Selma Lagerlöf
Legenden und Erzählungen
Selma Lagerlöf

 << zurück weiter >> 

Santa Caterina di Siena

Es ist in dem alten Hause Santa Caterinas in Siena, an einem Tage Ende April, in der Woche, in der ihr Fest gefeiert wird. In dem alten Hause in der Färberstraße ist es, dem Hause mit der schönen Loggia und den vielen kleinen Kammern, die nun zu Kapellen und Betzimmern umgewandelt sind, und in die die Menschen mit weißen Liliensträußen kommen und wo es von Räucherwerk und Veilchen duftet.

Und wenn man da geht, denkt man: Es ist ganz so, als wäre die kleine Caterina gestern gestorben, ganz als hätten alle, die heute in ihrem Hause aus- und eingehen, sie gesehen und gekannt.

Aber eigentlich kann doch niemand glauben, sie sei tot, denn da würde man mehr Schmerz und Thränen gesehen haben und nicht bloß ein stilles Vermissen, so wie jetzt. Eher ist es, als ob eine geliebte Tochter eben geheiratet hätte und vom väterlichen Heime fortgezogen wäre.

Werft nur einen Blick auf die nächsten Häuser. Die alten Mauern sind festlich verkleidet. Und in ihrem eigenen Heim hängen Blumenguirlanden unter Pforten und Loggien, grünes Laub liegt auf Treppen und Schwellen, und in den Zimmern duftet es nach großen Blumensträußen.

Und man kann es gar nicht glauben, daß sie schon seit fünfhundert Jahren tot ist. Viel eher ist es, als hätte sie ihre Hochzeit gefeiert und wäre fortgezogen in ein Land, aus dem sie spät oder niemals wiederkehren kann. Sind es nicht lauter rote Tücher und rote Decken und rote Seidenfahnen, die die Häuser verkleiden, und sind nicht die größten, rotesten Papierrosen in die dunklen Steineichenguirlanden gesteckt, und die Schabracken über Thüren und Fenstern, sind sie nicht rot mit goldenen Fransen? Kann es etwas fröhlicheres geben?

Und seht nun, wie drinnen im Hause alte Frauen umhergehen und ihre kleinen Besitztümer betrachten. Es ist, als hätten sie sie gerade diesen Schleier, dieses Bußgewand tragen sehen. Sie besehen das Zimmer, wo sie wohnte, und weisen auf die Lagerstatt und auf die Briefbündel. Und sie erzählen, wie sie es erst gar nicht lernen konnte zu schreiben, aber dann kam es ganz plötzlich über sie, daß sie es konnte – ganz ohne Unterricht. Und seht nur, welche gute, klare Handschrift! – Dann zeigen sie auch die kleine Flasche, die sie am Gürtel zu tragen pflegte, um immer ein paar Tropfen zur Hand zu haben, wenn sie einem Kranken begegnete; – und sie lesen einen Segensspruch über der alten Nachtlampe, die sie in der Hand trug, wenn sie ging und die Kranken in den Nächten des Leidens aufsuchte. Es ist ganz, als wollten sie sagen: »O Gott, o Gott, daß sie nun fort ist, die kleine Caterina Benincasa, daß sie nie mehr kommen wird und nach uns Alten sehen!«

Und sie küssen ihr Bild und nehmen Blumen aus den Sträußen und bergen sie als Andenken.

