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9

Der Mann, der von Amerika zurückgekehrt war, hatte geglaubt, sein unruhig Jugendblut zur Ruhe gebracht zu haben und als Ausgleich für den täglichen Arbeitstag ein starkmachendes, wie ein Jungbrunnen quellendes Eheglück beanspruchen zu können. Der Mann, der unermüdlicher als vordem über den Werftplatz am Niederrhein schritt und mit seinen Ingenieuren, Werkmeistern und Arbeitern die Vollendung seines ersten Rhein-Seedampfers betrieb, wußte längst, daß die Ruhe noch nicht Einkehr in seinem Leben halten sollte und daß es, entgegen seinem Verlangen, wohl einen Ausgleich, aber nur einen Ausgleich für die unklaren Strömungen seines Ehelebens geben würde. Und das war die Arbeit.

Die angestrengte Tätigkeit und größere Reisen, die er immer wieder ins Ausland zu unternehmen hatte, halfen ihm über die Enttäuschungsgrade seines Herzens hinweg und boten ihm den erwünschten Vorwand hinzu, die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Christoph Attermann und den Freunden hinauszuschieben. Mehr als bisher fürchtete der Stolz seiner Männlichkeit für die Einführung seiner Frau in den alten Freundeskreisen.

Sabine Opterberg legte längst keinen Wert mehr darauf. Ihre Gedanken gehörten nur noch der eigenen Person, und die Ausdehnung ihrer Besprechungen mit den Schneiderinnen lieferte den Maßstab dazu. Es durfte keine bessergekleidete Frau geben als Sabine Opterberg, und getreu der Überlieferung des Barthelmeßschen Haushaltes wurde nach den erforderlichen Mitteln nicht gefragt. Bei guter Zeit regelte sich die Bezahlung von selbst.

Martin Opterberg zahlte die Rechnungen, die ihm die Geschäftsleute nach vergeblichen Mahnungen bei Sabine Opterberg unmittelbar zusandten, in selber Stunde noch auf Heller und Pfennig. Die kaufmännische Vertrauenswürdigkeit hielt für ihn nicht an den Grenzen des Geschäftsbetriebes an. Die Führung des häuslichen Lebens mußte in Aufwand und Deckung genau so untadelhaft sein, ja durch ihre Vorbildlichkeit das Ansehen des Geschäftes stützen.

»Ich habe,« sagte er sich, »versäumt, Sabine ein klares Bild meiner geldlichen Lage zu geben. Seelische Unstimmigkeiten hätten mich nicht hindern dürfen. Der Hauptteil der Schuld an ihrer Verschwendungssucht trifft daher mich selbst, und ich muß ihn ausräumen.«

An einem Abend, als der Zufall sie alleingelassen hatte, entwarf Martin Opterberg seiner Frau in großen und klaren Zügen ein Bild seines Werkes, seiner Verpflichtungen und seiner baren Betriebsmittel. Sabine, die nur mit halbem Ohr zugehört hatte, horchte erst bei Nennung der letzteren auf.

»Für so unmenschlich reich hätt' ich dich ja gar nicht gehalten, Martin!«

Wider seinen Willen mußte Martin Opterberg laut hinauslachen.

»Bist du nun wirklich ein so verständnisloses Kind, Sabine, oder gar so leichtfertig, über den Ernst der Dinge hinwegzuhüpfen. Ich erkläre dir doch, daß die Höhe meiner Verpflichtungen den Gesamtwert meiner Werft mit allem, was daran und darin ist, fast erreicht und daß meine Betriebsmittel solange nur als geliehen anzusehen sind, bis meine Frachtdampfer fahren und sich selbst bezahlt machen.«

»Vorläufig aber gehören deine Gelder dir, und du kannst darüber verfügen, wie du willst. Mein Gott, hätten wir zu Hause immer eine so großartige Deckung gehabt wie du in deinen Werftanlagen.«

»Wenn die Werft, was Gott verhüten möge, Hals über Kopf verkauft werden müßte, käme der angesetzte Betrag nicht annähernd heraus, und meine baren Gelder müßten in die Bresche. Das ist doch einleuchtend.«

»Nein,« sagte Sabine Opterberg, »das ist gar nicht einleuchtend, und mein Vater war als Künstler ganz sicher ein gescheiterer Kaufmann als du als Werftherr. Kommt Not an den Mann, so verkauft man, was man grad nicht braucht. Du erzählst mir doch, dein erster Frachtdampfer sei segelfertig. Also schlag ihn los, und du hast deinen Gewinn obenein.«

»Es ist schwerer mit dir zu reden, als ich dachte,« erwiderte Martin Opterberg nach einer stummen Weile. »Und es ist vielleicht sogar unnütz. Du kennst meine Pläne, mit eigenerbauten Schiffen als Reeder aufzutreten und dadurch und durch meine Kenntnis der Märkte den Warenaustausch zu verbilligen. Du aber tust, als ob die Bedeutung von Lebensaufgaben nur darin bestände, möglichst schnell und möglichst viel Geld für die eigene werte Persönlichkeit herauszuschlagen, komm' nachher, was da wolle. Ich möchte dir als meiner Frau ein wenig mehr Ernst für meine Angelegenheiten anempfehlen.«

»Ach, Martin, und ich möcht', es käm' heut' abend noch irgendwer zu Besuch, mit dem sich lustiger reden ließ' als mit dir.«

Martin Opterberg betrachtete sie, als sähe er, wie so oft schon, ein fremdes Gesicht.

»Ich halte es für einen Glücksfall, Sabine, daß wir einmal ungestört sind. Als ich dich heiratete, wußte ich, wer du warst, aber ich täuschte mich, als ich auch zu wissen glaubte, was aus dir werden könnte. Bitte, laß mich. Ich hoffe ja immer noch, daß es nur der rechten Stunde bedarf, um dich zu deiner wahren Bestimmung hinzuleiten. Die seh' ich aber nur in deiner Eigenschaft als Gattin und Mutter.«

»Ei, also dahinaus geht's. Kannst du mir auch nur die geringste eheliche Untreu' aufweisen?«

»Sprich das Wort nicht aus!« donnerte Martin Opterberg. »Pfui Teufel, wer gibt dir solche Marktweiberausdrücke in den Mund?«

Er bezwang sich vor ihrem schreckensbleichen Gesicht und wurde ruhiger.

