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Sechstes Kapitel.
Rundherum

1927–1928

Der New-Yorker Verleger Horace Liveright war eigentlich an allem schuld. Er hatte die amerikanische Ausgabe meiner »Kindernovelle« (»The Fifth Child«) herausgebracht und hielt es nun für eine smarte Idee, den jungen Autor für ein paar Vorträge in die Vereinigten Staaten einzuladen. Der Brief, den ich von Boni & Liveright, Incorporated, erhielt, war in einem herzlichen, aber unverbindlichen Ton abgefaßt – nur eine Anfrage, ob ich im Prinzip bereit wäre, irgendwann einmal, nächstes Jahr vielleicht, für ein paar Wochen nach New York zu kommen.

Ich hatte nie an eine solche Reise gedacht und war zunächst kaum geneigt, Mr. Liverights Vorschlag ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Erst einige Wochen nach Empfang des Briefes kam mir die Sache wieder in den Sinn.

Es war eine tropisch warme Nacht Mitte August. Erika und ich spazierten an den malerischen Ufern des Starnberger Sees, nicht weit von Feldafing. Wir lebten damals mit Freunden in einem bescheidenen Hotel auf dem Land. Jede Nacht fuhr Erika dort hinaus, sobald sie mit ihrer Vorstellung an den Münchener Kammerspielen fertig war.

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist«, klagte sie. »Alles geht nach Wunsch, aber ich habe keinen Spaß daran.« Es gab ein Schweigen, ehe sie hinzufügte: »Der Starnberger See ist hübsch, kann so bleiben. Aber ich will nicht bleiben. München ist hübsch, und es spielt sich nett an den Kammerspielen. Aber ich wär lieber anderswo. Zehntausend Meilen weg von hier …«

»Gar keine schlechte Idee«, sagte ich. »Es gibt genug Dinge, vor denen man davonlaufen möchte.«

Ich dachte an meine häßlichen Kritiken und an meine kapriziöse Braut. Erst vor ein paar Tagen hatte Pamela mir mitgeteilt, ohne Umschweife, in sachlich knapper Form, daß sie den alternden Dramatiker Carl Sternheim liebe und ihn in absehbarer Zeit zu ehelichen gedenke. Was für eine barocke Laune! Zwar ließ sich nicht bestreiten, daß Sternheim Talent, Witz und Originalität besaß; aber gleich heiraten! Schließlich hätte er Pamelas Vater sein können (gefiel ihr das gerade?) und übrigens war er bekanntlich total übergeschnappt: sein Größenwahn fiel allgemein peinlich auf.

»Vielleicht hatte der Ricki gar nicht so unrecht«, meinte ich versonnen. »Vielleicht sollte man wirklich in die weite Welt hinaus …«

Ricki hatte sich auf und davon gemacht. Weg von Europa, weg von der Familie, dem gewohnten Leben. Launenhafterweise refüsierte er jegliche finanzielle Hilfe von seiten seiner immer noch wohlhabenden Mama. Aus Trotz und Stolz, und vielleicht auch, um seine grausame Freundin, die ihn so viel Geld gekostet hatte, zu strafen und zu beeindrucken. In Mexiko hatte er sich als Lastwagenführer durchgebracht; jetzt trug er in New York Blumen aus.

A propos New York … gab es nicht dort einen Kauz, der kürzlich den Wunsch geäußert hatte, mich am Hudson zu bewillkommen? Warum sollte ich seine freundliche Einladung nicht akzeptieren? Oder vielmehr, warum sollten wir nicht? Denn es stand für mich von vorneherein fest, daß wir zusammen fahren würden, wenn überhaupt.

Kurz entschlossen formulierten wir eine energische Kabel-Botschaft an den nichtsahnenden Mr. Liveright: »Entzückt von Ihrer freundlichen Einladung, die mich erst jetzt erreicht stop bin bereit in etwa vier Wochen mit meiner Schwester, bekannte Schauspielerin Erika Mann, nach New York abzureisen stop beabsichtigen Winter in USA zu verbringen …«

Horace, nach kurzer Pause, kabelte zurück: »Bedaure unendlich, daß Sie sich nicht früher entschließen konnten stop season now overcrowded stop rate dringend, Reise auf nächstes Jahr zu verschieben.«

Aber wir waren schon zu weit gegangen: all unsere Freunde wußten von unserer bevorstehenden Reise; es wäre blamabel gewesen, das ganze Unternehmen jetzt noch abzublasen. So blieb uns denn nichts anderes übrig, als ein zweites Kabel loszulassen, noch munterer als das erste: »Tausend Dank … es bleibt also dabei … erwarten Sie uns Anfang Oktober New York.«

Im Büro von Boni & Liveright, Inc., muß man völlig konsterniert gewesen sein. Indessen fand man wohl unsere Frechheit so entwaffnend, daß der Chef des Hauses, anstatt sich gänzlich von uns abzuwenden, weiter interessiert und hilfsbereit blieb. Er setzte sich mit einem der einflußreichsten Vortragsagenten in Verbindung. Überraschenderweise nicht ohne Erfolg. Der tollkühne Impresario erklärte sich bereit, eine Tournée für uns zu arrangieren und offerierte eine Minimalgarantie von fünfzehnhundert Dollar. Es war über alles Erwarten. Erika kaufte sich sofort ein Pelzcape, – eine unbesonnene und provokante Geste, die ich aus taktischen und moralischen Gründen mißbilligte. »Übrigens wirst du es nicht lang behalten«, warnte ich sie. »Das Ding wird dir geklaut. Wahrscheinlich noch ehe wir in New York ankommen. Pelzmäntel sind genau das, worauf die internationalen Gangster immer am schärfsten sind.«

Wir sammelten Vorschüsse von Zeitungsredakteuren (denn natürlich würde man unterwegs zahlreiche Artikel schreiben) und Empfehlungsbriefe von unseren Freunden. Es stellte sich heraus, daß beinahe jeder ein paar Cousins irgendwo in den Vereinigten Staaten hatte; übrigens konnte man auch schon in München und Berlin amerikanische Bekanntschaften machen. Unsere Freundin Christa Hatvany (die später unter ihrem Mädchennamen, Christa von Winsloe, als Autorin des Stückes »Mädchen in Uniform« berühmt wurde) stellte uns ihrem Hausgast vor: »I want you two kids to meet my friend Dorothy Thompson, one of the most brilliant American newspaper women!« Dorothy – wie strahlend jung und schön sie damals war! – konnte es nur zu gut verstehen, daß wir geschwind ein bißchen nach New York fahren wollten. »Recht habt ihr, Kinder!« ermutigte uns die forsche Person. »Junge Leute sollen sich umschauen in der Welt. Und übrigens werdet ihr euch glänzend amüsieren.«

»Ihr werdet es scheußlich finden!« prophezeite ein anderer »Yank«, ein rothaariger, sehnig hagerer Bursche namens Sinclair Lewis. Wir verbrachten einen munteren Abend mit ihm in der Berliner Wohnung des Verlegers Ernst Rowohlt, der die Angewohnheit hatte, Wasser- und Schnapsgläser mit Stumpf und Stiel zu verzehren, im Gegensatz zu seinem amerikanischen Autor, der es vorzog, Wassergläser mit Schnaps zu füllen und sich den Inhalt in einem Zug hinter die Binde zu gießen. Er war ausgesprochen gegen unsere Reise. »Was wollt ihr in diesem furchtbaren Land, wo's nichts zu trinken gibt oder nur schlechtes Zeug?« grollte der Verfasser von »Babbit« und »Main Street«, »Solange wir in den Staaten diese lächerliche, verbrecherische ›Prohibition‹ beibehalten, sollte die ganze zivilisierte Welt uns boykottieren.«

Aber wir blieben bei unserem Vorhaben. Es bestand für uns gar kein Zweifel darüber, daß wir es drüben nicht scheußlich finden, sondern uns vielmehr glänzend amüsieren würden. Die flotte Dorothy hatte mehr Welt- und Menschenkenntnis als der provinzielle Sinclair – weshalb dieser sich auch in den Kopf gesetzt hatte, jene zu seiner Frau zu machen.

Wir reisten, »and we certainly had a wonderful time«, wie die zukünftige Mrs. Lewis sich ausgedrückt haben würde. Wir waren zwanzig; die Welt lachte uns, da wir ihr entgegenlachten. Wie gastfreundlich erschien uns die Fremde! Überall gab es offene Türen, freundliche Gesichter. Zwei Jahre später, zur Zeit der großen »Depression«, hätten die amerikanischen Freunde uns wohl mit zugeknöpften Taschen und sauren Mienen empfangen; aber 1927 herrschte noch »Prosperity« in den Vereinigten Staaten, jedermann hatte Geld; Geschäft und Kultur florierten. Spielte nicht ein wohlwollend sattes Lächeln um die stolzen Züge der »Statue of Liberty«? Aus silbernem Nebel trat sie uns entgegen, die imposante Dame mit majestätisch gerecktem Arm und mütterlichem Busen. Hinter ihr aber erschien, eine Fata Morgana von schwebender Zartheit und titanischen Dimensionen, die Silhouette der Wolkenkratzer, die vielgerühmte und doch immer wieder erstaunliche, unglaubliche, überwältigende »Sky-line« von New York.

