Gustav Meyrink
Das grüne Gesicht
Gustav Meyrink

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Dreizehntes Kapitel

Dr. Sephardi hatte Baron Pfeill und Swammerdam gebeten, in seine Wohnung zu kommen.

Über eine Stunde saßen sie im Bibliothekszimmer beisammen.

Es war bereits tiefe Nacht geworden, – sie sprachen über Mystik und Philosophie, über Kabbala, über den seltsamen Lazarus Eidotter, der schon vor längerer Zeit aus der ärztlichen Beobachtungszelle entlassen worden war und sein Spirituosengeschäft weiterführte, – aber immer wieder kehrte das Thema auf Hauberrisser zurück.

Morgen sollte Eva begraben werden.

"Es ist schrecklich! Der arme, arme Mensch!" rief Pfeill, erhob sich und ging unruhig auf und ab; – "mir wird heiß und kalt, wenn ich mich in seine Lage hineindenke." – Er blieb stehen und blicke Sephardi an: "Sollten wir nicht doch noch zu ihm gehen und ihm Gesellschaft leisten? Was meinen Sie, Swammerdam? – Halten Sie es wirklich für vollkommen ausgeschlossen, daß er aus der unbegreiflichen Ruhe, in die er versunken ist, wieder aufwacht? Wenn er plötzlich zu sich kommt in seinem Schmerz und seiner Verlassenheit – – – –"

Swammerdam schüttelte den Kopf: – "Seien Sie ohne Sorge! – Die Verzweiflung kann nicht mehr an ihn heran; Eidotter würde sagen: die Lichter in ihm sind umgestellt."

"Ihr Glaube hat etwas Furchtbares", murmelte Sephardi, "wenn ich Sie so reden höre, packt es mich jedesmal wie – wie Angst!" – er zögerte eine Weile, unsicher, ob er nicht eine Wunde berühre, – "Damals, als Ihr Freund Klinkherbogk ermordet wurde, waren wir alle in großer Sorge um Sie. Wir meinten, Sie würden darüber zusammenbrechen. Eva legte mir noch besonders ans Herz, ich sollte Sie aufsuchen und zu beruhigen trachten.

Woher schöpften Sie nur die Kraft, das entsetzliche Begebnis, das Ihren Glauben doch in seinen Grundfesten erschüttern mußte, so mutig zu tragen?"

Swammerdam unterbrach ihn. – "Erinnern Sie sich noch der Worte Klinkherbogks vor seinem Tode?"

"Ja. Satz für Satz. Später wurde auch mir die Bedeutung klar. Es kann kein Zweifel bestehen, daß er sein Ende genau vorausgesehen hat, noch ehe der Neger ins Zimmer trat. Allein schon der Ausspruch: 'der König aus Mohrenland würde ihm die Myrrhen eines andern Lebens bringen' – beweist es."

"Und daß seine Prophezeiung in Erfüllung ging, – sehen Sie, Herr Doktor, gerade das hat meinen Schmerz geheilt. Zuerst war ich freilich wie zerschmettert, dann aber, als ich die Größe des Geschehnisses erfaßte, fragte ich mich: Was ist wertvoller, daß ein im Zustand geistiger Entrückung ausgesprochenes Wort zur Wahrheit wird, oder: daß ein krankes, schwindsüchtiges Mädchen und ein alter hinfälliger Schuhmacher noch eine Weile am Leben bleiben? Wäre es besser gewesen, die Zungen des Geistes hätten gelogen?

Seitdem ist mir die Erinnerung an jene Nacht zu einer Quelle ungetrübter, reinster Freude geworden.

Daß die beiden sterben mußten? Was liegt daran! Glauben Sie mir: jetzt ist ihnen wohler."

"Sie sind also fest überzeugt, daß es ein Leben nach dem Tode gibt?" fragte Pfeill. – – "Allerdings, ich glaube ja selbst daran" – setzte er leise hinzu.

