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Fünftes Kapitel.
Der fromme Tanz

1924–1927

Der Spuk der Inflation war vorüber; man hatte sich wieder dem Alltag bescheidener Zahlen und bescheidener Lebensverhältnisse anzupassen. Eine Stimmung von Ernüchterung und Katzenjammer lag in der Luft, zugleich aber gab es doch auch etwas wie eine vernünftig-maßvolle Zuversicht, ein Gefühl von Neubeginn, neuer Pflicht, neuer Chance. Die überstandene Schreckenserfahrung hatte den Effekt einer Schock-Kur. Nach so grausamem Eingriff fühlt der Patient sich reduziert und zittrig, aber auch erleichtert und erfrischt.

Das deutsche Volk wußte nun doch, woran es war. Man hatte gar nichts mehr, keinen Kaiser, kein Geld, kein Elsaß, keine Flotte, keine Kolonien. Bei so allgemeinem Ausverkauf war man immerhin auch manchen Ballast losgeworden, zum Beispiel die Illusionen. Wer frei von Illusionen ist und arbeiten will, der hat nicht alles verloren. Er darf der Zukunft mit nüchtern-realistischem Selbstgefühl ins Auge sehen.

Gerade dieser Geist – der Geist illusionslosen guten Willens und redlicher Schaffensfreude – kam, so mich die Erinnerung nicht täuscht, im Deutschland jener Tage nicht ganz selten vor.

 

Ein achtzehnjähriger junger Deutscher wollte damals eine literarische Laufbahn beginnen. Wie stellte er das an?

Da er der Sohn eines bekannten Schriftstellers war, so verfügte er natürlich über gewisse Beziehungen, deren er sich aber, aus Stolz und Eigensinn, zunächst nicht bedienen wollte. Sein Name blieb ungenannt, als zum erstenmal einige seiner Manuskripte, drei kurze Studien über Rimbaud, Huysmans und Georg Trakl, einer anspruchsvollen literarischen Revue, der Berliner »Weltbühne«, angeboten wurden. Der Herausgeber dieser Zeitschrift, Siegfried Jacobsohn, gehörte zu den meist-gehaßten, meist-bewunderten und meist-diskutierten Figuren des geistig-politischen Deutschland; der kleine Mann – ich erinnere mich seiner als eines behenden Gnomen – verfügte über große Energien, großen Witz und große Zivilcourage. Überraschenderweise fand er in den lyrisch-analytischen Skizzen des anonymen Anfängers irgend etwas, das ihn aufhorchen ließ. Er akzeptierte die drei Manuskripte. Leider bekam er bald heraus, wer ich war, und bestand darauf, die Essays unter meinem Namen zu veröffentlichen, was für die »Weltbühne« eine kleine Sensation bedeutete, für mich aber wahrscheinlich den entscheidenden Fehler meiner jungen Karriere. Denn von nun an war ich in den Augen einer »literarischen Welt«, die in Deutschland noch etwas hämischer und eifersüchtiger ist als anderswo, der naseweise Sohn eines berühmten Vaters, der sich nicht entblödet, den Vorteil seiner Geburt geschäftstüchtig und reklamesüchtig auszunutzen.

Wäre ich weniger jung und blöd gewesen, ich hätte mehr Zurückhaltung geübt. Alles schien so leicht und glatt zu gehen, wie im Spiel, wie im Traum: es war erstaunlich und belustigend. Was immer ich zu bieten haben mochte, man nahm es mir ab, man fand es interessant. Die feinsten Blätter und Revuen druckten meine Kurzgeschichten, Plaudereien und Betrachtungen: ich erschien in der ehrwürdigen »Vossischen Zeitung«, im »Simplizissimus«, in S. Fischers wählerischer »Neuer Rundschau«. Etwas Geld kam ein – wer hätte das gedacht? Plötzlich hatte ich die Mittel, um mich von Heidelberg nach Frankfurt zu begeben, von Frankfurt nach Berlin, von dort zurück nach Heidelberg, wo es mich indessen nicht mehr lange hielt: bald war ich wieder an meinem geliebten Kurfürstendamm.

Dort etablierte ich mich in einem ziemlich teuren Hotel und beschloß, ein Buch zu schreiben. Oder vielmehr, eine Kollektion meiner Skizzen und Erzählungen in Buchform zu präsentieren. Es fehlte mir nur noch ein Stück, um den Band abzurunden. Die meisten meiner novellistischen Versuche befaßten sich mit Typen und Problemen meiner eigenen Generation. Gleich die erste Geschichte, betitelt »Die Jungen«, schilderte die wunderlichen Verhältnisse in der Bergschule Hochwaldhausen mit nicht gerade diskreter Deutlichkeit. Stil und Stimmung des Ganzen hatten aber doch den Einschlag ins Romantisch-Märchenhafte. Es war dieser Ton, die mystisch-erotische, schwermütig-laszive Melodie, den ich im Finale noch einmal akzentuieren und möglichst voll erklingen lassen wollte. Das romantische Thema, der romantische Held, nach dem ich suchte, fand sich beinah von selbst: Kaspar Hauser.

Die Figur des geheimnisvollen Findlings hatte mich lang beschäftigt und gereizt. »Le pauvre Gaspard«, wie Verlaine ihn in einem Gedicht von innig-suggestiver Schlichtheit nannte, bedeutete mir den Inbegriff weltfremder Unschuld, adliger Melancholie. Nach stummer und dunkler Kindheit im Höhlenversteck tritt der Sechzehnjährige ans Licht, scheu und schweigend (er hat noch nicht sprechen, noch nicht lügen gelernt), von rührender Anmut bei aller Ungelenkheit, noch völlig rein, noch nicht befleckt vom Schmutze einer Welt, die sich seiner entledigen wollte und ihn vernichten wird. Ist er wirklich der Prinz aus regierendem Hause, den ruchlose Verwandte in der Wildnis ausgesetzt haben? Manche halten ihn für einen Betrüger oder einen Geisteskranken. Er stirbt, von unbekannten Mördern erdolcht. Sein Geheimnis bleibt ungeklärt. Er lebt, als Legende, als poetisches Symbol, gerade weil sein Rätsel keine Lösung findet. Er ist der Jüngling, der aus der Höhle tritt, lallenden Mundes und reinen Blickes, namenlos, heimatlos, sprachlos, vornehm wie ein Tier, wie ein Prinz. Er ist der Fremde.

So zog ich mich denn vom lockenden Betrieb des Kurfürstendamms in meine luxuriöse Klause zurück (mit eigenem Bad und unbezahlter Rechnung), um mich unverweilt an die Arbeit zu machen. Ein Zyklus von »Kaspar-Hauser-Legenden«, das würde meinem »Opus I« den stilvollen Abschluß geben! Während draußen vor meinem Fenster die Trambahnen klingelten und die Zeitungsverkäufer mit monotoner Insistenz ihre Litanei wiederholten (»B.Z. am Mittag! B.Z.!«), saß ich an meinem wackeligen Hotelschreibtisch und kritzelte (ich hatte damals noch keine Schreibmaschine) emsig vor mich hin. Mein Freund Kaspar Hauser erschien mir im Zwiegespräch mit der reisenden Hure (sie will ihn in ihrer stattlichen Kalesche mitnehmen, aber er lehnt spröde ab), in Gesellschaft des fremden kleinen Mädchens (eine schnippische Miniatur-Sybille, der ich die Züge meiner Freundin Ursula Pia gab), im intimen Rendezvous mit einem hübschen Toten (wobei es nicht ganz ohne leichenschänderische Nuance abging) und in anderen pikanten Kombinationen.

Und so war es denn geschafft: mein erstes Buch lag vor mir, fix und fertig, wenn auch vorläufig noch ungedruckt. Die Widmung – »meiner Schwester Erika« – stand lange fest. Auch für einen Titel hatte ich mich schon entschieden: »Vor dem Leben«, womit ich eingestand, daß mein Leben eigentlich noch nicht begonnen hatte: ich stand noch »davor«, voll naschhafter Neugier, aber auch voll Ehrfurcht angesichts seiner Drohung, seines Versprechens, seiner unendlichen Möglichkeiten …

Ein unternehmungslustiger junger Verleger in Hamburg, Kurt Enoch, erklärte sich bereit, den Band herauszubringen. Ich zeichnete einen Vertrag mit Optionsklausel, Vorschuß und allem Zubehör. Stand ich wirklich noch vor dem Leben? Man zögert, ziert sich, wartet, träumt – und plötzlich ist man mittendrin, ein »gemachter Mann« sozusagen … »How curious! How real!« Das Gefühl freudig-beklommenen Erstaunens, das Walt Whitman in diesen Ausruf legte, war sehr stark in mir, da ich mich nun anschickte, mit dem Leben ernst zu machen. Wie seltsam es war! Wie wirklich!

Ja, da hatte ich nun also einen Beruf oder doch eine Stellung – als dritter Theaterkritiker bei einer nicht eben sehr distinguierten, aber vielgelesenen Berliner Zeitung, dem »Zwölfuhrmittagsblatt«. Natürlich waren es nicht gerade die großen Premieren bei Max Reinhardt oder im Staatstheater, über die man mich schreiben ließ; ich mußte mich mit Veranstaltungen weniger erlauchten Ranges begnügen. Aber das Berliner Theater stand damals im allgemeinen auf einem so hohen Niveau, daß sogar zweit- und drittklassige Aufführungen sich sehen lassen konnten. Wo das Beste wahrhaft vorzüglich ist, muß auch das Mittelmäßige mindestens leidlich sein.

Übrigens hätte mir mein neues Amt Spaß gemacht, selbst wenn alle Bühnen der Reichshauptstadt letzte Schmiere gewesen wären. Mochte das Stück, das ich zu kritisieren hatte, noch so dumm und phantasielos sein, die Tatsache, daß ich, der Achtzehnjährige, als seriöser Kritiker im Parkett sitzen durfte, war an sich amüsant und phantastisch genug. Mochten die Schauspieler dort droben es an Intensität und Konzentration fehlen lassen – ich hatte mich auf meine eigene Rolle zu konzentrieren. Ein Theaterkritiker war ein Mann von Prestige, eine Respektsperson im theatersüchtigen, theaterbesessenen Berlin der zwanziger Jahre. Ich gehörte nun also zu dieser noblen Gilde und tauschte nachlässig-joviale Kollegengrüße mit den Herren Kerr, Kurt Pinthus, Monty Jacobs, Herbert Ihering. Was für eine Komödie! Selbst wenn es auf der Bühne nichts zu lachen gab, ich lachte mir doch ins Fäustchen. Heimlich kichernd eilte ich nach der Vorstellung zum Redaktionsbüro, um, von innerem Lachen geschüttelt, mein Urteil über die neue Inszenierung des »Prinzen von Homburg« im Steglitzer Schloßtheater oder die neue Revue im Admiralspalast zu Papier zu bringen. Und ein paar Stunden später lasen die geschäftigen Berliner in der Untergrundbahn, im Café, im Autobus, was der Sachverständige vom »Zwölfuhrmittagsblatt« zu sagen hatte. Diese Erwachsenen! Wie leicht sie sich an der Nase herumführen ließen! Früher hatten wir sie mit trügerischen Telephonanrufen mystifiziert; jetzt bediente ich mich anderer Methoden.

