Arno Holz
Ignorabimus
Arno Holz

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Dufroy: (ihn unterbrechend; einen Moment wieder, ohne daß er sich dagegen wehren kann, fast hart) Der Streich . . . den du ihm damit, ohne es zu wissen, gespielt und . . . versetzt hattest, . . . war . . . ich entsinne mich noch ganz genau . . . ich ging damals in die Tertia des Französischen Gymnasiums und kam grade mit meinem Bücherränzel nach Hause, als mein Vater . . . meiner Mutter . . . kurz, knapp und sachlich . . . deine vor kaum einer halben Stunde durch ihn persönlich, amtlich und selbst erfolgte Ablehnung und Zurückweisung mitteilte . . . dein Streich . . . war. . . . laß mich es dir glatt und direkt heraussagen . . . dein Streich . . . (wieder jetzt, unwillkürlich, bevor er seinen Satz beendet, kleine Effektpause) war ein tödlicher!

Onkel Ludwig: (zurückgeprallt) »Ein . . .?!«

Dufroy: (noch mal, allernachdrücklichst) Ein tödlicher!

Onkel Ludwig: (ganz entsetzt nach Marianne rüber, die in diesem Augenblick von neuem und noch tiefer aufgeseufzt) Schon . . . wieder!!

Dufroy: (kaum flüchtig nach ihr rüberblickend; durch seinen eignen Bericht zu aufgewühlt und überwältigt) Glaube nicht . . . daß sie von dem . . . was ich dir hier erzähle . . .

Onkel Ludwig: (sich allmählich wieder sammelnd) Dein . . . Vater . . . starb doch aber erst . . .

Dufroy: (seinen Einwand ihm zugebend, in seinem selben Satz weiter) Rund drei Quinquennien später, nachdem er immerhin noch die Freude erlebt hatte, mich unter seinem eignen Rektorat . . .

Onkel Ludwig: (auf seine betreffende, allergenauste Erinnrung sich hartnäckigst kaprizierend) » One of the most celebrated German scholars fallen without a guide on a scientific expedition in the High Pyrenees!« Las ich damals selbst . . .

Dufroy: (die tatsächliche Richtigkeit jener alten Preßnotiz ihm bestätigend; dann aber sofort und mit noch erhöhtem Nachdruck von neuem) »Einer der gefeiertsten deutschen Gelehrten auf einer wissenschaftlichen Studienfahrt führerlos abgestürzt in den Hoch-Pyrenäen!« Und die fünfzehn Jahre, die dazwischen gelegen hatten . . . ich kann das in meiner Rückerinnrung heute vollkommen verfolgen und aus meiner Seele verstehn . . . ein einziges, sich steigerndes, heimliches Märtyrertum, das einen andern Abschluß, als diesen . . .

Onkel Ludwig: (ganz konsterniert ihn noch nicht begreifend) »Als . . .?«

Dufroy: (noch versichernd-bestimmter; in seiner wieder permanenten Steigrung nicht einen Augenblick lang nachlassend) Als diesen, wenn man alle Faktoren erwägt, wenn man davon überzeugt ist und zugibt, daß ein hochgemuter Mensch, der vor seinem entscheidend Innersten, und sei dies auch nur einmal, den kläglichsten, jämmerlichsten Schiffbruch erlitten, ohne die letzte Achtung vor sich selbst auf die Dauer das Leben nicht mehr ertragen kann, wenn man von der zwingend sich abrollenden, notwendigen Gesetzmäßigkeit nicht bloß alles physischen, sondern auch alles psychischen Seins und Geschehns absolut durchdrungen ist, das einen andern Abschluß, als diesen . . . überhaupt gar nicht hatte finden können!

Onkel Ludwig: (schwer; mühsam; in gespannt-angstvoller Erwartung) Du . . . sprichst ja . . . als ob dein Vater . . .

Dufroy: (ihm seine Frage, in diesem Moment gradezu grausam, nicht erleichternd) Als ob . . . mein Vater . . .?

Onkel Ludwig: (die Kehle halb zugeschnürt) Als ob . . . jener . . . Absturz damals . . .

Dufroy: (fast wie in nachträglicher Rache und in sich sättigendem Triumph) Das freiwillig über sich selbst verhängte Ende einer Existenz war, deren bisdasiger Inhaber . . .

Onkel Ludwig: (unter der Wucht dieser Eröffnung wie zermalmt; entsetzt-jämmerlichst sich überkieksende »i«-Laute) Und . . . ich . . .?! Ich soll . . .?!! Ich . . .?!!!

Dufroy: (in seiner Aufrollung, unbarmherzig, weiter; ja, in gewissem Sinne, eigentlich überhaupt erst jetzt recht einsetzend) Als mein Vater mit jener Ablehnung und Zurückweisung deiner Schrift . . . über die du eben selbst das treffendste Urteil abgegeben . . . doch weiß Gott nichts andres und nichts weitres, als seine einfachste, simpelste Pflicht und Schuldigkeit getan und erfüllt hatte, war es deine Mutter, die ihm diese Handlungsweise, aus auf einmal plötzlich nachträglich höchst überbetonter und, wie es mir dunkel fast schon damals schwante und vorkam, grade bei dieser Gelegenheit und in diesem Augenblick recht deplaciert und überflüssig hervorgekehrter Über-Liebe zu dir . . . (abbrechend und sofort wieder weiter) Mich überläufts, mir krampft sich noch heute alles zusammen, wenn ich an jenen Auftritt . . . wenn ich an die unverantwortlich ungerechten, unbilligen, maß- und sinnlosen Anschuldigungen, Vorwürfe und Vernunftwidrigkeiten denke, mit denen sie damals meinen Vater . . . und zwar noch dazu in meiner Gegenwart . . . (wie vorhin) Er sprach kein Wort, ließ ihren Schwall über sich ergehn und blickte mich nur die ganze Zeit, während ich zitternd in eine Fensterecke gedrückt, vor Entsetzen und Scham fast verging . . . während dicke Tränen mir die Backen runterrollten und Mutter in ihrer exaltierten, wachsenden Raserei und Unzurechnungsfähigkeit meine Anwesenheit ganz und gar vergessen zu haben schien . . . (einen kurzen Moment jetzt, unwillkürlich, wieder nach dem Porträt links) mit seinen großen, graublauen Augen, deren du dich noch erinnern wirst . . .

