Selma Lagerlöf
Legenden und Erzählungen
Selma Lagerlöf

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I. Legenden

Die alte Agneta

Eine alte Frau stieg den Bergpfad hinan mit kleinen trippelnden Schritten. Sie war klein und mager. Ihr Antlitz war verblichen und welk, aber nicht hart oder gefurcht. Sie trug einen langen Mantel und eine gekräuselte Haube. Ein Gebetbuch hatte sie in der Hand und ein Zweiglein Lavendel im Taschentuche.

Sie hatte eine Hütte weit oben auf dem Hochfelsen, da wo die Bäume aufhören zu wachsen. Sie lag ganz am Rande des breiten Gletschers, der seinen Eisstrom von dem schneebedeckten Berggipfel hinab in den Thalgrund stürzte. Da wohnte die Alte ganz einsam. Alle, die zu ihr gehört hatten, waren tot.

Es war Sonntag, und sie war in der Kirche gewesen. Aber wie es nun kommen mochte, hatte die Wanderung sie nicht froh, sondern wehmütig gestimmt. Der Pfarrer hatte vom Tode gesprochen und den Unseligen, und das hatte sie ergriffen. Plötzlich hatte sie sich erinnert, daß sie in ihrer Kindheit erzählen gehört, daß viele Unselige in der ewigen Kälte auf dem Bergesgipfel oberhalb ihrer Wohnstatt gemartert wurden. Sie erinnerte sich an Sage um Sage von diesen Gletscherwanderern, diesen unermüdlichen Schatten, die von den eiskalten Bergwinden gejagt wurden.

Sie empfand mit einemmal tiefes Entsetzen vor dem Berge und es dünkte ihr, daß ihre Hütte furchtbar weit oben lag. Wenn nun sie, die unsichtbar dort auf der Höhe der Alpen wandern, den Weg hinab über den Gletscher nähmen! Und sie, die ganz einsam war.

Bei dem Worte einsam nahmen ihre Gedanken eine noch traurigere Richtung. Jetzt war sie wieder mitten in dem Kummer, der all ihre Tage verzehrte. Sie empfand es hart, so weit fort von Menschen zu sein.

»Alte Agneta,« sagte sie laut zu sich selbst, wie es dort oben in der Einöde ihre Gewohnheit geworden, »du sitzest oben in deiner Hütte und spinnst und spinnst. Du mußt dich tagaus tagein rackern und schinden, um nicht vor Hunger zu vergehen. Aber gibt es jemanden, der eine Freude daran hat, daß du lebst? Gibt es jemanden, alte Agnete?

»Wäre einer von den deinen noch am Leben, so könnte es so sein. Wohntest du weiter unten im Dorfe, so wärest du wohl jemandem zur Freude. So arm wie du bist, könntest du freilich weder Hund noch Katze halten, aber du könntest wohl zuweilen einem Bettler Obdach gewähren. Du solltest nicht so weit von der Heerstraße wohnen, alte Agneta. Wenn du nur ein einziges Mal einem durstigen Wanderer einen Trunk Wasser reichen dürftest, so wüßtest du doch, daß du jemandem zum Nutzen lebtest.«

Sie seufzte und sagte sich, daß nicht einmal die Bauersfrauen, die ihr Flachs zum Spinnen gaben, ihren Tod beklagen würden. Wohl hatte sie versucht, ehrlich ihre Arbeit zu machen, aber es gab gewiß viele, die es besser konnten. Und die Thränen stiegen ihr auf, wenn sie daran dachte, daß der Herr Pfarrer, der sie in all diesen Jahren des Herrn auf demselben Platz in der Kirche gesehen, vielleicht meinen würde, daß es auf Eines herauskam, ob sie dort war oder nicht. »Ich bin wie eine Verstorbene,« sagte sie, »niemand fragt nach mir. Ich könnte mich ebenso gut hinlegen, um zu sterben. Ich bin schon erfroren, in der Kälte und der Einsamkeit. Mein Herz ist erfroren, das ist es.«

