Thomas Moore
Lalla Rukh
Thomas Moore

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

»Und das nun,« sagte der Großkämmerling, »soll Poesie seyn! Dies lockre Gehirnmachwerk das im Vergleiche mit den wolkenhohen und dauerhaften Monumenten des Genius sich ausnimmt wie die Gold-Filagranarbeit von Zamara neben Aegyptens ewiger Architectur!« Nach dieser prachtvollen Sentenz, welche, sammt einigen wenigen derselben Gattung, Fadladin für seltne und wichtige Gelegenheiten immerdar bey sich trug, fuhr er in der Zergliederung der eben vorgetragenen 127 kurzen Dichtung fort. Die freye und leichte Gattung des Versmaaßes, worin es geschrieben war, sey– versicherte er – als eine der Hauptursachen des ängstenden Anwuchses von Poesie in unserer Zeit anzuklagen. Stemme man dieser gesetzlosen Leichtigkeit nicht irgend einen Halt entgegen, so werde uns bald ein Sängergeschlecht überlaufen, zahllos und kleinlich, wie die hundert und zwanzig tausend Ströme von Basra.»Man sagt, in den Tagen des Belal ben Abi Bordeh seyen die Flüsse oder Bäche von Basra gezählt worden, und ihre Zahl habe sich auf hundert ein und zwanzig tausend belaufen.« — Eben Haukal. Wer sich diesem Styl ergebe, verdiene Strafe, selbst für günstigen Erfolg; – so wie man Kriegsleute wohl schon für Siege bestraft habe, welche sie sich die Freyheit nahmen, in einer unregelmäßigen oder unhergebrachten Manier zu erkämpfen. Was nun solle man vollends zu den Erliegenden sagen? Zu Leuten, die sich's herausnehmen, wie im vorliegenden betrüglichen Falle, die Freyheit und Bequemlichkeit der kühnern Söhne des Gesanges nachzuahmen, ohne irgend einen Theil der Anmuth oder Kraft zu besitzen, daraus sogar die Nachläßigkeit Würde empfanden möge! – Welche gleich Jenen, den Wurfspeer sorglos schwängen, aber nicht, gleich ihnen, das Ziel träfen! – »Und welche,« – fügte er hinzu, seine Stimme erhebend, um seine Hörer in den Zustand der Schlaflosigkeit zu versetzen, – »welche sich bemühen, in Mitten aller Bequemlichkeit, die sie sich vergönnen, schwer und gezwängt zu erscheinen, gleich einer von den jungen Heidinnen, die 128 bisweilen vor der Prinzessinn tanzen, wenn sie sich witzigerweise anstellen, als hüpften sie in gefesselten Gliedern einher, während sie der leichteste Flor von Masulipatnam umwallt!«

Kaum sey es – fuhr er fort – dem ehrwürdigen Gange der Kritik angemessen, dieser so eben dargestellten, phantastischen Peri durch all ihre Flüge und Abenteuer zwischen Himmel und Erde nachzufolgen, doch könne er nicht umhin, der kindischen Geziertheit jener drey Gaben zu erwähnen, welche sie himmelan tragen solle – ein Blutstropfen, wahrhaftig, und ein Seufzer, und eine Thräne! Wie der erste dieser Artikel in des Engels »Strahlenhand« überliefert worden sey, – er bekenne sich unfähig, es auszumitteln, – und was den richtigen Transport des Seufzers und der Thräne betreffe, so seyen freylich solche Peri's und solche Poeten allzu unbegreifliche Dinge für ihn, als daß er auch nur vermuthen könne, wie sie dergleichen Gegenstände behandelten. – »Doch in Kurzem,« – sprach er – »es wäre Zeit- und Geduldverschwendung, sich länger bey so unheilbar frivolem Zeuge aufzuhalten, – kleinlich selbst in seiner eigenen kleinlichen Gattung, und nur das Banyan-Spital für kranke InsectenEine Beschreibung dieses Spitals findet sich in: Parsons Travels, p. 262.Dieser Bericht erweckte mein Verlangen, das Banyan-Spital zu besuchen, da ich ohnehin von ihrem Wohlwollen gegen die Thiere aller Gattung vernommen hatte, die durch Alter oder Zufall krank, lahm oder schwächlich geworden seyen. Gleich wie ich ankam, zeigte man mir eine Menge von Pferden, Kühen und Stieren, in Einem Gemach; in einem andern Hunde, Schafe, Ziegen und Affen. Für alle gab es reines Stroh zur Lagerstätte. Im obern Stockwerk gab es Niederlagen von mannigfachen Sämereyen, wie auch ebne und weite Wassergefäße zum Gebrauche der Vögel und Insecten.« — Parsons.
Man behauptet, daß alle Thiere die Banyanen kennen, daß die furchtsamsten sich ihnen nähern und die Vögel dichter zu ihnen kommen, als zu andern Leuten. – Siehe Grandpré.
mag sich mit dergleichen befassen.

Umsonst versuchte Lalla Rukh diese schonungslose Kritik zu sänftigen; umsonst nahm sie Zuflucht zu ihren allerberedtesten Lieblingssprüchen, – ihn erinnernd, Dichter seyen doch immer ein scheues und sehr verletzbares Geschlecht, deren 129 Süßigkeit man nicht durch ein keckes Drüberhintrampeln hervorlocken dürfe, wie man es etwa mit dem duftigen Gras am Gangesufer anfange;»Ein sehr wohlriechendes Gras an den Gangesufern, bey Heridwar, welches an einigen Orten ganze Haufen bedeckt, und, wenn man es zertritt, einen starken Geruch verbreitet.« — Sir W. Jones on the Spikenard of the Ancients. – auch zerstöre die Strenge oft jede von ihr selbst begehrte Spur der Vollkommenheit; – und endlich vergleiche die Vollkommenheit sich dem Talismanberge, dessen Gipfel noch kein Sterblicher er stiegen habe.»Nahebey liegt ein merkwürdiger Hügel, der Talismanberg geheißen, weil – den Sagen des Landes zufolge – noch Niemand seinen Gipfel zu ersteigen vermochte.« — Kinneir. Aber weder diese anmuthigen Gründe, noch die weit anmuthigern Blicke, womit sie sich Bahn zu machen schienen, konnten auch nur für einen Augenblick den Schwung der Fadladinschen Augenbraunen abwärtsziehn, oder irgend ein Wort der Ermuthigung, oder auch nur der Duldung ihres Dichters aus dem Großkämmerling hervorzaubern. Duldung allerdings gehörte nicht zu den Schwachheiten Fadladin's; – er wußte einen und denselben Geist in die Angelegenheiten der Dichtkunst und seiner Religion überzutragen, und obgleich in Beyder Schönheit und Erhabenheit ein ziemlicher Fremdling, war er doch in Beyden ein vollkommner Meister der Verfolgungskunst. Auch trieb ihn gleicher Eifer in dem und jenem Geschäfte, mochte nun das Wild seiner Jagd aus Heiden oder Dichterlingen, aus Kuhanbetern oder epischen Sängern bestehen.

