Karl Kraus
Glossen bis 1924
Karl Kraus

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Ein sonderbarer Schwärmer

Das blödeste Blatt der Welt – also nicht die »Wiener Stimmen« – bringt diesen Notschrei:

[Die vergessenen Denkmäler]
Wir erhalten folgende Zuschrift: »Verehrliche Redaktion! Ihre Betrachtungen im Morgenblatt vom 11. d., die den skandalösen Zustand betreffen, in dem sich die Wiener Denkmäler befinden, sind vielen Wienern aus dem Herzen gesprochen. Es ist wirklich im höchsten Grade betrüblich, daß man einen so wertvollen künstlerischen Schmuck, wie ihn die Wiener Denkmäler darstellen, verfallen und zugrundegehen läßt. Am deutlichsten offenbart sich die Gleichgültigkeit, mit der man die Denkmäler behandelt, an den Figuren des Albrechts-Brunnens. Seit Jahr und Tag stehen die Standbilder des Inn und der Save mit abgeschlagenen Händen da und recken dem Passanten ihre Armstümpfe entgegen. Der Mauerverputz ist vielfach abgeblättert, so daß der Brunnen, der an einem der frequentiertesten und repräsentativsten Plätze Wiens gelegen ist, in nicht zu ferner Zeit vollends den Eindruck einer Ruine machen wird. Das zeigt sich bereits an der Figur der March, die von herabgefallenem Schutt gleichsam umrahmt ist. Muß das sein? Eine Entschuldigung gibt es nicht für diese sträfliche Schlamperei, die geeignet ist, das Ansehen Wiens bei den zahlreichen Fremden, die jetzt hieherkommen, um die Schönheiten der vielgerühmten Stadt am Donaustrand zu bewundern, herabzusetzen. ...«

Es muß sein; wie Altmeister Salten vor zehn Jahren ausrief, als es galt, das Unternehmen zu verklären, dem so viele Hunderttausende zwischen Inn und Save die abgeschlagenen Hände verdanken und die Armstümpfe, die sie heute dem Passanten entgegenstrecken können, und so viele aus der Gegend der March, daß sie einmal verschüttet waren und heute nur mehr mit flackerndem Blick die Schönheiten der vielgerühmten Stadt am Donaustrand bewundern können. Zu diesen haben also tatsächlich durch vier Jahrzehnte die Standbilder des Inn, der Save und der March gehört, die das blödeste Blatt der Welt »Denkmäler« nennt und deren Unversehrtheit wohl den äußersten Vandalismus bedeutet hat, der je einem Stadtbild angetan wurde. Daß man speziell der Save, mit der uns doch höchstens noch freundnachbarliche Beziehungen verbinden, die Pratzen abgeschlagen hat, ist eine ästhetische Wohltat, die vielleicht von der jugoslawischen Gesandtschaft als illoyaler Akt empfunden werden könnte. Aber in die Angelegenheiten des Inn lassen wir uns nichts dreinreden und mit dem diesbezüglichen Flußgott, der immerhin noch so dasteht, als ob er an Gschnasfesten des Männergesangvereins mitwirken könnte, können wir machen was wir wollen, und daß die March endlich von herabgefallenem Schutt gleichsam umrahmt ist, ist ein wahrer Segen. Nein, man hat diese Denkmäler nicht vergessen. Sie waren der plastische Ausdruck der Vorstellung, die sich der Besitzer des hinter ihnen aufragenden Hauses, der Erzherzog Friedrich, von den österreichischen Flüssen gemacht haben dürfte, und wenn ebenbürtige Geister ein Bedürfnis nach ihrer Wiederherstellung und den jetzigen idealen Zustand als sträfliche Schlamperei empfinden, so braucht man sich ja nur mit Ambros Bei in Verbindung zu setzen, und der Schönheitssinn der vielgerühmten Stadt an der Donau (deren Denkmal leider nicht verstümmelt ist) wird rehabilitiert sein.

Von denen, die es in Österreich noch gibt

In der Arbeiter-Zeitung war vor etlichen Monaten von einem Richter in Baden erzählt worden, er habe in der Verhandlung an einen Hakenkreuzler die Frage gestellt:

Haben Sie denn keinen Revolver bei sich gehabt? Hätten Sie doch einen niedergeschossen, daß wir endlich eine Ruhe haben von denen.

Die Arbeiterschaft habe verlangt, daß der Mann sofort in Disziplinaruntersuchung genommen und der vertagte Prozeß einem andern Richter überantwortet werde. Noch beruhigender als die mitgeteilte Tatsache ist die, daß man bis heute weder von einer Berichtigung noch von einer Disziplinaruntersuchung etwas vernommen hat. Es ist wohl der stärkste jener Fälle, die ein Generalisieren unerlaubt machen. Das Problem der Richter in Österreich bewegt sich zwischen den zwei Forderungen: Nur nicht generalisieren! und: Gar nicht ignorieren!


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