Onkel Ludwig: (aus dessen wie gewürgter Kehle sich nur noch ein ersticktes Schluchzen ringt) Hhh!!

Dufroy: (sein »Schwert« ihm immer tiefer bohrend) Und die einem, wenn er wollte . . . bis ins letzte Herz drangen . . .

Onkel Ludwig: (noch qualvoller als vorhin) »Bis . . .«

Dufroy: (fest, mit von neuem sich steigerndem Nachdruck) Unverwandt an! . . . Und dieser Blick . . . der in mir unerloschen bleiben wird . . . bis zu meinem letzten Tag und bis zu meinem letzten Atemzug . . . heute weiß ichs: in ihm . . . sammelte sich damals eine Kraft . . . mit ihm . . . formte sich damals ein Entschluß . . . aus ihm . . . sprach damals ein Gelöbnis!

Onkel Ludwig: (der ihn voll verstanden; während die Uhr in diesem Augenblick elf zu schlagen beginnt; ergriffen-feierlich) Seinem Jungen . . . zu helfen . . . für ihn . . . auszuharren . . . und nicht eher abzuscheiden . . . als bis . . .

Dufroy: (in das Verklingen des letzten Schlags; noch fester) Ja! . . . Und diese Kraft . . . hat mein Vater dann besessen . . . diesem Entschluß . . . ist er treu geblieben . . . und dieses Gelöbnis . . .

Onkel Ludwig: (nickend; ganz geknickt-erschüttert) Hat er gehalten!

Dufroy: (stolz; wie unter das Gedächtnis des freiwillig aus seinem Erdendasein Gegangnen den schönsten Ehrenkranz hängend) Nobel, selbstlos und großgesinnt, trotzdem alles seit jenem ersten, trüben Bitterkeitstag, der der traurigste und kummervollste meiner dann nicht mehr allzu fröhlichen Kindheit war, dazu einladend, verführend und angetan gewesen wäre, ihn zu bestimmen, sich seinen Tod und damit seine Erlösung . . .

Onkel Ludwig: (nach dem Porträt rechts halb zurückgedreht; aus empört-tiefster Bitterkeit) So . . .

Dufroy: (aufgestanden und sich wieder in Bewegung setzend; erst jetzt seinen Satz schließend) Schon um zwei oder drei Lustren früher zu gönnen!

Onkel Ludwig: (ähnlich wie vorhin; nur noch gesteigert) So . . . furchtbar . . . so . . . über alle Begriffe . . . un-menschlich . . . und entsetzenserregend . . .

Dufroy: (rechts, vorn, wieder stehngeblieben und zu ihm rüber) Ahnst du . . . bist du dir darüber klar . . . hast du dir je auch nur die geringste, bescheidenste, kümmerlichste Vorstellung davon gemacht . . . was und wie eine (wieder mit einem unwillkürlichen Blick nach dem Porträt rechts hoch) Frau . . . die in ihrer Seele eine Schuld fühlt . . . die vor sich selbst zugeben muß, daß sich diese durch nichts wieder gut und wett machen läßt . . . und die nicht steinherzig und abgebrüht genug ist, gleichmütig und kaltblütig, innerlich über sie hinwegzutänzeln . . . womit und wodurch . . . eine solche Frau einen Mann . . . der ihre Schuld teilt . . . wenngleich . . . nur sie . . . sie ganz allein es gewesen war . . . die ihn dazu angereizt, aufgestachelt und provoziert hatte . . . so daß ihre Schuld . . . noch zehntausendmal größer als seine war . . . bis zu welchem Grade eine solche Frau einen solchen Mann . . . der schon sofort . . . (entsprechende, verdeutlichende Geste nach der Ecke links rüber) kaum, daß der erste Rausch verflogen und auch bereits gleichzeitig eine rächende, unerbittliche Nemesis schwer ihre schwarzen, ehern klirrenden Flügel hob . . . (Auto) all ihrer elementar ehrlich aufrichtigen Leidenschaftlichkeit und Liebe zu ihm zum Trotz, während ihre Fibern noch brannten, ihre Adern noch jagten, und ihre Pulse noch flammten und flogen, in ihrer tumultuarisch erregten, vollständig in die Irre geleiteten, übererhitzten Einbildung und Phantasie, neben ihr, finster, wie ein gespenstisch drohender, unheimlich anklägerischer, lebendig atmender Vorwurf und Schatten stand . . . der ihr dann später . . . durch eine unglückliche Komplikation, in der er anders, als er gehandelt hatte, überhaupt gar nicht hatte handeln können . . . eine für das oberflächlichste, flüchtigste Zusehn allerdings scheinbar gerechtfertigte Handhabe, in Wahrheit und Wirklichkeit aber nur einen höchst bequemen, ihr allem Vermuten nach wahrscheinlich sogar ganz außerordentlich gelegen und zu paß gekommnen Scheingrund und Vorwand geliefert hatte, ihm das, was sie von all den schweren, traurigen, beschämend niederdrückenden Folgen ihres damals von ihnen gemeinsam begangnen Verbrechens beide als die bitterste, tragischste und unentschuldbarste empfanden . . . daß du dich, mit Recht empört, von ihnen abgewandt, daß es von dir zu ihnen keine Brücke mehr gab und daß dein schließlich spurloses Verschwinden und Fortgehn auf Nimmerwiederkehr jede Hoffnung auf eine sonst ja vielleicht immerhin noch möglich gewesne Versöhnung zwischen euch für dieses Leben und diese Welt endgültig grausam und für immer vernichtet hatte . . . ihm jetzt nachträglich mehr und mehr ganz allein aufzubürden, zur Last zu legen und in die Schuhe zu schieben . . . und den sie dann so . . . bei seiner mit den fortschreitenden Jahren nicht bloß für ihn, sondern auch bereits für seine weitere Umgebung immer auffälliger und fühlbarer werdenden Gemütsumdüstrung, die ihn allmählich ganz auf sich selbst isolierte, in seiner männlich graden, nichts sich verbergenden, nichts sich sparenden und schenkenden, duldsam nachsichtigen Generosität, gegenüber ihrer weiblich rücksichtslosen, vor keinem Affront zurückschreckenden, ihren vordem und ehemals so über alle und alles Geliebtesten zum Teuflischsten aller Teufel stempelnden, von Tag zu Tag immer instinktsichrer, methodischer und zielbewußter vorrückenden, robusten Sichselbstverenglung, zuletzt vollkommen wehrlos und widerstandsunfähig . . . zuckend in ihren Krallen hielt . . . (nicht mehr imstande seinen Satz, den er mit wachsender, flammender Energie und Leidenschaft bis zu diesem schwindelnden Gipfel geführt, zu vollenden).