Es sieht ganz so aus, als hätten die im Heime Zurückgebliebenen sich lange auf die Trennung vorbereitet und versucht, alles mögliche zu thun, um das Gedächtnis der Fortgezogenen so recht lebendig zu erhalten. Seht, dort auf der Wand, da ist sie gemalt, da ist ihre ganze, kleine Geschichte Zug für Zug gesammelt. Da ist sie, wie sie sich das lange, schöne Haar abschnitt, damit kein Mann sie lieben konnte, denn sie wollte nicht heiraten! O, o, welchen Schimpf sie darum leiden mußte! Es ist schrecklich, daran zu denken, wie ihre Mutter sie quälte und sie wie eine Dienstmagd behandelte und sie auf dem Steinboden im Flur schlafen ließ und ihr nichts zu essen geben wollte, bloß weil sie beharrlich blieb. Aber was sollte sie thun, sie, die keinen anderen Bräutigam haben wollte als Christus, da sie stets versuchten, sie zu verehelichen? Und da ist sie, wie sie auf den Knieen lag und betete und ihr Vater in das Zimmer trat, ohne daß sie darum wußte, und eine schöne weiße Taube über ihrem Haupte schweben sah, so lange das Gebet währte.

Und da ist sie, in einer Weihnachtsnacht, als sie sich zum Altar der Madonna geschlichen, um sich so recht der Geburt des Gottessohnes zu freuen.

Und die schöne Madonna beugte sich aus dem Rahmen hinab und reichte ihr das Kind, damit sie es für einen Augenblick in ihren Armen halten sollte. Ah, welche Wollust da über ihr war!

Du lieber Gott, ja, man muß ja auch nicht sagen, daß sie tot ist, die kleine Caterina Benincasa. Man kann ganz einfach sagen, sie sei fortgezogen mit ihrem Bräutigam.

Dort im Hause wird man nie ihr frommes Thun und Lassen vergessen. Da kommen alle Armen Sienas und klopfen an die Thüre, denn sie wissen, dies ist des kleinen Jungfräuleins Hochzeitstag. Und da sind große Haufen Brot für sie bereit, ganz als wäre sie noch daheim. Sie bekommen Körbe und Taschen voll. Sie hätte sie nicht schwerer beladen wegschicken können, wenn sie selbst dagewesen wäre.

Da ist ein solcher Kummer um die Dahingegangene, daß man kaum begreift, wie der Bräutigam es übers Herz brachte, sie fortzuführen.

Drinnen in den kleinen Kapellen, die in jeder Ecke des Hauses eingerichtet sind, lesen sie Messe um Messe, den ganzen Tag, und sie rufen die Braut an und singen Hymnen an sie.

»Heilige Caterina,« sagen sie, »an deinem Todestag, der dein himmlischer Hochzeitstag ist: Bitt für uns!

»Heilige Caterina, du, die du keine andere Liebe hattest als Christus, du, die du im Leben seine verlobte Braut warst und im Tode von ihm im Paradiese empfangen wurdest: Bitte für uns!«

»Heilige Caterina, du strahlende Himmelsbraut, du allerglückseligste Jungfrau, du, die die Gottesmutter zur Seite des Sohnes erhob, du, die an diesem Tage von Engeln in das Reich der Herrlichkeit getragen wurde: Bitte für uns!« – – –

Es ist wunderlich, wie lieb man sie gewinnt, wie das Heim und die Bilder und die Liebe der Alten und Armen sie lebend macht. Und man beginnt nachzugrübeln, wie sie wirklich war, ob sie nur eine Heilige gewesen, nur eine Himmelsbraut, ob es wahr ist, dies, daß sie es nicht vermochte, einen anderen als Christus zu lieben. Und da kommt eine alte Erzählung, die vor langer Zeit das Herz erwärmt, aus der Erinnerung aufgetaucht, erst ganz unbestimmt und formlos; aber während man in dem festlich geschmückten Hause unter der Loggia sitzt und die Armen mit ihren gefüllten Körben fortwandern sieht und das dumpfe Murmeln aus der Kapelle hört, wird das Schwebende immer deutlicher und steht mit einemmale ganz klar vor dem Gedanken.

Nicola Fungo war ein junger Edelmann von Perugia, der oft nach Siena kam um der Wettrennen willen. Er merkte bald, welch schlechte Verwaltung Siena hatte, und sagte oft, sowohl bei den Gastmählern der Großen, als wenn er im Wirtshause saß und trank, daß Siena sich gegen die Signoria erheben und sich andere Machthaber schaffen sollte.

