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13

Zwei Tage und zwei Nächte hatte Martin Opterberg in tiefer Erschöpfung gelegen. Ein paarmal war er aufgefahren, mitten aus seinem bleiernen Schlaf heraus, hatte wirren Auges um sich getastet, das weiche Bett gefühlt und an seinem Körper das linnene Hemd, und sich vergebens zu besinnen versucht. Wo lag er mit seinen todmüden Leuten? In Nordfrankreich? Dort kam man nicht in die Betten. In Belgien irgendwo? Sie hatten die aufgeregten Städte umgehen müssen und auf den Feldern rings um die Lagerfeuer gelegen. Also wohl gar auf deutschem Boden schon, in der Eifel? Aber in der Eifel trugen er und seine Pioniere längst kein Hemd mehr auf dem Leib. Das trugen sie längst schon in seinen letzten Fetzen um die wunden Füße gewickelt. Er lallte die Namen seiner Vertrautesten und horchte stumpf auf Antwort. Er starrte mit schlafschweren Augen nach den verhängten Fenstern. In seinem müden Hirn tauchte ein Bild auf: eine Mädchengestalt – so weiß, so leuchtend an Gliedern und Gewand. Ja, doch, das hatte den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht, daß es noch solch eine blitzblanke Sauberkeit an Menschen und Dingen gab. Und einmal – einmal hatte er ein Mädchen in weiß gekannt, das schmiegte die Wange verträumt an den Lautenhals und sang: ›Du bist die Ruh – der Friede mild ...!‹ – Therese! – Nein, nein, Therese war weinend hinzugetreten, und Christoph hatte sie an der Hand geführt. So war's – so war's ... Er lag im Attermannschen Hause. Er hatte Wein getrunken und sich gesättigt, hatte ein heißes Bad genommen und sich in ein schneeweiß Hemd gehüllt, in ein schneeweiß Bett gelegt. Schlafen ... schlafen ... schlafen – –

Wieder wachte er auf, und eine sanfte Frauenhand stützte seinen Kopf, eine sanfte Frauenhand gab ihm aus einer Tasse starke Fleischbrühe zu trinken. Dann hatte er sich wieder in die Kissen gekuschelt wie als Bub auf dem Opterberghof, wenn es noch nicht ganz die Aufstehenszeit war zum Abmarsch in die Schule. Und beim nächsten kurzen Erwachen hatte es sich wiederholt: die Frauenhand, der stärkende Trunk, das wohlige Hinüberschlummern.

Jetzt aber stand er auf den Beinen, schüttelte die letzte lässige Müdigkeit von sich und zog die Fenstervorhänge beiseite. Draußen flockte ein weicher Schnee in der Luft »Adventsschnee« dachte er, und es rieselte ihm wie heimatliche Erinnerungen durch die Seele. Er öffnete einen Spalt weit die Fenster, daß die reine Winterluft einströmen konnte.

»Guten Morgen, Martin. Schon ausgeschlafen?«

»Schon?« wiederholte er und reichte dem eintretenden Freunde die Hand. »Es ist neun Uhr.«

Christoph Attermann beklopfte die Hand, als wäre es eine kleine Knabenhand, und schmunzelte behaglich.

»Aber es liegen zwei Tage und zwei Nächte dazwischen, alter Kamerad, denn die erste zählt nicht, weil wir dich erst gegen den Morgen hin zu Bett geschafft hatten.«

»Alle guten Geister! Ist das die Wahrheit?«

Christoph Attermann lachte über das ganze Gesicht.

»Darum hatt' ich gedacht, du wolltest den Schlaf gleich bis zum Weihnachtsfest ausdehnen, und wunderte mich baß, als ich dich hier oben herumhantieren hört'. Weißt du, Martin, das Theresel war schon zur künstlichen Ernährung übergegangen. Ihretwegen hätt'st du die vierzehn Tag' bis zum Fest ruhig durchschlafen können.«

»Das war also die Therese ...? Ich komm' doch mein Lebtag nicht aus ihrer Kur heraus. Aber jetzt möcht' ich einen ganz anderen Kollegen vom Theresel sehen, Christoph, den Bartscherer. Ich schau' aus wie unsere Vorfahren, als sie noch auf den Bäumen saßen und mit Kokosnüssen warfen.«

»Ich hab' die ›Konkurrenz‹ schon benachrichtigen lassen. Dacht' mir gleich, als ich hier hinaufstieg: jetzt wird der gesittete Mensch in ihm zum Durchbruch kommen, weil er Damen im Hause weiß. War bei mir nicht die Spur anders, Martinle.«

»Damen –?« fragte Martin Opterberg. »Ist die Linde gar bei euch?«

»Nun leg dich gleich wieder nieder und schlaf noch einmal aus. Busselst das Mädel ab, daß alle Farb' herunter ist, und fragst so erstaunt, als ob's der Buchhalter hätt' gewesen sein können. O nein, mein Lieber, wenn die Linde auch den Buchhalter auf der Werft macht seit Jahr und Tag – in der Nacht hast du sie für ein rechtschaffenes, sauberes Frauenzimmer genommen und sie zusammengedrückt, daß die Theres sie gleich in ärztliche Behandlung hat nehmen müssen.«

»Das tat die Freud', Christoph.«

»Daß es nicht der Zorn tat, hab' ich mir schon selber denken können. Horch, da kommt der Bader. Ich hör' sein hungriges Scherengeklapper. Deinen Winteranzug hat die Linde aus deinem Haus geholt und dein bedürftig Feldgrau einstweilen in die Mottenkiste gesperrt. Tritt nur hier ins Nebenzimmer, da findest du alles zur Erneuerung, auch Theresens unlauteren Wettbewerber mit dem Messer.«

»Wie fröhlich er ist,« dachte Martin Opterberg, »Wie er mir alles heimatlich machen will, als wär' das furchtbare Dahinten nur ein wüster Nachtspuk gewesen.«

Eine Stunde darauf erschien er in seinem bürgerlichen Anzug, bartlos und mit wohlgeordnetem Haar im Familienzimmer. Die Frauen standen auf und eilten ihm entgegen. Christoph Attermann schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.

