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XIV.
Über Umbildung und Anpassung im naturwissenschaftlichen Denken.

Rede gehalten bei Antritt des Rektorates der deutschen Universität Prag am 18. Oktober 1883. – Vgl. Artikel V. und »Mechanik«.

Der in den folgenden Zeilen dargelegte Gedanke ist im wesentlichen weder neu noch fernliegend. Ich selbst habe ihn schon 1866 und auch später mehrmals berührt, ohne ihn jedoch zum Hauptthema einer Untersuchung zu machen. (Vgl. Artikel V.) Auch von anderen ist diese Idee jedenfalls schon behandelt worden; sie liegt eben in der Luft. Da aber manche meiner Detailausführungen auch in der unvollständigen Form, in welcher sie durch den Vortrag und die Tageblätter bekannt geworden sind, einigen Anklang gefunden haben, so habe ich mich, gegen meine anfängliche Absicht, doch zur Publikation entschlossen. Auf das Gebiet der Biologie wünsche ich hiermit nicht überzugreifen. Man sehe in meinen Worten nur den Ausdruck des Umstandes, daß dem Einflüsse einer bedeutenden und weittragenden Idee sich niemand zu entziehen vermag.

Als Galilei zu Ende des 16. Jahrhunderts, mit vornehmer Nichtachtung der dialektischen Künste und der sophistischen Feinheiten der Gelehrtenschulen dieser Zeit, sein helles Auge der Natur zuwandte, um von ihr seine Gedanken umbilden zu lassen, anstatt sie in die Fesseln seiner Vorurteile schlagen zu wollen, da fühlte man alsbald auch in fachlich fernstehenden Kreisen, ja in Schichten der Gesellschaft, welche sonst nur in negativer Weise auf die Wissenschaft Rücksicht zu nehmen pflegen, die gewaltige Veränderung, welche sich hiermit im menschlichen Denken vollzog.

Und groß genug war diese Veränderung! Teils als unmittelbare Folge der Galileischen Gedanken, teils als Ergebnis des eben auflebenden frischen Sinnes für Naturbeobachtung, der Galilei gelehrt hatte, an der Betrachtung des fallenden Steines selbst seine Begriffe über den Fall zu bilden, sehen wir von 1600–1700, im Keime wenigstens, fast alles entstehen, was in unserer Naturwissenschaft und Technik eine Rolle spielt, was in den beiden folgenden Jahrhunderten die Physiognomie der Erde so bedeutend umgestaltet hat, was heute sich so mächtig fortentwickelt. Während Galilei noch ohne ein nennenswertes Werkzeug seine Untersuchungen beginnt, in einfachster Weise durch ausfließendes Wasser die Zeit mißt, sehen wir alsbald das Fernrohr, das Mikroskop, das Barometer, das Thermometer, die Luftpumpe, die Dampfmaschine, die Pendeluhr, die Elektrisiermaschine in voller Tätigkeit. Die grundlegenden Sätze der Dynamik, der Optik, der Wärme- und Elektrizitätslehre, alle enthüllen sich in dem einen Jahrhundert nach Galilei.

Dürfen wir unserem Gefühl trauen, so ist die Bewegung, welche durch die bedeutenden Biologen der letzten hundert Jahre vorbereitet, und durch den kürzlich verstorbenen großen Forscher Darwin wachgerufen wurde, kaum von geringerer Bedeutung. Galilei schärfte den Sinn für die einfacheren Erscheinungsformen der unorganischen Natur. Mit gleicher Schlichtheit und Unbefangenheit wie Galilei, ohne Aufwand technisch-wissenschaftlicher Mittel, ohne Mikroskop, ohne physikalisches und chemisches Experiment, nur durch die Kraft des Gedankens und der Beobachtung erfaßt Darwin eine neue Eigenschaft der organischen Natur, die wir kurz deren Plastizität nennen wollen. Mit gleicher Energie wie Galilei verfolgt er seinen Weg, mit gleicher Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe zeigt er die Stärke und den Mangel seiner Beweise, mit taktvoller Ruhe vermeidet er jede außerwissenschaftliche Diskussion, und erwirbt sich die Achtung der Anhänger sowohl als der Gegner.

