Johannes Richard zur Megede
Das Prinzessinlächeln
Johannes Richard zur Megede

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Zweites Kapitel

In Kissingen wird es früh Nacht, früh still. Am Abend merkt man von dem schillernden Wogengang des Weltbades wenig. Dem Afrikaner war das nur recht. Er hatte sein geringes Gepäck dem Hausdiener eines Hotels gegeben und schlenderte zu Fuß nach der Stadt. Der Fieberschauer war vorüber. Nach einer langen Eisenbahnfahrt voll Staub und Qualm berührte den Reisenden die reine Luft mit dem Vorgefühle der Heilung.

Von dem hochgelegenen Bahnhofe senkt sich der Weg in dunkeln Laubgängen zur Stadt. Auf den Bänken ein paar stumme Menschen, wesenlos wie Schatten – ein alter Herr, der nachdenklich auf und ab promenierte. Hüben und drüben sanfte Berghöhen – auf einer größeren die unsicheren Umrisse einer verfallenen Burg. Im Thale schlängelte sich die Saale warm blinkend zwischen duftenden Wiesen, verschwiegenem Gebüsch.

Der Reisende hatte es nicht eilig. Er bog in eine breite Straße ein. Hotels, Logierhäuser, Villen – spärlich erleuchtet, im Schlafengehen. Dann lockte ihn ein Seitenweg. Er kam wieder ins Grüne. Ein langer, schattiger Baumgang: die Kurpromenade, mit kleinen geschlossenen Läden, Ruhebänken, Gärten zur Rechten, zur Linken Wiesen mit Silberdunst und Sommerhauch. Die Promenade engte sich auf einmal, wurde dann sehr weit. Ein großer Platz mit gedeckten Wandelgängen. In der Mitte die Quellen. Treppen führten zur Tiefe, darüber ein schützendes Blechdach, ein Gitter ringsum. Ueberall Ruhe, Dunkel, Verlassenheit. Dahinter das Kurhaus mit Hallen und Blumenbouquets. Ein Springbrunnen plätscherte. An den zahllosen Tischen einige Skatspieler, eine einsame 296 Dame im Gartenstuhl – von der großen Woge des Tages vergessene Menschen. Schläfrige Kellner standen mürrisch umher. Der Afrikaner überlegte, ob er sein Nachtessen hier nehmen solle; er hatte den ganzen Tag noch nichts genossen. Aber schon der Gedanke an Speisegerüche weckte in ihm Ekel. Durst hatte er wohl – nach Portwein, Cognac, schwerem Alkohol. Auf diese Weise ruinierte er seit Jahren seine Nerven . . . Einmal mußte der Unfug doch aufhören! Er warf ärgerlich die Zigarette weg, die er in zerstreuter Gewohnheit eben gewickelt. Er war ja wieder in Europa, wollte gesund werden, kehrte vielleicht nie in die stummen afrikanischen Weiten zurück. Er bog wieder von der Heerstraße ab. Drüben rauschte die Saale geschäftig, dunkel, mit neckischen Strudeln. Dort stand er lange über die Brüstung gelehnt und sah den murmelnden Wassern zu, wie sie unter überhängenden Bäumen glitzerten, gleißten, wie die langen Flußalgen schwarz, geheimnisvoll in der Strömung trieben. Der feuchtkühle Odem erfrischte ihn . . . Sonst kein Mensch, kein Laut.

Nach einigen Minuten ging er weiter, träumend, ziellos, obgleich er eigentlich sein Hotel suchen sollte. Hinter den Tennisplätzen kreuzte er eine Straßenzeile; der ging er gedankenlos nach. Die Stadt schlief auch hier. Auf einem freien Platze erwachte er wieder. Ein braunes Holzhaus mit Veranda, Musik, Menschen. An einer Anschlagsäule der weiße Theaterzettel . . . Wie lange hatte er doch kein Theater mehr gesehen! Er studierte den Zettel: »Rosenmontag, eine Offizierstragödie.«

Er lachte kurz vor sich hin. Es war nach neun Uhr. Das Stück mußte fast zu Ende sein. Dennoch nahm er ein Billet und ging hinein. Vielleicht wollte er sich selbst einmal auf dem Theater sehen . . .

