Gustav Meyrink
Das grüne Gesicht
Gustav Meyrink

 << zurück weiter >> 

Sechstes Kapitel

Hauberrisser hatte bis gegen Mittag geschlafen, trotzdem spürte er eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern, als er die Augen aufschlug.

Die Spannung, zu erfahren, was in der Rolle stand, die ihm in der Nacht übers Gesicht gelaufen war, und woher sie gekommen sein könnte, hatte ihn den ganzen Schlummer hindurch verfolgt wie das gewisse peinigende Wartegefühl, das einem die Ruhe zu scheuchen pflegt, wenn man sich vor dem Schlafengehen vornimmt, pünktlich zu einer gewissen Stunde und Minute zu erwachen.

Er erhob sich, untersuchte die Wände der Nische, in der das Bett stand, und fand auch bald ohne Mühe das aufklappbare Fach in der Täfelung, in dem sie offenbar gelegen hatte. Bis auf eine zerbrochene Brille und ein paar Kielfedern war es vollkommen leer und, nach den Tintenflecken zu schließen, von dem früheren Bewohner des Zimmers als kleiner Hilfsschreibtisch benutzt worden.

Hauberrisser bog die Blätter gerade und bemühte sich, sie einigermaßen zu entziffern.

Die Schriftzüge waren stark verblaßt, an manchen Stellen bereits unleserlich, und viele Seiten unter dem Einfluß der Mauerfeuchtigkeit untrennbar zu schimmligem Pappendeckel zusammengebacken, so daß wenig Hoffnung blieb, sich jemals im Inhalt zurechtfinden zu können.

Anfang und Ende fehlten, und das noch Vorhandene schien, wie häufige Ausstreichung von Sätzen verriet, eine Art Entwurf zu irgendeiner schriftstellerischen Arbeit – vielleicht zu einem Tagebuch – zu sein. Wer der Verfasser gewesen sein mochte, war nirgends ersichtlich, ebensowenig Datum oder Jahreszahl, die einen Anhaltspunkt für das Alter des Manuskripts ergeben hätten.

Mißmutig wollte Hauberrisser die Rolle weglegen und sich wieder ausstrecken, um die Stunden gestörten Schlummers nachzuholen, da fiel sein Blick, wie er die Seiten ein letztes mal durch die Finger laufen ließ, auf einen Namen, der ihn so erschreckte, daß er einen Moment zweifelte, richtig gelesen zu haben.

Leider war die Stelle bereits verblättert, und seine Ungeduld, sie wiederzufinden, machte die Arbeit des Suchens vergeblich. Dennoch hätte er einen Eid schwören mögen, daß es der Name "Chidher Grün" gewesen sein mußte, der ihm aus dem Dokument entgegengesprungen war. Er sah ihn deutlich vor sich, wenn er die Augen schloß und sich die betreffende Stelle vergegenwärtigte.

Die Sonne strahlte heiß durch das vorhanglose, breite Fenster herein; das Zimmer mit den gelbseiden bespannten Wänden war mit goldenem Glanze erfüllt, und doch, trotz all der Pracht des Mittagszaubers, faßte Hauberrisser einen Augenblick das Grauen an; ein Grauen, das er bisher nicht gekannt hatte, – jenes Grauen, das ins Leben tritt ohne scheinbar zureichenden Grund, aus der Nachtseite der Seele herüberschreitet wie ein Geschöpf der Dämmerung, um sich gleich darauf, geblendet vom Licht, wieder spurlos zu verkriechen.

Er fühlte, daß es nicht von dem Manuskript ausging, auch nicht mit dem abermaligen Hereinspielen des Namens Chidher Grün in Zusammenhang stand; – es war das plötzliche, tiefe Mißtrauen gegen sich selbst, das ihm bei hellem Tage den Boden unter den Füßen wegzog.

Rasch beendete er seine Toilette und klingelte.

"Sagen Sie mal, Frau Ohms", fragte er die alte Haushälterin, die ihm seine Junggesellenwirtschaft führte, als sie das Frühstück auf den Tisch stellte, "wissen Sie zufällig, wer früher hier gewohnt hat?"

Der Alte dachte eine Weile nach.

"Gehört hat das Haus vor vielen Jahren, soweit ich mich erinnern kann, einem bejahrten Herrn, der, wenn ich mich nicht irre, sehr reich und ein Sonderling gewesen sein soll. Später stand es sehr lange leer und ging dann in den Besitz der Waisengeldverwaltung über, Mynheer."