 

Fußnote aus technischen Gründen im Text wiedergegeben. Re. Auf den ersten Blick scheinen sich die gleichzeitigen Annahmen der Vererbungs- und Anpassungsfähigkeit zu widersprechen, und wirklich schließt eine starke Tendenz zur Vererbung eine große Fähigkeit der Anpassung aus. Denkt man sich aber den Organismus ähnlich wie eine plastische Masse, welche die von früheren Einwirkungen herrührende Form so lange beibehält, bis neue Einwirkungen dieselbe abändern, so stellt die eine Eigenschaft der Plastizität sowohl die Vererbungs- als die Anpassungsfähigkeit dar. Ahnlich verhält sich ein Stahlstück von bedeutender magnetischer Koerzitivkraft, indem es seinen Magnetismus so lange beibehält, bis eine neue Kraft denselben verändert, ähnlich auch eine bewegte Masse, welche die vom vorigen Zeitteilchen ererbte Geschwindigkeit beibehält, wenn dieselbe nicht durch eine augenblickliche Beschleunigung abgeändert wird. In Bezug auf das letztere Beispiel schien die Abänderung selbstverständlich, und die Auffindung der Trägheit war das Uberraschende, während umgekehrt im Darwinschen Falle die Vererbung als selbstverständlich angesehen wurde, und die Abänderung als das Neue erschien.

Vollkommen zutreffende Ansichten können natürlich nur durch das Studium der von Darwin betonten Tatsachen selbst, und nicht durch diese Analogien allein gewonnen werden, von welchen ich die auf die Bewegung bezügliche, wenn ich nicht irre, zuerst von meinem Freunde Ingenieur J. Popper (in Wien) im Gespräche gehört habe.

Viele Forscher betrachten die Stabilität der Art als etwas Ausgemachtes, und stellen derselben die Darwinsche »Theorie« gegenüber. Doch ist die Stabilität der Art eben auch eine »Theorie«. Wie wesentlichen Umwandlungen übrigens die Darwinschen Ansichten entgegen gehen, sehen wir an den Arbeiten von Wallace und besonders an der Schrift von W. H. Rolph (Biologische Probleme. Leipzig 1882. Leider zählt der letztere geniaie Forscher nicht mehr zu den Lebenden.

 

Noch sind keine drei 1883 geschrieben. 1895. Decennien verflossen, seit Darwin die Grundzüge seiner Entwicklungslehre ausgesprochen hat, und schon sehen wir diesen Gedanken auf allen, selbst fernliegenden Gebieten Wurzel fassen. Überall, in den historischen, in den Sprachwissenschaften, selbst in den physikalischen Wissenschaften hören wir die Schlagworte: Vererbung, Anpassung, Auslese. Man spricht vom Kampf ums Dasein unter den Himmelskörpern, vom Kampf ums Dasein unter den Molekülen. Vgl. Pfaundler, Pogg. Ann. Jubelband. S. 181.

Wie von Galilei nach allen Richtungen Anregungen ausstrahlten, z. B. von seinem Schüler Borelli die exakte medizinische Schule begründet wurde, aus welcher selbst bedeutende Mathematiker hervorgingen, so belebt jetzt der Darwinsche Gedanke alle Forschungsgebiete. Zwar besteht die Natur nicht aus zwei getrennten Stücken, dem organischen und dem unorganischen, die etwa nach gänzlich verschiedener Methode behandelt werden müßten, aber viele Seiten hat die Natur. Sie ist wie ein mannigfaltig zu einem Knoten verschlungener Faden, dessen Verlauf bald von dieser, bald von jener bloßliegenden Schlinge aus verfolgt werden kann, und nie darf man glauben – dies haben auf beschränkterem Gebiet die Physiker von Faraday und J. R. Mayer gelernt – daß das Fortschreiten auf einmal eingeschlagener Bahn allein alle Aufklärung bedingt.

Ob nun von den Darwinschen Gedanken auf den verschiedenen Gebieten viel oder wenig haltbar und fruchtbar bleiben wird, werden die Spezialforscher der betreffenden Fächer in Zukunft zu prüfen und zu entscheiden haben. Mir mag es nur erlaubt sein, an dieser Stätte, welche der umversitas literarum angehört, die ja in die Förderung des freieren Wechselverkehrs der Wissenschaften mit Recht ihren Stolz setzt, das Wachstum der Naturerkenntnis im Lichte der Entwicklungslehre zu betrachten. Denn die Erkenntnis ist eine Äußerung der organischen Natur. Und wenn auch Gedanken in ihrer Eigenart sich nicht in jeder Beziehung wie gesonderte Lebewesen verhalten können, wenn auch jede gewaltsame Vergleichung hier vermieden werden soll, der allgemeine Zug der Entwicklung und Umbildung muß, sofern Darwin einen richtigen Blick getan, auch an ihnen hervortreten.

