Autorenseite

 << zurück weiter >> 

14

Martin Opterberg hatte die Träume abgeschüttelt. Als ein Verjüngter war er heimgekehrt von dem Opterberghof der Frau Christiane, als ein Ernster und Froher zugleich. Aus klaren Augen überblickte er die Geschehnisse der Zeit, die vergangenen wie die kommenden, denn sein Wirklichkeitssinn sagte ihm, daß ein Volk, das die alte Obrigkeitsgewalt mit einem bloßen Heben der Achseln abgeschüttelt habe, in einen Taumel der Überhebung geraten müsse und jede neue von ihm selbst bestellte Obrigkeit nur als Ausführerin der eigenen Wünsche und Befehle ansehen würde, die bei nicht zusagender Arbeit ohne weitere Kündigung wieder auf die Straße zu setzen sei. Ein Spatzenschreck war sie bestenfalls, und im schlimmen Fall, der nicht außer acht gelassen werden durfte, eine Platzhalterin für die brodelnden Gewalten der Tiefe.

Sein klarer Ernst wies ihn darauf hin, daß es Jahre des Sichtens und Schichtens bedürfen würde, bis sich das große Leid Deutschlands in die Erkenntnis des neuen Tages und seiner unerbittlichen Arbeitsforderungen umgewandelt haben würde, und seine tiefe Frohheit war dankbar dafür, daß er für die große Menschheitsaufgabe noch ein Leben einzusetzen habe.

Er schritt mit Christoph Attermann über die Werft, die bei dem Fehlen der Baustoffe und der wilden Steigerung aller Preise nur geringe Beschäftigung hatte. Er musterte die Arbeiterschaft und fand nur noch ein Häuflein der Getreuesten vor. Gar mancher der Kräftigsten und Geschicktesten war draußen vor dem Feind geblieben, und gar viele der Lebenden waren auch dem stürmischen Drang der Zeit gefolgt und hatten den Platz gewechselt, um an den ausgebotenen Riesenlöhnen leichteren Anteil zu gewinnen.

Die Pflegebrüder besprachen in großen Zügen die zuerst zu ergreifenden Maßnahmen.

»Die Tragbalken sind geblieben. Zwei Dinge kommen in Betracht: Arbeit hereinzuholen und – die Lust an der Arbeit zu heben. Das erstere ist nicht so schwer. Die Schiffsparks befinden sich allenthalben in Unstand, und die Holzpreise werden bezahlt werden müssen, bis die wiedereinsetzende Einfuhr sie eines Tages von selber regelt. Darnach müssen wir uns bei den Abschlüssen halten. Der zweite Punkt aber, die Lust an der Arbeit zu heben, setzt einige Eigenschaften voraus, die wir beide wohl bei uns als vorhanden ansehen dürfen: ein wenig mehr Menschenliebe und ein wenig mehr Selbstlosigkeit. Das gilt für uns im kleinen wie für das Vaterland im großen. Wir wollen in aller Ruhe und Klarheit an die Ausarbeitung eines Entwurfes gehen.«

Und Martin Opterberg schritt den Rhein hinab zu seinem vereinsamten Haus, und Linde Baum gart ging neben ihm. »Ich muß wieder seßhaft werden, Linde,« sagte er, »und unter meinem eigenen Dach wohnen. Sonst fühl' ich mich nur als Gast im Haus und leicht dadurch auch im Werk. Schließ auf. Ah, da ist ja mein großes, stilles Arbeitszimmer.«

Sie ging vor ihm her, von einem Raum zum anderen, und öffnete die Läden, damit das grüßende Licht ihn empfange und alle Dunkelheit vor seinem Fuß zerflattere. Der Herr des Hauses sollte das Haupt heben bei jedem Schritt.

Er bemerkte ihr heiteres Handeln wohl und auch die Ordnung, die überall gehalten war.

»Hier warst du wohl öfters, Linde?«

»Wir müßten sonst mit dem Taucherhelm in die Staubwogen.«

›Vierundeinhalbes Jahr hat sie hier im Stillen geschafft,‹ dachte er, ›und das Deine betreut, während du im Felde lagst und mit keiner Zeile darnach fragtest.‹ Und er trat vor sie hin und ergriff ihre Hand.

»Nun müßt' ich dir einen großen Dank sagen, und es wird doch wieder eine neue große Bitte. Würdest du mit hierherübersiedeln und mir das Hauswesen leiten? Ich möcht's gern heimatlich behalten.«

»War das die große Feierlichkeit wert? Ich hab's mir schon halb und halb gedacht und auch mit den Attermanns besprochen.« Sie knixte lachend. »Morgen kann ich Einstand halten und bitt' um gute Behandlung.«

»Mädel ...,« sagte er, und dann ging er weiter.

Von Stund' an aber regte sich das Leben wieder im Opterbergschen Haus und lief durch alle Räume und suchte die Freude und fand sie allenthalben. Linde Baumgart leitete in Küche und Keller ein stämmiges Westfalenmädchen an, und so stark machte sich die Schule der Frau Christiane geltend, daß es Martin Opterberg oft war, als wäre er daheim in der Hut der Mutter. Oft blieb er am Abend noch ein Stündchen am Eßtisch sitzen und horchte auf ihr wohltuendes Geplauder. Öfter aber noch nahm er sie mit in sein Arbeitszimmer hinüber, wo sie still mit einem Buch unter der Lampe saß, immer bereit, auf eine Frage eine Antwort zu erteilen. Mehr und mehr führte er sie in seine Pläne ein.

