Selma Lagerlöf
Legenden und Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Unser Herr und der heil. Petrus

Es war um die Zeit, als unser Herr und der heilige Petrus eben ins Paradies gekommen waren, nachdem sie während vieler Jahre der Betrübnis auf Erden umhergewandert waren und manches erlitten hatten.

Man kann denken, daß dies eine Freude für Sankt Petrus war. Man kann denken, daß es ein ander Ding war, auf dem Berge des Paradieses zu sitzen und hinaus über die Welt zu sehen, als von Thür zu Thür als Bettler zu wandern. Es war ein ander Ding, in den Lustgärten des Paradieses umherzuschlendern, als auf Erden einherzugehen und nicht zu wissen, ob man in stürmischer Nacht Obdach bekam, oder ob man gezwungen war, draußen auf der Landstraße in Kälte und Dunkel umherzuwandern.

Man muß sich nur denken, welche Freude es gewesen sein muß, endlich an den rechten Ort zu kommen nach solcher Reise. Er hatte wohl nicht immer so gewiß sein können, daß alles ein gutes Ende nehmen würde. Er hatte es nicht lassen können, bisweilen zu zweifeln und unruhig zu sein, denn es war ja für Sankt Petrus, den Armen, beinahe unmöglich gewesen, zu begreifen, wozu es dienen sollte, daß sie es so schwer hatten, wenn unser Herr der Herr aller Welt war.

Und nun sollte nie mehr die Sehnsucht kommen und ihn quälen. Das kann man glauben, daß er darob froh war.

Nun konnte er förmlich darüber lachen, wie viel Betrübnis er und unser Herr hatten ausstehen und mit wie wenigem sie sich hatten begnügen müssen.

Einmal, als es ihnen so übel ergangen, daß er vermeinte, es kaum länger ertragen zu können, hatte unser Herr ihn mit sich genommen und begonnen, einen hohen Berg hinanzuwandern, ohne ihm zu sagen, was sie dort oben zu thun hatten.

Sie waren an den Städten vorbeigewandert, die am Fuße des Berges waren, und an den Schlössern, die höher oben lagen. Sie waren über die Bauernhöfe und Sennhütten hinausgekommen, und sie hatten die Steingrotte des letzten Holzhauers hinter sich gelassen.

Sie waren endlich dorthin gekommen, wo der Berg nackt ohne Pflanzen und Bäume dastand, und wo ein Eremit sich eine Hütte erbaut hatte, um in Not geratenen Wandersleuten beispringen zu können.

Dann waren sie über die Schneefelder gegangen, wo die Murmeltiere schlafen, und hinauf zu den wilden, zusammengetürmten Eismassen gelangt, zu denen kaum ein Steinbock vordringen konnte.

Dort oben hatte unser Herr einen kleinen Vogel mit roter Brust gefunden, der erfroren auf dem Eise lag, und er hatte den kleinen Dompfaffen aufgehoben und eingesteckt. Und Sankt Petrus erinnerte sich, daß er neugierig gewesen war, ob dieser Vogel ihr Mittagbrot sein würde.

Sie waren eine lange Strecke über die schlüpfrigen Eisstücke gewandert, und es wollte Sankt Peter bedünken, als wäre er nie dem Totenreich so nahe gewesen, denn ein todeskalter Wind und ein todesdunkler Nebel umhüllten sie, und weit und breit fand sich nichts Lebendes. Und doch waren sie nicht höher gekommen, als bis zur Mitte des Berges. Da hatte er unsern Herrn gebeten, umkehren zu dürfen.

»Noch nicht,« sagte unser Herr, »denn ich will dir etwas weisen, das Dir den Mut geben wird, alle Sorgen zu tragen.«

Und sie waren weiter durch Nebel und Kälte gewandert, bis sie eine unendlich hohe Mauer erreicht hatten, die sie hinderte, weiterzukommen.

»Diese Mauer geht rings um den Berg,« sagte unser Herr, »und Du kannst sie auf keinem Punkte übersteigen. Auch kann kein Mensch etwas von dem erblicken, das dahinter liegt, denn hier ist es, wo das Paradies anfängt, und hier wohnen die seligen Toten den ganzen Bergeshang hinan.«

Da hatte Sankt Petrus es nicht lassen können, mißtrauisch auszusehen. »Dort drinnen ist nicht Dunkel und Kälte wie hier,« sagte unser Herr, »sondern dort ist grüner Sommer und klarer Schein von Sonnen und Sternen.« Aber Sankt Petrus vermochte nicht, ihm zu glauben.