»O, du meine Güte, o du meine Güte,« sagte sie, »wenn es hier nur Einen gäbe, der mich brauchte, so könnte sich wohl noch Wärme in der alten Agneta finden. Aber kann ich etwa den Gemsen Strümpfe stricken oder den Murmeltieren ihr Lager aufbetten? Das sage ich dir,« sagte sie und streckte die Hand zum Himmel empor, »du mußt mir jemanden schaffen, der mich braucht, sonst lege ich mich hin und sterbe.«

Da kam ein hoher, ernster Mönch ihr auf dem Pfade entgegen. Er schloß sich ihr an, weil er sah, daß sie betrübt war, und sie erzählte ihm ihren Kummer. Sie sagte, daß ihr das Herz im Leibe erfror und daß sie wie einer der Wanderer des Gletschereises werden würde, wenn Gott ihr nicht etwas gab, um dafür zu leben.

»Das kann Gott wohl thun,« sagte der Mönch.

»Siehst Du nicht, daß Gott machtlos ist hier oben?« sagte die alte Agneta. »hier ist nichts anderes als die kalte, leere Einöde.«

Sie kamen immer höher hinauf. Das Moos lag weich auf den Halden, die Alpenpflanzen mit ihren behaarten Blättern säumten den Pfad ein, der Hochfelsen mit Klüften und Stürzen, mit Eisfeldern und Schneemengen stand so überhängend und schwer vor ihnen, daß die Brust sich zusammenschnürte. Da sah der Mönch die Hütte der alten Agnete dicht unter dem Gletscher.

»Ah,« sagte er, »wohnst Du hier? Da bist Du nicht einsam, hier hast Du Gesellschaft genug. Sieh nur!«

Der Mönch legte den Zeigefinger und den Daumen zusammen, hielt sie der Alten vor das linke Auge und bat sie, nach dem Berge zu sehen. Aber die alte Agneta schauderte und schloß die Augen.

»Ist etwas dort oben zu sehen, so will ich es nicht erblicken,« sagte die alte Agneta. »Der Herr bewahre uns, der Herr bewahre uns! Hier kann es gar grausig sein.«

»Ja, dann lebe wohl,« sagte der Mönch. »Es wird Dir kaum ein zweites Mal geboten werden, so etwas zu sehen.«

Die Alte wurde neugierig, sie schlug die Augen auf und blickte nach den Schneefeldern. Zuerst sah sie nichts Wunderbares, aber dann fing sie an zu merken, wie es sich dort oben regte. Sie sah Weiß sich gegen Weiß bewegen. Was sie für Nebel und Dunst und blauweiße Färbungen des Eises gehalten, das waren Mengen von Unseligen, die in der ewigen Kälte gepeinigt wurden.

Das kleine Mütterchen stand da und bebte wie Espenlaub. Da war alles so, wie die Alten es in ihren Sagen erzählt hatten. Die Toten wanderten dort oben in unsäglicher Pein und Angst. Die Meisten waren in etwas langes, weißes gehüllt, aber alle hatten sie nackte Füße und unbedeckte Häupter.

Es waren ihrer eine zahllose Menge. Mehr und mehr kamen heran, je länger sie hinsah. Einige gingen stolz und hochaufgerichtet, andere kamen herangeschwebt, als tanzten sie über die Eisfelder, aber sie sah, wie die einen wie die anderen ihre Füße an den Spitzen und Kanten des Eises blutig rissen.

Es war ganz wie in den Sagen. Sie sah, wie sie sich unablässig aneinander schlossen, gleichsam um Wärme zu finden, aber sich augenblicklich wieder trennten, erschreckt durch die Todeskälte, die von ihren Körpern ausströmte. Es war, als ginge die Kälte auf dem Berge von ihnen aus, als erhielten gerade sie den Schnee ungeschmolzen und den Nebel eisig.

Nicht alle bewegten sich, einige standen stille in frierender Versteinerung und schienen jahrelang so gestanden zu haben, denn Schnee und Eis hatten sich um sie gehäuft, so daß nur der Oberkörper sichtbar wurde.