Drinnen in dem kleinen Zuschauerraum die trockene 297 Kulissenhitze, die Ausdünstung einer eingepferchten Menschenherde. Die Bühne winzig wie auf einem Kasperletheater, aber man spielte erträglich, einer sogar gut. Es war mitten im dritten Akt. Erst mutete es den Afrikaner fremd an, dann interessierte ihn das echte Milieu, der nirgends übertriebene Jargon. Als der Vorhang fiel, begann ihm auch etwas von dem Konflikt zu dämmern.

In der Pause das befreite Aufatmen, das entfesselte Geschwätz. Er saß eingeklemmt zwischen zwei jungen eleganten Männern und einem behäbigen älteren Herrn.

»Weißt du, Hans, das Kasino ist zum Heulen schön! . . . Als wenn der Hartleben wirklich mal drin gewesen wäre . . . Auch die olle Kasernenwohnung ist nicht übel . . . Na, ich wollte aber meinen Burschen anders vom Sofa 'runterknuffen, wenn es ihm beikommen sollte, sich mit seinen dreckigen Kommißstiefeln auf meiner guten Chaiselonguedecke zu rekeln . . . Das beste aber ist und bleibt der Simplicissimusleutnant! Denkst du dabei nicht an unsern Alster, wie der nach seinem Vater gefragt wurde und antwortete: »Papa war – ich bitte um Verzeihung – Pionier.«

»Ach, das ist ja nur Unsinn! Das hat der Mensch, der Reserveleutnant, nachträglich erfunden. Frechheit! Aber der Simplicissimusleutnant kann so bleiben . . . Im übrigen, Fritze, das soll ein Kasino sein? – Keine Spur! Die Bowle ist viel zu klein, und die Ordonnanzen sind viel zu alt . . . Ich ärgere mich nur über den Schwachkopf, den Rudorff. Blödsinn . . . wenn ein Leutnant schon anfängt, so sentimentale Gedichte von sich zu geben – und das Gethue mit dem Frauenzimmer . . . Die Kerle, die so was schreiben, haben ja keine Ahnung, wie's im wirklichen Leben zugeht.«

»Aber Hans, so was kommt doch vor . . .« 298

»Leider. Aber solche Gesellen sollte man schon als Fähnrichs fortschicken, da bliebe wenigstens dem Regimente der schlichte Abschied erspart.«

»Du sprichst ja genau wie der brave Grobitsch!«

»Das ist auch der einzige vernünftige Kerl von der ganzen Gesellschaft.«

Der Afrikaner hatte dem Gespräch der beiden Offiziere in Zivil zugehört. Zuletzt rückte er unwillkürlich von ihnen weg und wandte sich mit einer gleichgültigen Frage an seinen andern Nachbar. Der erwies sich als behäbiger Ordnungsmann und Feind starker Aufregungen. »Ich hatte Sie nämlich erst für einen Engländer gehalten wegen Ihres karierten Anzugs. Und wie die bei uns angeschrieben sind, das wissen Sie ja . . . Das Stück ist übrigens sehr hübsch gemacht. Im letzten Akt erschießen sich die beiden. Sie kennen es wohl? . . . Ich finde das ganz unnötig! Wenn der Mann das Mädchen wirklich so gern hat, da mag er doch ruhig seinen Rock ausziehen und irgendwo anders hingehen. Ein junger, kräftiger Mensch! Was heißt da Ehrenwort, wenn einem zwei brave Vettern so mitspielen? Heiraten soll er das Mädchen und auf den ganzen Unsinn pfeifen . . .«

Unten im Parkett entstand eine Bewegung, auch vom ersten Rang reckten sich einige Hälse nach einer Seitenloge. »Es ist wahrscheinlich wegen der Frau Markgräfin,« erklärte der Behäbige. »Sie kommt immer erst so spät . . . Aber eine schöne Frau und so liebenswürdig! Von hier können wir sie nicht sehen . . .«

Die Musik setzte wieder ein. Die Leutnants starrten unentwegt. Der Vorhang hob sich.