Man hatte nun Lahore, diese glänzende Stadt, erreicht, voll Grabmähler und Kapellen von endloser Pracht, wo Tod und Himmel gleiche Ehrenbezeugungen zu empfangen schienen, und 130 gewiß hätte sich Lalla Rukhs Einbildungskraft und Herz lebhaft davon entzündet, nur daß Gefühle, mehr dieser Welt angehörig, schon völligen Besitz von ihr genommen hatten. Sie fand hier Boten, von Kaschmir gesendet, und die Meldung bringend, der König sey im Thale angekommen, und habe selbst die Leitung des in den Säulen von Schalimar für sie bereiteten Empfanges übernommen. Der Schauder, der sie bey dieser Nachricht überlief, welche doch einer Braut freyen und leichten Herzens nur Bilder des Vergnügens und der Zuneigung hätte erwecken sollen, – er überzeugte sie, daß ihr Friede für immer verloren sey, und daß sie dem jungen Feramors mit Liebe, ja mit ganz unüberwindlicher Liebe angehöre. Der Schleyer, welchen diese Leidenschaft wohl Anfangs zu tragen pflegt, war abgefallen, und das Bewußtseyn, sie liebe, ward ihr nun eben so schmerzlich als ihr das Lieben früher ohne jenes Bewußtseyn süß gewesen war. Auch Feramors, – wie elend mußte er sich fühlen, wenn diese ihm so unvorsichtig vergönnten Stunden des holden Beysammenseyns eine gleich verhängnißvolle Bezauberung in sein Herz geströmt haben sollten, als in das ihrige; – wenn, ungeachtet ihres erhabenen Standes und der bescheidenen Verehrung, welche er demselben immer gezollt hatte, auch sein Gemüth dem Einfluß jener langen und glücklichen Zusammenkünfte erlegen wäre, wo Musik, Poesie, die ergötzlichen Bilder der Natur, – wo Alles sich vereinte, ihre Herzen einander zu nahen, und auf jede Weise die nur allzubereite Leidenschaft zu wecken, welche oft, der Brut des Wüstenvogels 131 gleich, schon allein aus dem Blick der Augen belebende Wärme schöpft!Die Araber glauben, der Strauß brüte seine Jungen durch seine Blicke aus. — P. Vanslebe, Relat. d'Egypte. Sie sah nur Einen Weg, sich vor der Gefahr zu hüthen, daß sie eben so schuldig als unglücklich werde, und diesen, wie schmerzlich es ihr auch fiel, beschloß sie einzuschlagen. Feramors mußte nicht mehr vor ihr zugelassen werden. Unrecht war es, schon so weit in das Labyrinth eingetreten zu seyn, aber Verbrechen wär' es geworden, mit dem Schlüssel in der Hand noch länger darin behaglich zu verweilen.

Konnte sie dem Könige der Bucharey auch nur ein kaltes und gebrochenes Herz darbringen, – ein reines Herz doch mindestens sollte es bleiben, und so mußte ihr ganzes Streben dahingehn, zu vergessen, daß es für sie eine kurze Vision der Glückseligkeit gegeben hatte, – jenem Arabischen Hirten gleich, der die Wüste durchziehend, einen Lichtblick der Gärten von Irim gewann, um sie dann auf immer wieder zu verlieren!Siehe Sale's Koran, II. Theil S. 484 in der Anmerkung.

Die Ankunft der jungen Braut zu Lahore ward mit hohem Jubel gefeyert. Die Raja's und Omra's in ihrem Gefolge – sich während der Reise in einer gewissen Entfernung haltend, und niemals näher an den Zelten der Prinzessinn lagernd, als es die Sorgfalt für deren Schutz durchaus nothwendig machte – ritten jetzt in glänzendem Zuge durch die Stadt, und streuten köstliche Geschenke über die Menge aus. Maschinen, 132 auf allen Straßen errichtet, warfen Regengüsse von Confect unter das Volk, während die Gewerke in vielen Wagen,Oriental Tales. mit Zindel und fliegenden Flaggen geschmückt, die mannigfachen Wahrzeichen ihres Gewerbes durch die Gassen führten. Ein glänzendes Entfalten von Leben und Pracht auf den Palästen und Tempeln und vergoldeten Minareten Lahores gestaltete die Stadt beynah zu einem Orte der Bezauberung; – vorzüglich an dem Tage, wo Lalla Rukh ihre Reise fortsetzte, während sie in Begleitung schöner Knaben und Jungfrauen dahinzog, die Gold- und Silberblumen im Gehen über den Häuptern schwangenFerischta werden solche Blumen genannt.»Oder vielmehr« – sagt Scott bey Gelegenheit der Stelle des Ferischta, aus welcher dies genommen ist, – »kleine Münzen, mit der Gestalt einer Blume geprägt. Man braucht sie noch immer in Indien zu wohlthätigen Vertheilungen, und bey ähnlichen Gelegenheiten streuen sie die Beutelträger der Vornehmen unter das Volk.«, und sie dann von sich warfen, um von der Menge aufgelesen zu werden.

Manchen Tag indeß nach dem Abzuge von Lahore blieb ein tiefes Dunkel über die ganze Reisegesellschaft verbreitet. Lalla Rukh, die ein kränkelndes Gefühl nur vorschützen wollte, um den jungen Sänger nicht anzunehmen, fühlte bald, daß es dazu keiner Verstellung bedürfe; Fadladin empfand die Entbehrung der guten Landstraßen, auf denen man bisher gereist war, und hätte fast das gesegnete Andenken Jehan-Guirs verwünscht, weil er nicht seine ergötzlichen BaumgängeDie schöne Landstraße, welche Kaiser Jehan-Guir von Agra bis Lahore anlegte, und auf beyden Seiten mit Bäumen bepflanzte.Diese Straße beträgt 250 Stunden in die Länge, sie hat kleine Piramiden oder Thürmlein, – sagt Bernier, – die auf jeder halben Stunde zu Wegeweisern dienen, wie auch Brunnen um die Reisenden zu tränken und die jungen Bäume zu wässern. bis mindestens zu den Gebirgen von Kaschmir fortgeleitet habe; – während die Damen, denen für den ganzen langen Tag nichts übrigblieb, als sich mit Pfauenfedern fächeln zu lassen und 133 Fadladins Reden anzuhören, ihrer Lebensweise herzlich müde schienen, und allen Kritiken des Großkämmerlings zum Hohn, geschmacklos genug waren, den Poeten zurückzuwünschen. Eines Abends, als man sich dem nächtigen Ruheplatze nahte, hatte die Prinzessinn, um freyere Luft einzuathmen, ihren Arabischen Lieblingszelter bestiegen, und während sie an einem Wäldchen vorüber ritt, tönten ihr aus dessen Blättern Lautenklänge entgegen, und eine nur zu wohlbekannte Stimme sang folgende Worte:

»Sagt mir nicht von Himmelslust,
    Wenn es dort nicht Freuden gibt,
    Treuer segnend unsre Brust,
    Als was man auf Erden liebt!

