Johannes Richard zur Megede
Das Prinzessinlächeln
Johannes Richard zur Megede

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Neuntes Kapitel

Der Afrikaner war noch eine halbe Stunde in dem Bogengange draußen auf und ab gegangen – Also morgen auf der Saline. Der tödliche Stich für den andern, der Schuß in den Mund für ihn selbst.

Die schwere Spannung der letzten Woche schien von ihm gewichen, er war ganz klar, ganz ruhig, wie er das jetzt überdachte. Während der Springbrunnen in den Anlagen drüben den dünnen, frostig zitternden Wasserstrahl in die windige Regenluft emporschickte, die triefenden Bosketts von dem blauen Bogenlicht kalt überhaucht, und während hüben die Tanzmusik verschwommen durch den summenden Menschenlaut klang, die Töne bald feurig aufschwellend, bald weich verrinnend, sah der einsame Mensch in dem öden Bogengange die letzten Wochen fast nüchtern scharf vor seinem Geiste: das Weltbad – die Begegnung mit 389 ihr – die alte Liebe und der junge Haß. All die scheinbar winzigen Stufen, das wunderliche Zickzack einer schier endlosen Wendeltreppe – bis er heute endlich wie mit einem Schlag auf der kalten Höhe des unentrinnbaren Entschlusses stand. Er sah auch nicht mehr rechts und links, er sah nur den schmalen, seltsam verschlungenen Pfad und an seinem Ende die geliebte, unglückliche Frau. Und über dem blonden, armen Haupte den drohend gehobenen Finger des Schicksals: morgen! – Das Schicksal rief, er folgte. An seinem eignen, verpfuschten Leben lag nichts mehr. Und wie er an diese schreckliche That dachte, die niemand begreifen konnte, deuchte ihm, als sei das alles bestimmt schon von Anbeginn und mußte so sein. Jemand mußte sterben, damit ein andrer leben konnte. Der eigne Tod schien ihm daneben ganz nebensächlich. – »Laß mich . . . Ich bin wirklich krank« – und das ersterbende Lächeln, der hilflos suchende Blick. Ja, es gab noch einen Befreier! Wie gefangene Wandervögel im Herbst und Frühling im dunklen Trieb verzweifelt gegen die gefühllosen Gitterstäbe ihres Käfigs flattern – arme Thoren, denn das Gefängnis öffnet sich ja doch nicht – so sah er das holde Geschöpf trostlos sich abmühen an den schweren Fesseln einer verfehlten Ehe. Nur ein Gott konnte helfen und befreien! Wenn niemand dieses stumme Flehen verstand – er verstand, war bereit. Und er fühlte sich emporwachsen aus dem kleinen Kreise dieses Lebens, der Kindermoral, dem Thorenglauben, zum kalten Vollstrecker des Geschicks. Was da drüben passierte, war ihm gleichgültig. Er war Schritt für Schritt an jener äußersten Grenze des Denkens angekommen, wo nichts mehr gut und nichts mehr schlecht, wo alles nur seinem Zwecke dient. Und in dieser Erkenntnis glaubte er wirklich einer alten Liebe zu folgen, während er nur einem jungen Hasse folgte. Was gestern noch düster, 390 unrein geschienen, war ihm heute hell, sonnenklar. Ihm galt nur noch die That . . . Er überlegte alles peinlich genau. Noch heute nacht jedes Merkzeichen vernichten, was ihn vielleicht verraten konnte, morgen mit dem frühesten seine Koffer wegschicken, weit weg, wo sie lagern mochten bis zur Versteigerung in der öffentlichen Auktion. Und der Schuß in den Mund mußte ihn unkenntlich machen, auch für sie, wenn die Brutalität des Gesetzes sie vielleicht mit seinem entstellten Leichnam konfrontieren sollte. Er vergaß nicht einen Punkt. Er mußte seinen Paß vernichten, seinen Namen aus der Wäsche schneiden, den Firmenstempel aus dem Hut. Es sollte ein unlösbares Rätsel bleiben, ein Verkennen der Personen, ein verhängnisvoller Irrtum, den Wahnsinn oder englischer Spleen hier beging. Wie gut, daß er unter falschem Namen in seinem Hotel abgestiegen war!

