Karl Kraus
Glossen bis 1924
Karl Kraus

 << zurück weiter >> 

Ein Hakenkreuzlerplakat

warnte:

Arische Mädchen!
Von dem Tage an, da ihr diesen Lüstlingen verfällt, seid ihr für euer deutsches Volk verloren.

Was die deutsche Sitte betrifft. In den Belangen der deutschen Sprache dürften sie kaum mehr zu verderben sein.

Sehnsucht eines Schweidnitzers, mit seinen Gedanken allein zu sein

Ein Reisezufall läßt der konservativen ›Schlesischen Zeitung‹, einem hochbetagten Mistblatt, bei dem Dummheit und Stolz auf einem Holzpapier wachsen, das Folgende entnehmen:

Der »Deutsche Tag« in Nürnberg.
Von Lukassowitz, Mitg. d. Preuß. Landtages, Schweidnitz.

Sonnabend, den 1. September.

Die Stadt Nürnberg prangt im Festschmuck. Schwarz-weiß-rote, blau-weiße und rot-weiße Fahnen wehen in Massen über den Straßen. – Besonderen Jubel löste die Ankunft der 16 Fahnen der alten Armee aus dem Armeemuseum in München aus. – Die Festrede hielt General Ludendorff, mit stürmischen Heilrufen und nicht endenwollendem Händeklatschen begrüßt. Seine wuchtigen Ausführungen endeten mit den Worten: »Vorwärts in Gottvertrauen zum Kampf für unsere heiligsten Güter!« Die Rede des Heerführers wurde oft durch starken Beifall unterbrochen und fand am Schluß stärksten Applaus in langanhaltenden tausendstimmigen Heilrufen. Das Deutschlandlied brachte den würdigsten Abschluß der Festrede Ludendorffs. Nach einer Reihe von Begrüßungsansprachen ergriff General Ludendorff noch einmal das Wort, um den Festteilnehmern die Grüße des Feldmarschalls von Hindenburg zu überbringen, der am persönlichen Erscheinen verhindert war. General Ludendorff verkündet mit markanter Stimme das Motto des Marschalls für den Deutschen Tag: »Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre.« –

– Tiefen Eindruck machte auf mich die Ansprache des früheren bayerischen Justizministers Dr. Roth, der in den zahlreich ausgehängten schwarz-weiß-roten Fahnen ein starkes Erwachen des nationalen und völkischen Gedankens sieht, –

Sonntag, den 2. September.

Die Uhr zeigt gegen 5 1/2 Uhr morgens, als ich erwache. Reges Leben herrscht bereits auf den Straßen! Die Jung – und Altmannen strömen aus ihren Quartieren zusammen und formieren sich zu Zügen und Kompagnien. – In Hast und Eile strebe ich der Menschenmenge nach, um nicht zu spät zu kommen. Stöße und Püffe in Menge, doch sie sind nicht bös gemeint! – Der Gottesdienst beginnt. Der Gesang des deutschen Notschreies, eine Umdichtung des Niederländischen Dankgebetes ertönt aus hunderttausenden von Kehlen. Nachdem er beendet ist, ergreift Studienrat Dr. Braun aus Nürnberg das Wort zu einer tiefergreifenden Festrede, glänzend in Form und Inhalt »Herr, mach uns frei!« ist sein Schlußwort. Die Menge singt das Lied »Ich hatt' einen Kameraden«. Vielen stehen die Tränen in den Augen. Zu groß und zu gewaltig ist der Eindruck! – »Kann Dir die Hand nicht geben, bleib Du im ew'gen Leben mein guter Kamerad!« – Der Schlußakkord verklingt. Die Andacht ist vorbereitet für den zweiten Redner, den katholischen Geistlichen Kaplan Roth, einen Führer in der deutschnationalen und völkischen Bewegung. Der Redner vergleicht die heutige Zeit mit einem Vulkan, auf dem das deutsche Volk wohne und der mit dumpfem Grollen neue Gefahren verkünde. Die völkische Frage sei brennend geworden und lasse sich nicht mehr hinausschieben. Christliche Nächstenliebe sei nicht dazu da, daß wir dabei zugrunde gingen –

Neue Scharen strömten herbei. Tausende und aber Tausende von Männern und Frauen und Kindern bildeten Spalier auf den Straßen und füllten als Neugierige die Fenster. Überall Festesstimmung und Begeisterung. Mädchen und Frauen an den Fenstern und auf den Straßen hielten Körbchen mit Blumen, um damit die Helden des Tages zu überschütten. Die Ungeduld steigerte sich von Minute zu Minute. Wann werden sie nur kommen, hörte man überall fragen. Musik klingt in der Ferne. Und schon werden die mit Blumen, Fahnen und Wimpeln geschmückten Autos mit den Ehrengästen sichtbar, die dem Zuge voraus zum Hauptmarkt fuhren, wo die Aufstellung der Ehrengäste zur Abnahme der großen Heerschau vorbereitet war. Ich sah u. a. Ludendorff und den Kronprinzen Rupprecht nebst dem bayerischen Erbprinzen, Hitler, von Bothmer, von Hutier usw. Sie alle wurden mit Blumen überschüttet, der Jubel und die Freude wollten kein Ende nehmen. Den eigentlichen Zug leiteten starke Abteilungen der in Galauniform erschienenen Landespolizei ein. Dann folgten die Vertretungen des Deutschen Offiziersbundes, die Abordnungen der Kriegervereine, darunter auch die Regimentsoffiziere bis zum General hinauf, hierauf die zum Befreiungskampf entschlossenen Mannen. Weiterhin die Studentenverbindungen aus München, Erlangen, Würzburg usw. in vollem Wichs, dann folgten die nationalen Verbände: Reichsflagge, Frankenland, Wiking, Blücher, Bayern und Reich, Ober- und Unterland, Nationalsozialisten und andere. –

