Karl Kraus
Glossen bis 1924
Karl Kraus

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Moissi

Es dürfte wohl selten vorkommen, daß eine Sopranistin sich öffentlich ein Urteil in geistigen Angelegenheiten herausnimmt. Sie bescheidet sich in der Regel damit, von Mussolini empfangen zu werden und ihm ein Blümchen zu reichen. Dies wird dann dem Interviewer erzählt und nichts anderes. Herr Moissi hingegen teilt durch einen solchen mit, daß es die Aufgabe des Schauspielers sei, »bleibende Wahrheiten, die er als solche erkannt, von der Bühne her ins Publikum zu sprechen«. Oder was beißt mich da; gute Rollen werden's auch tun. »Die moderne Literatur, die von Wedekind abstamme, habe ihn nicht erwärmen können.« Jenen schätze er nicht sehr.

Diese Überschätzung Wedekinds sei aber auch nur in Deutschland zu beobachten: in Italien sowohl als auch in Frankreich lachen die Leute über ihn. Moissi hat die humoristische Wirkung des »Erdgeist« bei einer Vorlesung in Paris (1913) und einer Aufführung in Genua (1922) selbst erlebt.

Kein Wunder, und wenn Wedekind, der keine Moissi-Rolle hat, in Deutschland von italienischen Tenoren gespielt würde, würden die Leute auch lachen, was sie ja mit der Zeit auch vor Dichtern, die Herr Moissi schätzt und spielt, lernen werden. Vorläufig nehmen sie noch Andachtsübungen vor.

»Der einzige Dichter, den ich heute sehe, ist Richard Beer-Hofmann. Da ringt einer mit seinem Gott, und sein Werk wird aus Marterqual geboren ... Der andere Österreicher, der mir etwas gab, ist Hofmannsthal, der Dichter des ›Jedermann‹.«

Der ringt bekanntlich auch mit seinem Gott, aber in allen diesen Fällen ist es eine partie remis. Und was ist's mit Werfel, mit dem Herr Moissi doch Manifeste unterfertigt hat? Und Ehrenstein ist ein Hund? mecht' ma sprechen. Da ist keine Marterqual? Da wird vielleicht nicht mit Gott gerungen? gehadert, daß die Fetzen fliegen? Und hier schieden die Gegner sogar unversöhnt! Was aber Moissi anlangt, so beherzige er das Wort: Singe, Künstler, rede nicht. Nur keine Urteile über Literatur! Ob Herr Moissi Shakespeare, Tolstoi oder Beer-Hofmann spielt, das ist gespielt wie gesungen; denn immer ist es die Traviata. Wenn's auf mich ankäme, ich wäre sogar bereit, als Zwirn im Lumpazivagabundus aufzutreten, wenn Herr Moissi fürs Quodlibet sich zur Kamilla Palpiti entschließt, jener, die questo Mopperl verloren hat und von der es heißt:

Welch ein Reiz in ihren Tönen,
Tränen selbst sie noch verschönen,
Neu entflammt der Liebe Glut

und auf dem Höhepunkt würde ich von Herzen mit der Schere die Koloratur abschneiden, denn

Ch' esprimere non so non so
Non so non so non so non so non so.


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