Rudyard Kipling
Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen
Rudyard Kipling

 << zurück weiter >> 

Amors Pfeile

Sumpf, dessen Kühle einst Büffel umdrängt,
Versiegt von der Glut jetzt, verdorrt und zersprengt;
Baumstumpf, den salzige Gräser umschlingen;
Pfad, den die Hügel der Ratten umringen;
Heimliche Höhle am flüchtigen Fluß;
Aloe sticht dich in Flanken und Fuß.
Spring, wenn du's wagst, auf ein Roß vor der Zeit;
Weich lieber aus, – gehe weit, geh weiter,
Horche, da vorn ruft der beste Reiter:
Kinder, zur Seite! Noch weiter! Ganz weit! –
                                  Die Peora Jagd.

Es war einmal in Simla ein sehr hübsches Mädchen, die Tochter eines armen aber ehrlichen Kreisrichters. Sie war ein gutes Kind, aber sie kannte nun einmal ihre Macht und nutzte sie. Die Mama war um die Zukunft ihrer Tochter besorgt, wie es jede gute Mama sein sollte.

Wenn ein Junggeselle Regierungskommissar ist und das Recht besitzt, an seinem Rock Orden wie zierlichste Zuckerbäckerarbeit in Gold und Emaille zu tragen und zudem noch außer vor einem Mitglied des Staatsrates, einem Vizegouverneur oder Vizekönig vor jedermann den Vortritt hat, dann ist er wert, geheiratet zu werden. Wenigstens behaupten die Damen das. Nun gab es damals in Simla einen Regierungskommissar, der all das, was ich eben erwähnt habe, hatte, trug und war. Er war ein unansehnlicher Mann, ja ein häßlicher Mann, mit zwei Ausnahmen der häßlichste in Asien. Er hatte ein Gesicht, von dem man träumte, und das man hernach auf einen Pfeifenkopf zu schnitzen in Versuchung kommen könnte. Sein Name war Saggott, – Barr-Saggott, – Antonius Barr-Saggott, und daran schlossen sich sechserlei Titel. Als Beamter war er einer der tüchtigsten Leute in der indischen Regierung, im geselligen Verkehr glich er einem freundlich lächelnden Gorilla.

Als er Miß Beighton seine Aufmerksamkeit zuwandte, hat meiner Ansicht nach Mrs. Beighton vor Wonne geweint und der Vorsehung für das Glück ihrer alten Tage gedankt.

Mr. Beighton schwieg dazu. Er war ein gutmütiger Mann.

Nun ist solch Kommissar sehr reich. Sein Gehalt übersteigt die kühnsten Träume; es ist so ungeheuer groß, daß er es sich leisten kann, so zu sparen und zu knausern, daß er darin selbst einem Mitglied des Staatsrats den Rang streitig machen würde. Die meisten Kommissare sind knickerig, aber Barr-Saggott war eine Ausnahme. Er war ein verschwenderischer Wirt, ritt die besten Pferde, gab Bälle; er war überhaupt eine Macht im Lande und trat entsprechend auf.

Man darf dabei nicht vergessen, daß meine Erzählung sich in einer fast prähistorischen Ära der britisch-indischen Geschichte zugetragen hat. Mancher erinnert sich vielleicht noch der Jahre, wo das Lawn-Tennis noch im Schoß der Zeiten ruhte und alles Krocket spielte. Aber vordem gab es in der Tat eine Zeit, wo selbst das Krocket noch nicht erfunden war, und wo das Bogenschießen, – 1844 in England zu neuem Leben erweckt, – eine ebenso große Seuche war wie heute das Lawn-Tennis. Damals sprach man wissenschaftlich von »Zielen«, »Lockern«, »Scheiben«, von »56 Pfund« – und von »Eibenbogen«, wie man heute von »Rückschlag«, »Smashen«, »Netzspiel« oder von »16 Unzen-Rackets« redet.