Der Afrikaner folgte mit ärgerlicher Spannung. Das ausgezeichnete Milieu hielt ihn wohl gefangen, aber es war etwas innerlich Unwahres in diesem Konflikt – eine gesuchte Moral, eine gesuchte Tragik. Die Propheten links und der Prophete rechts witterten 299 das auch. Es giebt kein preußisches Offiziercorps, wo sich Kameraden zu einer so schlecht verhehlten Büberei hergeben, und wenn sie es doch thun, so kostet es dem einen den Kragen, dem andern vielleicht den Kopf. Oder sollte eine falsche Kasino- und Kameradschaftsmoral in ihren unmöglichen Auswüchsen gegeißelt werden, so mußte die siegende Kraft eines großen Gefühls die Fesseln sprengen, der Mann, der ein wertloses Ehrenwort brach, mußte zum Schluß der Sieger sein, nicht der Besiegte. Und als kurz vor dem Sterben der Held noch einmal vor das Oelbild des Gefallenen von Wörth tritt, da empfand der Afrikaner diesen Theatercoup mit seiner verlogenen Sentimentalität als den Peitschenhieb, der er ist. Der schwächliche Poseur richtete sich damit selbst, machte sich zu dem Lustspielleutnant, der hier verdammt war, eine tragische Figur zu spielen.

Der Vorhang fiel. Die Taschentücher wurden wieder andächtig zusammengefaltet. Die Leutnants erhoben sich zuerst.

»Na, Jott hab' ihn selig!« sagte ganz laut der Verbissene. »Der Kerl hat als Junker einen zu guten Compagniechef gehabt. Jeden Tag drei Stunden langsamen Schritt in der Sonne mit gepacktem Affen – da würde ihm das schon vergangen sein.«

»Na nu – aber 'n bißchen frei weg, Grobitzsch! Ich will die Stechelberg noch abfahren sehen.«

Der Afrikaner ließ sich von der Menschenwelle gemächlich hinaustragen. Unten fuhr gerade eine Equipage ab. Ein Frauenkopf mit einem Spitzenshawl beugte sich grüßend heraus. Er konnte das Gesicht nicht mehr erkennen, aber nach den tiefen Verbeugungen der beiden Leutnants mußte es wohl die schöne Markgräfin sein . . . Er blieb auf dem Platze stehen. Die Menge verlief sich rasch. Aber er wollte noch nicht nach Hause, er war auf einmal unheimlich wach. In 300 der einen Stunde war an ihm so viel vorübergerauscht, wie es nur einer begreifen kann, der jahrelang in der Wildnis gelebt, wie er, und ein Schicksal gehabt hatte, wie er. Erst jetzt, wo die Komödie vorüber, kam das dumpfe Spannungsgefühl nach, das sie geweckt. Er war wieder mit einem Schlage in der Welt, war wieder er selbst. Er begann langsam den Platz auf und ab zu gehen wie ein Posten. Das braune Holzhaus war so tot, so einsam – das Stück, das ihn im Grunde nur empört hatte, war ja aus. Aber die Gedanken und Gefühle der Vergangenheit kamen um so zudringlicher gekrochen. Er studierte noch einmal wie geistesabwesend den Theaterzettel, dann sagte er laut zu sich: »Wenn einer keine Ehre mehr hat, ist es dann anständiger zu leben oder zu sterben?«

Vor sechs Jahren hatte jemand vor derselben Frage gestanden – und das Leben verlangte sein Recht.

Wenn Gefühle, die so lange geruht, sich wieder regen . . . Wenn eines Tages auch die Toten wieder erwachen.

Er hatte sich eine Zigarette gedreht. Er wollte noch gehen, grübeln, aber fern von der Welt, fern von der Möglichkeit, irgend einem Menschen zu begegnen. Er ging dieselbe tote Straße zurück, die ihn hierher geführt, bis zu einer alten Steinbrücke. Vor der bog er ab. Es war die Ladenpromenade des Weltbades, Bazar an Bazar. Aber die Verkaufshallen, die Tages sich sehr lockend beim Schauen machten, waren jetzt nur geschlossene Holzbaracken – ein Bild grämlicher Oede und Verlassenheit. Weiterhin schlängelten sich schmale Laubwege, vom weichen Wiesenduft überhaucht. Zur Linken die Saale, die hier tief und träge zwischen Binsen und Ufergebüsch dahinfloß. Das Wasser blinkte auf, verschwand, blinkte wieder auf. Es lockte . . . Der Mann, der in tiefen 301 Gedanken dahinschritt, sah nichts. Er dachte die letzten zehn Jahre seines Lebens noch einmal durch.