Dies war die Stadt, die ich von allen Städten (nach oder neben Paris) am meisten lieben sollte. Ich wußte es gleich, als wir vom Hafen zum Hotel Astor am Times Square fuhren. Wenn Paris die vollkommene Stadt des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ist, New York wirkte auf mich sofort als die vollkommene Metropole des zwanzigsten, die Kapitale unserer Epoche. Es war eine neue Schönheit – fast gotisch mit ihren steil nach oben strebenden Konstruktionen und engen Perspektiven –, die mich hier frappierte; ein kühn experimenteller, nüchtern grandioser Stil, der mir den Atem benahm und mein Herz höher schlagen ließ.

»Aber das ist kolossal!« brachte ich mühsam hervor. Wir waren jetzt auf der Zweiundvierzigsten Straße zwischen der Achten Avenue und Broadway, mit dem Blick auf das gewaltig getürmte, seltsam dreieckige, spitz zulaufende Gebäude der »New York Times«. »Nein, so was!« flüsterte ich. »Daß es so etwas gibt …!«

Es muß recht komisch geklungen haben; alle lachten: Ricki, der uns am Landungskai erwartet hatte (er sah verwilderter und zigeunerhafter aus denn je) und die lustigen, adretten jungen Herren, die das Haus Boni & Liveright, Inc., und das Büro des »lecture agent« repräsentierten.

Und dann, im »Astor«, brüllten die Journalisten vor Lachen, als wir ihnen erzählten, daß Sinclair Lewis uns vor der Reise gewarnt habe wegen der Prohibition (»Ha ha ha, that's a good one!«) und daß wir begierig seien, amerikanische Dichter kennenzulernen und Brooklyn Bridge und die Metropolitan Oper zu sehen, und daß wir Zwillinge seien, Erika und ich. (»Twins?! Now, isn't that delightful!«) Der Zwillings-Trick war eine kecke Improvisation; der Einfall war uns vor ein paar Tagen erst gekommen, inmitten des Ozeans hatten wir uns die Überraschung ausgedacht. Der Erfolg übertraf unsere kühnsten Erwartungen. The Literary Mann Twins war der fettgedruckte Titel, unter dem unsere Photographien und Interviews in der Presse erschienen. Jedermann schien gerührt und entzückt, wenn wir unseres Zwillingstums Erwähnung taten. »Twins?! How cute! How charming!« Wir waren ein spaßhaftes Doppelwesen, ein drollig-impressives Wunderkind mit zwei Köpfen, vier Beinen und einem Hirn voll europäischer Kapricen und ausgefallenem Wissen – »full of Continental wit and sophistication«.

Die Literarischen Mann-Zwillinge stürzten sich in die Erforschung des kolossalen Labyrinths und lärmenden Mysteriums New York City. Wir wanderten von Harlem, wo die Neger wohnen, bis hinunter nach Wall Street, wo die sündigen Spekulanten an südamerikanischen Revolutionen und europäischen Bürgerkriegen schwere Dollars verdienen; von der Chinesenstadt spazierten wir zum deutschen Viertel, vom Times Square fuhren wir in der unheimlich geschwinden »Subway« (»Downtown-« oder »Uptown-Expreß«) nach Brooklyn und der Bronx, wildfremden Riesenstädten mit eigenem Zentrum, eigener Atmosphäre, die aber doch mit Manhattan zusammen ein verwirrend kolossales Ganzes bilden.

Wir fanden alles sehenswert und lustig. Der eilige Fraß in den lauten »Cafeterias«, wo man sich selbst bedient, schmeckte uns ebenso gut wie die exquisiten Mahlzeiten in unserem Luxushotel oder im Hause von reichen Freunden. Wie interessant war doch das Essen in Amerika! Es gab seltsame Früchte, »Grapefruit« genannt, ein schmackhafter Zwitter aus Zitrone und Orange, die man bei uns zulande noch nicht kannte; Austern, die in Europa als Gipfel des Luxus galten, waren hier Volksnahrungsmittel; statt des gewohnten Weines oder Biers wurde zum Braten Kaffee mit Eiswasser serviert. Überhaupt war alles geeist, was uns sehr imponierte: ein Glas Pflaumensaft – wer hatte je von Pflaumensaft gehört? – wurde zur Delikatesse, wenn man es in einer übertrieben geräumigen Schale voll kleiner Eiswürfel kredenzte. Wir aßen chinesisch, armenisch, mexikanisch und oberbayerisch; wenn wir uns beim »lunch« an einem echt ungarischen Gulasch gelabt hatten, wollten wir zum »supper« ein echt italienisches Risotto oder ein echt indisches Reisgericht. In Manhattan läßt eine kulinarische Weltreise sich ohne jede Schwierigkeit durchführen. Eine Möglichkeit, von der wir denn auch enthusiastisch Gebrauch machten.

Die großen Blicke von den Dachgärten der Wolkenkratzer waren wundervoll; wundervoll war es in Coney Island, dem überdimensionalen Lunapark, wo der Radau ohrenbetäubender, die Rutschbahnen gefährlicher, die Zwerge kleiner und die Riesen größer sind als irgendwo in Europa. Das Metropolitan war eindrucksvoll und die Metropolitan Oper auch nicht zu verachten. Nicht als ob Madame Jeritza als Carmen sich mit meiner Luise Willer hätte messen können aber dafür hatten die Damen in den Logen hier viel schönere Pelze und Perlencolliers als im guten alten Münchener Staatstheater.

Aufregender als die dicke Jeritza mit ihrer weltberühmten, aber etwas reduzierten Stimme waren die begabten, selbstbewußten und vorbildlich gewachsenen jungen Damen, die sich in den populären »Burlesque Shows« vor einem Publikum von grölenden Männern mit virtuoser Langsamkeit entkleideten. Noch besser als die »Burlesque Shows« gefiel uns ein Schauerstück namens »Graf Dracula«, in dem es uns vor allem der unheimliche Doktor angetan hatte. Er sollte das liebe Fräulein Lucy von ihren Schwächezuständen kurieren, obwohl doch gerade er es war, der schauerliche Arzt, den man für den herabgeminderten Zustand der armen Jungfer verantwortlich machen mußte. Tagsüber wirkte er recht würdig und gelahrt, neigte sich wohl auch mit heuchlerischer Anteilnahme über die Leidende, um sich zu erkundigen: »And how is our patient today?« Dabei klang sein Akzent freilich schon unheilverkündend exotisch, was noch mehr auffiel, wenn er selbst, nicht ohne ein fatales Lächeln, die besorgte Antwort gab: »Our dear Miß Lucy looks very tired this morning.« Kein Wunder! Denn in der vergangenen Nacht hatte das beklagenswerte Fräulein höchst gräßlichen Besuch gehabt: ein Geschöpf mit schwarzen Flügeln und grinsendem Maul war zu ihr in die Stube geflattert und hatte der von Grauen Gelähmten das Blut aus den Adern gesogen. Man errät die Identität des Vampyrs: es war der Hausarzt selbst, der sich um Mitternacht so scheußlich gehen ließ.

»Dracula« war eine Wonne; wir nahmen ihn in den Kreis unserer intimsten Mythen auf, dergestalt, daß ich heute noch meine liebe Schwester gern »my dear Miß Lucy« nenne, besonders wenn sie müde oder anämisch wirkt und ich sie vor beflügelten Blutsaugern warnen möchte.

Den stärksten von allen theatralischen Eindrücken aber verdankten wir einer Negertruppe, die damals im Rahmen der hochliterarischen »Theatre Guild« Gershwins musikalisches Drama »Porgy and Beß« präsentierten. Die Neger, so empfand ich, besaßen, was der amerikanischen Bühne um jene Zeit völlig fehlte und ihr auch heute noch meistens abgeht, einen echten, spontanen, aber doch bewußt entwickelten und konsequent festgehaltenen künstlerischen Stil. Das Broadway-Theater in den zwanziger Jahren schien fast unberührt von den Tendenzen und Experimenten, die das europäische Drama seit dem Naturalismus geprägt und beeinflußt hatten. Es gab, am Broadway, weniger Prätentionen und Konfusionen als im Berlin der expressionistischen und nach-expressionistischen Ära; aber es gab auch weniger Phantasie, weniger geistigen Ernst und leidenschaftlichen Einsatz. Das Theater war hier nicht als »geistige Erziehungsanstalt« gemeint, sondern diente der Unterhaltung – noch ausschließlicher und offenkundiger, als dies in Paris und London der Fall war. Die Neger jedoch – und nur sie! – unterschieden sich von routinierter Eintönigkeit einer massiv-finanzierten, glatt-funktionierenden Vergnügungsindustrie; die Neger hatten Temperament, Witz, Rhythmus, Pathos, Komik, Zärtlichkeit; die Neger boten etwas essentiell Neues – eine zugleich urwaldhaft primitive und weltstädtische raffinierte Kunst, die mich, eben durch ihre exotische Originalität, ebenso erregte und faszinierte wie die kühne Architektur der Brücken und Wolkenkratzer.