Sag' vom Houriblick mir nicht!
    Fern sey mir sein drohend Sprühn,
    Wenn die Augen dort im Licht
    Tödtlich, wie die ird'schen, glüh'n!

Wer, der hier schon Lieb empfand,
    Ihren Trug, ihr Mißgeschick, –
    Wünscht' auch in Elysiums Land
    Sich den schlimmen Traum zurück?

Wer, der in der Wüste Reich
    Bäche sah im Sand vergehn,
    Stürbe wohl nicht lieber gleich,
    Als nochmal die Bäche sehn?«

Der Ton wehmüthigen Trotzes, in welchem diese Worte gesungen wurden, drang durch Lalla Rukh's Seele; – und als sie zögernd von hinnen ritt, konnte sie nicht umhin, sich die trübe, doch 134 süße Ueberzeugung zu bekennen, Feramors sey vollkommen so liebend und unglücklich, als sie selbst.

Der Lagerplatz für diesen Abend war die erste anmuthige Stätte, welche sie seit ihrem Abzuge aus Lahore gefunden hatten. Auf einer Seite desselben befand sich ein Hain, mit kleinen Hindutempeln erfüllt, und aus den anmuthigsten Bäumen des Ostlandes angepflanzt, so daß die Tamarinde, die Kassia und Ceylons Seiden-Platanus sich im reichen Gegensatze mit dem fächergleichen Laube der Palmyra mischte, diesem Lieblingsbaume des prachtliebenden Vogels, welcher die Zimmer mit seinem Neste voll Feuerfliegen erleuchtetDer Baya, oder Indische Kreuzvogel. — W. Jones.. Mitten im Waldgrunde, wo sich das Gezelt erhob, gab es einen Teich, von schlanken Mangobäumen umringt, auf dessen hellem und kühlem Gewässer eine Menge von rothen Lotosblüthen spielte,»Hier befindet sich eine große Pagode bey einem Teich, auf dessen Wasser eine Menge des schönsten rothen Lotos schwimmt. Die Blüthe ist breiter, als die der weißen Wasser-Lilie, und ist die lieblichste aller Nymphäen, die ich jemals sah!« — Mss. Grahams Journal of a residence in India. während fernher die Trümmer eines seltsamen und ehrwürdigen Thurmes emporragten, alt genug, wie es schien, um einer längst verhallten Gottesverehrung zum Tempel gedient zu haben, und in Mitten all dieser blühenden Lieblichkeit Zerstörung mahnend. Das Staunen und die Muthmaaßungen Aller, richteten sich auf die seltsame Ruine. Lalla Rukh sann und spähte vergeblich, und der Alles sich anmaaßende Fadladin, welcher bis zu der gegenwärtigen Reise die Umgränzungen Delhi's niemals überschritten hatte, war eben damit beschäftigt, auf eine höchst gelehrte Weise auseinander zu setzen, daß er durchaus nichts von dem vorliegenden Gegenstande verstehe, als eine der Damen anfragte, 135 ob nicht etwa Feramors die allgemeine Neugierde befriedigen könne. Man nahe sich ja nun seinen väterlichen Gebirgen, und vielleicht sey dieser Thurm ein Ueberbleibsel jenes dunkeln Aberglaubens, der in den hiesigen Gegenden herrschte, bevor das Licht des Islams darin empordämmerte. Der Kämmerling, welcher in der Regel seine eigene Unwissenheit den besten Kunden vorzog, die irgend Jemand ihm zu ertheilen vermocht hätte, war auf keine Weise mit dieser dienstfertigen Anmerkung zufrieden, und selbst die Prinzessinn stand im Begriffe, ein leises Wort der Einwendung auszusprechen; aber noch ehe Jemand von ihnen zu Worte kam, hatte man bereits einen Sclaven nach Feramors abgesendet, welcher auch in wenigen Minuten erschien, – so bleich und unglücklich vor Lalla Rukh's Augen sich zeigend, daß sie schon die Grausamkeit bereute, womit sie ihn so lange von sich entfernt gehalten hatte.

Jener ehrwürdige Thurm, berichtete er, sey der Ueberrest eines uralten Feuertempels, von den Ghebern – oder Persern, die dem ehemaligen Glauben anhingen – erbaut, und die – nun seit manchem Jahrhundert schon–vor ihren Arabischen Eroberern hierherflüchteten, Freyheit und eigene Altäre in der Fremde dem Abfalle und der Unterdrückung in der Heimath vorziehend.»On les voit persécutés par les Kalifes se retirer dans les montagnes du Kerman. Plusieurs choisirent pour retraite la Tartarie et la Chine; d'autres s'arrêtèrent sur les bords du Gange, à l'est de Delhi.« M. Anquetil, Memoires de l'Académie, tome 31, p. 346. Man könne sich unmöglich – fügte er hinzu – des theilnehmendsten Gefühls erwehren, wenn man der vielen glorreichen aber unbeglückten Kämpfe gedenke, welche diese Urbewohner Persiens bestanden, um das Joch ihrer frömmelnden Eroberer abzuwerfen. Gleich ihrem eigenen Feuer im Gluthfelde 136 Baku'sDer »Ager ardens«, welchen Kempfer beschreibt. Amoenitat. Exot., brachen sie, an Einem Orte zurückgedrängt, am andern in frischen Flammen hervor; und er – ein Eingeborner Kaschmirs, jenes schönen und heiligen Thales, welches auf dieselbe Weise Fremden zur Beute geworden sey, und seine alten Tempel und angebornen Fürsten vor dem Zug unduldsamer Eroberer versinken sah,»Kaschmir (sagen dessen Geschichtschreiber) ward durch eingeborne Fürsten 4000 Jahre lang regiert, bevor Akbar es im Jahre 1584 eroberte. Akbar würde Schwierigkeiten gefunden haben, dies Paradies von Indien zu unterjochen, da es zwischen so gewaltigen Bergvesten liegt, nur daß dessen Beherrscher, Yusef Kahn, schändlich durch seine Omrahs verrathen ward.« — Pennant. – er gestehe gern, daß ihn bey den Leiden jener verfolgten Ghebern, ein Mitgefühl durchdringe, welches ein Denkmahl, wie das vor ihren Augen, nur mächtiger noch hervorrufe.