Carl Frederick von Henk, Leutnant im Kürassierregiment Nr. 11. Grenzgarnison, armselige Kavalleriezulage, aber keinen Pfennig Schulden. Conduite tadellos, zur Kriegsakademie eingegeben . . . Ein Jahr später, wegen verfallener Ehrenscheine aus der preußischen Armee mit schlichtem Abschied entlassen. Seitdem waren sechs Jahre vergangen. Die Welt hatte den Mann vollständig vergessen und der Mann die Welt beinahe auch. Jetzt war die Vergangenheit wieder da. Ganz nah, ganz jung, mit kalten, scharfen Umrissen stand sie vor ihm. Er sah ihr brennenden Auges ins nüchterne Alltagsgesicht. Er blätterte dies Lebenskapitel durch und schonte sich nicht. Es hatte alles seine Richtigkeit. Nur über dem letzten, dem Unglücksjahr, lag ein grauer Dunst, ein unbeweglicher Schleier. Er empfand den Druck dieses Unglücksjahres so lastend wie damals, doch er verstand noch heute nicht, wie er so schnell und so tief hatte sinken können. Aber er wußte genau, daß er, vor dieselbe Situation gestellt, dasselbe Experiment des moralischen Selbstmordes stumpfsinnig wiederholen würde. Es war seine Natur so – eine schwerblütige, unglückselige Natur . . . Und wer kann gegen sich selbst? – Die Gründe, die ihn damals bestimmten, waren lächerlich. Eine verzweifelt ernsthafte Liebelei – wer kommt nicht über solche Jugendillusion hinweg? . . . Die Nichteinberufung zur Akademie – für einen tüchtigen Offizier giebt's doch noch andre Wege; und sein sehr wohlwollender Oberst gedachte ihn durch den Regimentsadjutanten sofort zu entschädigen. Aber der vierundzwanzigjährige Leutnant hatte mit einem Male die Lust verloren, den Elan. Ihn überkam eine Gleichgültigkeit, eine Leere, aus der er sich herausreißen wollte, mußte, um jeden Preis. Er trank nicht – und wurde Trinker. 302 Er spielte nicht – und wurde Spieler. Das Ende war leicht vorauszusehen. Er selbst sah's vielleicht am klarsten. Zuletzt kam die Geschichte mit den Ehrenscheinen. Der Oberst, der einen tüchtigen Offizier und anständigen Menschen nicht kaltdienstlich preisgeben wollte, versuchte das Aeußerste. Er nahm seinen Adjutanten nach dem Regimentsexerzieren beiseite.

»Henk, das und das liegt gegen Sie vor. Es ist ein Skandal! Aber obgleich es mir dienstlich mitgeteilt worden ist, will ich es noch einmal als Privatsache betrachten. Können Sie bezahlen?«

Carl Frederick von Henk machte die Anstandspause, klappte vorschriftsmäßig mit den Sporen zusammen und sagte, die Hand am Helm: »Nein, Herr Oberst.«

»Henk, überlegen Sie! Denken Sie an Ihre verstorbenen Eltern – an Ihren Vater, der diese Kavalleriebrigade geführt hat! . . . Was ich thun kann, will ich auch pekuniär für Sie thun. Ich mache mich schon jetzt direkt strafbar. Henk, es muß einen Ausweg geben! Es ist doch keine Riesensumme . . . Haben Sie nicht 'nen reichen Verwandten? Oder versuchen Sie noch einmal das Aeußerste bei diesem verfluchten Halsabschneider . . . Henk, ein Mensch wie Sie! Der reine Jammer! . . . Es ist ja nicht der Rock allein, den wir alle einmal ausziehen müssen, es ist, wie Sie ihn jetzt ausziehen. Also, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, obgleich es mir den Kragen kosten kann. Es wird und muß gehen!«

