Selma Lagerlöf
Legenden und Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Der Fischerring

Um die Regierungszeit des Dogen Gradenigo lebte in Venedig ein alter Fischer Namens Cecco. Er war sehr stark gewesen, und noch jetzt war er rüstig für sein Alter, aber in letzter Zeit hatte er doch aufgehört zu arbeiten und ließ sich von seinen zwei Söhnen versorgen. Er war sehr stolz auf diese Söhne, und er liebte sie, o Signore, wie liebte er sie!

Aber es war nun auch so, daß er sie fast allein auferzogen hatte. Ihre Mutter war zeitig gestorben, und so hatte Cecco für alles Sorge tragen müssen. Er hatte ihnen Kleider und Essen geschafft, er war mit Nadel und Faden im Boot gesessen, hatte genäht und geflickt und gar nicht darnach gefragt, ob man ihn darum verlachte. Er allein hatte sie auch alles gelehrt, was ihnen zu wissen not that. Ein paar tüchtige Fischer hatte er aus ihnen gemacht und sie daran gewöhnt, Gott und San Marco zu ehren.

»Vergeßt nicht,« sagte er ihnen, »daß Venedig sich nie aus eigener Kraft aufrecht erhalten könnte. Seht es an! Ist es nicht auf den Wellen erbaut? Seht auf die niedrigen Inseln an der Landseite, wo das Wasser sich zwischen dem Seegras auf und nieder schaukelt. Ihr wolltet den Fuß nicht hinsetzen, und doch ruht auf solchem schwanken Grunde die ganze Stadt. Und wißt ihr nicht, daß der Nordsturm die Macht hat, Kirchen und Paläste ins Meer zu stürzen. Und wißt ihr nicht, daß wir Feinde haben von so großer Gewalt, daß alle Fürsten der Christenheit sie nicht zu besiegen vermöchten? Darum sollet ihr allezeit zu San Marco beten, denn er ist es, der mit starker Hand die Ketten umspannt, die Venedig über den Meerestiefen schwebend erhalten.«

Und abends, wenn das Mondlicht, das über Venedig fiel, grünlichblau war vom Meeresnebel, wenn sie sachte den Kanal Grande hinaufglitten, und die Gondeln, die sie trafen, voll Sänger waren, wenn die Paläste erblichen und tausend Lichtstreifen über dem dunklen Wasser lagen, da erinnerte er sie stets daran, daß sie San Marco für Leben und Glück zu preisen hatten.

Aber, o Signore, er vergaß seiner auch nicht am Tage. Wenn sie von einem Fischfang heimkamen und über das Lagunenwasser zogen, das lichtblau und goldglänzend dalag, wenn die Stadt sich vor ihnen auf den Wellen schwebend erhob, wenn die großen Schiffe den Hafen aus- und einglitten und der Dogenpalast ihnen entgegenleuchtete wie ein großer, verschlossener Schmuckschrein, in dem alle Schätze der Welt verwahrt lagen, da vergaß er nie, ihnen einzuprägen, daß all dies San Marcos Gaben waren, und daß alles vergehen würde, wenn ein einziger Venezianer undankbar genug wäre, nicht mehr an ihn zu glauben und ihm zu huldigen.

Nun geschah es, daß die Söhne sich eines Tages auf einem großen Fischzug im offenen Meer außerhalb des Lidos begaben. Sie waren in Gesellschaft mehrerer anderer, hatten eine prächtige Schaluppe und gedachten, einige Tage fortzubleiben. Das Wetter war schön und sie hofften einen guten Fang zu thun.

Zeitig eines Morgens stießen sie vom Rialto ab, der großen Insel, auf der die Stadt selbst liegt; und wie sie weiter durch die Lagunen glitten, sahen sie all die Inseln, die gleich Vesten Venedig gegen das Meer beschützen, aus dem Morgennebel emportauchen. Da waren La Giudecca und San Giorgio rechts und San Michele, Murano und San Lazzaro links. Dann folgte Insel auf Insel in einem weiten Kreise, bis hinaus zum langgestreckten Lido, der gerade gegenüber lag und gleichsam das Schloß der Perlenschnur bildete. Aber jenseits des Lido war das weite, unbegrenzte Meer.

Als sie ganz draußen waren, stiegen einige in ein Boot und ruderten von der Schaluppe fort, um die Netze auszuwerfen. Immer noch war gutes Wetter, obgleich hier ein stärkerer Wellengang herrschte als innerhalb der Inselgruppe. Es war sonnenklar, daß niemand an eine Gefahr dachte. Sie hatten ein gutes Boot und waren seetüchtige Leute.

Nach einer Weile jedoch merkten die, die auf der Schaluppe geblieben waren, daß das Meer und der Himmel sich im Norden rasch verdunkelten. Sie begriffen, daß der Nordwind im Anzuge war, und sie begannen, nach den Kameraden zu rufen, aber diese waren schon zu weit entfernt, um die Schreie zu hören.

Der Wind kam zuerst an das Boot heran. Als die Fischer plötzlich die Wellen sich rings um sie erheben sahen, so wie Herden, die auf einer weiten Ebene geruht, sich des Morgens erheben, da stellte sich einer von ihnen auf und winkte den Kameraden, aber im selben Augenblick taumelte er rücklings in das Meer. Gleich darauf kam eine Woge, die das Boot ganz auf die Spitze stellte, und man sah, wie die Leute gleichsam von den Ruderbänken losgeschüttelt und ins Meer geschleudert wurden. Alles war in einem Moment verschwunden. Dann kam das Boot wieder mit umgekehrtem Kiel zum Vorschein. Man suchte nun, die Schaluppe zur Stelle zu bringen, aber man vermochte es nicht, sich gegen den Wind hinzuarbeiten.