An einem Abend erzählte er ihr von dem Jugendfreunde Broich und dem Wiedersehen in Düsseldorf. »Als Hauptmann ließ er dem Vaterland seine rechte Hand. Jetzt verkauft er ebenso stolz mit der Linken Zeitungen, und Frau und Kinder helfen ihm. Diese heilige Anschauung von Arbeit und Familienleben hat einen starken Eindruck auf mich gemacht.«

»Ich wüßt', was ich tät',« sagte Linde Baumgart.

»Dann laß es mich auch wissen.«

»Aus solchen Hauptleuten müßt' sich das ganze Volk zusammensetzen, wenn's wieder werden wollt'. Ich würd' ihn, wenn ich der Martin Opterberg wär', zu mir holen und ihm die kaufmännische Leitung des Werks übertragen. Und ich hätt' nicht nur den zuverlässigen Mann, sondern auch ganz nah bei mir den Freund. Alte Freunde aber bedeuten neue Jugend.«

Einen Monat später siedelte der einhändige Broich mit Frau und Kindern über. Er schlug seine Wohnung im Geschäftshaus der Werft auf, und es war vor allem Therese Attermann, die der Jugendfreundin und einstigen Mitstudierenden mit Rat und Tat zur Seite stand. Allwöchentlich fand sich der Freundeskreis zu einem Plauderabend zusammen, abwechselnd im Hause eines jeden, und die Freiburger Erinnerungen stiegen auf, wurden lebendig und in heitere Verklärung gesetzt.

Auch nach der Lautenspielerin wurde verlangt, aber Therese Attermann verschloß sich zum ersten Male den Bitten der Freunde und selbst denen ihres Mannes und blieb dabei, das Erinnerungsbild würde Schaden leiden, wenn sie hier die Jugend von ehemals vortäuschen wolle, und das leide ihre weibliche Eitelkeit nicht. Darum müsse ihre um so viel jüngere Schwester Linde die Rolle übernehmen. Da sang Linde Baumgart die Lieder zur Laute an der Schwester Statt, die alten Volks- und Liebeslieder, die voll von der Sehnsucht sind und ihren Erfüllungen. Das Lachen ihrer Augen schwand und, wurde ein fernes Fragen und Horchen. In sich gekehrt und dem Kreis entrückt saß sie und schmiegte die Wange an den Lautenhals, wie es einst die Therese Baumgart getan hatte in den Tagen der Schwarzwaldwanderungen, und Martin Opterberg schaute mit gebannten Augen auf das Bild, wie es Therese Attermann tat, die mit feuchten Augen lächelte ...

An einem dieser Abende brachte Broich einen Brief mit, den er am selben Tage von Tillmann erhalten hatte. Der Armierungssoldat und Kunstgelehrte war, kurz nach der letzten Begegnung mit Martin Opterberg und Christoph Attermann, bei einer Grabenüberrumpelung in französische Gefangenschaft geraten und nun mit einem der ersten Gefangenenschübe ins Rheinland zurückgesandt worden. In dem Briefe bat er um eine Unterredung mit den Freunden, da er »auf Grund gegenseitiger Abneigung« die Scheidung von seiner Frau und diese die Scheidung von ihm beantragt habe.

»Nie ist eine Abneigung gegenseitiger gewesen,« schloß er grimmig, »und daß ist meine einzige Genugtuung.«

Über nichts anderes wurde an diesem Abend gesprochen als über den begeisterungsseligen und so übel entgleisten Fuchsmajor der Freiburger Burschenschaft. Die Freunde riefen sich das Bild des flotten Studenten auf dem Kneip- und Fechtboden in die Erinnerung zurück und gedachten des Eindrucks, den der schwärmende Führer bei ihrem ersten Anstieg auf die Schloßberghöhen in ihrem jungen Blut hinterlassen habe. Und die Frauen rühmten sein ritterlich Wesen auf Wanderungen und Schneeschuhfahrten. Aber auch seine Wandlungen seit Eingang der Ehe mit der verwöhnten und anspruchsvollen Klarenbachin erwähnte Broich, seinen wissenschaftlichen Müßiggang und sein Beharren im studentischen Ton und Gehaben.

»Sie hat ihn doch gewählt, weil er ihr von allen der Liebste war,« meinte verwundert Frau Hilde Broich.

Therese Attermann schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie hat ihn gewählt, weil er ihr, solang sie selber Studentin war, in seiner Fuchsmajorwürde und freiherrlichen Burschenart den stärksten Eindruck machte. Das galt für das kleine und genügsame Freiburg und für das romantische Studentenleben. Für das reiche und großartige Düsseldorfer Fabrikantenleben langte die Fuchsmajorwürde nicht aus und hielt darum die Mädchenbegeisterung nicht vor.«

»Aber sie hieß doch die eifersüchtigste Frau weit und breit?«

»Weil sie ihn nährte und kleidete und darum als Ihr alleiniges Eigentum ansah. Das ist durchaus bezeichnend für diese Frauenart und braucht mit einer Liebesregung nichts mehr zu tun zu haben.«

»Aber sie war ihm treu,« sagte Martin Opterberg.

Therese Attermann sann nach. Ihre Augenbrauen rückten aneinander.