Onkel Ludwig: (der ihn mit groß aufgerissnen Augen solange anstarrt) Du . . . malst mir . . . ein Bild . . .

Dufroy: (wieder fest, seinen Blick ihm zurückgebend) Das ich, nichts beschönigend, nichts hinzufügend und nichts weglassend, Zug für Zug meinem, wie ich glaube, auch nach dieser Richtung ziemlich verläßlichen Gedächtnis entnehme!

Onkel Ludwig: (noch immer an seinen Lippen hängend; beide haben die Kranke in der außerordentlichen Erregung, in der sie sich befinden, wie es scheint, vollständig vergessen) Und dann . . . dann . . . dann . . . hast du es . . . über dich gebracht . . .

Dufroy: (ergrimmt nickend; mit in ihm noch nachzitterndem Zorn) Über mich gebracht! Ja!!

Onkel Ludwig: (wieder wie vorhin, nach dem Porträt rechts zurück) Diesen . . . Wehrwolf und . . . Hexendrachen . . .

Dufroy: (noch stärker) Ja!! . . . Ja!!!

Onkel Ludwig: (noch mal) Diese . . . Harpyie . . .

Dufroy: (einen Moment wieder, ganz erstaunt-verblüfft, nach Marianne rüber, die in diesem Augenblick von neuem, und zwar diesmal zweimal, aufgeseufzt hat) M!

Onkel Ludwig: (kopfschüttelnd-ähnlich) Sonderbar!

Dufroy: (mit sich ringend; in seiner unterbrochen Linie weiter) Es ist . . . für uns Menschen untereinander . . . besser . . .

Onkel Ludwig: (ironisch-grimmig) Daß wir, karpfenfromm, kalbsgeduldig und blümchenvergnügt, wie der heilge Franz von Assisi . . .

Dufroy: (seinen Satz ihm wieder abnehmend und dessen ursprünglichen Ideeengang mit denkbar allerstärkstem Nachdruck wiederherstellend) Oder einer jener zehn- oder hunderttausend andern großen Außerordentlichen und Bekenner . . . Gewiß!

Onkel Ludwig: (protestierend-empört; zweite Silbe lang und betont) Na da . . .

Dufroy: (der als Mensch und Charakter noch immer fortwährend wächst; Stellung, auch jetzt noch, wie vorhin) Oder glaubst du, ich war damals . . . Mutter . . . mit der ich nur noch oberflächlich harmonierte . . . (auf eine wieder unwillkürlich stutzende Geste Onkel Ludwigs, noch verstärkt) nur noch oberflächlich, wenn auch die äußere Form unsres Verkehrs die scheinbar vertraulich herzlichste geblieben war . . .

Onkel Ludwig: (verbissen-höhnisch) Sieh! So!

Dufroy: (in seiner Neuaufrollung, die ihn und Onkel Ludwig genau so bewegt und packt, ja vielleicht noch stärker, als die kaum eben erst vorausgegangne, von diesen zwei Silben kaum unterbrochen, weiter) Mutter saß mit mir grade unten im Gartensaal . . . der alte, kleine, dir, wie ich weiß, immer so ganz besonders lieb gewesne Tritonen-, Putten- und Najadenspringbrunnen in dem brütenden Augustnachmittag draußen plätscherte . . . wir sprachen . . . ich erinnre mich noch fast an die einzelnen Worte . . . über mein bevorstehendes, erstes Winterantrittssemester . . . als unser damaliger Diener » Auguste« . . . Mutter liebte es nicht, ihre Domestiken aus Parchim, Perleberg oder Pasewalk zu beziehn . . .

Onkel Ludwig: (noch immer ganz knurrig-stachlich) Nöhnöh!

Dufroy: (wieder noch verstärkt) Als dieser Unvergleichliche aus Yvetot in Wadenstrümpfen mir auf seinem silbernen Tablett . . . (den betreffenden Vorgang durch Miene und Haltung unwillkürlich markierend) Für mich . . . eine Karte? . . . » Le Baron d'Héricourt, Attaché à l'Ambassade de la République Française!« Ein fabelhaft signierter . . . mich durch seinen . . . solenn feierlich zurückhaltenden Ernst in Haltung und Miene . . . fast schon auf der Türschwelle . . . festwurzelnder Herr . . . der mich bereits nach wenigen, bewegten Worten . . . die die Trauer und das Beileid des französischen Volkes ausdrückten . . . Den Rest . . . hörte ich nur noch, wie im Traum! . . . (letzte, sich wieder permanent höher schraubende Steigrung) Mein Vater . . . an dem mein ganzes Herz gehangen . . . der uns vor kaum erst fünf Tagen verlassen . . . und mit dem ich noch mindestens gut . . . zwanzig Jahre . . . eines gemeinsamen . . . Wirkens und Strebens erhofft hatte . . . mein Vater . . . mit zerschmetterten Gliedern aufgefunden in der Rolandsbresche . . . unter einer tausend Fuß hohen Felswand . . . des Mont Perdu!

