Rudyard Kipling
Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen
Rudyard Kipling

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Toddy's Antrag

Jawohl, Toddys Mama war eine ungewöhnlich reizende Frau, und ganz Simla kannte Toddy. Die meisten Männer hatten ihn bei irgendeiner Gelegenheit vom Tode errettet. Er selbst tanzte seiner Ayah oder Kinderfrau ungeniert auf der Nase herum und setzte täglich sein Leben aufs Spiel, zum Beispiel, um herauszubekommen, was passieren würde, wenn man ein Maultier von den Gebirgsbatterien am Schwanze zog. Er war ein vollkommen furchtloser kleiner Schlingel und dazu das einzige Kind, dem es gelungen war, die geheiligte Ruhe des Gesetzgebenden Rates des Indischen Reichs zu stören.

Das kam so: Todds Lieblingsziegenbock riß sich los und floh den Berg hinauf, Todd immer hinterdrein, bis sie in den Vorgarten der vizeköniglichen Villa, die es damals noch neben »Peterhoff« gab, hineinplatzten. Der Hohe Rat hielt gerade eine Sitzung ab, und die Fenster waren wegen der Hitze geöffnet. Der rote Ulan auf der Veranda sagte zu Todd, er solle wieder gehen, aber Todd kannte den roten Ulan und die meisten Mitglieder des Rates persönlich. Außerdem hatte er sich fest an das Halsband des Bocks geklammert und wurde im Augenblick gerade über sämtliche Blumenbeete geschleift. Er keuchte daher: »Bring dem langen Staatsrat Sahib meine Salaams, und er soll mir helfen, Moti zu fangen!« Der Staatsrat hörte durch die offenen Fenster den Lärm, und so gewahrte man nach einer Weile das empörende Schauspiel, wie ein juristischer Beirat und ein Gouverneur-Statthalter unter dem direkten Vorsitz des Oberstkommandierenden und des Vizekönigs einem kleinen und sehr schmutzigen Jungen in einem Matrosenanzug mit einem wirren Schopf brauner Haare halfen, einen ungemein lebhaften und widerspenstigen jungen Ziegenbock zur Raison zu bringen. Sie trieben ihn auf den Weg und hinunter zur Hauptstraße, und Toddy zog im Triumph heim zu seiner Mama und erzählte ihr, sämtliche Sahibs des Geheimen Rates hätten ihm geholfen, Moti einzufangen. Worauf die Mama Toddy einen Klaps gab, weil er sich in die Verwaltung des Reichs eingemischt hatte. Aber Todd traf den juristischen Beirat am darauffolgenden Tage und sagte ihm im Vertrauen, wenn er, der juristische Beirat, jemals einen Ziegenbock einzufangen hätte, so wolle er, Todd, ihm nach Kräften dabei helfen. »Ich danke dir, Todd,« sagte der juristische Beirat.

Todd war das Idol einiger achtzig Sänftenträger und halb so vieler Saise oder Pferdeknechte. Sie alle redete er an mit »O Bruder«. Niemals kam ihm der Gedanke, daß irgendein menschliches Wesen sich weigern könnte, seine Befehle auszuführen, und stets war er der vermittelnde Engel zwischen den Dienstboten und dem Zorne seiner Mama. Die ganze Maschinerie des Haushalts drehte sich um Toddy, der von sämtlichen Leuten vergöttert wurde, angefangen bei dem indischen Wäscher bis hinab zu dem Hundejungen. Selbst Futteh Khan, der faule alte Schlingel von Aufwärter aus Mussoorie, scheute sich, bei Toddy in Ungnade zu fallen, aus Furcht, seine Kameraden könnten auf ihn herabsehen.

So genoß Toddy der Ehre ringsum im Lande, von Boileaugaunge bis Chota Simla, und herrschte gerecht nach seinem Wissen. Natürlich sprach er Urdu, aber er beherrschte auch die vielen sonderbaren Nebendialekte, wie das Chatee Bolee der Frauen, und unterhielt sich feierlich mit Ladenbesitzern wie Bergkulis, ohne Unterschied. Er war frühreif für seine Jahre, und sein Verkehr mit den Eingeborenen hatte ihm einige der bitteren Wahrheiten des Lebens beigebracht: seine Armseligkeit und seinen Schmutz. Ja, er pflegte über Brot und Milch feierliche Aphorismen zum besten zu geben, die er von der Landessprache ins Englische übersetzte, bis seine Mama vor Schreck zusammenfuhr und beteuerte, in der nächsten warmen Jahreszeit müsse Toddy aber wirklich endlich nach England geschickt werden.

