Gustav Meyrink
Das grüne Gesicht
Gustav Meyrink

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Vierzehntes Kapitel

Ein eisiger, lichtloser Winter war über Holland hingegangen, hatte sein weißes Sterbeleilach auf die Ebenen gebreitet und langsam, langsam wieder weggezogen, – aber der Frühling blieb aus.

Als ob die Erde nie mehr erwachen könnte.

Fahlgelbe Maitage kamen und verschwanden: – noch immer sproßten die Wiesen nicht.

Die Bäume standen kahl und dürr – ohne Knospen, in den Wurzeln erfroren. Überall schwarze, tote Äcker, das Gras braun und welk; eine schreckhafte Windstille; das Meer unbeweglich wie aus Glas; seit Monaten kein Tropfen Regen, eine trübe Sonne hinter staubigen Schleiern, – die Nächte schwül und ohne Tau.

Der Kreislauf der Natur schien stillstehen zu wollen.

Eine beklemmende Angst vor drohenden Ereignissen, geschürt von wahnwitzigen Bußpredigern, die unter Psalmengeheul die Straßen der Städte durchzogen, hatte die Bevölkerung ergriffen wie zu den furchtbaren Zeiten der Wiedertäufer.

Man sprach von unabwendbarer Hungersnot und dem Ende der Welt. – – – –

Hauberrisser war aus seiner Wohnung in die Hooigracht hinaus in das Flachland im Südosten vor Amsterdam übersiedelt und lebte einsam in einem uralten alleinstehenden Haus, von dem die Sage ging, es sei ursprünglich ein sogenannter Druidenstein gewesen. Es war mit dem Rücken dicht an einen niedrigen Hügel angelehnt und lag inmitten des von Wasserstraßen durchzogenen Slotermeer-Polders.

Er hatte es auf seiner Heimkehr von dem Begräbnis Evas erblickt, – da es seit langer Zeit leer stand, kurz entschlossen gemietet, noch am selben Tag bezogen und im Laufe des Winters wohnlicher herrichten lassen: – er wollte allein mit sich selbst sein und fern vom Gewühl der Menschen, die ihm wie wesenlose Schatten erschienen.

Von seinem Fenster aus konnte er die Stadt mit ihren düstern Bauten und den Wald von Schiffsmasten im Hintergrund wie ein dunsthauchendes, stachliges Ungeheuer vor sich liegen sehen.

Wenn er in solchen Momenten das Fernglas zur Hand nahm und den Anblick der beiden Spitzen der Nikolaskirche und der andern zahllosen Türme und Giebel nahe an sein Auge rückte, wurde ihm jedesmal ganz unbeschreiblich sonderbar zumute – so, als stünden nicht Dinge vor ihm, sondern zu Formen erstarrte, quälende Erinnerungen, die mit grausamen Armen nach ihm greifen wollten. – – Gleich darauf waren sie wieder zerronnen und mit den Bildern der Häuser und Dächer in neblige Ferne versunken.

Anfangs hatte er zuweilen das Grab Evas auf dem unweit liegenden Friedhof besucht, aber es war immer nur ein mechanischer, gedankenloser Spaziergang gewesen.

Wenn er sich vorstellen wollte, sie läge da unten in der Erde und er müßte Schmerz darüber empfinden, erschien ihm der Gedanke so widersinnig, daß er oft vergaß, die Blumen, die er mitgebracht hatte, auf dem Hügel niederzulegen, und sie wieder mit nach Hause nahm.

Der Begriff "seelischer Schmerz" war für ihn ein leeres Wort geworden und hatte die Macht über sein Gefühlsleben verloren. –

Manchmal, wenn er über diese seltsame Wandlung seines Innern nachdachte, beschlich es ihn fast wie Grauen vor sich selbst. –


In einer solchen Stimmung saß er eines Abends an seinem Fenster und sah in die untergehende Sonne hinein.

Vor dem Hause ragte eine hohe verdorrte Pappel aus einer Wüste braunen, trocknen Rasens, – nur in einem kleinen grünen Wiesenfleck weit drüben wuchs wie in einer Oase ein blütenübersäter Apfelbaum – das einzige Zeichen von Leben weit und breit – zu dem bisweilen die Bauern wallfahrten kamen wie zu einem Marienwunder. – – –

"Die Menschheit, der ewige Phönix, hat sich im Lauf der Jahrhunderte zu Asche verbrannt", fühlte er, wie er so die Augen über die trostlose Gegend schweifen ließ, "ob sie je wohl neu auferstehen wird?" – –

Er dachte an die Erscheinung Chidher Grüns, und seine Worte, daß er auf Erden geblieben sei, um zu "geben", fielen ihm ein.