Zum erstenmal hatte Feramors sich mit so vieler Prosa vor Fadladin herausgewagt, und man kann leicht denken, welche Wirkung eben solche Prosa auf diesen allerstrenggläubigsten Heidenhasser thun konnte. Er saß während einiger Minuten ganz erstarrt, nur in Zwischenräumen ausrufend: »frömmelnde Eroberer! – Mitgefühl für Feueranbeter!« – indessen Feramors, den beynah sprachlosen Schauder des Kämmerlings glücklich benutzend, fortfuhr zu berichten, er wisse eine schwermüthige Sage, den Schicksalen eben jener tapfer kämpfenden Feueranbeter Persiens gegen ihre Arabischen Zwingherrn verwandt, und falls der Abend nicht schon zu weit vorgerückt sey, werde er sich glücklich fühlen, wenn er sie der Prinzessinn vortragen dürfe. Es war unmöglich für Lalla Rukh, ihm Nein zu erwiedern; – nie vorher war er nur halb so begeistert erschienen, und bey seinen Reden vom heiligen Thale war ihr zu Sinne gewesen, als 137 funkelten seine Augen gleich den zauberkräftigen Schriftzügen auf dem Schwerte Salomons. Ihre Einwilligung war deshalb sehr gern bereit, und während Fadladin voll unaussprechlicher Bangigkeit da saß, Verrath und Abscheulichkeit aus jeder Zeile erwartend, hub der Dichter seine Sage von den Feueranbetern also an: –

       

'S ist Mondlicht über Oman's Meer!So wird bisweilen der Persische Meerbusen genannt, welcher die Ufer Persiens und Arabiens scheidet.
Und Palmeninseln, Perlenstrand
Sehn lieblich in dem Nachtstrahl her, –
Die blaue Fluth schläft lichtentbrannt.
'S ist Mondlicht in Harmosia'sDas jetzige Gombarum, eine Stadt an der Persischen Seite des Meerbusens. Burg,
Des Emirs Porphyrhall'n hindurch
Wo jüngst nach rief zu laut und schnell
Trompet' und auch der mohrsche Zel,Ein Musikinstrument der Mohren.
Der Sonne, scheidend sanft und hell, –
Der Sonne besser wohl geleitet
Vom Lied aus Bülbüls sanftem Nest,
Vom Klang, den Minnesang verbreitet,
Bey ihrem goldnen Scheidefest! –
Doch still! Kein Athem regt sich mehr.
Stumm ist das Ufer, wie das Meer.
Wenn Zephyr schwebt, schwebt er so sacht,
Das Laub nicht bebt, nicht Wellchen rinnen, –
Des Emirs Windthurm»In Gombarum und anderen Persischen Orten gibt es Thürme, die zum Auffangen des Windes und dadurch zur Kühlung der Häuser dienen sollen. — Le Bruyn. hat nicht Macht, 138
Ein Himmelslüftlein zu gewinnen.
Auch des Tyrannen Aug' umfängt
Der Schlaf, ob weinend Volk sich drängt,
Ob Flüch' ihm selbst die Luft verleiden,
Und Klingen aus unzählbar'n Scheiden
Zu rächen brennen, kühn und scharf,
Die Schmach, die er auf Iran»Iran ist der echte und allgemeine Nahmen für das Persische Reich.« Asiat. Researches, Disc. 5. warf.
Hart, herzlos bleibt er unbewegt.
Ob Thräne rinnt, ob Waffe schlägt; –
Ein Sproß der heil'gen Mörderbrut,
Dem Koran treu, treu grimm'gem Streite,
Verhoffend, daß Ungläubger Blut
Ihn nächsten Weg's gen Himmel leite!
Ein Held, der knie'nd an blut'gem Ort, –
Im Kreis von Leichen, unbegraben, –
Darf sinnen um ein göttlich Wort,
Auf sein noch rauchend Schwert gegraben,»Auf ihren Säbelklingen findet man gewöhnlich einen Vers des Koran eingeätzt.« — Russel.
Ja der die Zeile ruhig zählt,
Den Buchstab, bis wohin noch fehlt
Der Wehr die heiße Blutesspur,
Als sie in's Herz dem Opfer fuhr!

Gerechter Alla! Wie entbrannt
Muß ihm Dein zorn'ger Blick einst wettern,
Wann frech er naht, Dein Buch zur Hand,
Mit blut'gen Fingern aus den Blättern 139
Die Stellen sucht, von ihm verdreht;
Bis Mord und Wollust drinnen steht;
Der Biene gleich in Trebisund,
Die um die schönsten Blüthen irrt,
Gift saugend aus unschuld'gem Rund,
Bis Tolltrank dann ihr Honig wird!»Es gibt bey Trebisund eine Gattung des Rhododendron, von dessen Blüthen die Bienen saugen, einen Honig daraus fertigend, der die Menschen rasend macht.« — Tournefort.

Nie hat Arabiens Gluthzorn noch
So argen Zwingherrn ausgeschickt;
Nie haben in so schweres Joch
Sich Irans Lande je gebückt!
Ihr Stolz ist hin, – ihr Thron zerbricht, –
Und ihre Söhn' erröthen nicht,
Im eig'nen Gau – nicht mehr ihr eigen! –
Sich vor des Fremden Thron zu neigen.
Die Thürm', einst Mithra's Licht geweiht,
Sind nun vom Moslemdienst entweiht,
Wo Sclaven, durch das Schwert belehrt,
Verfluchen, heuchlerisch verkehrt,
Was ihre Väter treu geehrt.
Doch gibt's noch Herzen, die im grimmen
Schiffbruche kühnlich oben schwimmen,
Voll Rach' und Hoffnung; – Herzen, fest, –
Dem Stein gleich der in nächt'gem Dunkeln
Bewahrten Lichtglanz strömen läßt, –
Ausstrahlend früh'rer Tage Funkeln!
Und Schwerter gibt's, nicht feig, nicht zaudernd,
Zu thun nach solcher Herzen Gluth; – 140
Und er erfährt's einst schreckenschaudernd,
Der jetzt im Mondlicht üppig ruht,
So sicher still, als ob sein Geist
Von Himmelswächtern wär' umkreist!
Schlaf nur! – Für reinern Blick, als Deinen,
Ruht Meerfluth im Planetenscheinen.
Schlaf nur, des dunkeln Taumels voll,
Wie hell auch Mondenlichter lachen! –
Geliebt' und Liebender nur soll
Zu dieser süßen Stunde wachen.