Onkel Ludwig: (der ihm fast atemlos gelauscht) »Des Mont . . .«

Dufroy: (wieder, erregt, auf und ab) Glaubst du . . . ich war damals . . . und in jenem Augenblick . . . nicht beinah und in einem Haar drauf und dran . . . die vielleicht noch nicht fünfundzwanzig Schritt . . . nach dem Gartensaal nicht erst wieder zurückzukehren . . . sondern es sofort und auf der Stelle genau so und ebenso zu machen, wie du . . .

Onkel Ludwig: (der ihm mit steigendem Erstaunen und wachsender Ergriffenheit nachgeblickt) »Wie . . .?«

Dufroy: (wieder stehngeblieben und nach ihm zurück) Wie du . . . dies damals schon fünfzehn Jahre vorher . . . vorher . . . und früher getan?

Onkel Ludwig: (kaum fähig, die paar Laute über seine Lippen zu bringen) Du . . . hattest . . .?

Dufroy: (seine innere Erregtheit, die ihm noch aus jedem Nerv zuckt, mit aller Gewalt wieder in sich niederdämpfend) Wenn je . . . und überhaupt in meinem Leben mir etwas anzurechnen war . . . und ich vielleicht . . . nur deshalb nicht ganz mit unter den großen Klüngel gehöre . . . so war es die Kraft . . . mit der ich mich damals . . . (sich unterbrechend und sofort wieder weiter) Ich riß mich zusammen . . . und als ich dann aus der Treppenvorhalle durch den Empfangsraum wieder das Chinesische Zimmer passierte . . . sah ich . . .

Onkel Ludwig: (ganz erwartungsvoll-gespannt) Du . . . sahst . . .?

Dufroy: (von neuem auf und ab) Sah ich . . . (kurz, stärkst) daß ich recht gehandelt!

Onkel Ludwig: (ihm wieder nachblickend) Daß du . . .?

Dufroy: (sich mehr und mehr wieder sammelnd; das Vergangne jetzt, fast ebenso wie für Onkel Ludwig, für sich selbst reproduzierend) Mutter . . . die, trotz ihrer damals bereits Neunundfünfzig, sich doch . . . nach jeder Richtung und in jeder Beziehung . . . immer noch vollkommen aufrecht erhalten hatte . . . die . . . wie es schien . . . von einer dunklen Angst und Ahnung getrieben . . . mir auf dem Fuße gefolgt war und also alles . . . gehört haben mußte . . . Mutter . . . stand vor mir da . . . durch diese kaum sieben Minuten . . . um Jahre gealtert . . . und aus ihren qualverzerrten Zügen . . .

Onkel Ludwig: (in seine Atempause; kurzer, nach innen gezogner, noch immer halb höhnisch-grimmig, fast wie befriedigter Laut) Höh?

Dufroy: (wie noch jetzt darunter leidend und davon gequält) Sprach ein so abgrundtiefer Jammer, ein so hilflos ringendes Elend, eine so verzweiflungsvolle Not . . .

Onkel Ludwig: (ähnlich wie vorhin; nur um eine kleine Nüance bereits nachdenklich-gepackter; zweites »a« kurz und betont) Chaja! Wenn einem so . . .

Dufroy: (auf sein Dazwischenschiebsel gar nicht achtend; konzentriert) Daß meine ganze, empörte, gerechte Auflehnung und Entrüstung . . . daß mein Grimm und mein Groll . . . daß meine Rachsucht . . . die sich bereits wie eine erbitterte Bestie . . . (plötzlich von neuem nach Marianne rüber, die in diesem Augenblick in ein kurzes, unterdrückt-konvulsivisches Schluchzen ausbricht; beunruhigt-mißtrauisch) Diese . . . merkwürdige, . . . innre Anteilnahme . . . mit der sie unser Gespräch . . .

Onkel Ludwig: (ebenfalls nach ihr hin; mit aller Energie, der er in diesem Moment noch fähig ist, gegen eine solche Ausdeutung sich zur Wehr setzend) Es ist doch . . . aber ganz ausgeschlossen, daß sie . . .

Dufroy: (schon wieder in Bewegung; fast unwillig) Selbstver ständlich! . . . Seit jenem Moment . . .

Onkel Ludwig: (da Dufroy, noch nicht ganz wieder gesammelt, eine Sekunde lang wieder stockt) »Seit . . . ?«

Dufroy: (von neuem; verstärkt) Seit jenem Moment . . . in dem die falsche, verlogne, künstliche Gloriole, mit der sie so lange mühsam ihr magdalenisches Haupt umwunden und geschmückt hatte . . . einer wahrscheinlich plötzlich tiefsten, menschlichen Selbsterkenntnis gewichen war . . . in dem ihre Augen bettelten . . . »laß mich nicht ganz allein . . . geh nicht jetzt auch von mir . . . verzeih« . . . in dem wir uns, wortlos . . . über alles, was uns bis dahin feindselig getrennt hatte . . . verstanden und . . . verständigten . . .

Onkel Ludwig: (wieder in seine Atempause und noch mal, unwillkürlich, nach dem Bild hin; widerstrebend-zögernd) Dann . . . war sie ja . . . wohl schließlich doch . . .

Dufroy: (abermals wieder stehngeblieben und zu ihm rüber; noch immer in seinem selben Satz; letzter, wuchtigster Nachdruck) Von jenem Tag ab . . . bis zu dieser Sekunde und bis zu diesem Augenblick . . . wo sie unter der schweren, grausam strafenden Bürde ihrer hohen, auf sie lastenden Jahre gebeugt . . . noch völlig ahnungslos, was uns die letzten Stunden an neuer Sorge, an neuem Kummer und an neuer Trübsal gebracht . . . sicher, wie immer um diese Zeit . . . unruhig, unstät und schlaflos . . .