Leider gab es keine »colored people«, keine Farbigen unter den vielen Bekanntschaften, die wir während dieser ersten Wochen auf amerikanischem Boden machten. Das Rassenvorurteil – wenngleich an der atlantischen Küste sehr viel milder oder doch weniger auffällig als etwa in den Südstaaten – bleibt doch auch in New York stark genug, um einen sozialen Kontakt zwischen Schwarz und Weiß fast unmöglich zu machen. Abgesehen von diesem Manko aber (das ich schon aus moralisch-prinzipiellen Gründen als störend und sogar beleidigend empfand) ließ unser Verkehr an Buntheit nichts zu wünschen übrig. Wir hatten Umgang mit feinen Leuten, mit Bohémiens und schließlich auch mit einem gewissen Typ von rauhbeinigen, aber lustigen jungen Leuten, die in ausgefransten Hosen bei uns im »Astor« anrückten und unwahrscheinliche Mengen von belegten Broten zu sich nahmen.

Diese immer hungrigen, immer zuversichtlichen und einfallsreichen Burschen von gemischter Nationalität – ein Menschenschlag, der sehr wesentlich und charakteristisch zum Stadtbild New Yorks gehört – waren die Freunde Rickis, der seinerseits noch immer als Laufbursche in einem Blumengeschäft tätig war. Die Bezahlung war schlecht, so erschreckend schlecht in der Tat, daß er sich, vor unserer Ankunft, oft die fünf Cents für die Untergrundbahn oder für eine Briefmarke nicht hatte leisten können. Unser Ricki – der verwöhnte, exzentrische Ricki aus der opulenten Villa am Isarufer – hatte gedarbt, Entbehrungen durchgemacht: man sah es ihm an, er war mager geworden, und die Züge hatten eine neue Schärfe. Dergleichen gab es also in dieser reichen, stolzen Stadt New York. Die Stadt der »Prosperity«, die Stadt der Hochhäuser, der Ziegfeld-Girls und geeisten Austern – sie war also auch eine Stadt des Hungers und der Not.

In den Bohème-Zirkeln, zu denen wir Zugang fanden, war freilich von Not nichts zu spüren. Man logierte in einem etwas italienisch anmutenden Viertel, »Greenwich Village« genannt, das fast ausschließlich aus behaglichen »Studios« (Ateliers) und »speakeasies« zu bestehen schien. Das »speakeasy«, ein Lokal, wo (angeblich oder im Prinzip) leise gesprochen wurde, weil es dort verbotenen Wein und Schnaps zu trinken gab, war eine sehr wichtige Institution im Amerika der »Prohibition«-Zeit. Es gab »speakeasies« jeden Stils, in jeder Preislage. Am lustigsten ging es zu, wo die Literaten und Maler verkehrten. Und eben diese Kreise waren es, die wir am intimsten kennenlernten.

Mein Verleger Horace Liveright war ein gewandter, unermüdlich dynamischer Führer durch den farbig amüsanten Dschungel von »Greenwich Village«. Er kannte alle, alle kannten ihn. Horace war mehr als nur ein einflußreicher Verleger (eine Stellung, die ihm an sich schon in diesem Milieu einen gewissen Nimbus verliehen hätte). Er war ein Charmeur, ein Menschenfänger, ein Original oder »a character«, wie die Amerikaner einen solchen Kauz mit belustigter Sympathie zu nennen pflegen.

Horace liebte »parties« – »cocktail parties«, »supper parties«, »theater parties«, »midnight parties«; Gesellschaften waren sein Schönstes. Er nahm uns auf viele mit, aber es schien immer dieselbe: überall die gleichen attraktiven Mädchen mit den gleichen rotlackierten Fingernägeln, dem gleichen verwilderten Haar und dem gleichen elementaren Penchant für starke alkoholische Getränke; überall dieselben vielversprechenden, aber leider noch nicht ganz durchgesetzten Dichter (manche von ihnen sollten sich später durchsetzen – Thornton Wilder, zum Beispiel, dessen Bekanntschaft wir damals machten); überall dieselben Scherze, Klagen und Diskussionen. Man sprach über Liebe (oder vielmehr »sex«), über Alkohol (alles schimpfte auf die »Prohibition«), über Gertrude Stein, die von Paris aus das Denken und den Jargon der New Yorker intellektuellen Avantgarde influenzierte, und über den mächtigen Kritiker H. L. Mencken, der um diese Zeit, als Redakteur des »American Mercury«, mit aggressivem Witz und unbestrittener Autorität sein Szepter schwang.

Wir verbrachten ein paar Abende bei dem großen Mann, der übrigens seinerseits nicht im »Village« wohnte, sondern sein Hauptquartier in einem ziemlich teuren Hotel zwischen Times Square und Fifth Avenue hatte. Er setzte uns einen sehr guten Burgunder vor, schimpfte über Amerika und plauderte über deutsche Literatur. Er hatte während des Krieges Nietzsche übersetzt und sich als Deutschfreund verhaßt gemacht. Wir fanden ihn überraschend sattelfest in den deutschen Klassikern und lebhaft interessiert an allen neuen Versprechen oder Leistungen unserer Literatur. Diese Vorliebe für alles Germanische sollte bei ihm später zur gefährlichen Schrulle werden und ihn, den streitbaren Liberalen, zum Parteigänger des Nationalsozialismus machen. In jenen vergleichsweise unschuldigen und heiteren Tagen aber konnte es uns nur recht sein, daß er unserer Sprache und Kultur ein so intelligentes Wohlwollen entgegenbrachte: unser Gespräch wurde dadurch um so herzlicher und animierter.

Was die »feinen«, will sagen, die sehr-sehr reichen Leute betrifft, so verdankten wir ihre Bekanntschaft unserem kuriosen und charmanten Freund Kommer. Er war in der Tat eine einzigartige Figur – »Rudolf K. Kommer aus Czernowitz« (wie er all seine Briefe mit wunderlichem Stolz unterschrieb), der rundliche, freundlich-reservierte, kluge kleine Literat, der nie etwas publizierte, nie Geschäfte zu machen schien, aber trotzdem auf großem Fuße lebte und mit den Großen dieser Welt auf bestem Fuße stand. In Wien und Salzburg agierte er als der diskrete Mittelsmann zwischen Max Reinhardt, zu dessen Intimen er gehörte, und der internationalen haute finance; in London traf er sich mit Duff Cooper zum Lunch, mit G. B. Shaw zum Tee und mit Winston Churchill zum Dinner; in New York, wo er die Wintermonate im exklusiven Ambassador-Hotel verbrachte, kannte er alles, was gut und teuer war, von den Astors bis zu den Vanderbildts. Der Freund der Millionäre war seinerseits mittellos; niemand wußte, wie er sein kostspieliges Leben finanzierte. Was war das Geheimnis seiner fulminanten gesellschaftlichen Erfolge? Warum wurde dieser wortkarge, dickliche kleine Ostjude von Kreisen akzeptiert, die sich sonst jedem Außenseiter hochmütig verschlossen? Kommer war ein Mysterium, über das man sich auf mancher Cocktail-Party zwischen Beverly Hills und Budapest den Kopf zerbrach; ein Gesellschaftspsychologe vom Range Marcel Prousts hätte aus diesem Kuriosum eine große Figur gemacht.

Der »mystery man« aus Czernowitz nahm uns unter seine Fittiche; er war es, der uns in die großen Häuser einführte, wo die »hostess« unter einem echten Botticelli empfängt und der Five-o'clock-tea unter einem echten Rembrandt serviert wird; zum Beispiel in das Haus des großen Otto H. Kahn, wo Kommer ein regelmäßiger und einflußreicher Besucher war. Mr. Kahn, ein Bankier von fabelhaftem Reichtum, war, soweit ich mich erinnere, der erste Multimillionär, dessen persönliche Bekanntschaft ich machte. Ich fand ihn etwas enttäuschend; wenn nicht die vielen alten Meister an den Wänden gewesen wären, hätte man überhaupt nicht gemerkt, daß man bei einem Halbgott war. Uns fiel auf, daß Mrs. Kahn beim Tee den Hut aufbehielt, obwohl man doch bei ihr zu Hause war – eine gewiß sehr elegante, aber doch nicht besonders kostspielige Marotte, die auch eine Dame von geringerem Vermögen sich leisten konnte. Otto H. – ein moderner Lorenzo de Medici mit silbernem Schnurrbart und einem Wallstreet-Büro – plauderte leutselig über deutsche Literatur (von der er wenig verstand) und über die Metropolitan Oper (die er – ganz nebenbei, mit der linken Hand gleichsam – finanzierte). Wir waren etwas befangen. Der Gedanke an das furchtbar viele Geld, über das dieser freundliche ältere Herr verfügte, wirkte irgendwie lähmend auf uns, zumal wir selber nur noch sieben Dollars und sechzig Cent unser eigen nannten.

