Rudyard Kipling und Wolcott Balestier
Naulahka, das Staatsglück
Rudyard Kipling und Wolcott Balestier

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Zweiter Band.

Dreizehntes Kapitel.

Eine halbe Stunde später verzehrten Tarvin und Fibby einträchtiglich ihr Frühstück in dem sonndurchspähten Schatten des Buschwerks am Fuße der Mauer. Das Pferd vergrub die Nase in seinen Futtersack und sagte gar nichts, und der Mann verhielt sich nicht weniger schweigsam. Zwei- oder dreimal sprang er auf, betrachtete prüfend die unregelmäßigen Linien von Mauer und Wall und schüttelte den Kopf. Nein, er hatte keine Lust, dorthin zurückzukehren. Als die Sonne heißer und heißer zu brennen anfing, suchte er sich einen geeigneten Ruheplatz in einem Kreis von Dornbüschen, schob sich den Sattel unter den Kopf und legte sich zum Schlafen nieder. Fibby fand das Beispiel seines Herrn durchaus nachahmenswert und wälzte sich wohlig im Gras. So pflegten die beiden der Ruhe, während die Luft vor Hitze brodelte und vom Summen der Insekten schwirrte, und die werdenden Ziegen mit tapp tapp kletterten oder durch die Wasserrinnen platschten.

Der Schatten vom Turm des Ruhmes wuchs, er fiel über die Mauer hinüber und streckte sich lang hinaus ins flache Land, die Weihen senkten sich paarweise oder zu dreien aus der Höhe herab, nackte Kinder, die einander mit schallender Stimme anriefen, sammelten die zerstreuten Ziegen, um sie heimzutreiben in die rauchigen Hütten der nahen Dörfer, und nun erst schickte sich Tarvin zur Heimreise an.

Als er die Anhöhe gegenüber der Stadt wieder erreicht hatte, hielt er Fibby an, um einen letzten Blick auf Gunnaur zu werfen. Die Sonne hatte sich schon von den Mauern verabschiedet, die nun pechschwarz aus der dunstbedeckten Ebene und dem bläulichen Zwielicht in die Luft aufragten. Aus einem Dutzend Höhlen rings am Fuß des Bollwerks zwinkerten Hirtenfeuer auf, aber längs der Umfassung des trostlosen Orts schimmerte kein Licht.

»Ein trübseliges Nest, Fibby,« sagte Tarvin, die Zügel aufnehmend. »Wir halten nicht viel von unsrer Landpartie und werden in Rhatore nicht darüber reden, merk' dir das, mein Sohn!«

Er trieb das Pferd an und Fibby jagte heimwärts, daß die Funken stoben; er hatte es so eilig, daß er unterwegs nur ein einziges Mal eine Stärkung verlangte. Tarvin that auf dem langen, langen Ritt den Mund nicht mehr auf, aber als er im hellen Morgensonnenschein vor dem Rasthaus abstieg, entrang sich ein tiefer Atemzug der Erleichterung seiner Brust.

Als er dann in seinem Zimmer saß, bereute er es zwar tief, sich nicht in Gunnaur eine Fackel zurechtgemacht und das unterirdische Gewölbe genauer untersucht zu haben, aber sobald ihm die grünen Augen und der Moschusgeruch in Erinnerung kamen, schauderte ihn. Das Ding war unausführbar. Nie wieder, mochte ihn locken, was da wollte, würde er, solang er im gesegneten Licht der Sonne wandelte, einen Fuß in die Höhle des Kuhmauls setzen, so fremd seiner Natur die Furcht war.

Es war sein Stolz, in allen Stücken immer zu wissen, wann er genug hatte. Vom Kuhmaul hatte er genug gehabt, und das Einzige, wonach ihn in Beziehung darauf noch gelüstete, war, dem Maharadscha die Meinung darüber zu sagen. Daran war aber unglücklicherweise gar nicht zu denken. Der müßige Monarch, der ihn, wie er nun deutlich sah, dorthin gewiesen hatte, entweder in einer Anwandlung despotischer Sport- und Spottlust, oder um ihn von der richtigen Fährte des Halsbands abzulenken, war und blieb ja der einzige Mensch, von dessen Wohlwollen der endliche Sieg abhing. Dem Maharadscha zu sagen, was er von ihm dachte, wäre ein Genuß gewesen, den er sich leider versagen mußte.

Glücklicherweise fand der König zu viel Spaß an den Arbeiten am Ametfluß, die Tarvin gleich am nächsten Tag einleitete, um sich eingehend zu erkundigen, ob sein Freund das Naulahka im Gye-Mukh gesucht habe oder nicht. Am Morgen nach seiner Rückkehr von dem unheimlichsten Fleck Erde, den er je gesehen hatte, war Tarvin vor dem Maharadscha erschienen mit der Miene eines Mannes, der nicht ahnt, was Furcht ist, und nie eine Enttäuschung erfahren hat, und hatte ihn fröhlich an die Erfüllung seines Versprechens gemahnt. Nach dem bedeutenden Mißerfolg in einer Richtung, fühlte er das Bedürfnis, auf der Stelle den ersten Spatenstich an einem neuen Werk zu thun, gerade wie die Bewohner von Topaz am Morgen nach dem großen Brand zu bauen angefangen hatten. Seine Erlebnisse am Gye-Mukh stählten nur seine Entschlossenheit und gesellten ihr das ingrimmige Verlangen bei, mit dem Mann, der ihn hingeschickt hatte, Abrechnung zu halten.

Der Maharadscha, der an diesem Morgen ganz besonders zerstreuungsbedürftig war, zeigte sich voll Eifers, Wort zu halten, und erteilte Befehl, daß dem langen Engländer, mit dem er Pachisi spiele, so viel Mannschaft zur Verfügung gestellt werden solle, als er verlange. Tarvin stürzte sich in die Ableitung des Flusses und die Erbauung des Damms mit der ganzen Willenskraft der Wut, die aus der Erinnerung an die fraglichsten und ungemütlichsten Augenblicke seines Lebens immer neue Nahrung sog. In dem Land, worein er geraten war, schien es ja nötig zu sein, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, um seine Absichten zu verbergen, und das wollte Tarvin in einem Maßstab besorgen, der dem Abenteuer, das er selbst bestanden hatte, entsprechen würde. Geschäftsmäßig, gründlich, unerbittlich wollte er sie in wahre Wirbelstürme von Sand einhüllen.