Die damalige Signoria war noch nicht länger als ein halbes Jahr am Ruder; sie war ihrer Stellung nicht sehr sicher und mochte es nicht leiden, daß der Perugier das Volk aufreizte. Um der Sache ein rasches Ende zu machen, ließ sie ihn gefangen nehmen, und nach einem kurzen Verhör wurde er zum Tode verurteilt. Man warf ihn in eine Gefängniszelle des Palazzo pubblico, indes alles zur Hinrichtung vorbereitet wurde, die am nächsten Morgen auf dem Marktplatze stattfinden sollte.

Im Anfange dünkte es ihm wunderlich. Morgen sollte er also nicht mehr seinen grünen Samtmantel tragen und das schöne Wehrgehänge, er sollte nicht über die Straße gehen in seinem Straußfedernbarett und die Blicke der jungen Mägdlein an sich locken. Und es schwebte vor ihm wie eine schmerzliche Leere, daß er sein neues Pferd nicht würde reiten können, das er gestern gekauft und erst ein einziges Mal probirt hatte.

Plötzlich rief er den Gefängniswächter und hieß ihn zu den Herren der Signoria gehen und ihnen sagen, daß er sich unmöglich töten lassen könnte, er hätte keine Zeit. Er hatte zu viel zu thun. Das Leben konnte ihn nicht entbehren. Sein Vater war alt, und er war ja der einzige Sohn, er war es, der das Geschlecht fortsetzen sollte. Er, der die Schwestern zu verheiraten hatte, er, der den neuen Palast bauen, den neuen Weingarten pflanzen mußte.

Er war ein stattlicher junger Mann, er wußte nicht, was Krankheit war, nichts als Leben hatte er in den Adern. Sein Haar war dunkel und die Wangen rosig. Er konnte es nicht fassen, daß er sterben sollte.

Wenn er daran dachte, daß man ihn wegriß von Spiel und Tanz und Karneval, vom Wettrennen nächsten Sonntag, von der Serenade, die er der schönen Giulietta Lombardi bringen wollte, da wurde er rasend vor Zorn über die Ratsherrn, so wie man über Diebe und Räuber außer sich gerät. Die Schurken, die Schurken, das Leben wollten sie ihm nehmen!

Aber je mehr Zeit hinging, desto größer wurde seine Trauer. Er trauerte um Licht und Wasser, um Himmel und Erde. Er dachte, daß er ein Bettler am Wege sein wollte, krank sein, hungern und frieren wollte er, wenn er nur leben durfte.

Er wünschte, daß alles mit ihm stürbe, daß nichts nach ihm übrig bliebe. Das wäre ein großer Trost gewesen.

Aber daß den nächsten Tag und alle Tage Leute auf den Markt kommen würden und handeln und Frauen Wasser vom Brunnen holen und Kinder über die Straße laufen und er es nicht sehen sollte, das konnte er nicht ertragen. Er beneidete nicht nur die, die prunken und Feste feiern konnten und glücklich waren. Er beneidete ebensosehr den elendsten Krüppel. Was er wollte, war einzig und allein das Leben.

Da kamen Priester und Mönche zu ihm.

Er wurde beinahe froh, denn nun hatte er jemanden, gegen den er seinen Zorn kehren konnte. Er ließ sie erst ein wenig reden, er war begierig zu hören, was sie einem so verunrechteten Manne sagen würden; aber als sie ihm sagten, er möge sich freuen, daß es ihm vergönnt sei, in seiner blühenden Jugend aus dem Leben zu scheiden und die himmlische Seligkeit zu gewinnen, da fuhr er auf und ergoß seinen Zorn über sie. Er höhnte Gott und die Himmelsfreuden, er bedurfte ihrer nicht. Das Leben wollte er und die Erde, Lust und Tand. Er bereute jeden Tag, an dem er sich nicht in irdischen Freuden gewälzt. Er bereute jede Versuchung, der er widerstanden. Was brauchte Gott sich um ihn zu bekümmern? Er empfand keine Sehnsucht nach seinem Himmel.