Unser Agent gab sich alle Mühe, eine Vortragstournée für uns zu arrangieren, kam aber nicht recht vorwärts. Ab und zu besuchten wir den braven Mann in seinem Büro, wobei uns auffiel, daß seine Miene von Mal zu Mal besorgter wurde. »Our poor Miß Lucy!« flüsterten wir voll Mitgefühl einander zu. »She looks very very tired again!« Der Impresario fürchtete um unseren Verstand, was ihn nur noch schlechter stimmen konnte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne, während wir uns mit Draculas satanischer Stimme erkundigten: »And how is the patient now?« Es muß mörderisch geklungen haben. Er schauderte.

Schließlich hatte er genug von diesem nervenzerrüttenden Spiel und erklärte ohne Umschweife, daß er sich leider außerstande sehe, irgend etwas für uns zu tun. »Wenn nur euer Englisch etwas besser wäre!« jammerte er. »Euer Sprüchlein von ›poor Miß Lucy‹ ist zwar sehr effektvoll, aber doch nicht genug für eine ›lecture-tour‹!« Der Blick, mit dem wir ihm antworteten, muß sowohl mitleiderregend als auch drohend gewesen sein; denn unser Manager beeilte sich hinzuzufügen: »Natürlich bin ich mir ganz klar darüber, daß ich einen Vertrag mit Ihnen habe und daß Sie mich verklagen könnten, wenn ich es mir einfallen ließe, unseren Kontrakt ohne zwingenden Grund zu brechen. Mit solchen Dingen ist hier nicht zu spaßen …«

Wir murmelten, daß man doch unter zivilisierten Leuten zu irgendeinem vernünftigen und fairen Kompromiß gelangen sollte, woraufhin der Brave eifrig nickte: »Eben, eben! Ein Kompromiß … unter zivilisierten Leuten! Versteht sich … lag mir auf der Zunge … Tausend Dollar … scheint Ihnen das angemessen?«

Er stellte einen Scheck aus, melancholisch, aber würdevoll und gelassen. Sein Lächeln war bekümmert, doch nicht ohne Güte, da er uns die Hand zum Abschied bot. »Wann gedenken Sie nach Europa zurückzukehren?« fragte er väterlich.

Nach Europa? Wir waren halb belustigt, halb angeekelt. »Europa kann warten!« riefen wir fröhlich. »Jetzt geht's zunächst einmal nach Hollywood.«

Der gute Mann war paff. Besonders da wir hochgemut hinzufügten: »Und von dort aus werden wir unsere kleine Vortragsreise in die Wege leiten. Denn wir haben die richtigen Verbindungen! Goodbye, Sir. The pleasure has been ours!«

 

Es war eine lange Fahrt. Welch ein kolossales Land! Wir hatten es uns groß vorgestellt, aber doch nicht so groß! Wir fanden den Kontinent zwischen der Atlantischen Küste und der Pazifischen groß und leer über alles Erwarten. Würden diese Steppen, diese Getreidefelder nie ein Ende nehmen? Nun war man schon vier Tage und vier Nächte unterwegs. Es wurde heiß in unserem Pullman-Wagen. (Die künstliche Luftkühlung war damals in amerikanischen Zügen noch nicht eingeführt.) Draußen breitete sich sandige Öde. Es war die Wüste, durch die wir uns nun bewegten. Hörte diese Reise nie auf?

Aber am Morgen nach der vierten Nacht erschien die Landschaft draußen plötzlich zauberhaft verändert. Eine üppige Garten-Szenerie, an Stelle der kahlen Flächen! Das Gelobte Land, da lag es, von der Sonne beglänzt, mit seinem Überfluß an Farbe und Fruchtbarkeit, mit seinen Orangenhainen, Zypressen und Feigenbäumen, seinen stolzen Palmenalleen und blütenumrankten Villen. So hatten die vier langen Tage und Nächte sich doch gelohnt: Es war ein Paradies, das uns am Ende der Fahrt begrüßte.

Die Enttäuschung begann in Los Angeles. Wie amorph und öde es wirkte, nach der harten und dynamischen Schönheit von New York! Los Angeles ist keine Stadt, sondern ein enormes Konglomerat von Straßen, Gebäuden, Fahrzeugen, wimmelnden Menschenmassen. Eine Stadt ist ein Organismus, der um ein pulsierendes Herz, ein Zentrum herum allmählich gewachsen und geworden ist. Aber Los Angeles hat kein Zentrum. Los Angeles hat keine Struktur, keine Substanz, kein Gesicht; es gleicht einem wuchernden Pilz, einer hypertrophierten Qualle, einem massiven Polypen, der seine Arme mit blinder Gier nach allen Richtungen streckt.

Die Polypenarme sind Vorstädte, die sich der Meeresküste entlang und ins Land hinein endlos dehnen. Eine dieser Vorstädte ist Hollywood. Dorthin wollten wir. Der Name zog uns an wie ein Magnet.

Hollywood (es ist, wohlgemerkt, das Hollywood der späten zwanziger Jahre, von dem hier die Rede ist. Nicht das Hollywood von heute!) wirkte auf uns wie eine Provinzstadt, die verzweifelte Anstrengungen macht, Hollywood zu imitieren. Die Palmen, die wir von unserem Pullman aus bewundert hatten, die gar zu leuchtenden, gar zu fetten Früchte und Gemüse, die Schaufenster, die Hotels, die Kinopaläste, wo »die Stars ihre eigenen Filme sehen«, ja sogar die Sonnenuntergänge mit ihren übertriebenen koloristischen Effekten, es war alles so lächerlich »hollywoodhaft«, so unwirklich und artifiziell! Der ganze Ort schien ständig auszurufen: Sehe ich nicht genau aus wie Hollywood, der Wunschtraum aller schönen Mädchen und ehrgeizigen Knaben? Kommt und betrachtet euch die Villen eurer geliebten Stars – mit »Swimming Pool«, eigener Bar und allem Zubehör! Eine komplette Rundfahrt für nur fünf Dollar! Unser Führer zeigt Ihnen das traute Heim von Lillian Gish, Mary Pickford, Ramon Navarro, Charlie Chaplin und anderen Favoriten!

Das erste traute Heim, in welches der Zufall uns führte, war das von Emil Jannings, der damals auf dem Gipfel seines internationalen Ruhmes stand. Er empfing uns mit großer Jovialität – ein munterer Fleischkoloß mit groben Zügen, deren expressive Beweglichkeit ihm eine Tagesgage von tausend Dollar einbrachte. Er hatte ein prächtiges Haus (mit »Swimming Pool«, eigener Bar); einen Butler, der so würdevoll war, daß er nur flüstern konnte; einen Chow-Hund mit schönem Löwenhaupt, blauschwarzer Zunge und tückischen kleinen Augen; einen Papagei, der Obszönitäten kreischte (wer daran Anstoß nahm, wurde nicht wieder eingeladen); eine gutmütige Tochter und eine ungewöhnlich amüsante Frau, die früher unter dem Namen Gussy Holl in Berlin populär gewesen war. Gussys erster Gatte war Conrad Veidt, der zu jener Zeit im amerikanischen stummen Film Triumphe feierte. Wir trafen ihn fast jeden Tag bei den Jannings' und ließen uns von ihm das Filmgelände der »Universal City« zeigen, wo wir seine makabre Maske als »L'Homme qui rit« bewunderten. Sogar ohne solche Vermummung sah Connie Veidt entschieden »dämonisch« aus – war übrigens in Wahrheit ein anspruchslos fideler, gutherziger und talentierter Bursche. Auch bei Jannings trog der äußere Schein, aber in umgekehrtem Sinne. Wenn Connie aus professionellen Gründen auf dämonisch machte, so spielte Emil den Biedermann – rauhe Schale, guter Kern: etwas tollpatschig und ungehobelt, aber ein Herz von Gold! Es bedurfte eines geübteren psychologischen Blickes, als wir ihn damals hatten, um hinter dieser treudeutschen Fassade einen Charakter von kalter Schlauheit und rücksichtslosem Egoismus zu erkennen.

Wir hatten uns das Leben in Hollywood zwanglos-heiter vorgestellt. Ein naiver Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte! Tatsächlich herrscht unter Filmleuten ein Zeremoniell von chinesischer Starrheit und Kompliziertheit, ein Kastensystem, welches nur Personen von gleicher Nationalität und ungefähr gleichem Einkommen miteinander in Kontakt kommen läßt. Ein gesellschaftliches Zentrum wie das Janningsche Haus – damals der quasi-offizielle Treffpunkt der deutschen Filmkolonie – erwies sich als exklusiver als irgendein aristokratischer Salon: niemand hatte dort Zutritt, der nicht eine Wochengage von mindestens tausend Dollar aufweisen konnte. (Erika und ich wurden als drollige Passanten geduldet, aber nicht ernst genommen.) Zu den regelmäßigen Gästen gehörten, außer Veidt, der österreichische Dramatiker Hans Müller – ein Mann von bemerkenswertem Witz und Temperament, mit dem wir uns herzlich anfreundeten – und der sehr kapriziöse und empfindliche, sehr gefallsüchtige Dichter-Regisseur Ludwig Berger mit seinem Bruder Bamberger, dem sogenannten »Bam«; weiterhin: der Regisseur Murnau (lang und schweigsam, außerordentlich begabt, von nicht unberechtigter und nicht unsympathischer Arroganz), der Regisseur Ernst Lubitsch (dessen Komödien noch heute zum Reizvollsten zählen, was der amerikanische Film jemals hervorgebracht hat), die schon etwas ramponierte Lya de Putti (Emils Partnerin in dem unvergeßlichen Film »Varieté«) und noch einige andere von ähnlichem Rang.