»Eheliche Untreue. Weißt du, was das ist? Das ist ein Schicksal von schwerster Erdenschwere für den, der sie aus der Einsamkeit seiner mißhandelten Seele oder aus einer unübersehbar großen und alles vergewaltigenden Liebe heraus begeht. Und es ist der gemeine Drang seelenloser und liebeleerer Geschöpfe, nichts als sich und ihren Trieben zu schmeicheln und ihren zigeunernden Körper für sich und andere zum Abgott zu machen. Nicht doch. Wir reden in der Erregung von Dingen, die gar nicht in Worte zu kleiden sind. Weder die eine noch die andere Art kommt hier in Betracht. Wir wollen vom Glück und nicht vom Unglück sprechen, und da steht es für mich fest: wärst du Mutter und nicht nur Gattin, du würdest dich schnell in dir selber zurechtfinden und dein bisheriges Tun und Treiben belächeln.«

»Ich wünsch' mir keine Kinder. Ich hab' nur einmal mein bißchen Jugend und Schönheit, und will's auskosten.«

»Weshalb hast du mich geheiratet, Sabine?«

»Um deinetwillen. Aber doch gewiß nicht, um aus der Eng' des Barthelmeßhauses hinauszugelangen und mich gleich wieder in die Eng' der Kinderstub' einmauern zu lassen. Ich denk' gar nicht daran, meine Freiheit dranzugeben und mich vor der Zeit zu verschandeln für ein bißchen gefühlsselig Eiapopeia. Ach nein, die Sabine Opterberg ist auch noch auf der Welt.«

Martin Opterberg blickte sie an, als blickte er in einen leeren Raum. Und als er hinausgegangen war, schritt er durch den Garten an den Rhein, als müsse er wieder einmal über die Wasserflut hinweghorchen nach dem Oberrhein, und er schritt zur Gartenpforte hinaus, bis er den Werftplatz erreicht hatte, und tastete sich in der Dunkelheit bis zu dem Schiff, das zur Abnahme fertig lag. Und während er mit der Hand über die Bohlen und Planken glitt, dachte er: »Hier also zeuge ich meine Kinder. Hier.«

Heiß wollte es ihm in die Kehle steigen, wie er in die Dunkelheit starrte.

*

Der ersterbaute Rhein-Seedampfer Martin Opterbergs war in das Eigentum einer großen Reedereigesellschaft übergegangen. Es war dem Erbauer schwer geworden, den Erstling seiner Pläne zu verkaufen und die Ausführung seiner Pläne wiederum auf Jahre zu verschieben. Aber als er an einem arbeitsfreien Sonntag einen Überschlag seiner häuslichen Verbrauchnisse zu Papier gebracht hatte und einen Voranschlag über die mutmaßlichen Bedürfnisse der nächsten Jahre, war sein Entschluß auf der Stelle gefaßt.

Der Verkauf hatte einen reichen Gewinn gebracht. Und wenn das glänzende Ergebnis auch das Selbstbewußtsein des Erbauers stärkte, Martin Opterbergs Freude ging leer aus. Wohl dachte er, nimm's als Lehrgeld, aber er fühlte, wie die Unruhe seines häuslichen Lebens nun auch in seine Arbeit einzudringen trachtete und sie zur Sklavin des Gelderwerbs herabdrücken wollte. Sabine Opterbergs Ausgaben waren seit der letzten Aussprache nicht nur gestiegen, die alten Barthelmeß und die Brüder Barthelmeß traten immer häufiger und mit immer dringenderen und umfangreicheren Geldforderungen an ihn heran.

»Schreibe deinen Eltern und deinen Brüdern,« sagte er zu Sabine, »die Rechnung stimme nicht. Sie seien zu vier Männern, die arbeiten könnten, und ich nur ein einzelner. Die Firma heiße Martin Opterberg und nicht Opterberg & Barthelmeß.«

Sabine sah ihn mit zornigen Augen an.

»Woher solltest du Familiensinn haben? Seit deinem neunzehnten Jahr bist du von Hause fort, und selten genug hat's dich heimgezogen. Es zieht dich ja nicht mal zu deinen Jugendfreunden. Wir Barthelmeßkinder aber haben ein Familienleben genossen, wie es inniger und vertraulicher gar nicht auszudenken ist. Wir sahen eben auf die Menschenfreud' und nicht auf das elende Geld.«

»Das scheinen die Deinen auch heute noch zu tun, wo sie vier Familienleben führen.«

Sabine Opterberg sprang über den Einwurf hinweg.

»Ein wahrhaft liebevoller Dank für Vater und Mutter, die sich ihr Leben lang für mich gequält haben. Du könntest zusehen, wie sie eines Tages darum ins Armenhaus müßten.«

»Und deine drei Brüder könnten trotz des innigen Familienlebens auch zusehen?«

»Meine drei Brüder haben selber nichts.«

»So sollen sie arbeiten und sich etwas schaffen. Oder wär's dir recht, wenn ich auch die Hände in den Schoß legte und mich etwa auf deine Leute verließe?«

»Nein,« sagte Sabine Opterberg beleidigt, »du brauchst ihnen nichts mehr zu schicken, ich werd' es von meinen Ersparnissen tun.«

Der Werftherr hob die Hände. »Da sei Gott vor, daß die Rechnung noch verworrener würde. Lieber werde ich die Ansprüche der Deinen noch einmal erfüllen und ihnen das Notwendige dazu schreiben, als daß ich mich zum Schluß in unserer doppelten Buchführung nicht mehr aus und ein kenne.«

»Ich halt' das auch für das Vernünftigere, Martin.«

Auf Martin Opterbergs Geldsendungen trafen herzlich gehaltene Dankschreiben von Barthelmeß Vater und Söhnen ein. Alle aber schrieben sie wie in einem geheimen Einverständnis, die mißverständliche Beurteilung der augenblicklichen Verhältnisse läge lediglich an der viel zu geringen Pflege der Familienbeziehungen, deren Vernachlässigung sie sich aufrichtig zum Vorwurf machten, die sie aber durch baldige Besuche zu heben gedächten.