Der Sachverständige vom »Zwölfuhrmittagsblatt« konnte beißend sein. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß ich den hochbetagten und hochberühmten Charakterspieler Ferdinand Bonn einmal aus purer Caprice ganz furchtbar heruntermachte. Manchmal aber war er beinah übertrieben gnädig. Besonders wenn es sich um einen gewissen jungen Schauspieler mit attraktiver Boxerphysiognomie und metallisch heller Stimme handelte, ließ der Sachverständige sich völlig gehen. Der junge Mime, er hieß Hans Brausewetter, wurde überall gelobt, aber nirgends so überschwenglich wie im »Zwölfuhrmittagsblatt«. Dort ging es hoch her zu seinen Ehren; der achtzehnjährige Kritikus erging sich in Dithyramben.

Wie weit konnte ich's treiben, ohne Anstoß zu erregen? Vielleicht erregte ich Anstoß: es kam mir nicht darauf an. Brausewetters Stimme klang mir angenehm in den Ohren, und es drängte mich, meinem Wohlgefallen öffentlich Ausdruck zu geben. Mein drolliges Amt gab mir hierzu die Möglichkeit. Der große Jux, er klappte! Die dummen Erwachsenen in der Untergrundbahn, irgendwo zwischen Zehlendorf und Alexanderplatz, lasen meine kindischen Ergüsse und nickten sich ernsthaft zu: »Der Brausewetter hat wieder eine sehr gute Kritik im ›Zwölfuhrmittagsblatt‹. Man sollte ihn sich doch ansehen in der neuen Rolle …«

... Es war ein bewegter Winter, reich an Arbeit, reich an Hoffnung und Spaß. Ich unterhielt mich glänzend in meinem Beruf, und Erika war ebenso begeistert von ihrer Tätigkeit. Sie hatte ein Engagement bei Max Reinhardt; in Nachmittagsvorstellungen und in zweiter Besetzung durfte sie schon große Rollen spielen, die meisten Abende der Saison aber verbrachte sie als stumme Hofdame in der glanzvollen Inszenierung von Shaws Jeanne d'Are-Tragödie. Es war der große Triumph der Elisabeth Bergner, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war. Die Anfängerin fand es belehrend und erregend, das Spiel der gefeierten Kollegin allabendlich aus so intimer Nähe zu beobachten; bald konnte Erika den reizend manierierten Bergner-Ton so täuschend imitieren, wie ehemals das samtene Organ der Delia Reinhardt und das schrille Plappern der bayerischen Ladnerin.

Pamela, die sich am Stadttheater zu Köln unter der Direktion von Gustav Hartung ihre ersten Lorbeeren erspielte, stattete uns zuweilen hastige Visiten ab. Wir logierten alle zusammen in einer schäbig-prunkvollen Flucht von möblierten Stuben in der Uhlandstraße, einer typischen Berliner Wohnung im schlechtesten Geschmack der Gründerjahre, dabei aber nicht ohne eine gewisse verstaubte Gemütlichkeit. Unsere Wirtin, Frau Schmidt, war ein Juwel; wir nannten sie »Puffmütterchen« und hingen von Herzen an ihr. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie hurtig durch die muffig dunklen Zimmer und Korridore ihres Etablissements watschelte, eine rundliche Alte von überraschender Elastizität und Beweglichkeit, das Haupt geschmückt mit einer Fülle drollig störrischer Löckchen, das kindlich pausbäckige Runzelgesicht immer strahlend, immer animiert. Wenn ihre Wohnung »schlechtestes Berlin« war – sie selbst, das muntere Mütterchen, war bestes: gutmütig, dabei gewitzt, von humoristischer Derbheit und Verschlagenheit, unsentimental, hilfsbereit, generös. Sie sah uns alles nach, weil sie uns ulkig fand. Wenn unsere Rechnung beunruhigende Dimensionen annahm, mochte sie wohl etwas sorgenvoll werden; aber wir bekamen nie ein ungeduldiges Wort von ihr zu hören. Wir weckten sie um drei Uhr morgens aus dem Schlaf, um eine Mark fünfzig für den Taxichauffeur zu borgen; sie nahm's nicht krumm, sondern lachte mit allen Runzeln: »Diese Kinder! Total meschugge!«

Wir hatten es famos bei unserem Puffmütterchen. Aber als der Winter sich dem Ende zuneigte, begann ich wieder einmal rastlos zu werden. Ich hatte genug Stücke gesehen. Ich wollte selbst eines schreiben. Für ein solches Unternehmen schienen die Bedingungen im Münchener Elternhaus am günstigsten. Ich kam beim »Zwölfuhrmittagsblatt« um einen Urlaub ein.

Wovon sollte es handeln, mein Stück? Natürlich von den Dingen, die mir vertraut waren, die ich liebte. Es würde ein Stück über junge Menschen sein. Was denn sonst? Ein Stück über die eigenen Träume und Erinnerungen, die Sehnsüchte und Begierden …

Als Schauplatz für mein empfindsames Drama dachte ich mir ein sonderbares Institut aus, ein sogenanntes »Erholungsheim für gefallene Kinder«, worunter man sich eine Mischung aus Ballettschule und Sanatorium, mit einem Einschlag von Gefängnis, Bordell und Kloster vorzustellen hat. Die patriarchalische Figur, die an der Spitze dieses kuriosen Gemeinwesens steht, trägt unzweideutig die Züge meines Lehrers und Freundes Paulus Geheeb. »Der Alte«, mit wallendem Bart und mysteriösem Schmunzeln, weiß alles, sieht alles, versteht alles, spricht nur ausnahmsweise. Seine Schutzbefohlenen – sanfte, fügsame Geschöpfe, die man kaum für »Gefallene« halten würde – üben sich in frommen Gruppentänzen und Chorgesängen. Bei den Exerzitien werden sie überwacht und angeleitet von zwei jungen Mädchen, Anja und Esther, und zwei Jünglingen, Jakob und Kaspar, die alle vier ihre Laufbahn als »gefallene Kinder« unter der Obhut des Alten begonnen haben und entschlossen scheinen, den Rest ihres Lebens im »Erholungsheim« zu verbringen. Wie sich beinahe von selbst versteht, herrschen zwischen diesen vieren Beziehungen höchst tragisch-komplizierter Natur. Die beiden Mädchen haben ein lesbisches Verhältnis, welches aber der dunklen, schwerblütigen Anja viel mehr bedeutet als der etwas ruchlosen Esther. Jakob, ein gehemmter Melancholiker, betet Anja an, während Kaspar (der ein Halbbruder Anjas ist: beide stammen auf irgendeine indirekte, etwas anrüchige Weise vom »Alten« ab) alle und keinen liebt. Soweit er sich überhaupt festlegt, scheint seine Wahl auf einen der Zöglinge, den kleinen Gimietto, zu fallen. Dann aber kommt Erik, wodurch die an sich schon prekäre Situation im Erholungsheim einfach unhaltbar wird.

Denn Erik ist der Draufgänger und Abenteurer, der von »draußen«, aus der bösen, bunten Welt in die klösterlich-schwüle Abgeschiedenheit unserer Tanzschule platzt. Er ist verheerend attraktiv, Erik, der Matrose: Esther fliegt auf ihn. Nun ist kein Halten mehr, die aufgestaute Hysterie explodiert munter drauflos. Esther wird sehr ausfallend gegen Anja, die ihrerseits wortlos leidet. Auch Kaspar ist eher niedergeschlagen, bleibt aber gesprächig und gelassen, zumal ja seine Beziehung zum kleinen Gimietto nicht unmittelbar durch Eriks mörderischen Sexappeal bedroht erscheint. Jakob hingegen gerät völlig außer Fassung: er haßt Erik, den er schließlich sogar mit dem Revolver bedroht. Erik will niemandem wehe tun, kann aber nicht umhin, kraft seines animalischen Charmes allgemein Verwirrung zu stiften. Der Alte schmunzelt, füttert seine Tiere und versteht alles. Die Kinder singen. Schließlich brennen Esther und Erik miteinander durch – es mußte wohl so kommen. Anja und Kaspar tauschen melancholische Bemerkungen aus, hinsichtlich des menschlichen Schicksals im allgemeinen und unserer Nachkriegsgeneration im besonderen. Jakob krümmt sich irgendwo vor Gram und Haß. Die Kinder singen immer noch. Darüber fällt der Vorhang.

Das Stück schrieb sich fast von selbst, wie unter Diktat. In vierzehn Tagen hatte ich es zu Papier gebracht. Die beiden Titelrollen, Anja und Esther, waren für Erika und Pamela bestimmt; bei der Figur des unwiderstehlichen Erik hatte ich an Brausewetter mit der metallischen Stimme gedacht. Ihm sollte die Buchausgabe des Stückes gewidmet sein.

Ich bestand darauf, das Drama im Familienkreis vorzulesen, nach dem Abendessen, in Zauberers Arbeitszimmer, wo er selbst uns damals Proben aus dem mählich wachsenden »Zauberberg« zum besten zu geben pflegte. Ich erinnere mich, daß Frau Hofrat Löhr, unsere Tante Lula, des Zauberers bürgerlich konventionelle, dabei tragisch problematische Schwester, der Vorlesung beiwohnte. Nach dem ersten Bild, das auf einer schwebend dunklen Note sehr à la Maeterlinck-Strindberg verhallt, herrschte ein etwas beklommenes Schweigen. Tante Lula, sehr aufrecht, sehr korrekt, dabei mit fröstelnd zusammengezogenen Schultern, als sei ihr kalt in ihrer Sofaecke, ließ schließlich ein nervöses Hüsteln hören. »Diese beiden jungen Mädchen«, sagte sie mit einem angstvoll besorgten Lächeln, »sie scheinen so sehr … nun, wie drücke ich mich nur aus … so sehr aneinander zu hängen. Warum hängen diese beiden jungen Mädchen so sehr aneinander, lieber Klaus?«

Statt meiner antwortete der Vater. »Nun, dergleichen kommt vor …« Es klang begütigend. »Eine sentimentale Beziehung zwischen Schulfreundinnen, so ist es wohl zu verstehen, nicht wahr?« –

Alle gaben zu, daß mein romantisches Stück ganz entschieden »Atmosphäre« habe.

 

Ich fuhr nach Berlin zurück, aber nicht, um mich dort lang aufzuhalten. Sowie ich den ersten Scheck vom Enoch-Verlag in Händen hatte, war meines Bleibens nicht mehr. Reisen! Die Welt sehen! … Ich sehnte mich nach dem Licht anderer Himmel, nach der Melodie fremder Zungen.