Da nahm unser Herr den kleinen Vogel, den er jüngst auf dem Eisfelde gefunden, und bog sich zurück und warf ihn über die Mauer, so daß er hinab ins Paradies fiel.

Und gleich darauf hörte der heilige Petrus ein jubelndes, fröhliches Zwitschern und erkannte den Gesang eines Dompfaffen wieder und verwunderte sich höchlich.

Er wandte sich an unsern Herrn und sagte: »Laß uns wieder hinab auf die Erde gehen und alles dulden, was geduldet werden muß, denn nun sehe ich, daß Du wahr gesprochen, und daß es einen Ort giebt, wo das Leben den Tod überwindet.«

Und sie waren den Berg hinabgestiegen und hatten ihre Wanderung aufs neue begonnen. Dann hatte Sankt Petrus lange Jahre nichts mehr vom Paradiese gesehen, sondern war nur einher gegangen und hatte sich nach dem Lande hinter der Mauer gesehnt. Und nun war er endlich dort und brauchte sich nicht mehr zu sehnen, sondern konnte den ganzen Tag mit vollen Händen Freude aus niemals versiegenden Quellen schöpfen.

Aber Sankt Petrus war kaum vierzehn Tage im Paradiese gewesen, als es geschah, daß ein Engel zu unserm Herrn kam, der auf seinem Stuhle saß, sich siebenfach vor ihm neigte und ihm sagte, daß ein schweres Unglück über Sankt Petrus gekommen sein müsse. Er wollte weder essen noch trinken, und seine Augen waren rotgerändert, als hätte er seit mehreren Nächten nicht geschlafen.

Sobald unser Herr dies vernahm, erhob er sich und ging und suchte Sankt Petrus auf.

Er fand ihn weit weg an der äußersten Grenze des Paradieses. Er lag auf dem Boden, als wäre er zu ermattet, um zu stehen, und hatte seine Kleider zerrissen und Asche auf sein Haupt gestreut.

Als unser Herr ihn so betrübt sah, setzte er sich auf den Boden neben ihn und sprach zu ihm ganz so, wie er es gethan hätte, wenn sie noch in der Betrübnis dieser Welt umhergewandert wären.

»Was ist es, das Dich so traurig macht, Sankt Petrus?« sagte unser Herr. Aber der Schmerz übermannte Sankt Petrus so sehr, daß er nichts zu antworten vermochte.

»Was ist es, das Dich so traurig macht, Sankt Petrus?« fragte unser Herr aufs neue. Als unser Herr die Frage wiederholte, nahm Sankt Petrus seine Goldkrone vom Kopfe und warf sie unserm Herrn zu Füßen, gleichsam, als wollte er sagen, daß er fürderhin keinen Teil mehr haben wollte an seiner Ehre und Herrlichkeit.

Aber unser Herr begriff wohl, daß Sankt Petrus so verzweifelt war, daß er nicht wußte, was er that, und so zeigte er ihm keinen Groll. »Du mußt mir doch endlich sagen, was Dich quält,« sagte er ebenso sanftmütig wie zuvor und mit noch größerer Liebe in der Stimme.

Aber nun sprang Sankt Petrus auf, und da sah unser Herr, daß er nicht nur betrübt war, sondern auch erzürnt.

»Nun will ich Urlaub aus Deinen Diensten haben,« sagte Sankt Petrus. »Ich kann nicht einen Tag länger im Paradiese bleiben.«

Aber unser Herr suchte ihn zu beschwichtigen, so wie er es oftmals zuvor hatte thun müssen, wenn Sankt Petrus aufgebraust war.

»Ich will Dich gewiß nicht hindern, zu gehen,« sagte er, »aber erst mußt Du mir sagen, was Dir mißfällt.«

»Ich kann Dir sagen, daß ich mir besseren Lohn versprach, als wir beide unten auf Erden alle Art Elend erduldeten,« sagte Sankt Petrus. Unser Herr sah, daß Sankt Petrus' Seele von Bitterkeit erfüllt war, und er fühlte keinen Groll gegen ihn.

