Johannes Richard zur Megede
Das Prinzessinlächeln
Johannes Richard zur Megede

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Drittes Kapitel

Zwei Tage dauerte der Fieberanfall.

Dann kam die wohlthätige Erschlaffung, die Ruhe. Er hatte die Gefühle eines langsam Genesenden. Am andern Morgen schon wollte er die Kur beginnen, ohne Arzt, aber mit dem festen Glauben an ihre Heilkraft.

Es war noch nicht sechs Uhr, als er aus dem Portal trat. Ein wonniger Sommermorgen grüßte 309 mit Blumengerüchen, Wiesenduft, mit dem Tausäuseln des Frühwindes in Busch und Baum. Der Afrikaner sog mit Behagen die feuchtfrische Luft ein. Der Morgen, die Helle, die sanften Linien des grünen Thales thaten ihm wohl. Unten auf der weißen Landstraße promenierten schon Frühaufsteher, den Brunnenbecher in der Hand oder am Karabiner des Plaidriemens klirrend. Auch aus der Villa drüben traten Leute. Er war also doch nicht der erste, wie er gewähnt hatte. Und er eilte sich, nach dem Brunnen zu kommen, noch ehe die große Menschenmasse, die ihm unerträglich schien, sich dort drängte. Er schritt rasch über die Straße, durch einen Baumgang, wo die Blätter noch naß schimmerten – über die Saale, die jetzt weiß blühende Flußalgen trieb – durch den Bogengang des Kurhauses mit sitzend schlürfenden Standespersonen. In der offenen Brunnenhalle ging er erst mit der naürlichen Gêne und dem Mißtrauen des Neulings zögernd auf und ab. Er war doch einer von den Frühen. Nur ältere Herren im bequemen Morgenanzug standen umher, und Frauen, die, wirklich leidend, über den Flaneur, die Weltdame der Hochsaison, nur lächeln konnten.

Was sich so früh hier versammelte, suchte Heilung wie er. Um die gußeiserne Mitte des luftigen Baues lief eine geheimnisvolle Röhrenleitung mit den blinkenden Drückern, den Kränen eines Syphons, in regelmäßigen Abständen. Das Weltbad gab sich so bequem, so komfortabel! Kein langweiliges Warten, Drängen mehr – nur ein leiser Druck auf die Feder, und die köstliche Lebensflut sprudelte perlend in den Becher. Der Afrikaner wußte nicht, ob die glänzenden Hähne Rakoczy-, Pandur- oder Maxwasser kredenzten – das Wasser des Lebens schäumte jedenfalls so frisch, daß es eine Lust war. Er setzte den vollen Becher an und trank ihn aus. Er war durstig. Wozu 310 auch jeden Schluck so langsam bedächtig kauen wie die andern?

Aber gleich darauf legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war der Behäbige vom Theater gestern, der ihn beobachtet hatte.

»Nein, verehrter Herr, das taugt nichts! Da ruinieren Sie sich den Magen noch mehr. Sie sind wohl noch nicht bei Ihrem Arzt gewesen? Ehe Sie den gesprochen haben, machen Sie es getrost so wie ich. Kommen Sie!«

Der Afrikaner, der verlegen zugehört hatte wie ein ertappter Schuljunge, wurde längsseits zu den Wärmeapparaten geführt. Da standen die Alten, die Klugen, und schauten wartend zu, wie in heißem Wasser die vollen Rakoczy-Gläser große Perlen zögernd zur Oberfläche trieben. Erst wenn der Geist der Kohlensäure verflüchtigt war, tranken sie.

»So, jetzt ist's genug!« entschied der Behäbige.

Der Afrikaner kostete und setzte gleich wieder ab. Von dem lausalzigen Naß verzogen sich unwillkürlich seine Gesichtsmuskeln.

»Das ist gerade das Richtige,« scherzte der Behäbige. »Alte Sache! Je schlechter der Brunnen schmeckt, desto besser bekommt er. Von dem Zeug hier müssen Sie so doucement Schluck für Schluck trinken und dabei gehen, immer gehen . . .«