Von dem reichhaltigen Thema der Vererbung von Gedanken, oder vielmehr der Vererbung der Stimmung für bestimmte Vorstellungen, will ich hier absehen. Schöne Ausführungen über diesen Punkt finden sich bei Hering, »über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie«. Almanach der Wiener Akademie, r8yo. – Vgl. Dubois, Über die Übung. Berlin 1881. Es würde mir auch nicht zukommen, Betrachtungen über die psychische Entwicklung überhaupt anzustellen, wie sie Spencer Spencer, The principles of psychology. London 1872. und manche moderne Zoopsychologen mit mehr oder weniger Glück weitläufig ausgeführt haben. Ebenso soll der Kampf und die natürliche Auslese, die unter den wissenschaftlichen Theorien in der Literatur Platz greift, Vgl. Artikel V. besonders S. 72–75. unberücksichtigt bleiben. Nur Umbildungsprozesse solcher Art wollen wir in Augenschein nehmen, wie sie jeder Lernende leicht an sich selbst beobachten kann.


Wenn ein Sohn der Wildnis, der mit feinen Sinnen die Fährten seiner Jagdtiere aufzuspüren und zu unterscheiden, der mit Schlauheit seinen Feind zu überlisten weiß, der sich in seinem Kreise vortrefflich zurecht findet, einer ungewöhnlichen Naturerscheinung oder einem Erzeugnis unserer technischen Kultur begegnet, so steht er diesen Dingen machtlos und ratlos gegenüber. Er versteht sie nicht. Versucht er sie zu begreifen, so mißdeutet er sie. Der verfinsterte Mond wird ihm von einem Dämon geplagt; die pustende Lokomotive ist ihm ein lebendes Ungeheuer; das einer Sendung beigegebene Begleitschreiben, welches seine Naschhaftigkeit verriet, ist ihm ein bewußtes Wesen, das unter einen Stein gelegt wird, wenn es gilt, eine neue Missetat unbeobachtet auszuführen. Das Rechnen erscheint ihm, wie selbst noch in den arabischen Märchen, als Punktierkunst, Vgl. z. B. G. Weil, Tausend und eine Nacht. 2. Ausgabe III, S. 154. die alle Geheimnisse zu enthüllen vermag. Und in unsere sozialen Verhältnisse versetzt, führt er, wie Voltaires »ingénu«, nach unseren Begriffen vollends die tollsten Streiche aus.

Anders der Mensch, welcher die moderne Kultur in sich aufgenommen hat. Er sieht den Mond in seiner Bahn zeitweilig in den Erdschatten eintreten. Er fühlt in Gedanken die Erwärmung des Wassers im Kessel der Lokomotive, er fühlt zugleich die wachsende Spannung, welche den Kolben fortschiebt. Wo er nicht unmittelbar folgen kann, greift er nach Maßstab und Logarithmentafel, die seine Gedanken stützen und entlasten, ohne sie zu beherrschen. Die Meinungen der Menschen, welchen er nicht zustimmen kann, sind ihm doch bekannt, und er weiß ihnen zu begegnen.

Worin besteht nun der Unterschied zwischen beiden Menschen? Der Gedankenlauf des ersteren entspricht nicht den Dingen, die er sieht. Er wird auf Schritt und Tritt überrascht. Die Gedanken des zweiten folgen den Erscheinungen, und eilen ihnen voraus, sie sind dem größeren Beobachtungs- und Wirkungskreis angepaßt, er denkt sich die Dinge wie sie sind. Wie sollte auch ein Wesen, dessen Sinne immer nach dem Feinde spähen müssen, dessen ganze Aufmerksamkeit und Kraft durch das Beschaffen der Nahrung in Anspruch genommen wird, den Blick in die Ferne richten können? Dies wird erst möglich, wenn uns unsere Mitmenschen einen Teil der Sorge ums Dasein abnehmen. Dann gewinnen wir die Freiheit der Beobachtung, und leider auch oft jene Einseitigkeit, welche uns die Hilfe der Gesellschaft mißachten lehrt.

Wenn wir in einem bestimmten Kreise von Tatsachen uns bewegen, welche mit Gleichförmigkeit wiederkehren, so passen sich unsere Gedanken alsbald der Umgebung so an, daß sie dieselbe unwillkürlich abbilden. Der auf die Hand drückende Stein fällt, losgelassen, nicht nur wirklich, sondern auch in Gedanken zu Boden, das Eisen fliegt auch in der Vorstellung dem Magnete zu, erwärmt sich auch in der Phantasie am Feuer.

Der Trieb zur Vervollständigung der halbbeobachteten Tatsache in Gedanken entspringt, wie wir wohl fühlen, nicht der einzelnen Tatsache, er liegt, wie wir ebenfalls wissen, auch nicht in unserem Willen, er scheint uns vielmehr als eine fremde Macht, als ein Gesetz gegenüber zu stehen, welches Gedanken und Tatsachen treibt.