Der Anfang seiner Thätigkeit war wirklich verblüffend und in Sandwolken gehüllt. Seit der Gründung dieses Staats hatte man nichts Derartiges zu sehen bekommen in Gokral Sitarun. Der Maharadscha stellte ihm die ganze Arbeitskraft seiner Sträflinge zur Verfügung, und Tarvin ließ die kleine Armee an den Beinen gefesselter »Kaidies« fünf Meilen vor der Stadt ein Feldlager beziehen und entwarf höchst feierlich die Pläne für die zwecklose Stauung des halb eingetrockneten Amet. Seine frühere Ausbildung zum Ingenieur kam ihm jetzt sehr zu statten, denn er war wenigstens imstande, die Arbeiten sachgemäß anzuordnen und seinem Werk den Anschein der Zweckmäßigkeit zu verleihen. Am Ausgangspunkt einer ungeheueren Schleife, die der Fluß beschrieb, sollte das Wasser durch einen Querdamm gestaut und dann ein neues Bett gegraben werden, das in gerader, bedeutend kürzerer Linie an den Weiterlauf anschließen würde. Auf diese Weise war das alte Flußbett auf verschiedene Meilen bloßgelegt, und falls sich überhaupt Gold darin fand, sagte sich Tarvin, könne man sich ja wohl die Zeit nehmen, es herauszuschaffen. Einstweilen fand der König das Unternehmen höchlich unterhaltend, ritt jeden Morgen hinaus und sah eine Stunde oder länger mit an, wie Tarvin seine Mannschaft befehligte. Das Hin- und Hermarschieren der Sträflinge in wohlgeordneten Reihen mit Körben, Schaufeln und Spaten, die Esel mit zwei großen Tragkörben, die verschwenderisch ausgeführten Felssprengungen, das Geschrei und das emsige Gewimmel, das alles ergötzte den König, in dessen Anwesenheit Tarvin auch immer die größten Sprengungen vornehmen ließ. Da der König das Pulver lieferte, überhaupt die Kosten des ganzen Vergnügens trug, fand Tarvin dies nur recht und billig.

Zu den minder angenehmen Obliegenheiten Tarvins gehörte die Notwendigkeit, jeden Tag dem Oberst Nolan, dem König und sogar allen Handlungsreisenden, die im Rasthaus einkehrten, seine Gründe für die Stauung des Flusses auseinanderzusetzen, so oft es eben dem einen oder andern beliebte, danach zu fragen. Ja, sogar die kaiserlich indische Regierung fragte nach diesen Gründen und zwar schriftlich, sie wollte ferner wissen, weshalb Oberst Nolan die Arbeiten am Amet zulasse, und sogar, warum der Maharadscha einen Ingenieur, der nicht von der Regierung angestellt und mit keinerlei Machtbefugnissen versehen sei, den Amet ableiten lasse. Diese Anfrage war von dem Ersuchen um nähere Auskunft begleitet. Tarvin für sein Teil erfand eine so vortrefflich ausweichende und eigentlich nichtssagende Antwort, daß er sich schmunzelnd sagen konnte, eine bessere Vorbereitung für die staatsmännische Laufbahn zu Hause hätte er gar nicht finden können. Der Oberst Nolan gab amtlich bekannt, die Arbeit der Sträflinge würde bezahlt, und fügte vertraulich bei, der Maharadscha sei so erstaunlich fügsam und artig, seit ihm dieser hereingeschneite Amerikaner die Langeweile vertreibe, daß es Sünd' und schade wäre, ihn um sein Vergnügen zu bringen. Oberst Nolan war persönlich stark beeinflußt von dem Umstand, daß Tarvin der Ehrenwerte Nikolas Tarvin und Mitglied eines gesetzgebenden Körpers in den Vereinigten Staaten war.

Die Regierung, der die ununterdrückbare Rasse bekannt genug war, die in Reiterstiefeln in den Rat des Königs tritt und von Arracan bis zum Peschin das Recht zu Oelbohrungen fordert, wandte nichts dagegen ein, wiederholte aber, daß sie von Zeit zu Zeit ausführlichen Bericht über den Fortgang der Arbeiten erwarte. Als Tarvin davon erfuhr, stieg die kaiserlich indische Regierung in seiner Achtung. Er konnte ihr vollständig nachfühlen, daß sie wissen wollte, was vorging, er hätte ja auch so gern wissen mögen, wo sich das Halsband befand, hätte wissen mögen, wann die Zeit kommen würde, wo Käte einsehen mußte, daß sie ihn nötiger hatte, als das Elend der Welt sie!

Mindestens zweimal in der Woche faßte er den Vorsatz, das Naulahka zu lassen, wo es war, nach Topaz zurückzukehren und den Beruf eines Bodenspekulanten und Versicherungsagenten wieder aufzunehmen. So oft er zu diesem Entschluß gelangt war, atmete er erleichtert auf und erinnerte sich mit Befriedigung, daß auf der Erdoberfläche wenigstens ein Ort sei, wo ein Mann ohne Winkelzüge ans Ziel gelangen konnte, vorausgesetzt natürlich, daß er die Ellbogen zu brauchen verstand, wo er auf geradem Wege seinen Ehrgeiz befriedigen konnte und nicht mit Vorliebe um fünf Ecken ging, um an die andre Seite eines Vierecks zu kommen.

Manchmal, wenn er unter den blendenden Strahlen indischer Sonne geduldig in dem Flußbett schmorte, konnte Tarvin im stillen das Naulahka verfluchen, ja in der Ketzerei so weit gehen, daß er sich selbst vorredete, das ganze Halsband sei überhaupt nicht vorhanden, sei eine Mythe, wie des Königs Staatsweisheit und Dhunpat Rajs ärztliche Kunst. Und doch wieder – aus hundert Quellen flossen die Nachrichten über seine Existenz, seinen Wert, nur auf eine offene Frage erhielt man keine Antwort.

Dhunpat Raj besonders, der einmal die Schwäche gehabt hatte, bei Tarvin über der neuen Doktordame »übertriebenen Eifer und ganz verschwenderische Verwaltung« zu klagen, hatte ihm mit seiner Beschreibung des Halsbands den Mund wässerig gemacht. Aber gesehen hatte es auch Dhunpat Raj nur einmal, und das war vor fünfzehn Jahren gewesen bei der Krönung des jetzigen Maharadscha, seither nicht wieder. Sogar die Sträflinge schwatzten darüber, und wenn sie über das ihnen zugeteilte Essen haderten, hieß es, die Hirse scheine hier so kostbar zu sein wie das Naulahka. Zweimal hatte der Maharadscha Kunwar ruhmredige Reden über alles, was er thun werde, wenn er König sei, mit der vertraulichen Mitteilung geschlossen: »Und das Naulahka werde ich alle Tage auf meinem Turban tragen.«

Als ihn aber der große Freund, dem er seine Zukunftspläne auseinandersetzte, eifrig gefragt hatte, wo es denn sei, das Naulahka, das Staatsglück, hatte er ganz bescheiden geantwortet: »Ja, das weiß ich nicht.«

Das höllische Ding schien ein Wort, ein Begriff, eine Mythe, ein Bild zu sein – alles eher, als das schönste Schmuckstück der Erde. In den Pausen zwischen Sprengungen und Ausgrabungen machte Tarvin immer wieder fruchtlose Versuche, auf seine Spur zu kommen. Er durchforschte die Stadt Bezirk um Bezirk und jeden einzelnen Tempel darin; unter dem Vorwand, archäologische Studien zu treiben, ritt er nach den Außenforts und nach zerstörten Palästen, die, weit von der Stadt, zerstreut in der Wüste lagen. Rastlos besuchte er alle Gruftkammern, wo die Asche der verstorbenen Könige von Gokral Sitarun ruhte. Er sagte sich selbst hundertmal, daß alles Suchen und Fragen umsonst sei, aber er bedurfte des Trosts der Spannung und Erwartung, so oft sie auch getäuscht wurden.