"Und haben Sie keine Ahnung, wie er geheißen hat und ob er noch lebt?"

"Kann leider nicht dienen, Mynheer."

"Gut, ich danke."

Hauberrisser machte sich daran, die Rolle nochmals durchzulesen.

Der erste Teil des Manuskripts behandelte, wie er bald erkannte, einen Rückblick des Verfassers und schilderte in kurzen, abgerissenen Sätzen das Schicksal eines Menschen, der, vom Unglück verfolgt, alles nur Erdenkliche versucht hatte, um sich eine lebenswerte Existenz zu schaffen. Aber jedesmal waren seine Bemühungen im letzten Augenblick gescheitert. – Wieso er später, gewissermaßen über Nacht, zu großen Reichtümern gelangt war, ließ sich nicht ersehen, da ein paar Bogen fehlten.

Hauberrisser mußte mehrere Blätter, die völlig vergilbt waren, ausscheiden; was darauf folgte, mochte einige Jahre später geschrieben worden sein, denn die Tinte war frischer und die Handschrift zitterig, wie unter dem Einfluß zunehmenden Lebensalters. Ein paar Sätze, deren Inhalt eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner eigenen Gemütsverfassung aufwies, notierte er sich besonders, um den Zusammenhang besser überblicken zu können:

"Wer da glaubt, er hätte das Leben um seiner Nachkommen willen, belügt sich selbst. Es ist nicht wahr: die Menschheit hat keinen Fortschritt gemacht. Es scheint nur so. Sie hat nur einzelne hervorgebracht, die wirklich fortgeschritten sind. Im Kreise laufen, heißt: nicht vorwärts kommen. Wir müssen den Kreis durchbrechen, sonst haben wir nichts getan. Die da wähnen, das Leben beginne mit der Geburt und ende mit dem Tod, – freilich, die sehen den Kreis nicht; wie sollten sie ihn durchbrechen!"

Hauberrisser blätterte um.

Die ersten Worte oben am Rande, die er las, schlugen ihm ins Gesicht. "Chidher Grün!"

Er hatte sich also doch nicht geirrt.

In atemloser Spannung durcheilte er die nächsten Zeilen. Sie gaben so gut wie keinen Aufschluß. Der Name Chidher Grün bildete das Ende eines Satzes, auf der Seite vorher fehlte der Anfang; sie gehörte demnach nicht dazu. Keine Möglichkeit, die Spur weiter zu verfolgen, die doch mit Sicherheit schließen ließ, daß der Verfasser irgendeine feste Vorstellung mit dem Namen verbunden, – vielleicht sogar einen gewissen "Chidher Grün" persönlich gekannt hatte.

Hauberrisser griff sich an den Kopf. Was da mit einemmal in sein Leben getreten war, sah sich an, als treibe eine unsichtbare Hand ein boshaftes Spiel mit ihm.

So interessant das Manuskript noch im selben Abschnitt zu werden versprach – er konnte die Geduld nicht mehr aufbringen weiterzulesen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Er hatte es satt, sich noch länger von albernen Zufällen narren zu lassen.

"Ich werde der Sache ein Ende machen!" – er rief nach der Haushälterin und beauftragte sie, einen Wagen zu holen – "Ich fahre ganz einfach in den Vexiersalon und lasse mir den Herrn Chidher Grün herausrufen", beschloß er. Gleich darauf sah er ein, daß sein Vorhaben nicht viel mehr als einen Schlag ins Wasser bedeutete, "denn", überlegte er, "was kann der alte Jude dafür, daß mich sein Name verfolgt wie ein Kobold?" – aber Frau Ohms hatte sich bereits auf den Weg gemacht.

Unruhig schritt er im Zimmer auf und ab.

"Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger", legte er sich zurecht; "was geht mich die Sache eigentlich an? Statt in Ruhe dahinzuleben – wie ein Spießbürger", ergänzte eine hämische Stimme in seiner Brust, und sofort verwarf er den angefangenen Gedanken. "Hat mir das Schicksal noch nicht genug Lehren gegeben", sagte er sich vorwurfsvoll, "daß das Dasein ein himmelschreiender Unsinn ist, wenn man es so lebt, wie die Menschheit es tut? Selbst wenn ich das Hirnverbrannteste begänne, das sich ausdenken läßt, – immer noch wäre es gescheiter, als zurückzufallen in den Trott des Althergebrachten, dessen letztes Ziel ein zweckloser Tod ist."