Während er mit der schrecklichen Nüchternheit eines Raubmörders jede Möglichkeit berechnete, war er, ohne es selbst zu wissen, aus dem Wandelgang herausgegangen, den Fluß entlang. Jetzt stand er mitten auf der Holzbrücke, die über die Saale zum Aktienbad führte. Das hochgeschwollene lehmige Wasser trieb in dumpfem Rauschen dahin. Die Fenster des Ballsaales spiegelten sich hier matt auf der heimtückisch wirbelnden Flut. Die Ballmusik mischte sich mit dem Gurgeln des Flusses. Und hier aus dem kalten, modrigen Wasserdunst sah er zum letzten Mal die weiße Lichtgestalt seiner Träume auftauchen – das müde, ersterbende Lächeln auf den weichen, roten Lippen. Und als wäre die geliebte Frau leibhaftig bei ihm und spräche zu ihm, beugte er sich tief hinab über das Geländer, sagte er: »Nicht wahr, du verstehst mich, Mia? – Du gewiß! . . . Du hast mich ja auch mal geliebt. Und das war so gut von dir. Ich gehe, du bleibst – Sei glücklich, Mia, sei glücklich . . .« 391 Er zog das Amulett aus der Tasche, das goldene Riechbüchschen, und küßte es. Dann warf er's in die Flut. »Da lieg! Es soll dich niemand mehr besitzen . . .«

Er ging zurück in sein Hotel.

Nachdem er hier für alles gesorgt, schlief er noch ein paar Stunden einen schweren, traumlosen Schlaf.

Am frühen Morgen ging er nach der Bahn, nahm ein Billet nach Berlin und gab sein Gepäck auf. Als er darauf durch die Anlagen nach der Stadt zurückkehrte, zerpflückte er das Billet und den Gepäckschein und streute die Fetzen in das feuchte Gras. Er hatte noch viel Zeit. Denn während er dem Portier im Vorraum die Rechnung beglich, hatte der Oberkellner ein Solbad für Stechelbergs auf der Saline zu elf Uhr bestellt. Und das konnte nur für den Grafen sein. Drei Stunden saß er dann in einer kleinen, trübseligen Kneipe ganz allein, ein Glas Portwein vor sich, das er nicht berührte. Er rauchte Cigarette auf Cigarette. Gegen halb elf Uhr ging er von dort weg, nachdem er noch im letzten Augenblick den Wein ausgetrunken hatte. Er schlenderte langsam nach der Salinenpromenade – er trug das entblößte Stilett und den ungesicherten Revolver handgerecht in der Tasche bei sich. Selbst die goldene Uhr, ein Erbstück von seinem Vater, mit Monogramm und Krone, hatte er in seinem Gepäck fortgeschickt; im Portemonnaie waren nur ein paar englische Goldstücke. Er hatte sich vorgenommen, vor dem Salinenbade unauffällig auf und ab zu gehen, bis der Graf herauskam. Dann wollte er ihn um Feuer bitten, und während die höflich erstaunte Hand nach einem Streichholz suchte, mußte der Stoß geführt werden. War der Graf nicht allein, so wollte er sich vorstellen und um eine Unterredung unter vier Augen bitten . . . Es wurde und 392 mußte so oder so gehen. Und er sah die ganze schreckliche Scene deutlich vor sich, ohne schwächliches Grauen und dumpfen Gewissensbiß. Es war ihm nur eine düstere Freude, daß er ehrlos war.

Es regnete nicht mehr. Ein feuchtkalter Wind trieb niedrige, widerwillige Wolken. Die Straßen waren ziemlich menschenleer, nur auf der Salinenpromenade gingen einige Kurgäste unentschlossen von Schaufenster zu Schaufenster. Aus dem Pistolenstand drang der dünne Flobertknall. Der Afrikaner mußte lächeln – dies Schießen nach Herzen kam ihm albern vor. Dennoch trat er auf einen Augenblick hinein. Er wollte die Pistolenhand noch einmal auf ihre Festigkeit prüfen – der Legationsrat war da, diesmal mit der barmherzigen Schwester. Der zielte gerade lange und ruhig, die Kugel schlug in den Ring am schwarzen Zentrum. Der Afrikaner grüßte höflich. Er ließ für sich die rote Herzscheibe anheften. Die alte Frau lud, die junge Tochter lächelte. Er schoß dreimal, und dreimal saß der Schuß mitten im roten Herzen.