Doch als die Priester fortfuhren zu sprechen, packte er einen von ihnen an der Brust und würde ihn getötet haben, hätte sich nicht der Kerkermeister dazwischen geworfen. Sie ließen ihn nun binden und knebelten seinen Mund und predigten ihm, aber sobald er wieder reden konnte, raste er wie zuvor. Sie blieben stundenlang bei ihm, doch sie sahen, daß nichts fruchtete.

Als sie sich gar keinen anderen Rat mehr wußten, da schlug einer von ihnen vor, man möge die junge Caterina Benincasa zu ihm senden, der eine große Macht eigen war, trotzige Sinne zu beugen.

Wie der Perugier diesen Namen hörte, hielt er mitten in seinem Redestrom inne. In Wahrheit, das behagte ihm. Das war etwas ganz anderes, es mit einem jungen, schönen Mägdlein zu thun zu haben.

»Schickt mir die Jungfrau her,« sagte er.

Er wußte, daß sie eine junge Färberstochter war, die allein in Straßen und Gäßchen umherzog und predigte. Manche hielten sie für wahnsinnig, andere erzählten, daß sie Visionen hatte. Für ihn war sie immerhin eine bessere Gesellschaft als diese schmutzigen Mönche, die ihn ganz von Sinnen brachten.

So gingen die Mönche ihrer Wege, und er blieb allein. Kurz nachher öffnete sich die Thüre aufs Neue, aber wenn die Geholte jetzt hereingekommen war, mußte sie mit sehr leichten Schritten gegangen sein, denn er hörte nichts. Er lag auf dem Boden, so wie er sich in seinem großen Unmut hingeworfen, nun war er zu müde, um sich zu erheben oder eine Bewegung zu machen oder auch nur aufzublicken. Er hatte die Arme mit Stricken zusammengeschnürt, die tief ins Fleisch einschnitten.

Nun fühlte er, wie jemand begann, diese Stricke zu lösen, eine warme Hand streifte seinen Arm, und er sah auf. Neben ihm lag ein kleines Wesen in weißer Dominikanertracht, Kopf und Hals so in weiße Schleier eingehüllt, daß von ihrem Antlitz gerade so viel sichtbar wurde wie von dem eines Ritters, wenn er einen Helm trägt mit heraufgeschlagenem Visir.

Sie sah gar nicht so fromm aus, sie war wohl leicht aufgebracht. Er hörte, wie sie etwas murmelte von den Gefängnisknechten, die die Stricke zugezogen. Es schien, als sei sie zu keinem anderen Zwecke gekommen, als sich um die Knoten zu mühen. Sie war ganz davon erfüllt, sie zu lösen, ohne ihm wehe zu thun. Endlich mußte sie die Zähne zu Hilfe nehmen, und da ging es. Sie schnürte den Strick mit leichten Bewegungen auf, nahm dann die kleine Flasche, die sie am Gürtel trug, und goß ein paar Tropfen daraus auf die zerschnittene Haut.

Er lag da und blickte sie immerzu an, aber sie begegnete seinem Blicke nicht und schien nur auf das bedacht, was sie unter den Händen hatte. Es war, als läge ihr nichts so ferne, als daß sie hier weilte, um ihn zum Tode vorzubereiten.

Er war jetzt so ermüdet von seiner Aufwallung und gleichzeitig so beruhigt durch ihre Gegenwart, daß er bloß sagte:

»Ich glaube, ich möchte schlafen.«

»Es ist eine wahre Schmach, daß sie Dir kein Stroh gebracht haben,« sagte sie.

Sie sah sich einen Augenblick unschlüssig um, dann kam sie und ließ sich auf dem Boden hinter ihm nieder und legte seinen Kopf auf ihre Knie.

»Ist Dir jetzt besser?« sagte sie.

Nie in seinem Leben hatte er sich so ruhevoll gefühlt.