Gerade als Todd auf der Höhe seiner Macht stand, doktorte der Oberste gesetzgebende Rat an einer Gesetzesvorlage herum, einer Revision des damaligen Pundschaber Grund- und Bodengesetzes, die einige hunderttausend Menschen nahe berührte. Der juristische Beirat hatte den Gesetzentwurf aufgesetzt, aufgepolstert, zurechtgestutzt und verbessert, bis er sich auf dem Papier wirklich wunderschön ausnahm. Dann begann der Rat die sogenannten untergeordneten Details festzulegen. Als ob Engländer, wenn sie den Einheimischen Gesetze geben, überhaupt beurteilen könnten, welches, vom einheimischen Gesichtspunkte aus betrachtet, die untergeordneten Details und welches die Hauptpunkte sind. Dieser Gesetzentwurf war ein Triumph der »Wahrung der Interessen des Pächters«. Eine Klausel bestimmte, daß kein Pachtvertrag länger als fünf Jahre dauern dürfe, weil ein Grundbesitzer, wenn er einen Pächter, sagen wir, auf zwanzig Jahre hin gebunden hält, ihn bis aufs Mark aussaugen kann. Der Gedanke war, in den submontanen Distrikten einen wechselnden Stand unabhängiger Ackerbauer aufrechtzuerhalten, und ethnologisch und politisch war der Gedanke korrekt. Der einzige Nachteil war, daß er vollkommen falsch war. In Indien schließt das Leben des Eingeborenen auch das seines Sohnes ein. Deshalb kann man dort keine Gesetze machen, die nur für eine Generation Gültigkeit haben. Man muß gleichzeitig vom Eingeborenengesichtspunkt die nächste Generation ins Auge fassen. Seltsamerweise hassen es Eingeborene von Zeit zu Zeit, in Nord-Indien ganz besonders, bevormundet zu sein, selbst wenn es gilt, sie gegen sich selbst zu schützen. Es war einmal ein Negerdorf . . . Aber das ist eine andere Geschichte.

Aus zahlreichen, später noch zu erörternden Gründen war das Volk gegen die betreffende Gesetzesvorlage. Das indische Mitglied des Rates kannte die Einwohner des Pundschabs ungefähr so gut wie den Charing-Cross-Bahnhof in London. In Kalkutta hatte er erklärt: »Die Vorlage entspricht durchaus den Wünschen jenes großen und wichtigen Standes, unserer ackerbautreibenden Bevölkerung« usw. usw. Des juristischen Beirats Kenntnisse von Eingeborenen beschränkten sich auf englisch-sprechende Gerichtspersonen und auf seine eigenen rotröckigen Ordonnanzen; die submontanen Distrikte gingen niemanden besonders an; die Vizekommissare waren viel zu überarbeitet, um Vorhaltungen zu machen, und die Maßnahme betraf ja außerdem nur die kleinen Pächter. Trotzdem flehte der juristische Beirat zum Himmel, daß er recht getan hätte, denn er war ein ängstlich gewissenhafter Mann. Er wußte nicht, daß kein Mensch, der sich nicht ganz ohne Tünche unter sie mischt, hinter die Gedanken der Eingeborenen kommen kann. Und selbst dann glückt es ihm nicht immer. Aber er handelte nur nach bestem Wissen und Gewissen. Und so wurde die Vorlage dem Obersten Rat unterbreitet, damit dieser ihr die letzten Finessen gebe, während Toddy auf seinen Morgenritten den Burra Simla-Bazar durchstreifte, mit dem Affen Ditta Mulls, des Händlers, spielte und nach Kinderart dem Bazargeschwätz über den neuesten tollen Einfall der hohen Sahibs lauschte.