Der Afrikaner versprach alles. Unten am Musikpavillon strömten die Menschen stärker, und alles begann nach einer Richtung zu wallen. Den Afrikaner zogen die quietschenden Töne nicht. Er ging in einem großen, gedeckten Wandelgang auf und ab. Zur Rechten sah er auf Läden – schlechte Gemälde, wertlose Bijouterien. Es war der Tand, die Bazarbuntheit, die eigentlich nur Kinder und Wilde dauernd anziehen kann. Sie lockte ihn erst und stieß ihn sofort wieder ab. Etwas vom Orient schimmerte da 311 durch von dem schreiend Wertlosen, das er in Europa nicht suchte. Am Ende des Ganges schob sich ein kleiner Juwelenladen vor. Perlen, Steine von schwindelndem Wert, von seltener Schönheit, das Prunkstück in der Mitte, ein Smaragdschmuck, riesengroß und aufdringlich wie die Kleinodien eines Negerfürsten. Der Preis stand daran: 143 000 Mark! Es war eine so fabelhafte Summe, eine so brutale Echtheit – ein widerlicher Parvenu inmitten der schlichten Perlenvornehmheit, der kaltfunkelnden Solitärs! Der Afrikaner schaute sich unwillkürlich nach den geschmacklosen Nabobs des Weltbades um, die dieser gemeine Wertprunk ja anziehen mußte. Aber für diese exotischen Protzen hatte die Saison wohl noch nicht begonnen, oder sie schliefen noch in ihren Betten, weil sie den taufrischen Morgen, den keuschen Adel der Natur, feindlich witterten. Die staubige Hitze des Sonnentages rahmt auch den Prunk würdiger, leiht ihm die grellen Lichter, die er ebenso grell wieder zurückwirft.

Er bummelte wieder zur Brunnenhalle zurück, den Becher in der Hand. Er fühlte sich jetzt sicher, fest auf dem alten Boden. Er wußte, daß die Jahre, die Erfahrungen nichts an ihm geändert hatten, daß er geblieben, was er war: einsam und hochmütig bis ins Mark.

An den Syphonkränen wogte es jetzt laut und geschäftig.

Der internationale Hauch wehte. Slavische Leute – ein französischer Ausruf – kauendes Englisch. Neben der armselig fröstelnden Sorte im altmodischen Sommerpaletot das offene Tennisjackett, der Dandyschuh, die korrekte Hosenfalte. Offiziere, junge Mädchen, Leute, die Zerstreuung suchten, flirteten. Er stand mitten unter ihnen, kühl, steif, der gewesene Soldat gar nicht zu erkennen. Ein kahlköpfiger 312 Monocledandy strich an ihm suchend vorüber, ein eleganter Galizierjüngling wich seinem Blick instinktiv aus. Eine hübsche Frau lächelte. Der Afrikaner ging wieder zu den Wärmeapparaten. Ein hoher, vornehmer Herr machte dem Standesgenossen höflich Platz, ein Franzose griff an den Hut. O diese Welt der Namen, der Formen, der er einst angehört hatte, erkannte ihn sofort wieder, nahm ihn willig auf! Und mit der kalten Kritik des Gesellschaftsmenschen sah er auf die Hände, die sich nach den Bechern streckten, dies merkwürdige Gemisch von zitterigem Alter, gesunder Brutalität, von vornehmer Kraftlosigkeit, rissigem Plebejertum, von Härte und Gutmütigkeit, von tückischem Willen und furchtsamer Entsagung. Der Afrikaner war zuzeiten ein scharfer Beobachter, und ihn frappierte das Vielfache, Geheimnisvolle dieser scheinbar so gleichartigen Menge, die in ihren Händen ahnungslos preisgiebt, was in den Gesichtern, den Gestalten das Alter oder die Verstellung, der Stand oder die Natur sorgsam verwischen möchten. Sein Blick suchte den kleinen großen Mann, der an diesem Brunnen, an diesen Händen, an dieser einzigen Bewegung der Trinkenden jede Eigenart so wunderbar scharf geschaut und kompliziert hatte. Aber Menzel war nicht unter der Menge.

Diese wogte und wallte den breiten, sonnigen Baumgang am Musikpavillon entlang. Ein fades Gewimmel, ein einförmiges Getrampel, ein geschwätzig Summen. Kein Kopf, der auffiel. Keine Gestalt, die zum Stehenbleiben zwang. Es waren die tausend geschäftigen Glieder des großen Heerwurmes, Menschheit genannt. Aber ihn lockte die Herde doch, zog ihn magisch an, trieb ihn in ihren Kreis. Seltsam! Er wollte nicht in ihr verschwinden, untergehen – und er ging doch in ihr unter, verschwand in ihr, versank. Vielleicht war es ein richtiger 313 Instinkt, der ihn trieb, unbemerkt zu bleiben, aufzugehen in einem Gewühl, dessen Tugenden, dessen Laster, dessen schreckliche Triebe hier versteckt aneinander vorübergleiten, sich heimlich anziehen, heimlich abstoßen. Derselbe Rock, dasselbe Kleid, dieselbe scheinbare Monotonie in Mund und Augen. Und dieser Einsame fühlte sich jetzt erst eigentlich frei! Er blieb neugierig vor dem Musikpavillon stehen, flanierte an den Blumenständen, sog den warmen Backgeruch der Kuchenläden ein. Er hätte Stunden und Stunden hier auf und ab gehen können, den Becher, den er wieder zu füllen vergessen hatte, in der Hand, der schläfrigen Musik lauschend und wie verzaubert von dem Herdenlaut. Es ist so wunderbar befreiend zuweilen, nicht mehr man selbst zu sein! Und doch wußte er genau, daß der andre, der Einsame, noch immer hochmütig in der Brunnenhalle stand, mißtrauisch auf die ausgestreckten Hände sah, hochmütig auf das gemeine Gewühl. Der blieb immer da, würde immer da bleiben mit einem kalten Haß, einer schweigenden Verachtung. Nur das wertlosere Doppelich wandelte hier, verkroch sich feige, hatte Angst.