Es war ein furchtbarer Sturm, der über das Meer gefahren kam, und die Fischer in der Schaluppe hatten bald genug damit zu thun, sich selbst zu bergen. Sie kehrten doch glücklich heim und erzählten das Unglück. Cecco's beide Söhne und drei Andere waren umgekommen.

Gott ja, wie alles sich fügen kann. Cecco war am selben Morgen hinab zur Rialtobrücke gegangen, um den Fischhandel anzusehen. Er ging zwischen den Fischständen hin und her und brüstete sich wie ein Rittersmann, weil er nicht zu arbeiten brauchte. Ja, er nahm sogar ein paar alte Lidofischer mit in eine Osteria und lud sie zu einem Becher ein.

Er setzte sich breit auf die Bank und prahlte mit sich selbst sowohl, wie mit den Söhnen. Er geriet sogar in so gute Laune, daß er die Zechine herausnahm, die er vom Dogen bekommen, weil er ein Kind vor dem Ertrinken im Kanal Grande gerettet hatte. Er hielt große Stücke auf die stattliche Goldmünze, trug sie immer bei sich und zeigte sie, sobald sich eine Gelegenheit dazu fand.

Da kam ein Mann herein und begann von dem Unglück zu erzählen, ohne darauf zu achten, daß Cecco da saß. Aber er hatte nicht lange gesprochen, als der Fischer sich über ihn warf und ihn bei der Kehle packte. »Du willst nicht sagen, daß sie tot sind,« schrie er ihm zu, »nicht meine Söhne, hörst Du, nicht meine Söhne!«

Der Mann riß sich von ihm los, aber Cecco geberdete sich lange, als hätte er den Verstand verloren.

Die Leute hörten ihn schreien und wehklagen, sie drängten sich in die Osteria, so viele, als Platz fanden, und standen im Kreise um ihn, wie um einen Gaukler.

Cecco saß auf dem Boden und krümmte sich. Er schlug mit der Hand auf den harten Stein und rief einmal ums andere: »Das ist San Marco, San Marco, San Marco.«

»Ah, Cecco, Du bist durch Deinen Schmerz von Sinnen,« sagte man ihm.

»Ich wußte, es würde draußen auf dem Meere geschehen,« sagte Cecco, »jenseits vom Lido und Malamocco, dort wußte ich, würde es geschehen. San Marco würde sie dort ereilen. Er trug ihnen Groll nach. Ich habe es lange gefürchtet. Ja,« sagte er, ohne darauf zu hören, was man sagte, um ihn zu beruhigen, »sie verlachten ihn einmal, als wir draußen vor dem Lido lagen. Er hat es nicht vergessen. Er duldet es nicht, verlacht zu werden.«

Er ließ seine verwirrten Blicke rings über die Umstehenden wandern, als suchte er Hülfe, »hörst Du, Beppo von Malamocco,« sagte er und reichte einem großen Fischer die Hand hin, »glaubst Du nicht, daß San Marco es war?«

»Denke doch nur nicht so etwas, Cecco!«

»Du sollst hören, wie es war, Beppo. Siehst Du, wir lagen draußen auf dem Meere, und, damit die Zeit uns nicht zu lange wurde, erzählte ich ihnen, wie San Marco nach Venedig kam. San Marco der Evangelist, sagte ich ihnen, lag zuerst in einem schönen Dome zu Alexandria in Ägypten begraben. Aber die Stadt kam in die Hände der Ungläubigen, und einmal befahl ihr Kalif, man möge einen prächtigen Palast in Alexandria erbauen und Säulen aus den Kirchen der Christen nehmen, um ihn zu schmücken. Aber gerade um diese Zeit weilten zwei venezianische Kaufleute im Hafen Alexandrias mit zehn reichbeladenen Schiffen. Als diese Männer in die Kirche kamen, wo San Marco begraben lag und von dem Befehle des Kalifen vernahmen, sagten sie zu den betrübten Priestern: ›Die teure Leiche, die ihr in eurer Kirche habt, ist in Gefahr von den Sarazenen entweiht zu werden. Gebet sie uns! Wir wollen sie ehren, denn San Marco war der Erste, der das Christentum auf den Lagunen predigte, und der Doge wird euch belohnen.‹ Da gaben die Priester ihre Zustimmung, und damit die Christen Alexandrias sich dem Vorhaben nicht widersetzten, legte man die Leiche eines anderen heiligen Mannes in den Sarg des Evangelisten. Aber auf daß auch die Sarazenen nicht erfuhren, daß sie die Leiche fortbrachten, legte man sie auf den Boden einer großen Kiste und bedeckte sie mit Schinken und Rauchfleisch, dessen Geruch die Sarazenen nicht vertragen konnten, so daß der Zollwächter, als er den Deckel der Kiste geöffnet hatte, so rasch wie möglich davon wegeilte. Aber die beiden Kaufleute brachten San Marco unversehrt nach Venedig. Du weißt ja, daß so die Erzählung lautet, Beppo.«

»Ja gewiß, Cecco.«

»Ja, aber nun sollst Du hören,« und Cecco richtete sich halb auf und sprach dumpf in seiner Beklemmung: »Siehst Du, das ist das Schreckliche. Als ich erzählte, daß der Heilige unter dem Speck gelegen hatte, begannen die Jungen aus vollem Halse zu lachen. Ich hieß sie schweigen, aber sie lachten nur um so mehr. Giacomo lag flach im Vordersteven, und Pietro ließ die Beine über den Bootsrand hängen, und sie lachten so, daß man es weit übers Meer hinaus hörte.«

»Nun, aber Cecco, zwei Kinder dürfen doch wohl lachen.«

»Aber begreifst Du denn nicht, daß sie heute dort gestorben sind. An derselben Stelle! Könntest Du sonst begreifen, warum sie an derselben Stelle sterben sollten?«

Nun begannen sie alle zu sprechen und zu trösten. Es war sein Schmerz, der ihn irre leitete. San Marco war nicht so. Er nahm nicht Rache an zwei Kindern. Es war ja natürlich, daß, wenn ein Boot in den Sturm geriet, dies sich auf offenem Meere zutrug und nicht im Hafen.