Der Legationsrat sah zu und sagte dann: »Famos! Nur die tägliche Uebung macht's doch. In der preußischen Armee wird meiner Ansicht nach von den Offizieren zu viel Gewehr oder Karabiner geschossen. Pistole oder Revolver wären wichtiger. Es ist doch unsre eigentliche Kriegswaffe. Meinen Sie nicht auch?«

»Ich weiß nicht. Ich war nie Soldat. ich bin überhaupt nicht geborener Deutscher.«

Die barmherzige Schwester sah ihn zwar etwas verwundert an, fragte aber doch freundlich: »Geht's Ihnen eigentlich jetzt besser, Mister Frederick?«

»Ich glaube, ja.«

Er ging. Die alte Frau sagte hinter ihm her: »Der ist immer so kurz angebunden. Er war einige 393 Tage nicht hier. Der Rakoczy wird sich wohl gemeldet haben . . . Ja, ja, der Rakoczy!«

Als der Afrikaner hundert Schritt weiter gegangen war, sah er sich in instinktivem Argwohn um. Die beiden aus der Schießhalle folgten ihm wirklich. »Was will der Mensch eigentlich von mir? . . . Ahnt der etwa . . .?« Und er bog über eine grüne Wiese nach dem Halteplatz der Salinendampfer ein. Die lächerlich kleine, rußige Nußschale lag abfahrtbereit auf dem lehmigen Fluß, und das Wimpel wehte lustig. Darinnen im Kajütenraum saßen nur drei Menschen. Ein kleiner alter Herr mit sehr lebhaftem Mienenspiel, der gerade einen Vortrag über den Johanniterorden hielt – die nächste Kommende in Köln, das Kapitel in Sonnenburg. Er sprach eifrig, und das ganze Sinnen und Denken des kleinen Mannes schien in Ordensgefühlen aufzugehen. Er beschrieb auch eindringlich die neue geschmackvolle Uniform und versuchte am eignen Leibe ihre Vorzüge klarzumachen. Der Afrikaner hörte kaum hin. Ihn begann wieder zu frösteln in der faden, abgestandenen Luft. Der winzige Dampfschlot fauchte, die Binsen und Büsche, die den schmalen Fluß hüben und drüben säumten, strichen raschelnd an den Kajütenfenstern vorüber. Das Schiffchen hatte es wohl eilig in dem schmutzigen, gurgelnden Wasser.

Die Uhr im Badhause zeigte einige Minuten vor elf. Der Afrikaner, der dem Grafen nicht unnötig zu begegnen wünschte, ging an dem großen, weißen, nüchternen Gebäude vorüber zu den grünen Anlagen, die die Rückfront mit üppigem Grün umgaben. Dort lag auch die alte Saline, eine merkwürdige, himmelhohe Holzbaracke, von einfachen Galerien eingefaßt. Auf den schlüpfrigen Planken gingen Stärkungsbedürftige langsam auf und ab, die dürstenden Lungen sogen die starke, reine Salzluft ein, während aus 394 kunstvoll geschichtetem Buchenreisig die Sole zögernd niedertropfte. Es war ein ziemlich trübseliges Bild – die Regenstimmung, die schleichenden Kranken, das verwitterte Bretterhaus . . . Menschen, die das Leben lieben, gesund werden wollen – was interessierten die den Afrikaner? Er schlenderte eine Viertelstunde auf den weichen Kieswegen hin. Dann ging er zurück in das Vestibül des Badehauses.