Allmählich strömte die Menge zurück, das Gewühl verflüchtigte sich, wurde zur sanften Welle. Da ging auch er. Noch ein letzter Becher, eine letzte Promenade in dem weiten, sonnigen Thal!

In der Brunnenhalle standen nur ein paar Dandies müßig umher, ein paar ältere Damen – vornehme Leute, die das auch markieren wollten. Die letzten Takte eines Militärmarsches. Der Afrikaner stand, die Hand auf dem Metalldrücker, den Becher unter dem Kran. Der Rakoczy schäumte, und unwillkürlich wiegte die Hand, der verklingenden Musik nach.

Da – ein Gewisper. Eine Dame hob das Schildpattlorgnon. Zwei Herren steckten tuschelnd die Köpfe zusammen. 314

»Endlich! Ich werde Sie gleich vorstellen. Es ist Mia Stechelberg, übrigens geborene Gräfin Worki – und allein. Quelle chance!«

Der Afrikaner war bei dem letzten Namen zusammengezuckt. Die Hand ließ jäh den Drücker los, das Glas schwankte, er senkte den Kopf.

Hinter ihm das Rauschen eines Seidenrockes, ein rascher, graziöser Schritt. Jetzt stockte der. Eine Dame war an den nächsten Syphon getreten. Eine hohe, blonde, entzückende Gestalt – der Mädchenreiz, die Jugend selbst. Die blauen Augen strahlten, der weiche Mund öffnete sich.

Der Afrikaner hatte die Lippen aufeinander gepreßt, den Kopf tiefer gesenkt. Nicht um eine Welt das Wiedersehen! Und doch wandte er langsam das Gesicht, unter feigen Wimpern kroch ein Blick zu ihr hinüber.

Die Frau sah den Mann gar nicht. Sie grüßte gerade die beiden Herren. Sie lächelte dazu – ein kindlich vornehmes Lächeln. Das Prinzessinlächeln!

Dem Afrikaner schlugen die Zähne zusammen. Der volle Becher klirrte dumpf zerschellend auf den Stein. Er wandte sich weg, ging. Ein ungewisses Brausen umbrandete ihn, wie die Flut den Ertrinkenden.

Die Herren waren zu der Dame getreten, sprachen mit ihr, ein spöttischer Zug folgte dem Gehenden. Und die Frau lächelte noch immer – gütig, mitleidig. Es war sicher ein Kranker, dem das Glas entfallen. Er ging so schnell, schwankend, als wolle er noch eine Bank erreichen vor dem Zusammenbrechen. Sie wäre ihm gern nachgeeilt, hätte ihn getröstet. Sie wußte ja, daß sie eine Zauberin war, daß ihre weiche Stimme beruhigte, ihr strahlender Blick heilte. Sie hatte den Kranken nicht erkannt. Und während sie noch dastand, ohne den Fuß zu rühren, die gütige Thatenlosigkeit selbst, lächelte sie . . . lächelte sie. 315

Aber Carl Frederick von Henk klappte nicht erbärmlich zusammen, wie er einen Augenblick gefürchtet hatte. Heute war ja kein Fiebertag. Wohl lehnte er sich einige Minuten über die Steinbrüstung, die gleich hinter dem Kurhaus die Saale engt. Die Kniee zitterten ihm, und er sah wie durch einen Schleier das weiße Blütenfließen der Algen, das sommerliche Wasserblinken. Dann aber ging er weiter mit langsamen, sicheren Schritten, den Tennisplätzen zu. Dort setzte er sich auf eine Holzbank neben eine alte Dame mit falschem Scheitel, die greisenhaft nickend den Spielenden zusah. Er sah auch zu – sah so scharf, so sicher! Ein junges Mädchen spielte, grünblond, mager, mit dem seitwärts gebogenen Kopf und den runden Augen eines kranken Vogels. Ihr gegenüber eine schlanke, volle Brünette, die mit kurzen, scharfen Schlägen ihren Ball flach über das Tennisnetz sausen ließ. Er sah die rasch geschmeidigen Bewegungen hier, die kranken, hastigen dort. Nur die große, sinnliche Hand der Brünette störte ihn. Er hörte genau die kurzen englischen Kommandos, die Ausrufe, er wußte sofort, daß die alte Dame neben ihm die Großmutter des kranken Vogels war; über die hohe Schulter täuschte die schwarze Mantille nicht.