»Kaum ein Lot Fleisch hast du auf dem Körper. Das muß wieder her, und der Schnurrbart muß auch wieder her, daß du uns nicht fremd bist.«

Die Frauen hatten den Wiedergekehrten begrüßt und noch einmal willkommen geheißen. Aber die heftig aufwogende Freude war einer nur mühsam verschleierten Scheu gewichen. So anders sah der Freund im hellen Tageslicht aus.

Sie saßen bei ihm am Frühstückstisch und lugten heimlich nach seinen Augen. Die lagen tief und fern, als schauten sie immer noch in eine andere Welt. Die Haut spannte sich herb über den Backenknochen. Nur der schöne starke Mund atmete dem Leben entgegen.

»Gelt, Therese, du kriegst einen Schreck? Und auch die Linde hatte sich ihren Freund wohl ein wenig anders vorgestellt? Laßt mir Zeit. Es wird schon wieder besser.«

»Du bist uns gerade recht so, Martin ...«

Er schüttelte den Kopf.

»Erst muß der Bilderwirrwarr aus den Augen fort und der Lärm aus den Ohren heraus. Habt ihr eine Zeitung? Ich weiß so gut wie nichts seit sechs Wochen und mehr und muß mich doch in die neue Zeit hineinfinden. Nachher will ich zur Werft.«

»Zur Werft wird erst morgen gegangen,« bestimmte Christoph Attermann. »Der Arzt, den du schon in der Fuchsenzeit mit deinem Vertrauen beehrt hast, hat's so und nicht anders angeordnet. Die Zeitungen der letzten sechs Wochen aber find'st du geordnet in meinem Arbeitszimmer, und eine Zigarre obenbei. Nun komm und mach's dir bequem.«

»Erst möcht' ich der Mutter eine Drahtnachricht schicken. Ich hätt's schon in der ersten Nacht tun sollen.«

»Das hat die Linde schon ganz aus sich selbst besorgt. Du hattest noch nicht das zweite Auge zu.«

Martin Opterberg blickte auf. Zum erstenmal sah er dem Mädchen voll in die Augen. Die Jugendblüte hatte sich erschlossen, über den Kelchrand lugten weiche, warme Frauenaugen, die das Menschenlachen ersehnten. Jetzt hielten sie seinem Blick stand.

Er reichte ihr die Hand, die sie fest in die ihre nahm.

»Du warst die erste, die mich begrüßte, Linde. Und es ist schön, daß du diesen Gruß gleich an die Mutter weitergegeben hast.«

›Diesen Gruß ...?‹ dachte Linde Baumgart, und ein Lächeln ging um ihren Mund.

Dann saß Martin Opterberg in Christoph Attermanns Arbeitszimmer, und der Pflegebruder brachte ihm die aufgesammelten Zeitungen und streckte sich in einen zweiten Sessel, um zu jeder Auskunft gegenwärtig zu sein. Aber Martin Opterberg las stumm, und die Zigarre erkaltete zwischen seinen Fingern. Stunde auf Stunde las er, bis die Glocke zum Mittagessen rief. Da legte er die Blätter still zur Seite.

»Was sagst du zu dem allen, Martin?«

»Es ist geschehen. Das Rückwärtsprophezeien war nie unsere Sache, Christoph.«

»Das ist wahr. Und es ist törichtes Geschrei und Geschwätz genug im Land. Nur daß eine Handvoll Männer – oder waren es gar nur halbwüchsige Burschen – mit einem Gürtel voll Handgranaten sechzig Millionen Menschen auf den Kopf stellen konnten –«

»Warum konnten sie, Christoph? Weil die Feiglinge sich nicht wehrten. Also waren sie reif.«

»Du gibst den Umstürzlern Recht?«

»Nein, Christoph, niemals. Aber ich geb' dem schlotternden Bürgertum Unrecht. Weshalb? Weil es schlottert! Was nur klugschwätzen und, wenn es die Tat gilt, hilfeschreien kann, Christoph, das, weißt du noch aus deiner Feldkompanie, ist hinderlich und wert, von den Tatmenschen an die Wand gedrückt zu werden. Doch darüber laß uns reden, wenn ich den richtigen Abstand zu den Dingen hab' nehmen können.«

»Also rein gar nichts zu fragen?«

Martin Opterberg lächelte.

»Du willst ja nur hören, was ich zu dem Bericht aus den ersten Novembertagen sage. Zu dem Bericht über den Vortrag unseres Freundes Grüters in der Berliner Versammlung zugunsten einer verschämten Republik. Ach, Christoph, der Grüters hatte vor Ausbruch der Revolution schon die rechte Witterung erhalten und suchte sich den künftigen Machthabern zu empfehlen. Das war schon so seit der Studentenzeit und wundert mich keinen Augenblick. Wenn der Staatswagen wieder nach rechts schwenkt, wird er gewiß nicht verfehlen, rechtzeitig den Anschluß zu gewinnen.«

»Ja, ja,« sagte Christoph Attermann mit einem zornigen Lachen, »er denkt halt: es ist immer noch bekömmlicher, für anderer Leut' Überzeugung zu leben, als für die eigene zu sterben.«

»Mir scheint, so haben viele im Vaterland gedacht, Christoph. Darum laß uns den Einzelnen nicht herausgreifen. Fieber will ausrasen.«

»In den Köpfen wie in den Hosen,« sagte Christoph Attermann, und dann gingen sie zu den Frauen und zu den Kindern.

»Mein Gott,« staunte Martin Opterberg, »der kleine Christian ist ein großer Schulbub geworden und mein Patenkind Linde ein richtig Fräulein, seit ich sie nicht sah. Ja, wie alt muß dann ich erst geworden sein ...« Und er hockte sich nieder und fing die anstürmenden Kinder in seinen Armen auf.

»Du, Oheim Martin,« gestand ihm der Knabe wichtig, »die Mutter hat gesagt, sie hätt' einen Herzschreck bekommen, als sie dich gesehen hätt'.«

»Und die Tante Linde hat gesagt,« drängte sich die Kleine ein, »sie gar nicht.«

»Was mag nun das Angenehmere für mich sein, ihr Kinder?«

Lachend und widersprechend schoben die Frauen die Kinder auf ihre Plätze. Und als der Vater den Oheim über die letzten Schlachten und den Rückzug der Millionen befragte, saßen die Kinder wie gebannt und horchten auf die knappen Worte, die sich schwer von den Lippen des Erzählers rangen.