Die Fahrt nach England mit W. E. Süskind war seit Monaten verabredet. Er schien mir der ideale Reisegefährte. Erstens weil er fließend englisch sprach (Süskind hatte D. H. Lawrence und Aldous Huxley im Original gelesen, wozu ich damals keineswegs imstande war); dann aber auch, weil er mein Freund war, jemand, der unseren Familienjargon, den Kauderwelsch unseres Kreises beherrschte; jemand, mit dem ich lachen und mich freuen und diskutieren konnte.

Welch erregender Moment, der erste Grenzübertritt! Dies war also das Ausland! Man sprach nicht mehr deutsch … Zunächst war es zwar nur holländisch, unserer Muttersprache nah verwandt, was wir um uns herum hörten; aber der vierschrötige Sohn der Niederlande, der uns an der Grenzstation Kaffee und Kuchen verkaufte, schien uns doch die Verkörperung exotischen Zaubers; wir nannten ihn »Mynheer«, was er überhaupt nicht komisch fand, während wir unsererseits sehr lachen mußten. Ich erinnere mich, daß Süskind, der mindestens ebenso aufgeregt war wie ich, mit einer seiner fahrig-ausdrucksvollen kleinen Handbewegungen bemerkte: »Raus aus Deutschland! Es ist doch ein Gefängnis – dort hinter uns … Ein Gefängnis«, wiederholte er eigensinnig. »Jedes Vaterland ist wohl eines …«

Acht Jahre später sollte ich Gelegenheit haben, mich dieser Worte zu erinnern und sie ihm in Erinnerung zu rufen.

London war eine Enttäuschung. Ich sah es nicht; ich war blind. Ich sah das düstere Boarding-House, in dem wir logierten, und ein paar Mumien im Britischen Museum; ich sah lange Reihen von Taxis – altmodisch hochgebaut und doch überraschend wendig – und endlose Straßenzüge, Parks, Plätze und Brücken. Aber London sah ich nicht. Ich wartete auf Paris. London war etwas Überwältigendes, Überdimensionales, eine Monstrosität, erdrückend und verwirrend. Paris, das noch unbekannte, schon vertraute, schon geliebte Paris auf der anderen Seite des Kanals, schien mir näher, realer als London mit seiner kolossalischen Realität. Während ich die Themseufer entlangspazierte, träumte ich mich schon an der Seine. Ich überredete Süskind, unseren Aufenthalt abzukürzen. Wir beschlossen, per Flugzeug nach dem Kontinent zurückzukehren.

Der erste Eindruck von Paris … Aber dergleichen läßt sich wohl nicht beschreiben; es wäre, als ob man versuchen wollte, die erste Begegnung mit dem Menschen zu analysieren, den man lang und leidenschaftlich lieben wird.

Freilich, ich kam nach Paris mit einer Art von vorgefaßtem Enthusiasmus, entschlossen, alles herrlich zu finden. Aber dieses günstige Vorurteil hätte ja in die bitterste Enttäuschung umschlagen können, wenn Paris eben enttäuschend wäre. Indessen fand ich die Wirklichkeit noch zauberhafter, als ich sie mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte.

Nicht, als ob dieser erste Pariser Aufenthalt reich an sensationellen Erlebnissen gewesen wäre! Ich verliebte mich in eine Stadt – das ist alles; in eine Stadt mit ihren Gerüchen, Farben und Geräuschen, mit ihren königlichen Perspektiven und stillen Winkeln, mit ihrem Rhythmus, ihrer Melodie, ja, und mit ihrem Licht …

Es war wohl dies vor allem, das Licht, was mich von Anfang an kaptivierte. Die Atmosphäre dieser Stadt, der lieblich-diskrete Himmel von Paris scheint durchaus angepaßt dem Geschmack, dem Stilgesetz einer reifen und raffinierten Zivilisation. Da haben wir sie, klug verteilt und doch verschwenderisch ausgeschüttet: die heiteren Töne des Renoir – lächelndes Rosa, sattes Blau, leuchtendes Karmesin; die feierlichen Schatten, die wir aus der klassischen Landschaft des Poussin kennen; die unendliche Skala der Graus, über die Monet mit fürstlicher Nonchalance verfügt; die grellen Farbkontraste, mit denen die Affichen des Toulouse-Lautrec das Boulevard-Publikum in die Theater lockten; das dynamische Schwarz des großen Géricault, Bracques schöne Brauns und Gelbs, das morbide Blau des frühen Picasso … Welch eine Palette! Welch Fülle koloristischer Effekte, kostbarer Nuancen!

Warum verliebt man sich in diese Stadt Paris? Nun, wegen der Perlmutter-Blässe, die zuweilen die Bäume und Statuen im Luxemburg-Garten verklärt; wegen der heiligen Solidität, mit der Notre Dame in die Erde der Ile de France verwachsen ist; wegen des Aromas von Anis, »Vin Rouge« und Coty in den kleinen Bistros, und wegen der rührenden Plüsch-Eleganz, mit der gewisse Restaurants und Cabarets, verblühten Schönen gleich, uns empfangen; wegen des operettenhaften, schäbigen kleinen Lasterbetriebs von Montmartre und der possierlichen Prätentionen von Montparnasse; wegen der Madeleine und der lärmenden Cafés an den Grands Boulevards, wegen der reizvoll heiseren Stimmen der Huren und Herzoginnen (»Paris, je t'aime!« krächzt die unverwüstliche Mistinguette), wegen der deliziösen Brioches und des superben Mousse-au-chocolat (auch Crême de Marrons ist keineswegs zu verachten) und wegen der Champs Elysées; wegen der Kunsthandlungen in der Rue de la Boëtie und der absurden Großartigkeit des Eiffelturms und der Aussicht von Sacré Coeur; wegen der Babas-au-rhum bei Rumpelmeyer, Rue de Rivoli, und wegen des wundervollen Geruches in den »Halles«, wo die Früchte und Gemüse am frühen Morgen noch schöner leuchten und duften, als die leuchtenden, duftenden Berge von Rosen, Nelken, Flieder, Hyazinthen. Man liebt Paris wegen der schlanken Säule auf der Place Vendôme, wegen der gelb-broschürten Bücher und der vielen Katzen und der vielen Mönche; man liebt es wegen der Bordelle und des Boulevards St. Germain, und wegen der vielen billigen Hotels, und weil überall Wein zum Essen serviert wird, »un petit vin rosé« auch in der billigsten Kneipe; man kann nicht umhin, es zu lieben; denn alles erinnert an Balzac (wer ist der junge Mensch dort drüben an der Bar? Ist sein Name nicht Rastignac?) und an Louis XIV und an Offenbach und an Proust und an das Ballet Russe und an Danton und an Heinrich Heine. Paris ist liebenswert, weil es dort so gut zu essen gibt und weil alle Leute französisch sprechen und wegen der vielen Statuen und Fontänen – sie sind so dekorativ – und wegen der vielen Pissoirs – sie sind so praktisch – und wegen der Ziehharmonika-Musik in den volkstümlichen Dancings (»passez le money!») und wegen der Bouquinisten an den Seine-Quais und wegen des Louvre. Man liebt Paris, weil die Place de la Concorde sich ständig im Kreise dreht, ein Riesenkarussell, das mit all seinen Monumenten, Fahrrädern, Blumenbeeten und Autobussen um den ägyptischen Obelisken wirbelt.

Darum liebt man Paris – nicht um der »Abenteuer« willen. Berlin und Schanghai und New York mögen abenteuerliche Städte sein; aber nicht Paris. Paris ist hochzivilisiert, skeptisch, elegant, ausgeglichen, überhaupt nicht exzentrisch. Das Nachtleben in Kairo Chicago, Budapest, Neapel ist »abenteuerlich«, will sagen, schmutzig und kriminell; aber das Pariser Nachtleben ist ein natürlicher und integraler Bestandteil des Pariser Lebens. Gibt es in Paris eine »Unterwelt«? Vielleicht; aber sie spielt keine auffallende Rolle. Jedenfalls würde niemand es sich einfallen lassen, eine brave Prostituierte oder ihren emsigen Zuhälter zur »Unterwelt« zu rechnen. Die Sphäre des Geschlechtlichen, mit all ihren Aspekten und noch in ihren ausgefallensten Manifestationen, wird in dieser Stadt mit einer Mischung aus heiterem Realismus und fast religiöser Andacht behandelt, die für das Verhältnis jeder reifen Zivilisation zum Eros charakteristisch ist.

Wer Abenteuer in Paris sucht, wird enttäuscht sein. Aber mir war es nicht um Abenteuer zu tun. Ich wollte mich nicht in Paris amüsieren; ich wollte in Paris leben. Deshalb gab es keine Enttäuschung für mich. Niemand, der in Paris leben will, wird je enttäuscht sein.

Süskind kehrte nach München zurück, genau an dem Tag, der für das Ende unserer Reise ursprünglich festgesetzt worden war. Er war ein ordentlicher junger Mann, im Gegensatz zu mir. Ich blieb in Paris, ganz allein; oder vielmehr, ich fand neue Gesellschaft. Der ältere Freund, in dessen Begleitung ich mich nun befand, lud mich zu einer Mittelmeer-Reise ein.

Nach dem perlgrauen Dunst, der über der Pariser Landschaft liegt – die grelle Szenerie von Marseille! Wenn Paris durch seine raffinierte Diskretion bezaubert – Marseille frappiert durch die Heftigkeit seiner Farben, seiner Gerüche, seines Temperaments. Marseille glitzert, prahlt, stinkt, kreischt, gestikuliert. Sogar die goldene Madonna, großmütige Beschützerin der Matrosen und Huren, funkelt mit fast zornigem Eifer von ihrem felsigen Aussichtsposten. Welch wütender Betrieb auf der Cannebière! Die Hauptstraße von Marseille – charmante Travestie der Pariser Boulevards – scheint sich durch ständiges Toben als wirklich großstädtische Avenue beweisen und behaupten zu wollen. Man schlendert an den aufgeputzten Cafés der Cannebière vorbei. Gleich wird man den Alten Hafen erreicht haben! Da ist sie ja, unsere reizende Place du Vieux Port, grell beglänzt vom Sonnenlicht! Das blaue Meer mit seinen Segelbooten, Muscheln, Algen, Matrosen reicht in die Stadt hinein: die Stadt gehört dem Meere.

Wollen wir uns schon einschiffen auf einer dieser Jachten? Nein, wir haben das »Quartier réservé« noch nicht gesehen. Wenden wir uns nach rechts! Verirren wir uns in diesem Labyrinth enger, stinkender Gassen! Hier paradiert, lockt, grinst und winselt das Laster en gros, mit schamlos nackter Aufdringlichkeit und Habsucht; es ist der groteske Ausverkauf der Liebe, die primitive Massenorgie, halb Kolossal-Bordell, halb Lunapark.

Die verfänglichen Reize der Hafenstadt, schon durchtränkt vom Aroma der arabischen Küsten, machten mir Lust nach den Wundern Nordafrikas. Wir nahmen das nächste Schiff nach Tunis, um von dort aus weiter ins Innere des Landes vorzudringen. Ich sah die Sahara und fand sie noch schöner und noch schrecklicher als selbst den Ozean und die Gletscher; kein Hochgebirgspanorama, kein bewegtes Meer hat die schaurig elementare Größe dieser unendlich hingebreiteten, ungeformten, unbelebten Fläche, dieser ausgedörrten Urlandschaft und nach-sintflutlichen Todesidylle.