Der Ekel am Dasein meldete sich wieder leise in ihm, und er sah ein, daß ihm nichts mehr blieb, – wollte er sich von dem später oder früher unabwendbaren Selbstmord aus Überdruß retten, – als sich, eine Zeitlang wenigstens, widerstandslos treiben zu lassen, bis ihm das Geschick entweder über die Wende hinweg zu einem dauernd festen Standpunkt verhalf oder ihm mit ehernen Worten zurief: es gibt nichts Neues unter der Sonne, der Zweck des Lebens ist: zu sterben. –

Er nahm die Rolle, trug sie in sein Buchzimmer und sperrte sie in seinen Schreibtisch.

So argwöhnisch gegenüber der Möglichkeit sonderbarer Geschehnisse war er bereits geworden, daß er das Blatt, auf dem der Name Chidher Grün obenan stand, abtrennte und in seine Brieftasche steckte.

Es geschah nicht aus Aberglauben, sie könne verschwinden, sondern lediglich aus dem Wunsche, das Papier greifbar bei sich zu tragen und nicht auf Erinnerung allein angewiesen zu sein; – es war die instinktive Abwehrstellung eines Menschen, der die verwirrenden Einflüsse des Gedächtnisses vermeiden will und nicht gesonnen ist, auf die Wahrnehmungen durch die äußern Sinne zu verzichten, falls verblüffende Zufälle das gewohnte Bild des Alltags ins Schwanken bringen sollten.

"Der Wagen steht unten", meldete die Haushälterin, "und dies Telegramm ist soeben abgegeben worden."

"Bitte komm zuverlässig heute zum Tee.
Größere Gesellschaft, unter andern dein
Freund Ciechonski, leider auch die Ruk-
stinat, Fluch und Enterbung, wenn du
     mich im Stiche läßt.
         Pfeill."

las Hauberrisser und brummte ärgerlich vor sich hin. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sich der "polnische Graf" unverschämterweise auf ihn berufen hatte, um Pfeills Bekanntschaft zu machen.

Dann gab er dem Kutscher die Weisung, ihn in die Jodenbreestraat zu fahren.

"Ja, nur zu, mitten durch die Jodenbuurt"; sagte er lächelnd, als ihn der Mann mit bedenklicher Miene fragte, ob er direkt durch den "Jordaan" – womit er das Ghetto meinte – fahren oder Querstraßen benützen solle.


Bald waren sie mittendrin in diesem seltsamsten aller europäischen Stadtviertel.

Das ganze Leben der Bewohner spielte sich anscheinend auf der Gasse ab. – Da wurde im Freien gekocht, gebügelt und gewaschen. Ein Strick hing quer über die Straße, mit schmutzigen Strümpfen daran zum Trocknen und so niedrig, daß der Kutscher sich bücken mußte, um sie nicht mit dem Kopf herunterzureißen. – Uhrmacher saßen vor kleinen Tischen und glotzten, die Lupen in die Augen geklemmt, der Droschke nach wie erschreckte Tiefseefische; – Kinder wurden gesäugt oder über Kanalgitter gehalten.

Einen lahmen Greis hatte man mitsamt dem Bett, unter dem ein Nachtgeschirr stand, vor ein Haustor getragen, damit er die "frische Luft" genießen könne, und daneben an einer Straßenecke hielt ein schwammig aufgedunsener Jude, von oben bis unten beklettert von bunten Puppen wie Gulliver mit Zwergen, Spielzeug feil und rief dazu, ohne Atem zu schöpfen, mit einer Stimme, die klang, als trüge er eine silberne Kanüle im Kehlkopf: poppipoppipoppipoppipoppi.

"Kleerko, Kleerko, Kle–e–erkoooop", dröhnte eine Art Jesajas mit Talar und schneeweißen Ohrlocken, der sich den Handel mit alten Kleidern als Lebenszweck auserkoren hatte, dazwischen, schwenkte eine einbeinige Hose wie ein Siegesbanner über dem Haupte und winkte Hauberrisser zu, ihn mit seinem Besuch beehren zu wollen und ungeniert abzulegen.

