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8

Martin Opterberg hielt die schmale Karte in der Hand, die in schlichtem Steindruck die Verlobung Christoph Attermanns mit Therese Baumgart meldete. Er wandte sie um und suchte nach einem handschriftlichen Wort. Es war nichts für ihn hinzugefügt.

Und mit einem Male spürte er, wie ihm eine Blutwelle langsam in die Stirne kroch.

So beharrlich hielt er die Augen auf die Karte gerichtet, als buchstabiere er Wort für Wort. Und zwischen den Zeilen tauchten andere auf, die unsichtbar geblieben waren und jetzt zu ihm redeten. Er hörte es wohl – Christoph Attermann sprach zu ihm: »Ich habe gewartet und gewartet, Martin, weil ich glaubte, der Edelstein gehöre dir. Nun aber habe ich ihn schnell geborgen, bevor fremde Füße über ihn dahingehen.«

Die Blutwelle stieg. Er wollte sie niederhalten, und sie stieg doch. »Ich bin ein verlobter Mann,« sprach er zu sich selber, »und werde in Kürze ein Weib haben. Weshalb sollte ich anderen Menschen nicht ein Glück gönnen, das ich mir genommen habe, ohne die anderen zu befragen?«

Einen Augenblick preßte er die Lippen zusammen. Vor zwei Tagen erst hatte er Christoph Attermann gerufen, um den Bruder und Freund als ersten in die neue Stunde seines Lebens einzuweihen. War Christoph Attermann zu dieser Zeit schon mit Therese Baumgart im Einverständnis gewesen? Fort, fort mit der schlecht passenden Eifersuchtregung. Wahrhaftig, wenn etwas nicht am Platze war, so war es eine solche. Eine Scham war am Platz, und weil er sie unausgesprochen in tiefster Tiefe verspürte, bäumte sich der Groll in ihm auf wie in selbstherrlichen Knaben, die einen Verweis fürchten. Hier war der Verweis. Und war er der Knabe?

Er strich sich über die Augen und gewann sich wieder. Plötzlich sah er ganz klar. Plötzlich erkannte er die Beweggründe Christoph Attermanns in aller Schärfe. Christoph Attermann hatte der Freundin der Jugend eine ritterliche Genugtuung bereitet.

Das war es. Es gab keine Vergessene oder gar Verschmähte, es gab eine Frau, die ihr ruhiges Glück der Welt künden konnte, bevor die Welt von dem seinen wußte.

Er nahm Hut und Stock, um das Barthelmeßhaus aufzusuchen. Und während er hinüberschritt, klang das Rauschen des Rheins zu seinen Füßen ihm nur fern, und ganz nah klang ihm das Rauschen des Schwarzwaldes, und es war das Herzogenhorn, und im Tiefblau des Sommerabends saß ein Mädchen in weißem Kleid und hielt, singend und träumend zugleich, die Wange an den bebänderten Lautenhals geschmiegt.

»Du bist die Ruh', der Friede mild.
Die Sehnsucht du und was sie stillt« – – –

»Ei,« grüßte im Hausflur Sabine Barthelmeß den in Gedanken Verlorenen, »hast du mir ein neues Gewand ausgedacht oder gar einen Schmuck zum feierlichen Verlobungstag auf dem Opterberghof?« Und sie schlang ihm die Arme um den Hals und küßte ihn weitoffenen Auges.

»Zieh ein weißes Kleid an und leg ein Lautenband um, Sabine. Mehr brauch' ich nicht.«

»Herr Doktor, sein Sie munter,« rief das Mädchen und griff ihm übermütig links und rechts ins Haar. »Das ist ein Anzug für Sonntagswanderer und kleine Studentinnen, nicht für die stolze Braut Martin Opterbergs. Ach du, wie wirst du die Augen öffnen.«

»Zigeunerin,« sagte er lachend und nahm sie in die Arme, »macht nur der Krönungsmantel die Königin? Trägst du den Zauber nicht in dir selbst? Schließ die Koffer ab, damit wir zur Mutter fahren können. Auch Christoph Attermann hat sich verlobt«

»Der Attermann?« fragte sie gedehnt. »Der bei euch das Gnadenbrot aß? Was hat er sich vorzudrängen und uns den ersten Platz zu nehmen?«

»Es ißt auf dem Opterberghof keiner das Gnadenbrot, der an meiner Mutter Brust getrunken hat, Sabine.«

»Mit einem Fräulein Dr. med. Therese Baumgart,« las Sabine Barthelmeß von der Karte ab. »Ach du armes Herrgöttel, ein verstudiert Altjüngferlein ohne Saft und Salz, wie es sich für des Christophs Langweiligkeit schickt. Komm endlich in die Stube. Es ist niemand im ganzen Haus, und ich will mich schön machen wie zur Hauptprob' und alle Kleider anziehen, die ich mitnehm' auf die Brautfahrt.«

»Die Therese Baumgart ist eine alte Jugendfreundin, Sabine.«

»Grad darum sollst du schaun, wie eine junge Jugendfreundin ausschaut.«

»Und wenn ich dir die Gewänder zerdrück', du Wilde?«

»So kaufst du mir neue und schönere.« – –

*

Da lag das weiße Opterberghaus auf dem Felsen über dem jungen Rhein. Martin Opterberg führte seine strahlende Braut über die Schwelle und in den Empfangsraum. Mitten im Zimmer stand Frau Christiane und blickte mit großen, stillforschenden Augen auf die Eintretenden.