Und schau, – wo auf dem Felsenblocke,
Deß Schatten über's Meer hin fliegt,
Ein Thurm ragt, – schau die finst're Locke,
Schwarz glänzend von der Luft gewiegt,
Wie Reigerschwing' um Kronen fliegt, –»Ihre Könige tragen schwarze Reiherfedern auf der rechten Seite, als ein Zeichen der Oberherrschaft.« — Hanway.
Am Gitter spielt sie wild im Wind, –
Da steht des Emirs blühend Kind,
Ganz Treue, Zärtlichkeit und Huld,
Obschon aus solchem Stamm voll Schuld. –
Ein Bild der lichten Jugendquelle
Sprüh'nd aus der Felsen rauhster Stelle!»Nach einer muhamedanischen Ueberlieferung entspringt die Quelle der Jugend in einer finstern Gegend des Ostlandes.« — Richardson.

O, welch ein heilig reines Wesen
Ist Schönheit, wo sie einsam, weit
Von gröbrer Welt, nur ward erlesen
Für Eines Wohnorts Herrlichkeit! 141
Durch keinen Störungsblick erschaut,
Liegt so die Blüthe, von den Wellen
Des Meeres heimlich überthaut,
Tief in verborg'nen keuschen Zellen.
So, Hinda, blieb Dein Sinn und Bild,
Wie ein Mysterium, tief verhüllt.
Und o, des Liebenden Entzücken,
Zu heben diese Schleyernacht!
Gleich dem, des überraschten Blicken
Sich eines Feenlandes Pracht
Im stillen Haine sichtbar macht,
Daß er nun träumt und lebt im Duft,
Fremd' ird'schem Sinn und ird'scher Luft

Schön sind bey Sommerabends Feye
Die Mädchen wohl in YemensDas glückliche Arabien. Thal;
Hell glüht der Blick durch ros'ge Schleyer,
Der sich aus ihrer Sänfte stahl; –
Und Bräute, zart und hold und klar,
Wie der Jasmin in ihrem Haar,
Hegt Yemens Thal und Yemens Hügel,
Die im Kiosk, durch nichts bemüht,»In Mitten des Gartens befindet sich der Kiosk, d. h. ein weites Gemach, gewöhnlich durch einen Springborn in seiner Mitte verschönt. Es erhebt sich etwa neun oder zehn Stufen, und ist mit goldnem Gitterwerk umschlossen; Weinreben, Jasmin und Geisblatt bilden eine Art von grüner Mauer darum her, und große Bäume umringen den Platz, den Ort ihrer besten Vergnügungen.« — Lady M. W. Montagu.
Die Stunden zählen vor dem Spiegel,Man sieht die Frauen des Ostlandes nie ohne ihren Spiegel. »In der Barbarey« – sagt Schaw – »sind sie dergestalt in ihre Spiegel verliebt, daß sie sie auf die Brust hängen, und sie auch dann nicht beyseit legen, wenn Sie nach der Plackerey eines Tages genöthigt sind, mit Eimer oder Ziegenschlauch zwey bis drey Stunden weit nach Wasser zu gehen.« — Travels.
In andern Theilen Asiens tragen sie zwey Spiegel auf den Daumen. – »Hieraus (und aus dem Lotos, als Bild der Schönheit betrachtet) erklärt sich der Sinn folgendes stummen Gespräches zweyer Liebenden in Gegenwart ihrer Aeltern:
        Er drückt mit zierlichem Bewegen
            Die Lotos blüth' an's Angesicht,
        Sie hält die Spieglein ihm entgegen,
            Und dreht zum Herzen dann ihr Licht.«
Asiatic Miscellany, vol. 2.

Allstündlich schöner aufgeblüht.
Doch Mädchen oder Braut hat nimmer
So schön den Harem dort geschmückt,
Daß nicht verschwänd' ihr stolzer Schimmer,
Wo man Al Hassan's Kind erblickt.

Den holden Engelbildern gleich
Im Kindheitstraum, – und dennoch reich 142
An Frauenschönheit, hoch und weich! –
Der Blick so rein, daß seinem Licht
Das Laster birgt sein Angesicht,
Wie Schlange sinkt in Blindheitsqual,
Getroffen vom Smaragdenstrahl!»Man sagt, daß wenn eine Natter oder Schlange ihren Blick auf den Glanz dieser Steine richte, sie unverzüglich davor erblinde.« — Ahmed ben Abdalaziz Abhandlung von Edelsteinen.
Und doch ein jugendliches Sprüh'n,
Webt sich in heil'ger Flamme Glüh'n,
In jener Welten sel'ge Lust
Das zarte Schmachten ird'scher Brust!
Ein Wesen, halb schon gottbelebt,
Wo durch die leisen Erdenschatten
Der ewgen Himmel Glorie schwebt,
Wie Sonne spielt auf laub'gen Matten,
Wann Licht herstrahlt im milden Hauch,
So warm, und doch so schattig auch,
Daß holder selbst das tief're Dunkel
Sich zeigt, als sonst ein Glanzgefunkel!

