Rudyard Kipling
Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen
Rudyard Kipling

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Venus Annodomini

Sie hat nichts zu tun mit Nummer achtzehn im Braccio Nuovo des Vatikans, die zwischen Viscontis Ceres und dem Nilgott steht. Sie war eine rein indische Gottheit – und wir nannten sie die Venus Annodomini, um sie von den übrigen Annodominis dieser nie aussterbenden Gattung zu unterscheiden. In den Bergen ging die Sage, daß sie einmal jung gewesen war; allein unter den Lebenden war kein Mann, der den Mut gehabt hätte, vorzutreten und kühn die Wahrheit dieser Legende zu bezeugen. Männer ritten hinauf nach Skala und blieben dort und gingen wieder weg und verrichteten ihre Lebensarbeit und kehrten zurück, nur um die Venus Annodomini gänzlich unverändert zu finden. Sie war so ewig wie die Berge, wenn auch nicht ganz so grün. Alles, was ein Mädchen von achtzehn Jahren an Reiten, Spazierengehen, Tanzen, Picknickfeiern und allgemeiner Überanstrengung zu leisten vermag, das leistete auch die Venus Annodomini, ohne das leiseste Anzeichen von Abspannung oder Müdigkeit. Außer ihrer ewigen Jugend, hieß es, hätte sie noch das Geheimnis ewiger Gesundheit entdeckt, und ihr Ruhm mehrte sich weit und breit im Lande. Von einem schlichten Exemplar der Gattung Weib entwickelte sie sich zu einer Institution, insofern man von keinem jungen Manne behaupten konnte, daß seine Erziehung vollendet sei, wenn er nicht zu irgendeiner Zeit vor dem Altar der Venus Annodomini gekniet hatte. Ja, sie hatte nicht ihresgleichen, obwohl es viele Nachahmungen gab. Für sie bedeuteten sechs Jahre nicht mehr als für andere Frauen sechs Monate; und zehn Jahre hinterließen an ihr weniger Spuren als eine Woche Fieber an ihren Geschlechtsgenossinnen. Jeder einzelne betete sie an, und sie ihrerseits war fast zu jedem freundlich und liebenswürdig. Das Jungsein war ihr bereits eine so alte Gewohnheit geworden, daß sie sich nicht davon zu trennen vermochte – in Wahrheit hatte sie niemals die Notwendigkeit hierzu erkannt – und so wählte sie zu ihren bevorzugten Genossen junge Leute.

Unter den Andächtigen, die auf dem Altar der Venus Annodomini opferten, war auch der junge Gayerson. Er wurde der »noch jüngere« Gayerson genannt, um ihn von seinem Vater, dem »jungen Gayerson« – einem Mitglied des bengalischen Zivildienstes – zu unterscheiden, der gleichfalls die Gewohnheiten der Jugend angenommen hatte und auch ein jugendliches Herz besaß. Der »noch jüngere« Gayerson war nun nicht zufrieden, seelenruhig und um der Form willen anzubeten, wie die anderen jungen Männer das taten und einen Spazierritt, einen Tanz oder ein Gespräch seitens der Venus Annodomini mit der gebührend demütigen und dankbaren Gesinnung hinzunehmen. Er stellte im Gegenteil Ansprüche, so daß die Venus Annodomini ihn zurechtweisen mußte, ja, er machte sich ihretwegen ganz überflüssigerweise halb krank, und der Ernst seiner Hingabe bewirkte, daß er neben den älteren Männern, die mit ihm die Venus Annodomini verehrten, je nach seiner Laune entweder stürmisch oder ungezogen erschien. Der Venus selbst tat es leid. Er erinnerte sie an einen jungen Burschen, der ihr vor dreiundzwanzig Jahren einmal eine grenzenlose Verehrung gezollt und für den sie etwas länger als eine Woche ebenfalls eine Schwäche gezeigt hatte. Aber der Junge hatte sich von ihr abgewendet und in weniger als einem Jahr nach seinem Götzendienste eine andere Frau geheiratet; und die Venus Annodomini hatte fast – nicht ganz – seinen Namen vergessen. Der »noch jüngere« Gayerson hatte die gleichen großen, blauen Augen und die nämliche Art zu schmollen und die Unterlippe vorzustrecken, wenn er aufgeregt oder unglücklich war. Trotz alledem hielt ihn die Venus Annodomini streng in Schach. Zu viel Wärme erregte ihr Mißfallen; sie zog eine gemäßigte und ernste Zärtlichkeit vor.