"Gewiß bin ich davon überzeugt. Natürlich ist das Paradies kein Ort, sondern ein Zustand; das Leben auf Erden ist doch auch nur ein Zustand."

"Und – sehnen Sie sich danach?"

"N–nein." Swammerdam zögerte, als rede er ungern über dieses Thema.

Der alte Diener mit der maulbeerfarbenen Livree meldete, der gnädige Herr werde ans Telefon gebeten. – Sephardi stand auf und verließ das Zimmer.

Sofort fuhr Swammerdam in seiner Rede fort – Pfeill begriff, daß sie nicht für die Ohren Sephardis bestimmt war:

"Die Frage mit dem Paradies ist ein zweischneidiges Schwert. Man kann damit so manchen unheilbar verwunden, wenn man ihm sagt, daß drüben nur Bilder sind."

"Bilder? Wie meinen Sie das?"

"Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklären. Meine Frau – Sie wissen, sie ist vor vielen Jahren gestorben – hat mich unendlich liebgehabt – und ich sie; – jetzt ist sie 'drüben' und träumt, ich sei bei ihr.

Daß ich nicht wirklich bei ihr bin, sondern nur mein Bild, weiß sie nicht; wenn sie's wüßte, wäre ihr das Paradies eine Hölle.

Jeder Sterbende, der hinübergeht, findet drüben die Bilder derer vor, nach denen er sich gesehnt hat, und hält sie für Wirklichkeit – auch die Bilder der Dinge, an denen sein Herz gehangen hat", – er deutete auf die Bücherreihen in der Bibliothek. – "Meine Frau hat an die Muttergottes geglaubt, – jetzt träumt sie 'drüben' in ihren Armen. –

Die Aufklärer, die die Menge von der Religion losreißen wollen, wissen nicht, was sie tun. Die Wahrheit ist nur für wenige Auserlesene und sollte für die große Masse geheim bleiben; wer sie nur halb erkannt hat, wenn er stirbt, der geht in ein farbloses Paradies ein.

Klinkherbogks Sehnsucht auf Erden war: Gott zu schauen; jetzt ist er drüben und schaut – 'Gott'.

Er war ein Mensch ohne Wissen und Bildung, dennoch kamen aus seinem Munde Worte der Wahrheit, erzeugt durch das Verzehrtsein im Durste nach Gott, – nur hat ihm ein barmherziges Schicksal ihren innern Sinn nie enthüllt.

Lange habe ich nicht verstanden, warum das so war; heute weiß ich den Grund: er hätte die Wahrheit nur zur Hälfte begriffen, und sein Wunsch, Gott zu schauen, hätte nicht in Erfüllung gehen können – weder in den Träumen des Jenseits noch in Wirklichkeit." – Schnell brach er seine Rede ab, als er Sephardi wieder hereinkommen hörte.

Pfeill erriet instinktiv, weshalb er es tat: Er wußte offenbar um die Liebe Sephardis zu der toten Eva – wußte auch, daß Sephardi trotz seines Gelehrtentums tief innerlich religiös und fromm war, – und wollte ihm das "Paradies" und den künftigen Wahn des Jenseits, mit Eva vereint zu sein, nicht zerstören.

Swammerdam fuhr fort:

"Ich sagte vorhin: die Erkenntnis, daß das Wahrwerden der Prophezeiung Klinkherbogks seinen gräßlichen Tod weit in den Schatten stellte, habe meinen Gram in Freude verwandelt. Es gibt auch ein solches 'Umstellen der Lichter' – es ist ein Verwandeln aus Bitter in Süß, wie es allein die Kraft der Wahrheit zustande bringen kann."

"Trotzdem bleibt es mir ein unlösbares Rätsel", mischte sich Sephardi wieder ins Gespräch, "was Ihnen die Kraft gibt, durch bloße Erkenntnis Herr über den Schmerz zu werden. Ich kann ja auch mit philosophischem Denken gegen das Leid, daß Eva gestorben ist, anzukämpfen versuchen, dennoch ist mir, als könnte ich nie mehr froh werden."