"Und was tue ich?" fragte er sich: "Ich bin eine wandelnde Leiche geworden – ein dürrer Baum wie die Pappel da draußen! – Daß es ein zweites geheimnisvolles Leben gibt, wer weiß es außer mir? – Swammerdam hat mich auf den Weg gewiesen, und ein Unbekannter hat ihn mir durch sein Tagebuch erschlossen, – nur ich geize mit den Früchten, die mir das Schicksal in den Schoß geworfen hat! – Nicht einmal meine besten Freunde, Pfeill und Sephardi, ahnen, was mit mir vorgeht; sie glauben, ich sei in die Einsamkeit gegangen und trauere um Eva. – Weil mir die Menschen wie Gespenster erscheinen, die blind durchs Dasein irren, – weil sie mir wie Raupen vorkommen, die über den Boden kriechen und nicht wissen, daß sie keimende Schmetterlinge sind, habe ich deswegen ein Recht, mich von ihnen fernzuhalten?"

Ein heißer Trieb, noch in derselben Stunde in die Stadt zu gehen, sich an einer Straßenecke aufzustellen wie einer der vielen Wanderpropheten, die das Hereinbrechen des Jüngsten Tages verkündeten, und in die Menge hineinzuschreien, daß es eine Brücke gebe, die zwei Leben – das Diesseits und das Jenseits – miteinander verbindet, ließ ihn in jähem Entschluß auffahren.

"Ich würde nur Perlen vor die Säue werfen", überlegte er im nächsten Augenblick; "die große Masse könnte mich nicht verstehen, – sie winselt danach, daß ein Gott vom Himmel steigt, den sie verkaufen und kreuzigen darf. – Und die wenigen Wertvollen, die nach einem Weg suchen, um sich selbst zu erlösen, würden die auf mich hören? Nein. – Die Wahrheitsverschenker sind in Mißkredit gekommen"; er mußte an Pfeill denken, der in Hilversum den Ausspruch getan hatte, man müsse ihn erst fragen, ob er willens sei, sich etwas schenken zu lassen. –

"Nein, so geht es nicht", sagte er sich und sann nach. "Merkwürdig, je reicher man wird an innern Erlebnissen, desto weniger kann man andern davon geben; ich wandere immer weiter weg von den Menschen, bis plötzlich die Stunde dasein wird, wo sie meine Stimme nicht mehr werden hören können."

Er sah ein, daß er fast schon an dieser Grenze angekommen war. – – – –

Das Tagebuch und die merkwürdigen Umstände, unter denen es in seinen Besitz gelangt war, fielen ihm wieder ein; "ich werde es fortsetzen mit der Beschreibung meines eignen Lebens", beschloß er, – "und es dem Schicksal überlassen, was daraus werden soll. Er, der mir gesagt hat, 'ich bin geblieben, um zu geben: jedem das, wonach er begehrt' – soll es in seine Obhut nehmen wie ein Testament von mir und es den Menschen in die Hände spielen, für die es heilsam sein kann und die nach dem innern Erwachen dürsten. – Wenn nur ein einziger dadurch zur Unsterblichkeit erweckt wird, hat mein Dasein einen Sinn gehabt."

Mit der Absicht, die Lehren der Tagebuchrolle durch die Erfahrungen, die er an sich selbst gemacht, zu erhärten, – sie dann in seine ehemalige Wohnung zu tragen und wieder in die Mauernische zu legen, aus der sie ihm in jener Nacht aufs Gesicht gefallen war, setzte er sich hin und schrieb:

An den Unbekannten, der nach mir kommt!

"Wenn du diese Blätter liest, ist die Hand, die sie geschrieben hat, vielleicht längst schon vermodert.

Ein sicheres Gefühl sagt mir, daß sie dir zu einem Zeitpunkt vor Augen kommen werden, wo sie dir nottun, wie der Anker einem mit zerrissenen Segeln auf Klippen zusteuernden Schiff.

Du wirst in dem Tagebuch, das dem meinigen beigeschlossen ist, eine Lehre niedergelegt finden, die alles enthält, dessen der Mensch bedarf, um wie auf einer Brücke in eine neue Welt voll von Wundern hinüberzuschreiten. –

Ich habe ihm nichts hinzuzufügen als eine Schilderung meines Lebenslaufs und der geistigen Zustände, die ich mit Hilfe der Lehre erklommen habe.

Wenn meine Zeilen auch nur dazu beitragen sollten, dich in der Zuversicht zu bestärken, daß es wirklich und wahrhaftig einen geheimen Weg gibt, der über sterbliches Menschentum hinausführt, so hätten sie damit schon voll und ganz ihren Zweck erfüllt.

Die Nacht, in der ich diese Zeilen für dich niederschreibe, ist erfüllt mit dem Hauch kommender Schrecknisse – Schrecknisse nicht für mich, aber für die Zahllosen, die am Baum des Lebens nicht reif geworden sind; – ich weiß nicht, ob ich die 'erste Stunde' der neuen Zeit, die du in der Tagebuchrolle meines Vorgängers erwähnt findest, mit leiblichen Augen schauen werde, – vielleicht ist diese Nacht meine letzte, – aber: ob ich morgen von der Erde gehe oder erst Jahre später: ich strecke tastend meine Hand in die Zukunft hinein nach der deinen. Fasse sie, – so wie ich die Hand meines Vorgängers erfaßt habe – damit die Kette der 'Lehre vom Wachsein' nicht abreißt, und vererbe auch du deinerseits das Vermächtnis weiter!"