Aber schlafen konnte er doch nicht, sondern er lag da und blickte empor zu ihrem Antlitz, das gelblichweiß war und durchsichtig. Solchen Augen war er nie zuvor begegnet. Sie blickten stets weit, weit fort, sie sahen in eine andere Welt hinein, indes sie ganz unbeweglich dasaß, um seinen Schlummer nicht zu stören.

»Du schläfst nicht, Nicola Fungo,« sagte sie und sah unruhig aus.

»Ich kann nicht schlafen,« erwiderte er, »denn ich liege da und denke nach, wer Du sein magst.«

»Ich bin die Tochter Luca Benincasas, des Färbers, und seiner Ehefrau Lapa. Unser Haus liegt in der Thalsenkung unter dem Dominikanerkloster.«

»Ich weiß,« sagte er, »und ich weiß auch, daß Du in den Straßen umhergehst und predigst. Und daß Du die Nonnentracht genommen und das Gelübde der Keuschheit abgelegt hast, weiß ich auch. Aber dennoch weiß ich nicht, wer Du bist.«

Sie wandte den Kopf ein wenig ab. Dann sagte sie flüsternd, wie eine, die ihre erste Liebe bekennt:

»Ich bin Christi Braut.«

Er lachte nicht; doch er fühlte einen Stich im Herzen, ganz wie vor Eifersucht, »Ah, Christus!« sagte er, als hätte sie sich weggeworfen.

Sie hörte, daß Verachtung im Tone lag, aber sie nahm es, als meinte er, sie wäre vermessen.

»Ich begreife es selbst nicht,« sagte sie, »aber es ist so.«

»Das ist eine Einbildung oder ein Traum,« erwiderte er.

Sie wandte ihm ihr Antlitz zu. Es leuchtete rosig von dem Blute, das unter der durchsichtigen Haut aufgestiegen war. Es dünkte ihm mit einemmale, daß sie schön sei wie eine Blume, und er wurde ihr gut. Sie regte die Lippen, wie um zu sprechen, doch es kam kein Laut über sie.

»Wie soll ich das glauben können?« beharrte er.

»Ist es Dir nicht genug, daß ich hier bei Dir im Kerker bin?« fragte sie mit erhobener Stimme. »Ist es eine Freude für ein junges Mägdelein, wie ich es bin, zu Dir und zu anderen Verbrechern in ihre trüben Gefängnishöhlen zu gehen, eine Zielscheibe allen Hohns? Brauche ich nicht Schlaf wie andere und muß doch jede Nacht aufstehen und zu den Kranken des Hospitales gehen? Habe ich nicht Furcht wie andere und muß doch zu den hochfürnehmen Herren wandern auf ihr Schloß und ihnen ins Gewissen sprechen? Zu den Pestkranken muß ich gehen, alle Laster, alle Sünde schauen. Wann sahst Du je eine Jungfrau all dies thun? Und ich muß es doch.«

»Ach, Du Arme,« sagte er und strich sachte über ihre Hand. »Du Arme.«

»Denn ich bin nicht kühner oder klüger oder stärker als irgend eine andere,« sagte sie. »Es fällt mir ebenso schwer solches zu thun, wie allen anderen Jungfrauen. Du siehst es ja. Bin ich nicht hergekommen, um mit Dir von Deiner Seele zu reden, und habe doch gar nicht gewußt, was ich Dir sagen soll.«

Es war wunderlich, wie ungerne er sich überzeugen ließ. »Du magst Dich dennoch irren,« sagte er. »Woher weißt Du, daß Du Dich Christi Braut nennen kannst?«

Ihre Stimme begann zu beben, und es war, als müßte sie sich das Herz aus der Brust reißen, indem sie antwortete:

»Es fing zeitig bei mir an, ich war nicht mehr als sechs Jahre alt. Da ging ich eines Abends mit meinem Bruder über die Wiese unter der Dominikanerkirche, und gerade wie ich meine Augen zur Kirche erhob, sah ich Christus auf einem Thron sitzen, umgeben von aller Macht und Herrlichkeit. Er war in leuchtende Gewänder gekleidet wie der heilige Vater in Rom, sein Haupt war von paradiesischem Lichte umgeben, und rings um ihn standen Pietro, Paolo und Giovanni der Evangelist. Und wie ich ihn betrachtete, da drang in mein Herz eine solche Liebe und heilige Wollust ein, daß ich es kaum zu ertragen vermochte. Er erhob die Hand und segnete mich, und ich sank zu Boden und war so entzückt vor Seligkeit, daß mein Bruder mich beim Arme ergriff und schüttelte. Seither, Nicola Fungo, habe ich Jesus geliebt wie meinen Bräutigam.«

Doch er wendete wieder ein: »Du warst ein Kind damals. Du bist auf der Wiese eingeschlafen und hast geträumt.«

»Geträumt,« wiederholte sie, »sollte ich wohl alle die Male geträumt haben, da ich ihn gesehen? Sollte es ein Traum sein, als er in der Kirche zu mir kam in Gestalt eines Bettlers und mich um ein Almosen bat. Da war ich doch ganz wach. Und hätte ich nur um eines Traumes willen durch so viel Leiden gehen können, als mir jungem Mägdlein widerfuhr, weil ich keine Ehe schließen wollte?«

Doch Nicola blieb noch hartnäckig, denn er konnte es nicht ertragen, daß sie umherging und eine andere Liebe im Herzen trug. »Aber wenn Du auch Christus liebst, o Jungfrau, woher weißt Du, daß er Dich wiederliebt?«

Sie lächelte ihr fröhlichstes Lächeln und schlug die Hände zusammen wie ein Kind. »Das sollst Du hören, das sollst Du hören,« sagte sie. »Nun will ich Dir das Allerwichtigste sagen. Es war eine Nacht in den Fasten. Ich hatte Frieden mit den Eltern geschlossen und ihre Erlaubnis erwirkt, das Gelübde der Keuschheit abzulegen und die Nonnentracht zu nehmen, obgleich ich noch stets in ihrem Hause wohnte. Und es war Nacht, wie ich Dir gesagt, aber es war die letzte des Karnevals, so daß alle die Nacht zum Tage machten. Es war ein Fest auf allen Gassen, die Balkone hingen wie Vogelbauer an den Mauern der großen Paläste und waren ganz mit seidenen Tüchern und Fahnen verkleidet und mit edlen Damen besetzt. Ich sah all ihre Schönheit im Schimmer der roten, rauchenden Fackeln, die in Bronzehaltern staken, Reihe um Reihe, bis hinauf zum Dachfirst. Doch über die bunten Gassen kamen die Fahrenden in Wagen, und alle Götter und Göttinnen und alle Tugenden und Schönheiten wallten in langen Zügen dahin. Aber dazwischen gab es ein Spiel der Masken und eine Lustigkeit, so daß Du nie, o Herr, bei etwas Fröhlicherem warst. Und ich floh in meine Kammer, aber ich hörte doch das Gelächter von der Straße, und nie habe ich Menschen so lachen hören, es war so lieblich und klangvoll, daß die ganze Welt mitlachen mußte, und sie sangen Weisen, die gewiß böse waren, aber sie klangen so unschuldig und brachten solche Freude mit sich, daß das Herz erzitterte, so daß ich mitten im Gebete mich fragen mußte, warum ich nicht mit dort draußen war, und es zog und lockte mich so unwiderstehlich, als wäre ich an ein scheues Pferd gebunden. Aber nie zuvor habe ich so zu Christus gebetet, daß er mir zeigen möge, was sein Wille mit mir sei. Und da hörte plötzlich aller Lärm auf. Eine große, wunderbare Stille war um mich, und ich sah eine grüne Wiese, wo die Gottesmutter unter Blumen saß, und in ihrem Schoße lag das Jesuskind und spielte mit Lilien. Und ich eilte hinzu mit großen Freuden und sank auf die Knie vor dem Kinde und war plötzlich voll Frieden und Ruhe, und da schob das heilige Kind einen Ring auf meinen Finger und sagte zu mir: ›Wisse es, Caterina, daß ich heute mit dir mein Verlobungsfest feiere und dich an mich binde mit der stärksten Treue!‹«