»Ich mag das nicht für ein Verdienst halten. Er mußte ja jeder ihrer Winke gewärtig sein. Es gibt eine Treue, und ich weiß es aus den Vorkommnissen in meinem Beruf, eine hirn- und seelenlose Treue, die den Mann bis zur eigenen Untreue plagen kann. Mir scheint, der Heißkopf Tillmann ist auf ein totes Gleis verfahren worden, als er allzu hastig nach dem goldenen Vögelchen griff.«

»Was nun mit ihm? Sein Notruf geht an die Freunde.«

»Laßt ihn herkommen. Viele schauen anders aus, als sie schreiben. Oft leichtfertiger, oft zerschlagener.«

Und Tillmann kam. Sein einst so gutgehaltener Körper war durch die schwere Schnitzarbeit ausgereckt, seine Arme erschienen länger, seine Hände hingen breit und plump in den Gelenken. Ein gequälter Zug stand in seinem Gesicht und ein aufflackerndes Mißtrauen in seinen Augen. Er stieg im Hause Attermann ab und redete in den ersten zwei Tagen kaum ein Wort.

Frau Therese ließ ihn ruhig gewahren. Mit dem geschärften Blick der Ärztin erkannte sie sofort die seelische Natur seines Leidens und den knirschenden Kampf zwischen Haß und Scham.

Scharf und argwöhnisch beobachtete er seine Gastgeberin. Aber als sie sich in ihrer frohen Güte immer gleich blieb und keinerlei Unterschied zwischen ihm und den anderen Freunden machte, wurde sein Blick ruhiger, und der Mund fand ein Dankeswort.

»Ich bin wie ein mißtrauischer Hund. Ihr müßt mir das schon verzeihen. Aber wer das durchgemacht hat in der Gefangenschaft« – er ballte wie im Krampf die unförmig gewordenen Hände – »dieses Angespucktwerden von Frauen und Kindern, dieses Herumgestoßen- und Getretenwerden von Aufsehern und Soldaten, dies hämische Angelocktwerden, um zum gemeinsten Schabernack zu dienen, dem ist es gleichgültig geworden, ob er im Steinbruch gearbeitet hat, bis er zusammenbrach, oder ob er blindgegangene Granaten aus den Ackern buddlen mußte und jederzeit in Fetzen fliegen konnte.«

Erst hatte er langsam und mit schwerer Zunge gesprochen. Dann aber geriet er in eine Hast, und die Worte überstürzten sich.

»Ohne Waffe, mit der Schippe in der Hand, wurden wir aus dem Grabenstück herausgeholt, wie eine Herde Vieh wurden wir behandelt. Einerlei – alles einerlei. Einmal mußten wir ja erlöst, heimgeschickt, von der dankbaren Heimat wehmütig ans Herz gedrückt werden. Herrgott, die Träume – die verrückten Traume! Ein ganz neues Leben hab' ich mir ausgemalt. Zusammengehörigkeitsgefühl in dieser Zeit der Not und Schmach. Und eine Reinigung, ein Emporsteigen durch den neuen Arbeitswillen. An eine weinende Frau dacht' ich. Bei Gott, es war nur eine keifende.«

Die Freunde saßen stumm und schauten zur Erde. Und der Ergrimmte fuhr fort, sich zu befreien.

»Ja, ja, ja, sie war es satt mit dem Herumtreiber, gründlich satt. Der Mensch hatte sie ja schon in Friedenszeiten bloßgestellt und im Kriege lächerlich gemacht. Und jetzt kam er wie ein Straßenlump daher, der sich bei Tische kratzt und seine Kotstiefel auf ein geblümtes Kanapee streckt. O nein, gesagt und ausgesprochen hat es die geborene Klarenbach nicht, aber fühlen lassen hat sie es mich, so todmüd ich war, und ein beständiges Gezeter unterhalten, das um den Kern der Sache herumschoß wie die Katze um das Wollknäuel und mir langsam und sicher die Scham vor dem eigenen Leib aus allen Poren trieb, als hätt' ich den Aussatz. Und dann kam der Haß hinzu, der Haß auf die Frau, die mich wie einen jungen Tanzbären am Nasenring herumgeführt hatte, um mich in die Ecke zu jagen, als sich Motten im Pelz zeigten. Diese Motten aber hatte ich vom deutschen Vaterland statt Orden und Ehrenzeichen erhalten, und als sie mich darum schmähte, nahm ich den letzten Rest von Anständigkeit zusammen und warf sie aus dem Zimmer. Schlußerfolg: Gegenseitige Klage auf Grund gegenseitiger Abneigung.«

Tillmann schwieg. In seinen Augen flackerte und funkelte es. Der ganze, ein Jahrzehnt lang angesammelte Grimm des unterjochten Mannes durchtobte ihn. Und plötzlich schlug er in die Ergriffenheit der Freunde wie mit der Fastnachtpritsche hinein:

»Bemogelt hab' ich sie trotzdem. Des freut' sich meine Seele. Bemogelt, wie der Schoßhund seine Herrin bemogelt, wenn er brav durch die geöffnete Haustür schreitet und draußen, hast du nicht gesehen, um die Ecke wischt. Vom ersten Ehetag an hat sie mir Taschen und Schreibtisch durchsucht, aber nichts fand sie, nichts als alte, vergilbte Liebesbriefe aus Großmutters Zeiten, und die sammelte ich als Kunstgelehrter und Kulturforscher, je mehr, je lieber. Da hatt' ich ein lustig Mittel für meinen lustigen Briefwechsel gefunden. Tusche, meine lieben Freunde, ein bißchen chinesische Tusche in ein paar Tropfen Milch verrieben – Herr meines Lebens, das wurde eine Tinte, so grau und gilb auf dem Papier, als wär' sie in der Biedermeierzeit aus dem Federkiel geflossen. Damit hab' ich sie angeführt. Mit der Milchtusche, meine lieben Freunde, die ich als Zeichen meines Vertrauens vergab, wenn mich der Nasenring verrückt machen wollte. Nun ist es kein Geheimnis mehr. Ich habe es der Ällergnädigsten zum Zeichen meiner Dankbarkeit mitgeteilt.«

Und nun lachte er, bis es ihn wie ein Weinen schüttelte.