»Hier bring' ich dir die Sabine, Mutter, die mein Weib und deine Tochter werden will.«

Ein paar Atemzüge stiegen in Frau Christianes Brust auf und nieder.

»Will sie das wirklich, so soll sie von Herzen willkommen sein. So, wie ich dich willkommen heiß' nach der vierjährigen Trennung, Martin.«

Da ließ der Heimgekehrte die Hand der Braut los und umarmte ungestüm die Mutter.

»Du! Du! Nicht bös' sein, daß ich nicht auf der kürzesten Straße zu dir lief. Aber da blühte eine Blume am Weg, daß ich nicht gleich weiterkonnt', und nun hab' ich sie gleich mitgebracht zu deiner und meiner Freud'.«

»Wenn's deine Glücksblume ist, hast du recht getan,« sagte Frau Christiane und streckte der Harrenden die freie Hand entgegen, über die Sabine Barthelmeß tief sich beugte.

»Willst du sie ihm sein, Sabine, und immerdar bleiben?«

»Ach, Mutter, ich hab' ja all die Jahre nur an ihn gedacht.«

»Deinen funkelnden Augen hat's nichts geschadet, du, und arg verhärmt schaust du vom Kopf zur Zeh' auch nicht aus,« scherzte Frau Christiane, aber ihre Augen blieben klar.

»Das ist ja mein Leid, Mutter, daß mir's kein Mensch ansieht und daß ich in Sturm und Regen weiterblüh' wie in der Sonne.«

»So halt's auch fürderhin dabei, Kind, zugunsten des Martin.« Sie blickte zu ihrem Sohn hinüber. »Vor wenig Tagen hat mir der Christoph seine Verlobung angezeigt. Mit der Therese Baumgart. Das geht wieder einmal daher und einander auf den Fersen wie bei euren Staats- und Doktorprüfungen. Ei, was ist mit dir, Martin?«

»Die Therese ist hier? Sie ist mit dem Christoph gekommen?«

»Sie sitzt auf einem Schwarzwaldgipfel und heilt die kleinen Menschenkinder.«

»Mutter, du planst eine Überraschung. Ich hätt' sie dir nicht verderben sollen. Gerad sah ich die Therese Baumgart durch den Garten gehen. Durch die Fenster sah ich sie.«

»Du bist durch die Welt gerannt, und die Jahre sind mit dir gerannt, ohne daß du es merktest, Martin. Das Theresel ist eine liebe und ernste Frau, und was dort im Garten wandelt, ist ihr Schwesterchen, das Lindele, und mein Hausschatz. Such dir dein Bubenzimmer, Martin. Ich zeig' der Sabine unterdes ihre Unterkunft. Und in einer Viertelstund' sind wir bei Tisch.«

Selbst Frau Christiane mußte sich gestehen, daß Sabine Barthelmeß ihre Sach' verstand. Das lachsfarbene Kleid mit dem langen, schmalen Halsausschnitt, in dem Sabine zu Tisch erschien, stand in köstlichem Zusammenklang zu dem südländisch getönten Kopf und dem tiefdunklen Haar, das überall eine Locke vorschickte wie im Dunkel tastende Fragen. Die Vertraulichkeit aber, mit der das Mädchen sich gleich im Hauswesen bewegte und der Hausfrau in ihren Verrichtungen bei Tisch begegnete, empfand Frau Christianes weiblicher Sinn als eine leise Vordringlichkeit, die sie gern gemißt hätte.

»Laß dir gefallen, daß die Linde und ich dich bedienen,« sagte sie freundlich. »Du bist hier der Gast, den wir wohl zu versorgen gedenken, und es bleibt bei der Gewohnheit. Lindele, eine Tasse Tee wär' mir lieb.«

Linde Baumgart hatte die Vorstellung bei Tisch mit einem mädchenhaften Knix erwidert. Nun saß sie still und aufmerksam lauschend in ihrer weißen Hemdbluse, die ein langes, grünes Schlipsband farbenfroh belebte, und nur zu Anfang blickte sie verwundert auf, wenn die fremde junge Dame sie bei Vornamen rief und ihr das »Du« gab, während sie doch schicklich mit Fräulein Barthelmeß erwiderte.

Auch Martin Opterberg empfand die Betonung der jungen Dame gegenüber dem jungen Mädchen bei Sabine als eine leichte Anmaßung, die er durch besonders höfliche Anreden zu verbessern trachtete.

»Ich habe Sie für Ihre Schwester Therese gehalten, mein gnädiges Fräulein. Die Mutter hat's Ihnen wohl schon verraten. Sie sind ihr so gleich, als wären die langen Jahre zwischen heut und damals, als ich Ihre Schwester das erste Mal zu Freiburg sah, ausgewischt.«

Linde Baumgart sah ihn an, und eine mädchenhafte Röte lief ihr über die Wangen.

»Ähnlich schau', ich gewiß aus wie das Theresel, aber gleich bin ich ihr nicht. Da gehört mehr zu, als ich vermag. Doch wenn ich recht schön bitten dürft': nennen Sie mich Fräulein Baumgart und nicht gnädiges Fräulein. Ich bitt' Sie recht sehr.«

»So lassen Sie mich Ihr Wohl trinken, Fräulein Baumgart, wenn Sie mir freundlichst mein Weinglas füllen möchten. In Erinnerung an Ihre Schwester, die nun eine glückliche Braut ist und eine noch glücklichere Frau werden möge.«

Sabine Barthelmeß focht die feine Zurechtrückung nicht an.

Sie rief das junge Mädchen »Lindele«, wie sie es von Frau Christiane gehört hatte, und wandte das »Du« an, als habe sie ein unsicher Backfischlein zu begönnern.