Manchmal gesellte sich eine erstaunliche junge Person zu unserem Kreise – unangemeldet meist, oft erst zu später Stunde. Man saß beim Whisky auf der Terrasse nach dem Abendessen: plötzlich war sie da – eine atemberaubende Erscheinung, die sich durch die duftende Dunkelheit des Gartens stolzen und schleppenden Schrittes auf uns zubewegte. Sie war barhäuptig und trug einen offenen Regenmantel, dazu Sandalen ohne Absätze. »Ich bin ja so furchtbar müüüde!« rief sie uns, statt eines Grußes, mit tiefem Klageton zu – den Vokal in »müde« melodisch dehnend –, wobei sie sich auch schon in einen Sessel warf. Abgewendeten Hauptes, die Mundwinkel tragisch gesenkt, verlangte sie einen Schnaps: »Aber einen großen, Emil! Einen doppelten!«

Ihr Antlitz unter der Löwenmähne war von verblüffender Schönheit, das schönste Gesicht, wollte mir scheinen, das ich jemals gesehen; und in der Tat ist mir ein schöneres bis auf den heutigen Tag nicht begegnet. Sie hatte die Marmorstirn einer trauernden Göttin und weite Augen voll goldener Dunkelheit. Die langen, geschwungenen Brauen waren sorgfältig rasiert und nachgezogen, die blauen Schatten auf den Lidern waren künstlich vertieft; im übrigen aber benutzte sie keine Schminke, nicht einmal Lippenrouge – weshalb denn auch ihr Mund sehr blaß erschien: ein blasser, großer, trotziger Mund von unvergleichlicher Zeichnung in einem blassen, groß und kühn modellierten, trotzig-schwermütigen Antlitz.

Ihre tiefe, grollende Stimme schien beladen mit düster-süßem Geheimnis, ob sie nun übers Wetter sprach oder über den Film, in dem sie eben beschäftigt war. Es war unbeschreiblich rührend, sie lächeln zu sehen, was nur selten geschah. Ihr herrliches, untröstliches Gesicht hellte sich zögernd auf; wenn das Lächeln sich aber erst einmal um ihre nächtigen Augen und die stolze Kurve des Mundes niedergelassen hatte, verweilte es etwas zu lange – nun seinerseits zögernd, sich von so lieblicher Landschaft loszulösen. Schließlich aber erlosch es – dies fremde Lächeln, das eigentlich nicht zu ihr paßte – und die Tragödin war wieder ganz sie selbst.

Mit grollender Pythia-Stimme forderte sie einen zweiten Whisky und erklärte dann, zur allgemeinen Überraschung, daß sie nun tanzen wolle. Sie tanzte einen Tango mit der Tochter des Hauses – kräftig ausschreitend, in etwas steifer Haltung, das weiße Gesicht mit gesenkten Lidern ziemlich weit von dem der Partnerin entfernt. Ihre großen, edel geformten Hände hielten das Mädchen mit festem Griff. Sie hatte die etwas zu schweren Handgelenke, die langen Beine und breiten Schultern einer antiken Jünglingsfigur.

Nach dem Tanz ließ sie uns mit sonorem Jammerlaut wissen, daß sie sich nun entschieden besser fühle. »Ich danke euch allen«, sprach sie nicht ohne Feierlichkeit. »Als ich kam, war ich furchtbar müüüde; aber jetzt geht es mir gut. Ich habe getanzt und getrunken. Thank you ever so much.« Und sie verschwand im düfteschweren Dunkel der kalifornischen Nacht, aus der sie – atemberaubende Erscheinung – stolzen und schleppenden Schrittes zu uns gekommen war.

Emil erzählte uns, daß sie eine Schwedin sei, erst kürzlich aus Europa eingetroffen. Einer ihrer Landsleute, der bekannte Regisseur Maurice Stiller, hatte sie nach Hollywood gebracht. Stiller war nach Schweden zurückgekehrt und dort gestorben, während sein Protegée an der kalifornischen Küste zurückblieb – allein mit ihrer erstaunlichen Schönheit und mit ihrem künftigen Ruhm.

»Das Mädel wird ein Bombenerfolg«, prophezeite Emil mit fachmännischem Respekt. »Die setzt sich durch, wartet nur! In zwei bis drei Jahren kennt die ganze Welt ihren Namen.«

Ihr Name war Greta Garbo.

 

Erika schrieb emsig Briefe an zahlreiche Organisationen und Individuen, die, unserer Ansicht nach, als Interessenten für unsere Vorträge in Frage kamen. Ich, nicht minder emsig, schrieb Artikel für die deutsche Presse. Erika weigerte sich kapriziöserweise, ihrerseits Artikel zu schreiben. Es gebe schon genug Schriftsteller in der Familie, behauptete sie eigensinnig, und sie sei nun einmal Actrice von Beruf. Woraufhin ich nur mitleidig kichern konnte: »Armes Ding! Dir wird's auch nicht erspart bleiben – das Schriftstellern, meine ich. Es ist der Familienfluch.«

Es gab vieles, worüber sich schreiben ließ, sogar abgesehen vom Reich der belebten Schatten und fabelhaften Gagen. Ich schrieb über ein großes Fußball-Match in Pasadena und über einen Boxkampf in Los Angeles. (Was mich am Fußball amüsierte, war nur das brüllende, sinnlos erregte Publikum, während ich den Boxkampf – einen der wenigen, denen ich jemals beiwohnte – einfach abscheulich fand.) Ich schrieb über die Wiedertäuferin Aimée McPherson, die im »Angelus Temple« eine Riesen-Zuhörerschaft mit ihrer Mischung aus echter Ekstase und frechem Humbug in hysterische Raserei versetzte – und ich schrieb über den großen Romancier Upton Sinclair, der uns auf seine geduldig-pädagogische Art die fundamentalen Probleme amerikanischer Ökonomie und Psychologie begreiflich zu machen suchte.

Wir hatten ursprünglich vorgehabt, uns nur ein paar Wochen in Hollywood aufzuhalten; aber aus den Wochen wurden Monate – wir bemerkten es kaum. Hollywood hat eine sonderbare Wirkung auf den Zeitsinn des Besuchers. Es ergeht einem dort beinah wie im »Zauberberg«. Liegt es am gleichmäßigen Wetter, am monotonen Glanz des kalifornischen Himmels? Wie dem auch sei, man vergißt, daß die Zeit vergeht, oder man realisiert doch nicht, wie geschwind sie vorüberfliegt. Wer wollte an Weihnachten denken in einem Klima, das uns gestattet, jeden Tag im Ozean zu schwimmen, ob es nun Dezember ist oder Juli? Und doch, da war es unversehens herangekommen, das bunte, laute Christmas oder X-mas von Hollywood, mit seinem künstlichen Schnee, seinen grellen Blumengirlanden und den dummen Kolossalporträts des »Santa Claus«, die einem aus jedem Schaufenster, von Dächern und Plakaten entgegenschmunzelten.

Es war das erste Weihnachten, das Erika und ich fern vom Elternhause verbringen sollten. Uns war etwas bang zumut, besonders da wir wieder einmal schlecht bei Kasse waren. Ja, wir hätten uns nicht einmal eine Weihnachtsdepesche an die lieben Eltern leisten können, wenn Erika nicht auf den kuriosen und doch auch wieder naheliegenden Gedanken verfallen wäre, mit ihrem besten Stück zum Versatzamt zu eilen: Es war das von mir einst so töricht mißbilligte Pelzcape, das sich jetzt, in der Stunde der Not, als unsere Rettung erwies! Aber die Summe, die es uns brachte, langte nur gerade für das launige Kabel nach München und für einige vitale Anschaffungen; kein Cent blieb für die Hotelrechnung, die im Lauf der unbemerkt vorüberhuschenden Monate beunruhigend angewachsen war. Der Hotelmanager – anfangs so verbindlich – hatte uns schon eine eher peinliche Visite abgestattet. Mit einem großen Aufwand an nervöser Beredsamkeit suchten wir ihn davon zu überzeugen, daß er sich doch bitte ja nicht sorgen solle: schließlich seien wir zwei sehr feine und berühmte junge Menschen – und wenn wir die Begleichung unserer lächerlichen kleinen Schuld etwas verzögerten, so müsse er das eben als eine Künstlerlaune begreifen und verzeihen. Aber der Herr von der Direktion hatte wenig Sinn für unsere Kapricen. »I want my money«, sagte er mit häßlichem Eigensinn. »Or else …« Woraufhin er uns verließ. Seine Stimme hatte gar nicht nett geklungen.