Frau Therese Attermann war auf den Widerstandslosen zugetreten. Ruhig und schlicht.

»Jetzt werden zunächst die Kräfte gesammelt und die Nerven zurecht geflickt. Dazu ist dies gerad' das rechte Haus. Denn dies ist ein Freundeshaus für den Sommer und Winter im Leben. Ausgeschlafen, ausgeschlafen! Wir sterben noch lange nicht.«

Tillmann erhob sich. Er kam zu sich und starrte verwirrt auf die Sprecherin; Und dann ergriff er ihre Hand, drückte seine Lippen darauf und ging auf sein Zimmer.

»Was tun wir mit ihm?« fragten sich nach einer lastenden Pause die Männer.

Und Linde Baumgart sagte und atmete tief auf: »Die Therese hat's ja schon ausgesprochen. Er ist jetzt unter Freunden. Und die Freunde werden ihn wieder zum Menschen aufrichten, indem sie ihm wieder zum Arbeiten aufhelfen. Wenigstens würd's so die Frau Christiane halten.« –

In dieser Zeit hatte Martin Opterberg seinen neuen Wirtschaftsplan vollendet, der kühn und klar den alten erweiterte und die Arbeitsleistungen heben sollte durch gehobene Arbeitsfreudigkeit.

»Um uns her kracht es vom Niedersturz,« erklärte er den Freunden Attermann und Broich. »Eine alte Welt, eine altgewordene Menschheit bricht zusammen. Wir wollen eine neue errichten helfen. Nicht mit der Gewalt, mit der Erkenntnis. Noch stärker als bisher wollen wir die Arbeiter beteiligen und alle Angestellten. Jeder soll erlernen können, wie man durch Kopf- und Handarbeit in die Höhe gelangt, wenn man sich selber einsetzt. Jeder soll durch erhöhte Gewinnbeteiligung das Werk, was er schafft, nicht mehr als ein fremdes, sondern als ein eigenes ansehen lernen, für das er einsteht mit seinem Stolz und seiner Kraft. Ähnlich, wenn auch in kleinerem Ausmaß, hielt ich es ja schon früher. Jetzt aber hab' ich einen weiteren Schritt getan und eine neue Werftordnung geschaffen. Ich begebe mich eines Teiles meiner Rechte zugunsten des Ganzen. Freiwillig und vertrauensvoll lege ich die Angelegenheiten meiner Mitarbeiter in ihre eigenen Hände. Sie sollen sich selbst regieren nach einem frei von ihnen erwählten Gesetz, bei dessen Grundlegung wir nur ihre Berater sein wollen, und da sie am Aufblühen und Gedeihen des Werkes mit Geldeswert beteiligt sind, werden sie die Faulen und Unbotmäßigen von selber ausmerzen. Alles dies, wenn mein Teilhaber Christoph Attermann zustimmt und unser kaufmännischer und juristischer Leiter Broich meine Aufstellungen geprüft und gebilligt hat.«

»Sprich weiter,« sagte Christoph Attermann. »Hier ist in Wahrheit Morgenluft.«

»Wenige Worte noch,« fuhr Martin Opterberg fort, »denn alle Einzelheiten findet ihr in diesem Betriebsplan ausgearbeitet. Worauf es ankommt, ist die Kerntruppe. Ein kleiner Stamm ist noch vorhanden. Ich weiß ein paar Dutzend Pioniere, die sich mit mir durch Dick und Dünn geschlagen haben, Leute von eisernem Pflichtgefühl im Leben und im Sterben, Zimmerleute und Maschinenschlosser für unsere Werft, Schiffer für unseren Frachtdampfer, der bald hinausgehen wird. Ich will zu ihnen und sie befragen. Um diese Kerntruppe soll sich der weitere Stamm bilden, sie soll die Arbeitsbedingungen und die Grundlöhne für die nächsten festsetzen wie auch die Entlassungsgründe, und mit den nächsten wieder für die übernächsten. So erziehen wir freie, selbstbewußte Männer und keine Knechte, und uns Führern wird freiere Hand und freieres Hirn für immer größere Aufgaben.«

Er dachte nach.

Vor seinem inneren Blick entstanden die Bilder des künftigen Lebens.

»Das ist das Ziel: aus unserem Volk ein Herrenvolk, ein Volk von Herren zu machen! Wenn ich in England, wenn ich in Amerika den geringsten Arbeiter spreche, so beansprucht er von mir den Titel eines »Gentleman«, und in Italien dreht euch selbst der herumlungernde Lazzaroni verächtlich den Rücken, wenn ihr in ihm trotz seiner zerfransten Beinkleider nicht den »Galantuomo« begrüßt. Nur die Masse der deutschen Arbeiter suchte bisher ihre Ehre darin, als ›Proletarier‹ zu gelten. Hier muß der Hebel angesetzt werden. Von unten herauf, aus dem Kleinsten heraus muß das Volk und mit ihm das Vaterland zum Begriff der eigenen Würde herangebildet werden, denn weder Geldverdienen noch Geldvergeuden, nur das Bewußtsein der eigenen Würde bringt uns Freiheit und Menschenglück. Der Letzte unter uns muß ein Adeliger werden.«

»Wir gehen mit dir,« sagte Christoph Attermann, und Broich gab ihm mit kräftigem Schlag die gesunde Linke.