Dann wieder tönte aus einer Quergasse ein vielstimmiger Chor in den merkwürdigsten Modulationen: "Nieuwe haring, niwe ha–a–a–ng; aardbeien – aare – bei – je! de mooie, de mooie, de mooie waar; augurkjes, gezond en goedkoop", – ein appetitanregender Gesang, dem der Kutscher mit andächtigem Gesicht – obwohl unfreiwillig – längere Zeit lauschen mußte, ehe er wieder im Schritt weiterfahren konnte, denn Berge von bestialisch stinkenden Fetzen versperrten den Weg und mußten erst weggeräumt werden, um die Straße frei zu machen. Scharen jüdischer Lumpensammler hatten sie aufgetürmt und schleppten emsig immer noch neue Haufen heran, wobei sie verschmähten, sich der üblichen Säcke zu bedienen, und die Bündel schmutziger Lappen der Einfachheit halber unter den halbaufgeknöpften Kaftans auf dem bloßen Leibe, eingeklemmt zwischen Rippen und Achseln, trugen.

Es war ein seltsamer Anblick, wie sie als unförmliche Ballen ankamen, vollgestopft mit Lumpen, um gleich darauf schlank und dünn in rattenhafter Eile wieder fortzuhuschen. – –

Endlich wurde die Straße breiter, und Hauberrisser sah den Glasvorbau des Vexiersalons in der Sonne glitzern.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich das Schiebefenster des Verschlages –- diesmal weit weniger geräuschvoll und verkaufslustig als gestern – herabließ, die Büste der Verkäuferin zu enthüllen.

"Womit kann ich dienen, Mynheer?" fragte die junge Dame auffallend kühl und sichtlich zerstreut.

"Ich möchte gerne Ihren Herrn Chef sprechen."

"Der Herr Professor ist leider gestern auf unbestimmte Zeit verreist." – Die Verkäuferin biß die Lippen schnippisch zusammen und funkelte Hauberrisser katzenhaft an.

"Ich meine nicht den Herrn Professor, Fräulein, seien Sie unbesorgt; – ich hätte nur gern den alten Herrn einen Augenblick gesprochen, den ich gestern drin hinterm Pult habe stehen sehen."

"Ach so den", – das Gesicht der jungen Dame hellte sich auf. – "Das ist ein Herr Pedersen aus Hamburg. Der in den Guckkasten g'schaut hat, net wahr?"

"Nein, ich meine den alten – Israeliten im Bureau. Ich dachte, ihm gehöre das Geschäft."

"Unser G'schäft? Unser G'schäft hat niemals keinem alten Juden nicht g'hört, mein Herr. – Wir sind eine ausgesprochen christliche Firma."

"Meinetwegen. Aber den alten Juden, der gestern drin hinterm Pult gestanden hat, möchte ich trotzdem sprechen. Tun Sie mir doch den Gefallen, Fräulein!"

"Mar' und Joseph", beteuerte die junge Dame und verfiel zum Zeichen, daß sie die Wahrheit spräche, in das treuherzigste Wienerisch, das ihr in der Geschwindigkeit zu Gebote stand, "meiner Seel' und Gott, in unser Bureau darf überhaupt kein Jud nicht, und niemals hat kein solcher nicht drin g'standen. Und gestern natürlich schon gar nicht."

Hauberrisser glaubte ihr kein Wort. Ärgerlich dachte er nach, was er tun könne, um sie umzustimmen.

"Also gut, Fräulein, lassen wir das jetzt, aber sagen Sie mir wenigstens: Wer ist dieser 'Chidher Grün', dessen Name draußen auf der Tafel steht?"

"Auf welcher Tafel, bitte?"

"Um Himmels willen! Fräulein! Draußen auf Ihrer Ladentafel!"

Die Verkäuferin riß die Augen auf. – "Auf unserer Tafel steht doch: Zitter Arpád!" stotterte sie gänzlich verblüfft.

Hauberrisser ergriff seinen Hut und eilte wütend hinaus, um sich zu überzeugen. – Im Spiegel des Türfensters sah er, daß die Verkäuferin sich mit staunender Gebärde auf die Stirn tupfte. – Als er dann auf die Gasse trat und zu dem Firmenschild emporblickte, las er – und das Herz stand ihm still dabei – tatsächlich unter der Bezeichnung Vexiersalon den Namen: Zitter Arpád.

Von "Chidher Grün" auch nicht ein Buchstabe.