Er war wieder sehr verständig geworden.

Was hatte er denn vorhin so Furchtbares geschaut? Eine vornehme, wunderhübsche Frau.

Was verband sie beide? Eine Erinnerung, die sechs und mehr schwere Jahre alt war.

O, er sah ganz klar! Heute klaffte zwischen ihnen ein bodenloser, unüberbrückbarer Abgrund, den er sich selbst gehöhlt, in heimlicher Freude, wie er breiter und immer breiter klaffte. Er stand hüben, sie drüben – und kein Gott brachte sie wieder zusammen.

Es war eine lächerliche, simple Geschichte: ein 316 vierundzwanzigjähriger Leutnant, der sich in die reizende Nichte seines Obersten vergafft. Ein kurzer Sommerbesuch – ein paar unschuldige Rendezvous – eine Liebelei mit Augensprache und Händedruck. Wer hatte sie nicht einmal? Wer kommt nicht lächelnd darüber hinweg? Die junge Dame verließ bald darauf die kleine Garnisonstadt wieder. Aber das Taschentuch der Scheidenden wehte noch sehr lange aus dem Coupé. Dann wurden zwei oder drei Briefe gewechselt – thöricht überschwenglich von ihm, liebevoll verständig von ihr. Zuletzt der Laufpaß: »Die Familie würde diese Ehe nie zugeben, und nach langer Ueberlegung sei es ihr klar geworden, daß ihre Liebe doch nicht so stark sei, um vielleicht einen Elternfluch zu ertragen.« Die Jugendlieben endigen zu aller Glück meistens sehr prosaisch. Hier traf's zufällig ein heißes und stolzes Herz fast tödlich . . . Viel später, lange nach dem schlichten Abschied, erreichte den Deklassierten noch einmal ein aufs Geratewohl nachgesandtes Billet. Eigentlich ein Wunder, daß es nicht unbestellbar zurückging! Es war scheinbar eilig und eng geschrieben. Viele gute Wünsche für das fernere Leben, ohne die leiseste Erwähnung des schlimmen Abgangs, vielleicht ohne die Kenntnis davon. Das Couvert freilich war nicht mit der Charge versehen und nur an Herrn von Henk adressiert. Der Brief wurde nie beantwortet, was er schon gesellschaftlich verdient hätte. Aber die Henks hatten zuweilen eine Abneigung gegen Bonbons . . . Vielleicht, daß einem armen Kerl erst jetzt der letzte thörichte Hoffnungsschimmer erlosch. Damals schlief er unter der Palme ein . . . Aber auch das war überstanden, vorüber. Eine reizende Gestalt wurde undeutlicher, verschwand, versank. Nur das Lächeln blieb, das kindlich vornehme Prinzessinlächeln, das ihn einst so glücklich gemacht, das er so kindlich geliebt. Es war so hold – 317 und doch das Lächeln einer Meduse . . . Auch das wurde schemenhafter, ferner – wie die Gottheit durch Wolken lächelt zuletzt. Im harten Lebenskampfe sinken die Götzen oder sie steigen höher, höher, bis sie nur noch traumhaft winken.

Etwas Merkwürdiges schien dem Manne aus der Zeit zurückgeblieben, eine krankhafte Schwäche: er mochte Frauen nicht mehr lächeln sehen! Ihm war seitdem viel durch die Finger gegangen, jung und unverbraucht, wie er trotz allem noch war. Von dem Auswurf algerischer Französinnen bis zur stummen Sudansklavin. Sie hatten ihn interessiert, in der brütenden Tropenglut vielleicht gereizt – ihr Lächeln ertrug er nicht! Unwillkürlich zuckte ihm da die Hand nach dem schmalen, scharfen Stilett, das er stets bei sich trug. Und das bleiche Entsetzen der Frauenaugen antwortete stets darauf wie das lähmende Widerspiel seiner Gedanken . . . Die Eingeborenen in der englischen Faktorei, die er verwaltete, liebten ihn wegen seiner peinlichen Gerechtigkeit, seiner Ruhe, aber die Mädchen zuckten zurück vor den zuweilen brennend kalten Augen. Nur wenn er fiebergeschüttelt in seinem Blockhaus lag, that er auch ihnen leid. Er wußte das alles, er kannte sich sehr genau. Aber er würde sich doch nie vergessen, dessen war er sicher. Das kam alles wohl von den Tropen, der Fieberluft, der Einsamkeit. Es lauert etwas Scheußliches unter diesem stummen, weißen Brüten. Afrika mordet die Nerven. Ihm war's schließlich gleichgültig. Einmal hatte ja doch alles ein Ende.