Wenn er mit dem Maharadscha ins Land hinausritt, wußte er seine Ungeduld und Verstimmung zu bekämpfen. Im Palast, den er täglich mindestens einmal besuchte, angeblich, um über die Arbeit am Fluß zu berichten, widmete er sich hingebender als je dem Pachisispiel. Es gefiel dem Maharadscha in diesen Tagen, statt in dem weißen Marmorpavillon des Orangengartens, den er sonst zur Frühlingszeit bevorzugte, im Hof zu sitzen, unmittelbar vor Sitabhais Flügel des roten Palastes, und zum Zeitvertreib abgerichteten Papageien zuzusehen, die kleine Spielzeugkanonen abfeuerten, oder den hitzigen Kämpfen von Wachtelhähnchen, oder große graue Affen in englischen Offiziersuniformen exerzieren zu lassen. Kam der Oberst Nolan, so wurde letztere Kurzweil jäh unterbrochen, und die Affen mußten verschwinden, aber Tarvin durfte auch an diesem Genuß teilnehmen, wenn ihm der Damm Muße dazu ließ. Sein ganzes Wesen bäumte sich auf gegen die erzwungene Unthätigkeit, die Unmöglichkeit, dem Naulahka näher zu rücken, während er diesen kindischen Spielen zusah. Nur daß er den Maharadscha Kunwar bei dieser Gelegenheit fest im Auge behalten konnte, war ein Trost; dabei fand sein Scharfsinn doch einige Verwendung.

Der Maharadscha hatte strengen Befehl erteilt, daß der Prinz allen Anordnungen der Doktordame zu gehorchen habe. Sogar sein schwerfälliger, trüber Blick nahm eine Besserung im Befinden des Kleinen wahr, und Tarvin trug Sorge, daß das Verdienst einzig und allein Käte zugeschrieben wurde. Allein der Knabe, der bisher nie im Leben Befehle erhalten und gehorchen gelernt hatte, fand plötzlich eine koboldmäßige Lust an Widerspruch und Ungehorsam und wandte all seinen Witz daran, samt Gefolge in dem von Sitabhai bewohnten Teil des Palasts herumzutollen. Dort fand er grauhaarige Schmeichler die Fülle, die sich vor ihm erniedrigten und ihm ohne Ende vorleierten, was für ein Herrscher er seiner Zeit sein werde, dort fand er auch hübsche Tänzerinnen, die ihm ihre Lieder vorsangen und ihn im Grund der Seele verderbt haben würden, wenn er nicht zu sehr Kind gewesen wäre für ihre Künste. Außerdem gab es dort Affen und Pfauen und Gaukler, die jeden Tag andre Kunststücke machten, Seiltänzer und ungeheuere Kisten, die aus Kalkutta kamen, und aus denen er sich allerlei Herrlichkeiten auswählen durfte: zierliche Pistolen, mit Elfenbein eingelegt, kleine Säbel in goldener Scheide, die in der Mitte eine Rinne hatte, worin Perlen hin und her liefen, die melodisch klingelten, wenn er den Säbel über seinem Haupte schwang. Daß er in einem Tempel, der ganz aus Elfenbein und Opalen bestand und sich im Innersten des Frauenreichs befand, den Opfertod einer Ziege mit ansehen dürfe, war ein Versprechen, das ihn mit unwiderstehlicher Gewalt fesselte.

Diesen Wonnen gegenüber hatte ihm die ernste, schwermütige Käte, die immer zerstreut war und deren Augen häufig voll Thränen standen, Thränen des Mitleids und der Hilflosigkeit, im Missionshaus nichts zu bieten als die harmlosesten kindlichen Spiele. Der mutmaßliche Thronerbe machte sich gar nichts aus »Froschhüpfen«, das er sogar höchst würdelos fand, »Kämmerchenvermieten« war auch kein sonderlicher Genuß, für seinen Geschmack zu lärmend und unruhig. Vom Tennis wußte er zwar, daß die europäischen Prinzen es mit Vorliebe spielten, aber daß es zur Erziehung eines Radschputen gehöre, vermochte er nicht einzusehen. Mitunter, wenn er gerade sehr müde war – er kam manchmal auffallend erschöpft von einem der verbotenen Ausflüge in Sitabhais Gebiet zurück – konnte er lange stillsitzen und mit Spannung den Geschichten von Krieg, Schlachten und Siegen lauschen, die ihm Käte vorlas, aber wenn er dann am Schluß mit leuchtenden Augen in die Worte ausbrach: »Wenn ich König bin, müssen meine Soldaten alle diese Greuel verrichten,« so war seine Freundin wenig erbaut von der Wirkung ihres Vortrags.

Es lag nicht in Kätes Natur, ja sie würde es für ein Unrecht gehalten haben, leise Versuche religiöser Unterweisung zu unterlassen. Aber dem gegenüber kehrte der Knabe sofort die ganze Unzugänglichkeit des Orientalen heraus und sagte einfach: »Dein Gott ist ganz gut für dich, Käte, aber meine Götter sind gut für mich, und wenn mein Vater wüßte, daß du mir von dem Christengotte erzählst, würde er sehr böse werden.«

»Und was betest du denn an?« fragte Käte, im Grund ihres Herzens den kleinen Heiden bemitleidend.

»Meinen Säbel und mein Roß,« lautete die entschiedene Antwort, und der Maharadscha Kunwar zog den juwelenbesetzten Säbel, der sein unzertrennlicher Begleiter war, halb aus der Scheide, in die er ihn mit einem lauten Knacks zurückschob, der weitere Erörterungen ausschloß.

Der Maharadscha Kunwar mußte indes bald die Entdeckung machen, daß es wohl einigermaßen möglich war, Käte auszuweichen, aber nicht seinem langen Freund Tarvin. Er hatte ihm zu verstehen gegeben, daß die Anrede »Jüngelchen« oder »kleiner Mann« seinem Geschmack nicht besonders zusage, Tarvin hatte aber eine Art, das Wort Prinz mit ruhiger Unterwürfigkeit in die Länge zu ziehen, die dem jungen Radschputen öfter Zweifel aufdrängte, ob er sich nicht über ihn lustig mache. Daneben behandelte ihn aber Tarvin Sahib wieder ganz als Mann und erlaubte ihm, mit der nötigen Vorsicht natürlich, sein eigenes wirkliches »Gewehr« zu handhaben, das zwar kein Gewehr, sondern ein Revolver war. Und als der Prinz einmal den Stallmeister mit Bitten und Schmeicheln dahin gebracht hatte, ihn ein schwer zu behandelndes Reitpferd besteigen zu lassen, hatte Tarvin den Prinzen im Vorüberreiten einfach beim Kragen genommen und aus den Tiefen seines Samtsattels auf seinen eigenen Sattelknopf gesetzt und hatte ihm in einer Wolke von Staub gezeigt, wie der Cowboy seiner Heimat die Zügel auf diese oder jene Seite des Pferdehalses lege, um ihm die Richtung anzugeben, in der ein der Herde entflohener Stier eingeholt werden müsse.

Mit freier Hand von einem Sattel auf den andern gehoben zu werden, war ein Erlebnis, das die auch in einer morgenländischen Knabenseele schlummernde Lust an Zirkuskniffen wachrief und den Prinzen derart ergötzte, daß er sich in den Kopf setzte, das müsse vor Kätes Augen wiederholt werden, und da Tarvin der durchaus unentbehrliche handelnde Teil bei dieser Vorstellung war, lockte er ihn eines Tags vor das Missionshaus. Herr und Frau Estes traten mit Käte auf die Veranda. Der Missionar kargte nicht mit Beifall für dieses Schauspiel, ja er verlangte sogar mehrfache Wiederholungen, und als auch diese erfolgt waren, machte Frau Estes Tarvin den Vorschlag, da er nun doch einmal da sei, auch zu Tisch zu bleiben. Tarvin warf einen fragenden Blick auf Käte, der sich ihre Erlaubnis zur Annahme der Einladung erbitten wollte, und mit jener Logik, die Liebenden geläufig ist, nahm er ihren gesenkten Blick und das abgewandte Gesicht für Zustimmung.