Er war derartig verwirrt und fühlte sich so beschämt, daß er seinen Spazierstock im Laden im Stiche ließ und schnurstracks wegeilte, um so rasch wie möglich in eine andere Gegend zu kommen.


Wohl eine Stunde irrte er wie geistesabwesend durch alle möglichen Straßen, geriet in totenstille Gassen und enge Höfe, in denen plötzlich Kirchen, im heißen Sonnenbrand träumend, vor ihm auftauchten, – schritt durch finstere, kellerkühle Torwege und hörte seine Tritte darin hallen wie in klösterlichen Kreuzgängen.

Die Häuser ausgestorben, als hätte seit Jahrhunderten kein menschliches Wesen mehr darin gewohnt, – hier und da eine Angorakatze mitten unter den grellblühenden Topfblumen auf barocken Fenstersimsen verschlafen ins goldene Mittagslicht blinzelnd; nirgends ein Laut.

Hohe Ulmen mit regungslosen Zweigen und Blättern ragten aus winzigen grünen Gärtchen, umstaunt von einem Gedräng uralter Giebelbauten, die mit ihren schwarzen Fassaden und den hellen Holzgitterfenstern, sauber gewaschen wie Sonntagsstaat, greisen, freundlichen Mütterchen glichen.

Er ging durch niedrige Schwibbogen, deren Steinpfeiler blank geschliffen waren im Laufe der Zeit, in die Dämmerung gewundener Hohlwege hinein – Sackgassen, eingeengt von hohen Mauern mit schweren, glatten, festverschlossenen Eichentoren darin, die seit ihrem Bestehen wohl noch nie eine Hand geöffnet hatte. Moos wuchs zwischen den Ritzen des Pflasters, und rötlich marmorne Platten mit verwitterten Grabschriften, eingelassen in Wandnischen, erzählten von Friedhöfen, die einst hier gestanden haben mochten.

Dann wieder führte ihn ein schmaler Gehsteig an schmucklosen, weißbestaubten Häusern entlang, unter denen ein Bach hervorschoß. Drinnen brauste und dröhnte es geisterhaft wie Pochen von riesigen, steinernen Herzen.

Geruch nach Nässe in der Luft, und in halboffenen Holzröhren, rechtwinklig zusammengefügt auf glitschigen Geländerstangen, eilte ein klares Rinnsal in raschem Gefälle hinab in ein Labyrinth morscher, splittriger Plankenwände.

Gleich darauf eine krumme Reihe engbrüstiger, hoher Gebäude, den Tag verfinsternd, schief, wie dicht vor dem Einsturz, und eins das andere stützend, als schwanke der Boden.

Eine Strecke Wegs an Bäcker- und Käseladen vorbei, und moorbraun ruhte vor ihm der Spiegel einer breiten, stillen Gracht unter dem hellblauen Himmel.

Zwei Reihen von Häusern bildeten die Ufer, standen einander fremd gegenüber, – die einen klein und bescheiden wie demütige Handwerker, die andern hochragend, massig, graue Warenspeicher, selbstbewußt und abweisend. Keine Brücke, die sie verband; – nur aus einem Sparrenzaun, von dem Aalschnüre mit rotgrün geringelten Federposen in die Flut hinabhingen, wuchs ein Baum neugierig schräg hinüber und griff mit seinen Ästen in die Fenster der Reichen hinein.

Hauberrisser wanderte zurück der Richtung zu, aus der er gekommen war, und bald umfing ihn wieder ein Stück Mittelalter, als sei dieser Teil der Stadt Hunderte Jahre stehengeblieben in der Zeit.

Sonnenuhren über kostbaren, verschnörkelten Wappen in den Mauern, blinkende Spiegelscheiben, rote Ziegeldächer, – kleine Kapellen, in Schatten getaucht, – goldene Turmknäufe, emporschimmernd zu den weißen, pausbackigen Wolken.

Eine Gittertür vor einem Klosterhof stand offen. – Er ging hinein und sah eine Bank unter hängenden Weidenzweigen. Ringsum hohes, wucherndes Gras. Nirgends ein Mensch weit und breit, kein Gesicht hinter den Fenstern. Alles wie ausgestorben.

Um seine Gedanken zu sammeln, setzte er sich nieder.

Er fühlte keine Unruhe mehr, und die erste Aufregung, es könnte ein krankhafter Zustand gewesen sein, der ihn einen falschen Namen auf dem Ladenschild hatte lesen lassen, war längst verflogen.