›Es ist Barthelmeßsche Kinderstube‹, dachte Frau Christiane. ›Sie suchen die Menschen zu überrumpeln, um sie unter ihre Botmäßigkeit zu bekommen.‹ Und dann gab sie sich der Freude über die Heimkehr ihres Sohnes hin und, um ihm die Stunde zu schmücken, auch dem Vergnügen an der einschmeichelnden und wortreichen Art der Sabine Barthelmeß.

Eine Flasche französischen Champagners aus Herrn Arnolds Nachlaß kam auf den Tisch. Frau Christiane schenkte ihn selbst in die Kelche. Und sie trank Glück und Heil dem Brautpaar zu, das am Tische saß, und Glück und Heil dem Brautpaar, das in der Ferne weilte. »Ich darf es als Mutter sagen: die besten Mädchen landauf und landab sind mir für die Opterbergsbuben gut genug.«

Sabine Barthelmeß leerte im Übermut ein paarmal den Spitzkelch.

Der fürstliche Champagner flößte ihr geheime Hochachtung ein, und sie wünschte darzutun, als sei sie ihn wie ihr täglich Glas Brunnenwasser bei Tisch gewöhnt. Sie äußerte keinerlei Verwunderung noch irgendeinen schönen Dank an die spendende Mutter, aber unter dem Tisch griff sie Martin Opterbergs Hand und suchte sie zu zerpressen, daß er aufschreien möge, und als Frau Christiane sich seitwärts zu Linde Baumgart neigte, um ihr eine Weisung zu geben, griff sie schnell nach seinem Kopf und küßte ihn auf die Augen.

»Sabine,« flüsterte er ihr zu, »unsere Zärtlichkeiten gehen uns allein an.«

Aber sie ließ sich nicht lehren und trieb ihr Spiel weiter, im Glauben, vor den Frauen des Opterberghofes die überlegene und leutselige junge Weltdame zu spielen.

In der Nacht fuhr Frau Christiane aus dem Schlummer. Ihre Gedanken waren so wach, als hätten sie im Schlafe weitergearbeitet.

»Nein,« sagte sie vor sich hin, »sie mag eine gute Geliebte sein, niemals aber eine rechte Frau und Gattin.«

Den Rest der Nacht verbrachte sie aufrecht in den Kissen. So hatte sie in mancher Nacht gesessen, wenn sie über einen Weg für Herrn Arnold grübelte ...

Als Sabine Barthelmeß im losen Morgenkleid und das Haar in einen großen Knoten gewunden zum Frühstück erschien, kam Frau Christiane mit Linde Baumgart schon aus den Wirtschaftsgärten.

»Ausgeschlafen, Stadtkind? Schön siehst du aus, als wolltest du gleich zum Ball.«

»Ich bin in das Fähnchen geschlüpft, weil ich mit Martin baden gehen möchte. Ich kenn' die breite ruhige Stelle im Rhein von früher her noch, und ich freu' mich auf die Erfrischung.«

»Hast du den Martin schon begrüßt? Er wird drunten auf der Rheinbank sitzen.«

Sabine Barthelmeß hatte sich schon in den Lehnstuhl geschmiegt und sich ein Honigbrötchen gestrichen. »Gelt, Lindele, du bist so lieb und holst mir den Ausreißer.«

Linde Baumgart nickte freundlich und ging. Unterwegs lächelte sie in sich hinein. Den Ausreißer! Als ob der allzu ernst gewordene Lebensringer Martin Opterberg, dem der Gedankenadel auf der Stirne stand, so ein kleines Schätzel wär'!

Sie fand den Gesuchten, wie es Frau Christiane vorhergesagt hatte, auf der Rheinbank, reichte ihm die Hand und richtete ihm ihre Bestellung aus.

»Wollen Sie nicht mit uns kommen, Fräulein Baumgart? Der Morgen ist so schön, das Wasser gewiß köstlich, und die Mutter wird Sie nicht entbehren.«

»Das wär' mir leid, Herr Opterberg, wenn die Mutter mich so leicht entbehren möcht'. Es gibt mehr zu schaffen als sonst. Es sind hohe Gäste im Haus.«

»Rechnen Sie mich auch zu den Gästen?« fragte Martin Opterberg. ›Die Mutter‹ hatte sie gesagt. Es war ihm nicht entgangen.

»Sie sind der Sohn des Hauses, Herr Opterberg. Aber gerad' darum sind Sie Ihrer Frau Mutter der liebste Gast, dem sie nichts als die Händ' unter die Füße legen möcht', weil er gar so selten daheim ist und immer nur auf der Weiterreise.«

Jetzt hatte sie ›Ihre Frau Mutter‹ gesagt und vor dem Sohn des Hauses bescheiden den Rückzug angetreten.

»Sie sind wohl meiner Mutter eine getreue Helferin geworden?«

»Ihre Frau Mutter mir! Nein, darüber kann man nicht sprechen. Dafür kann man einen Menschen wieder nur mit dem ganzen Menschen liebhaben. Nicht nur aus Dankbarkeit.«

»Ja, sie ist schon eine Prachtfrau ...«

»Viel mehr, Herr Opterberg. Sie ist die Prachtfrau. Wer das werden könnte in ihrer Schul'.«

Er lächelte über ihren mädchenhaften Eifer, und die Sonne stand noch auf seinem Gesicht, als er ins Zimmer trat und die Braut begrüßte.