Nein, seine Söhne hatten nicht in Feindschaft mit San Marco gelebt. Sie hatten sie ebenso eifrig wie jeden anderen »Evviva San Marco« rufen gehört. Und er hatte sie auch beschützt bis zum heutigen Tage, nie ihnen Unmut gezeigt in den Jahren, die vergangen waren.

»Aber Du, Cecco,« sagten sie, »Du bringst Unglück über uns mit Deinen Reden von San Marco. Du, der Du ein alter und weiser Mann bist, solltest es besser wissen, als ihn gegen die Venezianer aufzureizen. Was sind wir ohne ihn?«

Cecco saß da und sah sie mit seinen verwirrten Blicken an. »Ihr glaubt es also nicht?« sagte er.

»Kein vernünftiger Mensch kann so etwas glauben.«

Es sah aus, als sei es ihnen geglückt, ihn zu beruhigen.

»Ich will auch versuchen, es nicht zu glauben,« sagte er. Er stand auf und ging auf die Thüre zu. »Es wäre zu grausam, nicht wahr,« sagte er. »Sie waren zu schön und zu frisch, als daß jemand sie hassen sollte. Ich will es nicht glauben.«

Er ging heim, und in dem Gäßchen vor seiner Thür traf er eine Nachbarsfrau. »Sie lesen jetzt eben im Dom die Seelenmesse,« sagte sie zu Cecco und eilte fort. Sie hatte Furcht vor ihm, so sah er aus.

Da nahm Cecco das Boot und steuerte durch die kleinen Kanäle hinab zur Riva degli Schiavoni. Dort, wo der Ausblick frei war, sah er fürs erste zum Lido und dem Meere hinaus. Ach, es war ein tüchtiger Wind, aber wahrlich kein Sturm. Das Wasser erhob sich kaum zu Wellen. Und in solchem Wetter hatten die Söhne ihr Leben eingebüßt. Es war unbegreiflich.

Er machte das Boot fest und ging über die Piazetta hinein in die Markuskirche. Dort war vieles Volk, und alles lag auf den Knieen, in großer Herzensangst betend. Denn die Venezianer empfanden es ja viel furchtbarer als andere Völker, wenn ein Unglück auf dem Meere geschah. Sie hatten keinen Rückhalt an Weingärten oder Kornfeldern, sondern ein jeder hing vom Meere ab. Sobald dieses sich gegen einen von ihnen erhob, wurden alle von Furcht ergriffen und eilten zu San Marco, um ihn um Schutz anzuflehen.

Cecco blieb anfangs stehen. Er erinnerte sich, wie er mit seinen kleinen Söhnen hergekommen war und sie gelehrt hatte, zu San Marco zu beten. »Er ist es, der uns über die Meere führt, er, der uns die Pforten von Byzanz geöffnet und uns die Herrschaft über die Inseln des Ostens geschenkt hat,« hatte er ihnen gesagt. Aber zum Danke dafür hatten auch die Venezianer San Marco den schönsten Tempel der Welt erbaut, und nie kehrte ein Schiff von einem ausländischen Hafen heim, ohne eine Gabe für die Kirche mitzubringen.

Dann hatten sie sich an den roten Marmorwänden des Domes erfreut und an dem goldenen, mosaikbedeckten Dache. Es war, als könnte kein Unglück eine Stadt treffen, die ihrem Schutzherrn eine solche Burg errichtet.

Cecco sank in aller Hast auf die Knie und begann Pater noster um Pater noster zu beten.

Es kam wieder, das fühlte er. Er wollte es mit Gebeten von sich weisen. Er wollte nichts übles von San Marco glauben.

Aber es war ja gar kein Sturm gewesen. Und das stand fest, wenn der Heilige nicht selbst den Sturm gesandt, so hatte er auch nichts gethan, um den Söhnen beizustehen, sondern hatte sie verderben lassen, gleichsam zur Kurzweil. Sobald er sich darauf ertappte, solches zu denken, vertiefte er sich aufs neue ins Gebet, doch die Gedanken wollten sich nicht verscheuchen lassen. Und sich zu denken, daß San Marco eine Schatzkammer hatte hier im Dom, mit Märchenherrlichkeit gefüllt, sich zu denken, daß er selbst sein ganzes Leben lang zu ihm gebetet hatte und nie an der Piazetta vorbeigerudert war, ohne hineinzugehen und ihn anzurufen.

Es mußte wohl seinen Grund haben, daß die Söhne gerade dort draußen ihr Leben einbüßten. Ah, es war ein Elend für die Venezianer, nichts besseres zu haben, worauf sie bauen konnten! Man denke nur, ein Heiliger, der Rache an zwei Kindern nahm, ein Schutzherr, der vor einem Küstenwind nicht zu retten vermochte!

Er hatte sich erhoben und er zuckte die Achseln und ließ die Arme sinken, als er zu dem Heiligengrab im Chore hinsah.

Ein Kirchendiener ging mit einem großen vergoldeten und getriebenen Silberteller umher und sammelte Gaben für San Marco ein. Er ging von Mann zu Mann und kam auch zu Cecco.