Aber daß ihn gerade heute diese feigen Nerven im Stich lassen mußten! Sonst verstand doch sein verbissener Wille sie noch immer zu zügeln . . . Der Name Worki allein machte ihn erstarren, vor dem Frauenlächeln zitterte die Hand, und das krampfhaft umklammerte Glas sank klirrend zu Boden. Das 318 Prinzessinlächeln! Im Augenblick schwebte sie ihm wieder vor: so lächelnd, so jung, so unbegreiflich! Er mußte die Zähne auf die Lippen beißen, um nicht dumpf aufzustöhnen. Er starrte finster zur Erde und sah den bodenlosen Abgrund deutlich, der zwischen ihm und der Frau klaffte.

Das Prinzessinlächeln! War es eigentlich denkbar – was er ja auch nie hatte wahrhaben wollen – daß nicht die verunglückte Kriegsakademie, nicht der Trunk, nicht das Spiel das unbegreiflich stumpfe Unglücksjahr, sein Ende verschuldet hatten, sondern daß es allein die Frau war mit ihrem Lächeln, das ihn gelähmt, vergiftet, ihn vor das häßliche Nichts des schlichten Abschieds gestellt hatte? . . . Und war es nicht am Ende auch das Lächeln allein, das ihm die Pistole des anständigen Menschen entwand – dies rätselhafte Medusenlächeln, das aus weiter Ferne zu locken schien, zu sagen: »Wart ab! Der Tod will dich noch nicht! Du sollst nicht sterben, ohne mich noch einmal geschaut zu haben?«

Die stumpfe alte Frau mit dem falschen Scheitel neben ihm konnte nicht ahnen, wie unsagbar der junge, gutgekleidete Mensch litt. Da stand er plötzlich mit einem Ruck auf. Er hatte noch Kraft, er wollte nicht lächerlich werden vor sich selbst!

Auf dem Tennisplatz waren die Leutnants neulich vom Theater eingetroffen, in weißen Flanellanzügen, mit der Plättfalte, dem eckigen Drill. Sie begrüßten den kahlköpfigen Monocledandy, der fast zärtlich die unsagbar dumme, hübsche Blondine im flachen Schlag unterwies.

Nein, Carl Frederick wollte von der Vergangenheit nichts. Sie war ihm tot. Und von Toten muß man doch frei werden können! Er ging zurück nach dem Kurplatz. In dem kleinen Eckladen lagen Bücher aus: die gelben Kissingenführer, Ansichtspostkarten, 319 Belletristik; flotter Jugendstil, gesuchte Titel. Das einzige gute Buch verstaubt. Das enge Lokal hauchte den trockenen Leihbibliotheksgeruch aus. Büchertitel schwirrten: Eschstruth, Tovote – der Masseninstinkt je nachdem er sich sanft einschläfern oder angenehm kitzeln will. Ein junges Mädchen fragte kaum hörbar nach Gabriele d'Anunzio. Der Afrikaner stand und blätterte im Katalog: »Maudit soit l'amour!« Das Buch mußte ein Franzose mit seinen Erfahrungen geschrieben haben. Es war übrigens ausgeliehen, vor wenigen Minuten erst, wie der norddeutsche Ladengehilfe geschäftig versicherte. Da fiel es ihm ein, daß »sie« es vielleicht im Augenblicke schon las auf der Chaiselongue, im dämmrigen Zimmer, bei der Brunnensiesta. Das Suchen wurde ihm leid, und er ging.

Einige Schritte weiter fesselten ihn Antiquitäten – das schwere Silber alter Leuchter, getriebene Fruchtschalen, dazwischen schwerfällige Pokale, Brillanten in altmodischer Silberfassung, unförmige Ringe, eine gleißende Riesenperle. Alles künstlich alt, patiniert, die Geschmeide von staubigem, ungewissen Blinken. Er haßte solche Antiquitäten, sie sagten ihm nichts – genau wie eine Tradition, die uns nicht gehört. Mia Worki hatte das Alte immer kindisch geliebt. Es bannte sie geheimnisvoll, schien ihr heilig. Wegen eines alten Wappenringes hatten die beiden ihren ersten und einzigen thörichten Liebesstreit. Unwillkürlich wandte sich der Mann um, als wenn das schöne Geschöpf, von der staubigen Tradition andrer geblendet, hinter ihm stehen müßte.