Wir besuchten die Oasenstädte Biskra und Kairuan; wir kehrten nach Tunis zurück und verweilten uns dort. Ich fand es gar zu schön: ich konnte mich nicht trennen.

So stark, von so nachhaltigem Zauber war dieser erste Eindruck, den ich von der Welt des Orients empfing, daß noch heute der Begriff des Exotischen und Märchenhaften in meiner Phantasie fast gleichbedeutend ist mit der Landschaft und Atmosphäre der nordafrikanischen Küste. Ich denke das Wort »Tausend-und-eine-Nacht« – uralte, magische Beschwörungsformel – und alles steigt wieder auf, was mich damals entzückte: die Moscheen mit ihren zugleich massiven und eleganten Kuppeln; der wilde Betteltanz der dunkelhäutigen Kinder; der drohende und doch verheißungsvolle Blick, mit dem die verhüllten Frauen, über ihr schwarzes Gesichtstuch hinweg, den Fremden prüfen; das dummstolz wiegende Schreiten der Kamele – eines von ihnen trug mich in die Wüste hinaus, so majestätisch-schwankenden Ganges, daß ich beinah seekrank geworden wäre; das lärmende Gewimmel in den schattigen Bazar-Gassen, den »Souks«, wo der bunte Kram die höhlenhaft engen Läden zu sprengen scheint und sich in üppigem Durcheinander auf das Pflaster ergießt. Es ergötzte mich, von dem verdächtigsten Konfekt zu naschen, giftgrüne Zuckerstangen, zähes Mandelgebäck, die seidigen Gewebe zu betasten mir aus dem Wust der ledernen Portefeuilles und Pantoffeln die farbenprächtigsten und feinsten auszusuchen. Mit welcher Wollust schnupperte ich die schweren, süßen Düfte – Moschus und Rosenöl! Und wie drollig die bärtigen Verkäufer waren mit ihrer heiseren Eloquenz, ihren beschwörenden Gesten, dem Derwisch-Geheul ihrer Flüche und Schwüre! Sie kamen sich so sehr gerissen vor. Ja, sie spielten wohl, bewußt oder unbewußt, die Rolle des orientalischen Händlers, dessen Abgefeimtheit sogar der Teufel nicht gewachsen ist, und waren am Schluß doch immer die Düpierten. Denn ich freute mich an ihrem listigen Getue wie an einem Vaudeville-Akt, schlürfte wohl auch ein Täßchen oder zwei von dem seimig-aromatischen Getränk, das man dort Café Turque nennt, bis ich plötzlich mit heiterem Erstaunen bemerkte, daß ich leider überhaupt kein Geld zu mir gesteckt hatte …

Ich blieb in Tunis, solange der ältere Freund irgend zahlen wollte – und sogar etwas länger. Als es sein mußte, schiffte ich mich widerwillig nach Palermo ein.

Italien ließ mich gleichgültig, unbefriedigt. In Sizilien sehnte ich mich nach den Sahara-Oasen. Der Schmutz von Neapel schien mir prosaisch und deprimierend, sehr im Gegensatz zu dem poetischen Dreck der Tausend-und-eine-Nacht-Sphäre, aus der ich kam. In Biskra hätte ich die Gegenwart von Klapperschlangen oder kleinen Schakalen in meiner Stube als ganz gemütlich empfunden; in Neapel verdroß es mich, daß es in unserem »Albergo« Wanzen gab. Zwar war ich immer noch unternehmungslustig genug, mich von einem verdächtigen Individuum in eine Maison-de-rendez-vous locken zu lassen, wo ich denn auch, wie es sich gehört, völlig ausgeplündert und übrigens beinah ermordet wurde; aber sogar dieser Zwischenfall machte mir keinen Spaß, obwohl er doch unleugbar den Charakter eines »Abenteuers« hatte.

Auch die Ewige Stadt ließ mich kalt. Viel später, zwanzig Jahre später, sollte ich Rom kennen und lieben lernen; aber damals irritierte es mich mit seinem Pomp, seiner Schwere, seiner ambitiösen Grandezza.

Wie erklärt sich solcher Mangel an Empfänglichkeit bei einem sonst aufmerksamen und aufnahmebereiten jungen Reisenden?

Teilweise war meine Antipathie gegen Italien wohl einfach eine Reaktion gegen den sentimental-pedantischen Kult, der vom deutschen Oberlehrer und Bildungsphilister gerade mit diesem Land stets getrieben wurde. Der deutsche Oberlehrer war gegen Frankreich, aus patriotischen Gründen: Nordafrika kannte er nicht, hielt es wohl auch kaum für kennenswert. Die »Denkmale klassischer Kunst«, die sich dort finden mochten, waren nicht erster Klasse, und die »fremdrassigen« Araber kamen schließlich als »Kulturvolk« nicht in Frage … Nach Italien aber unternahm man ernste Studienfahrten und heitere Hochzeitsreisen; jeder Deutsche, der auf sich hielt, mußte die Piazza San Marco von Venedig, den Schiefen Turm von Pisa, die Uffizien von Florenz, das Kolosseum, die Sixtinische Kapelle, den Vesuv und die Blaue Grotte gesehen haben. Der konventionelle Enthusiasmus der Spießer verleidete mir das Land.

Hinzu aber kam noch etwas anderes – ein Phänomen übrigens, durch welches die Italien-Liebe der teutonischen Bourgeoisie noch gesteigert wurde: der Fascismus. Ich haßte ihn damals, im Jahre 1925, wie ich ihn heute hasse, nur, daß zu jener Zeit meine Aversion durchaus instinktiver oder emotioneller Natur war, ohne intellektuelle Grundlage. Noch fehlte mir jede Vorstellung von den infernalischen Methoden und Konsequenzen der fascistischen Diktatur; aber ich hatte doch genug Geschmack und Sensibilität, um an den prahlerischen Gesten, der großtuerischen Brutalität des faszistischen Stils Anstoß zu nehmen. Die herrlichsten Renaissance- und Barock-Paläste verloren ihre Attraktion für mich, wenn ein Paar von arroganten Schwarzhemden vor ihnen Patrouille stand; die edelsten Fassaden schienen mir entstellt durch die pseudo-cäsarische Fratze des plakatierten »Duce«; der Fascismus mit seinem klirrenden Aufgebot an Paraden und Festen, mit seiner falschen »Ordnung«, seinem falschen »Tempo« verzerrte, pervertierte den natürlichen Rhythmus des italienischen Lebens.

Wie hätte ich Italien lieben sollen? Ich kannte es nur im Zustand der Entartung. Das Italien Mussolinis war nicht liebenswert. Da ging es bei uns, im republikanischen Deutschland, doch vergleichsweise demokratisch und friedliebend zu …

War dem wirklich so? Gab es nicht beängstigende Zeichen und Symptome auch nördlich der Alpen, wo ich mich nun wieder befand? Fiel mir nichts auf? Wollte ich nichts bemerken?

Allerlei war passiert in der lieben Heimat, während ich mich draußen herumtrieb. Generalfeldmarschall von Hindenburg war zum Präsidenten der Republik gewählt worden, als Nachfolger des verstorbenen Friedrich Ebert, eine entschieden alarmierende Neuigkeit. Ich war denn auch ein wenig alarmiert. Nicht, als ob politische Ereignisse mich damals im allgemeinen viel beschäftigt hätten! Aber die Sache mit Hindenburg ging doch ein bißchen weit. Ein alter Militarist als Haupt der Republik von Weimar? Ich spürte etwas wie Gewissensbisse. Nun war meine Stimme dem relativ liberalen, relativ intelligenten Kandidaten verlorengegangen, und der preußische Junker hatte es geschafft …

Indessen gab es andere Eindrücke, die mich meine Besorgnisse nur zu bald wieder vergessen ließen, zum Beispiel, die Publikation meiner beiden ersten Bücher: der Novellenband »Vor dem Leben« und mein romantisches Stück »Anja und Esther« empfingen mich bei der Heimkehr. Zwei sehr artige Kinder, säuberlich gedruckt und fein ausgestattet. Mit welch stolzem Vaterglück ich sie beroch, betastete, liebkoste! Und auf meinem Schreibtisch – freudigste Überraschung! – häuften sich schon die Briefe und Zeitungsausschnitte. Die ersten Kritiken – welche Sensation! (Die meisten von ihnen waren dumm, viele gehässig, aber was tut's?) Die ersten Botschaften von unbekannten Lesern und berühmten Kollegen! Ich genoß jedes Wort als ein Zeichen beginnenden Erfolges, als Verheißung künftiger Triumphe.

Die schönste Ermutigung kam mir von Stefan Zweig, den ich damals kaum persönlich kannte. Der unermüdliche Entdecker und Förderer junger Talente fand den Ton, der mir zum Herzen sprach: »Nur so weitergemacht, lieber Freund! Manche mögen geneigt sein, Sie als den Sohn des berühmten Vaters abzutun. Kümmern Sie sich nicht um solches Vorurteil! Arbeiten Sie! Sagen Sie, was Sie zu sagen haben – es ist eine ganze Menge, wenn mich nicht alles täuscht … Ich erwarte mir viel von Ihnen. Schreiben Sie ein neues Buch! Und denken Sie an mich bei der Arbeit – an die Hoffnung, die ich für Sie habe; an das Vertrauen, das ich Ihnen entgegenbringe!«

Ich dachte an ihn. Und es half.

Es waren nicht nur französische Bücher und arabische Kuriositäten, was ich von der Reise mitgebracht hatte; in meinem Koffer gab es auch ein stattliches Bündel hastig beschriebener Blätter: die ersten Notizen zu meinem ersten Roman. Ja, diesmal sollte es ein ausgewachsener Roman werden; ich hielt den Augenblick für gekommen, die komplette Beichte abzulegen, mir alles vom Herzen zu schreiben. Es drängte mich, der Welt ausführlich Mitteilung zu machen von all dem Schweren und Schönen, das mir widerfahren war und täglich widerfuhr; mein Ehrgeiz war, die Wirrnisse und Seligkeiten eines jungen Lebens, ja die Unruhe einer ganzen Generation erzählerisch zu gestalten.

Das Leben, wie ich es damals kannte und verstand, war vor allem dies: schweifende Unrast, Suchen, unstillbare Sehnsucht des Herzens, kurzes sinnliches Glück. Eine Jugend, die über moralische Vorurteile ebenso erhaben ist wie über soziale Bindungen und politische Dogmen, genießt und erleidet das irdische Dasein als ein farbig bewegtes Mysterium, das seine Rechtfertigung, seinen Sinn in sich selber trägt: »verstehen« läßt es sich nicht, sondern will eben nur durchlitten und genossen sein. Gleicht es einem Spiel, dies zweck- und ziellose, süße, grausame Leben? Nein, eher schon einem Tanz, in dem die großen Affekte – Lust, Schwermut, Angst, Verzicht, Dankbarkeit – sich zur sakralen Zeremonie, zum frommen Ritus bändigen. Und da hatte ich auch schon den Titel für meinen Roman. »Der fromme Tanz« – freilich, so mußte er heißen!