Onkel Ludwig: (ergriffen vor sich hin) »Schlaflos . . .!«

Dufroy: (der jetzt elastisch in den Erkerbau tritt, wo er die Draperie vor der Balkontür mit einem Ruck seiner Rechten weit zurückschlägt) Willst du dort . . . bitte, sehn?

Onkel Ludwig: (der gar nicht erst wagt, sich auf seinem Stuhl, in dem er immer kläglicher zusammengesunken ist, überhaupt auch nur umzudrehn; abwehrend-jämmerlich) Die hellen drei Fenster . . . die mich schon manchmal . . .

Dufroy: (die Draperie wieder fallen lassend) Und die auch heute wieder . . . vor morgen früh . . .

Onkel Ludwig: (immer weicher und rührseliger) Ich . . . habe mir oft . . .

Dufroy: (wieder in den Vordergrund) Kann Reue und Selbstverdammung . . . kann Einkehr und Umkehr . . . kann aufrichtige Buße . . .

Onkel Ludwig: (ganz gedeppt) Das sag ich ja auch! Das . . .

Dufroy: (noch stärker; jetzt wieder, ähnlich wie vorhin, vor ihm rechts) Ein halbes Leben in Schuld verbracht . . . wieder sühnen und gut machen . . . unsre alte Mutter drüben . . .

Onkel Ludwig: (melancholisch nickend) Unsre alte Mutter drüben . . .

Dufroy: (letzte, ihm ins Gewissen redende Eindringlichkeit und Kraft) Hat ihre Verfehlungen und Irrtümer, hat ihre Abirrungen und Vergehn, hat ihre Pflichtvergessenheit und ihr Unrecht, indem sie ihrer Herrschsucht entsagte, ihren Stolz demütigte und ihre Eigenliebe kasteite . . . du magst sagen, was du willst . . . seit Jahr und Tag längst und bis auf den letzten Rest, in jeder Form, die ihr überhaupt möglich war, getilgt, ausgelöscht und abgetragen!

Onkel Ludwig: (zerknirscht-geknickt; nun schon längst nicht mehr sein Gegner) Getilgt . . . ausgelöscht und . . .

Dufroy: (von neuem sich steigernd, keine Faser in ihm unberührt lassend) Schon daß sie damals, als ich mich, um einen schwersten, innern, seelischen Konflikt mit mir auszukämpfen, zu meiner großen, vierjährigen, indischen Reise entschloß, so bitter grausam grade damals mein Abschiednehmen sie auch traf . . . schon daß sie damals, mich voll verstehend, nicht bloß mir und sich jede . . . und wenn vielleicht auch noch so nahe liegende, vorzeitige, neugierige Frage ersparte, sondern auch, daß sie in meiner Abwesenheit, ohne daß ich etwas davon ahnte, ihre Nichte, meine dann spätere Frau, derentwegen ich meine langwierige Fahrt . . . du wirst ja den ungefähren Zusammenhang . . .

Onkel Ludwig: (zur Kranken rüber; nickend) Hat mir Mariannchen . . .

Dufroy: (über diese Bestätigung hinweg; noch immer in seinem selben Satz weiter) Unternommen und angetreten . . . und der sie bis dahin immer nur die denkbar kühlste Ablehnung und Abweisung entgegengebracht hatte, aus eigenstem Antrieb und in liebreichster Weise zu sich ins Haus nahm und mich dann schließlich bei meiner Rückkehr auch noch mit diesem (Kopfbewegung nach rechts) großen, modern vornehmen Pracht- und Prunkbau überraschte . . .

Onkel Ludwig: (dem trotz seiner seelisch bereits vollkommnen Zermatschtheit vor diesem großen, angeblich »modern vornehmen« »Pracht- und Prunkbau« der Laut auf den Lippen stirbt) P . . . p . . .?

Dufroy: (noch ahnungslos-überzeugter) Pracht- und Prunkbau, den sie in der klugen, sichern, weiblich gescheuten Voraussicht, daß mein beherzter, kühner, mutiger Fluchtversuch ins Tropenblaue mir nichts mehr helfen und nützen würde . . .

Onkel Ludwig: (erst jetzt seinen Protest, wenn auch von Dufroy sofort wieder unterbrochen, über die Lippen bringend) »P . . . Pracht- und . . .«

Dufroy: (noch verstärkt) In der Zwischenzeit hatte errichten und fertigstellen lassen, um ihn dann dem jungen Paar, dessen Hände sie selbst vereinte . . .

Onkel Ludwig: (schon ganz hilflos-verwirrt) Nu ja, ja, aber . . .

Dufroy: (in seiner Letztaufrollung, da er auch sogar jetzt noch auf kein Detail glaubt verzichten zu dürfen, weiter) Während sie in unsrer ganzen, neunjährigen Ehedauer durch nichts zu bewegen und zu bestimmen war, diese alte Behausung . . . (auf eine unwillkürliche, halb wie protestierende Bewegung Onkel Ludwigs) wenn sie dir auch lieb und wert ist, aber an die sich doch begreiflich die traurigsten, quälendsten Vorstellungen und Erinnrungen für sie knüpften, mit einer entsprechenden Zimmerreihe in unserm neuen Domizil zu vertauschen . . . bereits diese ersten Symptome und Anzeichen waren mir untrügliche Beweise, daß ihr Herz sich bekehrt, ihre Seele sich geläutert und ihr Wesen sich gewandelt hatte!

Onkel Ludwig: (mit dem Versuch, sich wieder aufzurappeln) Und ich hatte . . . in meiner weiten . . . einsamen Ferne damals . . .