»War es nicht arg selbstlos von mir, Martin, dir ein so hübsches Mädchen zum Morgengruß zu schicken?« fragte Sabine Barthelmeß lachend, während sie ihren Verlobten zwei-, dreimal auf den Mund küßte. »Dafür hast du die nächsten Stunden nur mir allein zu widmen. Auf, zum Rhein!«

»In dem Morgenkleidchen und dem wilden Haarknoten?«

»Beruhige dich, Liebster, ins Wasser geh' ich nicht mit dem Kleidchen, o nein, und das Haar wird doch nur zerzaust beim Baden und wird erst würdig hergerichtet, wenn ich herauskomme und mich feierlich für den Tag anzieh'.«

»So komm, du Wilde. Es ist spät genug.«

In seinen Arm eingehängt, schlenderte sie durch die Wiesen, und wenn er sich wahrend des Plauderns zu ihr hinabbog, küßte sie blitzschnell sein Ohr. Dann hatten sie den verschwiegenen Badestrand erreicht und suchten im dichten Weidengebüsch nach undurchsichtigen Umkleideplätzen.

»Du darfst ruhig zuschauen, Martin. Ich hab' das Badegewand gleich untergezogen und brauch' nur aus dem Kleid herauszuschlupfen. Also hilf mir heraus.«

Kein Mensch weit und breit. Kein anderer Laut in der Sommerhitze als das Murmeln des Uferwassers. Martin Opterberg strich ihr das Kleid von den Schultern und glaubte, ein fremdes Wesen aus sagenhaft-schwüler Wasserfrauenzeit zu sehen. Schlank und voll stand Sabine Barthelmeß im enganliegenden schwarzen Gespinst, das das elfenbeinfarbene Weiß der Glieder zum irrlichternden Leuchten brachte, und dehnte wohlig die Arme. »Rühr mich nur an, ich brenne nicht, ich bin kühl wie ein Trunk im Sommer.«

Da nahm er sie in die Arme und küßte die kühlen Schultern und den kühlen Nacken, und sie entglitt ihm wie eine geschmeidige Otter und war unter Wasser verschwunden. Wenige Minuten nur, und er hatte den Badeanzug angelegt und war ihr nach. Und es wurde ein Fliehen und Haschen, ein Suchen und Sichfindenlassen und ein Ausruhen Seite an Seite am verborgenen Strand, daß die Stunden vergingen und sie fast zu spät zum Mittagessen kamen. Linde Baumgart mußte helfen, daß die wilde Wasserfrau auf raschestem Wege in eine zeitgemäße Tischgenossin umgewandelt wurde, und sie tat es ohne Zieren und Zögern, weil es einem Gast des Opterberghofes galt. Martin Opterberg aber hatte an diesem und den kommenden Tagen nur noch Augen für seine Braut.

Alle Schönheiten des Landes wünschte er ihr zu erschließen am jungen brausenden Rhein und in den himmelhochjauchzenden Schwarzwaldbergen, aber was sie nicht, bequem in den Wagen zurückgelehnt, besichtigen konnte, darauf verzichtete sie bald, und als er sie weiter hinausführte bis zum Hohentwiel und auf Herzogin Hadwigas ragende Sehnsuchtsburg, da fand sie nichts Bemerkenswertes als den heißen Aufstieg, und in der Wunder erschließenden Fernsicht über See und Alpenketten nichts als die Mahnung, schleunig zu dem Wunder verheißenden Seegestade hinabzusteigen. Hier aber war ihr Überlingens mittelalterliches Gassengewirr zu eng und Meersburgs abenteuerliches Frankenkönigsschloß zu felsenhoch, auch den Besuch des steilgelegenen Friedhofs mit Annette v. Droste-Hülshoffs stillem Grab schlug sie dankend aus, denn von Deutschlands großer Dichterin und Seelenforscherin wußte sie kaum den Namen. In Konstanz atmete sie auf, und in den üppigen romanischen Dominikanerhallen des Inselhotels gefiel sie sich über die Maßen so sehr, daß Martin Opterbergs stolze Ruhe selbst ins Wanken kam, weil sie mit Willen die Blicke und flüsternden Gespräche der Umsitzenden auf sich zog.

»Meine kleine Wilde, wir sind hier in der besten Gesellschaft aus aller Welt.«

»Ja,« entgegnete sie atemlos, »hier sind wir unter vornehmen Leuten. Schau den Herrn dort, der herüberblickt. Das scheint ein englischer Lord. Aber seine Begleiterin trägt gefärbtes Haar und ist sicherlich eine Pariser Schauspielerin.« Und sie lächelte, weil die Dame lächelte.

»Ich denke, Sabine,« sagte Martin Opterberg, »wir sind auch dann unter vornehmen Leuten, wenn wir ganz allein sind.«

Sie weiß noch so wenig von der Welt, dachte er, und es wird schön sein, ihren Geist einzuführen und immer mehr zu verfeinern. Und er drängte selbst, den Hochzeitstag festzusetzen, als sie wieder auf dem Opterberghof weilten, um das Glück des Führens und Entdeckens ganz ausschöpfen zu können. Als er zu Sabine Barthelmeß davon sprach, schmiegte sie sich wie in einem Rausch in seine Arme.

»In sechs Wochen soll es sein, Sabine. Wir verzehren uns sonst. Morgen fahre ich an den Niederrhein, um alte Werftanlagen und neues Gelände zu erstehen, um die ich schon von den Vereinigten Staaten aus in Unterhandlung bin. Flußdampfer will ich bauen, die von Basel bis Rotterdam und über das Meer bis London gehen. Und später werd' ich Reeder dazu, um alle Wirtschaftsmöglichkeiten für die Lande am Rhein aufschließen zu helfen.« Sie streichelte ihm immerfort das Haar, während er sprach, in die Stirne hinein und wieder hinaus und summte eine verliebte Weise dazu. Da schwieg er und gab sich ihrer tändelnden Lieblosung hin, und sie merkte gar nicht, daß er nicht weiter sprach.