Je länger das kleine Mütterchen hinsah, desto ruhiger wurde sie. Der Schrecken wich von ihr, aber statt dessen wurde sie herzlich betrübt über all diese Gequälten. Es war kein Aufenthalt in der Pein, keine Ruhestatt für die verwundeten Füße, die über Eis eilten, schneidend wie geschliffener Stahl. Und wie sie froren, wie sie vor Kälte bebten und mit den Zähnen klapperten! Die, welche versteinert waren und die, welche sich rühren konnten, alle froren in schneidender, brennender, unerträglicher Kälte.

Da waren viele Knaben und Mädchen. Aber es war keine Jugend in ihren blaugefrorenen Gesichtern, es sah aus, als spielten sie, aber alle Freude war tot. Sie klapperten vor Kälte, schauerten und schrumpften zusammen wie Greise, während ihre nackten Füße die scharfkantigsten Eisstücke zu suchen schienen, um darauf zu treten.

Was sie am meisten rührte, war die zu sehen, die in das harte Gletschereis gebettet dalagen und die, welche als große Eiszapfen von den Seiten des Felsen herabhingen.

Da zog der Mönch seine Hand weg, und die alte Agneta sah bloß die leeren, nackten Schneefelder. Schwere Eismassen lagen hier und dort verstreut, aber sie umschlossen keine versteinerten Gespenster. Der blaue Glanz auf dem Gletscher kam nicht von erfrorenen Körpern. Der Wind jagte ein paar leichte Schneeflocken, keine Geister.

Aber sie war doch gewiß, daß sie recht gesehen, und sie fragte den Mönch:

»Ist es erlaubt, etwas für diese Unseligen zu thun?«

Er antwortete: »Wann hat Gott der Liebe verboten, Gutes zu üben, oder der Barmherzigkeit, Trost zu bringen?«

Damit ging er, und die alte Agneta eilte in ihre Hütte und setzte sich nieder, um zu denken. Den ganzen Abend grübelte sie nach, wie sie den Unseligen helfen könnte, die über die Gletscher wanderten. Sie hatte nicht Zeit, an ihre Einsamkeit zu denken.

Am nächsten Morgen ging sie wieder zum Dorfe hinunter. Sie lächelte und schritt rüstig aus. Das Alter war ihr nicht zu schwer. »Die Toten,« sagte sie zu sich selbst, »fragen nicht viel nach roten Wangen und leichten Füßen. Die verlangen bloß, daß man sich ihrer mit ein bißchen Wärme erinnert. Aber an so etwas denkt die Jugend nicht. Ja, ja, aber wie sollten sich die Dahingeschiedenen gegen die unermeßliche Kälte des Todes schützen, wenn nicht die Alten ihnen ihre Herzen aufschlössen?«

Als sie in den Kramladen kam, kaufte sie dort ein großes Bündel Kerzen und bei einem Bauer bestellte sie eine große Fuhre Holz; aber um das bezahlen zu können, mußte sie doppelt so viel Spinnarbeit annehmen als gewöhnlich.

Gegen Abend, als sie wieder daheim war, sprach sie viele Gebete und suchte sich durch Singen frommer Lieder guten Muts zu erhalten. Doch sie wurde immer verzagter. Gleichwohl that sie das, was sie sich vorgenommen hatte zu thun.

Sie machte ihr Bett in der inneren Stube zurecht. In der äußeren stapelte sie einen großen Stoß Holz auf und entzündete ihn. Ins Fenster stellte sie zwei Lichter, und die Thüre der Hütte öffnete sie sperrangelweit. Dann ging sie hin und legte sich nieder.

Sie lag in der Dunkelheit und lauschte.

Ja, das waren bestimmt Schritte. Es war, als käme jemand über das Gletschereis gefahren. Es kam schleppend und stöhnend. Es schlich sich um die Hütte, als wagte es nicht hereinzukommen. Dicht an der Hausecke stand es und klapperte.

Die alte Agneta konnte das nicht ertragen. Sie fuhr aus dem Bette auf und eilte hinaus in die äußere Kammer; da riß sie die Thüre zu und versperrte sie. Das war zu viel; Fleisch und Blut konnte das nicht aushalten!