Als man sich nach Tisch im Sternenlicht auf die Veranda setzte und die Gäste eine Weile allein blieben, fragte er: »Ist es dir wirklich unlieb?«

»Was?« fragte sie dagegen, ihm mit klarem, kühlem Blick voll ins Gesicht sehend.

»Daß ich dich mitunter treffe. Ich weiß ja, daß es dir nicht recht ist, aber wie soll ich dich sonst beaufsichtigen? Das wirst du ja mittlerweile einsehen gelernt haben, daß du einige Beaufsichtigung nötig hast.«

»O nein.«

»Ich danke dir,« sagte Tarvin beinah demütig. Er bezog offenbar die Verneinung auf seine erste Frage.

»Ich meine, daß ich keine Beaufsichtigung brauche!«

»Aber sie ist dir auch nicht unangenehm?«

»Jedenfalls ist sie ja gut gemeint,« versetzte sie, die Frage umgehend.

»Dann wäre es unrecht von dir, wenn du sie unangenehm fändest.«

Jetzt war es an Käte, zu lächeln.

»Nein, nein, ich finde sie nicht unangenehm.«

»Dann erlaubst du also, daß ich zuweilen hier vorspreche? Du machst dir keinen Begriff, wie öde solch ein Rasthaus ist, und diese Handlungsreisenden bringen mich noch um. Die Sträflinge am Damm sind auch nicht ganz mein Fall.«

»Da du nun einmal hier bist, sehe ich das ja ein, die Sache ist nur, daß du nicht hier sein solltest. Wenn du mir wirklich Güte erzeigen willst, Nick, so reise ab!«

»Wenn du mir nur eine leichtere Aufgabe stellen wolltest!«

»Aber sage mir nur, weshalb du hier bist. Du kannst wirklich keinen verständigen Grund dafür vorbringen.«

»Das findet die kaiserlich indische Regierung auch, aber mir genügen meine Gründe vollkommen.«

Tarvin gestand aber, daß er nach einem Tag in dieser tollen heidnischen Sonne oft eine brennende Sehnsucht nach etwas Heimatlichem, Natürlichem, Amerikanischem verspüre, und sobald er seine Gefühle in dieses Licht rückte, war Käte voll Verständnis und Teilnahme. Sie war mit dem Begriff aufgewachsen, daß Frauen eine Verantwortlichkeit dafür hätten, jungen Männern das Haus behaglich zu machen, und Tarvin fühlte sich mehr als behaglich, als sie ihm ein paar Abende darauf eine Nummer der Topazer Zeitung geben konnte, die ihr der Vater geschickt hatte. Tarvin fuhr darauf los wie ein Stoßvogel, kehrte die ärmlichen zwei Blatt um und um und dann in umgekehrter Richtung.

»Famos, famos!« murmelte er in seliger Verzückung, mit der Zunge schnalzend. »Nimmt sich der Anzeigenteil nicht sehr anständig aus? Nun, und wie steht's mit Topaz?« rief er, das Blatt auf Armeslänge von sich haltend und die Spalten mit Liebesblicken überfliegend. »Scheint, die Stadt befindet sich wohl, geht ihr vortrefflich!«

Es klang wie das melodische Liebeswerben irgend eines Vogels, wenn er solche Worte sprach, und war wirklich vergnüglich anzuhören.

»Sag' einmal, wir kommen voran, meinst du nicht? Wenn wir auch die C. C. C. noch nicht haben, so vertrödeln und verbummeln und vergeuden wir unsre Zeit drum nicht, nein, nein, wir marschieren flott mit im Zug! Haha! Sieh dir doch einmal das ›Vermischte aus Rustler‹ an, just was der Setzer in einen Winkelhaken bringt! Die gute alte wurmstichige Stadt legt sich friedlich aufs Ohr und schläft ein wie eine Greisin – nein, die Idee, dorthin eine neue Eisenbahnlinie zu führen! Nun, hör' einmal dies: ›Milo C. Lambert, der Eigentümer der Mine »Lamberts letzter Graben« hat eine Wagenladung guten Erzes daliegen, findet aber, wie wir alle, daß der Versand nicht lohnt, wenn die nächste Eisenbahnlinie fünfzehn Meilen weit entfernt sei. Milo sagt, sobald er sein Erz fortgeschafft habe, werde er Colorado verlassen, denn hier sei nichts zu machen!‹

»Ganz richtig, Milo, was Rustler betrifft – komm nach Topaz, Mann, sag' ich dir – und nun höre dies: ›Wenn die C. C. C. im Herbst hierher kommt, so wird das Gerede über schlechte Zeiten ein Ende haben. Mittlerweile begeht man eine große Ungerechtigkeit gegen die Stadt, eine Ungerechtigkeit, die alle guten Bürger bekämpfen und bestrafen sollten, wenn man behauptet, daß Rustler hinter irgend einer Stadt gleichen Alters zurückstehe. Thatsächlich steht Rustler geradezu auf einem Höhepunkt gedeihlicher Entwickelung. Mit Bergwerken, die im letzten Jahr ein auf eine Million zweihunderttausend Dollars geschätztes Ergebnis lieferten, mit sechs Kirchen verschiedener Bekenntnisse, mit einer noch jungen, aber vielversprechenden, in der Zunahme begriffenen Akademie, die bestimmt ist, dereinst in die vorderste Reihe amerikanischer Schulen zu treten, mit einer Bauthätigkeit, die nach Zahl und Bedeutung der im Vorjahr errichteten Gebäude der jeder andern Bergstadt gleichkommt und viele übertrifft, mit einer Bevölkerung rühriger, tüchtiger, entschlossener Geschäftsleute, kann Rustler im kommenden Jahr jeden Wettbewerb aufnehmen, um seinem Namen Ehre zu machen!‹

»Wer hat denn etwas dagegen? Wir doch nicht, uns kann's ja einerlei sein, wir zucken nur die Achseln! Aber Heckler hätte das nicht in seine Korrespondenz aufnehmen sollen, dumm von ihm,« erklärte Tarvin mit gefurchter Stirne. »Es könnte doch in Topaz Leute geben, die darauf reinfallen und sich nach Rustler verziehen, um die C. C. C. dort abzuwarten! Im Herbst kommt sie hin, hieß es nicht so? O Gott, O Gott, O Gott! Auf diese Weise vergnügen sich die Leute, sitzen auf ihrem Berg, lassen die Füße baumeln und legen die Hände in den Schoß! Nun, wenn's ihnen Spaß macht, können sie ja auf die C. C. C. warten bis zum jüngsten Tag! Doch was steht denn da?