»And how is the patient now?« raunte meine Schwester mit ihrem besten Dracula-Akzent, sowie der Unhold uns allein gelassen hatte.

»My dear Miß Lucy«, erwiderte ich, ernst aber gefaßt. »Da gibt es nur eines zu tun: Wir müssen uns zusammensetzen und einen Plan machen.«

»Wie wär's mit einem Telegramm?« schlug Erika träumerisch vor. »Man könnte ein wirkungsvolles Telegramm aufsetzen.«

Dies konnte nicht umhin, mir einzuleuchten. »Ausgezeichnet«, sagte ich, und fügte mit feierlichem Nachdruck hinzu: »Wer nicht telegraphiert, kriegt nichts.«

»Ein schönes altes Wort«, nickte Erika. »An wen wollen wir telegraphieren?«

»Nicht an die Eltern«, sprach ich dezidiert. »Das wäre phantasielos und ärgerniserregend. Auch die Urgreise dürften kaum in Frage kommen.« De facto hatten wir einander versprochen, auf dieser ganzen, unseren Verhältnissen so gar nicht entsprechenden Fahrt die Unseren finanziell nicht in Anspruch zu nehmen. Ein Vorhaben, dem wir selbst in den prekärsten Situationen energisch treu blieben.

Wir versanken in nachdenkliches Schweigen, bis Erika mit forcierter Munterkeit vorschlug: »Zunächst laß uns das Christfest begehen!«

Weihnachtsabend bei Jannings war eine große Affäre, zugleich traulich und opulent. Indessen hätten wir unseren Freunden um ein Haar das ganze Fest verpatzt – oder vielmehr, es war die zügellose Phantasie des Zeichners Adrian, durch die das fröhliche Beisammensein gefährdet wurde. Gilbert Adrian – ein junger Künstler von originellen Gaben (später sehr erfolgreich als Modezeichner), mit dem wir uns in Hollywood angefreundet hatten – war liebenswürdig genug gewesen, uns eine Zeichnung als Weihnachtsgeschenk für Madame Jannings zu versprechen. Es sollte ein Blumenstück sein oder eine flotte Karikatur – irgend etwas Harmlos-Dekoratives. Am späten Nachmittag des 24. Dezember, kurz vor Beginn der »Party« im Hause Jannings, sprachen wir bei Adrian vor, um die versprochene Gabe in Empfang zu nehmen.

»Da seid ihr ja, Kinder!« rief Freund Adrian aufgeräumt. »Und da ist das Geschenk für eure Gussy! Ich habe mir die größte Mühe gegeben …«

Es war so niedlich verpackt, daß wir zögerten, es zu öffnen, und mit unserem verhüllten Schatz von dannen eilten – nicht ohne erst Freund Adrian dankbar auf beide Wangen geküßt zu haben. Aber im Taxi, nur zwei Minuten von Emils Haus, wurden wir doch von Neugier überwältigt und beschlossen, einen Blick auf unsere Gabe zu werfen. Hastig entfernten wir die bunten Seidenpapiere – und fielen fast in Ohnmacht vor Entsetzen! Es war ein pornographisches Meisterwerk, was wir in Händen hielten, eine phallische Komposition im besten Beardsley-Stil: sehr anmutig, sehr »gekonnt«, aber absolut unmöglich! Einer deutschen Mutter zum Christfest mit solcher Obszönität zu kommen – welch eine Idee!

Daß wir nun mit leeren Händen erscheinen mußten, war schlimm genug; aber noch mehr beunruhigte uns die Frage, was nun mit dem anrüchigen Gegenstand geschehen sollte. Auf keinen Fall wollten wir ihn wegwerfen: er war viel zu hübsch. So blieb denn nichts anderes übrig, als das skandalöse Produkt diskret im Garten unter einem Blütenbusch zu verstecken.

Alles klappte vorzüglich. Gussy lächelte mild, als wir unsere Entschuldigungen stammelten: die Handarbeiten nicht zur Zeit fertig geworden; die Nachtmütze, die Pantoffeln – alles noch im Werden begriffen … Es herrschte vollkommene Harmonie, richtige Weihnachtsstimmung – bis Emil, bald nach Tische, die unheilvolle Idee hatte, einen kleinen Spaziergang durch den Garten zu unternehmen. Und was war es, was er hinter seinem schönsten Rosenbusch entdeckte …?

»Wem gehört dieser Unflat?«

So furchtbar klang seine Frage, daß wir erröteten und gestanden. Seine Miene lief purpurn an, während seine Augen vor Zorn winzig wurden. »Das ist also die kleine Handarbeit, die ihr für meine Auguste vorbereitet habt«, sprach er mit drohend gesenkter Stimme. »Eine reizende Überraschung. Sehr taktvoll – muß ich sagen. Ein brillanter Scherz – nicht wahr, Auguste?«

Daß er seine Frau »Auguste« nannte, unterstrich den Ernst der Situation. Er gebrauchte diesen Namen nur bei sehr schlimmer und dramatischer Gelegenheit.

»Sehr komisch! Sehr charmant!« fuhr er mit schrecklichem Sarkasmus fort, wobei seine Stimme allmählich lauter wurde. »Besonders geschmackvoll, wenn man bedenkt, daß es ein junges Mädchen hier im Hause gibt. – Ruth-Maria, wo bist du?« brüllte er unvermittelt, wie in plötzlicher Angst. War dem lieben Kinde etwas zugestoßen? Hatten Scham und Empörung das empfindsame Geschöpf aus dem Hause getrieben? – Aber da war sie ja! Sie saß auf dem Sofa, stillvergnügt in den Anblick von Adrians gewagtem Scherz vertieft.

»Was ist denn los, Papa?« Ihre Stimme klang faul und schläfrig. Man hatte den Eindruck, daß sie gleich zu schnurren anfangen werde, wie eine große Katze. »Ist doch ein reizendes Bild! Und so weihnachtlich. Ich behalte es gerne, wenn die Mutti es nicht haben will.«

Die ganze Gesellschaft brach in ein homerisches Gelächter aus, dem auch der eben noch so ergrimmte Emil sich wohl oder übel anschließen mußte. Greta Garbos Lachen war kehlig und sonor, wie das tiefe Gurren einer magischen Taube. Lya de Putti kreischte vor Fröhlichkeit, Connie Veidt wieherte, Murnau brüllte, Lubitsch meckerte. Der heitere Aufruhr erreichte seinen stürmischen Höhepunkt, als Madame Jannings ihrer Tochter das Bild entriß und mit großer Entschiedenheit erklärte, daß sie sich niemals, unter keinen Umständen, von einem so schönen künstlerischen Besitz trennen würde – nicht für alle Juwelen der Mary Pickford!

Es war in diesen Festtagen, daß ich George Gershwins »Rhapsody in Blue« zum ersten Male hörte und von dem Elan, dem Pathos dieser hinreißend neuen Musik sofort bezaubert war. (»Was wollen Sie? Ich war einundzwanzig Jahre alt und lebte in der großen Stadt New York«, erwiderte Gershwin auf die Journalisten-Frage, wie er denn darauf gekommen sei, die »Rhapsody« zu schreiben. »Was für eine Art Musik würden Sie denn von mir erwarten? Es ergab sich ganz von selbst …«)

Und es war in der gleichen Nacht – der Silvesternacht des Jahres 1927 –, daß unser Freund Raimund von Hofmannsthal (noch ein »Dichterkind«!) uns in seinem betagten, eigenwilligen kleinen Ford beinah ums Leben brachte. Wir fuhren die Hügel hinauf; der Weg war schmal, gewunden und gefährlich steil; wir hatten reichlich getrunken – Champagner und Ale und Whisky mit Sodawasser, und Ale mit Champagner, und schließlich wieder Whisky (ohne Soda …). Die Bremsen des drolligen alten Wagens waren nicht recht in Ordnung, aber was tat's? Wir sangen das große Thema der »Rhapsody in Blue« und schwärmten von Greta Garbo und lachten über Adrians freches Bild. Und Los Angeles lag zu unseren Füßen mächtig ausgebreitet – ein flimmernder Ozean, eine Unendlichkeit von tanzenden, lockenden Lichtern.

 

Unsere Telegramme wirkten, als hätten wir Zaubersprüche in die Welt hinausgesandt. Geld traf ein, von gefälligen Redakteuren in Berlin und München, auch von barmherzigen Freunden. Nicht sehr viel Geld, aber doch genug, um den unerbittlichen Manager des Hollywood Plaza Hotels zu befriedigen und zwei Pullman-Sitze von Los Angeles nach New York zu erstehen.

Ricki erwartete uns am Grand Central-Bahnhof. Er sah besser aus. Nicht mehr so verwildert und abgezehrt. Offenbar – es gab ein Mädchen, das sich um ihn kümmerte. Wir kannten das Mädchen – Eva Herrmann, eine junge Zeichnerin von delikatem Liebreiz und von großen Gaben –; wir waren es, die sie unserem Ricki zugeführt hatten.