Der Adjutant hatte mit eingepreßten Lippen und eingekniffenen Augen dagestanden. Er hob wieder die Hand zum Helm und antwortete verbissen: »Ich bitte den Herrn Oberst, schon jetzt meine dienstliche Meldung entgegennehmen zu wollen. Ich werde weder morgen noch je in der Lage sein, die Ehrenscheine einzulösen.« 303

Der Oberst starrte finster auf die Erde. »Sie wollen's also nicht anders . . . Herr Leutnant von Henk, Sie sind bis auf weiteres von jedem Dienste dispensiert und haben sich in Ihrer Wohnung aufzuhalten.« Nochmals kehrte der alte Herr zurück. »Lieber Henk, Sie sind uns allen ein musterhafter Kamerad gewesen, und das Regiment wird Ihr Andenken trotz alledem in Ehren halten . . . Sie wissen doch . . .«

»Jawohl, Herr Oberst.«

Er hatte die Ehrenscheine nicht eingelöst, obgleich sein alter reicher Onkel den letzten Henk in solcher Not wohl nicht verlassen hätte. Er hatte sich nicht erschossen, obgleich er die geladene Pistole schon in der Hand hielt. Im letzten Moment entschied ein instinktiver Starrsinn, ein Henk'scher Trotz, der hier dem sicheren Todeskandidaten zuraunte: ›So weit bist du noch nicht! Wer sich erschießen will, muß auch zum Abschuß reif sein . . .‹ Das Regiment dankte ihm diese Sinnesänderung nicht. Aber der letzte Henk biß sich da drüben durch, unter Hunger und Kummer, – aber er biß sich durch.

Und jetzt konnte der Zurückgekehrte mit Stolz sagen, daß nur die Besten so mutig ausgehalten wie er. Er war über den Berg, er war wieder er selbst. Das fühlte er in dieser Stunde sehr genau.

Dennoch – war es Fieber, Ueberanstrengung? – mit jedem Schritte wurde ihm der Fuß schwerer, bis er die Bleigewichte nicht mehr zu schleppen vermochte und todmatt auf eine Bank niedersank. Es war vor einem großen, weißen, toten Hause, das so leblos wie ein verwunschenes Schloß hier im Grünen lag. Ein Gutshaus? Die berühmte Saline? – Dem Mann war das sehr gleichgültig. Der Kopf wirbelte ihm, er fühlte Hände und Füße eisig kalt werden, die Schläfen siedend heiß. Plötzlich ermannte er sich, horchte, richtete sich auf. Aus dem Vestibül des 304 toten Hauses kam ein Wispern, Raunen. Es plätscherte, murrte – bald wilder, bald sanfter. Eine geheimnisvolle, fremde Musik, die aus den Tiefen der Erde zu quellen schien. Der Fiebernde wandte sich nach der Seite. Durch die Glasthür sah er aus dem Dunkeln etwas hervorschimmern: eine blinkende Masse, ein seltsam geformter Käfig. Daher rauschte es. Der salzige Springquell, der Jugendbronnen, der schon so vielen Gesundheit und Hoffen wiedergab! Jetzt erkannte ihn auch der Mann. Er hatte von der Solquelle in seinem Reisehandbuch unterwegs gelesen, unsagbar nüchtern, sachlich. Jetzt in der Stille der Nacht, in der Todeseinsamkeit dieses Hauses, mutete ihn der wirbelnde Quell wunderbar an – magisch lockend. Er stand auf und klinkte an der Glasthür. Sie war verschlossen. Er hatte sich über den Strudel beugen wollen, hineinsehen. Er setzte sich wieder, blickte umher. Dies Leben aus der Tiefe regte ihn auf. Er horchte, horchte . . . Es wirkte wie ein Zauber, daß die tote Erde da unten so unaufhörlich wallte und webte. Wenn sie sich jetzt öffnete, wenn er hineinschauen könnte in dies Erdenrätsel, das uns stumm gebiert, stumm in seinen Schoß zurückzieht? . . . Die dunkeln Bäume vor ihm begannen zu schwanken, der Himmel senkte sich. Er kannte das. Es war der Fieberanfall. Und dazwischen vernahm er deutlich den Strudel, das Wispern, das Locken. Der Laut gewann eine schreckliche Macht über ihn! – Er stand wieder auf, taumelnd. Er wollte den Strudel sehen, er mußte. Er drückte mit aller Macht gegen die Thür. Sie gab nicht nach, sie stöhnte nicht einmal, so fest war sie gefügt. Da ließ er den Griff los und schwankte zurück. Es war wie ein widerwilliges Fliehen. Er wußte, daß er eine Viertelstunde später die Fenster zerschlagen, das Holz zertrümmert, den Eingang erzwungen hätte – eine von den Deliriumsthaten, die man bewußt 305 thut, thun muß . . . Er taumelte weiter, weiter – über eine Brücke weg, zwischen Aehrenfeldern hindurch. Endlich blieb er stehen, er konnte nicht mehr. Und wieder horchte er sehnsüchtig. Der Quell schwieg. Nur Insektengezirp im Korn. Da atmete er erleichtert auf. Er fühlte den Kopf freier werden, kühler. Das Blut strömte warm in Hand und Fuß.