Dufroy: (noch immer nicht fertig; nun auch noch auf das Traurigste und Trübseligste kommend, das er überhaupt während seines ganzen Daseins erlitten) Eine Läuterung und Wandlung, die sich dann noch vertiefte und sich bereits seltsam dunkel und düster zu färben begann, als durch den vielleicht doch schwersten Schlag, der mich bis heute getroffen . . . als durch den frühen . . . schmerz- und qualvollen Tod meiner jungen . . . von mir über alles innigstgeliebten Frau . . .

Onkel Ludwig: (in seine versagende Stimme) Liebster . . . Bruder! Liebster . . .

Dufroy: (an diesen für ihn Qualworten fast würgend) Den ich noch dazu selbst . . . (abbrechend und in seiner ursprünglichen Linie wieder weiter) mein Leben plötzlich verarmt war . . . und nicht einmal das blühende Heranwachsen . . . der beiden Kinder . . . (plötzlich ans die Uhr starrend, die in diesem Moment wieder Viertel schlägt).

Onkel Ludwig: (dessen Herz mit ihm blutet) Armer . . . Bruder! Armer . . .

Dufroy: (mit Gewalt sich wieder zusammenraffend; Auto) Der furchtbare . . . Entsetzensschlag . . . der uns dann schließlich alle . . . kaum zwei Monate vor deiner endlichen Wiederzurückkehr . . . durch Mariette traf . . . (angstvoll nach Marianne rüber und wie aus einmal plötzlich ohne aber auch alle und jede Hoffnung) und dessen letzte Folgen . . . jetzt vielleicht noch ausstehn . . .

Onkel Ludwig: (fast schluchzend und ohne, daß er sich dagegen wehren kann, beinahe ähnlich) Es . . . wird ja schon . . . (in diesem Augenblick, daß beide zusammenschrecken, von unten her links wieder das schrille Telephongeklingel).

Marianne: (die Augen noch immer geschlossen; Geste: wie schmerzlichst etwas abwehren oder verhindern sollend) Nein! . . . Nicht!!

Onkel Ludwig: (in seinem Stuhl sich zusammenruckend; nach dem verklungnen Telephongeklingel) Dieses . . . verdammte . . .

Dufroy: (ihn und sich selbst damit beruhigend) Du siehst, daß sie nun bald . . . (abbrechend und von neuem in seiner alten Linie weiter) Jene . . . Wahnsinns- und Grausenstat . . . jenes unmenschliche . . .

Onkel Ludwig: (stärkst; das Wort, vor dem Dufroy unwillkürlich, selbst in diesem Moment noch, zurückschreckt, unbedenklichst aussprechend) Verbrechen . . .

Dufroy: (in ihrem jetzt gemeinsamen Satz weiter) Brach sie dann vollends . . . und als du dann gar . . .

Onkel Ludwig: (kläglichstes, nachträgliches Bedauern) Hätt ich . . . geahnt, hätt ich . . .

Dufroy: (wie vorhin; nur noch verstärkt) Als du dann gar . . . (halb nach der Kranken hin) durch den kleinen, kurzentschlossnen Genie- und Gewaltstreich Mariannes . . . für den wir ihr gar nicht genug danken können, überrumpelt . . .

Onkel Ludwig: (zu ihr rübernickend; gerührt-zärtlichst) Das gute . . . Seelchen! Das . . . brave . . .

Dufroy: (noch in seinem selben Satz; immer mit den entsprechenden Gesten) Wieder in dies alte Haus zogst, und Mutter dich dann fast täglich, wenn du im Garten warst, sah . . .

Onkel Ludwig: (wie sich mit einmal darüber klar werdend und sich deutlichst erinnernd) Es . . . war mir doch . . . oft . . .

Dufroy: (auch jetzt noch wie vorhin) Und Marianne stets . . . sobald sie bei uns drüben war . . . immer wieder von dir erzählte . . .

Onkel Ludwig: (wieder, jetzt fast mit mildem Vorwurf, nach Marianne rüber) Das . . . hat sie mir . . . nie . . .

Dufroy: (erst jetzt, jeden Iktus nachdrücklichst betont, seinen Satz schließend) Wurde ihr qualschweres, peinvolles, bußreuiges Purgatorium . . . zu einem hoffnungslosen Inferno!

Onkel Ludwig: (durch dies allerletzte Schlußwort bis in sein Innerstes getroffen) Zu einem . . . hoffnungs . . .

Dufroy: (noch schwerer) Zu einem hoffnungslosen Inferno!

Onkel Ludwig: (nach einem kurzen, letzten Ringen) Und wenn ich nun . . . positus . . . und gesetzt den Fall . . .

Dufroy: (mahnend-eindringlich, fast priesterlich) Es ist deine Pflicht! Deine ernste, heilige, unabweisbare Pflicht!

Onkel Ludwig: (in seinem Satz fortfahrend) Dem Exempel . . . das du mir so schön . . . und lehrreich gegeben . . .

Dufroy: (ebenso) Zu folgen und deiner Mutter den Frieden . . .

Onkel Ludwig: (in derselben Linie) Nach dem sie verlangt . . .

Dufroy: (wie vorhin) Und den du ihr nicht erst jetzt, sondern eigentlich schon längst . . .

Onkel Ludwig: (an seinem Stock sich mühsam aufrappelnd) Dann . . . wollen wir doch aber auch . . . sofort . . . (plötzlich, ganz erstaunt-überrascht, nach Marianne rüber) Kuck!

Dufroy: (noch fassungslos-perplexer) Mit . . . gefalteten Händen!

Onkel Ludwig: (der kaum seinen Blicken traut) Die geschlossen . . . Augen . . . wie sehend . . . erhoben!

Dufroy: (noch gesteigert) Diese . . . seltsam verklärten Züge! . . . Als . . . ob . . .

Onkel Ludwig: (ganz andächtig-gerührt) Als ob . . . sie über uns arme Sünder . . .