»›Unsre Kaufleute zeigen sich der freudigen Stimmung durchaus gewachsen, die in der Stadt herrscht, seit bekannt wurde, daß Präsident Mutrie bei seiner Rückkehr nach Denver ein günstiges Urteil über Rustlers Ansprüche gefällt hat. Robbins zeigt eine sehr hübsch aufgebaute Auslage von Luxusartikeln. Sein Geschäft scheint große Anziehungskraft zu üben auf unsere Jüngsten, die ein paar Nickel ausgeben können!‹

»Da hört sich doch alles auf! Solch ein Mumpitz! Sag' einmal, liebe Käte, würdest du dich nicht freuen, wenn die C. C. C. eines schönen Morgens angeschnaubt käme in Topaz?« fragte Tarvin plötzlich, indem er sich zu Käte aufs Sofa setzte und die Zeitung so hielt, daß sie mit hineinsehen konnte.

»Würde es dir große Freude machen, Nick?«

»Mir? Und ob! Ist das eine Frage!«

»Dann würde ich mich natürlich auch freuen! Aber ich glaube, daß es für dich zuträglicher wäre, sie käme nicht hin. Du könntest zu reich werden – denk' an meinen Vater!«

»Ich werde schon den Radschuh einlegen, wenn ich merke, daß ich zu reich würde! Sobald ich über das Stadium anständiger Armut hinaus bin, werde ich Halt machen, das verspreche ich dir! Thut's einem nicht in der Seele wohl, wieder einmal den alten Zeitungskopf zu sehen – Hecklers Name in lebensgroßen Buchstaben unter dem Untertitel: ›Aelteste Tageszeitung des Distrikts‹ und Hecklers Faust ausgestreckt über einem zündenden Leitartikel über das Wachstum und die Aussichten der Stadt? Meint man nicht, daheim zu sein? Zwei Spalten mehr hat er im Anzeigenteil, das beweist den Aufschwung der Geschäfte! Und sieh dir nur die lieben, alten Annoncen der Agenturen vom Osten an! Wie einen die anheimeln! Hätt' ich wirklich nicht gedacht, daß mich eine Anpreisung von Kastorhüten je berühren könnte wie ein Geschenk des Himmels – hättest du das für möglich gehalten, Käte? Und doch ist's so! Macht mich ordentlich fromm und gut. Wenn du viel sagst, lese ich auch noch die innere Seite!«

Käte lächelte. Auch in ihr rief das Zeitungsblatt ein gewisses Heimweh hervor. Sie hatte auch ein Herz für Topaz, aber was aus den Zeilen des geschäftigen Tageblatts vor ihrem inneren Auge aufstieg, war das Bild ihrer Mutter, die lange Nachmittage in ihrer Küche saß – Frau Sheriff hatte in den Zeiten der Armut und des Wanderlebens keinen »Salon« gehabt und bevorzugte auch jetzt noch den Aufenthalt in ihrer Küche – und wehmütig zu den schneegekrönten Berggipfeln aufsah, die bange Frage im Herzen, wie es ihrem Kinde wohl gehen, was es um diese Stunde thun möge. Wie deutlich diese Nachmittagsstunden in der Küche nach gethaner Arbeit vor Käte standen! Aus den Zeiten des Eisenbahnbaus war ihr besonders ein Schaukelstuhl erinnerlich, der einst bessere Tage gesehen und im Salon geglänzt hatte. Die Mutter hatte seine Schäden mit einem alten Fell verhüllt und ihn dem Küchendienst zugewiesen. Mit Thränen in den Augen erinnerte sie sich, wie oft die Mutter gewollt hatte, daß sie drin sitze, und wie gemütlich es gewesen war, von ihrem eigenen Sitz, dem Holzkorb neben dem Herd aus, die kleine Gestalt der Mutter ganz in seinen Tiefen verschwinden zu sehen. Sie hörte die Katze schnurren unter dem Herd und den Wasserkessel singen, ganz deutlich hörte sie wieder die Uhr ticken und fühlte, wie ihr zwischen den schlecht gefügten Brettern des Fußbodens in der eilig erbauten Baracke der kalte Prairiewind um die Beine strich.

Ueber Tarvins Schulter blickte sie auf die zwei rohen Holzschnitte, die jede Nummer des Tageblattes schmückten. Der eine stellte Topaz im Keim, das Topaz des ersten Jahrs seiner Entstehung dar, der andre das glänzende Topaz der Gegenwart, und ihr wurde sehr weh ums Herz.

»Ein Unterschied, nicht?« bemerkte Tarvin, die Richtung ihres Blickes beobachtend. »Erinnerst du dich noch, wo deines Vaters Zelt zu stehen pflegte, und kannst du dir noch denken, wo das alte Sektionshaus stand, da unten ganz dicht am Fluß?«

Er deutete auf das Bildchen, und Käte nickte stumm.

»Das waren eigentlich doch schöne Zeiten damals, meinst du nicht, Käte? Dein Vater war freilich noch kein reicher Mann wie jetzt und ich noch viel weniger, aber seelenvergnügt waren wir doch alle miteinander!«

Auch Kätes Gedanken schweiften in jene Zeit zurück, und die schmächtige Gestalt der Mutter stand wieder vor ihr; sie sah sie nicht nur im Schaukelstuhl ruhen, sondern mit harter Arbeit mancherlei Art beschäftigt. Besonders sah sie eine eigenartige Bewegung greifbar deutlich vor sich; wenn die Mutter am offenen Herdfeuer gekocht oder Krapfen gebacken oder auch die Glut geschürt hatte, war so häufig eine Hand nach der Stirne gefahren, um das junge und von Mühsal doch schon gealterte Gesicht vor der Glut zu schützen. Käte mußte ihre Thränen hinunterwürgen; das einfache Bildchen stand so fabelhaft klar vor ihr bis auf den Feuerschein auf den schmalen Wangen der Mutter und dem rosigen Licht, das durch die dünnen Finger schimmerte.

»Hallo!« rief Tarvin, der sich abermals in die interessante Zeitung vertieft hatte. »Sie haben ja noch ein Gespann anschaffen müssen für die Straßenreinigung! Eins hatten wir ja schon. Das Wetter vergißt Heckler auch nicht, und das ›Mesahaus‹ scheint Gäste genug zu haben, eine ganze Liste. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn die neue Linie da ist und wir das richtige Hotel haben, werden sich alle Reisenden in Topaz aufhalten, im Vergleich mit mancher Stadt kann sich ja unser ›Fremdenverkehr‹ jetzt schon sehen lassen! Zu fünfzig haben sie neulich im Mesahaus gespeist – telegraphische Bestellung. Und eine neue Gesellschaft hat sich gebildet zur Verwertung der heißen Quellen! Weißt du, mich würde es gar nicht wunder nehmen, wenn dort eine vollständige zweite Stadt entstünde – Heckler hat ganz recht, das wäre eher förderlich als schädlich für Topaz! Stört uns gar nicht, wenn in solcher Nähe eine entsteht – die wird bald genug zur Vorstadt von Topaz werden.«

Tarvin gab seiner Dankbarkeit für die Zugeständnisse, die ihm Käte gemacht hatte, dadurch Ausdruck, daß er zeitig ging, aber am folgenden Abend legte er sich ein weniger strenges Zeitmaß auf, und da er nicht Miene machte, verbotene Gesprächsgebiete zu berühren, fand es Käte recht angenehm, ihn da zu haben. Er gewöhnte sich infolgedessen an, des Abends, wenn die Familie bei weitoffenen Fenstern und Thüren um die Lampe saß, vorzusprechen und eine gute Weile mitzuplaudern. In der Glückseligkeit über thatsächliche Ergebnisse ihrer Arbeit, die sie allmählich unter ihren Augen entstehen und wachsen sehen durfte, hatte Käte lange nicht mehr soviel gegen seine Anwesenheit in Rhatore einzuwenden als anfangs. Mitunter ließ sie sich auch von ihm auf die Veranda hinauslocken, in die Pracht und Herrlichkeit einer indischen Nacht, wo die »Hitzblitze« gleich feurigen Schwertern am Horizont aufzuckten, das Firmament tief herabhing auf die in wundersamem Schweigen ruhende Erde. Meist aber saßen sie drinnen bei dem Missionar und seiner Frau, plauderten über Topaz, das Spital in Rhatore, den Maharadscha Kunwar, Tarvins Damm und nicht selten über die Kinder des Ehepaars im fernen Bangor. Meist aber drehte sich das Gespräch, wenn es allgemein wurde, zu Tarvins Mißvergnügen um den kleinlichen Klatsch, der in jedem abgeschlossenen Lebenskreis so wichtig genommen wird.