»Ich hatte,« sagte Christoph Attermann mit geweiteten Augen, »die beste Flasche Wein in meinem Keller für den Siegestrunk bestimmt. Eine sonnengesegnete elfer Steinberger Auslese. Der Sieg ist uns durch die Händ' geglitten, aber das Siegerherz haben wir heimgebracht, das in diesem furchtbaren Frieden mehr bedeuten wird als in den furchtbarsten Schlachten.«

Er hatte sich erhoben und die Gläser vollgeschenkt. Und stehend sprach er weiter.

»Drum soll der Wein jetzt getrunken werden dir, Martin, zum Willkomm. In diesem kleinen Raume, unter uns wenigen hier, nimm zur Wiederkehr den wahren Heimatgruß. Daß du da bist, Martin! Und mein und der Frauen Herzen hier rufen dir zur innersten Bekräftigung des namenlosen deutschen Sängers Liedwort entgegen:

Ich bin dîn und du bist mîn,
Deß sollt du gewiß sîn!«

Die Frauen hatten sich erhoben. Mit stillen Gesichtern, in denen die Augen aufleuchteten. Sie hielten dem Heimgekehrten das Glas entgegen, und Martin Opterberg stieß mit ihnen und dem Bruder an, daß ein silbern Klingen in die Runde lief.

»Rheinwein ...« sagte er, als spräch' er ein heilig Wort. »Gott schütz' den Rhein und seine Menschen.«

»In Ewigkeit, Amen,« fügte Christoph Attermann hinzu.

Und sie tranken den Wein in Erinnerungsgedanken und Zukunftgedanken und blieben beisammen bis zum späten Abend und hielten den Tag wie einen Feiertag. –

Am Morgen lag eine Drahtung an Martin Opterberg auf dem Frühstückstisch. »Von der Mutter,« sagte Christoph Attermann. »Es geht mit der Schneckenpost, denn keiner will schaffen.«

Martin Opterberg löste die Siegelmarke, las und nickte. »Von der Mutter ...« Und er las langsam zum zweiten Mal, und über seine Züge breitete sich eine Helle wie bei einem Wiedersehen.

»Grüß Gott, Bub. Wir bleiben bei der Stange!« drahtete Frau Christiane dem Heimgekehrten.

Er gab das Papier an Christoph Attermann, und der gab es an die Frauen. Und es war, als ob Frau Christiane mitten unter sie getreten wäre in ihrer nicht zu beugenden Stolzheit und Frische.

»Über Weihnachten will ich bei ihr sein,« sagte Martin Opterberg, und hinter ihm sprach Linde Baumgart ein lautes »Gott sei Dank.«

»Du willst mich los sein, Linde?« fragte er.

»Wiederhaben wollen wir dich. Angefüllt mit ganz frischem Tatendrang. Dafür laß ich die Mutter sorgen.«

»Die Mutter ...« wiederholte Martin Opterberg und sah ihr lächelnd in das erhitzte Gesicht. »Es wird schon so kommen, Linde,« fuhr er helfend fort. »Die Mutterquelle gibt Wasser, und wenn der ganze Rhein zu versiegen scheint.«

Mit Christoph Attermann machte er sich auf den Weg zur Werft. Eine Spannung stand in seinen Zügen, wie er sein Werk wiederfinden würde. Aber vergebens horchte er auf das Kreischen der Säge und den hallenden Hammerschlag.

»Ist heute Sonntag, Christoph? Mir ist der Kalender durcheinandergeraten.«

»Es ist jetzt mehr Sonntag als Werktag im Land. Der Arbeiter- und Soldatenrat des Orts hat eine Versammlung in die Werfthalle einberufen. Es sind lustige Kameraden.«

»Gibt es das in dieser schweren Deutschlandszeit unter Männern?«

»Unter Männern gewiß nicht. Aber unter den Buben, die schon im Advent ein Fastnachtstück aufführen, weil sie nicht wissen, ob's am Rosenmontag für sie noch geht. Ernsthaft gesprochen, Martin. Ich erläuter's dir. Als die Revolution ausgeläutet wurd', waren die meisten der Männer noch im Feld, die Alten zu verwirrt und unbeholfen und die Jungen trunken vom Freiheitsrausch. Da die kopflos gewordenen Behörden mit einem Schlag außer Geltung gesetzt waren, rannten die frisch eingezogenen Rekruten aus ihren Standplätzen einfach nach Haus, spielten, obwohl sie noch keine Flinte abgefeuert hatten, den wilden Revolutionskrieger, ließen sich mancherorts von irgendeiner Oberleitung, die in dem Wirrwarr noch keine Nachprüfung vornehmen konnt', die Bestallung als Soldatenrat verleihen und übernahmen die Ortsgewalt über Ruhe und Ordnung. Bei uns sind's ein halbes Dutzend Jünglinge im Alter von knapp zwanzig Jahren, und der Nachtwächter. Das erste war, daß sie die Arbeit stilllegten, weil ein freier Mann doch nicht seine Freiheit ausüben kann, wenn er arbeitet. Das zweite war – oder war's doch gar das erste – daß sie sich aus der Gemeindekasse einen auskömmlichen Gehalt bewilligten, und das dritte, daß sie seit der Zeit nicht mehr ganz nüchtern geworden sind aus Furcht vor der eigenen Kurasch, Eingeführt als Verkehrston haben sie das gemütvolle »Du« und die unter die Nase gehaltene Handgranate, was beides aber zur Hebung der Ortsgewalt nur von ihrer Seite ausgeübt werden darf. Das wäre das äußere Bild.«

»Und das innere?« fragte Martin Opterberg und spürte sein Blut in den Schläfen hämmern.

»Die Männer sind heimgekehrt und haben sich inzwischen zurechtgefunden. Die Alten und besonders die Frauen, die heut' politisch gleichberechtigt sind, haben sich von ihrer Verblüffung erholt. Wer sich besaufen und Fastnacht spielen will, soll's auf eigene Rechnung tun, fordern sie, und das Gemeindegeld in Ruh' lassen für die Armen und Kranken. Eine ordentliche Gemeindeverwaltung soll sein von Arbeitern, Bürgern und Soldaten, die etwas gelernt und geleistet haben, fordern sie, und eine Gemeindeabstimmung auf den heutigen Tag. Dahin gehen wir nun, Martin.«

»Dann ist's gut,« sagte Martin Opterberg, und er hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.