»O, Caterina!«

Der junge Perugier hatte sich auf dem Boden umgedreht, so daß er sein Antlitz in ihrem Schoß vergraben konnte. Es war, als ertrüge er es nicht, zu sehen, wie sie strahlte, während sie sprach, und wie die Augen wie klar schimmernde Sterne wurden. Es gingen Schmerzensschauer durch seinen Körper.

Denn indes sie sprach, war ein großer Kummer in ihm aufgekeimt. Das kleine Jungfräulein, das weiße, kleine Jungfräulein, das sollte er niemals gewinnen. Ihre Liebe gehörte einem anderen an, konnte nie sein werden. Es lohnte nicht einmal, ihr zu sagen, daß er ihr gut war. Aber er litt, sein ganzes Wesen zitterte in Liebesqual. Wie sollte er leben können ohne sie? Da fuhr er auf. Da war es ihm beinahe ein Trost zu denken, daß er zum Tode verurteilt war. Er brauchte nicht zu leben und sie zu entbehren.

Nun stieß das Mägdlein hinter ihm einen tiefen Seufzer aus und kehrte von den Himmelsfreuden zurück, um an die armen Menschen zu denken. »Ich vergesse, mit Dir von Deiner Seele zu sprechen,« sagte sie. Da dachte er: Sieh, diese Bürde kann ich ihr doch erleichtern.

»Schwester Caterina,« sagte er, »ich weiß nicht, welcher himmlische Trost sich auf mich gesenkt hat. In Gottes Namen, ich will mich auf den Tod vorbereiten. Du kannst Priester und Mönche rufen, und ich werde ihnen beichten. Aber eines mußt Du mir geloben, bevor Du gehst. Du wirst zu mir kommen, morgen, wenn ich sterben soll, und wirst meinen Kopf zwischen Deinen Händen halten, so wie Du es jetzt thust.«

Als er dies sagte, begann sie zu weinen, und eine unsägliche Freude erfüllte sie. »Nicola Fungo, wie glücklich bist Du!« sagte sie, »Du kommst vor mir ins Paradies.« Und sie begann sachte sein Haar zu streicheln.

Und er sagte wieder: »Du kommst zu mir, morgen, auf den Marktplatz, vielleicht werde ich sonst bange, vielleicht kann ich nicht mit Standhaftigkeit sterben. Aber wenn Du da bist, werde ich nur Freude empfinden, und alle Furcht wird von mir weichen.«

»Ich sehe Dich nicht mehr als ein armes Menschenkind,« sagte sie, »als ein Einwohner des Himmels erscheinst Du mir. Es ist mir, als strahltest Du Licht aus, als umschwebte Dich Weihrauch. Es strömt auf mich Seligkeit über von Dir, der Du so bald dem geliebten Bräutigam begegnen wirst. Sei gewiß, ich werde kommen und Dich sterben sehen.« Hierauf führte sie ihn zu Beichte und Abendmahl. Er machte es durch wie ein Schlummernder, Todesfurcht und Lebenssehnsucht hatten ihn verlassen. Er wünschte den Morgen herbei, an dem er sie wieder sehen sollte, er dachte bloß an sie und an die Liebe, die ihn für sie erfaßt hatte. Zu sterben dünkte ihm jetzt etwas ganz geringes gegen den Schmerz, daß sie ihn niemals lieben würde.