Daß wir mit Hilfe eines solchen Gesetzes prophezeien können, beweist eigentlich nur die für eine derartige Gedankenanpassung hinreichende Gleichförmigkeit unserer Umgebung. In dem Zwange, der die Gedanken treibt, und in der Möglichkeit der Prophezeiung liegt ja durchaus noch nicht die Notwendigkeit des Zutreffens. In der Tat müssen wir ja jedesmal das Eintreffen einer Prophezeiung erst abwarten. Und Mängel derselben werden immer bemerklich, nur sind sie klein in Gebieten von so großer Stabilität, wie etwa die Astronomie.

Wo unsere Gedanken den Tatsachen mit Leichtigkeit folgen, wo wir den Verlauf einer Erscheinung vorausfühlen, ist es natürlich, zu glauben, daß letztere sich nach den Gedanken richten müsse. Der Glaube an die geheimnisvolle Macht, Kausalität genannt, welche Gedanken und Tatsachen in Übereinstimmung hält, wird aber bei dem sehr erschüttert, der zum erstenmal ein neues Erfahrungsgebiet betritt, z. B. die sonderbare Wechselwirkung elektrischer Ströme und Magnete, oder die Wechselwirkung von Strömen wahrnimmt, die so aller Mechanik zu spotten scheint. Er fühlt sich von seiner Prophetengabe sofort verlassen, und nimmt in dieses neue Gebiet nichts mit, als die Hoffnung, auch diesem seine Gedanken bald anzupassen. Wenn jemand zu einem Knochen mit dem Gefühl der größten Sicherheit den Rest des Skelettes, oder zu einem teilweise verdeckten Schmetterlingsflügel eben den verdeckten Teil errät, so sehen wir darin nichts Metaphysisches, während die Gedankenanpassungen des Physikers an den dynamisch-zeitlichen Verlauf der Tatsachen, die doch ganz von derselben Art sind, wohl nur ihres hohen praktischen Wertes wegen, einen besonderen metaphysischen Nimbus erhalten. Ich weiß wohl, daß dem Streben, sich bei der Naturforschung auf das Tatsächliche zu beschränken, der Vorwurf einer übertriebenen Furcht vor »metaphysischen Gespenstern« entgegengehalten wird. Ich mochte aber nicht unbemerkt lassen, daß unter allen Gespenstern, nach dem Unheil zu urteilen, das sie angerichtet haben, die metaphysischen allein keine Fabel sind. – Es soll übrigens nicht in Abrede gestellt werden, daß manche Denkformen nicht erst vom Individuum erworben, sondern durch die Entwicklung der Art vorgebildet oder doch vorbereitet sind, in dem Sinne wie dies Spencer, Häckel, Hering u. a. sich vorgestellt haben, und wie ich selbst gelegentlich angedeutet habe.

Überlegen wir nun was vorgeht, wenn der Beobachtungskreis, dem unsere Gedanken angepaßt sind, sich erweitert. Wir sahen oft die schweren Körper, wenn die Unterlage wich, sinken; wir sahen wohl auch, daß ein schwerer sinkender Körper einen leichteren in die Höhe drängte. Nun werden wir plötzlich gewahr, wie ein leichter Körper, etwa an einem Hebel, einen anderen von viel größerem Gewichte hebt. Die gewohnten Gedanken fordern ihr Recht, die neue Tatsache fordert es auch. In diesem Wiederstreite der Gedanken und Tatsachen entsteht das Problem, aus dieser teilweisen Inkongruenz entspringt die Frage: »warum ?« Mit der neuerlichen Anpassung an den erweiterten Beobachtungskreis, in unserem Beispiele mit der Annahme der Gewohnheit, in allen Fällen auf die mechanische Arbeit zu achten, verschwindet das Problem, d. h. es ist gelöst.

Das Kind, dessen Sinne eben erwachen, kennt kein Problem. Die farbige Blume, die klingende Glocke, alles ist ihm neu, und doch wird es durch nichts überrascht. Der vollendete Philister, der nur an seine gewohnte Beschäftigung denkt, hat auch kein Problem. Alles geht ja seinen bestimmten Lauf, und was etwa einmal verkehrt geht, ist höchstens ein Curiosum, nicht wert, daß man es beachtet. Wirklich hat, wo die Tatsachen uns nach allen Seiten geläufig werden, die Frage »warum« ihr Recht verloren. Der entwicklungsfähige junge Mensch aber, der eine Summe von Denkgewohnheit in sich aufgenommen hat, und der stets noch Neues und Ungewohntes wahrnimmt, hat den Kopf voll von Problemen, und des Fragens nach dem »warum« ist kein Ende.

Was also das naturwissenschaftliche Denken am meisten fördert, ist die allmähliche Erweiterung der Erfahrung. Das Gewohnte bemerken wir kaum, es erhält seinen intellektuellen Wert eigentlich erst im Gegensatze zu dem Neuen. Was wir zu Hause kaum sehen, entzückt uns in wenig veränderter Gestalt auf der Reise. Die Sonne scheint da heller, die Blumen blühen frischer, die Menschen blicken fröhlicher. Und zurückgekehrt finden wir auch unsere Heimat wieder bemerkenswerter.