Eine Zeit rastlosen Schaffens brach für Martin Opterberg herein. Tage hindurch beriet er mit dem Pflegebruder und dem Freund Punkt für Punkt den neuen Wirtschaftsplan, und der ruhig wägende Jurist in Broich hielt gegen die vertrauensfreudige Denkart der Opterbergbrüder das Gleichgewicht und brachte Punkt für Punkt in die nüchterne, unangreifbare Fassung des Tages.

Dann blieb Martin Opterberg eine Woche verschwunden, und als er heimkehrte, konnte er von seinen alten Pionieren berichten, von denen er ein paar Dutzend aufgesucht und als Mitarbeiter am neuen Wirtschaftsplan verpflichtet hatte. Und schon griff er wieder die Wohnungs- und Siedlungsfrage auf. Da lag das vor Kriegsausbruch gekaufte Gelände mit halbverfallenen Bauernhäusern, die von den einstmaligen Pionieren gleich nach ihrem Eintreffen niedergelegt und mit den alten Baustoffen neu wieder aufgerichtet wurden.

»Schon' dich,« bat Linde Baumgart, wenn sie ihn eine Stunde lang zu Hause sah.

»Bis der Friede unterzeichnet wird und das Leben wieder in seine Bahnen fluten kann, müssen wir fertig und bereit sein, Linde. Könntest du eher Freude gewinnen, Mädchen?«

Sie blickte in die Ferne, als suchte sie den Friedenstag – und schüttelte den Kopf.

»Nein, Martin. So wenig wie du. Und es ist recht so.«

»Aber du sollst dich mehr schonen und mir nicht abfallen vor der Zeit.«

Sie strich mit den Händen an sich herab, als er schon längst gegangen war, über die sehnsüchtigen Mädchenbrüste, über die verlangenden Arme ... »Daß du mir nicht abfällst vor der Zeit,« hatte Martin Opterberg gesagt. »Vor der Zeit! ...«

Noch immer hielt das Krachen und Niederstürzen im Lande an und, wie ein Hohn auf das Elend, die Schaffensunlust und die Gier nach mühelosem Erwerb. Eine Arbeitsniederlegung folgte der anderen, das Heer der Arbeitslosen wuchs, und allerlei dunkle Glaubensboten und Glücksverkünder tauchten auf, um die Leidenschaften anzustacheln und in der Trübung der Gemüter auf Beute auszugehen.

Martin Opterberg und seine Freunde arbeiteten unermüdlich. Mit jedem Meister und jedem Gesellen bis zum ungelernten Arbeiter hinab war ein besonderer Vertrag geschlossen, und alle die Männer schritten festen Fußes über den Werftplatz, als spürten sie unvergänglichen Heimatboden unter sich. Selbst Tillmann hatte sich an einem Morgen freiwillig eingefunden und bat Broich, ihn bei der Bewältigung der Briefschaften unterstützen zu dürfen. Das nahm der Einhändige mit Freuden an, und in der gewonnenen Freizeit richtete er zum Schutz gegen streifendes und plünderndes Gesindel eine Werftwehr aus den gedienten Leuten ein und verteilte die Wachen.

Und wieder ging Martin Opterberg auf die Reise. Er suchte die Reedereien des Niederrheins auf und holte Aufträge herein. Er besuchte die Holz- und Stahlwerke Westfalens und gab seine Bestellungen auf mit kürzester Lieferfrist. Seinem persönlichen Eingreifen gelang es, Widerstände auszuräumen und den Geschäftsverkehr trotz der sorgenvollen Zeit lebendig zu gestalten. Es ging ein starker Zukunftglaube von ihm aus, und man vertraute seiner Art.

In einer Arbeiterstadt des Rhein- und Ruhrgebiets verbrachte Martin Opterberg die letzte Nacht. Schon neigte sich der Mai dem Juni zu, aber die Nächte waren noch kühl in diesem Strich und der Frühling in diesem Jahre herber denn je. ›Und doch wird er kommen, denn es ist ein Naturgesetz,‹ dachte Martin Opterberg, der schlaflos lag. ›Den Glauben festhalten und bei der Stange bleiben!‹ Von der Straße her drang seit Stunden ein Murmeln zu ihm auf. Er öffnete das Fenster und blickte hinaus. In der grauen Dämmerung der Tag- und Nachtgleiche ersah er eine endlose Reihe von Karren und Handwagen jeder Art, die vom nahen Bahnhof bis tief in die Stadt hinein reichte. Hier und dort war ein Hund vorgespannt, die meisten aber wurden von Frauen und Kindern gezogen und geschoben. Jetzt hingen diese Menschen ermüdet und übernächtig an ihren kleinen Wagen und warteten, wie sie schon Stunden gewartet hatten. Vom Bahnhof her kam das Rollen eines einfahrenden Zuges. Der Pfiff der Maschine schrillte durch den ergrauenden Morgen und jagte die Müden aufhorchend empor. Die Väter kamen, die Mütter, die Brüder und Schwestern. Von den Bauernhöfen, viele Fahrmeilen weit, kamen sie zurück, zu denen sie am Abend nach der Tagesarbeit hinausfuhren, um Lebensmittel einzuhandeln. Unter Kartoffelsäcken stöhnend, mit Körben beladen, erschienen sie zu Hunderten auf dem Bahnhofplatz, und der Karrenzug setzte sich in Bewegung, die Füße liefen Trab, und plötzlich war es ein Anstürmen und wildes Anschreien der Hunderte von Erwartungsvollen gegen die Hunderte der heimkehrenden Nachtfahrer. Es war der Hunger, aber auch die Angst vor dem Hunger, und aus der Angst entsprang die Gier: erfassen, was zu erfassen ist.