Swammerdam nickte sinnend. – "Freilich, freilich. Es kommt daher, – weil Ihre Erkenntnisse aus dem Denken entstehen und nicht aus dem 'Innern Wort'. Den eignen Erkenntnissen mißtrauen wir heimlich, ohne es zu wissen, deshalb sind sie grau und tot, – die Eingebungen durch das Innere Wort dagegen sind lebendige Geschenke der Wahrheit, die uns unsäglich erfreuen – immer wieder, sooft wir uns an sie erinnern.

Seit ich den 'Weg' gehe, hat das Innere Wort nur wenigemal zu mir gesprochen; – aber es hat dadurch mein ganzes Dasein erhellt."

"Und ist immer alles eingetroffen, was es Ihnen gesagt hat", fragte Sephardi mit unterdrücktem Zweifel in der Stimme, – "oder waren es überhaupt keine Prophezeiungen?"

"Ja. Drei Prophezeiungen waren darunter, die die ferne Zukunft betrafen. Die erste hieß: durch mein Dazutun würde einem jungen Menschenpaar ein geistiger Weg erschlossen werden, der seit Jahrtausenden auf Erden verschüttet lag und in der neuen Zeit, die bevorsteht, vielen Menschen offenbar werden wird. – Es ist der Weg, der dem Leben erst wahren Wert verleiht und dem Dasein einen Sinn gibt. Diese Verheißung ist der Inhalt meines Lebens geworden.

Über die zweite möchte ich nicht reden, – Sie müßten glauben, ich sei wahnsinnig, wenn ich sie Ihnen sagte, und – – –"

Pfeill horchte auf: "Betrifft sie Eva?"

Swammerdam gab keine Antwort darauf und lächelte – "und die dritte scheint belanglos – obwohl das nicht sein kann – und würde Sie nicht interessieren."

"Haben Sie Anzeichen, daß wenigstens eine der drei Voraussagen eintreffen wird?" fragte Sephardi.

"Ja. Das Gefühl unabwendbarer Gewißheit. Es ist mir gleichgültig, ob ich ihre Erfüllung jemals sehen werde; es genügt mir zu wissen, daß ich nicht imstande bin, daran zu zweifeln.

Sie können eben nicht begreifen, was es heißt: die Nähe der Wahrheit zu spüren, die niemals irren kann. – Das sind Dinge, die man an sich selbst erleben muß.

Ich habe niemals eine sogenannte 'überirdische' Erscheinung gehabt – nur einmal im Schlaf: das Bild meiner Frau, als ich einen grünen Käfer suchte. – Ich habe niemals begehrt, 'Gott zu schauen', niemals ist ein Engel zu mir gekommen, wie zu Klinkherbogk – ich bin nie dem Propheten Elias begegnet wie Lazarus Eidotter, – aber tausendfach hat mir alles das die Lebendigkeit des Bibelwortes ersetzt: 'Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!' – Es ist an mir zur Wahrheit geworden.

Ich habe geglaubt, wo nichts zu glauben war, und habe gelernt, Dinge für möglich zu halten, die unmöglich sind.

Manchmal fühle ich: es steht einer neben mir, riesengroß und allmächtig, – oder ich weiß: er hält seine Hand über den oder jenen; ich sehe und höre ihn nicht, aber ich weiß: Er ist da.

Ich hoffe nicht, daß ich ihn jemals sehen werde – aber ich hoffe auf ihn.

Ich weiß, daß eine furchtbare, erschütternde Zeit kommt, der ein Sturm vorangehen wird, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, – es ist mir gleichgültig, ob ich diese Zeit erleben werde, aber ich bin froh, daß sie kommt!" – Ein Frösteln überlief Pfeill und Sephardi bei den Worten, die Swammerdam kalt und gelassen aussprach. – "Sie haben mich heute morgen gefragt, wo ich glaubte, daß Eva so lange verborgen gewesen sein konnte, – woher hätte ich es wissen sollen? – Gewußt habe ich, daß sie kommen wird: Und sie ist gekommen!