Cecco prallte zurück, als wäre es der böse Feind, der ihm den Teller reichte. Begehrte San Marco Gaben von ihm? Vermeinte er Gaben von ihm zu verdienen? Doch plötzlich griff er nach der großen goldenen Zechine, die er im Gürtel trug und schleuderte sie mit solcher Gewalt auf den Teller, daß man den Klang durch die ganze Kirche hörte. Die Betenden wandten aufgestört die Köpfe. Und jeden, der Ceccos Antlitz sah, erfaßte Entsetzen. Er sah aus, als hätten die Dämonen Macht über ihn bekommen.

Gleich nachher ging Cecco aus der Kirche, und anfangs dünkte es ihm eine große Erleichterung, daß er sich an dem Heiligen gerächt hatte. Er war mit ihm verfahren wie mit einem Wucherer, der einem mehr entreißen will, als worauf er ein Anrecht hat. »Nimm auch das,« sagt man und schleudert ihm das letzte Goldstück an den Kopf, so daß das Blut ihm über die Augen strömt. Aber der Wucherer schlägt nicht zurück, er bückt sich nur und hebt die Zechine auf. So hatte auch San Marco es gethan.

Er hatte Ceccos Zechine entgegengenommen, nachdem er ihm seine Söhne geraubt. Cecco hatte ihn vermocht, eine Gabe zu nehmen, die mit solchem Haß gegeben wurde. Würde ein ehrlicher Mann sich dazu herbeigelassen haben? Aber San Marco war ein jämmerlicher Patron – Cecco freute sich, gezeigt zu haben, daß San Marco ein jämmerlicher Patron war, ebenso feige wie rachsüchtig.

Aber an Cecco würde er sich nicht rächen. Er war wohl froh und dankbar, weil er die Zechine bekommen. Er strich nur ein und that, als wäre sie ihm in aller Frömmigkeit gegeben.

Als Cecco in der Vorhalle zu San Marco stand, kamen zwei Kirchendiener vorbeigeeilt. »Es steigt, es steigt ganz furchtbar,« sagte der eine.

»Was?« fragte Cecco.

»Das Wasser in der Krypta. In diesen letzten Minuten ist es um einen Fuß gestiegen.«

Als Cecco hinaus auf die Kirchentreppe kam, bemerkte er eine kleine Wasseransammlung auf dem Platze gleich bei der untersten Stufe. Das war das Meereswasser, das von der Piazzetta heraufsickerte.

Es überraschte ihn, daß das Meer so hoch gestiegen war, und er eilte hinab zur Riva, wo er sein Boot hatte. Dort war alles, wie er es verlassen, nur daß das Wasser sich recht bedeutend erhoben hatte. Es kam in breiten Wellen herangerollt, doch der Wind war gelinde. Auf der Riva sammelten sich schon Pfützen von Meerwasser, und die Kanäle stiegen, so daß die Wasserthore der Häuser geschlossen werden mußten. Der Himmel war gleichmäßig grau, ganz wie das Meer.

Es kam Cecco gar nicht in den Sinn, daß dies ein ernsthaftes Unwetter werden konnte. Er wollte an so etwas nicht glauben. San Marco hatte seine Söhne ohne Grund sterben lassen; dies war gewiß kein ernstlicher Sturm. Das wollte er nur sehen, ob daraus etwas werden konnte. Und er setzte sich neben sein Boot und wartete.

Da begann die glatte Wolkendecke, die den Himmel verhüllte, zu zerreißen. Die getrennten Wolken wurden beiseite geschleudert, und heraus jagten große Gewitterwolken, schwarz wie Kriegsschiffe, und aus ihnen rauschte peitschender Regen und Hagel auf die Stadt hinab.

Nun kam es auch wie ein ganz neues Meer vom Lido hereingerauscht. O Signore, das waren nicht die schwanhalsigen Wellen, die sie dort draußen gesehen, die, den durchsichtigen Nacken krümmend, dem Lande zueilen und, von dort unbarmherzig zurückgestoßen, wieder hinausgleiten, das weiße Schaumhaar über den Meeresspiegel zerstreut. Es waren dunkle Wogen, die einander in Raserei jagten und auf deren Kämmen bitterer Salzschaum zu Nebel zerpeischt wurde.

Der Wind war jetzt so stark, daß die Möven nicht ihr ruhiges Schweben fortsetzen konnten, sondern kreischend aus ihren Bahnen geschleudert wurden. Bald sah Cecco sie mühsam dem Meere zustreben, um nicht vom Sturme ergriffen und gegen die Mauern der Häuser geworfen zu werden. Die vielen hundert Tauben auf dem Marcusplatz flogen auf, mit den Flügeln schlagend, so daß es wie ein neuer Sturm dröhnte, und bargen sich in den Ecken und Winkeln des Kirchendachs.

Aber nicht nur die Vögel erschraken vor dem Unwetter. Ein paar Gondeln hatten sich schon losgerissen und wurden gegen den Strand geschleudert, so daß sie dem Zerschellen nahe waren. Und nun kamen alle Gondolieri hinabgestürzt, um die Boote in den Bootshütten zu bergen, oder in die kleinen Kanäle wegzuführen. Die Seeleute auf den Schiffen, die im Hafen lagen, arbeiteten mit den Ankertauen, um die Schuten zu befestigen, so daß sie nicht hinauf ans Land getrieben wurden. Sie nahmen die Wäsche herein, die auf der Brüstung trocknete, sie drückten die Mütze tief in die Stirne und sahen sich nach allem beweglichen Gute um, das unter Deck gebracht werden mußte. Den Kanal Grande hinab kam eine ganze Fischerflotte gestürmt. Alle die vom Lido und Malamocco, die ihre Waaren am Rialto verkauft, waren auf der Flucht, um ihr Heim zu erreichen, bevor der Sturm übermächtig wurde.