»Ich sage Dir, daß Du frei bist, zu ziehen, wohin Du willst,« sagte er, »wenn Du mich nur wissen läßt, was dich betrübt.«

Da endlich erzählte Sankt Petrus, warum er unglücklich war. »Ich hatte eine alte Mutter,« sagte er, »und sie starb vor ein paar Tagen.«

»Nun weiß ich, was Dich quält,« sagte unser Herr. »Du leidest, weil Deine Mutter nicht hierher ins Paradies gekommen ist.«

»So ist es,« sagte Sankt Petrus und begann zu schluchzen.

»Ich meine doch, ich könnte es verdient haben, daß sie herkommen darf,« sagte er.

Aber als nun unser Herr erfahren hatte, was es war, worüber der heilige Petrus trauerte, war die Reihe betrübt zu werden an ihm. Denn Sankt Petrus' Mutter war nicht so gewesen, daß sie ins Himmelreich kommen konnte. Sie hatte nie an etwas anderes gedacht, als Geld zu sammeln, und armen Leuten, die vor ihrer Thüre gestanden, hatte sie niemals auch nur einen Groschen oder einen Bissen Brot gegeben, und nun konnte unser Herr es nicht übers Herz bringen, Sankt Petrus zu sagen, daß seine Mutter so geizig gewesen, daß sie die Seligkeit nicht genießen konnte.

»Sankt Petrus,« sagte er, »woher kannst Du wissen, ob Deine Mutter sich bei uns glücklich fühlen würde?«

»Sieh, solches sagst Du nur, damit Du mich nicht erhören mußt,« sagte Sankt Petrus. »Wer sollte sich im Paradiese nicht glücklich fühlen?«

»Derjenige, der nicht Freude über die Freude anderer fühlt, kann dort nicht glücklich sein,« sagte unser Herr.

»Dann sind dort noch andere als meine Mutter, die nicht hereinpassen,« sagte Sankt Petrus, verdrossen.

Unser Herr fühlte sich immer mehr und mehr betrübt darüber, daß Sankt Petrus von einem so tiefen Kummer getroffen war, daß er nicht mehr wußte, was er sagte. Er blieb eine Weile stehen und wartete, ob Sankt Petrus nicht bereuen und einsehen würde, daß seine Mutter nicht ins Paradies gehörte, aber er wollte gar nicht zu Vernunft kommen.

Da rief unser Herr einen Engel zu sich und befahl ihm, hinab zur Hölle zu fahren und die Mutter des heiligen Petrus ins Paradies heraufzuholen.

»Laß mich dann auch sehen, wie er sie heraufholt,« sagte Sankt Petrus. Unser Herr nahm Sankt Petrus bei der Hand und führte ihn hinaus auf einen Felsen, der auf der einen Seite ganz kerzengerade jäh abfiel. Und er zeigte ihm, daß er sich nur ein klein wenig über den Rand zu beugen brauchte, um gerade hinab in die Hölle zu sehen.

Als Sankt Petrus hinunterblickte, konnte er im Anfang nicht mehr unterscheiden, als wenn er in einen Brunnen hinabgesehen hätte. Es war, als öffnete sich ein unendlicher schwarzer Schlund unter ihm. Das erste, was er deutlich sah, war der Engel, der sich schon auf den Weg nach dem Abgrund gemacht hatte. Er sah, wie er ohne alle Furcht in das große Dunkel hinabeilte und nur die Flügel ein wenig ausbreitete, um nicht zu heftig zu fallen.

Aber als Sankt Petrus seine Augen ein bißchen eingewöhnt hatte, fing er an, immer mehr und mehr zu sehen. Er begriff fürs erste, daß das Paradies auf einem Ringberg lag, der eine weite Kluft einschloß, und daß in der Tiefe dieser Kluft die Verdammten ihre Wohnstatt hatten. Er sah, wie der Engel eine lange Weile fiel und fiel, ohne hinab in die Tiefe zu kommen. Er war ganz erschrocken darüber, daß es so weit dort hinunter war.