Die Uhr zeigte bereits spät nach Mitternacht, als er in der Erzählung seines Lebenslaufes bis zu dem Punkte gelangt war, wo Chidher Grün ihn vor dem Selbstmord bewahrt hatte.

In Gedanken versunken schritt er auf und ab.

Er fühlte, daß hier die große Kluft begann, die das Fassungsvermögen eines normalen Menschen, selbst wenn er noch so phantasiereich und glaubenswillig war, von dem eines geistig Erweckten trennte.

Gab es überhaupt Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, was er von jenem Zeitabschnitt an fast ununterbrochen erlebt hatte?

Er schwankte lange, ob er seine Niederschrift nicht mit dem Begräbnis Evas schließen sollte, dann ging er in das anstoßende Zimmer, um aus dem Koffer die silberne Hülse zu holen, die er gelegentlich für die Rolle hatte anfertigen lassen; beim Suchen danach fiel ihm auch der papierne Totenkopf, den er vor einem Jahr in dem Vexiersalon gekauft hatte, in die Hände.

Sinnend betrachtete er ihn beim Schein der Lampe, und dieselben Gedanken, die damals sein Hirn durchkreuzt, fielen ihm wieder ein:

"Schwerer ist es, das ewige Lächeln zu erringen, als den Totenschädel zu finden, den man in einem früheren Dasein auf den Schultern getragen hat."

Es klang ihm wie Verheißung, in einer frohen Zukunft das Lächeln zu erlernen.

So unfaßbar fremd und fern erschien ihm sein verflossenes Leben mit all dem leidvollen Wünschen und Wollen, als hätte es sich wirklich in diesem albernen und doch so prophetischen Ding aus Pappendeckel abgespielt und nicht in seinem eignen Kopf; er mußte unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken, daß er hier stand und – seinen Schädel in der Hand hielt.

Wie ein Zauberladen mit wertlosem Plunder lag die Welt hinter ihm. – – – – – – –

Er griff wieder zur Feder und schrieb:

"Als Chidher Grün von mir gegangen war und mit ihm auf unbegreifliche Weise auch jeglicher Schmerz um Eva, wollte ich eben zum Bette treten und ihre Hände küssen, da sah ich, daß ein Mann davor kniete, den Kopf auf ihren Arm gelegt, und erkannte voll Staunen in ihm meinen eignen Körper; ich selbst konnte mich nicht mehr sehen. Wenn ich an mir herunterblickte, war es leere Luft, – aber gleichzeitig war der Mann vor dem Bette aufgestanden und schaute auf seine Füße herab, – so wie ich es an mir zu tun glaubte. – Es war, als sei er mein Schatten, der jede Bewegung machen mußte, die ich ihm befahl.

Ich beugte mich über die Tote, da tat er es; ich vermute, er hat dabei gelitten und Schmerz empfunden, – es kann sein, aber ich weiß es nicht. Für mich war die, die da regungslos, mit starrem Lächeln auf den Zügen, vor mir lag, die Leiche eines fremden, engelschönen Mädchens – ein Bild wie aus Wachs, an dem mein Herz kein Teil hatte, – eine Statue, die Eva aufs Haar glich, aber doch nur ihre Maske war.

Ich fühlte mich so unendlich glücklich, daß nicht Eva, sondern eine Fremde gestorben war, daß ich vor Freude kein Wort hervorbringen konnte.

Dann traten drei Gestalten ins Zimmer: – ich erkannte meine Freunde in ihnen und sah, daß sie zu meinem Körper hingingen und ihn trösten wollten, aber er war ja nur mein 'Schatten', lächelte und gab keine Antwort.

Wie wäre er es auch imstande gewesen, wo er doch den Mund nicht öffnen konnte – unfähig, etwas anderes zu tun, als was ich ihm befahl.

Aber auch meine Freunde und alle die vielen Menschen, die ich dann später in der Kirche und beim Begräbnis sah, waren Schemen für mich geworden wie mein eigner Körper; – der Leichenwagen, die Pferde, die Fackelträger, die Kränze, – die Häuser, an denen wir vorüberkamen, – der Friedhof, der Himmel, die Erde und die Sonne: alles war Bildwerk ohne inneres Leben, farbig wie ein Traumland, in das ich hineinblickte – froh und glücklich, daß es mich nichts mehr anging.

Seitdem ist meine Freiheit immer größer geworden, und ich weiß, daß ich über die Schwelle des Todes hinausgewachsen bin; ich sehe bisweilen meinen Körper des Nachts schlafen liegen, höre seine gleichmäßigen Atemzüge – und bin doch dabei wach; er hat die Augen geschlossen, und dennoch kann ich umherschauen und überall sein, wo ich will. Wenn er wandert, kann ich ruhen und – wenn er ruht, kann ich wandern. – Aber ich kann auch mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören, wenn es mir beliebt, nur ist dann alles ringsum trüb und freudearm, und ich bin dann wieder wie die andern Menschen: ein Gespenst im Reich der Gespenster.

Mein Zustand, wenn ich vom Leibe losgelöst bin und ihn wahrnehme wie einen automatisch meinem Geheiß gehorchenden Schatten, der am Scheinleben der Welt teilnimmt, ist so unbeschreiblich seltsam, daß ich nicht weiß, wie ich ihn dir schildern soll.