»Ich bin beinahe glücklich«, gestand er uns mit einem verlegenen Grinsen. »Ich arbeite wieder – komisches Zeug: Wolkenkratzer, Kühe – alles durcheinander … Ich habe jetzt manchmal Heimweh – nach den bayerischen Bergen … Eva und ich wollen bald nach Europa zurück.« –

Wir kamen gerade rechtzeitig zu unserem ersten Vortrag, der von der höchst respektablen Columbia University veranstaltet wurde. Das Abenteuer verlief entschieden weniger quälend und blamabel, als wir gefürchtet hatten. Auf Erikas Einführungsrede (sie hatte den englischen Text auswendig gelernt und überraschenderweise klang es fast natürlich!) folgte meine (deutsche) »Causerie« über junge europäische Literatur, woraufhin Erika das Programm mit einigen Rezitationen »jüngster deutscher Dichtung« effektvoll zum Abschluß brachte. Unsere Darbietung wurde recht freundlich aufgenommen. Viel freundlicher als seinerzeit »Revue zu Vieren«. Das »German Department« der berühmten Harvard University lud uns zu einem Vortrag ein; desgleichen die nicht minder distinguierte Universität von Princeton.

Es machte uns enormen Spaß, herumzureisen. Unser Appetit nach neuen Eindrücken und Bekanntschaften blieb unersättlich, obwohl wir doch wahrhaftig keine Anfänger mehr waren. Aber immer wieder begegnete man Gesichtern, die man nicht hätte missen mögen – kennenswerte, liebenswerte, unvergeßliche …

Sonderbar – die Züge und Äußerungen mancher Berühmtheit, der wir damals begegneten, sind aus meinem Gedächtnis verschwunden, aber ich erinnere mich derer, die damals noch keinen Namen hatten und doch schon irgendwie erwählt, gezeichnet schienen. Da war zum Beispiel dieser junge Mensch, der siebzehnjährige Sohn unseres Gastgebers, irgendwo in der Nähe von Philadelphia. Woher wußten wir, daß er ein Dichter war? Es muß etwas von ihm ausgegangen sein, eine Strömung, ein Leuchten … Die Physiognomie unseres Wirtes, eines gewissen Professor Prokosch, habe ich längst vergessen. Aber als mir später ein Buch von Frederic Prokosch, »The Asiatics« in die Hände fiel – zehn Jahre nach unserer Visite in seinem Heim –, da erinnerte ich mich sogleich an sein junges Gesicht, wie ich es damals gesehen hatte: die reizbare Stirn, die sich so leicht nervös verfinsterte; der dunkle Blick, voll von der Verheißung künftiger Visionen. Mit welch verbissener Konzentration er lauschte, als wir mit seinem Papa die nächsten Phasen unserer Fahrt besprachen!

»Also nach Asien wollen Sie?« fragte er mit einer gepreßten Stimme, in der Neid und Entzücken sich zu mischen schienen. Ja, versetzten wir, ein paar asiatische Länder würden wir wohl besuchen. – »Asien …«, wiederholte der junge Frederic mit sehnsüchtig geweitetem Blick und verfinsterter Stirne.

Ich fuhr hin, und er nicht. Trotzdem hat er mehr von Asien gesehen als ich – wie sein Buch »The Asiatics« beweist.

Wir hatten längst beschlossen, nach Kalifornien zurückzukehren, um uns von dort so bald wie möglich nach Honolulu und Japan einzuschiffen. Es war ein tollkühner, ja aberwitziger Plan, angesichts unserer kritischen finanziellen Lage, aber wir blieben dabei, allen Warnungen zum Trotz, die unsere besorgten Eltern und Freunde an uns ergehen ließen. Zunächst reichte unsere Barschaft für das Eisenbahnbillet von New York nach Chicago, wo »The Literary Mann Twins« in einem deutsch-amerikanischen Club auftreten sollten. Danach würde man weitersehen.

Es ging, irgendwie ging es immer. Von Chicago im Staate Illinois schlugen wir uns nach dem Staate Kansas durch, wo es wieder ein paar »lectures« und ein paar Dollars gab. Schließlich langten wir im altvertrauten Hollywood an, nachdem wir erst noch, als gewissenhafte Globetrotter, den fabelhaften »Grand Canyon« – die unheimlich kolossale, unheimlich farbenprächtige Schlucht von Arizona – besucht und bewundert hatten.

Auch in Kalifornien durften wir uns diesmal für Geld sehen und hören lassen, der distinguierte »Friday Morning Club« in Pasadena zahlte uns ein Honorar von fünfzig Dollar, wozu aber noch eine überraschende Dreingabe kam. Denn es war gelegentlich unseres Auftretens in Pasadena, daß wir jene gütige und zerstreute alte Dame kennenlernten, der wir – mehr aus Mitteilungsbedürfnis als aus schnöder Berechnung – von unseren Reiseplänen und Geldproblemen erzählten. Die Alte nickte – ich sehe sie noch vor mir: sie hatte ein großes, graues, sehr sehr gütiges Gesicht mit Hängebacken – und lud uns zu einer musikalischen Soirée in ihrem Hause ein. Wir gingen hin – nicht gar zu enthusiastisch, wie sich denken läßt. In der Pause, zwischen Bach und Brahms, wollten wir uns unauffällig entfernen – deprimiert von so viel weihevollem Dilettantismus und übrigens auch vom Gedanken an unsere Misere –, wurden aber von der Hausfrau bemerkt. Sie winkte uns herbei, wobei sie freundlich-geistesabwesend lächelte. »Da hab ich etwas für euch, Kinderchen«, sprach sie milde und überreichte uns ein mysteriös aussehendes Dokument, säuberlich gerollt und mit einem rosa Seidenbändchen garniert. Es war ein Wertpapier, tausend Dollar wert, das wir alsbald verkauften. Vom Erlös erstanden wir zwei Billetts von San Francisco nach Kobe in Japan.

Frisco ist die eigentümlichste, schönste Stadt Amerikas – nach, oder mit, New York City. Kein anderer Ort in den Vereinigten Staaten könnte geeigneter sein, das Herz des Scheidenden mit dem Wunsch nach Wiederkehr zu erfüllen. Das Goldene Tor, das sich verlockend zum Orient hin öffnet, ist auch die strahlende Pforte zur westlichen Hemisphäre, zur Neuen Welt. Mit seiner doppelten Perspektive und zweifachen Verheißung scheint der Hafen von San Francisco den Wanderer gleichzeitig hinauszuschicken und zurückzuhalten.

Die Tage auf dem Stillen Ozean waren lang und träg und voller Träumerei. Wir schauten den Wellen zu und den fliegenden Fischen und den immer wechselnden Tönungen des ungeheuren Himmels. Wir hatten viel Zeit, nachzudenken und uns zu erinnern. Wir dachten über Amerika nach und über Europa und wohl auch über uns selbst. Was hatte er uns bedeutet – dieser erste Kontakt mit den Vereinigten Staaten?

Er bedeutete uns etwas Fremdes, Großes, Überwältigendes. New York war groß und fremd und überwältigend. Die kalifornische Wüste, der Grand Canyon von Arizona, die unendlichen Flächen des Mittelwestens, die gefräßige Dynamik von Los Angeles, die Jugend in den Universitäten, die Jugend auf den Landstraßen, die Jugend in den lärmenden Stadions, der inspirierte Elan der »Rhapsody in Blue«, der Rhythmus der Negertänze, Harlem, die »Burlesque Shows«, ja selbst die Schreckensszenen in den Schlachthäusern von Chicago, das Elend in den Slums, die Massenhysterie im Tempel der anrüchigen Priesterin Miß Aimée Mc Pherson – es war alles groß und wild und neu erregend. Aber es war nicht unsere Welt. Es war eine unendlich reiche, herrlich dynamische Welt – aber es war nicht unsere. Wir waren fasziniert, erschreckt, begeistert von Amerika. Aber wir blieben Europäer.

Unsere Reise zog sich noch mehrere Monate hin, aber in meiner Erinnerung ist von diesen letzten Monaten nicht viel lebendig geblieben. Wir hielten uns überall viel länger auf, als wir ursprünglich vorgehabt hatten. Teils weil wir es überall interessant fanden, vor allem aber weil uns meist das Geld zur Abreise fehlte. Immer wieder kam es vor, daß wir uns sehr intensiv »zusammensetzen« mußten, um zu überlegen, wem diesmal gekabelt werden solle; denn wer nicht telegraphiert, kriegt nichts – das stand nun einmal fest. Einmal war es unser väterlicher Freund Sami Fischer, der uns etwas Geld als Vorschuß auf ein Reisebuch zukommen ließ, das nächste Mal half uns ein Zeitungsredakteur oder ein anderer Wohltäter aus der Patsche.

Zunächst blieben wir – mangels »cash« für Nebenausgaben auf dem Schiff, – ein paar Wochen lang im Blütenparadies von Honolulu hängen (wir wohnten dort in einem sehr malerischen Bungalow am Meer, außerhalb der völlig amerikanisierten Stadt); dann wiederholte sich die gleiche Situation – längst vertraut und doch immer wieder nervenzerrüttend – in der japanischen Hauptstadt. Das Hotel Imperial in Tokio, wo wir – nicht ganz freiwillig – mehrere Monate verbrachten, ist eine der pompösesten und lächerlichsten Luxuskarawanserien der Welt: die Preise, die wir dort zu zahlen hatten, waren ebenso absurd wie die maurische Fassade des Prunkbaus, den einer unserer scherzhaften Freunde »entschieden von ›Aida‹ beeinflußt« fand.