So genau, wie ich weiß, daß ich hier stehe, so genau weiß ich auch, daß sie nicht – tot – ist! Er hält die Hand über sie."

"Aber sie ist doch in der Kirche aufgebahrt! – Sie wird doch morgen begraben!" riefen Sephardi und Pfeill entsetzt durcheinander.

"Und wenn man sie tausendmal begrübe – und wenn ich ihren Totenschädel in der Hand hielte: Ich weiß, daß sie nicht gestorben ist."


"Er ist ein Wahnsinniger", sagte Pfeill zu Sephardi, als Swammerdam gegangen war.


Die farbigen hohen Bogenfenster der Nikolaskerk schimmerten matt erhellt, als schimmere im Innern der Kirche ein Licht, in den nächtlichen Nebel hinein.

Mit dem Rücken an die Mauer des Gartens gepreßt und im Schatten verborgen, wartete der Neger Usibepu regungslos, bis der Schutzmann, der seit den Unglücksfällen am Zee Dyk die verrufenen Gassen des Hafenviertels zu bewachen hatte, mit schwerem, müdem Schritt an ihm vorbeigekommen war, dann kletterte er über das Gitter, schwang sich von einem Baum aus auf den kapellenartigen Vorbau der Sakristei, öffnete vorsichtig die runde, gläserne Dachluke und ließ sich leise wie eine Katze zu Boden fallen.

Inmitten des Kirchenschiffs auf silbernem Katafalk aufgebahrt lag Eva in einem Hügel von weißen Rosen, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen geschlossen, mit starrem, lächelndem Gesicht.

Ihr zu Häupten und an den Seiten des Sarges hielten armdicke, rot und goldene mannshohe Kerzen mit unbeweglichen Flammen die Totenwacht.

In einer Wandnische hing das Bild einer schwarzen Muttergottes mit dem Kind auf dem Arm und davor, von der Decke herab an glitzerndem Draht, das rubingläserne Herz eines ewigen Lichts als blutiger Funken.

Bleiche wächserne Hände und Füße hinter gebauschten Gittern – Krücken daneben mit Zetteln: "Maria hat geholfen" – holzgeschnitzte, bemalte Statuen von Päpsten, weiße Tiaren auf den Häuptern, die Hand zum Gelöbnis erhoben, auf steinernen Postamenten – kannelierte, ragende Marmorsäulen, – – – geräuschlos huschte der Neger von einem Pfeilerschatten zum andern, erstaunt die ihm fremden, seltsamen Dinge betrachtend, – nickte, als er die Wachsglieder erblickte, grimmig vor sich hin, im Glauben, sie stammten von erschlagenen Feinden, spähte durch die Ritzen der Beichtstühle und betastete mißtrauisch die großen Figuren der Heiligen, ob sie nicht lebendig seien.

Als er sich überzeugt hatte, daß er allein war, schlich er auf den Zehenspitzen zu der Toten und blieb lange und traurig vor ihr stehen.

Er war betäubt von ihrer Schönheit, berührte scheu ihr blondes, weiches Haar und zuckte wieder zurück, als fürchte er, sie im Schlaf zu stören.

Warum hatte sie sich so vor ihm entsetzt – damals in jener Sommernacht am Zee Dyk?

Er konnte es nicht begreifen.

Noch jedes Weib, nach dem er begehrt, – Kaffernmädchen und Weiße – waren stolz gewesen, ihm gehören zu dürfen.

Sogar Antje, die Kellnerin in der Hafenschenke; und die war doch auch eine Weiße und hatte gelbes Haar!

Bei keiner hatte er den Vidûzauber anwenden müssen: – alle waren sie von selbst gekommen und ihm um den Hals gefallen! – Nur sie nicht! Nur sie nicht!

Und wie gerne würde er um ihren Besitz das ganze viele Geld gegeben haben, dessentwegen er den alten Mann mit der Papierkrone erwürgt hatte!