Später suchte er die Mutter in ihrem Geschäftszimmer auf. Frau Christiane stellte ihre Abrechnungsbücher beiseite und wies ihm den Gegenplatz am Schreibtisch. »Ich weiß, was dich zu mir führt, und hatte dich schon erwartet. Es ist alles bereit.«

»Du liest in den Hirnen und Herzen, Mutter. Unsere germanischen Voreltern würden dich als Seherin verehrt haben. Und mit Recht.«

»Mit Unrecht, Martin. Ich tu' nichts, als mich unbeirrt dem Muttergefühl hingeben, das mich zwingt, mit dem Hirn dessen zu denken, den ich aus mir geboren hab'. Und auf den Herzschlag dessen zu lauschen, dem ich schon den ersten Herzschlag abhörte, als er noch ein Ungeborener war. Du könntest am Nordpol oder im Feuerland stecken, ich empfind' dein Denken und Fühlen auf dem Opterberghof.«

Sie reichte ihm über die Tischplatte die Hand.

»Du willst mit mir über die Mittel zur Ausführung deiner Werftpläne sprechen, Martin. Das Geld, das wir flüssig machen können, liegt bereit.«

Martin Opterberg hielt die Mutterhand in der seinen. Auge in Auge saßen sie.

»Als wir den Vater beerdigt hatten,« sagte Martin Opterberg, »gabst du mir Einblick in unsere Vermögensverhältnisse. Das dank' ich dir heute noch, denn ich konnte meine Arbeitspläne auf ein fest umstecktes Ziel hinsteuern und brauchte nicht Kraft und Zeit zu vertun, um nach unbestimmten Erfolgsaussichten umherzukreuzen. Vertrauen bringt wieder Vertrauen hervor. Noch einmal: ich dank's dir, Mutter, und ich komme auch mit einigen Tausendern über See zurück, die ich mir selber hereinholte. Aber auf dich rechnete ich, um nicht in meinen besten Mannesjahren für andere zu schaffen.«

Frau Christiane löste ihre Hand und holte ein Buch aus der Schreibtischlade.

»Hier lies. Was hier verzeichnet steht, kann in deinem Werk angelegt werden«

Martin Opterberg tat einen Überblick. »Ich brauch' die ganze Summe nicht, Mutter. Ich arbeite doch auch mit den Banken. Und ich würd's auch nicht dulden, daß du dich so entblößtest.«

Da lachte Frau Christiane ihr fröhliches Frauenlachen.

»Schau, Martin, so groß und gescheit ihr werdet, die kleinen Buben bleibt ihr doch vor der Mutter. Glaubst du denn, du Kindskopf, ich zög' mich um deiner und der Sabine schönen Augen willen bis aufs Hemd aus, bevor ich daran dächt', mich wirklich zu Bett zu legen? Ach nein, mein lieber Bub, was ich dir geb', ist das, was der Opterberghof und seine Besitzerin ohne Not erübrigen kann, und wenn es halt mehr ist, als du dir errechnet hast, so ist es, weil inzwischen mein Erbe aus dem Elterlichen im badischen Oberland dazugekommen ist und des Vaters Erbe aus dem Hof am Niederrhein.«

»Gut, Mutter, nun seh' ich klar. Und Eigengeld für den Anfang ist besser und billiger als Bankgeld. Morgen will ich an Ort und Stelle. Es zieht mich mit tausend Kräften ans Werk. Und in sechs Wochen, wenn's dir so paßt, halten Sabine und ich bei dir die Hochzeit.«

»Hat sie schon ihre Aussteuer beisammen?« fragte Frau Christiane, ohne mit dem Augenlid zu zucken.

»Herrgott noch einmal, ich glaub', daran haben wir alle beid' nicht gedacht, nicht die Sabine und nicht ich.«

»Und der Herr Professor Barthelmeß und die Frau Professor noch weniger. Du siehst, die Tausender, die du mit über See gebracht hast, haben schon ihre Bestimmung gefunden.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg und erhob sich, »du magst die Barthelmeßleute nicht, und mir geht's nicht viel anders. Aber die Sabine kann nichts dazu zu der heillosen Wirtschaft. Sieh doch, wie alles an ihr wie bei einem Kinde nach der Sonne verlangt. Gefällt sie dir nimmer, die Sabine?«

»Nein, Martin,« erwiderte Frau Christiane ruhig, »ich fürchte nichts für dich von deiner Ehe, wenn es dir gelingt, die Sabine zu dir hinaufzuziehen und nicht zu ihr hinabzusteigen. Schön genug ist sie, um einem Manne Freud' zu schaffen. Und das ist nicht wenig für ein Arbeitsleben wie das deinige. Glück auf, Bub'.«