Miß Beighton schoß göttlich, über Damendistanz, – das heißt mehr als sechzig Meter, – und war unter den Damen von Skala der anerkannt beste Schütze. Die Herren nannten sie nur die »Diana von Tara-Devi«.

Barr-Saggott machte ihr den Hof, und das Herz ihrer Mutter jauchzte, wie gesagt, und lobsingete. Kitty Beigthon nahm die Sache ruhiger. Es war ihr nicht unangenehm, von einem Kommissar mit vielen Titeln ausgezeichnet zu werden und die Herzen anderer Mädchen mit Eifersucht erfüllen zu können. Aber es war nicht zu leugnen: Barr-Saggott war unmenschlich häßlich, und all seine Verschönerungsversuche machten ihn nur noch grotesker. Man hatte ihn nicht umsonst den »Langur«, – den grauen Affen, – getauft. Kitty war es ganz angenehm, ihn zu ihren Füßen zu haben, aber angenehmer war es ihr doch, ihm aus dem Wege zu gehen und mit dem leichtfüßigen Cubbon, dem Dragoner aus Umballa, der ein hübsches Gesicht aber keine Aussichten hatte, spazieren zu reiten. Kitty hatte Cubbon mehr als gern, und er machte gar kein Hehl daraus, daß er bis über die Ohren in sie verliebt war, denn er war ein ehrlicher Mensch. So floh denn Kitty von Zeit zu Zeit vor dem würdevollen Werben Barr-Saggotts in die Gesellschaft des jungen Cubbon. Ihre Mutter schalt sie darum. »Aber Mutter,« sagte sie, »Mr. Saggott ist ja so ein, – ja wirklich, – so, so entsetzlich häßlich!«

»Mein liebes Kind,« sagte Mrs. Beighton salbungsvoll, »wir sind alle nicht anders, als uns die allmächtige Vorsehung geschaffen hat. Außerdem wirst du selbst vor deiner Mutter den Vortritt haben. Denke daran und sei vernünftig!«

Kitty warf ihren Kopf in den Nacken und sagte allerlei Unehrerbietiges über »Vortritte«, Kommissare und die Ehe überhaupt. Mr. Beighton kratzte sich den Kopf, denn er war ein gutmütiger Mann.

Als Barr-Saggott gegen Ende der Saison die Zeit für gekommen hielt, entwickelte er einen Plan, der seinen administrativen Fähigkeiten alle Ehre machte. Er veranstaltete einen Bogen-Wettkampf für Damen und setzte ein besonders kostbares, diamantenbesetztes Armband als Preis aus. Er entwarf die Bedingungen sehr geschickt, und jedermann merkte, daß das Armband ein Geschenk für Miß Beighton sein sollte, und daß mit seiner Annahme Kommissar Barr-Saggotts Herz und Hand verknüpft war. Die Bedingungen lauteten auf eine »St. Leonhardsrunde«, – 36 Schüsse auf 60 Meter Distanz, – nach den Regeln des Toxophilita-Klubs zu Simla.

Ganz Simla war geladen. Prachtvolle Teetische standen unter den Zedern von Annandale, wo jetzt die Tribüne steht, und in einsamer Pracht funkelte das Diamantenarmband auf blauem Samt im Sonnenschein. Miß Beighton drängte sich fast zu sehr zum Wettbewerb. An dem bewußten Nachmittage ritt ganz Simla nach Annandale, um bei dem allerdings umgekehrten Urteil des Paris dabei zu sein. Kitty ritt mit dem jungen Cubbon, der offensichtlich unruhig war. An dem, was folgte, trug er keine Schuld. Kitty war blaß und erregt und betrachtete das Armband sehr lange. Barr-Saggott war mit großer Pracht gekleidet, noch erregter als Kitty und häßlicher denn je.

Mrs. Beighton lächelte herablassend, wie es der Schwiegermutter eines wohllöblichen Regierungskommissars zukam, und das Schießen begann. Alles stand in einem Halbkreis, als die Damen eine nach der anderen vortraten.