Vor der Hütte hörte sie schwere Seufzer und gleitende Schritte, wie von wunden, wehen Füßen. Sie schleppten sich immer weiter fort hinauf zum Gletschereis. Man hörte auch hie und da ein Schluchzen, aber bald wurde es wieder ganz still.

Da geriet die alte Agneta vor Angst außer sich. »Du bist feig, du alte Hexe,« sagte sie. »Die Flamme brennt herunter und die teuren Kerzen auch. Soll alles vergeblich sein, nur um deiner elenden Feigheit willen?« Und als sie dieses gesagt hatte, stand sie noch einmal auf, vor Furcht weinend, mit klappernden Zähnen und bebenden Gliedern, aber hinaus in die Kammer kam sie und die Thüre brachte sie auf.

Sie lag wieder und wartete. Nun hatte sie keine Angst mehr davor, daß sie kamen. Sie lag nur da und ängstigte sich, daß sie sie verscheucht hatte, so daß sie nicht versuchen würden, wiederzukommen.

Da begann sie ins Dunkel zu rufen, wie in den Jugendtagen, als sie der Herde folgte: »Meine kleinen weißen Lämmchen, meine Lämmchen in den Bergen, kommt, kommt! Kommt herab von Klüften und Graten, meine kleinen weißen Lämmchen!«

Da war es, als wäre ein harter Wind vom Felsen gekommen und in die Hütte gefahren. Sie hörte keine Schritte oder Seufzer, nur Windstöße, die um die Hausecken brausten und in die Hütte pfiffen. Und es klang, als warnte jemand unablässig: »Sch, sch, nicht erschrecken, nicht erschrecken!«

Sie hatte das Gefühl, daß das äußere Zimmer so übervoll war, daß man sich an die Wände drängte und sie beinahe sprengte. Zuweilen war es, als wollten die dort draußen das Dach abheben, um Raum zu bekommen. Aber immer war da Jemand, der flüsterte: »Sch, sch, nicht erschrecken, nicht erschrecken!«

Da wurde die alte Agneta glückselig und ruhig. Sie faltete die Hände und schlief ein.

Des Morgens war es, als wäre es ein Traum gewesen. Alles in dem äußeren Zimmer war unverändert, die Flamme war ausgebrannt und die Lichter desgleichen. Nicht ein Tröpfchen Talg war in den Leuchtern übrig. – – –


So lange die alte Agneta lebte, fuhr sie fort, so für die Toten zu sorgen. Sie spann und mühte sich, so daß sie ihre Flamme brennend erhalten konnte in allen Nächten. Und sie war glücklich, weil sie wußte, daß jemand ihrer bedurfte.

So kam ein Sonntag heran, an dem sie auf ihrem Platz in der Kirche nicht gesehen wurde. Einige Bauern gingen hinauf in ihre Hütte, um zu sehen, ob ihr etwas fehlte. Da war sie schon tot, und sie trugen die Leiche hinab in das Dorf, um sie zu begraben.

Als die alte Agneta am nächsten Sonntag in die Erde hinabgesenkt wurde, gerade vor der Messe, da waren es nur wenige Menschen, die ihr das Geleite gaben. Auch sah man in keinem Antlitz Trauer.

Aber plötzlich, gerade als der Sarg beigesetzt werden sollte, kam ein hoher ernster Mönch auf den Kirchhof, und er stellte sich hin und wies auf die schneebedeckte Alpe. Da sahen die, die am Grabe standen, daß die ganze Alpe sich in das zarteste Rot gehüllt hatte, gleichsam als leuchtete sie vor Freude auf, und daß sich über ihre Mitte ein Zug kleiner gelber Flammen schlängelte, so wie von brennenden Kerzen. Und dieser Lichter waren ebenso viele wie die Lichter, die die Tote den Unseligen gegeben.

Da sagten die Leute: »Gepriesen sei Gott! Sie, um die niemand hier unten trauert, hat doch dort oben in der großen Einsamkeit Freunde gefunden.«

 


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