Er war wohl noch sehr matt, aber er konnte doch wieder wie ein vernünftiger Mensch gehen: »Es wird schon werden!« sagte er beruhigend zu sich selbst. »Am Ende ist Kissingen doch das beste.« Und er dachte vertrauend an den guten, starken Heilquell seines Buches.

Aber erst, als er weit von der Saline war, auf einer feucht staubigen Chaussee am dunkeln Waldesrand, wagte er sich umzusehen. Nur undeutlich schimmerte noch die weiße Fassade des Badehauses mit dunkeln Gebäudekomplexen von seltsamer Form dahinter. Ein roter Fabrikschornstein ragte in den hellen Nachthimmel. Es lag alles so warm und friedlich in dem langen, anmutigen Thal. Sanft stieg der Laubwald zu den lieblichen Höhen. Ueberall Ruhe, Schlummer, weiche Juninacht . . . Hier würde er gesund werden, ganz gewiß. »Man muß nur wollen!« Er redete laut zu sich wie ein gesunder Erwachsener zu einem kranken Kinde. Glaubte er das wirklich? Er blieb wieder so merkwürdig lange auf der weißen Chaussee stehen, schaute suchend nach allen Seiten. Ueberall Wald, Höhen, die schlummernde Stadt inmitten. Einmal atmete er schwer auf. Dies Thal drückte ihn. Es war ihm einen Augenblick, als wenn die Bergketten auf ihn zu kämen, ihn umringten, einhegten zur letzten Wunde . . . Wer so lange in afrikanischen Weiten gelebt hat, fern von allem, was dem Thal hier lieb und heilig! Ein heißes Heimweh wollte ihm aufzucken nach der echten Einsamkeit, der echten Wildnis. 306

Aber er schüttelte nur den Kopf und ging weiter.

In die Stadt zurückgekehrt, mußte er lange nach seinem Hotel suchen. Endlich wies ihm ein Nachtwächter den Weg. Es lag vornehm abgelegen am Waldeshang; auch ein großes, weißes, totes Haus. Durch den parkartigen Vorgarten stieg ein breiter Kiesweg bis zum Portal. Es duftete feucht nach gesprengten Blumenrabatten, und Laurusgebüsch blickte matt. Der Afrikaner war ärgerlich. Der Hamburger Herr, der ihm unterwegs diese Villa als billig empfohlen hatte, mußte entweder in sehr guten Vermögensverhältnissen sein, oder er war sehr lange nicht mehr in Kissingen gewesen. Ein Hotel für reiche Leute! Was hatte ein vom Schicksal Enterbter da zu suchen? . . . Die Hausthür war geschlossen. Aber durch das schmiedeeiserne, vergitterte Glas sah ziemlich armselig eine einzige elektrische Flamme. Der Afrikaner klingelte. Von einem Diwan im Vorraum fuhr der verschlafene Portier auf.