Am Halleneingang standen ein paar junge Burschen mit gedunsenen Gesichtern, die rote Schärpe herausfordernd über den Rock geknotet. Sie riefen den Einströmenden bald drohende Befehle, bald Schmähworte zu, um sie einzuschüchtern. Martin Opterberg wollte an ihnen vorbei.

»Halt, Mensch. Zeig doch mal deine Ausweispapiere.«

»Zeig mir erst mal deine, Mensch.«

»Ich soll dir erst wohl mal Anstand beibringen, wie? Willst du mal an meiner Handgranate riechen?«

Da drängte sich ein alter Meister vor, der den Heimgekehrten erkannt hatte.

»Halt die Schnauze, du Grünspecht! Kennst du den Doktor Opterberg nicht?«

»Ich spuck' auf deinen Doktor Opterberg, du altes Reff. Paß mal auf!«

»Nicht doch,« sagte freundlich Christoph Attermann und ließ den geifernden Burschen über sein vorgehaltenes Bein stolpern, daß er der Länge nach in den Schmutz schlug. »Ihr müßt ihn nach Hause bringen,« wandte er sich mit wohlwollendem Blick an die zudrängenden Burschen, »ihr seht doch, daß er sich nicht auf den Beinen halten kann.«

Ein paar stämmige Arbeiter eilten herbei, zornrot im Gesicht.

»Was? Die Bengels reden von Handgranaten? Zu einem, der sich für sie die Knochen hat kaputschießen lassen? Haut den verdammten Großmäulern die Jacke voll!«

»Guten Tag, Kameraden,« grüßte Martin Opterberg. »Kommt in die Versammlung. Wir haben Wichtigeres zu tun.«

»Der Doktor Opterberg ist hier!« schrien ein paar Stimmen in die Halle hinein. »Er soll die Leitung übernehmen!« Und ein paar Hundert fielen ein, erlöst, fröhlich aufatmend: »Der Doktor Opterberg! Her damit! Macht Platz! Der Doktor Opterberg soll reden!«

Martin Opterberg stand auf einem erhöhten Tritt und wartete, bis Stille wurde.

»Mitbürger,« sagte er mit einer Stimme, die ruhig klang und Beruhigung brachte, »Männer und Frauen unserer Landgemeinde, ich meine, hier wäre nicht viel zu reden. Geredet worden ist bis zum Überdruß, und weil euch Männer und Frauen der Arbeit das ewige Geschwätz und die unverdauten Brocken anwidern, weil ihr eure Ruh' haben wollt und Brot und eine bessere Zeit, darum seid ihr ja und wir alle zu dieser Neuwahl eines Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrates zusammengekommen. Der Name zwar ist, trotz seiner ausführlichen Länge, mißverständlich. Denn wir sind alle Bürger vor dem Gesetz! Aber es mag dabei sein Bewenden haben. Bei Kleinigkeiten wollen wir uns nicht aufhalten. Und zu den Kleinigkeiten rechne ich auch die jungen Spaßvögel, die, solang der Vorrat reichte, mit der Schnapsflasche hierorts regieren wollten. Weg damit!«

»Weg damit! Weg damit!« scholl es brausend durch den Saal.

»Dieser Gegenstand wäre also erledigt,« fuhr Martin Opterberg fort. »Wir haben den Krieg verloren, und wir wollen den Frieden gewinnen. Unsere kleine Landgemeinde hier ist mehr oder weniger auf die Werft zugeschnitten, und wie wir in den guten Deutschlandtagen zusammengehalten haben, so werden wir es erst recht in den bösen Tagen tun, oder wir waren Maulhelden, die ausreißen, wenn's nach Schweiß riecht. Kein Wort weiter. Schreiten wir zur Wahl! Ich beantrage die sofortige Einsetzung des ordnungsmäßigen Wahlausschusses.«

Er trat ab, und hundert rauhe Kehlen riefen ihm Beifall. Ein Mann in älteren Jahren drängte sich mit Aufwendung aller Muskelkraft auf den erhöhten Rednerplatz.

»Ich will ein Bekenntnis ablegen!«

»Der Nachtwächter ist es! Die Volleule!«

»Ich bin keine Volleule, meine Herren. Meine Damen, ich bin so spitznüchtern, wie Sie es nur sind.«

»›Meine Damen‹, hat er gesagt. Nur so weiter, Hännes. Leg du dein Bekenntnis ab.«

»Meine Damen und Herren, ich bekenne vor Ihnen allen, daß ich gesündigt habe. Ich habe mich von den Jungs, von denen Sie soeben gerufen haben ›Weg damit!‹, in den gewesenen Soldatenrat pressen lassen, weil keiner von ihnen des Nachts mit der Flinte herumlaufen und Wache schieben wollt'. Dazu war der Nachtwächter gut genug, und ich hab' die Eseleien mitgemacht. Aber ich will bekennen!«

»Du hast ja schon bekannt, Hannes! Daß du ein Esel warst, Hannes!«

»Ich lege hiermit das feierliche Bekenntnis ab, daß ich von heute ab scharf gegen alle Ordnungswidrigkeiten vorgehen werde, und bitte um meine Wiederwahl«

Ein Jubel ohnegleichen erschütterte die Halle und durchbrach alle Grenzen der Gegensätzlichkeiten.

»Heil Hannes, dem Bekenner! Heil Hannes, dem Bekenner!«

Der Ernst der Stimmung war umgeschlagen. Auf einstimmigen Beschluß wurde der Bekenner dem Wahlvorstand angegliedert, und als Männer und Frauen ihre Wahlzettel beschrieben und in die Urne gesteckt hatten, als die Stimmen durchgezählt und die Ergebnisse veröffentlicht waren, gehörte neben Martin Opterberg und Christoph Attermann, neben einigen der älteren Arbeiter und Kriegsteilnehmer auch der nachtwachende Bekenner dem neuen Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrate an.