Als erste erschienen Professor Barthelmeß und Frau. Und während sich Frau Hadwigas quecksilberne Unrast schon in den ersten Tagen daran machte, der Tochter Truhen und Schränke auf abgelegte Festgewänder und Leibwäsche zu untersuchen und sofort zum Mitnehmen zu verpacken, begann der Professor, das künstlerische Gesicht des Hauses von Grund aus neu zu gestalten und alle Möbel durcheinander zu rücken. Kaum, daß Martin Opterberg ihn von seinem ganz auf das Persönliche eingestellten Arbeitszimmer abzuhalten vermochte.

»Vergiß nicht, Martin, daß du die Tochter eines ersten und anerkannten Künstlers zur Frau besitzest. Das mußt du dir immer vergegenwärtigen.«

»Ich weiß die Ehre nach ihrem vollen Wert zu schätzen.«

Unter großem Lärmen rückten die Brüder ein. Wieder erschienen sie ohne ihre Frauen, aber Martin Opterberg wußte ihnen hierfür wenigstens Dank, denn er hatte im Laufe der Jahre erfahren, daß der erste seine einst vermögende Frau irgendwo und irgendwann im Stiche gelassen und der zweite ein Mädchen niederster Sorte geheiratet habe, der dritte aber eigentlich unverheiratet sei und nur in wilder Ehe lebe. Widerwillig genug bot er den Brüdern seiner Frau die Gastfreundschaft.

Mit Genugtuung hatte Sabine festgestellt, daß der Vater in seinem wallenden grauen Patriarchenbart und die Brüder in ihren nach dem neuesten Schnitt gearbeiteten Anzügen sehenswerte Figuren darstellten und auch die Mutter in ihrer fahrigen Beweglichkeit noch den alten Reiz ausübte. So zögerte sie nicht, eine Festtafel zu rüsten, die der Künstlerprofessor in ein wunderbares Gebilde aus roten Rosen wandelte, und ihre Verehrer und Neiderinnen zu laden, um die Barthelmeßleute und damit sich selbst in vorteilhaftestem Lichte vorzuführen.

Die Gäste saßen wie verzaubert in der Fülle von Rosen, aßen mit Bewunderung von den ausgesuchten Speisen und tranken mit Andacht die edel zusammengestimmten Weine. Es war nur eine Stimme an der festlichen Tafel, daß das Haus Opterberg, von dessen anmutreicher Herrin man zwar täglich neue Überraschungen gewöhnt sei, diesmal sich selber übertroffen habe.

Sabine Opterberg wies mit strahlender Miene auf ihren lächelnden Vater.

»Ja, meine verehrten Damen und Herren,« lehrte der Professor, »die Errichtung einer Festtafel ist eine Kunst, die ebensoviel natürliche Begabung wie die allererlesensten Vorbilder verlangt. Beides vereint ergibt erst den untrüglichen Geschmack. Es nützt nichts, die feinsten Weine zu trinken, man muß sie auch nach Duft, Fülle und Feinheit in eine so stimmungsvolle Steigerung zu bringen wissen, als erschlösse sich langsam aus der Knospe die ersehnte Rose. Was ich in dieser und anderer Beziehung an den Höfen der Fürsten und Vornehmen des guten Geschmackes erlernen durfte, ist meiner angeborenen Begabung zugute gekommen. Sollte ich einmal den Vorzug genießen, Sie als liebe Gäste in meinem eigenen Heim begrüßen zu dürfen, so werden Sie finden, daß sich auch der Reiz des erlesensten Weines durch die künstlerische Form der Trinkgefäße noch erhöhen laßt.«

Und nun plauderte der Professor von Italien und Spanien, und es waren Siegeszüge des Künstlers und des Mannes, die er vor den freudig horchenden Herren entrollte, und die gebeseligen Frauen spielten bald eine größere und munterere Rolle darin als der seligmachende Wein.

Der anfeuernde Beifall, den der durchtriebene Schönredner fand, ließ den Ehrgeiz der Söhne nicht lange ruhen. Schon hatte der Wein in den Gemütern der Gäste die allerfeinsten Übergänge ausgewischt, und die Söhne konnten den Faden schon um einige Nummern kräftiger spinnen. Künstlerfeste, auf denen der erste Blick das Schicksal der Frauen bedeutete, wechselten mit geheimnisvollen Stelldicheins in Palästen und Parks voller Marmorbilder. Händeringende, liebefordernde Namen flehten um Entführung, Kraftwagen brausten durch die Nacht und über die Alpen. Hie und da blitzte im Zweikampf die Klinge. Namen wurden im Eifer des erregenden Berichts hervorgestoßen und erschreckt auf schonende Weise zurückgenommen. Ausrufe des Entzückens, schadenfreudiges Gelächter, derbe Zwischenrufe durchschwirrten die Tischgesellschaft. Sabine Opterberg aber genoß den frechen Unsinn der Brüder mit leuchtenden Augen.

»Und wer bezahlt das ganze Zaubertheater?« rief einer der Fabrikherren in aufgeräumter Stimmung. »Im Leben hätt' ich nicht gedacht, daß die Kunst so ausgiebig ihren Mann ernährt. Denn, wie mir Ihre Frau Schwester verrät, sind Sie ja allesamt Künstler, meine Herren.«

»Künstler?« riefen die drei Brüder wirr durcheinander zurück. »Gibt das Wort allein alles her? Schafft es Gold und Edelstein? Frauen, Rosen und Wein? Der Mann muß hinzu! Der Siegerwille! Wir sind Lebenskünstler!«

Da erhob sich Martin Opterberg von seinem Platz, neigte sein Glas huldigend vor den drei Schwägern, leerte es und setzte sich wieder ohne ein Wort.

Einen Augenblick stand den Prahlhänsen der Mund offen. Dann begriffen sie und klopften sich die Stäubchen vom Frack. Und Sabine Opterberg wünschte eine gesegnete Mahlzeit und hob die Tafel auf.

Als die Gäste gegangen waren, winkte der alte Barthelmeß dem Hausherrn mit den Augen.

»Wir rauchen noch eine Zigarre zusammen.«

»Wenn es dir Freude macht – gewiß.«

»Laß erst meine Herren Söhne verschwunden sein. Sie wittern überall ein Geschäft und sind nicht wegzuschlagen.«

»Handelt es sich denn um ein Geschäft? Dann könnten wir es auf morgen verschieben.«

»Nun sind wir allein,« sagte der alte Herr, sicherte noch einmal an den Türen und ließ sich zufrieden in einem Sessel nieder.