Von dem Neuen, von dem Ungewöhnlichen, von dem Unverstandenen geht aller Reiz zur Umbildung der Gedanken aus. Wunderbar erscheint das Neue dem, dessen ganzes Denken hierdurch erschüttert wird und in gefährliches Schwanken gerät. Allein das Wunder liegt niemals in der Tatsache, sondern immer nur im Beobachter. Der stärkere intellektuelle Charakter strebt sofort nach einer entsprechenden Umbildung der Gedanken, ohne dieselben ganz aus ihrer Bahn drängen zu lassen. So wird die Wissenschaft zur natürlichen Feindin des Wunderbaren, und das erregte Erstaunen weicht bald einer ruhigen Aufklärung und Enttäuschung.

Betrachten wir nun einen solchen Umwandlungsprozeß der Gedanken im einzelnen. Das Sinken der schweren Körper erscheint als gewöhnlich und selbstverständlich. Bemerkt man aber, daß das Holz auf dem Wasser schwimmt, die Flamme, der Rauch in der Luft aufsteigen, so wirkt der Gegensatz dieser Tatsachen. Eine alte Lehre sucht dieselben zu erfassen, indem sie das dem Menschen Geläufigste, den Willen, in die Körper verlegt, und sagt, daß jedes Ding seinen Ort suche, das schwere unten, das leichte oben. Bald zeigt es sich aber, daß selbst der Rauch ein Gewicht hat, daß auch er seinen Ort unten sucht, daß er von der abwärts strebenden Luft nur aufwärts gedrängt wird, wie das Holz vom Wasser, weil dieses stärker ist.

Wir sehen nun einen geworfenen Körper. Er steigt auf. Wie kommt es, daß er seinen Ort nicht mehr sucht? Warum nimmt die Geschwindigkeit seiner »gewaltsamen« Bewegung ab, während jene des »natürlichen« Falles zunimmt? Folgen wir aufmerksam beiden Tatsachen, so löst sich das Problem von selbst. Wir sehen mit Galilei in beiden Fällen dieselbe Geschwindigkeitszunahme gegen die Erde. Also nicht ein Ort, sondern eine Beschleunigung gegen die Erde ist dem Körper angewiesen.

Durch diesen Gedanken werden die Bewegungen schwerer Körper vollkommen geläufig. Die neue Denkgewohnheit festhaltend, sieht nun Newton den Mond und die Planeten ähnlich geworfenen Körpern sich bewegen, aber doch mit Eigentümlichkeiten, die ihn nötigen, diese Denkgewohnheit abermals etwas abzuändern. Die Weltkörper, oder vielmehr deren Teile, halten keine konstante Beschleunigung gegen einander ein, sie »ziehen sich an« im verkehrt quadratischen Verhältnisse der Entfernung und im direkten der Massen.

Diese Vorstellung, welche jene der irdischen schweren Körper als besonderen Fall enthält, ist nun schon sehr verschieden von der, von welcher wir ausgingen. Wie beschränkt war jene, und welcher Fülle von Tatsachen ist diese angepaßt. Und doch steckt in der »Anziehung« noch etwas von dem »Suchen des Ortes«. Und töricht wäre es, diese »Anziehungsvorstellung«, welche unsere Gedanken in so längst geläufige Bahnen leitet, welche wie die historische Wurzel der Newtonschen Anschauung anhaftet, als müßte dieselbe eine Andeutung ihres Stammbaumes bei sich führen, ängstlich vermeiden zu wollen. So fallen die genialsten Gedanken nicht vom Himmel, sie entstehen vielmehr aus schon vorhandenen.

Ähnlich ist der Lichtstrahl zuerst eine unterschiedslose Gerade. Er wird dann zur Projektilbahn, zu einem Bündel von Bahnen unzähliger verschiedener Projektilarten. Er wird periodisch, erhält zuletzt verschiedene Seiten, und verliert schließlich sogar wieder die geradlinige Bewegung.

Der elektrische Strom ist zunächst der Strom einer hypothetischen Flüssigkeit. Bald verknüpft sich mit dieser Vorstellung jene eines chemischen Stromes, eines an die Strombahn gebundenen elektrischen, magnetischen und anisotropen optischen Feldes. Und je reicher die Vorstellung den Tatsachen folgen wird, desto geeigneter ist sie auch, ihnen gelegentlich voraus zu eilen.