Nacht für Nacht seit seiner Flucht vor den Matrosen war er vergebens durch die Straßen gewandert, um sie zu finden: keine von den zahllosen Frauen, die in der Dunkelheit nach Männern suchen gingen, hatte ihm sagen können, wo sie sei.

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen.

Wie ein wirrer Traum rauschten Erinnerungen an ihm vorbei: die glutheißen Steppen seiner Heimat – der englische Händler, der ihn nach Kapstadt gelockt und versprochen hatte, ihn zum König von Zululand zu machen – das schwimmende Haus, das ihn nach Amsterdam gebracht – die Zirkustruppe verächtlicher, nubischer Sklaven, mit denen er jeden Abend Kriegstänze aufführen mußte für Geld, das man ihm immer wieder wegnahm, – die steinerne Stadt, in der sein Herz vor Heimweh verdorrte; – niemand, der seine Sprache verstand.

Er strich zärtlich mit der Hand über den Arm der Toten, und der Ausdruck grenzenloser Verlassenheit trat in sein Gesicht: sie wußte nicht, daß er ihretwegen seinen Gott verloren hatte! Damit sie zu ihm käme, hatte er den furchtbaren Souqiant, die Abgottschlange mit dem Menschengesicht, gerufen, und dadurch die Macht, über die glühenden Steine zu schreiten, aufs Spiel gesetzt und – eingebüßt.

Aus dem Zirkus davongejagt und ohne Geld hätte er zurück nach Afrika geschickt werden sollen – als Bettler statt als König, – er war vom Schiff ins Wasser gesprungen und ans Land geschwommen – hatte sich tagsüber in Obstkähnen verborgen gehalten und nachts den Zee Dyk durchstreift, um sie zu suchen, die er sehnsüchtiger liebte als seine Steppe, seine schwarzen Frauen, als die Sonne am Himmel, – als alles.

Ein einziges Mal noch seitdem war ihm der zornige Schlangengott erschienen – im Schlaf und mit dem grausamen Befehl, Eva in das Haus eines Nebenbuhlers zu rufen. Als die Tote, hier in der Kirche, durfte er sie erst wiedersehen.

In tiefem Gram ließ er seine Blicke durch den düstern Raum schweifen: Ein Gekreuzigter mit Dornenkrone und eisernen Nägeln durch die Hände und Füße? – eine Taube mit grünen Zweigen im Schnabel – ein alter Mann, in der Hand eine große goldene Kugel – ein Jüngling von Pfeilen durchbohrt? – Lauter fremde weiße Götter, deren geheime Namen er nicht kannte, um sie zu rufen. – – Und dennoch mußten sie zaubern und die Tote wieder lebendig machen können! – Von wem sonst hätte Mister Zitter Arpád die Macht bekommen, sich Dolche durch die Gurgel zu stoßen, Hühnereier zu verschlucken und wieder erscheinen zu lassen?!

Eine letzte Hoffnung durchzuckte ihn, als er die Madonna in der Nische erspähte; sie mußte eine Göttin sein, denn sie trug ein goldenes Diadem auf dem Kopf; sie war eine Schwarze, vielleicht verstand sie seine Sprache?

Er hockte sich vor dem Bild nieder, hielt den Atem an, bis er den Jammerschrei der geopferten Feinde, die am Tor des Jenseits als Sklaven auf sein Kommen warten mußten, im Ohr hörte, – verschluckte röchelnd seine Zunge, um in das Reich hinüberzugehen, in dem der Mensch mit den Unsichtbaren reden kann –: Nichts.

Tiefe, tiefe Finsternis statt des fahlen Scheins, den er zu sehen gewohnt war; er konnte den Weg zu der fremden Göttin nicht finden.