Dann lag der Platz öd und stumm im Morgendämmern, und nur aus der Ferne knarrten die Räder, flogen zerfetzte Ausrufe hin und her durch die Luft ...

Martin Opterberg trat vom Fenster zurück. Und während er sich ankleidete, sah er im Geist ein anderes Bild, und er sah die Gebrüder Barthelmeß und ihre ungezählten Genossen in fürstlichen Mercedeswagen durchs deutsche Land dahinsausen, zu entwertetem Geld die Lebensmittel vor den Hungernden und Verängstigten hinwegkaufen und sie gegen vollwertiges Feindesgeld durch das »Loch im Westen« schaffen oder gegen Wuchergeld im Lande weiterverkaufen.

Ein Murren lief durch das verelendete Volk und wurde zum wütenden Aufbegehren, aber die Geier blieben unbehelligt, und die Kraftwagen sausten in Staubwolken durchs Land.

Am Abend dieses Tages saß Martin Opterberg in seinem Arbeitszimmer, und am Tisch ihm gegenüber, die Wange in die Hand geschmiegt, saß Linde Baumgart.

»Schau, Mädchen,« sagte er, als er seinen Bericht geendet hatte, »es scheint der Kampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden, was wir in dieser Zeit erleben, aber es scheint nur so. Denn der ehrliche Besitz liegt längst in Todeszuckungen, und nur die dunklen Geschäftemacher blühen und gedeihen und verschleppen ihren Raub ins sichere Ausland.«

»Wenn es nur so scheint – was ist es denn in Wahrheit?« fragte Linde Baumgart und richtete den Blick auf sein gesammeltes Gesicht. »Weshalb wirft sich das ausgeplünderte Volk nicht auf jeden Wucherer und Verschieber?«

»Weil diese Menschenrasse einen rohen und ungebildeten Schlag darstellt, der in der niedersten Sprache zu sprechen weiß und großtuerisch-freigebig mit Tausenden um sich wirft, während er heimlich Millionen zusammenrafft. Ach, Mädchen, öffne deine Augen weit und blick tiefer. Es ist nicht der Kampf und Haß gegen den Besitz, den sich die neue Menschheit wohl über Nacht erwerben kann, es ist der Haß gegen die in der Zucht von Geschlechtern erworbene Vornehmheit, die sie sich nicht über Nacht erwerben kann, und wenn sie selber im gestickten Frack herumläuft und die anderen nur im gewendeten Anzug. Das, Linde, das ist der tiefste Grund des Kampfes.«

»Bleib nicht stehen, Martin. Sprich ein Wort dazu. Einen Hinweis auf eine Wandlung ...«

»Zu einer Wandlung wird ein Menschenalter gehören und mehr,« sagte nachsinnend Martin Opterberg. »Sie reden so viel von einer Einheitschule für alle Besitzstände. Gut, sie sollen sie schaffen. Aber dann sollen sie auch die Auswahl, die sich herausarbeitet, als ihre Führer anerkennen und ihr geschlossen auf den Wegen folgen, die sie ihnen zur neuen Höhe weist. Entweder – oder!«

»Weißt du noch ein Wort, Martin, von den Dingen, die uns nottun? Ich möcht' lernen.«

»Ja, Linde, ich weiß noch ein Wort von solchen Dingen, Ich hab' unser hergebrachtes Christentum im Auf und Ab gesehen, und es hat die Probe nicht bestanden. Da sollten wir die alten Fäden nicht gedankenlos aneinander- und weiterknüpfen. Was uns nottut, Linde, und zumal uns niedergebrochenen Menschen in deutschen Landen, das ist: mit der Erneuerung des Menschentums eine Erneuerung des Christentums. Das Christentums als Kulturträger.«

»Sag es mir ...« bat Linde Baumgart durch die stille Abendstunde.

Und Martin Opterberg sprach in der Stille seine Gedanken aus.