Cecco lachte, als er die Fischer über die Ruder gebeugt stehen sah, als flüchteten sie vor dem Tode. Sahen sie denn nicht, daß dies nur ein Windstoß war. Sie hätten in guter Ruhe bleiben und sich von den Venezianern alle ihre Tintenfische und Krabben abkaufen lassen können.

Er brachte sein Boot nicht in Sicherheit, obgleich der Sturm jetzt heftig genug war, daß ein gewöhnlicher Mensch damit gerechnet hätte. Die Wäschestege wurden von den Wellen emporgehoben und aufs Land geworfen, indeß die Wäscherinnen schreiend heimwärts flüchteten. Den Signori, die mit breitkrempigen Hüten umherwanderten, wurden diese vom Kopfe gerissen und in die Kanäle geschleudert, aus denen die Gassenjungen sie hoch erfreut herausfischten. Segel wurden von den Masten gezerrt und flatterten dröhnend durch die Luft, Kinder wurden umgeblasen, und die Wäschestücke, die auf Leinen in den schmalen Gäßchen hingen, flogen auf und fielen weit weg zu Boden, ganz zerfetzt.

Cecco lachte über den Sturm, der vorderhand noch mit allerlei leichten Sächelchen sein Spiel trieb. Ein Sturm, der Vögel verscheuchte und Unfug in den Gassen anstiftete, wie ein Junge. Nun zog er doch das Boot unter eine Brückenwölbung, denn dies war ein Wind, von dem man nicht wissen konnte, gegen wen er seinen Übermut kehren würde.

Gegen Abend begann Cecco zu finden, daß es gut wäre, auf dem Meere zu sein. Bei solch einer prächtigen Brise müßte ein Boot prächtig gehen, denn auf dem Lande war es unheimlicher, hier barsten Schornsteine, die Dächer der Bootshütten stellten sich auf und flogen ans Ufer. Dachziegel regneten hinab in die Kanäle. Der Wind schlug Thüren und Fenster zu, er brauste in die offenen Loggien der Paläste und brach das verzierte Laubwerk los.

Cecco hielt sich noch tapfer, aber er ging nicht nach Hause, um sich niederzulegen. Er konnte das Boot nicht heimführen, und da war es besser, zu bleiben und es zu behüten. Aber als Jemand an ihm vorüberging und sagte, dies sei ein schreckenvolles Wetter, wollte er es nicht zugeben. Er hatte in seiner Jugend anderes Wetter durchgemacht.

»Ein Sturm,« sagte er bei sich selbst. »Sollte man dies wohl einen Sturm nennen können? Und man könnte vielleicht meinen, daß er sich in demselben Augenblick erhob, als ich San Marco die Zechine hinwarf. Als ob er über einen rechten Sturm gebieten könnte!«

Als die Nacht kam, stürmten Meer und Wind so an, daß Venedig in seinen Grundfesten erzitterte. Doge Gradenigo und die Herren des hohen Rats begaben sich bei finsterer Nacht in die Markuskirche, um für die Stadt zu beten. Fackelträger gingen ihnen voraus, und die Flammen flatterten im Winde, so daß sie flach wie Wimpel lagen. Der Wind zerrte an dem schweren Brokatgewand des Dogen, so daß zwei Männer es halten mußten.

Cecco fand, dies sei das Wunderlichste, das er noch gesehen. Doge Gradenigo selbst zog zum Dom, um solch eines unbedeutenden Lüftchens willen. Aber was würden die Menschen dann beginnen, wenn ein richtiger Sturm käme? Die Wellen schlugen unaufhörlich gegen den gepfählten Strand. Es war jetzt im nächtlichen Dunkel, als sprängen weißhäuptige Ungeheuer aus der Tiefe und klammerten sich mit Zähnen und Klauen an die Pfosten fest, um sie vom Strande loszureißen. Cecco vermeinte ihr erbostes Zischen zu hören, wenn sie hinabtaumelten. Aber Schauer begannen ihn zu packen, als er sie unablässig wieder hinauskommen und an den Pfählen rütteln sah.

Jetzt bei Nacht dünkte ihm der Sturm viel furchtbarer. Er hörte Rufe die Luft durchschneiden, die nicht die des Windes waren, zuweilen kamen schwarze Wolken wie eine ganze Reihe schwerer Galeeren getrieben, und es war als rückten sie zum Sturmlauf an.

Dann hörte er deutlich, wie es aus ein paar zerrissenen Wolken sprach, die über seinem Haupt dahinglitten.

»Nun schlägt die Stunde für Venedig,« ertönte es aus der einen Wolke, »bald kommen unsere Brüder, die Dämonen, und stürzen die Stadt um.«

»Ich fürchte, San Marco läßt es nicht geschehen,« sprach es aus der anderen Wolke.

»San Marco ist von einem Venezianer vor die Stirne geschlagen worden, so daß er machtlos daliegt und niemand helfen kann,« sagte die erste Stimme.

Die Worte kamen, vom Sturm getragen, hinab zum alten Cecco, und von Stund an lag er auf den Knieen und betete zu San Marco um Gnade und Vergebung.

Denn es verhielt sich so, wie die Dämonen gesagt hatten. Es schlug die Stunde für Venedig. Die schöne Inselkönigin war ihrem Untergange nahe. Ein Venezianer hatte San Marco gelästert, und darum stand es bevor, daß Venedig vom Meere hinweggespült wurde. Und es sollte keine Mondscheinfahrten auf seinen Kanälen mehr geben, keine Barcarolen sollten aus seinen schwarzen Gondeln erklingen. Das Meer würde über die goldblonden Signoras, über die stolzen Paläste und den güldenen Markusdom dahingehen.