»Möchte er doch nur wieder mit ihr heraufkommen können,« sagte er.

Unser Herr blickte nur mit großen, betrübten Augen auf Sankt Petrus. »Es giebt keine Last, die mein Engel nicht heben kann,« sagte er.

Er war so weit hinab zum Abgrunde, daß kein Sonnenstrahl dort hinunter dringen konnte, sondern schwarze Schatten dort herrschten. Aber nun war es, als hätte der Engel mit seinem Fluge ein wenig Klarheit und Licht hingebracht, so daß es für Sankt Petrus möglich ward, zu merken, wie es dort unten aussah.

Da war eine unendliche schwarze Felsenwüste, scharfe, spitzige Klippen deckten den ganzen Grund, und zwischen ihnen blinkten Tümpel von schwarzem Wasser. Kein grünes Hälmchen, kein Baum, kein Zeichen des Lebens fand sich da.

Aber überall auf die scharfen Felsen waren die unseligen Toten hinaufgeklettert. Sie hingen über den Felsenspitzen, als hätten sie gehofft, hinaus aus der Kluft gelangen zu können, und als sie gesehen, daß sie nirgendhin zu kommen vermochten, waren sie dort oben verblieben, vor Verzweiflung versteinert.

Er sah einige von ihnen sitzen oder liegen, die Arme in ewiger Sehnsucht ausgestreckt, die Augen unverwandt nach oben gerichtet. Andere hatten die Hände vors Antlitz geschlagen, wie um das hoffnungslose Grauen um sich nicht sehen zu müssen. Sie waren alle reglos, keiner von ihnen bewegte sich. Manche lagen ganz regungslos in den Wassertümpeln, ohne zu versuchen, herauszukommen. Das Entsetzlichste war, daß ihrer eine solche Menge waren. Es war, als bestände der Grund der Kluft aus nichts anderem, als aus Leibern und Köpfen.

Und Sankt Petrus ward von einer neuen Unruhe gepackt. »Du wirst sehen, er findet sie nicht,« sagte er zu unserm Herrn.

Unser Herr sah ihn nur mit demselben betrübten Blick an wie jüngst zuvor. Er wußte wohl, daß Sankt Petrus über den Engel nicht unruhig zu sein brauchte.

Aber für Sankt Petrus hatte es noch immer den Anschein, als ob der Engel nicht gleich seine Mutter unter der großen Menge von Unseligen finden könnte. Er breitete die Flügel aus und schwebte über dem Abgrund auf und ab, indes er sie suchte.

Auf einmal gewahrte einer der unseligen Verdammten unten im Abgrunde den Engel. Und er sprang auf und streckte die Arme zu ihm empor und rief: »Nimm mich mit, nimm mich mit!«

Da kam mit einemmal Leben in die ganze Schar. Alle Millionen und Millionen, die unten in der Hölle verschmachteten, stürmten im selben Augenblick auf und erhoben ihre Arme und riefen den Engel an, er möchte sie hinauf zu dem seligen Paradiese führen.

Ihre Schreie drangen bis hinauf zu unserm Herrn und Sankt Petrus, und ihre Herzen bebten vor Schmerz, als sie es hörten.

Der Engel hielt sich schwebend hoch über den Verdammten, aber wie er hin und her glitt, um die zu entdecken, die er suchte, stürmten alle nach, so daß es aussah, als würden sie von der Windsbraut dahingefegt.

Endlich hatte der Engel die erblickt, die er holen sollte. Er faltete die Flügel auf dem Rücken zusammen und schoß hinab wie ein Pfeil. Und Sankt Petrus schrie in frohem Erstaunen auf, als er ihn den Arm um seine Mutter schlingen und sie emporheben sah.

»Selig seist Du, der Du mir die Mutter zuführst!« sagte er.

Unser Herr legte warnend seine Hand auf des heiligen Petrus Schultern, als wollte er ihn warnen sich nicht zu früh der Freude hinzugeben.

Aber Sankt Petrus war nahe daran, vor Glück zu weinen, weil seine Mutter gerettet war, und er konnte nicht verstehen, daß sie noch etwas zu trennen vermochte. Und noch größere Freude bereitete es ihm zu sehen, daß, wie hurtig der Engel auch gewesen, als er sie emporhob, einige der Verdammten doch noch behender waren, so daß sie sich an sie, die erlöst werden sollte, festhängten, um zugleich mit ihr ins Paradies geführt zu werden.

