Karl Kraus
Glossen bis 1924
Karl Kraus

 << zurück weiter >> 

Was nützen ihm die Tausendkronennoten?

[Bernard Shaws »Riesenvermögen von Tausendkronennoten«.] Aus Budapest wird uns berichtet: Bernard Shaw richtete an seinen Budapester Rechtsanwalt Emil Szalay ein Schreiben, in welchem es heißt: »Die Bank hat mich von allen Ihrerseits zu meinen Gunsten erfolgten Einzahlungen verständigt. Wie könnte ich zu meinem Gelde gelangen? Sie schreibt, daß zwischen England und Ungarn ein Clearingverkehr eingeführt werden wird. Ich habe bisher davon nichts gehört. Zu meinem Unglück sind die Summen, die ich aus den Ländern der ehemaligen Zentralmächte erhalte, bloß platonische Werte. Eine Bank verständigte mich ganz ernst, sie hätte zu meinen Gunsten 1083 Kronen erlegt, und ich bin bemüßigt, diesen Betrag mit 15 Schilling zu buchen. Doch muß ich davon 4 Schilling 6 Pence für die von der Regierung bemessene Einkommensteuer bezahlen. Ich habe ein Riesenvermögen in Tausendkronennoten, doch was nützen sie mir? Gibt es keine ungarischen Industrieaktien oder Kommunalobligationen, in welche ich meine Tausendkronennoten investieren könnte? Was meine neuen Stücke betrifft, so werde ich sie binnen kurzem – Jedes spielt in einer anderen Epoche der Geschichte der Menschheit. Der Schauplatz des ersten ist das Paradies, die Zeit des letzten das Jahr 31 980 nach Christus. Ich zweifle, daß sich auf der ganzen Welt ein Theaterunternehmen mit geschäftlichem Sinn findet, welches das Ganze oder auch nur ein Stück davon zu bringen wagt – die Newyorker Vorstellungen – t ragen mir allabendlich zweihundert Schilling ein. Bezüglich der Wiener Vorstellungen verfüge ich noch über keine Daten, doch teilt mir der deutsche Übersetzer des Stückes mit, daß es im Burgtheater einen großen Erfolg hatte.

Gewiß wird sich nicht leicht auf der ganzen Welt ein Theaterunternehmen finden, dessen geschäftlicher Sinn an den eines Kultursatirikers heranreicht, der so menschheitlich denkt, daß er den finanziellen Bankrott der Feindesländer als sein eigenes Unglück empfindet. Herr Shaw, dessen Budapester Advokat gewiß seine Intentionen erraten hat, als er der Neuen Freien Presse seinen Geschäftsbrief zur Verfügung stellte, und der die Entwertung seiner Tausendkronennoten mit den Gefühlen des hiesigen Mittelstands durchmacht, hat offenbar erwartet, daß ihm die Wiener und Budapester Theater seine Tantiemen in so viel Schillingen auszahlen werden, als er Kronen zu erhalten hat. Aber er sollte doch nicht übersehen, daß seine Werke hier nicht englisch, sondern nur in einer Übersetzung gespielt werden, die von Trebitsch ist. (Und die vielleicht von Hatvany ins Ungarische übertragen wird.) Wenn Herr Shaw ein Riesenvermögen in Tausendkronennoten hat und fragt, was sie ihm nützen, so läßt sich ihm nur der Rat geben, auf die Aufführung seiner Stücke in Sprachen, die so wenig einträglich sind, künftig zu verzichten und das schon angesammelte Riesenvermögen, welches brach liegen muß, seinen Landsleuten von der Gesellschaft der Freunde abzutreten, die sich für die Wiener Kinder interessieren, deren Unglück durch das des Herrn Shaw wesentlich gelindert werden könnte. Denn wenn schon nicht ihm, so würden doch diesen die vielen Tausendkronennoten nützen, und wie sagt doch Shaw: »Geld hat keinen Wert für den, der mehr als genug davon hat, und die Weisheit, mit der er es ausgibt, ist die einzige soziale Rechtfertigung dafür, daß man es in seinem Besitz läßt.« Wie immer aber die Frage entschieden werden möge, und wenn's denn sein muß, daß beim Weltuntergang alle Theater geöffnet sind und je mehr das Leben schwindet, umso mehr die Kunstrubrik, die gemeinste von allen, anschwillt, so soll man uns wenigstens mit den Geschäftssorgen der Literaten verschonen. Können sie sich nicht entschließen, den Weltkrieg aus einer andern Perspektive zu betrachten, so müssen sie sich eben damit abfinden, daß sein Ausgang zwar Herrn Shaw in Österreich nur Kronen abwirft, daß aber dafür die Wiener Librettisten in New-York mit Dollars aufgewogen werden. Dieser Shaw hat einmal einen Ausspruch getan, mit dem er schon zu der sittlichen Höhe der Betrachtung strebte, die er in dem Brief an seinen Budapester Advokaten erreicht hat: daß »die beste Komödie, die Oscar Wilde geschrieben hat, ›De profundis‹« sei. Sicher ist, daß ihre Kapitalisierung ihm nicht das Gemüt verdüstert hat! Ich will einen Kulturphilosophen, der von »platonischen Werten« wie ein Börseaner spricht, aber die Zahl 31 98o dennoch nur als Jahreszahl und nicht wie man auf den ersten Blick vermutet im Zusammenhang mit Tantiemen und Valuten gebraucht, nicht ausschließlich nach diesem Dokument, wiewohl es schon sein Geld wert ist, beurteilen, es ist eine lange Weile her, daß ich ein Stück von ihm gelesen habe, und ich möchte ihn nicht mit den Vertretern des Wiener Geisteslebens in einem Atem nennen, den es mir da verschlägt. Aber er scheint mit Neid zu spüren, welches Glück es ist, in einem besiegten Staat zu leben und keinen Geist zu haben. Sie erzeugen ja den einzigen Artikel, in dem Österreich nicht nur exportfähig, sondern hors concours ist, den die ganze Welt haben will und für den die besten Valuten hereinkommen: den Blödsinn.


 << zurück weiter >>