Nimm an, du säßest in einem Kinematographen-Theater, – Glück im Herzen, weil dir kurz vorher eine große Freude begegnet ist, – und sähest auf einem Film deiner eignen Gestalt zu, wie sie von Leid zu Leid eilt, am Sterbebette einer geliebten Frau zusammenbricht, von der du weißt, daß sie nicht tot ist, sondern zu Hause auf dich wartet, – hörtest du dein Bild auf der Leinwand mit deiner eignen Stimme, hervorgerufen durch eine Sprechmaschine, Schreie des Schmerzes und der Verzweiflung ausstoßen, – – würde dich dieses Schauspiel ergreifen? –

Es ist nur ein schwaches Gleichnis, das ich dir damit geben kann; ich wünsche dir, daß du es erlebst.

Dann wirst du auch wissen, so wie ich es jetzt weiß, daß es eine Möglichkeit gibt, dem Tod zu entrinnen.

Die Stufe, die zu erklimmen mir geglückt ist, ist die große Einsamkeit, von der das Tagebuch meines Vorgängers spricht; sie würde für mich vielleicht noch grausamer sein als das irdische Leben, wenn die Leiter, die aufwärts führt, damit zu Ende wäre, aber die jubelnde Gewißheit, daß Eva nicht gestorben ist, hebt mich darüber hinaus.

Wenn ich Eva auch jetzt noch nicht sehen kann, so weiß ich doch: es bedarf für mich nur mehr eines kleinen Schrittes auf dem Wege des Erwachens, und ich bin bei ihr – viel wirklicher, als es jemals früher hätte sein können. – Nur eine dünne Wand, durch die hindurch wir unsere Nähe bereits spüren können, trennt uns noch.

Wie unvergleichlich viel tiefer und ruhiger ist jetzt meine Hoffnung, sie zu finden, als in der Zeit, da ich stündlich nach ihr rief.

Damals war es ein verzehrendes Warten: – jetzt ist es eine freudige Zuversicht.

Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt; eine Gewißheit sagt mir: Eva lebt in ihr wie in einer verborgenen Wohnung und wartet auf mich.

Sollte dein Schicksal ähnlich dem meinen sein und du hast einen geliebten Menschen auf Erden verloren, so glaube nicht, daß du ihn auf andere Weise wiederfinden kannst als dadurch, daß du den 'Weg des Erwachens' gehst.

Denke daran, was mir Chidher gesagt hat: 'Wer nicht auf der Erde das Sehen lernt, drüben lernt er's gewiß nicht.'

Hüte dich vor der Lehre der Spiritisten wie vor Gift, – sie ist die furchtbarste Pest, die jemals die Menschen befallen hat; auch die Spiritisten behaupten, mit den Toten verkehren zu können, – sie glauben, die Toten kämen zu ihnen; – es ist eine Täuschung. – Es ist gut, daß sie nicht wissen, wer die sind, die da kommen. Wenn sie's wüßten, würden sie sich entsetzen.

Erst mußt du selbst unsichtbar werden können, ehe du den Weg findest, zu den Unsichtbaren zu gehen und hier und drüben zugleich zu leben, – so, wie ich unsichtbar geworden bin – sogar für die Augen meines eigenen Körpers.

Ich bin selber noch nicht so weit, als daß mir der Blick für die jenseitige Welt erschlossen wäre, dennoch weiß ich: die, die blind von der Erde gegangen sind, nicht drüben; sie sind wie in der Luft verklungene Melodien, die durch den Weltraum wandern, bis sie wieder auf Saiten treffen, auf denen sie von neuem ertönen können; – das, wo sie zu sein glauben, ist kein Ort; es ist eine raumlose Trauminsel von Schemen, weit weniger wirklich noch als die Erde.

In Wahrheit unsterblich ist nur der erwachte Mensch; Sonnen und Götter vergehen, – er allein bleibt und kann alles vollbringen, was er will. Über ihm ist kein Gott.

Nicht umsonst heißt unser Weg: ein heidnischer Weg. Was der Fromme für Gott hält, ist nur ein Zustand, den er erreichen könnte, wenn er fähig wäre, an sich selbst zu glauben, – so aber zieht er für sich in unheilbarer Blindheit eine Schranke, die er nicht zu überspringen wagt, – er schafft sich ein Bild, um es anzubeten, anstatt sich darein zu verwandeln.

Willst du beten, so bete zu deinem unsichtbaren Selbst; es ist der einzige Gott, der Gebete erhört: die andern Götter reichen dir Steine statt Brot.

Unglücklich die, die zu einem Götzen beten, und ihr Flehen wird erhört: sie verlieren dadurch ihr Selbst, da sie nie wieder zu glauben vermögen, daß nur sie selber es waren, die sich erhört haben.

Wenn dein unsichtbares Selbst als Wesenheit in dir erscheint, so kannst du es daran erkennen, daß es einen Schatten wirft: ich wußte auch nicht früher, wer ich bin, bis ich meinen eignen Körper als Schatten sah.

