves hatte die letzten Worte gehört.

»Tu's, Ernscht! Mir zulieb!«

»Herrgott, wie kann man so dummes Zeug nachreden!«

Sie hatte die ärztlichen Vorträge besser verstanden als er.

»Du riskierst nur fünfzig Peso, gelt? und was du gewinnst, schenkst du mir? Du setzt ganz niedrig, auf die Siebzehn, weil ich seit gestern Siebzehn bin.« Sie hörte nicht auf, ihn zu quälen.

»Aber du brauchst doch kein Geld.«

»O, ich brauch viel, Räuberle.«

In einer Nacht stieg das Fieber, daß Niëves halluzinierte.

»Ich weiß ja alles, ich weiß alles. Ich sterb, ich hab einen Stein verschluckt.«

»Danke, Señor« sagte sie, als Ernesto ihr den Kopf stützte und zu trinken gab.

»Kennst du mich nicht, Niëves?«

»Dich kenn ich schon. Du bist der Señor Ernesto Pra . . . Pra . . . Pra . . . –«

»Und hast du den Señor Ernesto gern?«

»Ja, der ischt lieb, den mag ich schon.«

Als Niëves das sprach, sah sie verklärt und pfiffig aus, als heuchelte sie das Fieber. Aber das Thermometer widersprach diesem Trost. 29

Helena war gütig und sachlich, obwohl sie eben den ersten Schlaf aus ihren flammenden Augen gerieben hatte. Als Niëves nackt und heiß vor ihr lag, warf sie Ernesto einen Blick zu voll Entzücken über so viel reifende Herrlichkeit.

»Es ist kein Fehl an dieser Blume Gottes, Don Ernesto.«

In der kalten Wickel delirierte Niëves weiter. Zum erstenmal, seit das Meer ins Bett kam, das Bett im Meer schwamm, setzten Schmerzen ein. Das Telephon brachte Dr. del Ayala nicht herbei. »Ins Kasino, Señor Marido, er ist nicht in seiner Wohnung.«

Ernesto mußte Eintritt zahlen, er sah verhetzt aus, und der Empfangsherr musterte ihn streng. Aber dies Gemessene in Ernestos Auftreten und sein exemplarischer Anzug ließen keinen Protest zu.

Bis auf die Straße hinaus hatte es von beinernen Münzen geklappert, als würden sie scheffelweis in Säcke geschüttelt, in ewigem Strom. Drin wuchs das Klappern an und wurde Rauschen.

Jetzt stand Ernesto in einem riesigen, taghellen Saal. Ueberall surrten die Drehscheiben, klapperten Jetons, fiel ab und zu eine kurze Anordnung, an jedem Tisch in gleichem Ton.

Menschen drängten sich um die Tische, sprachen und tranken nicht, erinnerten seltsam an Fische im lichtdurchstrahlten Glasaquarium. 30

Schlank stand Dr. del Ayala hinter einer Reihe von Stühlen, sein Protokoll in der Hand, schön und unbewegt wie am Krankenbett. Ernesto hatte ihn bald gefunden, ruderte durch Menschenmassen auf ihn zu. Er belehrte gerade einen kleinen, rundlichen Herrn, wies auf seine Zahlen.

»Der nächste Schlag, Professore, spätestens der übernächste.«

Verlorene Beinhaufen wurden eingeschaufelt, Gewinne ausgekehrt, Ayala ging leer aus und griff schicksalsbewußt in seine Tasche.

»Ich doppele jetzt.«

»Meine Frau deliriert, sie kennt mich nicht mehr.«

»Doña Niëves? 39,8? Schmerzen?«

Ein edler Römer in klassischer Haltung, gab er dem kleineren Herrn sein Zahlenprotokoll, eine kurze Bemerkung und ließ die Partie im Stich.

»Ein Arzt sollte nicht roulettieren, Don Ernesto«, bemerkte er im Hinausgehn bitter. »Dies war meine letzte Partie in diesem Jahr, die erste ohne meine Gattin, die erste sichere Chance.«

Er verzieh Niëves, daß ihr Thermometer fast auf vierzig stand, aber er stellte die eigene Tragik dagegen.

»Der Professor ist auch Mediziner, Doktor?«

»Internist von der Universität Rosario.«

»Fahren Sie voraus bitte, ich komme nach.«

»Gut, forcieren Sie an meinem Tisch die Dreizehn.« 31

Als Niëves' Gatte an den Tisch zurückkam, strich der Professor gerade ein, große, längliche Plaketten, die rötlich schimmerten, grünblaue Runde mit der Aufschrift Hundert, einen Berg von bunten Plättchen ohne Ziffer. Er warf ein großes Rundes auf den Tisch, und der Haupt-Croupier verkündete laut:

»Hundert Peso für die Angestellten.«

»Danke, Señor«, sprach ein Chor fleißig schaufelnder, Häuschen bauender, klappernden Reichtum sortierender Herren.

»Würden Sie als Konsularius einem Fall des Dr. Ayala beistehen, Professore?«

»Schwerer Fall?«

Ernestos Augen hatten etwas Stechendes und sehr Böses, als er seine Antwort gab.

»Dann allerdings! Nur einen Augenblick, mein Herr.«

Sie gingen in ein Büro, das wie die Hauptkasse einer kleinen Bank oder Exportfirma aussah, der Professor bekam im Augenblick für seine Beinplättchen große Pesonoten, dann gingen sie zusammen fort.

»Sagen Sie mir im Wagen kurz die Symptome.« Die Fahrt dauerte kaum fünf Minuten. Beim Aussteigen schon wußte der Internist alles.

»Man kann hier keine Diagnose machen, glaube ich, nur im Operationssaal. Oeffnen, anschauen, 32 Neubildung entfernen, eventuell, falls wir eine finden. Auto-Vaccin herstellen, falls es Streptokokken oder Staphylokokken sind. Die Patientin muß fort.«

»Sie ist nicht transportfähig.«

»Sie wird es in ein paar Tagen sein, hoffe ich. Es kommen immer fieberfreie Tage.«

Ungeheuer war der Blick, mit dem Dr. del Ayala seinen ganz unerwarteten, berühmten Kollegen begrüßte. »Diese Partie in Stich gelassen?«

»Schwester, einen Gummihandschuh.«

Während der Professor ihn überstreifte, seifte, wusch, bestreute, teilte er ruhig mit:

»Die Dreizehn ist wirklich gekommen, Collega.«

Er hatte den Gewinn, Dr. del Ayala nur den Triumph.

»Bastante mal« sagte er, auf die bewußtlos Fiebernde zeigend. 33

 


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