Die Gewählten traten auf Anregung Martin Opterbergs sofort zu einer Besprechung zusammen.

Der Bekenner schlug diensteifrig den Doktor Opterberg zum Vorsitzenden vor, und die Männer stimmten ohne weiteres zu.

»Gut,« sagte Martin Opterberg, »Fragen der Parteizugehörigkeit sind ausgeschaltet, nur die Lebensfragen der Gemeinde stehen auf dem Plan. Hand darauf! Ich danke Ihnen und hatt's von Männern nicht anders erwartet. Also ohne Nebensächlichkeiten: wo drückt der Schuh am meisten? Ich bin eben erst nach Haus gekommen.«

Ein alter Arbeiter nahm das Wort.

»Das ist ganz einfach, Herr Doktor Opterberg. Die Leute frieren, und die Leute haben nicht genug zu essen.«

»Und wenn der Magen knurrt, knurrt auch der Mund. Und wen's an den Füßen friert, dem steigt die Hitze zu Kopf,« gestand Martin Opterberg zu. »Christoph, der Frachtdampfer liegt ja wohl fahrfertig? Mit vollen Bunkern? Na, dann können wir, da uns die Schiffahrt einstweilen vom Feind untersagt ist, löschen und Ballast dafür einnehmen. Die Kohlen werden auf den Kopf der Familien abgewogen und zum billigen Selbstkostenpreis verteilt. Wegen größerer Lebensmittelzuteilungen fahre ich morgen zum Landrat oder, wenn der Mann nicht helfen kann, zu einer anderen Stelle. Ich Hab' schon einen Plan, möcht' aber nichts voreilig versprechen.«

»Sie packen den Ochsen bei den Hörnern, Herr Doktor Opterberg. Das mit der billigen Kohlenverteilung wird den neuen Rat gleich in ein gut Licht stellen, und wegen der Lebensmittel verlassen wir uns ohne viel Fragen ganz auf Sie. Gesegnete Mahlzeit denn.«

»Das habt ihr allein mir zu verdanken,« tönte die Stimme des Bekenners aus dem Knäuel der Hinausdrängenden, »Ich hab' ihn zum Vorsitzenden vorgeschlagen. Keiner von euch wär' dadrauf gekommen.«

Als Martin Opterberg im Attermannschen Haus die Treppe hinauf und über den oberen Flur zu seinem Zimmer schritt, kam ihm vor seiner Tür Linde Baumgart entgegen.

»Ich wollt' dir nur sagen, Martin, daß ich heut in der Früh' töricht dahergeredet hab'. Du brauchst kein Quellwasser holen zu gehn. Ich hab's in dir rauschen gehört, als du zu den Leuten sprachst.«

»Mädel, Sprechen ist noch nicht Handeln. Aber das soll jetzt einsetzen. Willst du meine Gehilfin werden? Gegen das Frieren lass' ich die Bunker unseres Frachtdampfers leeren, und gegen das Hungern weiß ich auch ein Mittel, denn der Landrat hat selber nichts zu verschenken. Als ich mit meinen Pionieren über den Rhein setzte, glitt gerad der letzte Zug des Korpsverpflegungsamtes über die Brücke. Das muß jetzt irgendwo in der Nähe stecken, denn die Bahnstrecken waren schon verstopft. Morgen such' ich es auf und leg' mich auf's Bitten. Aber reinen Mund, Lindelein.«

»Soll ich mit dir?« fragte sie mit glühendem Kopf.

»Für Mädchen ist das keine Fahrt. Unter das verwilderte Kriegsvolk.«

»Ich schlupf' wieder in die Hosen wie auf der Werft. Keiner erkennt mich, und ich soll dir doch helfen.«

Er strich über ihre heiße Wange.

»Mädchen,« sagte er, »und wenn dich auch keiner erkennt, ich will nicht einmal, daß Blicke an dir herumtasten.«

Da griff sie nach seiner streichelnden Hand und hielt sie fest und legte ein paar Sekunden lang ihre Wange darauf. Dann ging sie schnell zur Treppe und ins Haus hinab ...

Martin Opterbergs Suchen glückte. Er fand das Korpsverpflegungsamt in einem kleinen, abgelegenen Neste. Die Wagen waren auf ein Nebengeleise geschoben, bis die Strecke

wieder frei werden würde, ein Viehstapel war auf eine Weide getrieben, ein paar Wagen zur Verpflegung der Begleitmannschaften entladen. Er kam zur rechten Zeit, denn gerade war der Befehl eingelaufen, am nächsten Morgen die Weiterfahrt anzutreten. Unwillig nur gingen die Leute an das mühsame Geschäft des Neuverladens.

Martin Opterberg suchte den Intendanten auf und wies sich in seiner militärischen und bürgerlichen Stellung aus. Er berichtete von der Not seiner Gemeinde, die durch die Verpflegung der rückwärts flutenden Truppen in ihrem Lebensmittelbestand schwer gelitten hätte, und machte sich anheischig, die ausgeladenen Güter und die sechs Stück Weidevieh im Bausch zu übernehmen und gegen Bankscheck zu verrechnen.

Der Intendant zögerte und machte Ausflüchte. Die Leute schlenderten herbei, horchten auf und waren sofort für die verminderte Arbeit. Der Intendant warf einen Blick auf die herumliegenden Güter, seufzte in Gedanken an die Scherereien eines überhasteten Verladens tief auf und gab den Aufsehern Befehl, ein Verzeichnis herzustellen.

Die letzten, halbgeleerten Wagen wurden abgekoppelt. Martin Opterberg erhielt ein paar hundert Sack Mehl, Graupen und Hülsenfrüchte, ein paar hundert Kisten Nudeln, Zucker, Backobst und Büchsenfleisch, einen Rest Kaffee und Tee, dazu die sechs lebenden Rinder, Die Preise waren von einer Niedrigkeit, daß ihm das Herz lachte. Er bat durch den Fernsprecher Christoph Attermann, in der Nacht noch mit den Männern des neugewählten Rats herüberzukommen, und zwar auf einer Maschine des Güterbahnhofs, die sofort anzuheizen sei. Der Bahnhofsvorsteher, der selber Gemeindemitglied sei, würde für die wenigen Kilometer schon ein Einsehen haben.