So oft derartige Dinge aufs Tapet kommen wollten, riß Tarvin gewaltsam das Gespräch an sich und zwang den Missionar, auf Zollgesetze, Silberwährung und andres einzugehen, wobei wenigstens jeder etwas lernen konnte. Tarvin war ein durch ernstes Zeitungslesen vielseitig unterrichteter Mann, die Grundlagen seiner Bildung aber hatten ihm das Leben selbst und die Notwendigkeit, sich den eigenen Weg zu bahnen, beigebracht, und theoretischer Zeitungspolitik wie den Schulsystemen gegenüber brauchte er die haarige Faust des gesunden Menschenverstands.

Müßiges Streiten und leere Wortklaubereien waren indes nicht seine Sache, und am liebsten unterhielt er sich, wenn es sein konnte, mit Käte. Seit sich einige Erfolge feststellen ließen und ihr Mut wuchs, bildete das Spital den Hauptgegenstand der Unterhaltung zwischen den beiden, und Käte gab endlich Tarvins dringender Bitte nach, ihm das Musterinstitut zu zeigen, daß er sich selbst von der Vortrefflichkeit ihrer Neuerungen überzeugen könne.

Seit den Tagen des »unheilbaren Wahnsinns« und der Herrschaft der »in ihrem Dorf hoch geschätzten klugen Frau« hatte sich in der That vieles geändert, doch Käte allein wußte, wieviel noch zu thun übrig war. Jetzt war das Spital wenigstens sauber und die üblen Gerüche waren beseitigt, vorausgesetzt natürlich, daß sie jeden Tag selbst nachsah, und die Kranken waren auf ihre Weise auch dankbar für eine gütigere und zweckmäßigere Behandlung, als sie ihnen je widerfahren war. Nach jeder gelungenen Heilung liefen Gerüchte durchs Land von einer neuen Macht, die in Gokral Sitarun eingezogen sei, und andre Hilfsbedürftige rückten an oder auch eine Geheilte brachte selbst ein Kind, eine Schwester, eine Mutter her, die schon den unverbrüchlichen Glauben an die »weiße Fee«, die alle Schäden heilen konnte, übernommen hatten. Sie konnten ja nicht einmal beurteilen, wieviel Käte mit ihren ruhigen Bewegungen wirklich für sie leistete, aber was sie davon wahrnahmen, dafür waren sie dankbar. Ihre unverbrauchte Thatkraft riß sogar Dhunpat Raj einigermaßen mit sich fort. Er wurde ganz eifrig im Tünchenlassen der Wände, dem Desinfizieren der Räume, dem zweckmäßigen Lüften des Bettzeugs und ließ sogar willig die Betten, worin Blatternkranke gestorben waren, deren Verkauf ihm sonst Nebeneinkünfte geliefert hatte, den Flammen übergeben. Seit er inne geworden war, daß hinter dieser »Doktordame« ein sehr entschlossener weißer Mann stand, arbeitete er entschieden noch williger in ihrem Sinn – er war eben ein Eingeborener. Tarvins Besuch und ein paar scherzhaft hingeworfene Worte, hinter denen er den Ernst witterte, hatten ihn über diesen Umstand aufgeklärt.

Vom Dialekt der Kranken verstand Tarvin wenig, und die Frauenabteilung zu besuchen, wurde ihm nicht gestattet, aber er sah doch genug, um Käte uneingeschränktes Lob spenden zu können, das diese vergnügt lächelnd einstrich. Frau Estes nahm ja wohl Anteil an ihren Bestrebungen, aber Begeisterung hatte sie nicht dafür, und so war es ihr eine wirkliche Genugthuung, von Tarvin gelobt zu werden, der ihren Plan selbst so sehr mißbilligt hatte.

»Es ist sauber hier und die Luft ist rein, kleines Mädchen,« erklärte er, nachdem er sich umgesehen und herumgeschnüffelt hatte, »und du hast mit diesen Quallenmenschen wahre Wunder vollbracht. Wenn du mein Gegner bei der Wahl gewesen wärest, statt deines Vaters, so wäre ich jetzt kein Gesetzgeber!«

Von jenem Teil ihrer Thätigkeit, der im Frauenpalast des Maharadscha lag, sprach Käte nie ein Wort. Schritt für Schritt lernte sie sich in dem ihr zugänglichen Teil des Palastes zurechtfinden. Daß im ganzen Bienenstock nur eine Königin herrschte, deren Namen man nur flüsternd nannte, deren leisester Befehl, und wenn ihn ein nur schreiendes Kind weiter trug, den ganzen Schwarm in Bewegung setzte, hatte sie bald entdeckt. Gesehen hatte sie diese Königin nur ein einziges Mal, glitzernd und gleißend, wie ein Skarabäus, hatte sie auf einem Berg von seidenen Kissen geruht, ein schwarzhaariges, geschmeidiges, junges Ding mit einer Stimme, so sanft wie das Gemurmel des Springbrunnens in stiller Nacht, und mit Augen, die auch nicht den Schatten der Furcht kannten. Sie drehte sich lässig um, wobei ihre Juwelen an Fußgelenk, Arm und Brust leise klirrten, und blickte lange, lange in Kätes Gesicht.

»Ich habe nach Ihnen geschickt, weil ich Sie sehen wollte,« sagte sie endlich. »Sie sind übers Meer gekommen, um dem Ungeziefer hier Hilfe zu bringen?«

Käte nickte stumm; ihre innerste Natur empörte sich gegen das goldstrotzende Geschöpf mit der Silberstimme, das vor ihren Füßen lag.

»Verheiratet sind Sie nicht?« fragte die Königin, beide Hände unter ihren Kopf schiebend und zu den gemalten Pfauen an der Zimmerdecke hinauf starrend.

Käte gab keine Antwort; das Blut pochte wild in ihren Schläfen.

»Ist hier jemand krank?« fragte sie dann mit harter Stimme. »Ich bin sehr beschäftigt . . .«

»Nein, krank ist hier niemand, wenn Sie es nicht sind . . . man kann auch krank sein, ohne es zu wissen.«

Die Königin wandte das Haupt, um Käte anzusehen, deren Augen vor Entrüstung flammten. Dieses Weib, das in Müßiggang und Putzsucht vor ihr lag, hatte nach des Maharadscha Kunwar Leben getrachtet, und Grauen schüttelte sie vor dieser Jugend – Sitabhai war jünger als sie selbst.