»Gott ist die Allmacht, und er regiert über Milliarden von Weltkörpern, unter denen unsere Erde nur einer der vielen kleinen ist. Christus aber, der Gottmensch, ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen der Erde, zwischen der Allmacht und einem winzigen Teil des Weltalls. So groß müssen wir den Herrgott nehmen und uns so klein, damit wir überhaupt den richtigen Maßstab gewinnen und den klaren Erkenntnisblick. Denn das sagt mir eine innere Stimme: Dasjenige Volk wird im Glücke leben, das in seiner Gottesverehrung und seinem Menschenglauben die größte Klarheit und die größte Einfachheit geschaffen hat. Vereinfachung der Glaubenslehre! Das ist der weltbewegende Punkt. Das sprach schon einmal meine Mutter, als ich noch ein Knabe war, in dem knappen Satze aus: ›Mehr inwendig lernen und weniger auswendig!‹ Was nützen uns die Geschlechterverzeichnisse der Juden und die Entwicklungsgeschichten ihrer Stämme? Stammten wir aus ihrem Samen, so wäre es letzten Endes auch für die Geschichte des Glaubens noch hinzunehmen mitsamt den Weissagungen für diese Volksfamilie. Wir aber entstammen den Urwäldern Germaniens und kämpften uns durch unsere Götter Wodan, Donar und Baldur zu unserem Glauben hindurch. Sie aber, so heißt es, sind unerheblich für die Reinheit des Glaubens. Also werden die fremden Baals und goldenen Kälber wohl ebenso unerheblich für die Reinheit des Glaubens sein. Gebt uns des Gottmenschen Christus Leben und Lehren zum Vorbild und führt die Menschen vor die Größe und Erhabenheit der Gotteswelt, vor die göttlichen Wunder der Natur und des Sternenhimmels, bis sie erschauern vor der Allmacht und sich würdig machen des Glücks, in ihr ein Mensch zu sein.«

Er schwieg, und in seinen Augen stand die Freude am Leben.

Und Linde Baumgart sagte in die Stille des Abends hinein: »Die Quelle der Frau Christiane hat uns auch dies Mutterwort aus dem dunklen Berg in das helle Licht geholt. Mehr inwendig lernen – und weniger auswendig.« – –

Der Stille des Abends folgten sturmschwere Tage. Sendboten predigten ungestört in der Gegend ringsum, verwirrten die Begriffe, reizten die Arbeitsscheuen auf gegen die Arbeitsfreudigen. Mancherorts wurde mit Gewalt die Stillegung der Werke erzwungen, um jede und die letzte Obrigkeitsgeltung hinwegzufegen und den ungezügelten Willen an ihre Stelle zu setzen. Ein Wüten von Blinden und Tauben hatte begonnen, die um einer Handvoll rauschender Feiertage willen die Selbstvernichtung daran wagten, und in den Junitagen schlug der Name des Doktors Radermacher an Martin Opterbergs Ohr.

Er horchte auf. Ein schrilles Warnungszeichen war durch seine Seele gefahren.

Langsamen Schritts ging er über die Rheinwerft und suchte Christoph Attermann auf. Der Pflegebruder hörte ihn mit zusammengezogener Stirn an. »Ich ahnte es,« sagte er und stieß den Atem durch die Nase.

»Du ahntest es?«

»Es hat keinen Grund mehr, es dir zu verschweigen. Gestern ist die Linde Baumgart von einer Frauensperson auf der Straße angehalten und angeredet worden.«

»Von einer – Frauensperson? – Kenn' ich sie etwa?«

»Wenigstens kanntest du sie einmal. Aber das ist Jahre her und gänzlich ausgelöscht.«

»Sabine –?«

Christoph Attermann nickte nur.

»Sabine?« Martin Opterberg packte des Pflegebruders Arm. »Sie ist anmaßend geworden gegen die Linde?«

»Mehr. Sie ist frech geworden. Wie eine Dirne frech wird.«

»Christoph – ich muß jedes Wort wissen. – Was ist mit der Linde geschehen? Was hat sie von ihr gewollt?«

»Auf der Straße gestellt hat sie die Linde. Und gesagt hat sie, ob sie das Liebchen von Martin Opterberg wär'?«

»Und die Linde?«

»Geantwortet hat sie: sie wünscht', sie wär's, denn es müßt' eine Ehre sein, von Martin Opterberg geliebt zu werden.«

»Linde ... Linde ...«

»Und dann ist sie weitergeschritten, und die Frauensperson hat hinter ihr drein geschrien: es läg' noch eine Hundspeitsche im Zimmer oben, und die käme sie sich holen, wenn der Herr und sein Liebchen zu Hause wären.«

»Christoph,« sagte Martin Opterberg nach einer stummen Weile, »weshalb hör' ich erst heute davon?«

»Weil die Linde verlangt hat, der Schlamm solle nicht an dich heran.«

»Aber an sie selber ist er herangespritzt!«

»Sie hätt' ihren Regenrock angehabt, hat das Mädel gesagt, an dem wär's glatt hinuntergegangen.«

Da tat der Martin einen tiefen Atemzug.

»Ich möcht' zu ihr, Christoph. Alles, was froh in mir ist, treibt mich zu ihr. Aber auf der Werft machen sie Feierabend, und es ist nötig, mit den Leuten zu sprechen und sie für jeden Fall bereit zu halten.«

Als er mit einbrechender Nacht in sein Haus eintrat, berichtete ihm das Mädchen, daß Linde Baumgart früher als sonst ihr Zimmer aufgesucht habe.

Da öffnete sich im Obergestock schon ihre Tür. »Brauchst mich noch, Martin?« tönte ihre Stimme ins Haus.

»Gute Nacht, Linde –«

»Gute Nacht, Martin.«

Aber es wurde keine gute Nacht für Martin Opterberg. Der Gedanke, daß die Linde von dieser – dieser Frau aller Vergangenheiten auf offener Straße angefallen, angetastet worden sei, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn und raubte ihm aufs neue den Atem. Stunde auf Stunde lag er wach und kämpfte immer mit demselben Bild, bis er sich im ersten Morgendämmern erhob, sich hastig ankleidete und den Rhein entlang zur Werft schritt.