 

Ich war sehr jung, als ich die Gefahren und Möglichkeiten des eigenen Wesens solcherart porträtierte und spielerisch übertrieb.

Erika war sehr jung, auch Pamela und Gustaf Gründgens. Wir waren alle noch halbe Kinder, als wir uns in Hamburg zusammenfanden, um mein Stück »Anja und Esther« aufzuführen. Gründgens war der vielseitige Star der Hamburger Kammerspiele, die sich unter der Direktion von Erich Ziegel zu einer literarischen Bühne ersten Ranges entwickelt hatten. Er glitzerte und sprühte vor Talent, der charmante, einfallsreiche hinreißend gefallsüchtige Gustaf! Ganz Hamburg stand unter seinem Zauber. Welche Verwandlungsfähigkeit! Welch Virtuosität der Dialogführung, der Mimik, der Gebärde! Sein Repertoire umfaßte alle Typen und Altersstufen. Derselbe Schauspieler, der gestern noch den tragischen Advokaten in Strindbergs »Traumspiel« aufs schaurig-eindruckvollste verkörpert hatte, war heute ganz Anmut und lächelnde Sinnlichkeit in Schnitzlers »Anatol«, um am nächsten Abend in einer klassischen Rolle – etwa als Marquis Posa – mit edel-feurigem Anstand vor das entzückte Publikum hinzutreten. So begabt war Gustaf, daß er auf der Bühne gertenhaft schlank aussehen konnte, obwohl er in Wirklichkeit schon als junger Mensch eher zum schwammig-weichen Fettansatz neigte. Der geschmeidige Wuchs, den er als Aiglon oder als Hamlet zeigte, war einfach das Produkt suggestiver Verstellungskunst, ein Triumph des Willens über die Materie.

Gustaf war brillant, witzig, blasiert, mondän. Mit welch nachlässiger Eleganz servierte er die Pointen in Oscar Wildes »The Importance of Being Earnest«! Gustaf war düster und dämonisch, Gustaf war müde und dekadent, Gustaf war von überströmender Lebendigkeit; er war abwechselnd jugendlicher Liebhaber, »père noble«, Intrigant und Bonvivant; er war alles und nichts. Er war der Komödiant par excellence. –

In einer seiner jähen, intensiven Launen verliebte er sich in mein Stück; vor allem reizte ihn die Idee, »Anja und Esther« mit Erika und Pamela in den Titelrollen herauszubringen. Und ich, der Autor sollte auch mitspielen. Gustaf hatte es sich in den Kopf gesetzt. Seine Einladung, die in Form eines stürmischen Telegramms an mich erging, kam mir höchst überraschend. Ich hatte niemals daran gedacht, mich als Schauspieler zu versuchen. Aber warum schließlich nicht? Es würde ein neues Abenteuer sein, ein reizvolles Experiment … Ich sagte zu, auch im Namen von Pamela und Erika.

Die erste Begegnung mit Gustaf bleibt mir unvergeßlich. Mit dem Elan eines neurotischen Hermes drang er in unser Hotelzimmer ein. So leichtfüßig war sein Gang, daß man nicht umhin konnte, seine etwas abgetragenen, aber doch irgendwie sehr schicken Sandalen mit mißtrauischem Blick zu streifen. Gab es dort keine Flügel? Nein; auch war es kein antikes Göttergewand, was ihm da mit edler Nachlässigkeit um die Schultern hing, sondern nur ein ziemlich schäbiger Ledermantel.

Er war schön, die gerade, etwas zu fleischige Nase, die stolzen Lippen, das markante Kinn: alles war von kräftiger und reiner Bildung. Die leichte Verzerrtheit seiner Miene war wohl auf das Monokel zurückzuführen, welches er wegen starker Kurzsichtigkeit trug. Zu einer Brille mochte seine Eitelkeit sich nicht bequemen.

Er litt an seiner Eitelkeit wie an einer Wunde. Es war diese fieberhafte, passionierte Gefallsucht, die seinem Wesen den Schwung, den Auftrieb gab, an der er sich aber auch buchstäblich zu verzehren schien. Wie tief muß der Inferioritätskomplex sein, der sich in einem solchen Feuerwerk von Charme kompensieren will! Welche Beunruhigung, welch gequältes Mißtrauen versteckt sich hinter dieser exaltierten Munterkeit! Wer seiner selbst sicher wäre, gäbe wohl nicht so an. Wer sich auch nur von einem Menschen wirklich geliebt wüßte, hätte es kaum nötig, ständig zu verführen.

Der Gustaf jener frühen Epoche, der noch unbewiesene, noch unberühmte, von Ehrgeiz verzehrte Anfänger, war nicht ohne rührende, ja nicht ohne tragische Züge, bei all seinem Geglitzer. In einem Gesicht, das ohne Schminke merkwürdig fahl, fahl wie Asche, schien, schillerten seine kalten, traurigen Juwelenaugen wie die eines sehr seltenen, sehr kostbaren, vielleicht verzauberten Fisches.

Wenn übrigens seine Haltung im Umgang mit Menschen, vor allem mit solchen, an deren Urteil ihm gelegen sein mochte, von krampfiger Nervosität und fahriger Unsicherheit war, so gewann er Selbstgewißheit und Equilibrium, sowie er sich in seiner eigentlichen Lebens- und Arbeitssphäre, auf der Bühne befand. Wie hilflos, wie beschämt ich mich fühlte, wenn ich meine eigenen ungelenken schauspielerischen Bemühungen mit Gustafs angeborener und bei aller Jugendlichkeit schon erfahrener Bravour verglich! Ich sollte den Kaspar spielen, während er sich mit der recht undankbaren Rolle des düster-gehemmten Jakob begnügte. Aber auf den Proben kümmerte er sich kaum um seinen eigenen Text, sondern war vor allem der Regisseur, der uns alle mit bemerkenswerter Autorität leitete und überwachte. Mit welch zärtlicher Behutsamkeit er Erika beriet und ermutigte! Wie er Pamela zugleich zu lockern und zu zähmen wußte! Mit mir aber hatte er die ärgste Mühe; er machte mir alles vor. »An dieser Stelle, Klaus, würde ich etwas aasiger sein. Du verstehst doch, was ich meine? Ein kleines Lächeln – hintergründig, perfid … nein, nicht so! Längst nicht aasig genug … Versuch es noch einmal!«

Die Uraufführung fand, im Herbst des Jahres 1925, gleichzeitig in Hamburg und München statt. In München, wo Otto Falckenberg das Stück in den Kammerspielen herausbrachte, war die Reaktion gleichermaßen gehässig bei Presse und Publikum. Unsere Hamburger Veranstaltung hingegen darf wohl als ein durchschlagender Erfolg bezeichnet werden – mindestens als ein ziemlich lauter succès de scandale. Von den Gestaden der Nordsee bis nach Wien, Prag und Budapest gab es ein groß Gerausche im Blätterwald: »Dichterkinder spielen Theater!« Manche der Artikel waren boshaft, während andere sich durch einen gnädig herablassenden Ton auszeichneten; einige Kritiker brachten sogar ein gewisses Verständnis für die Intentionen und Qualitäten meines Stückes auf. Aber ob die Kommentare spöttisch oder enthusiastisch waren, ihre Überfülle mußte uns als Reklame willkommen sein. Die »Dichterkinder« spielten vor vollen Häusern.

Das Theater machte mir Spaß; die Intrigen, Spannungen und Triumphe des Komödiantenlebens. Es war drollig und interessant, dies alles kennenzulernen. Es behagte mir, mit Frau Loja, der komischen Alten, in der verrauchten Kantine zu sitzen und dem letzten Klatsch über Frau Mirjam Horwitz, die Gattin des Herrn Direktor, zu lauschen; ich fand Vergnügen daran, mir vor der Vorstellung vom Garderobier das Gesicht verschönen zu lassen. Und dann – immer wieder erregender Augenblick! – die Minute, ehe der Vorhang sich hebt … Anderthalb Jahre früher, im »Tü-Tü«, war es ein Moment albtraumhafter Bangigkeit und Beklemmung gewesen; aber jetzt fühlte ich mich sicherer, beinah siegesgewiß: statt gepeinigter Angst empfand ich nur noch ein wohliges Gruseln. Die Lichter gehen aus im Saal, das Gespräch im Parkett dämpft sich zum erwartungsvollen Geraune. Ich bin es, auf den sie warten! Noch eine Sekunde, und wir werden uns gegenüberstehen, ich hier oben, in schmeichelhafter Beleuchtung, und dort unten im Dunkel das vielköpfige Monstrum: der unberechenbare Widersacher, den es zu überlisten, zu besiegen gilt; die spröde Geliebte, die ich in meine Umarmung zwinge … Alles fertig? Jeder auf seinem Platz? Und da hebt sich auch schon, mit diskretem Rauschen, die samtene Wand, die es eben noch zwischen uns und dem Publikum gegeben hat. Aus schattiger Tiefe starrt es zu uns hinauf, das leicht verführbare, leicht kränkbare, widerspenstige, verräterische, zugleich rohe und sensitive Kollektivwesen: die Masse.

Ich sehe mich noch mit Gustaf hinter den Kulissen stehen, gespannt, gleichsam sprungbereit in Erwartung unseres Stichwortes. Gustaf sieht recht imposant aus in seinem mönchisch strengen, dunklen Kostüm, die Augen ein wenig schielend vor Hysterie unter dem barocken Putz der flammend roten Perücke. Er hat den Arm um meine Schulter gelegt; wir lauschen dem Dialog auf der Bühne, dem lyrisch bewegten, leidenschaftlich pointierten Zwiegespräch zwischen Anja und Esther. »Ist sie nicht wundervoll« haucht der mit dem Flammenhaar an meiner Seite. »Ihre Stimme …« Und ich weiß, welche der beiden Stimmen er meint.

Ich hatte es gut in Hamburg. Die Tage mit Erika, Pamela, Gustaf und einer bunten Auswahl von neuen Freunden, die Abende im Theater, die Nächte in den Kaschemmen und Matrosen-Dancings von St. Pauli, alles war danach angetan, mich restlos glücklich zu machen. Wie lange? Sechs Wochen lang oder acht … Meine Unrast – oder meine Angst vor Wiederholung, Monotonie und Überdruß – ließ mich niemals an einem Ort, bei einem Freundeskreis, einer Beschäftigung verweilen. Es trieb mich fort. Immer trieb es mich zum Aufbruch, zum neuen Abenteuer. Ich gefährdete (oder rettete) menschliche Beziehungen, riskierte berufliche Chancen, unterbrach Studien und Amüsements – nur aus dem nervös-irrationalen Bedürfnis nach Wechsel und Bewegung.