Viel wunderbarer als das merkwürdige äußere Begebnis schien ihm mit einemmal die fremdartige Denkungsweise zu sein, in der er sich seit einiger Zeit bewegte.

"Woher kommt es nur", fragte er sich, "daß ich – verhältnismäßig doch noch ziemlich jung – dem Leben gegenüberstehe wie ein alter Mann? – So wie ich denkt man in meinen Jahren nicht." – Er bemühte sich vergebens, in seiner Erinnerung den Zeitpunkt aufzufinden, wo diese Wandlung mit ihm eingetreten sein mußte. – Wie wohl jeder junge Mensch, war er bis über Dreißig hinaus ein Sklave seiner Leidenschaften gewesen und hatte seinen Genüssen die Grenzen so weit gesteckt, wie eis ihm Gesundheit, Spannkraft und Reichtum nur irgend gestatteten. – Daß er als Kind besonders grüblerischer Natur gewesen wäre, war ihm auch nicht erinnerlich, – wo stak also die Wurzel, aus der dieses fremdartige, blütenlose Reis hervorsproßte, das er sein gegenwärtiges Ich nannte?

"Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum", – erinnerte er sich plötzlich, erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; – er holte das Blatt der Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:

"jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein belangloses Ereignis geweckt, fällt die Hülle, und eines Tages ragt ein Ast mit reifen Früchten in unser Dasein hinein, dessen Blühen wir nie bemerkt haben, und wir sehen, daß wir Gärtner eines geheimnisvollen Baumes waren, ohne es zu wissen. – – – Hätte ich mich doch nie verleiten lassen, zu glauben, daß irgendeine Macht außer mir selbst diesen Baum zu gestalten vermag, – wieviel Jammer wäre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger Herr über mein Schicksal und wußte es nicht! Ich dachte, weil ich es durch Taten nicht zu ändern vermochte, daß ich ihm wehrlos gegenüberstünde. – Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, daß: Herr über seine Gedanken zu sein, auch bedeuten müsse, der allmächtige Lenker seines Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. – Ich unterschätzte die magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der Menschheit, die Tat für einen Riesen zu halten und den Gedanken für ein Hirngespinst. – Nur wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kämpft. Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir endlich den Schlüssel begreifen. – – Wievielmal wollte ich andern helfen, indem ich es ihnen erklärte; sie hörten mir zu, nickten und glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder heraus. – Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als daß man sie sogleich zu erfassen vermöchte. – Oder muß der 'Baum' erst zum Himmel ragen, ehe die Einsicht kommen kann? – Ich fürchte, der Unterschied zwischen Mensch und Mensch ist manchmal größer als der Unterschied zwischen Mensch und Stein. – Mit einem feinen Spürsinn herauszufinden, was diesen Baum grünen macht und vor dem Verdorren schützt, ist der Zweck unseres Lebens. Alles übrige heißt: Dünger schaufeln und nicht wissen, wozu. Doch wie viele mag's ihrer heute wohl geben, die verstehen, was ich meine? – – Sie würden glauben, ich redete in Bildern, wenn ich's ihnen sagte. Die Doppeldeutigkeit der Sprache ist's, die uns trennt. – Wenn ich öffentlich etwas schriebe über inneres Wachstum, so würden sie ein 'Klügerwerden' darunter verstehen, oder ein 'Besetztwerden'; so, wie sie unter Philosophie eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen. – – Das Gebotehalten allein, selbst das ehrlichste, genügt nicht, um das innere Wachstum zu fördern, denn es ist nur die äußere Form. Oft ist das Gebotebrechen das wärmere Treibhaus. Aber wir halten die Gebote, wenn wir sie brechen sollten, und brechen sie, wenn wir sie halten sollten. Weil ein Heiliger nur gute Taten vollbringt, so wähnen sie, sie können durch gute Taten Heilige werden; so gehen sie den Pfad eines falschen Gottesglaubens entlang hinab in den Abgrund und glauben, sie wären Gerechte. – Eine irrige Demut blendet sie, so daß sie entsetzt zurücktaumeln, wie Kinder vor dem eigenen Spiegelbild, und fürchten, sie seien wahnsinnig geworden, wenn die Zeit kommt – und sein Gesicht blickt ihnen entgegen."