Aber die schattenlosen Baumgänge des Kurgartens lagen sonnig einsam: auf den Bänken, Stühlen nur alte, kranke, vergessene Menschen, wie neulich abend . . . Ob Mia ihn wiedererkennen würde, wenn sie ihm jetzt voll ins Gesicht schaute? Er ging an einen 320 andern Laden, der im Schatten lag, eine Auslage von bunten Blusen, Wäsche. Die Riesenscheibe gab sein Bild sehr deutlich zurück. Nein! Wenn es nicht ein innerliches, instinktives Wiedererkennen gab – in dem bartlos mageren Englishman konnte niemand den strammen Kürassieroffizier von einst erkennen. Es war ja auch besser so, viel besser! . . . Und wenn sie ihn doch erkennen würde, ihn begrüßte mit dem vornehm kindlichen Lächeln, das sie allein gab, und das er niemand gönnte? Nein, so stark war er noch nicht!

Er ging weiter.

Jenseits der breiten Straße lag die Salinenpromenade. Nicht etwa tot und grau wie damals, sondern ein lockendes Gewirr von Läden. Juwelen, Reiserequisiten, Gemälde – die bunt elegante Ladenstraße eines Weltbades, wo die Fremden langsam von Auslage zu Auslage schlendern, sich neugierig hier über einen Schmuck beugen, einen Schildpattkamm, dort ein Juchtennecessaire betasten, – und wieder stumm träumerisch weiter wandeln oder lächelnd abwinken, weil der Preis zu hoch oder weil die Vielheit verwirrt. Es ist so schwer, sich loszureißen von dem bunten Tand, von den eitlen, thörichten Wünschen, die er erweckt! . . . Der Afrikaner bummelte wie die andern, ziellos, zwecklos, ohne den Wunsch des Besitzes. Die Halbedelsteine glitzerten, die Schwarzwalduhr tickte. Die lustig lockende Welt von unnötigen Dingen versuchte auf ihn einzudringen. Das glänzte, leuchtete, strahlte, umfing ihn mit dem Parfüm des Badelebens, in dem der schwere Luxus und die wertlose Spielerei sich so glücklich mischen wie nirgends. Und er fühlte, wie mit jedem Schritt, den er weiter that, jedem Blick tiefer in diese hübsche Scheinwelt ein Frauenschatten wuchs. Ein holdes Spiel, ein reizendes Schmetterlingsschillern, das jeden traurigen Gedanken doch wegscheuchen muß, 321 wie die Wolken der Sonnenstrahl! – Die Wolken kamen wohl auch, und dann huschte der Sonnenstrahl von dannen. Doch er kehrte immer wieder, spielend, neckisch zurück. Er beugte sich über bunte Spitzentücher, – und der arme Träumer sah nur ein mattgoldenes Geflimmer, ein schattenhaft anmutiges Neigen des Kopfes, wenn der holden Zauberin etwas gefiel. Einige Schritte weiter sah er sie deutlicher in der Phantasie. Die schlanke Mädchenhand spielte zerstreut unter den Schildpattkämmen, griff endlich einen heraus, einen blonden, silbergebuckelten. Das war die eigentümlich lasche Bewegung, das aristokratisch Müde . . . Die Halbedelsteine fesselten sie seltsamerweise am längsten. Wunderbar! Das Ganze vom Halben angezogen . . . So war ihm beim Wandern jetzt wieder jede Linie dieses Körpers lebendig geworden – das weiche Biegen der schlanken Hüfte, das Kinn mit dem rosigen Fleck, der Fuß, der überschmale Fuß, dessen lugende Spitzen ihn immer fasciniert hatten.

Die Promenade verlor sich ins Grün. Ueppige Wiesen, die Saale, wie eingebettet im Ufergebüsch der kleine braune, im Sonnenschein wohlig gurgelnde Fluß. Der Liliputdampfer, der prustend seine Kielwelle zog, wie ein müßiges Kinderspielzeug anzuschauen. Die sommerlichen Wiesen, der blinkende Fluß, das Fächeln des Windes, das Lächeln der Sonne muteten den Mann wie fremd an. Der Schatten war nämlich verschwunden. Hier schien sich zu verflüchtigen, zu enteilen, was die Straßenzeile gebannt. Der Mann blieb stehen. Das Prinzessinlächeln! – Wenn die holde Gestalt schwand, noch ehe sie gelächelt! – Er suchte, er beschwor. Es war so thöricht! Aber das Schicksal, das diesen Enterbten vielleicht liebte, scheuchte den Schatten aus der freien Natur zu den Halbedelsteinen, dem Flitter der Gasse, zurück.