Derartige Anpassungsprozesse haben keinen nachweisbaren Anfang, denn jedes Problem, welches den Reiz zu neuer Anpassung liefert, setzt schon eine feste Denkgewohnheit voraus. Sie haben aber auch kein absehbares Ende, sofern die Erfahrung kein solches hat. So steht also die Wissenschaft mitten in dem Entwicklungsprozeß, den sie zweckmäßig zu leiten und zu fördern, aber nicht zu ersetzen vermag. Eine Wissenschaft, nach deren Prinzipien der Unerfahrene die Welt der Erfahrung, ohne sie zu kennen, konstruieren könnte, ist undenkbar. Ebenso wohl könnte man erwarten, mit Hilfe der bloßen Theorie, und ohne musikalische Erfahrung, ein großer Musiker oder, nach Anleitung eines Lehrbuches, ein Maler zu werden.

Lassen wir die Geschichte eines schon geläufigen Gedankens an uns vorbeiziehen, so können wir den ganzen Wert seines Wachstumes nicht mehr richtig abschätzen. Wie wesentliche organische Umwandlungen stattgefunden haben, erkennen wir nur an der erschütternden Beschränktheit, mit welcher zuweilen gleichzeitig lebende große Forscher einander gegenüberstehen. Huygens' optische Wellenlehre ist einem Newton, und Newtons Ansicht der allgemeinen Schwere einem Huygens unfaßbar. Und nach einem Jahrhundert haben beide gelernt, sich selbst in unbedeutenden Köpfen zu vertragen.

Die freiwillig wachsenden Gedankenneubildungen bahnbrechender Menschen, welche mit kindlicher Naivetät die Reife des Mannes verbinden, nehmen eben keine fremde Dressur an, und sind nicht mit dem Denken zu vergleichen, das hypnotisch den Schatten folgt, welche das fremde Wort in unser Bewußtsein wirft.

Eben die Ideen, welche durch die ältere Erfahrung am geläufigsten geworden sind, drängen sich, nach Selbsterhaltung ringend, in die Auffassung jeder neuen Erfahrung ein, und eben sie werden von der notwendigen Umwandlung ergriffen. Die Methode, neue, unverstandene Erscheinungen durch Hypothesen zu erklären, beruht gänzlich auf diesem Vorgang. Indem wir, statt ganz neue Vorstellungen über die Bewegung der Himmelskörper, über das Flutphänomen zu bilden, uns die Teile der Weltkörper gegen einander schwer denken, indem wir ferner ebenso die elektrischen Körper mit sich anziehenden und abstoßenden Flüssigkeiten beladen, oder den isolierenden Raum zwischen denselben in elastischer Spannung uns denken, ersetzen wir, soweit als möglich, die neuen Vorstellungen durch anschauliche, längst geläufige, welche teilweise mühelos in ihren Bahnen ablaufen, teilweise allerdings sich umgestalten müssen. So kann auch das Tier für jede neue Funktion, die ihm sein Schicksal aufträgt, nicht neue Glieder bilden, es muß vielmehr die vorhandenen benützen. Dem Wirbeltiere, welches fliegen oder schwimmen lernen will, wächst kein neues drittes Extremitätenpaar für diesen Zweck; es wird im Gegenteil eines der vorhandenen hierzu umgestaltet.

Die Hypothesenbildung ist also nicht das Ergebnis einer künstlichen wissenschaftlichen Methode, sie geht vielmehr ganz unbewußt schon in der Kindheit der Wissenschaft vor sich. Hypothesen werden auch später erst nachteilig und dem Fortschritte gefährlich, sobald man ihnen mehr traut, als den Tatsachen selbst, und ihren Inhalt für realer hält, als diese, sobald man, dieselben starr festhaltend, die erworbenen Gedanken gegen die noch zu erwerbenden überschätzt.

Die Erweiterung des Gesichtskreises, mag die Natur wirklich ihr Antlitz ändern, und uns neue Tatsachen darbieten, oder mag dieselbe auch nur von einer absichtlichen oder unwillkürlichen Wendung des Blickes herrühren, treibt die Gedanken zur Umbildung. In der Tat lassen sich die mannigfaltigen von John Stuart Mill aufgezählten Methoden der Naturforschung, der absichtlichen Gedankenanpassung, jene der Beobachtung sowohl, als jene des Experimentes, als Formen einer Grundmethode, der Methode der Veränderung erkennen. Durch Veränderung der Umstände lernt der Naturforscher. Die Methode ist aber keineswegs auf den eigentlichen Naturforscher beschränkt. Auch der Historiker, der Philosoph, der Jurist, der Mathematiker, der Ästhetiker Vgl. z. B. Schiller, »Zerstreute Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände.«, der Künstler klärt und entwickelt seine Ideen, indem er aus dem reichen Schatze der Erinnerung gleichartige und doch verschiedene Fälle hervorhebt, indem er in Gedanken beobachtet und experimentiert. Selbst wenn alle sinnliche Erfahrung plötzlich ein Ende hätte, würden die Erlebnisse früherer Tage in wechselnder Stellung in unserem Bewußtsein sich begegnen, und es würde der Prozeß fortdauern, welcher im Gegensatze zur Anpassung der Gedanken an die Tatsachen der eigentlichen Theorie angehört, die Anpassung der Gedanken aneinander.