Ihm gegenüber saß Martin Opterberg. Beide rauchten sie schweigend.

»So eine Gesellschaft muß dich ein Heidengeld kosten, Martin,« nahm endlich der alte Herr das Wort.

Martin Opterberg zuckte nur mit den Achseln.

»Nun ja, du hast es ja dazu. Sabine erzählt Wunderdinge von deinem Vermögen und den Rieseneinkünften aus deiner Werft. Zum Beispiel der letzte Schiffsverkauf. Stimmt's?«

Martin Opterberg strich die Asche der Zigarre ab.

»Am einfachsten ist, du nennst mir ohne Umschweife deinen Wunsch.«

»Meinen Wunsch? Ich habe keinen Wunsch. Aber da du dem Ton vertraulicher Aussprache den Geschäftston vorzuziehen scheinst, so will ich dir ganz gegen meine Absichten auch hierin folgen. Sabine hat mir aus ihrer Brautzeit noch einige Rechnungen hinterlassen. Für Kleider, Hüte, Leibwäsche und was so eine kleine Schönheit braucht: Die Leute haben vier Jahre gewartet und wollen nun bezahlt sein.«

»Vier Jahre?« fragte Martin Opterberg und nahm die ihm hingestreckten Rechnungen entgegen. »Meine Verlobung und meine Heirat sind erst zwei Jahre alt. Da steckt ein Rechenfehler.«

»Es ist alles in Ordnung,« widersprach der alte Herr. »Das Kind hatte doch die Kleider und den ganzen anderen Staat mit auf die Verlobungsfahrt zu deiner lieben Frau Mutter.«

»Aber die Rechnungen stammen, wie du mir zu erzählen beliebtest und wie die Zeitangaben auf diesen Papieren bestätigen, aus einer Verlobungszeit Sabines vor vier Jahren. Von dieser wußte ich in der Tat nicht, was wohl meine Zahlungssäumigkeit einigermaßen entschuldigt.«

Martin Opterberg faltete die Papiere wieder zusammen und reichte sie dem alten Herrn zurück. Ein wenig betreten strich sich Professor Barthelmeß den Graubart. Dann versuchte er ein lustiges Lachen.

»Martin,« rief er und schlug dem Stillbrütenden aufs Knie. »Martin, du kennst die Weiberchen nicht. Natürlich hat sie nur auf dich gewartet, sehnsüchtig sogar, verliebt wie keine zweite. Aber du bliebst jahrelang weg, zuletzt noch drüben überm Meer, und ließest nur gelegentlich von dir hören und so sparsam, daß kein Mensch herausfinden konnte, ob du noch warm oder schon kalt warst. In solchen Fällen pflegen unsere klugen Weiberchen zwei Eisen ins Feuer zu legen. Aber als du heimkehrtest und Ernst machtest, wurde das eine natürlich sofort wieder hinausbefördert.«

»Gemein ...« stieß Martin Opterberg zwischen den Zähnen hervor. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte.

»Wie sagtest du?« fragte Professor Barthelmeß und nahm eine Fechterstellung an.

»Ich sagte, daß ich dir den Betrag morgen früh von meiner Kasse überweisen lassen werde und daß ich dir hiermit gute Nacht wünsche.«

Auf dem baldachinüberdeckten Renaissancelager schlummerte Sabine Opterberg, die Lippen halbgeöffnet wie ein zärtliches Kind.

Der Mann, der sie prüfend betrachtet hatte, wandte sich ab, als wäre ihm ein Nachtfrost über die Glieder gelaufen. »Da orakeln die Neunmalweisen,« flog es ihm durch den Sinn, »das Weib sei ein Rätsel. Und es ist doch nur dann ein Rätsel, wenn es voller Niedrigkeiten steckt, die unsere Anständigkeit nicht erraten kann.«

*

Nun zog es Martin Opterberg doch zu den Freunden, Plötzlich und unwiderstehlich zog es ihn hin, als drängte es ihn in sein Kinder- und Jugendland. Unangemeldet traf er in dem nicht fernen Industriedorf bei Christoph Attermann ein und stand auf der Schwelle.

»Martin!« schrie Christoph Attermann auf und lag ihm am Halse.

Einen Augenblick verhielten die beiden und rührten sich nicht. Aber jeder hörte in der Brust des anderen das niedergehaltene Schluchzen. Dann machte sich Martin Opterberg frei.

»Und das Theresel?« fragte er lächelnd.

Sie hielt ihren kleinen Buben auf dem Arm und streckte ihm die Hand entgegen.

»Grüß' dich Gott, Martin. Hier ist das Theresel, und der kleine Christian dazu.«

»Er heißt nach unserer Mutter?« Und er streichelte des Kindes feines Blondhaar.

»Nach unserer Mutter,« wiederholte Therese Attermann mit einem tiefen Ton.

Er sah sie an, und ihre Blicke trafen sich. Voll und ruhig lagen sie ineinander.

»Du bist die alte geblieben, Therese, und das heißt: die junge von dazumal. Kein Zug in deinem Gesicht ist anders geworden. Ihr müßt sehr glücklich geworden sein, daß die Zeit keine Spuren einzugraben fand. Denn auch der Christoph blieb, wie er war. Nur strahlender, viel strahlender schaut er aus.«

»Dir aber sieht man die Arbeit der Tage und Nächte an,« sagte Christoph Attermann freimütig, »und das Theresel muß dir einmal den Puls fühlen und dich in die Kur nehmen.«

»Wenn's arg schlimm wird, komm' ich, Theresel. Weißt du noch den ersten Kopfwickel zu Freiburg? Der Allererste war ich, der sich ein Herz faßte zu deiner ärztlichen Kunst.«

»Das war, als du dich jählings in das Theresel verliebtest,« sagte Christoph Attermann, und das Wort war gesprochen. Martin Opterberg nickte ihm zu und nickte der Hausfrau zu.