Carl Frederick ging zurück. Er trat in einen 322 Pistolenschießstand fast am Ende der Promenade. Der dünne Flobertknall schrillte herüber. Ein junges Mädchen lud ihm die Waffe, die alte Mutter sah mit Geschäftslächeln zu. Er hob dreimal die Pistole, ruhig zielend nach Schützenart. Doch die winzige Scheibe zeigte keinen Kugeldurchschlag.

Die alte Frau brachte kopfschüttelnd die Pappe. »Ja, verehrter Herr, das kommt oft vor. Das ist der Rakoczy . . . Ja, ja, der Rakoczy! – Haben Sie schon viel geschossen?«

Der Afrikaner zuckte nur hochmütig die Achseln. Wenn das alte Weib seine afrikanischen Jagdtrophäen gesehen hätte, die ohne Prahlerei von einer tödlich sicheren Hand erzählten!

Er ging dann noch einige Male die Salinenpromenade auf und ab. Ein uneingestandenes Sehnen vielleicht. Aber der holde Schatten, der ihn zwang, war längst geschwunden. Der Schatten war so reizend, war so flüchtig – er huschte jetzt wohl durch andre Phantasien, gaukelte um andre Blumen. Die Straße ward dem Afrikaner grau, kühl. Die Sonne wärmte nicht mehr.

Um zehn Uhr hatte der Arzt Sprechstunde. Es war ein alter freundlicher Mann mit einem gütigen Verstehen für Leiden. Hier auf dem Bärenfell der Chaiselongue ausgestreckt, machte der Afrikaner alle Stadien einer peinlich genauen Untersuchung durch. Die Reflexe erhöht, das Herz zitterig. Und dieser ruinierte Magen!

»Ist Kissingen auch das Richtige, Herr Doktor?«

»Ich hoffe . . . Wasserheilanstalt wäre für den Anfang vielleicht besser gewesen.«

»Also Sie meinen? Seien Sie ganz ehrlich! Ich gehe dann sofort und komme in einem Monat wieder.« Der Ertrinkende sprach so, der nach dem Strohhalm faßt.

Aber der Strohhalm wurde ihm sanft entzogen. 323 »Bleiben Sie nur! . . . Ich verspreche mir von den Salinenbädern viel.«

Er blieb bei dem Arzte länger als nötig. Er erzählte von Afrika, von seinen Fieberanfällen, wie er bald wieder gesund werden müßte, ganz gesund.

»Ich bin unbemittelt, Herr Doktor, muß unbedingt wieder zurück.« Es war das wie ein dunkler Trieb, der letzte schwächliche Appell an das Schicksal, ihn aus einem Ort fortzuschicken, der ihm unmöglich gut thun konnte. Der vielbeschäftigte Arzt hörte etwas zerstreut zu und sah schließlich nach der Uhr. Da ging der Afrikaner – mit unklaren Gefühlen, enttäuscht und doch erfreut. Vielleicht wollte er auch gar nicht mehr gesunden, der arme Narr.

Es war Mittagszeit. Auf dem Wege nach seinem Hotel hörte er schon die Töne der Hotelglocke gellen. Bei dem Ton kam ihm der Appetit, ein nagender Hunger, den er seit Jahren nicht mehr verspürt, und auch der Durst nach Wein, schwerem dunkeln Wein.

Als durch den Hotelkorridor die Menschen strömten, gut angezogene, gut dressierte Gesellschaftsmenschen, fühlte er sich geniert, bedrückt, wie ein Halbwilder, den die ersehnten Bazare der Oase anziehen und abstoßen zugleich. Er ging wohl mit dem Strom, aber er bog noch vor dem Speisesaal ab, von den langen, feierlichen Stuhlreihen geschreckt, die durch die weit geöffneten Flügelthüren schauten. Er hatte auf einmal Angst vor den Menschen, noch mehr vor ihren Fragen. Auf der gedeckten Terrasse vor dem Speisesaal standen weiße, einladende Tische – Familien hatten sich dort installiert, die häusliches Behagen auch in einem Bade liebten, und mürrische Junggesellen, die allein sein wollten. Der Afrikaner setzte sich in die äußerste Ecke fern von den Fenstern, und die Gestalten drinnen wogten ihm nur wie unstete Schatten. Er aß und trank hastig. In den Pausen zwischen den 324 einzelnen Gängen rauchte er und sah gleichgültig auf das anmutige Thal mit seinen roten Dächern, seinen grünen Wiesen und der grauen Burgruine auf sanfter Waldhöhe.