Eine Zeit, in der die Menschheit leuchtende Schatten werfen wird und nicht mehr schwarze Schandflecken auf die Erde wie bisher, will dämmern, und neue Sterne ziehen herauf. Trag du auch dazu bei, und neue Sterne ziehen herauf. Trag du auch dazu bei, daß Licht wird!"


Hastig stand Hauberrisser auf, rollte die Blätter zusammen und steckte sie in die silberne Hülle.

Er hatte die deutliche Empfindung, als sporne ihn jemand zu äußerster Eile an.

Am Himmel lag bereits der erste Schein des anbrechenden Morgens; die Luft war bleifarben und ließ die verdorrte Steppe vor dem Fenster wie einen riesigen wollenen Teppich mit den grauen Wasserstraßen als hellen Streifen darin erscheinen.

Er trat vors Haus und wollte den Weg nach Amsterdam einschlagen. Schon nach den ersten Schritten ließ er seinen Plan, das Dokument in seine alte Wohnung in der Hooigracht zu tragen, fallen, kehrte um und holte einen Spaten: er erriet, daß er es irgendwo in der Nähe vergraben solle.

Aber wo?

Vielleicht auf dem Friedhof?

Er wandte sich der Richtung zu:

Nein, auch dort nicht.

Sein Blick fiel auf den blühenden Apfelbaum; er ging hin, schaufelte ein Loch und legte die Hülse mit den Schriftstücken hinein.

Dann eilte er, so schnell er konnte, durch das Zwielicht über die Wiesen und Brückenstege der Stadt entgegen.

Eine tiefe Besorgnis um seine Freunde, als drohe ihnen eine Gefahr, vor der er sie warnen müsse, hatte ihn plötzlich befallen.

Trotz der frühen Stunde war die Luft heiß und trocken wie vor einem Gewitter.

Eine atembeklemmende Windstille verlieh der ganzen Gegend etwas unheimlich Leichenhaftes; die Sonne hing wie eine Scheibe aus blindem, gelbem Metall hinter dichten Dunstschleiern, und weit im Westen über der Zuidersee brannten Wolkenmauern, als sei es Abend statt Morgen.

In ungewisser Angst, zu spät zu kommen, kürzte er den Weg ab, wenn es nur irgend ging, schritt bald querfeldein, bald auf den menschenleeren Straßen dahin, aber es schien, als wolle die Stadt nicht näherrücken.

Allmählich mit dem wachsenden Tag veränderte sich das Bild des Himmels; hakenförmige, weißliche Wolken krümmten sich wie gigantische Wurmleiber auf dem fahlen Hintergrund, von unsichtbaren Wirbeln gepeitscht, hin und her, – immer an derselben Stelle bleibend: – kämpfende Luftungeheuer, die der Weltenraum herabgesandt.

Kreisende Trichter, die Spitze nach oben, wie umgestürzte, riesenhafte Becher, hingen frei in der Höhe – Tiergesichter fielen mit aufgerissenen Rachen übereinander her und ballten sich zu brodelnden Knäuel; nur auf der Erde herrschte immer dieselbe totengleiche, lauernde Windstille nach wie vor.

Ein schwarzes, langgestrecktes Dreieck kam mit Sturmesschnelle von Süden her, zog unter der Sonne weg, ihr Licht verfinsternd, daß das Land minutenlang in Nacht getaucht lag, und senkte sich mit schrägem Flug in weiter Ferne zu Boden: ein Heuschreckenschwarm, von den Küsten Afrikas herübergeweht.

Die ganze Zeit während seines Marsches war Hauberrisser nicht einem einzigen lebende Wesen begegnet, da erblickte er plötzlich bei einer Krümmung des Weges, wie hinter knorrigen Weidenstämmen hervorkommend, eine seltsame dunkle Gestalt, den Nacken gebeugt, übermenschlich groß und in einen Talar gehüllt.

Er konnte ihre Gesichtszüge in der Entfernung nicht unterscheiden, erkannte aber sofort an der Haltung, an den Kleidern und den Umrissen des Kopfes mit den langen, herabhängenden Schläfenlocken, daß es ein alter Jude war, der auf ihn zuschritt.

Je näher der Mann herankam, desto unwirklicher schien er zu werden; er war mindestens sieben Schuh hoch, bewegte beim Gehen die Füße nicht, und seine Konturen hatten etwas Lockeres, Schleierndes; – Hauberrisser glaubte sogar zu bemerken, daß sich bisweilen ein Teil des Körpers – der Arm oder die Schulter – ablöste, um sich sofort wieder anzusetzen.

Wenige Minuten später war der Jude fast durchsichtig geworden, als bestünde er nur aus einem schütteren Gebilde zahlloser schwarzer Punkte und nicht aus einer festen Masse.

Gleich darauf sah Hauberrisser, als die Gestalt in unmittelbarster Nähe lautlos an ihm vorüberschwebte, daß es eine Wolke fliegender Ameisen war, die merkwürdigerweise die Form eines Menschen angenommen hatte und beibehielt, – ein unbegreifliches Naturspiel, ähnlich dem Bienenschwarm, den er einst in dem Amsterdamer Klostergarten gesehen.