»Und mir fahnenflüchtigem Manne muß das Glück geschehen, daß mir die Freundin in meinem Bruder Christoph erhalten geblieben ist.« Er sprang ab. »Ich hatte frische Luft nötig. Da bin ich zu euch hinausgekommen.«

»Setzt euch nieder,« bat die Hausfrau, »setzt euch nieder und plaudert. Ich leg' nur den Kleinen zur Ruh' und bin gleich die dritte im Bund.« Zu dritt saßen sie in dem hellen Wohngemach und plauderten von Jugend und Heimat, und wie im Badner Land stand ein offener Wein auf dem Tisch. »Er ist von der Mutter,« sagte Therese Attermann. »Sie schickt von Zeit zu Zeit ein Fäßlein.«

»Mir schickt sie keins,« gestand Martin Opterberg und blickte nach der Wand, die als Schmuck ein großes Bildnis Frau Christianes trug. Das gleiche Bild hing daheim in seinem Arbeitszimmer. Hier behauptete es vor aller Welt den Ehrenplatz.

»Du bist gewiß ein so verwöhnter Herr geworden, daß sie's sich nimmer traut?« meinte das Theresel und folgte seinem Blick.

»Ja, so ein verwöhnter Herr bin ich geworden. Und in einer Anwandlung von Leutseligkeit, so denkst du, bin ich von meinem goldenen Thron gestiegen, um mich bei euch zur Auffrischung des Blutes von einem Quäntchen Heimweh durchrütteln zu lassen. Ja, so wird's wohl sein.«

»Schwätz nicht, Martin,« rief die Hausfrau fröhlich, hielt ihm ihr Glas entgegen und stieß mit ihm an. »Weshalb du gekommen bist, ist mir gleich, mir und dem Christoph. Die Hauptsach' ist, daß du gekommen bist und wir wieder beieinander sitzen.«

»Jetzt müßt ihr erzählen,« bat Martin Opterberg. »Ich rühr' mich nicht in meinem Sessel. So heimelig bin ich schon.«

Da erzählten sie beide, und einer nahm dem anderen das Wort vom Mund, um Wertvolles für den anderen hinzuzufügen. Von Therese Attermanns ärztlichem Beruf und ihrer Tätigkeit als Kassenärztin unter den Werksarbeitern, ihren Frauen und ihren Kindern. Und von Christoph Attermanns selbständiger Stellung als hochbezahlter Ingenieur und Betriebsleiter. Und von beider Plänen.

»Du dachtest gewiß, Martin, als du hier eintratst: ›Sie zogen mit gesenktem Blick in das Philisterland zurück, o jerum, jerum, jerum!‹ Falsch geraten, Martin, scharf daneben. Wir gedenken im Gegenteil ganz gewaltig ins Zukunftsland einzumarschieren, das Theresel und ich mitsamt dem Buben und allem, was nachfolgt. Drum haben wir unsere erste Einrichtung ganz bescheiden gehalten und unsere Lebensführung der Einrichtung angepaßt, um Monat für Monat unsere Kriegskasse aufzufüllen. Denn ich möcht' einmal mein eigener Herr oder Teilhaber an einem Werk werden, um meine besten Kräfte erst entfalten zu können und den Meinen die Zukunft zu erschließen. Schau, daran hilft mir die da mit ihrer ganzen, großen Frauenliebe von morgens bis abends, und selbst des Nachts muß ich sie oft hergeben für ihre Kranken.«

Er hatte die Hand seiner Frau gefaßt und hielt sie fest umspannt.

»Der Christoph,« sagte die junge Doktorin, »ist nämlich von der Einbildung besessen, ich übte meine Kunst nur ihm zu lieb und nicht in erster Linie um der Kranken willen. Und ich würd' sie wie einen Werktagsrock an den Kleiderriegel hängen, sobald er mir den erträumten Sonntagsrock brächt'. Nachtwandler soll man nicht anrufen. Und er nachtwandelt gar so schön, der Christoph.«

»Erzählt mir auch von den Freunden,« bat Martin Opterberg. Es war ihm warm und wohl zumute.

»Sie sitzen alle drei mit ihren Frauen in Düsseldorf,« berichtete Christoph Attermann. »Der wackere Broich ist mir der liebste geblieben. Das war er mir schon damals, als er mit eisernem Willen seinen Assessor machte, um sich seine Hilde Falkenroth aus dem Gasthof bei Koblenz zu holen. Er trat als juristischer Berater in ein Düsseldorfer Werk, ist aber mehr und mehr der kaufmännische Direktor geworden. Die Ehe kann als eine vorbildliche gelten. Sohn und Tochter werden straff erzogen.«

»Und die Klarenbachsmädchen?« fragte der Besucher.

»Du hast's getroffen,« bestätigte Christoph Attermann lachend, »daß du nach den Klarenbachsmädchen fragst und nicht nach den Männern. Denn das Klarenbachgeld spielt die erste Rolle in den beiden Ehen. Der Grüters, den die Gerda nahm, ist der alte Streber geblieben und jetzt frischgebackener Regierungsrat. Mit unserem einstigen Fuchsmajor Tillmann steht's schlimmer. Seit er der Mann der Elfriede Klarenbach geworden ist, nennt er sich zwar Kunstgelehrter, aber dabei hat's auch sein Bewenden. Er möcht' halt das Studentenleben in alle Ewigkeit weiterführen mit Weib, Wein und Gesang, aber die Elfriede hat's gewaltig mit der Eifersucht und heizt ihm zu jeder Tag- und Nachtstund' ein.«

»Ich möcht' sie doch einmal wiedersehen, die Wanderkameraden der Jugendzeit. Ach, ihr beiden, schön war es doch. So unglaublich schön ...«

Sie verzehrten ein schmackhaft Mittagessen, das die Köchin selber auftrug, und dann wurde die junge Doktorin zu einer Wöchnerin gerufen. Christoph Attermann tauschte ein paar leise Worte mit ihr. Sie nickte ihm zu, schüttelte Martin Opterberg die Hand und ging.