Das Eis präsentierte ihm der Oberkellner selbst, eine Perle von einem Oberkellner, der alle Gäste sofort mit ihrem richtigen Namen anredete und Mister Frederick aus Englisch-Afrika in ein höflich vertrauliches Gespräch verwickelte.

»Eine Dame hat schon nach Ihnen gefragt, Mister Frederick.«

»Unmöglich! Ich kenne niemand hier!«

»Aber ganz gewiß. Sie können sie von hier aus sehen!« Und er zeigte diskret nach dem Speisesaal, wo die weißen Haubenbänder der Augustaschwester sich deutlich vom Fenster abhoben.

Der Afrikaner hatte aufgesehen. »Ach so, die!« antwortete er zerstreut. »Ich bin mit ihr gestern gefahren . . .«

»Eine sehr liebenswürdige Dame!«

»Sehr liebenswürdig,« wiederholte der Afrikaner gedankenlos.

»Sie spricht eben mit Erlauchts . . . Ja, die Frau Markgräfin ist eine ausnahmsweise reizende Frau! Und Ihrer Erlaucht macht es ein solches Vergnügen, mit an der Table d'hote zu essen . . . Die Herrschaften nahmen sonst das Diner in ihrem Salon, aber die Frau Markgräfin langweilte sich wohl etwas und wollte Menschen sehen. – Bei einer solchen Dame möchte ich auch barmherzige Schwester spielen! Nichts den ganzen Tag zu thun, als mit zum Rakoczy und zum Salinenbade zu gehen . . . Wenn Sie sich ein bißchen vorbeugen, Mister Frederick, können Sie Ihre Erlaucht noch sehen! Sie ist wirklich das Ansehen wert. Einige Herren von auswärts essen nur darum an unsrer Table d'hote.« 325

Aber der Afrikaner sah nicht mal auf, und als der Oberkellner fortfuhr, den Cicerone zu machen, und ihm sogar mitteilte, daß die markgräflich Stechelbergschen Zimmer teilweise gerade unter seinem Mansardenzimmer lägen, sagte der Gast nur kurz: »Ich weiß, ich weiß . . .« Ihm war es wahrhaftig nicht darum zu thun, zu wissen, daß vielleicht gerade das gräfliche Schlafzimmer unter dem seinen lag.

Der Oberkellner ging. Dem Afrikaner waren die Schläfen rot und heiß geworden. »Daß ich auch das Pech noch haben muß! Warum muß sie gerade hier wohnen?« – Und während er an die Frau dachte, die er einst geküßt, schien sich das Thal vor seinen Augen mit dichten Nebeln zu füllen. Dann sah er auf nach dem Fenster, wo Erlauchts an der Spitze der Table d'hote thronen sollten. Er konnte nichts erkennen, er sah nur einen Frauenschatten in dem blank geputzten Glas des Verandenfensters sich abspiegeln. Doch dieser Schatten seiner Vergangenheit war unklar wie diese Vergangenheit selbst. Dennoch machte ihm gerade dieser Schatten viel Qual. Und geniert, als wenn er etwas Schlechtes thäte oder Thörichtes, tastete er nach einem kleinen, goldenen Riechbüchschen, das sie ihm damals zum Abschied geschenkt hatte, und das er immer bei sich trug wie einen Talisman. In den sechs Jahren hatte er die Herkunft fast vergessen.

Die Table d'hote erhob sich geräuschvoll, der Schatten schwand.

Der Afrikaner war schon längst als Letzter auf der Terrasse, und die Siestastimmung überkam bereits den kleinen Servierkellner, der hinter seinem Tellertisch schläfrig blinzelte. Plötzlich erhob sich der Gast. Er ging auf sein Zimmer und packte seine Reisetasche. Um drei Uhr ging ein Zug, er schlenderte nach dem Bahnhof, ein schrecklich dumpfes Wehegefühl im Herzen. 326 Aber er fuhr nicht ab. Im letzten Augenblick wurde er schwankend. Es war ja alles längst vorbei. Der aus den Listen seines Regimentes Gestrichene gehörte mit seinen Wünschen, seinen Pflichten einer neuen, fremden Welt an. Es gab nichts, was ihn mit der Vergangenheit verband, wenn er nicht wollte.

Und doch sagte er leise, während der Zug davonglitt:

»Ich möchte dich noch einmal sehen – noch einmal . . .«



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