»Achcha,« sagte die Königin noch langsamer, ohne den Blick von Käte zu verwenden. »Wenn Sie mich so hassen, weshalb sagen Sie mir's nicht? Ihr Weißen, ihr liebt ja die Wahrheit!«

Käte drehte sich auf dem Absatz um und wollte aus dem Zimmer eilen, aber Sitabhai rief sie zurück und würde sie, einer Laune gehorchend, geküßt haben, wenn Käte nicht entsetzt zurückgefahren wäre. Seither vermied sie diesen Flügel des Palastes aufs ängstlichste. Sie wurde auch nie gerufen, denn die Frauen dort begehrten ihrer Dienste nicht, aber wenn sie an dem dunkeln Gang, der zu Sitabhais Gemächern führte, vorüber mußte, sah sie nicht einmal, sondern öfters ein nacktes Knäblein umherhüpfen, das jubelnd ein juwelenbesetztes Messer in den enthaupteten Rumpf einer Ziege stieß, deren Blut die weißen Marmorfliesen überströmte.

»Das,« sagten ihr die Frauen, »ist der Zigeunerin Sohn. Er lernt töten, Tag für Tag. Eine Schlange ist eine Schlange und eine Zigeunerin bleibt eine Zigeunerin bis zu ihrem letzten Atemzug.«

In dem Teil des Palastes, wo Käte am ehesten heimisch war, wurden keine Ziegen geschlachtet und keine Cymbeln gerührt. Hier lebte, vergessen vom Maharadscha, verspottet von Sitabhais Frauen, die Mutter des Maharadscha Kunwar. Sitabhai hatte ihr alle Ehren und alle Liebe geraubt, durch teuflische Zigeunerkünste sagten die Anhänger der Königin Mutter, durch ihre Schönheit und Liebesgewalt sang man im jenseitigen Teil des Palastes. Wo sich sonst ein glänzender Hofstaat von Frauen gedrängt hatte, wandelte man jetzt durch leere, verödete Räume, und die wenigen Getreuen, die bei der gefallenen Größe ausharrten, wurden scheel angesehen und wenig beachtet. Sie selbst war nach morgenländischen Begriffen eine ältliche Frau, das heißt über fünfundzwanzig Jahre alt und war auch nie mehr als alltäglich hübsch gewesen.

Ihre Augen waren trüb geworden vom Weinen, und ihre Seele war erfüllt von abergläubischer Angst – jede Stunde des Tages und der Nacht hatte für sie ihre besonderen Schrecken und in ihrer Vereinsamung konnte sie der Schall eines Fußtritts erbeben machen. In den Jahren ihres Glücks hatte sie sich täglich mit Wohlgerüchen gesalbt, all ihre Juwelen angelegt und mit künstlich geflochtenen Haaren den Maharadscha erwartet. Auch jetzt noch schmückte sie sich wie einst, ließ sich ihre Kleinodien umhängen und wartete, von ihrem ehrfurchtsvoll schweigenden Hofstaat umgeben, auf den königlichen Gatten, wartete die ganze lange Nacht hindurch, bis das Morgenlicht die Fahlheit unter der Schminke verriet. Käte hatte eine dieser Nachtwachen miterlebt, und ihre Augen mochten verraten haben, wie unbegreiflich ihr die Sache vorkam, denn die Königin Mutter winkte sie, nachdem sie ihren Schmuck wieder abgelegt hatte, schüchtern herbei und bat sie, nicht zu spotten.

»Sie verstehen das eben nicht, Fräulein Käte,« verteidigte sie sich mit kläglicher Stimme. »In einem Land sind die Sitten so, im andern anders, aber Sie sind ja auch ein Weib – Sie werden es noch begreifen lernen!«

»Aber Sie wissen doch, daß niemand kommt,« sagte Käte weich und herzlich.

»Ja, ich weiß es, aber – nein, Sie sind eben doch kein Weib, Sie sind ein guter Geist, der weit übers Meer her gekommen ist, um mir Aermster und den Meinigen zu helfen.«

Käte war überrascht. Außer in der Botschaft, die ihr der Maharadscha Kunwar bestellt hatte, war nie ein Wort über die Lippen der Königin gekommen, das irgend welche Angst um das Leben ihres Sohnes verraten hätte. Wiederholt hatte Käte den Versuch gemacht, das Gespräch darauf zu lenken, um wenigstens eine Andeutung über die Art der Gefahr zu bekommen, der sie vorbeugen sollte – es war immer vergebens gewesen.

»Ich weiß nichts,« pflegte die Königin zu sagen. »Niemand weiß etwas hier, hinter diesem Vorhang. Fräulein Käte, wenn meine eigenen Frauen tot da unten lägen,« – sie deutete durch das grüne Lattenwerk vor ihrem Fenster nach dem gepflasterten Weg, der sich darunter hinzog, – »ich wüßte nichts davon. Auch von dem, was ich gesagt, weiß ich nichts, aber,« setzte sie so leise hinzu, daß Käte sie kaum verstand, »es wird doch kein Unrecht sein, wenn eine Mutter ihren Sohn dem Schutz einer andern Frau befiehlt! Er ist jetzt alt genug, um sich als Mann zu fühlen und der Mutter zu entfremden, und ist noch jung genug, um der Welt zu trauen. Ahi! Und er ist so weise, denn er hat tausendmal mehr gelernt als ich und spricht englisch wie ein Engländer. Wie kann ich mit meinen geringen Kenntnissen und meiner großen Liebe den Sohn beaufsichtigen? Darum sage ich Ihnen, seien Sie gut gegen ihn! Das darf ich ja laut sagen, das dürfte ich an die Wände schreiben, wenn's not thäte. Das ist ja nichts Verdächtiges. Wenn ich aber mehr sagte, so würden die Steinfliesen unter meinen Füßen die Worte aufsaugen, und der Wind würde sie in die Stadt und weit in die Dörfer hinaustragen. Ich bin eine Fremde in diesem Land – eine Radschputin aus Kulu, viele tausend, tausend Meilen von hier. In einer dicht verschlossenen Sänfte trugen sie mich her zur Hochzeit – einen ganzen Monat lang trug man mich und ich saß in der Dunkelheit, und wenn nicht eine von meinen Frauen es mir gesagt hätte, ich wüßte nicht, in welcher Richtung der Wind weht, der in meine Heimat zieht, nach Kulu. Was soll ihnen eine fremde Kuh im Stall? Mögen die Götter ihr beistehen!«

»Aber sagen Sie doch mir, was Sie denken?«

»Ich denke nichts,« hatte die Königin verdrossen erwidert. »Was geht uns Frauen das Denken an? Wir lieben und leiden! Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich sagen darf. Fräulein Käte, Sie werden auch Mutter werden und einen Sohn zur Welt bringen. Wenn die Zeit kommt, werden Sie's erfahren, wie voll von Liebe ein Mutterherz ist, und mögen die Götter gut sein gegen Ihren Sohn, wie Sie es gegen den meinigen waren.«

»Wenn ich ihn behüten soll, muß ich wissen, wovor, und Sie lassen mich im Dunkeln!«

»Ich bin auch im Dunkeln, und das Dunkel ist voll Gefahren.«

* * *

Tarvin hielt sich sehr viel im Palast auf, nicht nur, weil er dort am ehesten Kunde von seinem Halsband erlauschen zu können hoffte, sondern weil er dadurch in der Lage war, Kätes Kommen und Gehen zu beobachten. Oft genug fuhr seine Hand wieder nach dem Revolver, und sein Blick folgte der entschwindenden Gestalt mit aller Sehnsucht des Liebenden, aber er äußerte nichts davon, und dafür war ihm Käte dankbar. Tarvin sagte sich, es sei die Zeit gekommen, einfach wieder ihren Helfer und Wasserträger zu spielen, wie dereinst in der Bauhütte, die Zeit, sie zu behüten und zu bewachen, ohne daß sie seiner inne ward – er fühlte, daß er ihren Frieden nicht stören durfte.