Von Hamburg fuhr ich zunächst nach Berlin, dann weiter nach München, Wien, Nizza. Ich machte die Bekanntschaft der Côte d'Azur, die mir später so lieb-vertraut werden sollte. Aber damals hielt es mich nicht lange. Der beginnende Frühling fand mich schon wieder in Paris.

Es war ein langer und ereignisreicher Aufenthalt, drei oder vier Monate, die sich in meiner Erinnerung fast paradiesisch verklären. Die geliebte Stadt präsentierte sich mit ihrem gastfreundlichsten Lächeln, ja, sie erschien liebenswerter denn je, in diesem strahlenden Frühling des Jahres 1926. Das Leben war bequem und bunt und übrigens billiger als in Deutschland. Die Entwertung der französischen Währung hatte noch nicht den Charakter einer nationalen Kalamität, war aber doch beträchtlich genug, um die Preise, auch in den Luxusrestaurants und eleganten Geschäften, für nicht-kapitalistische Besucher, wie ich es war, durchaus erschwinglich zu machen.

Paris wimmelte von Ausländern aller Rassen und Nationalitäten; aus allen Teilen Europas, aus Nord- und Südamerika, Asien, Afrika und Australien kamen sie herbeigereist und brachten Valuta mit. Weshalb sie denn auch von den Parisern mit einer allerdings leicht ironisch gefärbten Ehrerbietung behandelt wurden. Die großen Cafés an den Grands Boulevards und den Champs Eliysées, die Nachtlokale von Montmartre und Montparnasse, die Coiffeurs, die Restaurants, die Buchhandlungen, die Dampfbäder, sogar der Louvre waren überlaufen von schaulustigem, lernbegierigem, vergnügungssüchtigem Volk aus Tokio und Birmingham, Detroit und Tunis, Breslau und Rio de Janeiro, Schanghai, Stockholm und Kansas City. Es war eine veritable Invasion – friedlich, aber überwältigend – von lärmenden Babbits, smarten Gigolos, Damen der Welt und Halbwelt, Künstlern mit und ohne Talent, Originalen mit und ohne Originalität, Säufern, Millionären, Hochstaplern, Spielern, grimmigen Lesbierinnen, geschminkten Lustknaben, verängstigten Provinzlern, Abenteurern, Modistinnen, Hochzeitsreisenden, Studenten, politischen Flüchtlingen, Poeten, Abbés, Journalisten, alten Jungfern, Weltberühmtheiten und verkannten Genies. Mir kommt es vor, als ob ich nie wieder in meinem Leben so viele Menschen kennengelernt hätte, meist, um sie gleich wieder aus den Augen zu verlieren, wie damals in Paris. Welche Fülle der Flirts und Freundschaften! Welcher Reichtum an intellektuellen Kontakten! Man traf sich auf der Terrasse des Café du Dôme, im »Select«, in den Ateliers der Maler – bei Rudolf Levy, dem Matisse-Schüler, dessen sonorer Baß jede Gesellschaft beherrschte; bei Niels de Dardell, dem Dänen, in dessen Montmartre-Studio es immer ein Zwitscher-Konzert heller nordischer Frauenstimmen gab (alles, was er tat und produzierte, war verspieltes, tänzerisches Rokoko; er fertigte ein Porträt von mir an und verwandelte mich in einen zierlich-schwermütigen Pagen mit vergißmeinnicht-blauen Augen, süß gespitztem Mäulchen und rosigem Porzellan-Teint); bei Jules Pascin – amerikanischem Bürger östlich-jüdischer Herkunft –, den ich niemals nüchtern gesehen habe und nie ohne einen Harem von melancholischen Prostituierten, die direkt aus den Bordellen von Bukarest und Warschau importiert schienen. (In meiner Erinnerung sind die Pascin-Damen immer nur mit Pantoffeln und kurzen, losen Hemden bekleidet – vielleicht weil sie sich auf seinen Skizzen und Bildern meist in diesem Kostüm dargestellt finden.) Man diskutierte über Joyce, sexuelle Perversitäten und Diaghilew. Die russischen Emigranten (wir verbrachten lange, wehmütig-traurige Samowar-Abende bei dem bizarren Remisow und manchen seiner Freunde) sprachen über Lenin und den Antichrist. Ernst Robert Curtius, der Heidelberger Romanist, dem ich meine ersten Kenntnisse zeitgenössischer französischer Literatur verdanke, zeigte mir die kostbaren Winkel des alten Paris – Adelshäuser, Kapellen, Gärten und Konditoreien –, die in den Büchern von Proust, Valéry, Larbaud und Giraudoux beschrieben sind. Wilhelm Uhde, der aristokratische Preuße, der den Weg »von Bismarck zu Picasso« fand, erklärte mir die »Valeurs« in den Werken von Delacroix, Courbet, Rousseau und Marie Laurencin.

Es war in diesem schönen, reichen Frühling, daß ich dem jungen französischen Dichter René Crevel begegnete.

Er hatte wenig Ähnlichkeit mit dem Cliché-Typ des Pariser homme de lettres, an dem die Phantasie des internationalen Spießertums so eigensinnig festhält. René war weder glatt und elegant, noch »geistreich« im konventionellen Sinn. Seinem fulminanten Charme – ja, er war vielleicht der charme-begnadetste Mensch, den ich je gekannt habe! – eignete ein Element des Tragisch-Wilden, ein Einschlag von desperater Ungebärdigkeit, der aus dem Kern seines Wesens kam und sich allen seinen Gesten, Worten und Blicken erregend mitteilte. Es war etwas Unbeschreibliches um seine Augen – weite, leuchtende Sterne, aufgerissen wie in ständiger Panik oder in stetem Entzücken. Solche Augen kommen kaum noch vor in unserer reduzierten Epoche. Sie hatten keine bestimmbare Farbe, sondern schienen nur aus wechselndem Licht gemacht; Ungeheures ging vor in ihrer bewegten Tiefe: Auf Explosionen jenseitiger Elektrizität folgten jähe Verfinsterungen, als ob Schatten des Schmerzes sich von einer leidvollen Stirn auf diese strahlenden Himmelskörper senkten.

Er war freundlich und generös, aber er konnte auch aggressiv, ja grausam werden. Seine fanatische Integrität empörte sich gegen alles Niedrige und Gemeine. Die Eigenschaften, die er am unerbittlichsten verabscheute, waren gerade jene, die er als typisch für die eigene Klasse empfand – die der Bourgeoisie der Dritten Republik. Kein Laster schien ihm so unverzeihlich wie der Geiz und die selbstzufriedene Beschränktheit, die er dem Milieu seiner Herkunft, den Eltern, Lehrern, Verwandten wütend zum Vorwurf machte.

Seine Penchants und Aversionen, sogar sein äußerer Habitus waren durchaus bestimmt von diesem passionierten Ressentiment gegen die bourgeoise Familie, besonders gegen die Mutter. Da die alte Madame Crevel ausschließlich Schwarz trug, wählte René die grellsten Farben für seine Anzüge, Hemden, Socken und Krawatten. Oft sah er in der Tat recht exzentrisch aus; denn zum eigenwilligen Kostüm kam die eigentümliche Physiognomie – halb Erzengel, halb Boxer – mit kindlich dicken Lippen, wild zerzaustem Haar und den unglaublichen Augen.

Er verbrachte seine Tage mit Amerikanern, Deutschen, Russen und Chinesen, weil seine Mutter alle Ausländer für kriminelle oder pathologische Subjekte hielt. Er trank Whisky und Gin, da der Geruch davon ihr Übelkeit erregte. Er haßte das Christentum, weil sie zur Kirche ging. Sie war nationalistisch; er machte respektlose Witze über la douce France und ihre heiligsten Güter. Madame war Puritanerin; er schokierte sie mit Obszönitäten. Es machte ihm Vergnügen, in großer Gesellschaft über den Selbstmord seines Vaters zu scherzen; denn er wußte, daß die Witwe diese Familienschande zu cachieren suchte. Nicht genug damit, daß Monsieur Crevel senior sich umgebracht hatte (Madame fand ihn eines Abends erhängt in ihrem Salon, wo sie gerade einige besonders distinguierte Gäste empfangen wollte) – er war auch verrückt gewesen, ein Syphilitiker im letzten Stadium, wenn man dem schaurig aufgekratzten Bericht des Sohnes Glauben schenken durfte. Eine charmante Idee, nicht wahr, unter solchen Umständen ein Kind in die Welt zu setzen! »Meine gute Mama war zu gottesfürchtig, um mich abzutreiben«, erklärte der Sohn mit verzweifelter Munterkeit, »obwohl sie wußte, daß ich krank sein würde … Die Sünden der Väter: man kennt das. Ich muß nun büßen für die Laster des alten Herrn – und die Tugend seiner Gemahlin.«

Manchmal war ich verwirrt, ja entsetzt von der Rigorosität seiner Urteile, der Vehemenz seiner Reaktionen. Seine Antipathie gegen gewisse Mächte und Institutionen hatte beinah manischen Charakter; die katholische Kirche, die Armee, die Académie Française – um nur diese zu nennen – waren ihm verhaßt wie persönliche Feinde, von deren Intrigen er sein Leben bedroht, die Luft vergiftet fand. In den Schmähreden, die ihm mit einer Art von wütendem Enthusiasmus von den kindlich weichen Lippen kamen, mischte sich der derb-humoristische Argot der Pariser Vorstadt aufs überraschendste mit dem wissenschaftlich-lyrischen Vokabular der Surrealisten, zu deren Kreis er gehörte. Er schalt und fluchte wie ein junger Gott, dem das Grauen vor irdischer Schlechtigkeit und der Genuß irdischer Weine den Sinn benebelt haben. Übrigens stieß er ein wenig mit der Zunge an, wodurch seine rabiate Eloquenz etwas rührend Unbeholfenes und Infantiles bekam.

Wie gegenwärtig sind mir die Nachmittagsstunden, die langen Abende, die wir zusammen verbrachten! Ich wohnte in einem kleinen Hotel nicht weit von der École Militaire, wo er gerade seine zwei Jahre grollend abgedient hatte. Er trat in mein Zimmer, ließ den hellen Überzieher achtlos auf einen Stuhl, auf den Fußboden fallen; sein Entrée war immer stürmisch und atemlos, als käme er mit furchtbaren Neuigkeiten oder auf der Flucht oder von großer Freude bewegt. Dann setzte er sich wohl auf mein Bett und fing hurtig an, mir vorzulesen. Junger Dichter in grauen Flanellhosen und blauem Hemd mit rostroter Krawatte auf einem Hotelbett sitzend, den Kopf über das Manuskript geneigt: so bewahre ich mir sein Bild.