»Wie selbstsicher sie ist, Christoph, und wie schlicht. Ich freue mich mit dir über die Helle in deinem Haus. Die stammt alleweil noch von dem Sonnenkrönlein in ihrem Haar.« Und dann begann er, in stundenlangen, fachmännischen Erörterungen dem gespannt lauschenden Bruder und Freund ein Bild seiner Werftanlage zu geben und seiner wirtschaftlichen Pläne, und der Abend nahte und brachte die junge Doktorin heim, die strahlend von der Einfahrt eines neuen Weltbürgers zu berichten wußte und mitten im Satze abbrach und aus der Türe lief. Denn draußen hatten die Hupen von zwei sonntäglichen Kraftwagen ein Lärmen erhoben, und ehe sich's Martin Opterberg versah und sich zurechtzufinden wußte, fühlte er sich in einen Knäuel von jubilierenden Menschen verwickelt, die ihn umarmten, ihm die Hände schüttelten, ihn kräftig auf die Wangen küßten und allesamt auf ihn einredeten. »Mein Gott,« stieß er endlich hervor, »seid ihr es wirklich?«

»Wirklich und wahrhaftig, Fleisch und Bein, Jugend und Schwarzwald, Burschenschaft und gut Freund allzeit und allwege,« riefen und lachten die Tillmann, Grüters und Broich mit ihren Frauen im Wettbewerb durcheinander. »Eingefangen bist du, Weltflüchtling. Auf Gnade und Ungnade. Die Frau Doktorin hat's recht gemacht. Eingelullt hat sie dich, mit Chloroform oder Liebreiz, und uns inzwischen durch den Fernsprecher von Düsseldorf hergerufen. Die Klarenbachschen Kraftwagen schafften's in einer guten Stunde, als wir erst den Überfalltrupp beisammen hatten. Martin! Martin Opterberg! Wie ein verwunschener Prinz schaust du aus!«

»Und die bezauberndste Frau sollst du haben rheinauf und rheinab,« rief der begeisterte Tillmann in Studentenseligkeit.

»Laß das!« gebot seine Gattin Elfriede scharf, und im Gelächter der Zuhörer ging der kurze, eheliche Auftritt unter.

»Wenn ich schon nicht,« knurrte Tillmann verlegen, »von schönen Frauen sprechen darf, so gebt mir Wein, und die Frau Therese soll die Laute nehmen.«

Rund um den Tisch saßen sie, auf den eine Bowle hingezaubert stand, und sahen sich in die Augen und suchten und fanden sich, und die Gläser klangen aneinander, wurden geleert und wieder gefüllt, und als der ersten Wiedersehensfreude genug getan war, sang Frau Therese zur Laute.

Wie entrückt saß sie, die weiche Wange an den Lautenhals geschmiegt, und lauschte beim Singen hinein und hinaus ... Und langsam fand sich unter den Männern und Frauen Hand in Hand ...

»O academia!« jubelte Tillmann auf. »O academia – –«

*

Monate hindurch zehrte Martin Opterberg von diesem Tag, von diesem Abend. Der Schnee lag auf den weiten Breiten am Niederrhein, und die Kopfweiden am langgestreckten Stromufer spiegelten ihre Hauben in dem schwerfällig fließenden Wasser. Tot war das Land. Heißer wurde das Leben in den Häusern der Menschen.

Am heißesten wogte es in Sabine Opterberg. Eine Lebensgier war in ihr, die nicht zu stillen war, und wenn es sich nicht zu irgendeiner Abendgesellschaft in der Umgebung zu schmücken galt, schmückte sie sich für die Theater- und Musikaufführungen in den benachbarten Städten, und selbst in den politischen Versammlungen ihres Bezirks erschien sie, um einem besonders heißblütigen Vorkämpfer zu lauschen. Die Männer blickten ihr auf den Straßen nach, wenn sie in ihrer schlanken Fülle vorüber schritt, und sie erspähte jeden Blick unter den niedergelassenen Lidern, auf den Lippen ein geschmeicheltes Lächeln, das wie eine Aufreizung wirkte.

Dieses Lächeln war Martin Opterberg das Verhaßteste an seiner Frau. Weil es ohne Ansehn der Person jeden bewundernden Blick bescheinigte, der nur von einem Manne kam. Auf dem Werftplatz hatte sie gesessen, auf einem Bretterstoß, und zum Zeitvertreib auf ihn gewartet. Ein Knecht war mit einer Pferdekarre an ihr vorbeigekommen, hatte jäh angehalten und mit flackernden Augen nach dem feinbestrumpften Bein gestarrt, das von der Höhe des Bretterstoßes lässig hin und her pendelte. Da waren die Augenlider der Frau niedergesunken, da war das Lächeln erschienen, dies vermaledeite Lächeln, wie es die scheuen Dirnen auf den Straßen hatten. Nie hatte es Martin Opterberg so verhaßt gefunden wie in dem Augenblick, da der Knecht beim Erscheinen seines Herrn gleich einem ertappten Sünder mit dem Gefährt von dannen jagte. Die Bewunderung ihrer Kreise genügte Sabine Opterberg nicht mehr. Längst hielt sie Ausschau darüber hinaus, und ihr zigeunerndes Blut wallte bei jeder Erscheinung auf, die aus dem Rahmen strebte wie sie selber.

In diesem Winter gingen die politischen Wogen hoch in den Fabrikstädten am Niederrhein. Ein neuer Volksredner der Umsturzpartei war aufgestanden, ein dienstentlassener, junger Oberlehrer, der rücksichtslos die Leidenschaften gegeneinander hetzte. Keine seiner Versammlungen ließ Sabine Opterberg im Stich. Das war eine Sprache, die sie in ihren Höhen und Tiefen verstand, so unklar der Schwall der Worte auch daherbrausen mochte. Daß es brauste, daß es stürmte und aller Grenzen spottete, das empfand sie wie heimatliche Luft, wie Blut von ihrem Blut.

Zwischen den Ehegatten kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung. Martin Opterberg untersagte seiner Frau den Besuch der Versammlungen, untersagte ihr, sich selbst, ihn und seinen Namen bloßzustellen. »Du weißt, wohin du gehörst. Ein Schwanken ist ein Verzicht.«

Da ließ Sabine Opterberg den neuen Glaubensboten, an dem der politische Strudelkopf ihr nichts, an dem der abenteuernde Mann ihr alles war, heimlich zu sich rufen und führte mit ihm eine Unterredung, die mit der Aufstellung kecker Richtlinien zu einem unanstößigen Verkehr schloß. Schon wenige Tage darauf, an einem Sonntagmorgen zur Besuchszeit, wurde Martin Opterberg eine Karte überreicht mit dem Namen: Dr. phil. Friedrich Radermacher. In ehrlicher Überraschung las er den Namen. Was wollte der Hetzer und Hasser von ihm? »Ich lasse bitten,« gebot er dem wartenden Mädchen.