Die Methode der Veränderung führt uns gleichartige Fälle von Tatsachen vor, welche teilweise gemeinschaftliche, teilweise verschiedene Bestandteile enthalten. Nur bei Vergleichung verschiedener Fälle der Lichtbrechung mit wechselnden Einfallswinkeln kann das Gemeinsame, die Konstanz des Brechungsexponenten hervortreten, und nur bei Vergleichung der Brechung verschiedener Farben kann auch der Unterschied, die Ungleichheit der Brechungsexponenten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die durch die Veränderung bedingte Vergleichung leitet die Aufmerksamkeit zu den höchsten Abstraktionen und zu den feinsten Distinktionen zugleich.

Ohne Zweifel vermag auch das Tier das Gleichartige und Verschiedene zweier Fälle zu erkennen. Durch ein Geräusch wird sein Bewußtsein geweckt, und sein Bewegungszentrum stellt sich in Bereitschaft. Der Anblick des geräuscherregenden Wesens wird wahrscheinlich je nach seiner Größe Flucht oder Verfolgung auslösen, und die feineren Unterschiede im letzteren Falle werden die Art des Angriffes bestimmen. Nur der Mensch aber erlangt die Fertigkeit der willkürlichen und bewußten Vergleichung, daß er mit seiner Abstraktion einerseits bis zum Satze der Erhaltung der Masse und der Erhaltung der Energie sich erheben, und anderseits im nächsten Augenblick die Gruppierung der Eisenlinien im Spektrum beobachten kann. Indem er die Objekte seines Vorstellungslebens so behandelt, wachsen seine Begriffe dem Nervensystem selbst entsprechend zu einem weit verzweigten, organisch gegliederten Baume aus, an welchem er jeden Ast in seine feinsten Ausläufer verfolgen kann, um nach Bedürfnis von da an wieder zum Stamme zurückzukehren.

Der englische Forscher Whewell hat behauptet, daß zur Entwicklung der Naturwissenschaft zwei Faktoren zusammenwirken müßten: Ideen und Beobachtungen. Ideen allein verflüchtigen sich zur Spekulation, Beobachtungen allein liefern kein organisches Wissen. In der Tat sehen wir, wie es auf die Fähigkeit ankommt, vorhandene Ideen neuen Beobachtungen anzupassen. Zu große Nachgiebigkeit gegen jede neue Tatsache läßt gar keine feste Denkgewohnheit aufkommen. Zu starre Denkgewohnheiten werden der freien Beobachtung hinderlich. Im Kampfe, im Kompromiß des Urteiles mit dem Vorurteile, wenn man so sagen darf, wächst unsere Einsicht.

Ein gewohntes Urteil, ohne vorausgegangene Prüfung auf einen neuen Fall angewandt, nennen wir Vorurteil. Wer kennt nicht dessen furchtbare Gewalt! Seltener denken wir daran, wie wichtig und nützlich das Vorurteil sein kann. So wie niemand physisch bestehen könnte, wenn er die Blutbewegung, die Atmung, die Verdauung seines Körpers durch willkürliche, vorbedachte Handlungen einleiten und im stande halten müßte, so könnte auch niemand intellektuell bestehen, wenn er genötigt wäre, alles was ihm vorkommt zu beurteilen, anstatt sich vielfach durch sein Vorurteil leiten zu lassen. Das Vorurteil ist eine Art Reflexbewegung im Gebiete der Intelligenz.

Auf Vorurteilen, d. h. auf nicht jedesmal auf ihre Anwendbarkeit geprüften Gewohnheitsurteilen, beruht ein guter Teil der Überlegungen und Handgriffe des Naturforschers, auf Vorurteilen beruht die Mehrzahl der Handlungen der Gesellschaft. Mit dem plötzlichen Erlöschen aller Vorurteile würde sie selbst sich ratlos auflösen. Und eine tiefe Kenntnis der Macht der intellektuellen Gewohnheit hat jener Fürst verraten, der seine den rückständigen Sold ungestüm fordernde Leibgarde durch das übliche Kommandowort zum Abzuge zwang, wohl wissend, daß sie diesem nicht widerstehen würde.