Wenn niemand diese Schlamminseln schützte, waren sie dem Verderben geweiht. Bevor San Marco nach Venedig gekommen, war es oft geschehen, daß große Stücke derselben von den Wogen hinweggespült wurden.

Mit dem ersten Morgengrauen begannen die Glocken der Markuskirche zu läuten. Alles Volk strömte der Kirche zu, während die Kleider ihnen fast vom Leibe gerissen wurden. So hatte der Sturm zugenommen.

Die Priester hatten beschlossen, gegen das Meer und den Sturm auszuziehen. Sie öffneten die Hauptportale des Doms, und in einer langen Reihe ergoß sich die Prozession aus der Kirche. Zuerst wurde das Kreuz getragen, dann kamen die Fackelträger, zuletzt führte man San Marcos Banner und die heilige Hostie. Aber der Sturm wurde nicht gebändigt, es war im Gegenteil, als hätte er kein besseres Spielzeug haben können. Er warf die Kreuzträger zu Boden, er löschte die Wachslichter und schleuderte den Baldachin, der über die Hostie gehalten wurde, hinauf auf das Dach des Dogenpalastes. Mit knapper Not rettete man San Marcos Banner mit dem geflügelten Löwen davor, durch die Luft entführt zu werden.

Cecco sah all dies und schlich sich laut klagend hinab zum Boote. Den ganzen Tag lag er am Strande, oft gingen die Wellen über ihn hin, und er war nahe daran, ins Meer gerissen zu werden. Den ganzen Tag war er in unablässige Gebete zu Gott und San Marco versunken. Nun fühlte er, daß seine Gebete es waren, an denen das Schicksal der ganzen Stadt hing.

Viele waren an diesem Tage nicht im Freien, aber einige kamen doch wehklagend die Riva hinab. Alle sprachen von dem unermeßlichen Schaden, den der Sturm that. Man konnte sehen, wie die Häuser drüben in Murano einstürzten, es war als stünde die ganze Insel unter Wasser, aber auch hier auf dem Rialto waren ein paar Häuser zusammengebrochen.

Der Sturm dauerte den ganzen Tag mit der gleichen Heftigkeit fort. Gegen Abend versammelte sich eine große Menschenschaar auf dem Markusplatze und der Piazetta, obgleich diese beinahe unter Wasser waren. Sie wagten es nicht in den Häusern zu bleiben, die in ihren Grundfesten erbebten.

Und in das Jammern derer, die das Unglück fürchteten, mischten sich die Schreie Jener, die schon davon betroffen waren. Wohnstätten standen unter Wasser, Kinder waren in ihren Wiegen ertrunken, Greise und Kranke den einstürzenden Häusern hinab in die Wellen gefolgt.

Cecco lag noch immer da und betete zu San Marco. Ah, das Vergehen eines geringen Fischers konnte doch nicht so hoch angeschlagen werden! Der Heilige konnte nicht ohnmächtig sein um seinetwillen. Mochte er doch die Dämonen ihn nehmen lassen und sein Boot. Er verdiente es nicht besser. Aber nicht die ganze Stadt! Gott erbarme sich, nicht die ganze Stadt!

»Meine Söhne,« sagte Cecco zu San Marco, »was sind mir meine Söhne, wenn es Venedig gilt! Ich wollte einen Sohn hingeben für jeden Dachziegel, der in Gefahr ist, in den Kanal geweht zu werden, wenn ich ihn um diesen Preis festzuhalten vermöchte. O, San Marco, jeder, der geringste Stein von Venedig ist so viel wert wie ein blühender Sohn.«

Zuweilen sah er entsetzliche Dinge. Da war eine große Galeere, die sich aus der Verankerung losgerissen und nun ans Land getrieben kam. Sie ging gerade gegen den gepfählten Strand los und stieß mit dem Widderkopfe, den sie am Vordersteven trug, zu, als sollte sie sich in ein feindliches Schiff bohren. Stoß um Stoß führte sie, und der Anlauf war so furchtbar, daß das Schiff beinahe aus den Fugen ging. Die Wellen spielten hinein, die Spalten weiteten sich, und das stolze Fahrzeug wurde in Stücke gerissen. Aber die ganze Zeit über sah man den Kapitän und ein paar der Besatzung, die das Fahrzeug nicht verlassen wollten, sich an das Verdeck anklammern und dem Tode entgegengehen, ohne einen Versuch zu machen, ihm auszuweichen.

So kam die zweite Nacht und Ceccos Gebete ließen nicht ab, an die Himmelsthür zu pochen. »Laß mich allein leiden,« sagte er. »San Marco, dies ist mehr als ein Mann ertragen kann, andere so mit ins Unglück zu stürzen. Aber sende Deinen Löwen und töte mich, ich will nicht von der Stelle weichen. Was Du verlangst, daß ich für die Stadt dahingeben soll, ich opfere es gern.«

Als er dieses sagte, blickte er hinüber zur Piazetta, und es war ihm, als könnte er den Markuslöwen auf der einen Granitsäule nicht mehr sehen. Hatte San Marco zugelassen, daß sein Löwe zur Erde geweht wurde? Der alte Cecco weinte. Er war nahe daran, an Venedig zu verzweifeln.

Während er so dalag, sah er die ganze Zeit über Gesichte und hörte Stimmen. Die Dämonen sprachen und tobten rings um ihn. Er hörte sie, wie sie gleich wilden Thieren zischten, wenn sie sich gegen die Strandpfählung warfen. Er fragte nicht viel nach ihnen. All sein Sinnen und Trachten war Venedig.