Noch einmal kehrte Martin Opterberg in dem Rheingaustädtchen ein, um Sabine Barthelmeß zu ihren Eltern zurückzubringen. Denn Sabine hatte auf dem Wunsch bestanden, ihre Aussteuer unter dem künstlerischen Auge des Vaters zu wählen und nicht unter dem sachkundigen der Frau Christiane Opterberg. Die Summe, die ihr ihr Verlobter, als müsse es so sein, zur Verfügung stellte, löste bei ihr so helles Entzücken aus, daß Martin Opterberg es gern für den vergessenen Dank gelten ließ. Der Professor aber schüttelte, als er sie vernahm, bedächtig das Haupt und meinte, man werde immerhin rechnen müssen, aber er kenne ja gottlob die Quellen. »Eure Verlobung,« teilte er dem Schwiegersohn im strengsten Vertrauen mit, »hat unerwartete Ansprüche auch an meine Tageskasse gestellt, denen sie vorübergehend nicht gewachsen ist. Es würde eine Annehmlichkeit für mich bedeuten, wenn du mir mit tausend – nein,« sagte er, als Martin Opterberg nach der Brusttasche griff, »es geht nicht – wenn du mir mit zweitausend Mark über die unvorhergesehene Zeit hinweghelfen könntest.«

*

Die alten Werftanlagen und ausreichendes neues Gelände dazu waren erstanden. Weit genug entfernt, um dem Lärm des Werkes enthoben zu sein, und doch nahe genug, um es in wenigen Minuten zu erreichen, füllte sich ein schmuckes, kleines Landhaus mit ausgesuchtem Hausgerät. Mau mußte es dem alten Kirchenbauer Barthelmeß lassen: sein Geschmack war erlesen und seine Spürgabe unübertrefflich. Aus allen Jahrhunderten schleppte er Schränke und Truhen, Schmucktische und Lehnstühle, Teppiche, Bilder und Stiche zusammen, daß es zuerst den Anschein gewann, als solle ein großes Trödellager aufgestapelt werden. Aber der Professor kam selbst, und nachdem er über den Baustil des Hauses eine Zeitlang mitleidsvoll das Haupt geschüttelt hatte, nahm unter seinen Händen der Trödelkram bald den Glanz und die Stimmungshoheit uralter geschichtlicher Überlieferung an, und jedes Zimmer war in die Versonnenheit einer anderen Zeit verwoben. Die Überraschung aber hatte sich der alte Kenner für das Schlafzimmer aufgespart: ein Renaissancelager von breiter Ausladung, von einem Baldachin beschattet, mit teppichbelegten Stufen zum bequemen Einstieg versehen. »Das Gestell hab' ich einem Bauer im Fränkischen abgeschwatzt,« gestand der Kunstprofessor händereibend. »Ich hab' ihm dafür zwei schöne Bettladen mit Muschelaufsatz und einen mannshohen Stehspiegel auf Rollen angehängt. Da herrschte große Freude.«

Auf dem Opterberghof wurde die Hochzeit gehalten. Acht Tage vorher hatte Christoph Attermann in aller Stille Therese Baumgart heimgeführt, und Linde Baumgart, die Schwester, war vorausgeeilt, um das junge Nest zu schmücken, bis das Paar von seiner kurzen Ferienfahrt heimkehren würde.

Martin Opterbergs Stirn überzog sich, als er die Botschaft vernahm. Das kam einem Ausweichen gleich. Oder sollte es nur eine Feinfühligkeit der Freunde sein, die seinen Augen eine Schaustellung ihrer frohen Liebeserwartung entziehen wollten? Immerhin: auch Christoph Attermann hauste, als Betriebsleiter des Brückenwerkes, am Niederrhein, und ein öfteres Zusammenkommen war geboten. Weshalb da erst Gefühlsanwandlungen nachgeben –?

Am Tage, an dem Christoph Attermann mit Therese Baumgart Hochzeit hielt, stand Martin Opterberg im Garten seines Landhauses am Niederrhein und horchte über die breiten Strommassen rheinauf, ob er ein Gläserklingen vernehme oder einen zitternden Lautenklang ...

Martin Opterberg hatte sich in Jünglingsträumen seine eigene Hochzeit anders ausgemalt, als sie sich gestaltete. Und auch Sabine Barthelmeß hielt mit ihrer Unzufriedenheit über die kleinbürgerliche Familienveranstaltung nicht zurück.

»Meinen Vater und meine Mutter und meine hochverehrten Herren Brüder vermag ich alle Tage zu sehen, wenn's mich danach gelüsten sollt'. Weshalb lädst du nicht deine Freunde von der Universitätszeit, die doch alle in so glänzende Verhältnisse hineingeheiratet haben, daß ein Verkehr lohnt? Wenn der Christoph Attermann auf eine glanzvolle Feier verzichtet, so ist das seine Sach' und hat wohl mehr eine ›klingende‹ Ursach'. Wir brauchen ihm das gottlob nicht nachzumachen.«

»Du bist wie ein junger Jagdhund,« sagte Martin Opterberg und strich ihr lächelnd über das erhitzte Gesicht, »weißt du, wie so ein junger, ungelernter Springinsfeld, der gleich von dem grauen Häslein abläßt, wenn vor ihm ein schillernder Fasan aufgeht.«

»Du mußt mich führen, Martin,« erwiderte sie und drückte sich ganz weich in seinen Arm.