So war das Mädchen, das zur Stunde,
Ruhlosem Schlummer bang' entrückt,
Von ihres hohen Thurmes Runde
Zur stillbeglänzten Tiefe blickt.
Ach nicht mit bangem Herzensschlagen,
Nicht so den Blick voll Thränenduft,
Sah einst sie in beglücktern Tagen,
Im Heimathland, auf Erd' und Luft!
Was blickt sie nun so angstvoll nieder
Von Klippen, deren stein'ge Glieder 143
Verdunkeln Meeres Spiegelbad?
Weß harrt sie noch im nächt'gen Flor? –
Der Fels zu rauh! Zu steil der Pfad!
Nie klömm' ein Fuß zum Thurm empor! –

So hat's ihr Vater wohl gedacht,
Als er, um nach des Tages Gluth»In Gombarun und der Insel Ormus wird es bisweilen so heiß, daß die Leute gezwungen sind, tagelang im Wasser zu liegen.« — Marco Paolo.
Zu fah'n den kühlen Hauch der Nacht,
Den Thurm erbaut, hoch ob der Fluth;
Gar köstlich zierend seine Räume,
Wähnt' er so fest ihn, als geschmückt; –
Träum' nur, Du weiser Schlumm'rer, träume
Sieh nicht, was muth'ger Liebe glückt! –
Der kühnen Liebe, die nur Wonnen
Im Sieg fühlt, durch Gefahr gewonnen,
Und die ihr schönstes Segenspfand
Am liebsten pflückt an Abgrunds Rand!
Sie höhnt die Feigen, die nur tauchen
Nach Perlen, wenn die Woge ruht!
Umtost von wildem Sturmeshauchen,
Scheint ihr nur just die Perle gut,
Die sie aus dräu'nder Fluth gewinnt.
Ja, – Du, Arabiens schönstes Kind,
Wie hoch der Thurm, wie rauh der Pfad, –
Ein Held lebt, der um Deine Wange
Zu küssen, selbst den AraratMan halt diesen Berg allgemein für unersteigbar.
Erstieg' im nie versuchten Gange;Struy sagt: »ich kann den Leser bestimmt versichern, daß deren Meinung ungegründet ist, welche diesen Berg für unersteigbar halten.« – Er fügt hinzu, der untre Theil dieses Berges sey wolkig, neblich und trüb, der mittle sehr kalt und wie in Wolken von Schnee gehüllt, die obige Region aber klar und ruhig. – Dieser Berg ist es, auf welchem, wie man annimmt, die Arche sich nach der Sündfluth niederließ, und ein Theil derselben soll noch dort vorhanden seyn, worüber Struy ganz ernstlich folgendes sagt: »Niemand erinnert sich, daß die Luft auf dem Gipfel des Berges je wechselte, oder dem Wind und Regen unterworfen war, welches man als den Grund angibt, weshalb die Arche so lange ohne Fäulniß ausdauern konnte.« – Siehe Carrer's Reisen, wo der Doctor über diesen ganzen Bericht vom Berge Ararat spottet.
Ihm war' des Weges Grau'nrevier 144
Ein Himmelspfad, ging's nur zu Dir!
Schon werden Wasserfunken wach
Vor seines Ruders eil'gem Schlag, –
Schon hörst Du, wie mit raschem Stoß
Sein Schiff zur Landungsklippe schoß,
Streckst ihm die schnee'gen Arm' entgegen,
Als könnten sie herauf ihn wägen, –
Gleich ihrIn einem der Bücher des Scha Nameh kommt Zal (ein berühmter Persischer Held, durch sein blondes Haar ausgezeichnet) nächtig zu der Burg seiner Herrinn Rodahver, und sie läßt ihre langen schwarzen Locken herab, um ihm beym Aufklimmen zu helfen; – er aber bringt es auf eine minder romantische Art zu Stande, indem er mit seinem Hirtenstab einen vorragenden Balken erfaßt. — Champions Ferdusi., die, als im nächt'gen Dunkel
Der Freund mit gold'nem Haargefunkel,
Von Lieb' und Stolz getrieben, kam,
Den Weg felsan zur Holden nahm,
Und nun in dreisten Sprunges Streben
Sie schwindelnd sieht am Berg' ihn schweben,
Ihr schwarz Gelock hinflattern läßt,
Kaum athmend: »Liebling nimm! Halt fest!« –
Und männlicher kaum schwang den Arm
Held Zal in jener Liebesstunde,
Als dieser Jüngling, minnewarm,
Aufklomm zu Hinda's Felsenrunde.
Leicht, wie Arabiens Klippenziegen»Auf den luftigen Höhen des steinigen Arabiens findet man Gemsen.« — Niebuhr.
Granitne Pfade, sieht den Klimmer
Von Klipp' auf Klippe rasch sie fliegen;
Und nun steht er in Hinda's Zimmer, 145

Sie liebt, – jedoch sie weiß nicht Wen,
Nicht Aeltern, Abkunft, Vaterland. –
Wie wenn aus Indiens Waldeshöh'n
Jemand den schönsten Vogel fand,
Vom Dufthauch jüngst geweh't hierher
Aus unentdecktem Inselmeer,
Für einen Tag sein Lichtgefieder
Uns zeigend, – dann verschwindend wieder!
Wird so ihr Fremdling auch entschwinden? –
Alla verhüth' es! – Sanfterglüht
Sah einst der Mond aus Luftgewinden, –
Da sang zur ZitherMan nennt diese Zithern Canun, und Toderini, in Cournauds Uebersetzung sagt darüber: »Canun, espèce de psalterion, avec des cordes de boyaux; les dames en touchent dans le serail, avec des décailles armées de pointes de coco.« – sie ein Lied,
Einsam in süßer Zauberstunde
Wie heut, und sah zum erstenmal
Des Freundes Aug', in dieser Runde, –
O nicht seitdem zum letztenmal! –
Sie meynt', ein Geist der wolkig zog,
(Denn nie schwang sich ein Mensch so hoch!)
Verweil' aus seinem Mondlichtgang,
Zu lauschen dem verschwieg'nen Sang.
Fest hat sie diesen Wahn bewahrt; –
Denn sah nach erstem Schreck sie auch:
Ein Jüngling sey's von Menschenart,
Ergeben ihr mit sitt'gem Brauch, –
Doch oftmal, wenn er Worte tönte,
Fremd, schaurig, – wenn ein Glanz verschönte
Zu kühn sein dunkles Augenlied, –
Bebt sie, ihr Herz sey hingegeben 146
'Nem Geist, der durch die Lüfte zieht,
Doch nie mehr darf gen Himmel schweben;
Gleich jenen Engeln alter Zeit,
Die, glüh'nd vom Reiz der Erdenmaid,
Und stürzend sich in's Weltgewimmel,
Um Frau'n verscherzten ihren Himmel!
Nein Holde, Engel nicht noch Teufel
Erweckt Dir Deine irren Zweifel;
Es ist ein glüh'nder Erdensohn,
So heiß in Zorn und Liebesflug,
Als je ein Herz hienieden schon
Im Glanz des Sonnengottes schlug! –

Doch heut schien diese Gluth geschwunden,
Die Wange blaß, gesenkt der Blick; –
Nie sah sie, als in Traumesstunden,
Ihn bleich, bis diesen Augenblick!
Traum der in banger Nacht erscheint,
Davon man gern erwacht, und weint, –
Ach, unvergeßlich drängt in Mitten
Des Wachens noch er seinen Pfad,
Wie dräu'nder Geist, vor dessen Tritten
Hinwelkt des Angers Blumensaat! –