Lange blickte er kopfschüttelnd dem Phänomen nach, das mit zunehmender Geschwindigkeit nach Südwesten, dem Meere zu, wanderte, bis es wie ein Rauch am Horizont verschwand.

Er wußte nicht, wie er die Erscheinung deuten sollte. War es ein rätselhaftes Vorzeichen oder nur eine belanglose Grimasse, die die Natur schnitt?

Daß Chidher Grün, um sich ihm sichtbar zu machen, eine so phantastische Form gewählt haben könnte, schien ihm wenig glaubhaft.

Den Kopf noch voll grüblerischer Gedanken, betrat er den West Park und schlug, um so rasch wie möglich zu Sephardis Haus zu gelangen, die Richtung nach dem Damrak ein, da verriet ihm schon von weitem ein wilder Tumult, daß irgend etwas Aufregendes geschehen sein mußte.

Bald war ein Vordringen durch die breiten Straßen infolge der dichten Menschenmenge, die Schulter an Schulter gepreßt, in wilder Aufregung durcheinanderwogte, ein Ding der Unmöglichkeit, und er beschloß daher, die Jodenbuurt als Verbindungsgasse zu benützen.

Scharenweise zogen die Gläubigen der Heilsarmee, laut betend oder den Psalm brüllend: "Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein" über die Plätze, – Männer und Weiber, verzückt in religiösem Wahnwitz, rissen einander die Kleider vom Leib – sanken, Geifer vor dem Mund, in die Knie, – schrien Hallelujas und Zoten zugleich zum Himmel empor, – fanatische Sektierermönche mit entblößtem Oberkörper geißelten sich unter grausigen hysterischen Lachkrämpfen die Rücken blutig, – da und dort brachen Fallsüchtige mit schrillem Schrei zusammen und wälzten sich zuckend auf dem Pflaster; andere wieder – Anhänger irgendeines hirnverbrannten Glaubensbekenntnisses – "demütigen sich vor dem Herrn", indem sie sich zusammenkauerten und, von einer barhäuptigen, ergriffen zuschauenden Menge umstanden, wie Frösche herumhüpften und dazu quakten: "O, du mein herzallerliebstes Jesulein, erbarme dich unser!"


Von Schauder und Ekel ergriffen, irrte Hauberrisser durch alle möglichen winkligen Gassen, immer von neuem durch Volksmassen aus seiner Richtung vertrieben, bis er schließlich keinen Schritt mehr weiter tun konnte und sich, wie eingekeilt, vor das schädelartige Haus in der Jodenbreestraat gedrängt sah.

Der Vexiersalon war mit Rolläden verschlossen und die Tafel entfernt; dicht davor stand ein vergoldetes Holzgerüst und oben drauf, auf einem Thronsessel, mit einem Hermelinmantel bekleidet und ein brillantstrotzendes Diadem wie einen Heiligenschein um die Stirn, saß der "Professor" Zitter Arpád, warf Kupfermünzen mit seinem Bildnis unter die ekstatisch verzückte Menge und hielt mit hallender Stimme eine infolge des ununterbrochenen Hosiannageschreis kaum verständliche Ansprache, in der sich beständig wie ein blutrünstiger Hetzruf die Worte wiederholten: "Werft die Huren ins Feuer und bringt mir ihr sündiges Gold!"

Mit größter Mühe gelang es Hauberrisser, sich nach und nach bis zu einer Häuserecke durchzuarbeiten.

Er wollte sich eben orientieren, da faßte ihn jemand am Arm und zog ihn in einen Torduchlaß. Er erkannte Pfeill.

Sie waren beide mit ähnlichen Absichten in die Stadt gekommen, wie sie aus ihren gegenseitigen Zurufen über die Köpfe des Gedränges hinweg, das sie gleich darauf wieder auseinandergerissen hatte, entnahmen.

"Komm zu Swammerdam!" schrie Pfeill.

An ein Stehenbleiben war nicht zu denken; selbst die kleinsten Höfe und Winkelgäßchen waren überflutet von Menschen, und wenn die beiden Freunde zuweilen ein paar Schritte weit eine Lücke in dem Gewimmel erblickten, die ihnen gestattete, nebeneinander zu gehen, mußten sie eiligst die Gelegenheit benützen, um vorwärts zu laufen, so daß sie sich nur mit hastigen Worten verständigen konnten.

"Ein grauenhaftes Scheusal – dieser Zitter!" – erzählte Pfeill in Absätzen, bald vor, bald hinter, bald neben Hauberrisser, bald wieder durch Menschenmauern von ihm getrennt. "Die Polizei funktioniert nicht mehr und kann ihm das Handwerk nicht legen. – Und die Miliz schon lange nicht. – Er gibt sich für den Propheten Elias aus, und die Leute glauben ihm und beten ihn an. – – Neulich hat er im Zirkus Carré ein entsetzliches Blutbad angerichtet. – – Sie haben den Zirkus gestürmt – und fremde, vornehme Damen – Halbweltlerinnen natürlich – hineingeschleppt und die Tiger auf sie losgelassen. – – Er hat den Zäsarenwahnsinn. – Wie Nero. – – – Zuerst hat er die Rukstinat geheiratet und dann die Ärmste, um zu ihrem Geld zu kommen, ver – – –"

"Vergiftet" – verstand Hauberrisser undeutlich: eine Prozession dumpf singender, vermummter Gestalten, weiße, spitzige Kapuzen über den Gesichtern wie Fehmrichter und Fackeln in den Händen, hatte Pfeill von ihm abgedrängt, und ihr murmelnder, eintöniger Choral: "O sanktissima, o pi–issima, dulcis virgo Maaa–riiii–aaah" hatte die letzten Worte zur Hälfte verschlungen.