Der Roman, aus dem er mir damals vorlas, heißt »La Mort Difficile«. Pierre, der problematische junge Held, ist ein Selbstporträt, ebenso wie der empfindsame Andreas aus meinem »Frommen Tanz«. Pierres Mutter, die schreckliche Madame Dumont-Dufour, trägt deutlich die Züge der alten Madame Crevel; die Gehässigkeit der literarischen Karikatur wirkte auf mich um so beunruhigender, als ich wußte, daß Renés Mutter damals im Sterben lag. Als er mit der Vorlesung eines Kapitels, in dem die bourgeoise Alte eine besonders peinliche Rolle spielt, zu Ende war, erkundigte ich mich schüchtern, ob der Zustand seiner Mama sich etwas gebessert habe. Im Gegenteil, versetzte er trocken, es gehe ihr miserabel. »Sie wird's wohl nicht mehr lang treiben.«

Ich fragte ihn auch, was aus Pierre werden sollte; er lächelte und hatte eine seltsam geistesabwesende Art, durch mich hindurchzuschauen, als wäre ich ein Geist oder eine Wolke oder gar nicht vorhanden. »Ich werde ihn töten«, sagte er schließlich mit einem Achselzucken, wobei sein Lächeln immer stolzer und zerstreuter wurde. »Wozu sollte er sonst wohl gut sein? Pauvre petit …« Später verriet er mir noch, daß er vorhabe, seinen armen kleinen Pierre eine tödliche Dosis Phanodorm schlucken zu lassen, ein Schlafmittel, das er selbst oft benutzte. Irgendwo in den Straßen von Paris, auf einer Bank wird er sein bißchen Leben aushauchen. »Denn der Sohn der Madame Dumont-Dufour hat kein Heim, wo er leben oder sterben könnte.«

So wuchs sein Tod in ihm, sein schwieriger Tod. Er wuchs im Innersten seines psychischen und organischen Seins, einer mörderischen Frucht gleich, die reifen will; und wenn sie reif ist und weich, bricht sie auf, um mit dem Erguß ihres purpurnen Saftes das zarte Herz, das sie genährt, zu überschwemmen und zu vernichten.

 

Wie immer arbeitete ich viel, bei aller Rastlosigkeit. Eine größere Erzählung, die »Kindernovelle«, war erschienen. Auch mehrere Essays hatte ich verfaßt, in denen ich meinen Pflichten als junger europäischer Intellektueller nachzukommen meinte.

Ein junger europäischer Intellektueller – die Formel wurde mir beinah etwas wie ein Programm. Es war immerhin ein Fortschritt, verglichen mit der programmatischen Glorifizierung der »Jugend« schlechthin, als biologischen Zustands. Die Betonung des »Europäischen«, auf die ich nun Wert legte, bedeutete einen Protest gegen den gängigen Nationalismus, während der Begriff des »Intellektuellen« sich gegen die »Blut- und Boden«-Romantik der deutschen Reaktionäre wendete.

Eine Abhandlung, die ich damals schrieb und mit Vorliebe öffentlich verlas, trug denn auch den stolzen Untertitel »Zur Situation des geistigen jungen Europäers«. Es war ein umfangreicher Essay – »Heute und Morgen« geheißen – in dem ich meine Ansichten über Gott, Leben, Literatur, die marxistischen Dogmen, die Rätsel des Geschlechts, Stefan George, Demokratie, den deutschen Nationalismus und andere aktuelle Themen recht übersichtlich zusammenfaßte.

Von ähnlicher Schwierigkeit und ähnlichem Gewicht waren die Probleme, die ich in meinem zweiten Stück, »Revue zu Vieren«, etwas leichtfertigerweise zu lösen suchte. Die Premiere fand zu Leipzig statt, mit Gustaf, Erika, Pamela und mir selbst in den Hauptrollen, zwei glückliche junge Paare, sozusagen; denn Fräulein Wedekind und ich waren noch immer verlobt, während Erika inzwischen Frau Gustaf Gründgens geworden war. Verfolgt von den Flüchen sächsischer Kritiker begaben wir uns, mit eigener Truppe und eigenen Dekorationen, übrigens ohne Gustaf, auf eine große Tournée, die ein unerschrockener Agent für uns arrangiert hatte. Die Dekorationen waren, stilvollerweise, von einem anderen »Dichterkind«. Thea Sternheim, »Mopsa« genannt, die Tochter des Dramatikers, war Künstlerin von bedeutenden Gaben, dazu ein warmherziger, mutiger und liebenswerter Mensch: eine der ganz wenigen von den alten Freunden, denen ich mich heute noch verbunden fühle.

Wir wurden in den Berliner Kammerspielen ausgepfiffen (»Hier können Familien Stücke spielen«, hatte der schalkhafte Werner Krauß an den Bühneneingang geschrieben), in München beschimpft, in Hamburg beklatscht, in Kopenhagen, wo die liebe Karin Michaelis uns ein Gastspiel unter den Auspizien der führenden liberalen Zeitung »Politiken« gerichtet hatte, mit wohlwollender Neugier empfangen. Manchmal waren unsere Vorstellungen eher ein Kampf mit dem Publikum als eine zivilisierte Lustbarkeit. Wir ließen's uns nicht anfechten.

Der eigentliche Grund für all dies Geschrei und Getue, das feindliche sowohl als auch das schmeichelhafte, war natürlich der stetig wachsende Erfolg meines Vaters. Um die Zeit, von der hier die Rede ist, stand er mehr denn je im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Wenn die »Buddenbrooks«, der epische Schwanengesang des deutschen Bürgertums, relativ lang gebraucht hatten, um sich die Gunst der Masse zu erobern, so wurde »Der Zauberberg« sofort als der erste deutsche Roman von großem europäischem Format begrüßt und anerkannt.

Der flitterhafte Glanz, der meinen Start umgab, ist nur zu verstehen – und nur zu verzeihen –, wenn man sich dazu den soliden Hintergrund des väterlichen Ruhmes denkt. Es war in seinem Schatten, daß ich meine Laufbahn begann, und so zappelte ich mich wohl etwas ab und benahm mich ein wenig auffällig, um nicht völlig übersehen zu werden. Die Folge davon war, daß man nur zu sehr Notiz von mir nahm. Meist mit boshafter Absicht. Irritiert durch ständige Schmeicheleien und Sticheleien benahm ich mich, »grad zum Trotz«, genau so indiskret und kapriziös, wie es offenbar von mir erwartet wurde.

Was ich mir nicht genügend klarmachte, oder worauf ich nicht genügend Rücksicht nahm, war die Tatsache, daß meine unbedenkliche Exzentrizität allerlei Peinlichkeiten auch für den berühmten Vater mit sich brachte. Sein Name tauchte, wie sich von selbst versteht, in fast jedem der satirisch-polemischen Kommentare auf, mit denen die deutsche Presse mich damals so reichlich bedachte. Ich erinnere mich einer Zeichnung im »Simplizissimus« – einer nicht sehr freundlichen Karikatur von der Meisterhand des Th. Th. Heine –, auf der ich hinter dem Stuhl meines Vaters stehend dargestellt bin. Er wirft mir einen mißtrauischen Blick über die Schulter zu, während ich schnippisch bemerke: »Man sagt, Papa, daß geniale Väter keine genialen Söhne haben. Also bist du kein Genie.« Und der Dichter Bertolt Brecht, der weder meinen Vater noch mich ausstehen konnte, begann einen launigen Artikel in der Berliner Zeitschrift »Das Tagebuch« mit folgender Pointe: »Die ganze Welt kennt Klaus Mann, den Sohn von Thomas Mann. Wer ist übrigens Thomas Mann?«

Anekdoten über unser Familienleben wurden von witzigen Köpfen erfunden und von der Presse eifrig kolportiert. Manchmal hatten diese Schnurren sogar den pikanten, um nicht zu sagen paradoxen Reiz, wahr zu sein, zum Beispiel, die Geschichte von der Widmung, die der Zauberer mir zum Weihnachtsfest 1925 in mein Exemplar des »Zauberberg« schrieb und die in der Tat lautete: »Dem geschätzten Kollegen – sein hoffnungsvoller Vater.« Leider war ich unvorsichtig genug, diesen Scherz Freunden zu zeigen, die ihn ihrerseits nicht für sich behielten. Ein gefundenes Fressen für die liebe »Journaille«!

Übrigens ist die »Zauberberg«-Dedikation, der eine so übertriebene Publizität zuteil ward, irgendwie charakteristisch für die Haltung, die mein Vater um jene Zeit mir gegenüber einnahm. Es war eine Haltung von ironischem Wohlwollen und abwartender Reserviertheit, halb skeptisch, halb belustigt. Ich glaube nicht, daß er sich jemals ernste Sorgen um mich gemacht hat. Davor bewahrte ihn nicht nur seine natürliche Indifferenz und Detachiertheit, sondern wohl auch sein Vertrauen in meine Intelligenz und meine gesunden Instinkte; aber meine Extravaganzen mögen ihm zuweilen mehr auf die Nerven gegangen sein, als er zeigen oder als ich bemerken wollte. Indessen blieb er stets bei seinem alten pädagogischen Prinzip, welches darin bestand, sich nicht einzumischen, sondern nur durch das Beispiel der eigenen Würde und Diszipliniertheit indirekt Einfluß zu üben. Wie fragwürdig und gewagt wir es auch treiben mochten, er schaute zu. Manchmal mit einem amüsierten Lächeln, manchmal mit einem Stirnrunzeln, aber ohne jemals zu intervenieren oder auch nur ein gar zu lebhaftes Interesse an unserem Tun zu bekunden. Wußte er überhaupt, wo ich mich aufhielt, was ich arbeitete, mit wem ich Umgang hatte, während der vielen Monate, die ich nun jedes Jahr fern von München, fern dem Vaterhaus verbrachte? Es war nicht eben seine Art, den Heimkehrenden mit Fragen zu bedrängen.

»Wo kommst du diesmal her?« erkundigte er sich wohl beim Mittagessen mit zerstreuter Herzlichkeit. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Mielein sich mit heiterem Vorwurf einzumischen. Sie war es ja gewohnt, die Mittlerin zu spielen zwischen ihm und einer Welt, für deren irrelevante Details er kein Gedächtnis hatte. »Aber, Tommy!« rief sie aus. »Du bist schon gar zu unorientiert! Weißt du denn nicht, daß unser Sohn gerade einen sehr netten Erfolg mit seinem Stück in Basel hatte? Er hat uns doch telegraphiert!« Oder: »Nein wirklich, Lieber, wie ich mich über dich wundern muß! Als ob ich dir nicht erzählt hätte, daß Klaus seinen Freund Crevel in Davos besucht hat! Er ist recht krank, der arme René, eine Lungengeschichte … Was, du kennst ihn nicht? Aber da hört sich doch alles auf! Natürlich kennst du Crevel. Wir haben ihn doch voriges Jahr in Paris getroffen, auf diesem gräßlichen Empfang bei der Baronin X. Er hat dir sogar besonders gut gefallen, obwohl er so schnell sprach, daß du ihn überhaupt nicht verstehen konntest.« Und dann machte der Vater vielleicht eine Bemerkung über René, aus der überraschend hervorging, daß er viel mehr von ihm wußte, als seine erste Reaktion hätte vermuten lassen.