Es gelang. Bis zur Ankunft der Maschine saß Martin Opterberg mit dem Intendanten zusammen, und sie fanden sich als alte Bekannte aus dem Felde. »Gott erhalte uns die Kameradschaft,« sagte Martin Opterberg zum Abschied und drückte dem Intendanten warm die Hand. »Dann werden wir Deutschland schon wieder auf die Beine kriegen.«

In der Morgenfrühe waren sie daheim. Die Wagen wurden auf dem Anschlußgleis vor der Werfthalle entladen, die Waren eingeräumt und nach der Gemeindeliste auf die Haushaltungen verrechnet. Die Preise betrugen kaum ein Drittel der gegenwärtigen Tagespreise.

»Das alles sieht aus wie ein Zauberkunststück,« belehrte der Bekenner die schwitzenden Kameraden, »und kommt doch nur auf den richtigen Mann an der richtigen Stelle an. Und den habt ihr mir zu verdanken. Darüber gibt's nun mal keinen Streit.«

»Ja, ja, ja. Hännes, der neue Rat taugt schon mehr als der alte.«

Und Linde Baumgart wurde Martin Opterbergs Gefährtin. Die flinksten und saubersten Mädchen des Ortes brachte sie zusammen und schulte sie ein. Und sie stand von morgens bis abends in der Werfthalle, wog ab, teilte aus, überwachte das Vorwärtsschieben der Menge, brachte mit ihrem lustigen Wort die Unlustigen zum fröhlichen Lachen, mit ihrer Unermüdlichkeit die Müden zum munteren Schaffen. »Denkt an die Weihnachtsfreud'! Denkt an die Weihnachtsfreud'!« rief sie immer wieder in die harrenden, drängenden Haufen, und die Menschen bliesen in die rotgefrorenen Hände und trampelten sich vergnügt die Füße warm.

Nach Hausnummern ging's, und in fünf Tagen war's geschafft. Aber die kalten Nächte hatten mitherangemußt. Nun konnte Martin Opterberg zur Mutter reisen.

»Ohne dich hätt' ich's nicht zuweg gebracht,« sagte er dankbar, als er sich in der letzten Nacht von Linde Baumgart verabschiedete.

»Siehst du wohl?« lachte sie, drückte seine Hand und schlüpfte in ihr Zimmer. – –

Auf großen Umwegen nur hatte Martin Opterberg die Reise bewerkstelligen können, denn das Rheintal war von den Truppen der feindlichen Besatzungsheere gesperrt. Drei Tage und drei Nächte brauchte er zu der Fahrt, die vordem eine Schnellzugstagesfahrt ausgemacht hatte. Aber zum Weihnachtsabend noch traf er auf dem Opterberghof ein. Und nun saß er bei der Mutter.

Die starke Erregung, die bei Mutter und Sohn das Wiedersehen ausgelöst hatte, war einem stillen Frieden gewichen. Den ganzen Abend über hielt Martin Opterberg die Hand der Mutter in der seinen, und mit der freien Hand strich Frau Christiane von Zeit zu Zeit heimlich und zärtlich über des Sohnes Ärmel. Dann schloß er für Sekunden die Augen, als müsse er die ungewohnte Liebkosung wie ein Träumender auskosten.

Die Zeit hatte Frau Christiane Opterberg nichts anzuhaben vermocht. Wohl war der Schein ihres strohgelben Haares ein wenig matter geworden, aber immer noch krönte es in schwerer Fülle das Haupt, aus dem die Augen in der kristallklaren Farbe des jungen Rheins blickten, und die Frauenreife des Körpers hatte trotz der Jahre die Spannkraft und Biegsamkeit ihres Mädchenkörpers behalten. Nur die Raschheit hatte sich verloren. Aber die Gelassenheit, die sie allen Dingen und Vorkommnissen gegenüber zur Schau trug, war nur ein Schein, und es glitt zuweilen wie verhaltene Laune um ihren Mund, die besser als sprudelnde Worte kundtat, was Frau Christiane im Innersten bewegte.

»Es ist halt nichts so trauerspielmäßig, als daß es nicht wieder zum Singspiel umschlagen könnt',« meinte sie in ihrer lebensklaren Art, als der Sohn ihr am Weihnachtsabend hatte erzählen müssen. »Es kommt lediglich darauf an, wie man selber das Spiel zu betreiben gedenkt, ob mit Asche auf dem Haupt, oder mit einer frischgepflückten Nelke hinterm Ohr. Man kann sich bei der Beerdigung eines Freundes selber mitbegraben, man kann sich aber auch just am frischen Hügel das Gelöbnis ablegen. Nun wird noch lange nicht gestorben! Nun wird das Leben erst recht in die Hand genommen, damit's sein Bestes hergibt vor dem törichten Tod.«

Sie lachte in sich hinein.

»Ich hab' einmal von einem lustigen Gesellen den Trauermarsch von Chopin spielen hören, ohne daß er eine Note verändert hätt', nur in einem flotteren Zeitmaß, und der alte Trauermarsch klang wie eine funkelnagelneue Aufforderung zum Tanz.«

»Ich versteh' dich, Mutter, und hab's mir selber schon so ausgelegt. Nicht hinter dem unwiderruflich Abgeschiedenen herjammern und in die Knie knicken. Wer lebt, hat nur die eine Pflicht: nämlich zu leben und sein Leben so aufzubauen, daß es Wert für ihn hat und für seine Zeit.«

»Siehst du,« sagte Frau Christiane, »damit hatten wir eigentlich alles besprochen, was es zwischen uns an Wichtigem zu besprechen gab'. Was wir nun noch daherreden, sind die schönen Randverzierungen.«

»Red nur daher, Mutter,« bat Martin Opterberg lächelnd und streichelte ihre kräftige Hand.

»Gelt, du bist auch den Randverzierungen nicht abhold? Der Schuß Vatersblut in dir ist nicht das schlechteste Erbteil, ob wir beide auch früher einmal ein wenig darum gebangt haben mögen. Denn Freud' muß der Mensch haben, oder er tut sein Tagewerk wie ein Öchslein unterm Jochbalken.«

»Erzähl mir ein wenig von der Freud', Mutter. Ich werd' schon gut hinhorchen.«

»Du möcht'st mich wohl ausspionieren, Bub?« erwiderte sie lachend und klopfte ihm kräftig den Rockärmel.