Die Jungfrau schlief nicht viel in dieser Nacht, und zeitig morgens war sie auf dem Richtplatz, um seiner zu harren. Sie rief unablässig Jesu Mutter an, Maria, und die heilige Katharina von Ägypten, die Jungfrau und Märtyrerin, seine Seele zu retten. Unablässig sagte sie: »Ich will, daß er erlöst werde, ich will, ich will.«

Aber sie hatte Angst, daß ihre Gebete fruchtlos sein würden, denn sie empfand nicht mehr jene Begeisterung, die am vorigen Abend über ihr gewesen, nur ein unsägliches Mitleid fühlte sie mit ihm, der sterben sollte. Bloß Kummer und Schmerz waren über ihr.

Langsam füllte sich der Marktplatz mit Menschen. Die Henkersknechte marschirten auf, die Büttel kamen, es war Lärm und Geplauder ringsum, aber sie merkte und hörte nichts. Ihr war, als wäre sie ganz allein. Als er kam, ging es ihm ebenso. Er hatte keine Gedanken an all die anderen, er sah bloß sie. Aber als er beim ersten Blicke sah, wie ihr Antlitz aufgelöst war in Schmerz, da leuchtete er auf und wurde beinahe froh. Und laut rief er ihr zu: »Heute Nacht hast Du nicht geschlafen, Jungfrau.«

»Nein,« sagte sie, »ich habe im Gebete für Dich gewacht, aber jetzt bin ich in Verzweiflung, denn meine Gebete haben keine Kraft.«

Er ließ sich auf den Richtblock nieder, und sie lag auf den Knieen davor, damit sie seinen Kopf zwischen ihren Händen halten konnte.

»Nun ziehe ich aus, Deinem Bräutigam zu begegnen, Caterina.«

Sie schluchzte immer heftiger. »Ich kann Dich so schlecht trösten,« sagte sie.

Er sah sie an mit einem wunderbaren Lächeln. »Deine Thränen sind mein bester Trost.«

Der Büttel stand neben ihnen mit gezogenem Schwerte, aber sie winkte ihn zurück, um noch einige Worte mit dem Verurteilten zu sprechen.

»Bevor Du kamst,« sagte sie, »legte ich mich hier auf diesen Richtblock hin, um zu versuchen, ob ich es ertragen könnte. Und da fühlte ich, daß ich noch Grauen vor dem Tode hatte, daß ich Jesus nicht genug liebe, um in dieser Stunde sterben zu wollen. Und ich will auch nicht, daß Du sterben sollst, und meine Gebete haben keine Kraft.«

Als sie dieses gesagt, dachte er: Wenn es mir vergönnt gewesen wäre, zu leben, würde ich sie dennoch gewonnen haben, und er war froh, daß er sterben sollte, bevor es ihm gelungen war, die strahlende Himmelsbraut zur Erde hinabzuziehen.

Aber als er seinen Kopf in ihre Hände gelegt, da kam über sie beide ein großer Trost. »Nicola Fungo,« sagte sie, »ich sehe den Himmel sich aufthun. Engel schweben hinab, um Deine Seele zu empfahn.« Ein verwundertes Lächeln zog über sein Antlitz. Sollte das, was er um ihretwillen gethan, das Himmelreich verdienen? Er erhob seine Augen, um zu sehen, was sie sah, da fiel die Axt des Büttels.

Aber sie sah die Engel immer tiefer und tiefer hinabschweben, sah sie seine Seele emporheben, sie gen Himmel tragen.


Daß sie all diese fünfhundert Jahre weiter gelebt hat, erscheint mit einemmale so natürlich. Wie sollte man sie vergessen können, das sanfte, kleine Jungfräulein, das große, liebende Herz? Wieder und wieder muß man zu ihrem Preise singen, so wie es jetzt in den kleinen Kapellen gesungen wird –:

Pia Mater et humilis,
Naturae memor fragilis,
In hujus vitae fluctibus
Nos rege tuis precibus.
      Ora pro nobis.
Ut digni efficiamur promissionibus Christi.
      Santa Caterina, ora pro nobis.

 


 << zurück weiter >>