Erst wenn die Divergenz zwischen dem gewohnten Urteile und den Tatsachen zu groß wird, verfällt der Forscher einer empfindlichen Täuschung. Im praktischen Leben des Einzelnen und der Gesellschaft treten dann jene tragischen Verwicklungen und Katastrophen ein, in welchen der Mensch, die Gewohnheit über das Leben statt in den Dienst desselben stellend, ein Opfer seines Irrtums wird. Es kann eben dieselbe Macht, welche uns geistig fördert, nährt und erhält, unter andern Umständen uns wieder täuschen und vernichten.


Die Gedanken sind nicht das ganze Leben. Sie sind nur wie eine flüchtige leuchtende Blüte, bestimmt, die Wege des Willens zu erhellen. Aber das feinste Reagens auf unsere organische Entwicklung sind unsere Gedanken. Und die Umwandlung, die wir durch dieselben an uns gewahr werden, wird uns keine Theorie bestreiten können, noch haben wir nötig, uns dieselbe erst beweisen zu lassen. Sie ist uns unmittelbar gewiß.

So erscheint uns die Gedankenumwandlung, die wir betrachtet haben, als ein Teil der allgemeinen Lebensentwicklung, der Anpassung an einen wachsenden Wirkungskreis. Ein Felsstück strebt zur Erde. Es muß Jahrtausende warten, bis die Unterlage weicht. Ein Strauch, der an dessen Fuße wächst, richtet sich schon nach Sommer und Winter. Der Fuchs, welcher der Schwere entgegen bergan schleicht, weil er oben Beute wittert, wirkt freier schon als beide. Unser Arm reicht noch viel weiter, und an uns geht umgekehrt kaum etwas spurlos vorüber, was Wichtiges in Asien oder Afrika sich ereignet. Wie viel von dem Leben anderer Menschen, von ihrer Lust und ihrem Schmerz, ihrem Glück und ihrem Elend, spielt in uns hinein, wenn wir nur um uns blicken, wenn wir nur auf moderne Lektüre uns beschränken. Wie viel mehr erleben wir, wenn wir mit Herodot das alte Ägypten bereisen, durch die Straßen von Pompeji wandern, uns in die düstere Zeit der Kreuzzüge und Kinderfahrten, in die heitere Blütezeit der italienischen Kunst versetzen, jetzt mit einem Molièreschen Arzt und darauf mit Diderot und D' Alembert Bekanntschaft machen. Wie viel fremdes Leben, wie viel Stimmung, wie viel Willen nehmen wir durch Dichtung und Musik auf. Und wenn auch alles dies die Saiten unserer Leidenschaften nur leise berührt, wie den Greis die Erinnerung der Jugend anweht, teilweise haben wirs doch mit erlebt. Wie erweitert sich hierbei das Ich, und wie klein wird doch die Person! Die egoistischen Systeme des Optimismus und Pessimismus sehen wir zugleich mit ihrem kleinlichen Stimmungsmaßstab versinken. Wir fühlen, daß im wechselnden Inhalt des Bewußtseins die wahren Perlen des Daseins liegen, und daß die Person nur ist wie ein gleichgiltiger symbolischer Faden, an dem sie aufgereiht sind. Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß das Glück anderer Menschen ein sehr bedeutender und wesentlicher Teil des unserigen ist. Es ist ein gemeinschaftliches Kapital, das von dem Einzelnen nicht geschaffen werden kann, und mit ihm nicht stirbt. Die schematische Abgrenzung des Ich, welche nur für die rohesten praktischen Zwecke notwendig ist und ausreicht, läßt sich hier nicht aufrecht halten. Die ganze Menschheit ist wie ein Polypenstock. Die materiellen organischen Verbindungen der Individuen, welche die Freiheit der Bewegung und Entwicklung nur gehindert hätten, sind zwar abgerissen, allein ihr Zweck, der psychische Zusammenhang, ist durch die hierdurch ermöglichte reichere Ausbildung in viel höherem Maße erreicht worden.

So wollen wir uns und jeden unserer Begriffe als ein Ergebnis und als ein Objekt zugleich der allgemeinen Entwicklung betrachten, um rüstig und unbehindert fortzuschreiten auf den Wegen, welche die Zukunft uns eröffnen wird. C. E. von Baer, der nachmalige Gegner Darwins und Häckels, hat in zwei wunderbaren Reden (»Das allgemeinste Gesetz der Natur in aller Entwicklung« und »Welche Auffassung der lebenden Natur ist die richtige, und wie ist diese Auffassung auf die Entomologie anzuwenden?«) die Beschränktheit der Ansicht dargelegt, welche das Tier in seinem momentanen Zustand als ein Abgeschlossenes, Fertiges auffaßt, anstatt dasselbe als eine Phase in der Reihe seiner Entwicklungsformen, und die Art selbst als eine Phase der Entwicklung der Tierwelt überhaupt zu betrachten.


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