»Ausspionieren? Ist denn der Gegenstand so heikel?«

»Nun steigt mir wahrhaftig die Röt' ins Gesicht. Ach was, ich bin doch zuletzt kein jung Mädchen und du kein Hosenlupf. Ich bin deine Mutter und vermag drum sogar Gegenständ' mit dir zu besprechen, die einen Pastor in Beklemmungen versetzen könnten Wenn ich von der Freud' red', so mein' ich halt: die größte Freud' für den Mann ist doch das Weib.« »Es könnt' wenigstens so sein, Mutter.«

»Es könnt' nicht nur so sein, es ist so, Bub. Denn wenn ich von eines Mannes Weib sprech', mein' ich den getreuen Kameraden in gleichem Schritt und Tritt und nicht einen Herumfeger oder gar eine Schlampampe. Ich sag's, wie ich's weiß, und hab's an mir selber und einem anderen erfahren, und du wärst mittlerweil' auch alt genug dazu geworden.«

»Also wie muß sie ausschauen, Mutter?«

»Garnicht muß sie ausschaun. Darauf hast du wohl die Prob' selber gemacht, daß das bloße Ausschaun erst in der zweiten Linie kommt. Aber das Herz muß sie auf dem rechten Fleck haben, besonders wenn's der Mann gerad beansprucht, und es nicht beleidigt auf die andere Seit' schieben, wenn er auch andere Dinge mal im Kopf hat. Und den Verstand muß sie an der rechten Stell' haben, daß sie an allem ihren Anteil nehmen kann, was des Mannes Wesen und geistiges Leben ausmacht, ohne aber, daß sie nun gleich als die Belehrerin und Besserwisserin auftreten will, denn dann wär' ja für den Mann die Freud' des Starken dahin. Und lieb muß sie ihn haben, und wenn's Hühnereier hagelt.«

»Also hübsch braucht sie nicht zu sein, Mutter?«

»Nicht hübsch?« sagte Frau Christiane erstaunt. »Ja bist du denn von einem anderen Stern, auf dem die Menschen Astralleiber haben? Natürlich muß sie für den Mann, der sie heiratet, hübsch sein und sehr sogar, aber nur für den Mann, und wenn sie für die anderen nur als ein Meerwunder mitdurchläuft. Für den einen Mann aber muß sie so hübsch sein, daß es in allen seinen Sinnen singt und klingt, wenn er sie daherschreiten sieht, und ein Freuen in ihn kommt vom Herzen bis in die Kehle, als stünd' der Atem still. Laß du die Frommen im Land von der Abtötung der Sinne faseln – was weiß ein Frosch vom Falkenruf in der Luft anders, als daß er Angst vor ihm hat. Sind die Sinne nicht mit im Spiel, so ist's eine Laute mit gesprungenen Saiten.«

»Und schlank und rank muß sie sein,« fuhr Martin Opterberg fort, »und braunes Haar muß sie haben mit einem Sonnenkrönlein drin, wie bei ihrer Schwester, und ihre Augen müssen blitzen vor Lust am Leben, und aus der Stadt Karlsruhe muß sie sein.«

»Martin –,« sagte Frau Christiane, »da bringst du mich auf eine Fährte.«

»Laß gut sein, Mutter. Noch ist der Friede nicht unterzeichnet. Und ich möcht', wenn's einmal übermächtig in mir wird, mein Glück in Frieden haben.« – –

Bis zum neuen Jahr blieb Martin Opterberg, und er saß auf der Bank über dem brausenden jungen Rhein und saß im Giebelstübchen des Turmes, das den Ausblick bot über die Schwarzwaldberge und hinaus zu den geheimnisvoll lockenden Ketten der Alpen, die den Vater angezogen hatten Tag und Nacht. Aber Martin Opterbergs Blicke schweiften nur nach den Schwarzwaldhöhen, als forschten sie, ob dort die Jugendwege noch liefen ...

»Zum Sommer kehr' ich wieder, Mutter,« sagte er beim Abschied. »Es zieht mich mächtig ...«

Und wieder ging es im Bogen um den Rhein zurück, dessen Ufer nicht von den Deutschen aus deutschen Landen betreten werden durften und nur von den Negern vom Senegal und ihren weißen Brüdern. Die Wagenabteile waren gedrängt voll Menschen, und es herrschte so viel Gelächter und Geschrei, als gingen diese Überlauten alle auf eine rheinische Kirmesfahrt.

Martin Opterberg ließ schweigend seine Blicke wandern. Wer waren diese Leute? Ein neues Volk? Ein neues Geschlecht aus dem alten? Er musterte Gesichter und Kleider, fing Sprache und Bewegung auf. Nein, es war kein neues Volk und kein neues Geschlecht. Es waren die Dunkelmänner, die zu allen Zeiten in schmierigen Hintergassen ihre Geschäfte betrieben hatten und nun bei dem großen Kopfüber auf die Höhe geraten waren. Nur daß sie nicht mehr mit Lotterielosen handelten und mit unzerreißbaren Hosenträgern, nicht mehr um ein erbärmlich Stück Vieh feilschten oder auf Pfänder liehen ... Und es waren Gewerbetreibende und Kaufleute aller Art, die gestern noch eine Hose gewendet oder ein Viertelpfund Kaffee ausgewogen hatten und heute, wie aus ihren großtönenden Reden hervorging, Tuche, Lebensmittel, Kohlen und was das notleidende Volk bis zu den Düngemitteln brauchte, in Wagenladungen aufkauften und mit Wuchernutzen weiterverhandelten. Die meisten staken in feinen, neuen Kleidern, manche in weichgefütterten Pelzröcken, gaben sich das Ansehen von Baronen und entgleisten in die Gewohnheiten von Pferdeknechten. Ihre Frauen trugen kurze, knisternde Seidenröckchen, die kaum über das Knie reichten und oft seltsam geformte, immer aber mit durchsichtigen Seidenstrümpfen bekleidete Beine aufwiesen, während die Hände, von den traurigen Fingernägeln abgesehen, im Schmucke von Brillanten glänzten. Und alle diese Herren und Damen zogen aus seinen neuen Lederkoffern Kognakflaschen und Straßburger Gänseleberpastete und Schokoladensüßigkeiten jeder Art hervor und schmausten und redeten mit gefüllten Mündern aufeinander ein und kreischten vor Vergnügen auf, daß sie sich fast verschluckten. Viele waren im Besitze von Ausweisen, die den Stempel einer der fremdländischen Besatzungsbehörden trugen und die Erlaubnis verliehen, um einer besonders starken Lebensnotwendigkeit willen auf eine kurzbefristete Zeit auch das Rheintal besuchen zu dürfen. Jetzt aber fuhren sie zum Einkauf oder einer Warenverschiebung in das Hinterland. Andere ließen sich auf das Genaueste in die Geheimnisse der Paßerlangungen einweihen und warteten dafür mit den Geheimnissen des Schleichhandels auf. Einer sprach von den Loslösungsbestrebungen zugunsten einer rheinischen Republik, »Ob sie sagen, dat Rheinland sollt' pfäffisch gemacht werden oder welsch – die Hauptsach' is, dat wir von den verfluchzigen Vermögenseinziehungen verschont bleiben un unser sauer verdient Geld in Ruhe verzehren können.« Und seine Zuhörer stimmten ihm mit vollen Mündern bei.