Trotz der frühen Stunde traf er die Freunde schon versammelt und im ernsten Gespräch mit den Leuten, die die Nacht in der langen Werfthalle auf Hobelspänlagern zugebracht hatten.

»Etwas Neues vorgefallen?« fragte er Christoph Attermann.

»Die Hochöfen dort drunten am Rhein sind in der Nacht erloschen. Schau hin, es steigt keine Flamme mehr. Das bedeutet, daß sie in der Nacht mit Gewalt zum Erkalten gebracht worden sind.«

Broich trat mit Tillmann hinzu.

»Ich erfahre soeben von Tillmann, der in der nächsten Ortschaft war, um sich umzuhören, daß die Arbeiter von einer bewaffneten Bande gezwungen worden sind, die Hochöfen auszublasen und die Werke stillzulegen. Die Bande zieht jetzt auf uns zu. Unsere Leute sind vollzählig auf der Werft, die Wehr ist bewaffnet. Hier bring' ich für jeden von euch einen Revolver, denn es kann ein Tanz werden.«

Um die siebente Morgenstunde wälzte sich ein tobender Menschenhaufe heran. Martin Opterberg ließ das eiserne Werfttor schließen. Seine Männer standen in zorniger Erwartung hinter dem Plankenzaun.

Der Menschenhaufe kam näher und verteilte sich auf der Zufahrtsstraße, um den arbeitswilligen Werftleuten den Weg zu versperren. Einer aber entdeckte das verschlossene Tor und die Männer hinter dem Plankenzaun und schrie es nach hinten. Ein Mann eilte nach vorn und eine wildfuchtelnde Frau mit ihm. Martin Opterberg spürte, wie ihm jählings alles Blut zum Herzen trieb. Wie durch einen Schleier sah er den Mann und das Weib. Mit aller Willenskraft zerriß er den Schleier, wurde ganz kalt, ganz klar. Der Mann, der von draußen eine Aufforderung über den Plankenzaun brüllte, war der davongejagte Lehrer Doktor Radermacher, das Weib an seiner Seite Sabine Barthelmeß. Sie hatten sich also wiedergefunden, die Gezeichneten, wie Wölfe auf der Wildbahn.

»Kommt heraus, ihr Tagelöhner,« brüllte Radermacher, und seine Stimme überschlug sich vor Wut. »Nun hat's ein End' mit der Sklavenarbeit. Nun sind wir die Herren! Hat euch euer Sklavenhalter hinter Schloß und Riegel gesetzt? Seid ihr freie Männer oder Feiglinge, die die Zeit verschlafen?« Da öffnete sich ein Flügel des Tores, und ein Meister trat mit einigen Gesellen heraus.

»Wir sind freie Männer. Was stören Sie uns?«

»Stören sagte der Kerl? Ich werde dir gleich mal dein Hirn aufstören, daß es Funken stiebt. Von keinem Arbeiter geschieht mehr ein Schlag da drinnen. Ist das verständlich, oder sollen wir nachhelfen?«

»Arbeiter in Ihrem Sinne gibt's bei uns nicht. Nur Mitarbeiter, die Teilhaber am Werk find. Sie können also ruhig abziehen, da für uns gesorgt ist.«

Radermacher fuhr hoch. Seine Augen funkelten im Haß. »Bist du bei Sinnen, Mensch? Soll ich dir dein verfluchtes Maul stopfen? Hervor mit den Tagelöhnern, oder wir räuchern euch heraus!«

»Rühren Sie hier keine Planke an,« sagte der Meister gelassen. »Ich wiederhole Ihnen und den Leuten da allen: wir sind alle mitbeteiligt am Werk und wissen deshalb unser Eigentum zu schützen.«

»Ihr Spießgesellen eines Heckenritters!« schrie Radermacher und hob die Pistole.

»Torflügel auf,« befahl Martin Opterberg, und er stand mit den Seinen auf dem offenliegenden Werftplatz.

Im selben Augenblick aber sprang mit einem Aufschrei das Weib heran und schleuderte eine auflodernde Pechfackel in die Werfthalle hinein, daß aus den Gespänhaufen die Flammen wie rote Garben gegen die Ballen prasselten.

»Drauf! Auf sie!« schrie ihr tobender Gefährte den Heranstürmenden zu und feuerte blindlings mit einer Pistole in die Werftleute hinein. Ihm nach seine Gesellschaft. Und dann krachte die Antwort. Ein Schuß in Sekundenkürze vor den anderen. Ein Schuß in Sekundenkürze hinter den anderen. Martin Opterbergs Kugel hatte den Anführer hintenüber geworfen. Jetzt wandte er sich blaß gegen die rasende Brandstifterin. Aber schon war alles vorüber, Massenfeuer und Einzelschuß. Er sah das Weib die Arme hochwerfen und über den toten Gefährten stürzen. Als sich Martin Opterberg blitzschnell umwandte, blickte er in Christoph Attermanns rauchende Pistole, »Halbpart, Martin,« sagte Christoph Attermann, »wir haben immer geteilt.«

Martin Opterberg trat dicht auf ihn zu und sah ihm in die Augen, die standhielten.

»Quitt, Christoph ...«

Hörnersignale aus der Ferne! Die benachbarten Ortswehren rückten im Eilmarsch heran. Wie vom Erdboden verschwunden war die führerlos gewordene Bande und hatte ihre Toten und Verwundeten mitgenommen.

»Löscht das Feuer,« befahl Martin Opterberg und ging mit schweren Schritten zu den Blutenden. – –

*

 


 << zurück weiter >>