Eines Tages gab es im Hause von Toddys Mama eine Gesellschaft, zu der auch der juristische Beirat geladen war. Toddy war schon zu Bett gebracht worden, lag aber dort wach, bis er die Herren über ihrem Kaffee lachen hörte. Dann trollte er sich in rotem Flanellschlafrock und Pyjama aus dem Zimmer und suchte bei seinem Vater Zuflucht, von dem er wußte, daß er ihn nicht wieder ins Bett schicken würde. »Das hat man nun davon, Familienvater zu sein«, sagte der, gab Toddy drei getrocknete Pflaumen und etwas Wasser in einem Glase, in dem vorher Wein gewesen war, und ermahnte ihn, still zu sitzen. Todd lutschte die Pflaumen mit großer Bedachtsamkeit, denn er wußte, er würde danach wieder ins Bett gehen müssen und nippte wie ein Mann von Welt an seinem rosa Wasser, während er der Unterhaltung lauschte. Nach einer Weile erwähnte der juristische Beirat, der mit irgendeinem Abteilungsleiter fachsimpelte, seine Gesetzesvorlage, und zwar nannte er sie bei ihrem vollen Namen: »Der revidierte Ryotwary Submontan-Distrikts-Akt.« Toddy verstand nur das eine, unheimliche Wort, erhob seine kleine Stimme und sagte:

»Oh, darüber weiß ich Bescheid! Hat man denn schon murramuttiert, Onkel Staatsrat Sahib?«

»Was sagst du?« fragte der juristische Beirat.

»Murramuttiert – verbessert –, du weißt doch – schön gemacht, damit er Ditta Mull gefällt?«

Der juristische Beirat erhob sich von seinem Platz und setzte sich neben Todd.

»Was verstehst du von Ryotwary, kleiner Mann?« forschte er.

»Ich bin kein kleiner Mann, ich bin Toddy und ich verstehe alles davon. Ditta Mull und Choga Lall und Amir Nath und – und viele, viele meiner Freunde erzählen mir davon, in den Bazaren, wenn ich mich mit ihnen unterhalte.«

»So, – tun sie das – wahrhaftig? Was erzählen sie denn, Toddy?«

Toddy steckte seine Füße unter den roten Flanellschlafrock und sagte: »Ich muß mal überlegen.«

Der juristische Beirat wartete geduldig. Dann sagte Toddy mit unendlichem Mitleid:

»Du kannst nich meine Sprache, nich, Sahib Staatsrat?«

»Nein, leider muß ich gestehen, daß ich sie nicht kann,« sagte der juristische Beirat.

»Gut,« bemerkte Toddy, »dann muß ich Engliß überlegen.«

Eine volle Minute brachte er seine Gedanken in Ordnung; dann hub er an, sehr langsam, jeden Begriff erst von der Landessprache ins Englische übersetzend, wie viele anglo-indische Kinder es tun. Im Auge zu behalten ist, daß der juristische Beirat ihm mit Fragen half, wenn er stockte, denn ganz war Toddy der folgenden, ausgiebigen rednerischen Leistung doch nicht fähig:

»Ditta Mull sagt: ›Dieses Ding ist der Unsinn eines Kindes und ist von Narren gemacht.‹ Aber ich finde nich, daß du ein Narr bist, Onkel Staatsrat Sahib«, fügte Toddy hastig hinzu. »Du hast mir meine Ziege gefangen. Und das sagt Ditta Mull auch: ›Ich bin kein Narr, und weshalb sollte der Sirkar sagen, daß ich ein Kind bin? Ich kann sehen, ob das Land gut ist und ob der Grundherr gut ist. Bin ich ein Narr, so komme die Sünde über mein eigenes Haupt. Auf fünf Jahre nehme ich das Land, für das ich Geld gespart habe, und ich nehme auch eine Frau und es wird mir ein kleiner Sohn geboren.‹ Ditta Mull hat jetzt nur eine Tochter, aber er sagt, bald wird er auch einen Sohn bekommen. Und er sagt: ›Nach fünf Jahren muß ich, so wie das neue Gesetz es vorschreibt, wieder gehen. Und wenn ich nicht gehe, muß ich neue Siegel und Stempelmarken auf das Papier kleben, vielleicht gar mitten in der Ernte, und einmal sich an die Gerichten wenden ist Weisheit, zweimal aber »Johannum« (die Hölle).‹ Und das ist ganz richtig,« fügte Toddy ernsthaft hinzu. »Alle meine Freunde sagen es. Und Ditta Mull sagt: ›Alle fünf Jahre wieder neue Steuern und Geld für Advokaten und Gerichtsdiener und Gerichtshöfe, sonst jagt mich der Grundherr fort. Weshalb sollte ich aber gehen wollen? Bin ich ein Narr? Und wenn ich ein Narr bin und selbst nach vierzig Jahren nicht gutes Land erkenne, wenn ich es mit eigenen Augen sehe, so laßt mich sterben. Wenn aber das neue Gesetz fünfzehn Jahre sagte, dann wäre es gut und weise. Dann ist mein kleiner Sohn ein Mann geworden und ich bin längst verbrannt, und er nimmt sich diesen oder irgendeinen anderen Grund und braucht nur einmal Stempelmarken zu bezahlen, und auch sein kleiner Sohn wird geboren und nach fünfzehn Jahren ein Mann werden. Wo hingegen liegt in fünf Jahren und immer neuen Papieren der Gewinn? Nichts liegt darin als »Dikh«, – Unruhe, – »Dikh«. Wir, die wir dieses Land nehmen, sind keine jungen Männer, sondern alte – keine »Jats«, sondern Kaufleute mit ein wenig Geld – und wir wollen fünfzehn Jahre lang Frieden haben. Auch sind wir keine Kinder, daß der Sirkar uns als solche behandle.‹«

Hier hielt Toddy plötzlich inne, da ihm mittlerweile die ganze Gesellschaft lauschte. Der juristische Beirat fragte Toddy: »Ist das alles?«

»Alles, was ich behalten habe,« entgegnete Toddy. »Aber Du solltest Ditta Mulls großen Affen sehen. Er sieht ganz so aus wie der Sahib Staatsrat.«

»Toddy! Marsch ins Bett,« sagte sein Vater.

Toddy raffte seinen Schlafrock zusammen und ging.

Der juristische Beirat schlug donnernd mit der Faust auf den Tisch – »Bei Jove!« sagte der juristische Beirat, »ich glaube, der Junge hat Recht. Die kurze Pachtfrist ist der wunde Punkt.«

Und er brach in Gedanken an das, was Toddy gesagt hatte, zeitig auf. Nun war es offenbar für den juristischen Beirat unmöglich, mit des Händlers Affen zu spielen, um sich Erleuchtung zu verschaffen; er tat indes etwas viel Besseres. Er stellte überall Erkundigungen an, wobei er sich stets vor Augen hielt, daß der echte Eingeborene – nicht der auf der Universität geschulte Zwitter – so scheu ist wie ein wildes Pferd, und mählich, ganz allmählich überredete er eine Reihe von Männern, die die Frage am meisten anging, ihn ihre Ansichten wissen zu lassen, und sie stimmten mit Toddys Aussagen eng überein.

So wurde diese eine Klausel des Gesetzentwurfs revidiert; und in des juristischen Beirats Brust zog unruhiger Argwohn, daß die indischen Mitglieder wenig mehr als die Befehle, die sie mit sich herumtragen, zum Ausdruck brächten. Aber er wies diesen Gedanken als unliberal weit von sich. Er war ein äußerst liberaler Mann.

Nach und nach verbreitete sich in den Bazaren die Nachricht, Toddy hätte es erreicht, daß die Pachtfristklausel revidiert worden wäre; und hätte Toddys Mama sich nicht eingemischt, Toddy hätte an den Körben von Obst und Pistaziennüssen, Kabuli-Trauben und Mandeln, die sich auf der Veranda türmten, krank gegessen. Bis er nach England ging, stand Toddy in der Wertschätzung der Menge noch um einige Stufen höher als der Vizekönig selbst – weshalb, das vermochte Toddy, und hätte er sein kleines Leben dadurch retten können, niemals zu erraten.

In des juristischen Beirats Privatschatulle liegt noch immer ein flüchtiger Entwurf des »Revidierten Ryotwary Submontan-Distrikts-Aktes«; und neben der zweiundzwanzigsten Klausel stehen mit Blaustift und von dem juristischen Beirat unterzeichnet die Worte: »Toddys Antrag.«


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