Ein halbes Dutzend Gäste saßen außer dem Brautpaar an der Hochzeitstafel, und es war ein Geschrei wie auf dem Jahrmarkt. Wohl hatte Vater Barthelmeß unter Schluchzen eine gefühlvolle Rede gehalten, in der er die Wunderblume seines künstlerischen Lebens und Schaffens, die er bei Tag und bei Nacht gehegt und gepflegt habe wie kein anderer Vater auf Erden, mitsamt ihren selbstlosen Eltern der Liebe und dem Verständnis des neuen Sohnes anempfahl, und Frau Hadwiga Barthelmeß war in Tränen gebadet. Die drei Barthelmeßbrüder aber, die ohne ihre Frauen gekommen waren und von denen niemand recht wußte, mit wem sie eigentlich verheiratet waren und ob die Kunst, der Handel oder der Müßiggang ihre Hauptbeschäftigung darstelle, hatten sich bei den brustwarmen Worten des Vaters verständnisvoll mit den Augen zugeplinkert und beim Hoch auf das Brautpaar ein groß Hallo und Gläserleeren begonnen, auch Rundgesänge erhoben und im wilden Durcheinander ungescheut Liebesschwänke und Ehegeschichten zum besten gegeben, daß Frau Christianes Stirn sich leise rötete und ihre Augen immer ferner zu blicken schienen.

»Sabine,« raunten die Brüder der abschiednehmenden Schwester zu, »wie steht's mit dem Reisegeld? Wir sind doch zu deinem Vergnügen gekommen und nicht zu dem unseren.«

»Ich hab's schon dem Vater für einen jeden von euch eingezahlt.«

»Dem Vater? Das ist ein netter Spaß. Aber er soll uns nicht durchschlüpfen, der alte Festredner.« –

Sabine Opterberg thronte in ihrem Landhaus am Niederrhein. Selbst ihr glücklicher Gemahl wußte kein besseres Wort für die königliche Haltung zu finden, mit der sie ihren Platz als Herrin des Hauses einnahm. Sie schritt über die Teppiche, als sei sie Zeit ihres Lebens nur über persische Handgewebe dahingeschritten, und sie erteilte ihre Befehle an die zwei Dienstboten, als ständen hinter den zweien noch ein Dutzend unsichtbare. Daß die hohe Herrin, wenn der Herr des Hauses mit gedankenheißer Stirn auf seiner Arbeitsstätte weilte, daheim stundenlang und vertraulich mit ihren Mädchen plauderte und sie ihre Schätze bewundern ließ, das hätte Martin Opterberg nie geglaubt.

Kehrte er heim, so flog sie ihm wie ein sehnsüchtig Kind entgegen, erstickte ihn mit ihren Liebkosungen und ließ ihn im Taumel vergessen, was ihm hätte mißfallen können.

Bald füllte sich das Haus mit Gästen. Werksherren aus der Umgebung kamen mit ihren Damen, um die Pflichtbesuche der Opterbergs zu erwidern, die Jungen folgten nach, und mancher Geschäftsfreund stellte sich ein und nahm seinen Platz am künstlerisch gedeckten Tisch. Dann saß Sabine Opterberg beobachtend in der Runde, und keine Bewegung, kein Tonfall entging ihr, ohne daß sie ihn prüfte und sich zu eigen machte.

»Du hast ja deinen Kehlkopf mit einemmal anders eingestellt,« verwunderte sich der Hausherr. »Willst du dich über deine Gäste lustig machen?«

»Ich habe nie anders geredet als heute,« erklärte die junge Frau und hob das Kinn.

Martin Opterberg schüttelte den Kopf. Kindereien, dachte er, sie läßt sich vom ungewohnten Schein blenden. Aber bald mußte er, wenn auch zögernd und widerwillig, erkennen, daß die Blendversuche allein von Sabine ausgingen und daß sie die Kunst, die Blicke auf sich zu lenken, stärker noch und erfolgreicher übte als ehemals in der vornehmen Allerweltsgemeinschaft des Konstanzer Inselhotels.

Die leichte Aufdringlichkeit, mit der sie sich den Menschen und Dingen zu nähern und sich ihrer zu bemächtigen pflegte, war einem merkwürdigen Schlangengleiten gewichen. Plötzlich konnte sie die Augen aufschlagen und einem Herrn starr und verloren ins Gesicht blicken. Wurde er unruhig, so senkten sich langsam die schweren Lider, und der verlorene Blick wurde zu einem verlorenen Lächeln. Ein jeder fühlte sich besonders geehrt, und bald machte ein jeder sie zur stillen Vertrauten seiner geheimsten Empfindungen, ohne zu ahnen, daß er nur tastende Neugier auffütterte.

Oft auch ließ sie im Tischgespräch im Eifer der schönen Worte ihre Hand auf der Hand des Nachbarn ruhen, bis sich das Gesicht des Mannes dunkel färbte und er die Hand wie zur Prüfung der Absonderlichkeit krampfte. Dann saß sie mäuschenstill und dehnte den Augenblick. Oft aber auch forderte sie dreist und mit keckem Wort heraus, wenn sie fühlte, daß einer anderen höher und feiner gestimmte Wesensart sie in den dunklen Hintergrund drängte. Und die Männer hielten für berauschenden Übermut, was nichts als wohlverkappter Neid war, der Neid einer Frau, die nur einen Körper zu bieten hat und nicht eine Seele.

Zögernd nur und widerwillig erkannte es Martin Opterberg, und da er selbst unter dem Rausch dieser erdhaften Weiblichkeit stand, mußte er sich fast Gewalt antun, um den Blick klar zu behalten. Und er sah, wie Sabines Freude an einem Jüngling, der über keine anderen Vorzüge verfügte als über seine geradegewachsenen Glieder, ebenso groß war wie an einem reifen Manne, dessen überlegener Geist die Umgebung beherrschte. Und als er es erkannt hatte, glitt der Nebel des Rausches mehr und immer mehr von seinen Augen, und er sah, wie es sie triebhaft drängte, das Wohlgefallen eines jeden Mannes zu erregen, der drinnen oder draußen in ihren Sehkreis trat. Mit niederen Evakünsten. Mit dem Spiel ihres weichen, geschmeidigen Körpers. Denn über ihn hinaus, das war seine letzte Erkenntnis, hatte sie nicht viel einzusetzen.