Der Eintretende war von schlanker und sehniger Gestalt, einen halben Kopf kleiner als der hochgewachsene Hausherr. Sein schwarzes Haar lockte sich in der Stirn, und in dem glattrasierten Gesicht lagen die dunklen Augen wie in verhaltenem Feuer. Eine Schönheit für romantische Zofenseelen, dachte Martin Opterberg und bot dem Besucher ernst einen Platz.

Doktor Radermacher nahm dankend an. Er erklärte in fließenden Worten, daß er von der vorbildlichen Art der Behandlung erfahren habe, der sich die Arbeiter auf dem Opterbergschen Werftplatz erfreuten, und daß er gekommen sei, um mit einem so sozial empfindenden Arbeitgeber, wie er ihn nie zuvor angetroffen habe, einen Austausch der Meinungen herbeizuführen, auf die Gefahr hin, seine vorgefaßte und verallgemeinernde Ansicht einer kleinen Nachprüfung unterziehen zu müssen. »Denn,« schloß er feurig, »nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!«

»Der Mann schauspielert,« sagte sich Martin Opterberg, doch ließ er sich höflich auf einige Erörterungen über die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein, die er mit den Worten endete, daß die ehrliche Lösung aller dieser Fragen stets von den Persönlichkeitswerten in beiden Lagern abhänge und es im übrigen Faule und Fleißige, Zufriedene und Unzufriedene geben würde, solange die Menschheit sich nicht wie die Lilien auf dem Felde kleide und wie die Spatzen im Getreideacker nähre.

Nach einer Weile erhob sich der Besucher und bat, da er vorläufig keine politischen Versammlungen mehr abzuhalten gedenke, zu einer passenden Zeit wiederkommen zu dürfen. Martin Opterberg stand im Begriff, die Bitte als eine gänzlich zwecklose abzuweisen, als sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete und Sabine ihren Gatten zum Frühstück rief. Überrascht blieb sie auf der Schwelle stehen, und da der Hausherr keine Miene machte, den Gast vorzustellen, so stellte sich der Gast mit einer ehrerbietigen Verbeugung selber vor.

»Ah,« machte Sabine Opterberg, »unser berühmter Volkstribun. Wenn sich Ihr Blitz und Donner nicht auch gegen eine schlichtbürgerliche Küche richtet,« fügte sie in Schelmerei hinzu, »so halten Sie mit und seien Sie der dritte im Bund.«

Der Gast nahm die Einladung mit großem Danke an, und so einsilbig Martin Opterberg bei Tische verharrte, so ritterlich und gewandt wußte der Fremdling die Unterhaltung zu führen.

»Ich werd' Sie bekehren,« beteuerte die heitere Hausfrau, »ich werd' Sie meinem Manne als einen Sünder zu Füßen legen, über den im Himmel eitel Freud' herrschen soll.«

Von Stund' an gehörte der Doktor Friedrich Radermacher zu den Besuchern des Hauses. Meist erschien er, wenn der Hausherr auf seinem Werftplatz in Anspruch genommen war. Martin Opterberg fühlte es bei der Heimkehr jedesmal an dem fahrigen und sprunghaften Wesen seiner Frau. Und plötzlich, mitten in einer alle Geisteskräfte erfordernden Arbeit, überfiel ihn ein grauenhafter Verdacht. Ein Verdacht, der seinen Mannesstolz rüttelte und schüttelte und ihm einen Geschmack wie Blut auf die Zunge legte. Er schob Papier und Zeichenstift von sich. Aus seiner Stirn brach eiskalter Schweiß.

»Pfui Teufel,« sagte er zu sich selber. Aber das Herz hämmerte wie rasend und quoll ihm bis in den Hals. Da ging er heim und sah aus der Tür seines Hauses den Doktor Radermacher treten.

Sabine Opterberg stieß einen kleinen Schrei aus, als er so unvermutet im Zimmer erschien.

»Wie du mich erschreckt hast. Es ist doch nichts vorgefallen?«

»Vorgefallen? In einem ordentlich geführten Geschäftshaus?« Er schüttelte den Kopf und ging in sein Arbeitszimmer. »Ich will in Ruhe eine Berechnung machen. Du gehst wohl aus?«

Und dann saß Martin Opterberg die halbe Nacht, und die Schauer rüttelten und schüttelten ihn nur immer stärker, bis er aufsprang und die Arme gegen den tobenden Ansturm der Zerrbilder reckte.

»Wenn es wahr wäre – was würdest du tun?«

»Den Mann vor die Waffe nehmen? – Zuviel der Ehre für den Mann und das Weib, und Unehre für den Genarrten.«

»Das Weib auf die Straße jagen? Dem Liebhaber gar in die Arme? – Wo blieb' die Strafe?«

Blutrot trat ihm der Grimm in die Augen.

»Noch weißt du es nicht!« schrie in ihm eine Stimme.

»Und wenn du es wüßtest?« beharrte bohrend eine andere. »Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Lade dort die ledergeflochtene Hundepeitsche und griffest, wo du sie fändest, Mann und Weib, nackt und bloß, und peitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und das Weib vor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nicht mehr in die Arme nehmen könnten aus Ekel vor dem gezüchtigten Körper des anderen. Und weil es der andere ansehen mußte.«

Ganz kalt, ganz ruhig stand Martin Opterberg in seinem Arbeitszimmer. –

Draußen aber wurde es Frühling, und ein Frühlingswunder meldete sich im Hause Christoph Attermanns. Am jungen Rhein ließ Frau Christiane den Opterberghof unter der Obhut Linde Baumgarts, die der Schwester so ähnlich sah und nur fröhlicher war im Gemüt, und fuhr an den Niederrhein, um Therese Attermann in ihrer schweren und schönen Stunde eine Hilfe zu sein. Eine Nacht blieb sie zu Gast im Hause ihres Sohnes Martin. Ihre klaren Augen weiteten sich, als sie Sabine wiedersah. Mit einem Blick durchschaute sie das fahrige, sprunghafte Wesen der Überlauten.

»Schaff Ordnung in deiner Frau,« sagte Frau Christiane hart, als sie in der Morgenfrühe von ihrem Sohne Abschied nahm.

»Mutter, du kannst mir alles sagen. Ich bin nicht schonungsbedürftig.«

»Sie spielt Theater, Martin. Aus einem Liebesgeflacker heraus, oder nur, weil sie ihr eigenes Stück und sich selber spielt.«

»Aus beidem heraus, Mutter. Hab keine Sorge um mich. Grüß das Theresel.«

Ein kleines, braunhaariges Mädchen kam im Hause Attermann zur Welt, und Christoph Attermann erschien in Person bei Martin Opterberg, um es ihm anzukünden.