Der glasgedeckte Käfig in der Mitte mit seinem mächtig wallenden Sprudel – die wartenden, mürrischen, in Zeitungen blätternden Menschen – der muffige Geruch nach warmem Wasser und feuchten Frottiertüchern, der aus den beiden langen Gängen zur Rechten und zur Linken, wo die Badefrauen mit Wäschebergen hantierten, aufdringlich herüberkroch. Zuweilen wurde eine Nummer in das Vestibül gerufen, dann erhob sich widerwillig ein Zeitungstiger. Oder die Glasthür ins Freie öffnete sich, und dann zeterte eine alte Dame wegen des frischen Luftzuges, der reinigend in diese laue Waschhausatmosphäre einziehen wollte. – Der Afrikaner, vielleicht von der Befürchtung erfaßt, er könne den Grafen draußen doch noch verfehlen, stand auf das Geländer des Sprudels gelehnt und schaute hinab. Das wallte, wogte – weiß, schaumig. Das raunte, flüsterte, rauschte – ohne Ermatten, viel Stimmen aus der Tiefe. Es war wie damals. Und das würde weiter rauschen, weiter wallen, immer, immer, nachdem er längst tot, nachdem alles vorüber . . . Es ist so seltsam, daß alles lebt im ewigen lebensfrohen Wechselspiel – nur wir sterben für immer. Und wie uns Kinder des Augenblicks auch im tiefsten Unglück, der höchsten Nervenspannung ein schwächlich Träumen überkommt, so empfand der einsame Mann angesichts des Todes wieder die dunkle Macht, den rätselhaften Zauber dieses Springstrahls wie ein Kind. Er 395 beugte sich tiefer – dasselbe sanfte Locken, dieselbe thörichte Versuchung, hinab zu tauchen, dieselbe wunderbare Musik, die aus den Tiefen der Erde zu quellen schien . . . Auch das Fieber kehrte zurück. Der Mann fühlte es, aber es ängstigte ihn nicht. Es war ja alles so bald vorbei. So lange würden die Nerven schon noch aushalten.

Da – er hatte minutenlang unbeweglich hinabgestarrt, und wie immer waren auch die Menschen umher auf den düsteren Träumer aufmerksam geworden – spiegelte sich in dem Glas des Käfigs ein Schatten, Veilchenduft rieselte. Es war Mia Worki. Sie stand dicht neben ihm mit feuchtem Haar in einem weichen Flanellkleid. Vielleicht hatte sie den Afrikaner gesucht, den Unglücklichen, Kranken, der freundlicher Tröstung bedürftig war; vielleicht zog sie derselbe geschwätzige Quell in seinen Bann. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, über das wunderhübsche Gesicht rann der rosige Jugendschimmer. Der Afrikaner sah sie, und das Herz setzte aus – das Wunder, die Fee! Er dachte nicht mehr an die That, und daß wieder einmal alles anders gekommen, als er gewähnt, er dachte nur, daß sie bei ihm war, – sie, – so dicht, fast Körper an Körper mit ihm!

»Mia,« sagte er leise, »liebe Mia . . .« Er wollte sie noch einmal sprechen, er mußte . . .

Sie zuckte leicht zusammen bei dem Klang dieser Stimme und schlug die Augen zögernd auf.

»Mia . . .«

Ihre Augen begegneten sich – sein weiches, dunkles, fieberndes, ihr junges, blaues, strahlendes – sie tauchten ineinander, versenkten sich.

Sie hatte ihn erkannt. Und sie fand kein Wort für ihn, nicht des Vorwurfs, nicht der Freude. Nur das holde Prinzessinlächeln begann um ihre Lippen zu spielen, zögernd, unsicher. 396

Da biß er die Zähne auf die Lippen.

Auch er hatte sie erkannt. Endlich! Jetzt zum ersten Male stand sie leibhaftig vor ihm, das lächelnde Kind, das nie geliebt, nie gehaßt, – das sanfte Nichts in seiner traurigen Nacktheit. Und in einem Augenblick begriff er, welch ein Narr er gewesen, – und für wen! . . . Das genierte Kinderlächeln ward ihm öde, schien sich zur Grimasse zu verzerren. Vor seinen Augen begann es langsam zu wogen, zu flimmern, aus den Tiefen der Erde zischelte es wie Hohngelächter der Hölle: »Die also hast du geliebt, bis zum Verbrechen, bis zum Wahnsinn – die!« – Auch der Mann sprach kein Wort mehr.

Das alles dauerte nur Sekunden.