Dufroy: (nach der Tür rechts zurück, auf die zu man von draußen Schritte hört; der Drücker wird in diesem Moment bereits aufgeklinkt) Georg!

Georg: (hastig durch die Tür und diese schließend) Marianne . . . noch nicht wach?

Dufroy: (über seine Frage hinweg; fast gleichzeitig; gespannt-erwartungsvollst) Warum bliebst du . . .

Georg: (die Augen auf Marianne, tiefst aufatmend, wie von einer Zentnerlast befreit) Gott sei Dank!

Onkel Ludwig: (wie Dufroy; Ton noch inquirierender) Was war denn das . . .

Dufroy: (in Onkel Ludwigs Frage fast atemlos-erregt einfallend) Für ein Telephongeklingel?

Georg: (auch ihre gemeinsame Frage wieder ignorierend; nach der Uhr) Über viertel Zwölf!

Onkel Ludwig: (entschlossen, sich das nicht »gefallen« zu lassen; Geste mit der erhobenen Linken nach der Tür rechts) Soll ich dir . . . sagen . . .?

Georg: (kurz, kühl; seinen üblichen Gang aufnehmend) Bitte?

Dufroy: (ihm nachblickend, ebenso wie Onkel Ludwig; durch dessen begonnene Schwatzhaftigkeit zu seinen erläuternden Worten unwillkürlich gedrängt) Wir hatten vorhin . . .

Onkel Ludwig: (da Dufroy, etwas geniert, bereits stockt; triumphierend-beeilt) Als du die Treppe runter gingst . . .

Georg: (einen Moment halb nach beiden zurückgedreht; noch immer ausweichend; fast als ob er sich über sie belustigen wolle) Ah, so! . . . Na! . . . Dann seid ihr ja bereits informiert!

Dufroy: (irritiert-achselzuckend) Einstweilen . . .

Onkel Ludwig: (in derselben Linie, sich beschwerend-erbittert) So lange du uns die Sache . . .

Georg: (zu Dufroy; jetzt zu dem Entschluß gekommen, ihm klaren Wein einzuschenken; ohne ihn dabei anzublicken) Also ich habe . . . um s dir sofort und gleich zu sagen . . . ich habe mein Wort . . . das ich dir vorhin gegeben . . . (da er spürt, daß es durch beide wie ein Ruck gegangen, abbrechend und mit einem schnellen Seitenblick zu Dufroy rüber von neuem) Ich habe mein Wort . . .

Dufroy: (da Georg wieder stockt; strengst verweisend; als ob er eine solche Möglichkeit überhaupt gar nicht annehmen könne) Du hast es doch nicht etwa . . .?

Georg: (in der Ecke hinterm Schreibtisch rechts einen kurzen Moment stehnbleibend und Dufroys Blick standhaltend; dann seinen Gang um so erregter wieder aufnehmend) Ja! . . . Ich hab s eben gebrochen! . . . (zornigst-heftigst) Wortwörtlich gebrochen!

Onkel Ludwig: (nach einem empörten Blick zu Dufroy, der wie starr steht; grollend zu Georg rüber, wie den Sinn noch nicht kapierend) »Wortwörtlich . . .?«

Georg: (noch gesteigert-ergrimmter) Wortwörtlich gebrochen!! Ja!!

Dufroy: (wieder mal mit ihm »fertig«; trotzdem alles in ihm tobt, gradezu »kalt«) Willst du die Güte haben . . . mir zu erklären . . . wie du als Mann von Ehre . . .

Georg: (ihn unterbrechend; fast wie mit dem Versuch, sich vor sich selbst zu verteidigen) Usedom hatte von mir den striktesten Auftrag erhalten, Herrn Baron . . .

Dufroy: (bereits erratend, was er sagen will; in aufloderndem Jähzorn ihm schärfst ins Wort) Eine elende Spitzfindigkeit und Sophisterei, die ich dir nie . . .

Georg: (ihn ebenfalls nicht ausreden lassend; seine Heftigkeit noch überbietend) Diese Pestkanaille erst für übermorgen früh zu bitten!

Onkel Ludwig: (zu Dufroy; triumphierend) Hab ich s nicht . . .

Dufroy: (vor Entrüstung kaum fähig zu sprechen) Mir fehlt hier . . .

Georg: (seinem Haß elementar die Zügel schießen lassend) Der Edle, dem es in seiner offenbar zum erstenmal abgeblitzten Liebesbedürftigkeit ungeheuer daran zu liegen schien, seine körperliche Umhüllung so schleunig, als nur irgend möglich . . .

Dufroy: (wie vorhin; sich kaum mehr kennend) Du solltest nicht jetzt noch obendrein . . .

Georg: (nun auch seinerseits noch maßloser; in seinem Satzgefüge verharrend) Prophezeiungs- und programmgemäß . . .

Dufroy: (sich zusammenreißend; ihm noch mal ins Wort; drohende, fast wie verwarnende Geste) Auch dir, lieber Sohn . . .

Onkel Ludwig: (während Georg, im Hintergrund stehngeblieben, jetzt zu beiden rüberblickt, Dufroy sich anschließend und ebenso seine erhobne Rechte schüttelnd) Noch in der gleichen Sekunde . . .

Dufroy: (wie vorhin; in derselben Linie, noch gesteigert, weiter) Unter den gleichen Umständen und aus dem gleichen . . .

Georg: (in ihrem Satz, sarkastisch-verächtlich, noch einen Atemzug weiter und dann sofort, erbittertst, abbrechend) Süßen Munde . . . (auf den Schreibtisch gestützt, gegen beide höhnisch vorgebeugt) Glaubt doch nicht . . .

Dufroy: (seinen Blick erwidernd; noch empört verbissner; fast außer sich) Daß du dich dadurch . . .

Georg: (mit gekrampften Fäusten einen Schritt zurück) Oder daß ich nicht sogar ganz im Gegenteil bereits längst fest entschlossen wäre . . .