»Die Frauen haben mich als das überflüssigste Möbel vor die Türe gesetzt,« berichtete er dem Freund, den er sogleich auf dem Werftplatz aufgesucht hatte. »Sie lassen dich grüßen, und das Theresel schickt dir einen Kuß von deinem Patenmädel. Am besten, du holst ihn dir selbst.«

Dann aber schritt er stillforschenden Auges die Werft entlang. Sein fachmännischer Blick erkannte das Große, das hier aus dem Kleinen geschaffen war und rastlos weiter geschaffen wurde.

»Martin – ich streck' die Waffen vor dir.«

»Ich schaff's nicht mehr allein, Christoph. Ich brauch' einen Mann an meiner Seite, der denkt, fühlt und handelt wie ich. Wie wär's, Christoph? Zu zweit planen und in eins vollbringen.«

»Komm heim, Martin. Mir schwindelt der Kopf.«

Den Rhein zu Füßen schritten sie in tiefer Glücksstimmung dem Wohnhause zu. Die Brüder von einst. Frau Christianes Buben.

»Du kommst in ein leeres Haus,« entschuldigte Martin Opterberg, als weder die Hausfrau noch eins der Mädchen zur Stelle war und der Hausflur von ihren Schritten widerhallte, »aber nun wollen wir es füllen.«

»Das also ist dein Arbeitszimmer,« sagte Christoph Attermann, trat ein und blickte sich ehrfürchtig um.

Martin Opterberg stand im Türrahmen hinter ihm. Sein Herz lachte. Hier war Verstehen, ein Verstehen auf den ersten Blick und ohne schmückende Worte.

»Ja,« erwiderte er mit einem starken Atemzug, »dies ist mein ungestörtes Heiligtum. Hier hinein schaut niemand als nur ich.«

Christoph Attermann wandte ihm das bärtige Antlitz zu.

»Nicht deine Frau?« fragte er ernst. »Nimmt sie denn nicht Anteil an deinem Geistesflug?«

»Meine Frau?« wiederholte Martin Opterberg, als verstünde er nicht. Ein hartes Lachen kam ihm über die Lippen. »Meine Frau bleibt lieber auf der Erde, wo's am lustigsten ist.«

Und mit einem Male reckte sich sein Kopf, reckte sich sein Körper. Alle seine Glieder spannten sich. Sein ganzes Wesen war ein einziges Horchen.

»Was ist dir, Martin?«

»Still. Rühr dich nicht.«

»Geht es um in deinem Haus?«

»Nur unreine Geister gehen um. Kein Wort mehr.«

Christoph Attermann packte ein Schauder. Die Zimmertür klaffte einen Spalt. Und in dem dunkelverhängten Zimmer standen die Männer Seite an Seite und starrten in den sonnenhellen Hausflur. Ganz dumpf gingen ihre Herzschläge.

In der Haustür hatte sich kreischend ein Schlüssel gedreht. Zwei Menschen erschienen mit lauschenden Augen. Ein Mann, bartlos wie ein Schauspieler, und Sabine, schön und geschmeidig, mit einem gespannten Lächeln um den Mund.

Einen Augenblick horchte sie in das todstille Haus. Dann rief sie laut und munter die Namen ihrer Mädchen. Zweimal. Dreimal.

Es blieb still.

Da wandte sie sich zu ihrem Begleiter und küßte ihn übermütig auf die lauschenden Augen. »Komm,« flüsterte sie, nahm ihn bei der Hand und huschte mit ihm die Treppen hinauf.

Und wieder lag die leere Stille über dem Haus wie ein grinsend Gespenst.

Minuten vergingen.

Noch immer standen die beiden Männer regungslos im Arbeitszimmer.

Dann quoll ein tiefer Seufzer aus Christoph Attermanns Brust, und er griff nach der Hand des Freundes. Die war eiskalt, aber hart wie aus Stahl.

»Martin – –«

»Hast du sie genau gesehen, Christoph?«

»Den Fremden vergess' ich nicht, so lang ich leb'. Die andere war die Sabine Barthelmeß.«

»Die Sabine Barthelmeß. Das gab dir ein Gott ein. Sabine Barthelmeß. Nicht Frau Opterberg. So heißt nur noch die Mutter.«

»Was willst du tun, Martin –?«

»Das, was den beiden zukommt, Christoph.«

»Kein Blut, Martin!«

»Geh jetzt!«

»Kein Blut. Nur die Mutter heißt Frau Opterberg. Du hast es gesagt.«

Die Worte stolperten von ihren Lippen, hasteten durch die Leere ...

Martin Opterberg wandte dem Bruder das Gesicht zu. Es war weiß vor niedergehaltener Erregung, aber die blauen Augen hatten sich dunkel gefärbt.

»Ich hab' es gesagt. Das muß dir genügen. Ich bin kein italienischer Operntenor. Ich bin ganz deutsch – ganz deutsch.«

Da wußte Christoph Attermann, daß es sich um eine Abrechnung handelte, die keinen Mittler ertrug, und er ging wortlos in das Büchergelaß, das an das Arbeitszimmer stieß, und ließ sich im Dunkel nieder.

Martin Opterberg war allein.

Einen hastigen Schritt tat er und blieb stehen.

Aus seiner Brust kam ein messerscharfer Ton – und brach ab.

Ein Nebel lag vor seinen Augen, und aus dem Nebel sprach eine Stimme.

»Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Lade dort die ledergeflochtene Hundepeitsche und griffest, wo du sie fändest, Mann und Weib, nackt und bloß, und peitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und das Weib vor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nicht mehr in die Arme nehmen könnten, aus Ekel an dem gezüchtigten Körper des anderen. Und weil es der andere ansehen mußte.«

Und der Nebel schwand vor Martin Opterbergs Augen. Aus einer Lade im Schrank holte er die ledergeflochtene Peitsche hervor. Ohne daß die Hand zitterte. Und er schritt die Treppe hinauf und über den teppichbelegten Gang hinweg und warf sich mit Aufbietung aller Kraft gegen die Tür des verriegelten Zimmers, daß der Riegel sprang.

*

 


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