Plötzlich wurde das Frauenlächeln starr. In den blauen Augen begann es ängstlich zu flimmern: das blühende Leben sah den kalten Tod. Sie rührte sich nicht, sie konnte auch jetzt nur lächeln – das Prinzessinlächeln: ihr Leben, ihr Glück, ihr Schicksal zuletzt.

Eine kranke, verbrannte Hand fuhr nach der Brusttasche – eine rasche Bewegung des Arms – ein leiser Aufschrei – und noch der Sterbenden, die am Brunnengeländer taumelnd zu Boden glitt, war das Lächeln geblieben, ein wehes Kinderlächeln diesmal, das noch den Tod um Verzeihung zu bitten schien.

Die Menschen im Vestibül hatten das alles gesehen – und nichts verstanden. Die Hand des Schicksals war so schrecklich rasch! Erst als das schöne Geschöpf hinsank und ein helles Rot das weiße Flanellkleid am Herzen grausig schnell färbte, fanden sie sich in einem einzigen empörten Aufschrei. Ja, der Mann hatte heute nicht nmsonst das Rote dreimal getroffen – heut' galt es nur Herzen, und die Fieberhand versagte nicht.

Während durch das Vestibül und die Korridore: 397 »Mord! Mord! – Er hat sie gestochen!« sich fortpflanzend wie ein Feuer im Sturm tönte, stand der Mann, der die That gethan, ruhig, ja kalt. Er starrte ins Leere. Der blutige Schleier war ihm vom Gesicht gerissen, und er fragte sich wie ein plötzlich Erwachender: »Was habe ich gethan?« – Er begriff nicht.

Aus den Gängen drang ein entsetzter Menschenstrom.

»Mörder! – Mörder! . . . Packt ihn – packt!« Die am fernsten standen, gestikulierten am leidenschaftlichsten, schrieen am lautesten.

Und der Mann stand noch immer unbeweglich. Er begriff nicht. An der Riesentäuschung, die Gesunden das Leben wiedergiebt, starb der Kranke. Es war die kalt lächelnde Ironie des Schicksals, in dessen Hand wir nur Spielzeug sind. Und es war alles so dumm, so sinnlos – vergeudet an falscher Stelle wie sein ganzes Leben!

In dem Augenblicke berührte ihn eine Hand. Da erwachte er aus der Erstarrung und sprang jäh zurück.

»Wer mir nahe kommt . . .«

Er hatte den Revolver herausgerissen; der Hahn knackte.

Die Menge stob aufschreiend zurück.

Einen Augenblick hielt er die Waffe gesenkt. Seine Lippen bewegten sich, er wollte sprechen, er wollte ihnen sagen: »Nicht sie, sondern er . . .« – Aber sollten andre begreifen, was er selbst nicht mal begriff?! – Und auch er konnte nur lächeln.

Da wogte der Menschenstrom wieder näher.

Von draußen wurde die Glasthür zum Vestibül aufgerissen. Herren stürmten herein: der Graf, der Legationsrat, die Leutnants.

»Was ist geschehen?«

»Wer ist . . .«

»Da! – Da! –« Die Menge deutete mit wilden 398 Gebärden auf den Afrikaner und dann auf die leblose Frau.

Aber durch das wüste Menschengewirr drang plötzlich eine klare, das Befehlen gewohnte Stimme: »Laßt ihn! Er wird allein wissen, was er noch zu thun hat.« Es war der Baron Scherten.

Der Afrikaner war an die Wand zurückgetreten, wo ihm der Rücken frei war.

Er lüftete den Hut: »Danke!« Er hatte mit einem Schlage seine kalte Sicherheit wieder gefunden. Wieder Kavalier, Soldat. Jetzt war er endlich zum Abschuß reif. Er hatte sich den Revolver in den Mund gestoßen im Moment. Ein dumpfer Knall – ein entsetzter Aufschrei des Grauens, – und das Blut aus dem zerschmetterten Schädel sprühte über die Köpfe weg bis auf das Glas des Käfigs.

Die Herren der Suite knieten an Mias Leiche.

Der Legationsrat allein war stehen geblieben. »Wie der Mensch sie geliebt haben muß!«

»Wer?« fragte der Graf, ohne Maske, ohne Höflichkeit diesmal.

»Der Enk oder Lenk, Ihr elfter Kürassier.«

 


 


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