Dufroy: (umschlagend; vollständig veränderter Tonfall) Bester Georg . . .

Onkel Ludwig: (zu Dufroy; plötzlich fast wie ängstlich-mahnend; dabei gleichzeitig besorgt-scheuer Blick nach Georg rüber) Du siehst . . . daß wir ihn . . . auf diese Weise . . .

Georg: (von neuem auf und ab; seine die beiden instruierende Erklärung wieder aufnehmend) Kurz und gut, der Mensch . . . was ich nicht einen Augenblick hatte vorausahnen können, weigerte sich . . . bestand schon auf morgen, und auch ein nochmaliger, letzter Versuch, zu dem sich Usedom erst nach langem Hin und Her und nur sehr schwer bestimmen ließ, den Sieur zu bewegen, seinen kostbaren, wertvollen Lebensfaden wenigstens noch um vierundzwanzig Stunden zu verlängern, mißglückte, nachdem es uns endlich und schließlich gelungen war, den seiner Existenz so heftig sentimental Müden, der sich inzwischen durch die prompt hilfsbereite Vermittlung seines, wie wir respektvollst zu hören bekamen, mit ihm vervetterten, heimatlichen Herrn Botschafters bereits seinen Sekundanten gesichert hatte, in seinem Hotel wieder zu erreichen!

Dufroy: (der so lange an sich gehalten) Wortbruch . . .

Onkel Ludwig: (da Dufroy, nachdem er dieses eine Wort herausgebracht, seine innre Erregung erst gewaltsam runterschlucken muß; in die so entstandne Pause; ihm beipflichtend) Ich muß offen . . .

Dufroy: (beide Akzente durch energisches Kopfnicken hartnäckigst unterstreichend) Bleibt Wortbruch!

Georg: (von neuem ausbrechend; vorn rechts wieder stehngeblieben) Du verlangst . . . ich soll die Bestie . . .

Dufroy: (unwilligst) »Bestie!«

Georg: (noch heftiger) Nur weil es ihr beliebt . . .

Onkel Ludwig: (auch jetzt wieder ganz aus Dufroys Seite) »Beliebt!«

Dufroy: (vor innerster Empörung fast zitternd) Nicht, »weil es ihr beliebt«, sondern weil du dir, und zwar vor dir selbst, zu schade sein solltest, einen Menschen, der sich dir stellt, überzeugt, daß deine Kugel ihn morgen früh . . .

Georg: (von dem, was er sagt, tiefinnerlichst überzeugt; seinen Gang wieder aufnehmend) Sie würde ihn treffen, auch übermorgen früh! Ich habe den ersten Schuß, und ein zweiter, verlaß dich drauf, auch übermorgen früh, würde nie fallen!

Onkel Ludwig: (ihm nach; die erhobne Rechte schüttelnd) Trotzdem!! Trotzdem!!

Dufroy: (dem diese Drohung in diesem Moment letzter, heiligster Ernst ist; so eindrucksvoll-energisch, als nur möglich) Ich . . . ziehe meine Hand von dir, ich . . . kenne dich nicht mehr, wenn du . . .

Georg: (wieder ausbrechend; mit letzter Vehemenz; ohne nach den beiden auch nur hinzublicken) Tut, was ihr wollt, nennt mich den wortbrüchigsten aller Halunken, stellt euch auf den Kopf . . .

Dufroy: (fast wie mit Ekel und Abscheu bereits vor ihm zurückschaudernd) Du wirst . . . deine Bluttat . . .

Georg: (noch gesteigert) Ich werde, was ich mir vorgenommen habe . . .

Marianne: (die Augen noch immer geschlossen, plötzlich wie wehklagend) Morgen . . . früh . . . bevor . . . die Sonne . . .

Georg: (ganz entsetzt stehngeblieben; nach ihr rüber) Um . . . Himmels . . . Willen! (lautes, doppeltes, sich steigerndes Autosignal).

Onkel Ludwig: (erschüttert zu Georg; Seitenblick nach Dufroy und Marianne) Du . . . siehst . . . daß man nich ungestraft . . .

Dufroy: (der Georgs tiefsten Schreck gesehn; nach Marianne; wieder vollständig veränderter Tonfall) Die Anzeichen . . .

Georg: (noch wie vorhin) Welche . . . »Anzeichen?!«

Dufroy: (der ihn dadurch zu beruhigen vermeint) Die Anzeichen, daß sie nun bald . . . erwachen wird . . .

Georg: (dem fast der Atem stockt; ihn unterbrechend; dabei wieder schneller, angstvoller Blick nach der Uhr) Sie . . . darf nicht erwachen!

Dufroy: (der in seiner innern Erregtheit auf Georgs Ausruf gar nicht achtet; seinen Satz, noch nachdrücklicher, beendend) Werden immer lebhafter!

Onkel Ludwig: (ganz verständnislos-erstaunt zu Georg rüber) Du solltest dich doch . . . freuen . . .

Georg: (wie vorhin; nur noch stärker) Sie darf nicht erwachen!!

Dufroy: (nun ebenfalls stutzend) »Sie . . .?«

Georg: (allerenergischst; zuletzt voller, fester Blick auf die Uhr) Sie darf nicht erwachen!! Wenigstens nicht vor Zwölf!!

Onkel Ludwig: (ihn noch immer nicht verstehend; ganz paff) »Nicht vor . . .?«

Georg: (zu beiden; erklärende Handbewegung mit der ausgestreckten Linken nach Marianne rüber) Sie lebt in der festen Autosuggestion . . .

Onkel Ludwig: (der ihn jetzt endlich begriffen; fast wie mechanisch einfallend) Daß sie diesen Tag . . . (in seinen Sessel zurückfallend; ganz entsetzt; mit der ausgespreizten Rechten sich dabei über die Stirn streichend) Richtig!


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