Eine Hoffnungsfreudigkeit, die Hauberrisser neu schien – so lange hatte sie in ihm geschlafen – war mit einemmal wieder aufgewacht und erfrischte ihn, obwohl er einen Augenblick nicht recht wußte – es auch gar nicht zu wissen begehrte – worüber er sich freuen und worauf er hoffen sollte.

Er fühlte sich plötzlich wie ein Glückskind und nicht mehr wie von boshaften Zufällen genarrt, daß ihm die sonderbare Geschichte mit dem Namen "Chidher Grün" passiert war.

"Froh muß ich sein", jauchzte irgend etwas in ihm auf, "daß das Edelwild aus den unbekannten Wäldern eines neuen Gedankenreichs den Zaun des Alltags durchbricht und in meinen Garten grasen kommt, – froh, und nicht bedenklich, bloß weil ein paar alte morsche Stakete darüber kaputtgehen."

Daß in den letzten Zeilen des Blattes auf das Gesicht Chidher Grüns angespielt wurde, erschien ihm sehr wahrscheinlich, und er brannte vor Ungeduld, mehr zu erfahren, – zumal ein paar Worte am Schluß der Seite erraten ließen, daß auf der nächsten ausführlich stehen werde, was man sich unter "magischer Herrschaft über die Gedanken" vorzustellen habe.

Am liebsten wäre er sogleich nach Hause geeilt, um bis in die Nacht hinein in der Rolle herumzulesen! – aber es mußte bald vier Uhr schlagen, und Pfeill wartete auf ihn. –

Ein Summen in der Luft, das dicht an sein Ohr drang, veranlaßte ihn, sich umzudrehen. Erstaunt stand er auf, als er nicht weit von seiner Bank einen Mann, grau gekleidet, eine Fechtmaske vor dem Gesicht und in der Hand eine lange Stange, stehen sah.

Einige Meter hoch über ihm schwebte in der Luft ein großes, sackartiges Gebilde, das langsam hin- und herschwankte, sich dann mit dem Zipfel an einen Zweig des Baumes heftete und dort baumelnd auf- und abbewegte.

Plötzlich fuhr der Mann mit dem Stock darnach, schien das merkwürdige Gebilde mit der Spitze oder einem kleinen Netz, das daran befestigt war, erwischt zu haben, klomm befriedigt an der Feuerleiter des Hauses empor, – die Stange geschultert und den ungeheuern Sack sozusagen auf dem Rücken, – und verschwand auf der Plattform des Daches.

"Es ist der Imker des Klosters", erklärte eine alte Frau, die hinter einem Ziehbrunnen hervorkam, Hauberrisser, als sie sein verdutztes Gesicht bemerkte; "der Bienenschwarm ist ihm davongeflogen, und er hat die Königin wieder eingefangen." –

Hauberrisser ging hinaus, kam nach ein paar Zickzackgassen auf einen freien Platz, nahm ein Automobil und ließ sich nach Hilversum zum Landhaus seines Freundes Pfeill fahren.


Die breite, schnurgerade Straße war belebt von Tausenden Radfahrern; er sauste dahin durch ein Meer von Köpfen und blitzenden Pedalen, – er achtete während der ganzen einstündigen Fahrt nicht darauf. Die Umgebung flog an ihm vorbei. Fest stand nur das Bild vor ihm, das er soeben gesehen hatte: der Mann mit der Maske und der Schwarm Bienen, die sich um ihre Königin drängten, als könnten sie nicht leben ohne sie.

Die stumme Natur, die auf seiner letzten Fahrt ins Freie von ihm Abschied genommen, – heute war sie mit einem neuen Gesicht zu ihm zurückgekehrt, und er fühlte, daß er Worte von ihrem Mund las.

Der Mann, der die Königin wieder eingefangen hatte und mit ihr den ganzen Schwarm, erschien ihm wie ein Gleichnis.

"Ist mein Körper etwas anderes als ein wimmelndes Heer lebendiger Zellen", sagte er sich, "die sich nach vererbter Gewohnheit von Jahrmillionen um einen verborgenen Kernpunkt drehen?"

Er ahnte einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem Vorgang, den er gesehen, und den Gesetzen der innern und äußern Natur und begriff, wie zauberhaft schimmernd die Welt vor ihm wiederauferstehen müßte, wenn es ihm gelingen sollte, auch die Dinge in einem neuen Licht zu betrachten, die der Alltag und die Gewohnheit ihrer Sprache beraubt hatten.


 << zurück weiter >>