Pfeill tauchte wieder auf; sein Gesicht war geschwärzt von Fackelrauch: – "Und dann hat er ihr Geld in den Pokerklubs verspielt. – – Dann war er monatelang spiritistisches Geistermedium. – – Hat einen Riesenzulauf gehabt. – – Ganz Amsterdam war bei ihm."

"Was macht Sephardi?" rief Hauberrisser hinüber.

"Ist seit drei Wochen in Brasilien! Ich soll dich vielmals von ihm grüßen. – – – Er war gänzlich verändert, schon ehe er abreiste. – – Ich weiß nicht allzuviel über ihn. – – Ich weiß nur: Der Mann mit dem grünen Gesicht ist ihm erschienen und hat ihm gesagt, er solle einen jüdischen Staat in Brasilien gründen, und: daß die Juden als einziges internationales Volk berufen seien, eine Sprache zu schaffen, die nach und nach allen Völkern der Erde als gemeinsames Verständigungsmittel dienen und sie dadurch einander näherbringen solle, – – – ein modernes Hebräisch, vermute ich – ich weiß nicht. – – Sephardi war seitdem wie über Nacht verwandelt. – – – Er hätte jetzt eine Mission, hat er gesagt. – – – Er scheint übrigens mit seinem zionistischen Staat drüben das Richtige getroffen zu haben. – – Fast alle Juden Hollands sind ihm nachgereist, und jetzt noch kommen zahllose aus allen möglichen Ländern, um nach dem Westen auszuwandern. – – Es ist das reinste Ameisengewimmel – –"

Eine Truppe gesangbuchplärrender Weiber trennte sie für eine Weile. – Hauberrisser hatte unwillkürlich, als Pfeill den Ausdruck "Ameisengewimmel" gebraucht, an das sonderbare Phänomen denken müssen, das er draußen vor der Stadt gesehen hatte. – –

"In letzter Zeit war Sephardi viel mit einem gewissen Lazarus Eidotter, den ich inzwischen kennengelernt habe, beisammen"; fuhr Pfeill fort – "es ist ein alter Jude, eine Art Prophet, – – er ist jetzt fast beständig in einem Zustand von Entrückung – – alles, was er prophezeit, stimmt übrigens jedesmal. – – Neulich wieder hat er vorausgesagt, es käme eine schreckliche Katastrophe über Europa, damit eine neue Zeit vorbereitet werde. – – Er freut sich, sagt er, daß er dabei mit zugrunde gehen darf, denn dann würde es ihm vergönnt sein, die vielen Toten, die hinübergehen, ins Reich der Fülle zu führen. – – Mit der Katastrophe hat er vielleicht nicht so unrecht. – – – Du siehst ja, wie es hier zugeht. – – – Amsterdam erwartet die Sintflut. – – – Die ganze Menschheit ist toll geworden. – – Die Eisenbahnen sind längst eingestellt, sonst wäre ich schon mal zu dir in deine Arche Noah hinausgekommen. – Heute scheint der Gipfelpunkt des Aufruhrs zu sein. – – Ach, ich hätte dir ja so unendlich viel zu erzählen. – – Gott, wenn nur nicht dieses ewige Gewühl um uns herum wäre, man kann ja kaum einen Satz zu Ende sprechen – – – mir ist inzwischen auch unglaublich viel passiert – – –"

"Und Swammerdam? Wie geht es ihm?" überschrie Hauberrisser das Geheul einer Rotte auf den Knien rutschender Geißelbrüder.

"Er hat einen Boten zu mir geschickt", rief Pfeill zurück, "ich sollte augenblicklich zu ihm kommen und dich vorher holen gehen und mitbringen. – – Gut, daß wir uns auf dem Wege getroffen haben. – – – Er zittert um uns, hat er mir sagen lassen; er glaubt, nur in seiner Nähe wären wir sicher. – – – Er behauptet, sein inneres Wort hätte ihn einmal drei Dinge prophezeit, darunter sei die Voraussage gewesen: er werde die Nikolaskirche überleben. – – – Daraus schließt er vermutlich, daß er gegen die bevorstehende Katastrophe gefeit sei, und will, daß wir bei ihm sind, um uns ebenfalls für die kommende neue Zeit zu erretten."