Es gibt nichts Langweiligeres als ein Bogenschießen. Man schoß und schoß und hörte auch noch nicht auf zu schießen, als die Sonne aus dem Tale schwand und ein leiser Abendwind durch die Zedern spielte. Man wollte Miß Beighton schießen und gewinnen sehen. Cubbon stand an dem einen Ende des Halbkreises und Barr-Saggott am anderen. Miß Beighton war die letzte auf der Liste. Die Leistungen waren schwach gewesen und das Armband plus Kommissar Barr-Saggott ihr so gut wie sicher.

Der Kommissar spannte ihr den Bogen mit höchsteigener Hand. Sie trat vor, warf einen Blick auf das Armband, und ihr erster Pfeil traf aufs Haar die Mitte »Gold«. Das zählte neun Punkte.

Der junge Cubbon am linken Flügel erblaßte, und sein böser Geist gab Barr-Saggott ein zu lächeln. Aber wenn Barr-Saggott lächelte, wurden Pferde scheu. Und Kitty sah sein Lächeln. Sie blickte zur Linken, nickte kaum merklich Cubbon zu und schoß weiter.

Ich wollte, ich könnte die folgende Szene beschreiben. Sie war ganz außergewöhnlich und unerhört. Miß Kitty schoß ihre Pfeile äußerst bedächtig, so daß jeder sehen konnte, was sie tat. Sie war ein vollendeter Schütze, und ihr 46 Pfund-Bogen war auf sie geeicht. Viermal hintereinander nagelte sie ihre Pfeile in die hölzernen Füße der Scheibe und einmal gerade auf den obersten Rand. Alle Damen sahen einander an. Dann machte sie einige Phantasieschüsse ins Weiße, die je als ein Punkt gerechnet wurden. Fünfmal schoß sie so. Es war ein herrliches Schießen. Aber Barr-Saggott, nach dessen Absicht sie ins »Gold« treffen sollte, um das Armband zu gewinnen, wurde bläßlich grün wie zartes Wassergras. Darauf zielte sie zweimal über die Scheibe hinaus, dann zweimal links vorbei, immer mit der gleichen bedächtigen Vorsicht. Und ein kühles Schweigen senkte sich auf die Gesellschaft, während Mrs. Beighton ihr Taschentuch hervorzog. Schließlich schoß Kitty in den Boden, unmittelbar vor der Scheibe, und zersplitterte einige Pfeile und traf darauf das »Rote« (sieben Punkte), nur um zu zeigen, was sie konnte, wenn sie wollte. Und sie schloß ihre erstaunliche Leistung wieder mit einigen willkürlichen Schüssen in die Scheibenfüße. Hier ist die Zahl ihrer Punkte, wie sie notiert worden sind:

Miß Beighton. Gold
1
rot
1
blau
0
schwarz
0
weiß
5
Treffer
7
Summe
21

Barr-Saggott sah aus, als wären die letzten Pfeile in seine Beine statt in die Scheibenfüße gegangen, und die tiefe Stille wurde von dem triumphierend schrillen Ruf eines stumpfnasigen, sommersprossigen, halbwüchsigen Mädchens unterbrochen: »Dann habe ich ja gewonnen!«

Mrs. Beighton rang nach Fassung, so gut sie konnte, aber sie weinte doch vor allen Leuten. Ihre gute Erziehung half ihr nichts bei dieser Enttäuschung. Kitty spannte ihren Bogen mit einem boshaften Ruck ab und ging auf ihren Platz zurück, während Barr-Saggott sich zu stellen suchte, als wenn es ihm ein Vergnügen sei, das Armband um das derbe, rote Handgelenk der Stumpfnase zu legen. Es war eine peinliche, höchst peinliche Szene. Alle verabschiedeten sich gleichzeitig und überließen Kitty dem Segen ihrer Mama.

Aber Cubbon begleitete sie statt ihrer nach Hause, – und das andere ist nicht wert gedruckt zu werden.


 << zurück weiter >>