Tokio ist die zäheste und häßlichste Kapitale der Welt. Die Natur versucht immer wieder, diese mächtige und unerfreuliche Stadt zu zerstören (auch zur Zeit unseres Aufenthaltes gab es ein ziemlich kräftiges und erschreckendes Erdbeben); aber sie geht aus allen Feuerproben eher gekräftigt als geschwächt oder geläutert hervor. Nach jeder Heimsuchung stellt Tokio sich geschwind wieder her, wie eines jener mythischen Ungeheuer, deren gräßliche Klauen und Flossen noch schneller nachwachsen, als sie abgehauen werden können.

Was mich am imperialistischen Tokio, wie am fascistischen Rom, instinktiv abstieß und beleidigte, war der militante Rummel, die herausfordernde Geste eines machthungrigen, arroganten Nationalismus. Der festungsartige Palast des Gott-Kaisers – übrigens eine architektonisch großartige Konstruktion – wirkte auf mich wie das massive Symbol einer tückisch-unersättlichen Aggressivität. Die einzigen Manifestationen des japanischen Genies, die mich wirklich ansprachen und gewannen, waren Gartenkunst und Theater. Die Gärten von Tokio sind Meisterwerke, und die Theaterstraße ist von so grandioser Buntheit und Bewegtheit, daß es sich lohnen würde, die Stadt nur um dieses einen außerordentlichen Eindrucks willen zu besuchen. Wir verbrachten denn auch die meisten unserer Abende in den Schauspielhäusern – teils in den populären, wo das klassische Drama mit strengstem Zeremoniell inszeniert wird; teils in den kleinen Avantgardetheatern, die sich mit bemerkenswertem Geschick an europäische Stilexperimente wagen. Eine dieser progressiv-westlich eingestellten Bühnen spielte damals gerade unser Lieblingsstück, Wedekinds »Frühlings Erwachen«. Es war reizvoll-verwirrend, die vertrauten Szenen in so exotischer Maskierung wiederzusehen, und es rührte uns, nach der Vorstellung mit den japanischen Schauspielern zu plaudern, die sich mit so viel Talent und Fleiß bemühten, die Gebärden und Akzente unserer eigenen Jugend zu imitieren.

Wir besuchten Nikko, die heilige Tempelstadt, und wir besichtigten Kyoto, die alte kaiserliche Residenz, wo wir in einem japanischen Hotel logierten. Dort verstand niemand ein Wort irgendeiner europäischen Sprache, und die Mahlzeiten bestanden aus Tee, rohem Fisch mit scharfen braunen Saucen und Reis in mannigfacher Zubereitung. Übrigens mußte man in liegender oder hockender Stellung speisen, da Stühle nicht vorhanden waren, ebensowenig wie Messer, Gabeln und Betten. Es war ein Strohmatten-Idyll im Stil des Lafcadio Hearn – reizend belebt von einem kichernden Rudel emsiger und adretter Geishas, die sich nicht genug über unsere schlechten Manieren und unsere tölpelhafte Ungeschicklichkeit amüsieren und erstaunen konnten. Nun waren wir wirklich in Japan; im stillos aufgeblähten europäisch-amerikanisch korrumpierten Tokio hatten wir nur seine häßlich anspruchsvolle Fassade gesehen.

Wir beschlossen, unsere Heimreise über Korea und Rußland zu machen, da Peking nach dem Zusammenbruch der Nordarmee so gut wie abgeschnitten war. Im Hotel Imperial hatten die Journalisten und Diplomaten uns Gräßliches über die Zustände im Inneren Chinas erzählt; auch der deutsche Botschafter in Tokio, Solf – ein jovialer Herr, mit dem wir recht herzlich standen – hatte uns ausdrücklich vor der gefährlichen Reise nach der chinesischen Hauptstadt gewarnt. So verzichteten wir denn auf Peking, das wir gern gesehen hätten, und gaben uns mit Mukden zufrieden.

Tatsächlich ist die alte mandschurische Kapitale so eindrucksvoll, daß sie einen vergessen läßt, was man in China versäumt hat – besonders wenn man es nicht kennt. Das chinesische Mukden – von den internationalen Distrikten durch eine majestätische Mauer getrennt – gibt dem Reisenden doch einen Vorgeschmack, eine Ahnung von der erhabenen Größe Pekings. Die monumentale Schlichtheit des kaiserlichen Palasts und der berühmten Pe-Ling-Gräber, etwas außerhalb der Stadt, die Atmosphäre und Architektur von Mukden sind danach angetan, selbst den flüchtigen Besucher verstehen zu lassen, warum China um so vieles stärker und geheimnisvoller ist als sein provokant unternehmungslustiger kleiner Nachbar, Japan.

Chung-Chan ist halb chinesisch, halb russisch; Harbin – zwei Drittel russisch, ein Drittel kosmopolitischer Cocktail; Krasnojarsk, russisch; Omsk, Irkutsk – russisch, russisch, russisch … Sibirien war endlos und unglaublich heiß. Die Sonne brannte und der Wodka brannte, aber wir hatten nicht genug Geld, um uns so viel Wodka zu kaufen, wie wir gern getrunken hätten. Die Fahrt von Harbin nach Moskau schien uns zwanzigmal so lang wie die von Manhattan nach Los Angeles. Ein Huhn in Omsk kostete mehr als ein opulentes Dinner am Hollywood-Boulevard. Das Geld ging uns aus, mitten in Sibirien. »Wir werden Hungers sterben!« prophezeite ich düster. Und Erika, nicht weniger beklommen: »Der Hunger wäre das Schlimmste nicht. Aber der Durst!« – Indessen erwies unser Schutzengel sich wieder einmal als sehr tüchtig und einfallsreich. Der unbekannte Reisegefährte, an den wir uns mit einem verzweifelten Briefchen wandten (»Lieber Fremder! … zu viel asiatische Kunstschätze erstanden … von sonst zuverlässiger Bank mysteriös im Stich gelassen … wollen Sie doch bitte – bitte freundlich genug sein, uns mit ein paar Rubeln auszuhelfen … wird in Moskau zurückerstattet …«) stellte sich als ein deutscher Schriftsteller heraus – Bernhard Kellermann, Verfasser des »Tunnel«, S. Fischer-Autor, alter Bekannter des Zauberers. Wir waren aus aller Not!

Der letzte große Eindruck der Reise war der Rote Platz – fast erschreckend großartig in seiner weiträumigen Simplizität, mit den wuchtigen Kreml-Mauern, den farbigen Kuppeln der St.-Basilius-Kirche und der kubischen Konstruktion des Mausoleums, wo die Mumie Lenins, ein mürbes, zartes und doch mächtiges Götzenbild, die Huldigungen der Nation empfängt. – –

 … »Na, da seid ihr ja, Kinder!«

Dies war der vertraute Klang von Mieleins Stimme. »Du lieber Gott!« lachte sie. »Ich fürchte, ihr seht ein bißchen lächerlich aus! Wirklich nicht wie ein Paar erwachsener Weltenbummler.«

»Ich muß doch sehr bitten!« Erika war gekränkt. »Ich sehe aus wie eine ziemlich distinguierte Dame im Pelzcape.«

»Du bist schon recht«, sagte der Vater begütigend. Es war sehr eindrucksvoll und rührend, daß er, durchaus gegen seine Gewohnheit, mit zur Bahn gekommen war, um uns abzuholen. Und es war elf Uhr vormittags – seine Arbeitszeit!

Uns war recht traumhaft zumute. Die beiden »Winzigen«, Elisabeth und Michael, präsentierten sich niedlich geputzt, mit großen Blumensträußen. Sie waren erheblich gewachsen, in der Zeit unserer Abwesenheit. Freilich, wir waren ja fast ein Jahr lang unterwegs gewesen …

»Du bist stark gealtert«, sagte ich zu Elisabeth. »Würdevoll, aber runzlig. My dear Miß Lucy«, fügte ich geheimnisvoll hinzu, »you seem more tired than ever today!«

Die Eltern tauschten besorgte Blicke, während die zwei Kinder kicherten.

»Und was war denn das Allerschönste, was ihr auf der Weltreise gesehen habt?« erkundigte sich Michael ein paar Minuten später, als wir es uns im Wagen bequem gemacht hatten.

»Bernhard Kellermann!« erklärten Erika und ich, wie aus einem Munde.

Unsere Lieben lächelten befremdet.

»Und was noch?« insistierte Michael. »Was war noch schön, außer Herrn Kellermann?«

»Nicht viel«, sagte ich. Und, mit einer großartigen und lässigen Gebärde: »Rien que la terre …«

»Ich hab's dir doch gesagt«, flüsterten die Winzigen einander zu. »Die beiden Großen sind ganz komisch geworden! Jetzt spricht der komische Klaus schon japanisch zu uns!«


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