Der »noch jüngere« Gayerson war todunglücklich und gab sich nicht die geringste Mühe, sein Elend zu verbergen. Er stand in der Armee – bei einem Linienregiment, glaube ich, obwohl ich das nicht ganz genau weiß – und da sein Gesicht ein Spiegel und seine Stirn, dank seiner vollkommenen Unschuld, ein offenes Buch war, machten ihm seine Kameraden das Leben zur Last und verbitterten seinen von Natur aus liebenswürdigen Charakter. Niemand außer dem »noch jüngeren« Gayerson – und der gab seine Ansichten niemals zum besten – wußte, für wie alt der »noch jüngere« Gayerson die Venus Annodomini hielt. Vielleicht glaubte er, daß sie fünfundzwanzig sei, vielleicht sagte sie ihm auch, sie sei so alt wie er. Der »noch jüngere« Gayerson hätte den Gugger bei Hochwasser durchwatet, um ihren leisesten Befehl weiterzutragen, und vertraute ihr rückhaltlos. Jeder mochte ihn gern und jedem tat es leid, ihn so als Sklave der Venus Annodomini zu sehen. Jeder gab aber auch offen zu, daß es nicht ihre Schuld sei; denn die Venus Annodomini unterschied sich in einem besonderen Punkt von Mrs. Hauksbee und Mrs. Reiver: sie rührte nie einen Finger um irgend jemanden an sich zu fesseln, doch gleich Ninon de Lenclos zog sie alle Männer an. Man konnte Mrs. Hauksbee bewundern und respektieren und Mrs. Reiver verachten und meiden, aber man war einfach gezwungen, die Venus Annodomini zu vergöttern.

Des »noch jüngeren« Gayerson Papa verwaltete eine Abteilung oder einen Bezirk oder war sonst irgendwie administrativ tätig in einer ganz besonders unerfreulichen Gegend Bengaliens – voller Babus, die Zeitungen herausgaben, in denen bewiesen wurde, daß der »junge« Gayerson ein »Nero« und eine »Scylla« und eine »Charybdis« wäre; und außer den Babus gab es dort unten neun Monate im Jahr noch ziemlich viel Dysenterie und Cholera. Der »junge« Gayerson – er war etwa fünfundvierzig – konnte Babus ganz gut leiden; sie amüsierten ihn; aber er hatte etwas gegen die Dysenterie, und wenn er fort konnte, ging er meistens nach Darjiling. In diesem besonderen Jahre setzte er es sich aber in den Kopf, einmal nach Simla zu reisen und seinen Jungen zu besuchen. Der Junge war nicht durchwegs entzückt. Er erzählte der Venus Annodomini, daß er seinen Vater erwarte, und sie errötete ein wenig und sagte, sie würde sich ungemein freuen, seine Bekanntschaft zu machen. Dann sah sie den »noch jüngeren« Gayerson lange gedankenvoll an, weil er ihr sehr, sehr leid tat und weil er ein sehr, sehr großer Idiot war.

»Meine Tochter wird in etwa vierzehn Tagen von drüben kommen, Mr. Gayerson,« bemerkte sie.

»Ihre was?« fragte er.