Langsam und traurig ging er zu der Bahre zurück, kauerte sich am Fußende des Katafalks zusammen und stimmte den Grabgesang der Zulus an – eine wilde, grausige Liturgie: bald in barbarischen, stöhnenden Kehllauten, bald als Antwort darauf ein atemloses Gemurmel wie das Trappeln flüchtiger Antilopen – geller Habichtsschrei dazwischen – heiseres, verzweifeltes Aufbrüllen und weiche, melancholische Klagerufe, die wie in fernen Wäldern erstickten, schluchzend wieder aufwachten und ausklangen in das dumpfe, langgezogene Geheul eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat. –


Dann stand er auf, griff in seine Brust, holte eine kleine weiße Kette, aneinandergereiht aus den Halswirbeln erdrosselter Königsfrauen, hervor: das Zeichen seiner Würde als Oberhaupt der Zulus – ein heiliger Fetisch, der jedem, der ihn ins Grab mitnimmt, die Unsterblichkeit verleiht, – – und wand sie, als gräßlichen Rosenkranz, um die betend gefalteten Hände der Toten.

Es war sein Teuerstes gewesen, das er auf Erden besessen.

Was sollte ihm noch die Unsterblichkeit; er war heimatlos – hier wie drüben: Eva konnte nicht in den Himmel der schwarzen Menschen kommen und er nicht in das Paradies der Weißen!


Ein leises Geräusch schreckte ihn auf.

Er lauerte wie ein Raubtier auf dem Sprung.

Nichts.

Da fiel sein Blick auf die Kerze am Kopfende des Katafalks, und er sah, daß die Flamme sich zitternd bewegte und dann schräg zur Seite bog, wie von einem Luftstrom getroffen:

Irgend jemand mußte die Kirche betreten haben!

Mit einem Satz war er hinter die Säule – starrte zur Sakristei hinüber, ob sich die Türe öffnen würde:

Niemand.

Als er den Kopf wieder zu der Leiche wandte, ragte dort anstelle der flackernden Kerze ein hoher, steinerner Thron empor. Darauf saß, schmal, von übermenschlicher Größe, die Federkrone des Totenrichters auf dem Haupt, unbeweglich, nackt, nur um die Lenden ein rotblaues Tuch und in den Händen Krummstab und Geißel: ein ägyptischer Gott.

Um den Hals hing ihm an einer Kette eine goldene Tafel. Ihm gegenüber zu Füßen des Sarges standen: ein brauner Mann mit dem Kopf eines Ibis, in der Rechten das grüne Ankh – das gehenkelte Kreuz der Ägypter, das Sinnbild des ewigen Lebens – und zu beiden Seiten der Bahre, mit Sperberkopf und Schakalkopf –- noch zwei Gestalten.

Der Zulu erriet, daß sie gekommen waren, um Gericht über die Verstorbene zu halten.

Die Göttin der Wahrheit, mit enganliegendem Gewand und Geierhaube, kam durch den Mittelgang heran, schritt zu der Toten, die sich starr aufrichtete, – nahm ihr das Herz aus der Brust und legte es auf eine Waage.

Der Mann mit dem Schakalkopf trat hinzu und warf eine kleine bronzene Statuette in die Schale.

Der Sperber prüfte das Gewicht.

Die Schale mit dem Herzen Evas sank tief herab.

Der Mann mit dem Ibiskopf schrieb es schweigend mit einem Schilfrohr in eine wächserne Tafel.

Dann sagte der Totenrichter:

"Sie wurde für fromm befunden auf Erden und hatte Sorge vor dem Herrn der Götter, darum hat sie erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung.

Sie erwacht als ein lebender Gott und strahlt im Chor der Götter, die im Himmel wohnen, denn sie ist von unserm Stamm.

So steht es geschrieben im Buch von der verborgenen Wohnung."

Er versank im Boden.

Eva, die Augen geschlossen, stieg von der Bahre herab.

Die beiden Götter nahmen sie in die Mitte, schritten – der Mann mit dem Sperberkopf voran – stumm durch die Mauern der Kirche und verschwanden.

Dann verwandelten sich die Kerzen in braune Gestalten mit lohenden Flammen über den Häuptern und hoben den Deckel auf den leeren Sarg. – – –

Ein Knirschen lief durch den Raum, wie sich die Schrauben durch das Holz bohrten.


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