– In der Festhalle im Luitpoldhain sprachen Kronprinz Rupprecht, Ludendorff und Admiral Scheer vor etwa 100- bis 150tausend Menschen. Die Begeisterung läßt sich nicht schildern, die »Heil«-Rufe wollen nicht enden! Auf einmal große Bewegung. Es kommt wieder Leben in die Massen. Hitler besteigt das Rednerpult, stürmisch und unaufhaltsam von Hunderttausenden begrüßt. Er spricht von deutscher Kraft und Einigkeit. Unvergeßlich ist mir ein Satz aus seiner Rede: »Jeder müsse entschlossen sein, dem anderen das Gesetz der Vaterlandsliebe aufzuzwingen !«–

– Ein beträchtlicher Teil der Festteilnehmer aber wanderte in langen Zügen zur Burg hinauf, um noch die Beleuchtung der Burg mitzumachen. Majestätisch ragte dieses deutsche Wahrzeichen in hellem Feuerschein empor, mahnend und warnend zugleich. »Deutschland, Deutschland über alles«, so sangen Hunderttausende in die Nacht hinein. Sie schickten ihren Treuschwur zum Himmel in der festen Hoffnung, daß unser guter alter Gott uns bald aus dem Sklavenjoch befreien möge! Still und ernst schritt ich durch die engen Gassen der alten, schönen Stadt nach meinem Heim. Gedanken und Vorsätze stürmten auf mich ein, gern wollte ich in der kühlen Abendluft allein mit meinen Gedanken sein, als mich eine Hand auf die Schulter klopfte. Es war ein schlesischer Landsmann, der wie ich eigens nach Nürnberg gereist war, um sich an Großem und Hehrem wieder aufzurichten. Erleben muß man es, sagte er, und dann, als wenn er meine geheimsten Gedanken erraten hätte, sagte er nachdenklich : »Wenn werden wir bei uns in Preußen so weit sein?« Wir drückten uns stumm die Hände. Es war der stille Schwur zur Arbeit fürs Vaterland! Ehe wir uns trennten, erzählte er mir noch eine selbsterlebte Begebenheit von der Feier der »Reichsflagge« im Kulturverein Nürnberg. Dort überreichte der Vorsitzende des Kulturvereins dem General Ludendorff im Namen der Bevölkerung Nürnbergs einen herrlichen Blumenstrauß mit der Versicherung, daß man die Nichtbeflaggung der städtischen Gebäude anläßlich des Deutschen Tages niemals vergessen werde. Auch die Umbenennung des Hindenburg-Platzes in Rathenau-Platz werde unvergessen bleiben.

Montag, den 3. September.

Früh 9 Uhr wanderte ich durch die Straßen Nürnbergs, Feiertagsstimmung und Begeisterung überall. Deutsche Männer, Frauen und Jünglinge drücken sich die Hände und sprechen: »Es war ein großer, deutscher Tag, die Wirkung bleibt nicht aus. Es wird und muß bald Frühling im deutschen Vaterlande werden!«

Kurzum, eine ganze deutsche Welt oder als deren Ersatz das traute deutsche Wort: die Mentalität. Hindenburg dürfte immerhin wissen, daß sein Motto: Nichtswürdig u. s. w. von Schiller ist. (Ich hatte noch in Aug und Ohr die wirklich nationaufwirbelnde Kopie des noch immer nicht nach Nürnberg berufenen Herrn Reimers, mit der mich ein Berliner Schauspieler hingerissen hatte: Nöchtswördich ist – an ihre Ehra! In diesem Abgang schienen hundert benagelte Hindenburge durchzubrechen.) Was Ludendorff anbelangt, so dürfte er, wenn man ihn schüttelt, auf die Frage, ob er mit einem der neun Worte: »Vorwärts in Gottvertrauen zum Kampf für unsere heiligsten Güter!« eine konkrete Vorstellung verbindet, keine Antwort geben können. Der einzige Hitler mag in dem Vorschlag, dem anderen das Gesetz der Vaterlandsliebe aufzuzwingen, etwas Gegenständiges empfinden und wissen, wie man es anstellt. Er meint natürlich den Gummiknüttel, mit dem einem die Vaterlandsliebe beizubringen ist und der die einzige deutsche Realität bedeutet, welche die zum Befreiungskampf entschlossenen Mannen, und zwar sowohl die Jung- als die Altmannen, vor sich sehen. In dieser romantischen Welt, die heute selbst ohne Technik, ohne Reparationszahlungen, bloß mit Maul und Überschwung es mit den feindlichen Fliegergeschossen aufnehmen will, ist er Waffe und Wirklichkeit. Um diese Sphäre kreisten die geheimsten Gedanken des Schweidnitzers, die auf ihn eingestürmt waren, mit denen er hierauf in der kühlen Abendluft allein sein wollte und die von dem gleichgestimmten Landsmann erraten wurden.


 << zurück weiter >>