»Meine Tochter,« entgegnete die Venus Annodomini. »Sie ist nun schon seit einem Jahr daheim in die Gesellschaft eingeführt, und ich möchte, daß sie Indien auch ein wenig kennen lernt. Sie ist jetzt neunzehn und soll ein sehr nettes, vernünftiges Mädel sein.«

Der »noch jüngere« Gayerson, der knapp zweiundzwanzig Jahre alt war, fiel vor Erstaunen fast vom Stuhl, aber er fuhr fort, gegen alle Möglichkeit an die Jugend der Venus Annodomini zu glauben. Sie dagegen stand mit dem Rücken gegen das verhängte Fenster und beobachtete lächelnd die Wirkung ihrer Worte.

Zwölf Tage später erschien der Papa des »noch jüngeren« Gayerson und war noch keine vierundzwanzig Stunden in Simla, bevor zwei Männer, alte Bekannte von ihm, ihm erzählten, wie der »noch jüngere« Gayerson sich aufgeführt hatte.

Der »junge« Gayerson lachte ziemlich viel und fragte, wer denn die Venus Annodomini sei. (Was beweist, daß er die ganze Zeit in Bengalien gelebt hatte, wo niemand über irgend etwas Bescheid weiß, außer über den Stand der Wechselkurse.) Dann meinte er, »junge Burschen wären nun mal überall gleich« und sprach mit seinem Sohne über die Angelegenheit. Der »noch jüngere« Gayerson sagte, daß er unglücklich und untröstlich sei, und der »junge« Gayerson sagte, daß er bedauere, jemals dazu beigetragen zu haben, einen derartigen Esel in die Welt zu setzen. Er meinte, daß es angebracht wäre, wenn sein Sohn seinen Urlaub abbräche und in seinen Dienst zurückkehrte. Dies rief einige unehrerbietige Antworten hervor, und die Beziehungen waren einigermaßen gespannt, bis der »junge« Gayerson verlangte, daß sie der Venus Annodomini einen Besuch machten. Der »noch jüngere« Gayerson begleitete seinen Papa, fühlte sich aber unbehaglich und kam sich irgendwie klein vor.

Die Venus Annodomini empfing sie mit großer Liebenswürdigkeit und der »junge« Gayerson sagte: »Bei Jove! Es ist Kitty!« Der »noch jüngere« Gayerson hätte auf seine Erklärungen geachtet, wäre seine Zeit nicht vollauf von dem Versuch in Anspruch genommen worden, sich mit einem großen, schönen, ruhigen und gut gekleideten Mädchen zu unterhalten, das die Venus Annodomini ihm als ihre Tochter vorgestellt hatte. Das Mädchen war in Haltung, Stil und Sicherheit weit älter als der »noch jüngere« Gayerson, und als er dies erkannte, spürte er eine gewisse Übelkeit.

Nach einer Weile hörte er die Venus Annodomini sagen: »Wissen Sie, daß Ihr Sohn einer meiner treuesten Verehrer ist?«

»Das wundert mich nicht,« sagte der »junge« Gayerson. Und dann hob er seine Stimme: »Er tritt in seines Vaters Fußtapfen. Ich betete doch den Boden an, auf dem Sie schritten, Kitty, damals, – vor undenklich langen Zeiten – und Sie haben sich seitdem nicht im geringsten verändert. Wie seltsam das alles einem vorkommt!«

Der »noch jüngere« Gayerson sagte gar nichts. Seine Unterhaltung mit der Tochter der Venus Annodomini war während des übrigen Besuches unzusammenhängend und fragmentarisch.

*

»Also morgen nachmittag um fünf,« sagte die Venus Annodomini. »Und seien Sie ja pünktlich.«

»Punkt fünf«, sagte der »junge« Gayerson. »Du kannst deinem alten Vater doch einen Gaul leihen, was, Junge? Ich mache morgen Nachmittag einen Spazierritt.«

»Selbstverständlich«, sagte der »noch jüngere« Gayerson. »Ich reise morgen früh nach Hause. Meine Ponies stehen zu deiner Verfügung.«

Die Venus Annodomini blickte durch das Zwielicht des Zimmers zu ihm hinüber und ihre großen grauen Augen wurden feucht. Sie erhob sich und schüttelte ihm die Hand.

»Leben Sie wohl, Tom,« flüsterte die Venus Annodomini.


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