Da hörte er über sich starken Schwingenschlag, und das Herz sank ihm im Leibe, das war gewiß San Marcos Löwe, der da geflogen kam. Es rührte sich hier und dort in der Luft, er sah ihn und sah ihn nicht. Dann dünkte ihn, daß er herab auf die Riva degli Schiavoni stieg wo er lag, und dort umherschlich. Es war so, daß er vor Schrecken ins Meer springen wollte, aber er blieb auf seinem Platze. Er war es wohl, den der Löwe suchte. Konnte er nur Venedig retten, wollte er gern San Marco an sich Rache nehmen lassen.

Nun kam der Löwe über die Erde geschlichen, wie eine Katze. Er sah, wie er sich zum Sprunge duckte. Er merkte, wie er die Flügel niederschlug und die großen Karfunkelaugen zu zwei schmalen funkelnden Ritzen zusammenzog.

Der alte Cecco dachte wohl daran, hinab ins Boot zu kriechen und sich unter die Brückenwölbung in Sicherheit zu bringen, aber er ermannte sich und blieb, wo er war.

Im selben Augenblick stand urplötzlich ein großer, ehrwürdiger Mann neben ihm.

»Guten Abend, Cecco,« sagte der Mann, »nimm Dein Boot und führe mich hinüber nach San Giorgio Maggiore.«

»Ja,« sagte der alte Fischer, »gleich, Herr.«

Es war ihm, als erwachte er aus einem Traum. Der Löwe war verschwunden, und der Mann hier war ja jemand, der ihn kannte, obgleich Cecco sich nicht entsinnen konnte, wo er ihm zuvor begegnet. Er war recht froh, Gesellschaft zu bekommen. Die furchtbare Last und Beklemmung, die über ihm geruht, seit er in Feindschaft mit dem Heiligen geraten, war auf einmal gänzlich verschwunden. Aber was nun das betraf, nach San Giorgio hinüber zu fahren, so glaubte er keinen Augenblick, daß das glücken konnte.

»Wir können ja nicht einmal das Boot herausbekommen,« sagte er zu sich selbst. Aber der Mann neben ihm erschien ihm so, daß er alles Erdenkliche thun wollte, um ihm zu dienen; und es glückte ihm auch, das Boot hervorzuziehen. Er half dem Fremdling einsteigen und ergriff das Ruder.

Cecco lachte über sich selbst. »Was glaubst du wohl? Stoße doch wenigstens nicht ab,« sagte er. »Hast du je solche Wellen gesehen? Aber sage ihm doch, daß das nicht in menschlicher Macht steht.«

Aber es dünkte ihn, als könnte er dem Fremdling nicht sagen, daß es unmöglich sei. Dieser saß so gelassen da, als sollte er eines Sommerabends zum Lido fahren. Und Cecco begann gegen San Giorgio Maggiore zu rudern. Es war unheimlich, einmal ums andere gingen die Wellen über sie dahin.

»Ah, ruf doch einer den Kerl,« sagte Cecco halblaut zu sich selbst, »ruft doch den Kerl, der in solch einem Wetter ausfährt. Es ist ja sonst ein kluger, alter Fischer, ruft ihm nach.«

Nun stieg das Boot steile Anhöhen hinan und glitt hinab in Thäler, Schaum sprühte auf Cecco von den Wellen, die gleich scheuen Pferden an ihm vorbei eilten, aber er arbeitete sich doch immer näher zu San Giorgio heran.

»Wer ist es, für den du all dies thust, Boot und Leben wagst,« sagte er. »Du weißt ja nicht einmal, ob er dich bezahlen kann. Er sieht nicht aus wie ein Rittersmann. Er ist nicht besser gekleidet als du selbst.«

Aber das sagte er nur, um guten Muts zu bleiben und sich seiner Nachgiebigkeit nicht schämen zu müssen. Er fühlte sich gezwungen, alles zu thun, was der Mann im Boot wünschte.

»Aber nicht bis San Giorgio zum mindesten, du Narr,« sagte er, »da weht der Wind noch ärger, als am Rialto.«

Doch er legte dort an und hielt das Boot fest, indeß der Fremdling ans Land ging. Es dünkte ihn das Klügste, das Boot dazulassen und sich fortzuschleichen, aber er that es nicht. Er hätte eher den Tod erleiden, als den Fremden verraten mögen. Er sah diesen die Insel hinaufgehen und in die Kirche San Giorgio eintreten. Bald darauf kam er zurück, von einem eisengepanzerten Ritter begleitet.

»Rudere uns jetzt hinaus nach San Niccolo am Lido,« sagte der Fremdling.

»Ach ja freilich,« dachte Cecco, »warum nicht auch zum Lido?« Da es Todesqual gewesen, das Stück nach San Giorgio zu rudern, warum sollten sie nicht auch die Fahrt zum Lido wagen? Und Cecco erschrak vor sich selbst, weil er dem Fremdling so bis in den Tod gehorsam war, denn nun steuerte er wirklich zum Lido hin.

Jetzt, da ihrer Zwei im Boote waren, hatte er noch schwerere Arbeit. Er wußte gar nicht, wie er es ertragen sollte. »Du hattest doch noch viele Jahre zu leben,« sagte er vorwurfsvoll zu sich selbst.

Aber das Wunderliche war, daß er dennoch nicht betrübt war. Er fühlte sich so froh, daß er aus vollem Halse hätte lachen mögen. Und wie stolz er war, daß er sich durcharbeiten konnte. »Er weiß sein Ruder zu führen, der alte Cecco,« sagte er.