»Wie lieblich,« – spricht die holde Braut,
Und bebt vor eig'nem süßem Laut, –
So lange standen beyde schweigend,
Den Blick zum stillen Meere neigend, –
»Wie lieblich heut das Mondenlicht
Sich dort auf laub'ger Insel bricht!
Oft, in phantast'scher Sehnsucht Spiegel,
Lieh' ich dem kleinen Eiland Flügel,
Und während süß es uns umhegte, 147
Flog's in ein fernes Fluthrevier,
Wo sich kein Puls als unsrer regte; –
Still lebten, liebten, starben wir,
Von Strenge fern und Kält' und Gram,
Wo, einzig unsrem Glück gemeinsam,
Manch Englein anzuschauen kam
Dies Paradies so rein und einsam! –
Und wär' Dir's g'nug, solch stilles Eigen?« –
Sie dreht sich scherzend, ihm zu zeigen
Das Lächeln, blüh'nd aus ihrem Sinn.
Doch als sie schaut sein trübes Neigen, –
Da war ihr blüh'ndes Lächeln hin.
Die Thränen strömen ihr vom Herzen, –
»O,« – ruft sie, – »meine Ahnungsschmerzen!
O meines Traum's Prophetenmacht! –
Wir trennen uns! – Noch diese Nacht! –
Solch' Glück verwelkt; – mir war's verkündet; –
'S war Glanz, war Himmel, – doch es schwindet! –
Ach schon als Kind im ersten Regen
Der Hoffnung, trog mich stets mein Sinn!
Lieb durft' ich Blum' und Baum nur hegen,
So welkten sie zuerst auch hin.
Wenn ein Gazellchen ich erzog,
Am dunkelsanften Blick mich labend,
Und früh mir's zahm entgegenflog,
So starb's auch schon gewiß am Abend!
Nun Du, mein Glück, mein Himmelsschein, –
Auch träumend nie war mir bewußt
Ein schönres Heil, als Dein zu seyn, –
Weh, daß auch Du nun scheiden mußt! –
Doch sieh'! – Wir stehn am wilden Meer,
Der Schwindelhang – dies Felsgestein, – 148
Nein, Süßer, – nie komm wieder her!
Mein Himmelsglück kann Tod Dir seyn,
Fahrwohl! – Und Segen sey zumal
Mit Dir und halte Dich umschirmet! –
Weit eh' mir wähl' ich Trennungsqual,
Und weiß Dich sicher fern im Thal,
Als nah Dich und gefahrumstürmet!« –

»Gefahr? – O lock' mich nicht zum Prahlen!«
So ruft er aus; – »in blut'gen Thalen
Verfolgt, erzogen von Gefahr, –
Wähnst Du, daß die mir schrecklich war?
Die kenn' ich! Ihrem Dienst beflissen,
Erwart' ich täglich Todesbann.
Dies Schwert dient meinem Haupt zum Kissen,
Daß ich's, erwachend, fassen kann.
Gefahr!«

              »O sprich! – Sie schlägt nicht nieder
Dein Herz? – Und wir – wir sehn uns wieder?« –
»O blick nicht so! – Ich scheue nicht
Die Welt, doch wohl dies Augenlicht.
Könnt' irgend einer Macht auf Erden
Ich pflichtvergessen dienstbar werden, –
Gäb's irgend was, davor mein Geist
Sich der beschwornen Pflicht entreißt, –
Ihr Augen, wärt's! – Vor Euch allein
Schmölz' auch ein Eidessiegel ein.
Doch nein! – Fest steht's. –Mein strenger Stern
Gebeut. – Wir Beyde sind uns fern
Bis an den Tod. – Warum eint Himmel
Zwey Seelen, die das Erdgewimmel 149
So schneidend von einander riß?
Arab'sches Mägdlein, Finsterniß
Mag eh' sich wohl dem Licht verbinden,
Als ich zu Deinem Stamm mich finden!
Dein Vater« – »Heil'ger Alla, schütze
Sein graues Haupt vor diesem Blitze! –
Du kennst ihn nicht. – Die Tapfern liebt er,
Und Niemand, Niemand, o Geliebter,
Wird höher achten Deinen Muth,
Als er's gewiß bewundernd thut.
Wenn mich als Kind der blanke Schein
Des Schwerts an seiner Hüfte freute,
Sprach er: »mein lispelnd Töchterlein
Wird künftig edlen Kriegers Beute!«
Und wenn in Harems kühlem Ringe
Scherbet und Blumen ich ihm bringe,
Sagt er, zu heiterm Scherz erwacht,
Mich werd' ein Held als Braut umschlingen,
Um Jungfrau'n werbe schön die Schlacht,
Und Sieg's begeisternd Jubelklingen!
Nicht wende Dich! – Nur Du allein
Machst mich und ihn auf einmal Dein.
Geh'! – Kämpf in seinen Kriegsgeschwadern, –
Brich der gottlosen Perser Muth! –
O Himmel! Wie in Aug' und Adern
Flammt mehr Dir auf, als ird'sche Wuth!
Zum Lager eil' im Morgenlicht,
Und wenn Dein Schwert dann blitzend ficht, –
O denk', daß Lieb' und ich, Dein Siegen
Ersteh'nd, in Deinem Schutze liegen!
Ein Sieg ob diesen Feuerknechten,
Den Ghebern, den nach heil'gen Rechten
Verfluchten« – 150

                      »Halt! Tod ist Dein Wort!« –
Der Gheber ruft es wild, und schwingt
Den Mantel von der Hüfte fort
Und zeigt den Gurt, der ihm umschlingt.»Sie (die Ghebern) legen so viel Wichtigkeit auf ihren Kuschi oder Gürtel, daß sie nicht Augenblicks ohne ihn seyn mögen.« — Grose's Reise. – Le jeune homme nia d'abord la chose; mais, ayant été dépouillé de sa robe, et de la large ceinture, qu'il portoit comme Ghebre« etc. etc.D'Herbelot, art. Agduani.»Pour se distinguer des Idolâtres de l'Inde, les Guebres se ceignent tous d'un cordon de laine, ou de poil de chameau.« — Encyclopédie Françoise.
D'Herbelot sagt, dieser Gürtel sey gewöhnlich von Leder.