Der Maharadscha Kunwar kam ihm im Palasthof häufig unter die Augen, und Tarvin war unermüdlich, auf Kurzweil zu sinnen, die den Jungen von Sitabhais Bereich fernhalten sollte, aber gelegentlich entschlüpfte er ihm doch, und dann war es an Tarvin, ihm nachzugehen und sich zu überzeugen, daß ihm kein Leides geschah. An einem Nachmittag, wo er alle möglichen Künste und schließlich auch Gewalt angewendet hatte, den widerspenstigen Jungen in seiner Nähe festzuhalten, stürzte, als Tarvin durch einen Thorweg ritt, den man auszubessern angefangen hatte, dicht vor Fibbys Nase ein zwölf Fuß langer Balken von Teakholz vom Gerüst herab. Fibby wich auf den Hinterbeinen in den Hof zurück, und hinter den Holzgittern flüsterten und tuschelten Frauenstimmen.

Tarvin überlegte nur, wie unverbesserlich nachlässig doch die Leute hierzulande seien, wetterte die Arbeiter an, die auf dem Gerüst in der Wölbung des Thorbogens hockten, und ritt seines Weges. Er hatte derlei Fahrlässigkeiten bei den Arbeiten am Fluß auch schon gehörig zu kosten bekommen; es müsse diesem Volk im Blut liegen, nichts sorgfältig zu machen, nahm er an. Der Anführer eines Kulitrupps, der schon mindestens zwanzigmal über den Amet gegangen sein mußte, wies ihm eine neue Furt über einen besonders einladenden Kanal, es fand sich aber, daß sie im Treibsand verlief, und nachdem sich Tarvin selbst glücklich herausgewunden hatte, war der ganze Trupp einen halben Tag damit beschäftigt gewesen, den armen Fibby mit Stricken herauszuwinden. Nicht einmal eine Notbrücke konnten sie aufschlagen, ohne die Planken so zu legen, daß ein Pferdehuf notwendig dazwischen geraten mußte, und die Kulis schienen ein ganz besonderes Talent zu haben, Büffelkarren den steilen Uferwall herabrollen zu lassen, gerade auf Tarvins Rücken zu, wenn dieser den Werkleuten einmal zugekehrt war, was freilich selten geschah.

Er bekam dadurch immer mehr Respekt vor der britischen Regierung, die mit diesem Material zu arbeiten verstand, und mehr Verständnis für die milde Hoffnungslosigkeit, die des Missionars Urteil über die Eingeborenen durchwehte. Auch Kätes Erbarmen konnte er jetzt weit eher mitfühlen als im Anfang.

Diese wunderlichen Leutchen wollten nun, wie Tarvin zu seinem Entsetzen erfuhr, das Maß ihrer Thorheit voll machen, indem sie den Maharadscha Kunwar verheirateten! Die Braut, ein dreijähriges Kind, sollte mit ungeheuren Kosten von den fernen Kuluhügeln hergebracht werden. Auf diese Nachricht hin eilte er gleich ins Missionshaus, wo er Käte, die schon darum wußte, in flammender Entrüstung fand.

»Sieht ihnen ganz gleich, eine Hochzeit für nichts und wieder nichts zu feiern,« bemerkte er beschwichtigend. Wenn Käte aufgeregt war, mußte ja Tarvin ruhig sein. »Laß dich nicht davon anfechten, Käte, du hast sowieso zu viel im Kopf. Du willst zu viel leisten und empfindest zu viel dabei. Eh' du dich's versiehst, wirst du an Erschöpfung der Mitleidsnerven zusammenbrechen!«

»O nein!« entgegnete Käte. »Ich fühle mich allem gewachsen, was kommen mag – zusammenbrechen darf ich nicht. Bedenke doch diese bevorstehende Hochzeit! Da wird der Knabe meiner mehr bedürfen als je. Vorhin hat er mir gesagt, daß er drei Tage und drei Nächte nicht schlafen dürfe – so lange beten die Priester über ihm!«

»Hirnverbrannt! Auf die Weise bringen sie ihn vielleicht schneller um, als Sitabhai! Großer Gott, das ist ja gar nicht auszudenken! Reden wir von etwas anderm – hast du keine Zeitung mehr bekommen von deinem Vater? Bei solchen Geschichten wässert einem der Mund nach einem vernünftigen Wort aus Topaz!«

Käte gab ihm eine Kreuzbandsendung, die mit der letzten Post gekommen war, und Tarvin vertiefte sich schweigend in eine sechs Wochen alte Nummer des Tageblattes. Sehr viel Trost schien sie ihm aber nicht zu bieten, denn seine Stirne verdüsterte sich mehr und mehr.

»Donnerwetter! So geht das nicht!« rief er plötzlich.

»Was ist denn?«

»Heckler wirft mit der C. C. C. um sich, aber auf höchst ungeschickte Weise. Sieht Jim gar nicht ähnlich! Er spricht davon, als ob die Sache vollständig sicher sei, und zwar so nachdrücklich, als ob er selbst nicht daran glaubte. Ja, man könnte denken, es sei ihm vertraulich gesteckt worden, daß es nichts damit sei – glaube auch, daß es geschehen, aber solche Blößen darf er sich deshalb Rustler gegenüber doch nicht geben. Halt – sehen wir uns einmal den Liegenschaftsumsatz an! Aha, da liegt der Hund begraben,« rief er noch aufgeregter, als er die Stelle gefunden hatte. »Die Preise sinken, in der G‑Straße haben sie ihre Bauplätze geradezu verschleudert. Die Jungens geben klein bei, sie werfen die Flinte ins Korn!«

Tarvin sprang auf und rannte aufgeregt im Zimmer hin und her.

»O, wenn ich sprechen dürfte, wenn ich's ihnen sagen könnte!«

»Was denn, Nick? Was möchtest du ihnen denn sagen?«

Tarvin faßte sich sofort.

»Daß ich daran glaube,« erwiderte er. »Daß sie nicht weich geben dürfen!«

»Aber wenn schließlich doch nichts daraus wird? Wie kannst du das wissen, hier im fernen Indien?«

»Komm mit nach Hause, kleines Mädchen,« brüllte Tarvin förmlich. »Auf nach Topaz! Die C. C. C. soll nach Topaz kommen, und wenn ich eigenhändig die Schienen legen müßte!«

Aber dieser Umschlag in der Stimmung seiner Mitbürger beunruhigte und quälte ihn nichtsdestoweniger, und noch am Abend telegraphierte er nach Denver an Frau Mutrie, die das Telegramm schon weiter gehen lassen würde, als ob es in Denver aufgegeben wäre: »Heckler, Topaz. Kopf nicht hängen lassen. Ich halte auf die C. C. C. Seid guten Mutes wie Tarvin.«


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