Sie legten am Lido an und die beiden Fremdlinge gingen ans Land. Sie stiegen zu San Niccolo hinauf und kamen bald in Gesellschaft eines alten Bischofs zurück, mit der Stola bekleidet, den Stab in der Hand und die Mitra auf dem Haupte.

»Rudere nun hinaus ins offene Meer,« sagte der erste Fremdling. Der alte Cecco erbebte. Sollte er hinaus ins Meer rudern, wo die Söhne den Tod gefunden. Nun sagte er kein Scherzwort mehr zu sich selbst. Er dachte auch nicht so sehr an den Sturm, als an das Grauen, das darin lag, zum Grabe der Söhne hinauszufahren.

Als er nun dorthin ruderte, fühlte er, daß er mehr als das Leben für den Fremden hingab.

Die drei Männer saßen schweigend im Boot, als wären sie wohl auf ihrer Hut. Sie hatten nun die Meerespforte beim Lido erreicht, und das große, sturmdurchwühlte Meer lag vor ihnen.

In Cecco schluchzte es gleichsam auf. Er dachte daran, daß hier in diesen Wellen die zwei Leichen umherrollten. Er starrte hinab ins Wasser nach ein paar wohlbekannten Gesichtern. Aber vorwärts ging es trotz alledem. Cecco ließ sich nicht unterducken.

Da erhoben sich plötzlich die drei Männer im Boote, und Cecco sank in die Knie, obgleich er noch stets das Ruder festhielt. Ein großes Schiff kam gerade auf sie zugesteuert.

Das heißt, es hielt schwer für Cecco, zu sehen, ob es ein Schiff war oder nur ein treibender Nebel. Die Segel waren groß, wie zu den vier Enden des Himmels gespannt, und der Rumpf war gewaltig, aber wie aus dem leichtesten Meeresdunst erbaut. Er vermeinte eine Besatzung an Bord zu sehen und ihre Rufe zu hören, aber die Besatzung war eine geballte Dunkelheit, und die Rufe wie das Brüllen des Sturmes.

Jedenfalls war es zu furchtbar, das Schiff gerade über sie kommen zu sehen, und Cecco schloß die Augen.

Da mußten die Drei im Boote den Stoß abgewehrt haben, denn das Boot ward nicht übersegelt. Als Cecco aufsah, war das Schiff auf der Flucht ins Meer hinaus begriffen, und laute Klageschreie drangen durch die Nacht.

Er richtete sich zitternd auf, um weiterzurudern. Er fühlte eine solche Müdigkeit, daß er kaum das Ruder führen konnte. Aber nun war auch keine Gefahr mehr. Der Sturm hatte aufgehört, und die Wellen legten sich rasch zur Ruhe.

»Führe uns nun heim nach Venedig,« sagte der Fremdling zu dem Fischer. Cecco brachte das Boot zum Lido, wo der Bischof ausstieg, und nach San Giorgio, wo der Ritter sie verließ. Der erste mächtige Fremdling begleitete ihn bis zum Rialto.

Als sie an der Riva degli Schiavoni ans Land gestiegen waren, sagte er zu dem Fischer: »Wenn es tagt, sollst Du zum Dogen gehen und ihm sagen, was Du heute Nacht geschaut. Sage ihm, daß San Marco, San Giorgio und San Niccolo in dieser Nacht mit den Dämonen gekämpft, die Venedig zerstören wollten, und sie vertrieben haben.«

»Ja, Herr,« sagte der Fischer, »ich will alles berichten. Aber wie werde ich so zu reden verstehen, daß der Doge mir Glauben schenkt?«

Da reichte San Marco ihm einen Ring mit einem wundersam strahlenden Edelstein. »Zeige diesen dem Dogen,« sagte er, »dann weiß er, daß er von mir Kunde bringt. Er kennt meinen Ring, der in San Marco's Schatzkammer im Dome verwahrt wird.«

Der Fischer nahm den Ring und küßte ihn ehrfurchtsvoll.

»Und ferner sollst Du dem Dogen sagen,« fuhr der Heilige fort, »daß dieses ein Zeichen ist, daß ich niemals Venedig verlassen werde. Selbst wenn der letzte Doge aus dem Palazzo ducale gezogen, werde ich leben und Venedig aufrecht erhalten. Selbst wenn Venedig die Inseln des Ostens verliert und die Herrschaft über das Meer und kein Doge mehr auf dem Bucentauro auszieht, werde ich die Stadt schön und strahlend bewahren. Stets wird sie reich und geliebt sein, stets besungen und gepriesen, stets hold für die Menschen, um in ihr zu weilen. Sage dieses, Cecco, und der Doge wird Deiner in Deinen alten Tagen nicht vergessen!«

Damit verschwand er und kurz darauf stieg die Sonne über der Meerespforte bei Forcello empor. Mit den ersten herrlichen Strahlen warf sie einen Rosenschimmer über das weiße Venedig und das schillernde Meer. Rot erstrahlte San Giorgio und San Marco und der ganze palästegeschmückte Strand. Und in den schönen Morgen traten strahlende Venezianerinnen auf die Loggien und lächelten dem Tage entgegen. Wieder war Venedig die schöne Göttin, die in rosig glitzernder Muschel über den Wellen thront. Schön, wie nie zuvor, strählte sie ihr Goldhaar und hüllte sich in ihren Purpurmantel, um einem ihrer seligsten Tage entgegenzugehen. Denn ein Rausch des Glücks erfüllte sie, als der Fischer dem Dogen den Ring darbrachte und sie erfuhr, daß der Heilige jetzt und allezeit seine schützende Hand über sie halte.

 


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