Zuweilen kam uns der Verdacht, daß er in der Tat besser über unsere Angelegenheiten unterrichtet sei, als es den Anschein hatte; in anderen Augenblicken verblüffte er uns durch seine Ahnungslosigkeit und, mehr noch, durch seine Desinteressiertheit. Aber gerade wenn wir uns zu fragen begannen, ob er überhaupt an unseren Bemühungen und Problemen irgendwelchen Anteil nehme, frappierte und rührte er uns mit einem nachlässig hingeworfenen Wort, einer scheinbar ganz zufälligen oder unbeabsichtigten Geste. Es mochte geschehen, daß in einer Zeitschrift, die er regelmäßig las, eine kränkende Kritik über mich stand, die er, wiederum mir zur Kränkung, völlig zu ignorieren schien. Bei Tische plauderte er über das Wetter, während in meinem doppelt verletzten Herzen Stürme rasten. Nach dem Essen aber, gerade wenn Mielein verkündete: »Nun, sonst gibt's nichts, Kinder!«, schüttelte er wohl das Haupt mit halb humoristischem Kummer und bemerkte seufzend: »Ja ja, die Welt ist voll bösartiger Dummheit. Man sollte sich dran gewöhnen. ›Jeden Morgen muß ich mindestens eine giftige Kröte herunterschlucken …‹ Ich glaube, es war Flaubert, der sich solchermaßen in seinem Tagebuch beklagte. Und der gute Hans Christian Andersen brach bei der Lektüre einer gehässigen Kritik einfach in Tränen aus. Freunden, die ihn von der Bedeutungslosigkeit des Anwurfs zu überzeugen suchten, erwiderte er mit melancholischem Eigensinn: ›Mir bedeutet diese häßliche Rezension einen großen Schmerz, und so kann sie wohl nicht völlig unbedeutend sein.‹ Das war doch sehr unvernünftig von unserem lieben Andersen, nicht wahr?«

Das fortwährende Kommen und Gehen in unserem Hause schien den Vater eher zu amüsieren als zu stören. Übrigens war er selbst viel unterwegs. Gutmütig und gewissenhaft, nicht ohne eine gewisse ironische Feierlichkeit, nahm er die mannigfachen sozialen Verpflichtungen auf sich, die der Ruhm mit sich bringt – literarische Kongresse, Vorträge, Festessen, Interviews. Niemand war überrascht, wenn er sich nach dem Frühstück mit lässigem Winken empfahl: »Also adieu, Kinder – auf Anfang nächster Woche! Ja, ich muß doch leider nach Frankfurt, zur Goethefeier – hat Mielein es nicht erwähnt? Freilich ist es lästig, aber was soll ich tun? Ich muß mich sputen, sonst versäume ich noch den Zug.«

Auch verlor er seine Haltung nicht, wenn Mielein plötzlich zu jammern begann: »Ach, mein armes Köpfchen! Jetzt habe ich doch schon wieder vergessen, dem Chauffeur zu sagen, daß die Eri um neun Uhr vierzig ankommt! Oder war's um zehn Uhr fünfundzwanzig? Ich habe das Telegramm verloren, so was ist mir doch noch nie passiert! Ich glaube, sie bringt auch einen Freund mit oder eine Freundin oder ein befreundetes Paar – wie soll ich das jetzt noch wissen? Es stand eben alles in dem verlorenen Telegramm …« – Dann zog der Zauberer, höflich überrascht und erfreut, die Augenbrauen hoch: »So so, die Eri kommt heute abend!« Und er fügte sinnend hinzu: »Ich habe sie lange nicht gesehen – ziemlich lang, will mir scheinen. Es ist recht, daß sie kommt.«

Jeder von uns brachte seine Freunde mit: Michael und Elisabeth, die in München zur Schule gingen, führten ihre halbwüchsigen Kameraden ein; Monika, die Stillste von uns allen, empfing ihre wenigen Intimen zum trauten Kaffeeklatsch; Golo kam aus Heidelberg, wo er bei Professor Jaspers Philosophie studierte, mit ernsten Kommilitonen. Und um Erika und mich herum gab es immer Betrieb. Manchmal glich unser Haus einem zwanglosen Hotel auf dem Lande oder dem Hauptquartier einer munteren Verschwörerbande. Es tat sich was an Intrigen, Flirts, Diskussionen, hysterischen Ausbrüchen, künstlerischen Darbietungen, nächtlichen Gelagen. Immer war etwas los: der eine hatte Gedichte vorzulesen, der andere meldete ein Ferngespräch nach London an, während der dritte irgend jemandem eine Eifersuchtsszene machte oder außer sich geriet, weil er im Kursbuch den Abendzug nach Breslau nicht finden konnte. Alles schwatzte, scherzte, schimpfte durcheinander in dem geschwinden und barocken Kauderwelsch, das die meisten unserer Freunde von der Mann-Familie übernahmen.

In der allgemeinen Konfusion gab es nur einen Menschen, der die mannigfachen Dramen und Interessen der verschiedenen Hausbewohner und Gäste in ihrer Gesamtheit überschaute: meine Mutter. Sie schien die einfachsten Dinge zu vergessen oder durcheinanderzubringen, hatte in Wirklichkeit aber das organisatorische Genie, das nicht aus dem Kopf kommt, sondern aus dem Herzen. Während ihr Hauptinteresse stets dem Wohlergehen und Werk des Vaters galt, brachte sie es doch fertig, sich auch unserer Affären hilfreich anzunehmen und den Freunden mit herzlicher Sympathie und klugem Rate beizustehen. Mielein wußte ebenso genau Bescheid über »Reisis« (Hans Reisigers) Geldsorgen und emotionelle Konflikte, wie über »Bibis« (Michaels) Violinstunden und Golos philosophische Spekulationen. Sie war vertraut mit Rickis Seelennöten (er liebte eine reizvolle, aber etwas sadistische junge Dame, deren Kapricen ihn an den Rand des Wahnsinns trieben) und mit den Schwierigkeiten von Erikas neuer Rolle; [W.] E. Süskind kam zu ihr, wenn ihm zu seinem neuen Roman kein passender Titel einfallen wollte, und ich kam zu ihr, um mich über die Kritiker zu beklagen oder um mir hundert Mark zu pumpen oder einfach, um mein Herz auszuschütten. Das ganze Haus kam zu ihr – jeder mit seinen Sorgen, Hoffnungen und Beschwerden.

Natürlich gab es Ebbe und Flut im geselligen Leben des Hauses. Es mochte vorkommen – nicht sehr häufig zwar! –, daß wir alle abwesend waren, von irgendwelchen Arbeiten oder Abenteuern in Anspruch genommen, in irgendeiner entfernten Gegend des Landes oder des Kontinents. Dann muß das Haus in der Poschingerstraße vergleichsweise still gewesen sein. Statt des Lärmes, den wir und unsere Bande um uns zu verbreiten pflegten, gab es nur noch das gedämpfte Gespräch der zwei elterlichen Stimmen. Es hatte immer etwas sonderbar Rührendes für mich, mir dies plötzlich vereinsamte oder doch friedlich gewordene Haus vorzustellen. Wie übertrieben geräumig, wie leer es nun schien, das stattliche Kinderhaus ohne Kinder! Im oberen Stockwerk, wo unsere Zimmer lagen, war es wohl immer dunkel, wenn es uns nicht gab.

Indessen ging das Leben im Hause natürlich weiter, auch in unserer Abwesenheit. Der Vater hielt sich streng an seinen lang erprobten Tagesplan. Immer dieselben Stunden am Schreibtisch, die regelmäßigen Promenaden, die Nachmittags-Siesta, die abendliche Lektüre. Irgendwo in einem Hotelzimmer, in Marseille oder in Kopenhagen, beschwor ich wohl zuweilen die idyllische Szene und sah ihn vor mir, wie er abends vom Spaziergang nach Hause kam, die Diele betrat (nicht ohne vorher seine schmutzigen Stiefel mit einem Paar weicher Hausschuhe vertauscht zu haben!) und mit leicht ironisch stilisierter Galanterie die Hand meiner Mutter küßte: »Wie ist es dir ergangen, mein Herz? Hast du die Urgreise in die Oper gefahren?« »Urgreise« war unsere Bezeichnung für die Großeltern: sie wurde rührend-drolliger Weise auch von den »Greisen«, den Eltern also, benutzt.

Ja, Mielein hatte die Alten pünktlich zu Beginn der »Meistersinger« abgeliefert; es gehörte zu ihren unzähligen Pflichten, Offi und Ofey im Auto herumzukutschieren und ihnen Unterhaltungen zu bieten … Ich schaute Vater und Mutter aus der Ferne zu, wie sie noch eine Weile auf der Diele miteinander lachten – ein innig leises, vertrauliches kleines Geschäker – und sich dann zu zweit zum Abendbrot niedersetzten. Worüber sprachen sie wohl, am runden Tisch, unter der Hängelampe? Sprachen sie von Dingen, die vor langen Jahren geschehen waren und von denen wir gar nichts wußten oder doch nur ungenaue Kenntnis hatten? Oder sprachen sie von Dingen der Zukunft – von unseren Dingen? Waren wir der Gegenstand ihres gedämpften Dialogs beim Nachtmahl, unsere Probleme, unsere Aussichten und Möglichkeiten, die Gefahren, denen sie uns ausgesetzt wußten? Der Gedanke, daß dem so sein mochte, daß dem wahrscheinlich so war, konnte mich zuweilen fast zu Tränen rühren.

In solchen Augenblicken eines angenehm linden Heimwehs liebte ich es, mich einer bestimmten Situation zu erinnern, die – an sich ganz bedeutungslos – mir doch immer ergreifend im Gedächtnis bleiben wird.

Ich sehe mich die steinernen Stufen vom Eingang unseres Hauses herunterkommen und den Garten durchqueren, während Hans, der Chauffeur, mich draußen in der Föhringer Allee beim offenen Wagen erwartet. Es ist eine meiner vielen Abreisen, ich weiß nicht, wohin ich fahre. Ich fahre irgendwohin, ich trage meinen Handkoffer, ein paar Bücher, den Regenmantel. Gerade da Hans mit einer höflichen kleinen Verbeugung den Wagenschlag für mich öffnet – »Zum Hauptbahnhof, Herr Klaus?« –, erscheint mein Vater am Fenster seines Schlafzimmers im ersten Stock. Es muß vier Uhr nachmittags sein – seine Ruhestunde. Er trägt seinen dunklen Schlafrock, eine schöne Robe aus blauem Brokat, in der er sich fast niemals vor uns sehen läßt, und ist eben dabei, die Jalousien herunterzulassen. Aber er unterbricht sich in seiner Hantierung, da er den Wagen, das Gepäck, den Chauffeur und mich drunten in der Allee bemerkt.

Wie deutlich ich das Bild vor Augen habe! Der Vater dort oben, im Rahmen des offenen Fensters … Und nun winkt er mir zu, mit einem müden und ernsten Lächeln.

»Viel Glück, mein Sohn!« sagt der Vater, mit halb scherzhafter Feierlichkeit. »Und komm heim, wenn du elend bist!«


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