Es waren ihrer etwa ein Dutzend, die sich an die alte Frau festgehängt hatten, und Sankt Petrus dachte, daß es eine große Ehre für seine Mutter war, so vielen Unglücklichen aus der Verdammnis zu helfen.

Der Engel that auch nichts, um sie zu hindern. Er schien von der Bürde gar nicht beschwert, sondern stieg nur und stieg, und er regte die Schwingen nicht heftiger, als wenn er ein totes Vögelchen zum Himmel getragen hätte.

Aber da sah Sankt Petrus, wie seine Mutter anfing, sich von den Unseligen loszureißen, die an ihr festhingen. Sie packte ihre Hände und löste deren Griff, so daß einer nach dem anderen hinab in die Hölle taumelte.

Sankt Petrus konnte mit eigenen Ohren hören, wie sie baten und sie anflehten, aber sie konnte es nicht ertragen, daß ein anderer außer ihr selbst selig werden sollte. Sie machte sich von immer mehreren und mehreren frei und warf sie hinab ins Elend. Und wie sie stürzten, ward der ganze Raum von Wehrufen und Verwünschungen erfüllt.

Da rief Sankt Petrus und bat seine Mutter, sie sollte doch Barmherzigkeit zeigen, aber sie wollte nichts hören, sondern fuhr fort, wie sie begonnen.

Und Sankt Petrus sah, wie der Engel immer langsamer und langsamer flog, je leichter seine Bürde wurde, und seine Beine versagten ihm vor Schrecken den Dienst, so daß er auf die Knie sinken mußte.

Endlich war es nur eine Einzige, die sich an Sankt Petrus' Mutter festhielt. Es war eine, die ihr am Halse hing und dicht an ihrem Ohr flehte und bat, sie möchte sie mit in das gesegnete Paradies lassen. Sie waren jetzt so weit gekommen, daß Sankt Petrus schon die Arme ausstreckte, um die Mutter zu empfangen. Es dünkte ihn, der Engel müßte noch ein paar Flügelschläge machen, um oben auf dem Berge zu sein.

Aber da hielt der Engel mit einemmal die Schwingen ganz still, und sein Antlitz wurde so dunkel wie die Nacht.

Denn jetzt streckte die alte Frau die Hände nach rückwärts und ergriff die, die an ihrem Halse hing, bei den Armen, und sie riß und zerrte, bis es ihr glückte, die verschlungenen Hände zu trennen, so daß sie auch von der letzten frei ward.

Im selben Augenblick sank der Engel mehrere Klafter tiefer, und es sah aus, als vermöchte er nicht mehr, die Schwingen zu heben.

Mit tief betrübten Blicken sah er hinab auf die alte Frau, und sein Griff lockerte sich, und er ließ sie fallen, als sei sie eine allzuschwere Bürde für ihn, jetzt, da sie allein geblieben.

Dann schwang er sich mit einem einzigen Flügelschlage hinauf ins Paradies.

Aber Sankt Petrus blieb lange auf derselben Stelle liegen und schluchzte, und unser Herr stand still neben ihm.

»Sankt Petrus,« sagte unser Herr endlich, »nimmer hätte ich geglaubt, daß Du so weinen würdest, nachdem du ins Paradies gekommen warst.«

Da erhob Gottes alter Diener sein Haupt und antwortete: »Was ist das für ein Paradies, wo ich meiner Liebsten Jammer höre und meiner Mitmenschen Leiden sehe!«

Aber unseres Herrn Angesicht verdüsterte sich in tiefstem Schmerze. »Was wollte ich lieber, als euch allen ein Paradies von eitel hellem Glück bereiten?« sagte er. »Begreifst Du nicht, daß ich um dessentwillen hinab zu den Menschen ging und sie lehrte, ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst. Denn wisse es, Sankt Petrus, solange sie dies nicht thun, giebt es keine Freistatt im Himmel noch auf Erden, wo Schmerz und Betrübnis sie nicht zu ereilen vermöchten.«

 


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