»Ich habe mein Handgepäck hierher geschickt.«

»Jawohl, Herr Baron. Es steht auf Ihrem Zimmer. Es ist allerdings ein kleines Zimmer im zweiten Stock, nach hinten 'raus, das wir nur ausnahmsweise abgeben. Das Haus ist ganz besetzt . . . Aber es wird bald wieder ein besseres frei.«

»O, das ist nicht nötig!« unterbrach der Afrikaner kurz. »Das Zimmer wird mir schon genügen.«

Während sie sprachen, drehte der Portier die andern elektrischen Flammen auf, und das kleine Vestibül strahlte in einem freundlich eleganten Lichte. Die Fremdentafel in der Ecke mit ihren weißen Karten leuchtete. Der Afrikaner sah flüchtig hin. Vornehme oder reiche Leute offenbar, die Namen in sorgfältigster Schrift, wie gestochen.

»Sie haben wohl meinetwegen aufbleiben müssen?« 307

»O, das thut nichts, Herr Baron! Erlaucht kam gestern noch später.«

Der Afrikaner räusperte sich und trat in den teppichbelegten Korridor.

»Wollen Herr Baron sich nicht einschreiben?«

»Muß es gleich sein?«

»Durchaus nicht! Es ist nur wegen der polizeilichen Meldung.«

Der Afrikaner ging dennoch langsam zurück nach dem Diplomatenschreibtisch, wo das große Fremdenbuch auslag. Er tauchte die Feder ein, zögerte einen Augenblick, während er sich scheinbar zerstreut im Vorraum umsah. Dann schrieb er rasch: Carl Frederick.

Der Portier, der zugeschaut hatte, bemerkte höflich: »Sie müssen aber auch die übrigen Rubriken genau ausfüllen für die Kurliste.«

»Ach so!« Und er fügte noch gewissenhaft langsam hinzu: Kaufmann, Englisch-Ostafrika. »Das genügt doch?«

Der Portier verbeugte sich leicht. »Jawohl, Herr Frederick, das genügt.« Dann führte er den Gast auf sein Zimmer.

Es war ein sehr kleines, aber sauber elegantes Gemach mit großem Bett und schneeweißen Bezügen. Das ärmliche Handgepäck stand auf einem Stuhl. Von der zerfaserten Plaidrolle hob sich mit schäbiger Aufdringlichkeit die siebenzinkige Krone ab. Der Afrikaner war im Zimmer stehen geblieben. Auch er sah die schäbige Krone, und ihr Anblick that ihm weh. Er sagte halblaut und langsam: »Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich meinen anständigen Namen verleugne . . . Ich bin nicht schlechter als andre. Und doch habe ich die sichere Empfindung, daß ich eben etwas Richtiges that . . . Merkwürdig! Ich habe doch so vieles hinter mir – und auch vielleicht zum ersten 308 Male fühle ich, daß mein anständiger Name mir thatsächlich nicht mehr gehört.«

Er ging ein paarmal im kleinen Zimmer auf und ab. Es war ein eleganter Käfig, und sein Bewohner hatte etwas von einem gefangenen Tier, wie er so wanderte. Vor dem Spiegel blieb er stehen. Er sah aus wie andre Menschen, nur das Profil geschärfter, die Augen flackernder. Plötzlich fuhr er sich mit der Hand nach der Stirn: »Warum mußte ich die Ehrenscheine verfallen lassen?! Es war, weiß Gott, nicht nötig!« Er preßte die Faust in die Augen und röchelte vor sich hin: »Warum – warum?!«

Als er die Hände vom Gesicht nahm, begann er zu zittern. Aus dem dunstigen, verschwommenen Grau des Spiegels löste sich wie aus Wolken ein Frauenkopf mit einem süßen Lächeln. Es war eine Vision des Fiebers.

»Das Prinzessinlächeln! . . . Ja, ja, ich weiß, ich weiß . . . O, warum suchst du mich auch noch heim!«

Der Fieberschauer schüttelte ihn. Er warf sich halb angekleidet aufs Bett. »Herr Gott, thu mir das nicht noch an – das nicht!«

Die Sinne schwanden ihm. Er fiel in schweren Schlaf.



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