»Sieh, Maid! Erröthe! Wein' ob mir!
Was Ihr verflucht, – o sieh es hier!
Ja, ja, – ich bin vom argen Stamme
Der Feuersklaven! Täglich zwier
Bet' ich zu jener Himmelsstamme,
Zu meines Schöpfers Glanzrevier!»Sie glauben, der Thron des Allmächtigen befinde sich in der Sonne, daher ihre Verehrung für dieses Gestirn.« — Hanway.»Was das Feuer betrifft, so setzen die Ghebern dessen Ursprung in jenen Feuerglobus, die Sonne, welchen sie Mithras nennen, oder Mihir, und dem sie diese höchste Verehrung beweisen, zum Danke für die Wohlthaten, welche seiner dienstbaren Allwissenheit entströmen. Doch sind sie so fern davon die Unterordnung des Dieners mit der Majestät seines Schöpfers zu verwechseln, daß sie der Sonne oder dem Feuer keine Gattung des Empfindens oder Denkens bey irgendeiner Wirksamkeit zuschreiben, sondern es als ein gänzlich passives und blindes Werkzeug betrachten, geleitet und regiert durch den unmittelbaren Einfluß, welchen der Wille Gottes darauf ausübt. Sogar geben sie diesem Lichte, seiner glorreichen Erscheinung ungeachtet, nur den zweyten Rang unter Seinen Werken, den Ersten für jenes göttliche Erzeugniß, die Seele des Menschen, aufbewahrend.« — Grose – Die falschen Anklagen, gegen die Religion dieses Volkes durch seine muselmannischen Tyrannen erhoben, geben nur einen Beweis mehr, wie richtig die Bemerkung dieses Schriftstellers sey, daß »Verläumdung oft der Unterdrückung beygefügt wird, wäre es auch nur, um diese dadurch zu rechtfertigen.«
Ja, – ich bin Einer von der Spreu,
Verweht, doch ihrer Heimath treu! –
Ja, Rache fluch' auch ich der Hand,
Die unsre Tempel hat verbrannt,
Verwünsch' auch mich vor'm ew'gen Licht,
Wenn nicht mein Arm die Kette bricht! –
Dein Vater – bebe nicht: – fürwahr,
Der, dem dies holde Aug' entstammt,
Ist heilig mir, wie der Altar,
Dem unser frommes Feu'r entstammt!
Doch wiß, – ihn sucht' ich jene Nacht,
Als ich von meinem Wachboot aus
Sah dieses Thurmes Leucht' erwacht,
Und durch der Felsenklippen Graus 151
Nach meiner Beute klomm! – Im Nest
Des Geiers – ach Du weißt den Rest! –
Fand ich das Täubchen, weiß und rein. –
Dein ist der Sieg, – die Sünde Dein, –
Wenn Liebe mir Gedanken stahl,
Geweiht der Rache strengem Mahl!
O hätt' ich nie Dich, nie geschaut!
Und o, spräch nicht mein Herz so laut,
Welch selig Glück uns hätt' umlacht
Ohn' jene strenge Schicksalsmacht!
Wärst Du ein Persisch Kind, geboren
Im Nachbarthal bey unsrem Heerd, –
Wir hätten gleiches Spiel erkoren,
Am selben Altar Gott verehrt, –
Dann, dann, in all dem süßen Band,
Wie ein gemeinsam Vaterland
Es webt, – wie schlügen unsre Herzen
Für Irans Heil und Irans Schmerzen! –
In Deiner Laute süßem Klang
Hört' ich der Vorwelt ernsten Gang,
Und ahnt' aus Deinem holden Blick,
Bald kehr uns Sieg und Ruhm zurück!
Wenn der bedrängten Heimath Geist
Aus Dir nun blickte, spräch' und klagte, –
Wo gäb's, wenn dieser Säbel kreist,
Noch Feind, der ihm zu trotzen wagte? –
Weit von einander nun gescheucht
Sind wir – weit wie das Schicksal reicht!
Als Band: nur Lieb' in zarter Scheu;
Als Scheidung: Heimath, Glauben, Stamm!
Nur dann sind wir in Lieb' uns treu,
Wann Alles uns in Trug verschwamm!
Dein Vater Irans grimmster Feind, – 152
Vielleicht auch Du, – nein! – Es erscheint
So lieblich nimmer ja das Hassen!
Nein, lieb Dir bleibt das Vaterland
Deß, der um Dich konnt' Alles lassen,
Nur nicht sein Land voll Blut und Brand!
Sehn andre Augen ungetrübt
Dort Witwen jammern, Krieger fallen, –
Du weißt, wie treu ein Gheber liebt,
Und weinst um seinethalb mit Allen!
Doch sieh!« –

                        Da starrt er schnell empor,
Und zeigt nach den entfernten Wellen,
Wo Lichter, gleich dem Meteor
Um Seemans Grab, die Fluth erhellen;
Dazwischen sieht von Flammenspießen
Den bläulich raschen Stahl der Blick,
Als ob gefallner Sterne Schießen
Gen Himmel schösse kühn zurück»Die Mamelucken im andern Boote schossen, als es zu dunkeln begann, eine Art feuriger Pfeile in die Luft, welche einigermassen dem Blitz oder den Sternschnuppen ähnelten.« — Baumgarten..
»Ha, mein Signal! – Nun muß ich fort; –
Zaud'r ich, trifft Beyde, Beyde Mord;
Fahr wohl, süß Leben! Hältst mich nimmer! –
Nun, – Rache! – Dein bin ich auf immer!«
Rasch bricht er auf, springt, abgewandt,
Vom Gitter auf den Klippenrand,
Tief hin, wo Zack' und Abgrund droht,
Als flieh' von Lieb' er in den Tod.
Jung Hinda stand mit bangem Muth
Stumm, blaß; – da horch, – in stille Fluth 153
Ein Fall! Das schreckt der Klage Lauf
Ihr aus der Schmerzversteinung auf.
Vom Gitter tönt ihr Jammerhauch:
»Ich komm – ich komm! In diesen Wellen
Schläfst Du zu Nacht? – Da schlaf' ich auch,
Um Dir als Braut mich zu gesellen!
O schöner gibt's kein Bette mir,
Als was Dir kalte Fluthen weben; –
Der Todesschlaf ist süß bey Dir,
Weit süßer, als getrenntes Leben!« –
Doch nein, – noch nicht entschwebt ihr Geist.
Sie sieht des Lieblings Schifflein fliegen,
Das rasch ihn fort zur Heimath reißt,
Wo die auch unbeglückt mag liegen.
Leicht, lieblich, weht's im günst'gen Stoß
Des Windes hin durch Mondscheinblicke,
Als trüg es Frieden nur im Schooß,
Und ließ kein brechend Herz zurücke!

 

Ende des ersten Theils.

 


 << zurück weiter >>