Für den Sohn der Frau Christiane Opterberg war diese Erkenntnis wie ein Fremdkörper im Blut. Er versuchte ihn wie einen unreinen Gedanken auszuscheiden. Aber das wach und scharf gewordene Auge ließ sich nicht mehr bestechen. Im Zeichensaal, auf dem Werftplatz, mitten in der gesteigerten Arbeit ließ er die Arme sinken und horchte in sich hinein und horchte hinaus, um ein Wort zu finden, Sabine Opterberg anzurufen in ihrer Nachtwandelei. Aber wie konnte ein ehrenhafter Mann mit seiner Frau über Dinge rechten, die im Gefühle lagen und nicht greifbar waren?

Er wartete und wartete, in der Hoffnung, es seien Schlacken gewesen, deren der Feuerstrom bald genug ausgeworfen haben würde, um zur reinen Flamme zu gelangen.

Englische Geschäftsfreunde kamen zu Gast, die die deutsche Sprache gut beherrschten. Mit Staunen vernahm Martin Opterberg, wie Frau Sabine die deutsche Sprache radebrechte, um die Ausländerin zu spielen, und auch die fremden Gäste vernahmen es verwundert.

»Sie sprechen nur gebrochen deutsch, gnädige Frau? Belieben Sie eine andere Sprache?«

»Oh – meine italienische Heimat,« brachte Sabine mit einem wundervollen Augenaufschlag hervor, der die Herzen erwärmte, »aber ich verstehe sehr gut.«

Martin Opterberg stellte sie vor dem Schlafengehen zur Rede. »Weshalb lügst du die ehrenwerten Herren in meiner Gegenwart an, Sabine? Es ist nicht das erste Gaukelspiel, das mich an dir befremdet. Ich bitte dich, bei allem und jedem zu bedenken, daß du meinen Namen trägst.«

Sofort nahm sie Kampfstellung an. Ihre Augen verhärteten sich. Die Iris wurde wie stahlgeschmiedet.

»Ich verbitte mir diesen Ton, der für deine Werftplätze paßt, nicht für mich. Ich habe nicht gelogen, und ich lüge nie. Daß ich in Italien geboren bin, steht sogar auf meinem Geburtsschein zu lesen. Und ich gaukle keinem Menschen etwas vor. Ich geb' mich, wie ich bin, und hab' eure einstudierte Vornehmheit nicht nötig und euer Erziehungsgetu'.«

Jetzt sieht sie aus, dachte Martin Opterberg, wie als kleines Mädchen, wenn sie auf dem Opterberghof beim Naschen gefaßt worden war.

»Sabine,« sagte er, »du weißt sehr wohl, daß du nur durch einen Zufall auf italienischem Boden geboren wurdest, daß deine Mutter auf einem Spaziergang von schweizerischem auf italienisches Gebiet von der Niederkunft überrascht wurde und deine ganze italienische Heimatseligkeit aus der Wochenstube im Hospital bestand. Nach acht Tagen holte dein Vater Mutter und Säugling in einem Wägelchen zurück, auf einem Wege, der bis zum Grenzpfahl nicht mehr als zehn Minuten betrug. Und nun schlafe wohl, meine stolze italienische Frau.«

Aber der Scherz verflog bei Martin Opterberg, als er ein andermal durch eine offene Türe blickte und Zeuge wurde, wie Sabine sich hastig einem Gaste näherte und ihn küßte.

Er trat ein und fand nur noch Sabine vor.

»Was geschieht hier, Sabine?«

Sie sah sein weißgewordenes Gesicht, den Feuerbrand in seinen Augen, und wußte, es gab kein Entrinnen.

»Wir hatten bei Tisch eine Doppelmandel gegessen, ein Vielliebchen. Hätte er's verloren, ich hätt' einen kostbaren Strauß Orchideen gewonnen. Ich wollt' kein Geld oder Geldeswert wagen und setzte einen Kuß. Und hab' wahrhaftig verloren.«

Die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, die Drohung schwand aus den Augen.

»Unterlaß das zukünftig, bitte. Ich liebe keine mitgeküßten Lippen. Ich trinke auch nicht aus einem Glase, das reihum geht.«

»Martinle, Martinle, nicht bös' sein über dein dumm Maidli.«

Sie hing sich in seinen Arm und löste sich während des Abends keinen Schritt von ihm. Aus den Augenwinkeln streifte ihn immer wieder ihr beobachtender Blick, und als sie allein waren, überschüttete sie ihn mit ihren Zärtlichkeiten.

»Mein – mein – mein Martin.« Aber die in eisernen Jahren gefestigte Ruhe war in Martin Opterberg dahin. In den Nächten fuhr er auf, und alles in ihm war ein Lauschen. Dann zwang er sich mit aller Kraft, anderer Bilder zu gedenken, und er sah die Schwarzwaldberge und auf dem Herzogenhorn ein weißgekleidetes Mädchen zur Laute singen in der tiefblauen Sommernacht, die Freunde ringsum. ›Ich will zu Christoph und Therese gehen, um einen Blick in ihr Heim und in ihr Herz zu werfen‹, nahm er sich vor, ›und zu den alten Jugend- und Wanderfreunden.‹ Aber wenn es Morgen wurde, wußte er nicht, was er selber berichten sollte von sich und seinem Glück, und es blieb, wie es war.

So verging Martin Opterbergs erstes Ehejahr.

*

 


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