Es waren die letzten Worte, die Hauberrisser verstand: Ein plötzlich losbrechendes, ohrenbetäubendes Geschrei, von dem freien Platz ausgehend, dem sie zusteuerten, erschütterte die Luft und pflanzte sich, immer lauter und lauter anschwellend, in gellen Rufen: "Das neue Jerusalem ist am Himmel erschienen" – "ein Wunder, ein Wunder!" – "Gott sei uns gnädig" – von Dachfenster zu Dachfenster über die Giebel hin fort bis in die entferntesten Winkel der Vorstädte.

Er konnte nur noch erkennen, daß Pfeill hastig den Mund bewegte, als brülle er ihm mit Aufgebot der ganzen Lungenkraft irgend etwas zu, dann fühlte er sich von dem wahnwitzig erregten Menschenstrom fast vom Boden gehoben, unwiderstehlich fortgerissen und in den Börseplatz hineingestoßen.

Die Menge stand dort so dicht zusammengequetscht, daß er, die Arme an den Leib gedrückt, kaum die Hände bewegen konnte. – Aller Augen waren starr emporgekehrt.

Hoch oben am Himmel kreisten immer noch kämpfend die seltsamen Dunstgebilde wie geflügelte Riesenfische, aber darunter hatten sich schneegekrönte Wolkenberge aufgetürmt, und mitten darin in einem Tal lag, von schrägen Sonnenstrahlen beleuchtet, die Luftspiegelung einer fremden, südländischen Stadt mit weißen flachen Dächern und maurischen Bogentoren.

Männer mit wallenden Burnussen und dunkeln stolzen Gesichtern schritten langsam durch die lehmfarbenen Straßen – und so nah und schreckhaft deutlich, daß man das Rollen ihrer Augen sehen konnte, wenn sie den Kopf wandten, um, wie es schien, auf das entsetzte Getümel Amsterdams gleichmütig herabzublicken. – – Draußen vor den Wällen der Stadt breitete sich eine rötliche Wüste, deren Ränder in den Wolken verschwammen, und eine Karamelkarawane zog schemenhaft in die flimmernde Luft hinein.

Wohl eine Stunde lang blieb die Fata Morgana in zauberischer Farbenpracht am Himmel stehen, dann verblaßte sie allmählich, bis nur mehr ein hohes, schlankes Minarett, blendend weiß wie aus glitzerigem Zucker, übrig war, das eine Weile später plötzlich im Wolkennebel verschwand.


Erst spät nachmittags hatte Hauberrisser – Zoll für Zoll von dem Menschenmeer an den Häusermauern entlanggespült – Gelegenheit, über eine Grachtbrücke dem Getümmel zu entrinnen.

Zu Swammerdams Wohnung zu gelangen war gänzlich unausführbar, denn er hätte viele Straßen und abermals den Börseplatz überqueren müssen, und so beschloß er, in seine Einsiedelei zurückzukehren und einen günstigeren Tag abzuwarten. – – –

Bald nahmen ihn die totenstillen Wiesen des Polders wieder auf.

Der Raum unter dem Himmel war eine undurchdringliche, staubige Masse geworden.

Hauberrisser hörte das welke Gras unter seinen Füßen zischen, als er eilends dahinschritt, wie Rauschen des Blutes im Ohr, so tief war die Einsamkeit.

Hinter ihm lag das schwarze Amsterdam in der roten sinkenden Sonne wie ein ungeheurer brennender Pechklumpen.

Kein Hauch ringsum, die Deiche durchzogen von glühenden Streifen, nur hie und da ein tröpfelndes Plätschern, wenn ein Fisch aufsprang.

Als die Dämmerung herabsank, tauchten große, trübgraue Flächen aus der Erde und krochen über die Steppe wie ausgebreitete, wandelnde Tücher, – er sah, daß es zahllose Scharen von Mäusen waren, die, aus ihren Löchern geschlüpft, pfeifend und aufgeregt durcheinander huschten.

Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto unruhiger schien die Natur zu werden, trotzdem kein Halm sich regte.

Die moorbraun gewordenen Wasser bekamen zuweilen kleine kreisrunde Krater, ohne daß auch nur ein Lufthauch sie getroffen hätte, oder schlugen, wie unter unsichtbaren Steinwürfen, vereinzelte, spitzige Wellenkegel, die gleich darauf wieder spurlos verschwanden.

Schon konnte Hauberrisser von weitem die kahle Pappel vor seinem Haus unterscheiden, da wuchsen plötzlich, bis zum Himmel ragend, weißliche säulenartige Gebilde aus dem Boden und stellten sich zwischen die Silhouette des Baumes und seinen Blick.

Geisterhaft und lautlos kamen sie auf ihn zu, schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenen Gras hinterlassend, wo sie gegangen waren: Windhosen, die der Stadt zu wanderten.

Ohne das leiseste Geräusch zu verursachen, zogen sie an ihm vorbei: stumme, tückische, todbringende Gespenster der Atmosphäre.


Schweißgebadet betrat Hauberrisser das Haus.

Die Gärtnersfrau des nahen Friedhofs, die ihn bediente, hatte ihm sein Essen auf den Tisch gestellt; er konnte vor Aufregung keinen Bissen anrühren.

Voll Unruhe warf er sich angezogen aufs Bett und wartete schlaflos auf den kommenden Tag.


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