Da erhob sich Martin Opterberg, angeekelt von all dem würdelosen Schmarotzertum am Körper des hungernden und frierenden Vaterlandes und ging in eine niedere Wagenklasse hinüber, in der blasse und abgehärmte Menschen in scheuem Ton, als berührten sie das Allerheiligste, von dem Heldentod ihrer Söhne und Brüder sprachen, deren Leiber in Frankreich moderten, in Polen, auf dem Balkan, in Palästina oder unbekannten Ortes auf dem Meeresgrund ...

Im unbesetzten Düsseldorf stieg er zum letzten Male um und ging, um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hinzubringen, in die Stadt hinein. Vor einem vornehmen Hotel winkte ihm ein Herr in langem Gehpelz, auf den der weiße Patriarchenbart ehrwürdig niederwogte, munter zu.

»Der Herr Doktor Opterberg, wenn ich nicht irre?«

Eine Sekunde verhielt Martin Opterberg den Schritt, und sie genügte dem alten Herrn, um ihn festzuhalten.

»Professor Barthelmeß,« kam er dem Erstaunten zu Hilfe. »Und hier ist auch meine liebe Frau Hadwiga. Nun geht sie im Gewand einer Fürstin, wie es sich für die Frau eines großen Künstlers geziemt. Ja, mein Freund, die Tage der Bitternis, in denen ich in der Wüste Ziegel strich, sind vorüber. Jetzt ist die Fronarbeit an die armen Reichen gekommen, von denen ich im Auftrage des bedeutendsten Berliner Kunsthändlers alte Gemälde zu geringen Einkaufs- und hohen Verkaufspreisen aufkaufe. Und meine drei Herren Söhne, dieses echte Barthelmeßblut – ah, dort steigen sie gerade aus ihrem eigengesteuerten Mercedeswagen – handeln mit allem, was Gott gedeihen laßt, hinüber und herüber über den Rhein, und die Sabine verschafft ihnen durch ihre aufrichtige Beliebtheit bei den fremden Herren Offizieren die Ein- und Ausfuhrbewilligungen durch das große Loch im Westen.« –

Er sprach in die Luft. Martin Opterberg hatte schweigend an die Hutkrempe gefaßt, als entschuldige er sich eines Versehens wegen, und war weitergegangen.

Vor einem kleinen Papierladen blieb er stehen. Zeitungen und billige Bücher waren in der Auslage zu sehen, aber die waren es nicht, die ihn fesselten. Er blickte forschend durch die Scheiben und glaubte in dem Mann, der am Ladentische saß und Schreibübungen zu veranstalten schien, Broich zu erkennen, Broich, den er zuletzt mit abgeschossener Hand im Feldlazarett gesehen hatte.

Er trat ein und hatte sich nicht geirrt.

»Lieb von dir, Opterberg, daß du mich heimsuchst. Nimm einen Stuhl. Die neuen Zeitungen kommen erst in einer halben Stunde, und bis dahin ist es ruhig im Laden. Warte, eine Begrüßungszigarre sollst du auch haben. Meine Frau hat mir ein ganzes Viertelhundert zu Weihnachten geschenkt.«

»Wie geht es dir, Broich, und wie geht es Frau und Kindern?«

»Alles gesund, und was mehr bedeutet: fest im Glauben an die Zukunft.«

»Gottlob, daß die anständigen Menschen nicht aussterben. Was macht die schwere Verwundung? Ich seh', du hast eine künstliche Hand.«

»Ich kann, wenn ich die Linke zu Hilfe nehm', alles mit ihr fassen und halten. Mit der Linken üb' ich mich im Schreiben. Sieh her, es geht schon ganz gut. Und bis zum Frühjahr wird's so weit sein, daß ich mich mit gutem Gewissen wieder um eine bessere Stellung bewerben darf. Einstweilen glauben ja die Herren, wem die rechte Hand weggeblasen sei, dem sei auch der Verstand weggeblasen. Aber einstweilen hält uns ja auch das Zeitungslädchen über Wasser.«

»Sind deine Schwiegereltern nicht so wohlhabend, daß sie dich über Wasser halten konnten?«

»Opterberg,« sagte Broich und legte dem Jugendkameraden die gesunde Linke auf den Arm, »du vergissest wohl, daß ich neben einer Frau auch Kinder habe. Sollten die etwa glauben, ihr Vater sei ein so armseliger Kerl, daß er nicht einmal seine Kinder ernähren könnt'? Nein, Opterberg, eher mit einem Arm Steine klopfen. Na, du hätt'st es ja nicht anders gemacht.«

Frau Hilde Broich kam mit den Kindern. Sie alle trugen einen Pack neuer Zeitungen im Arm und glühten trotz der Kälte vor Stolz.

»Wenn Jung und Mädel brav sind, dürfen sie zur Belohnung ihrem Herrn Hauptmann, dem Vater, helfen,« sagte sie, als sie den alten Freiburger Freund freudig begrüßt hatte. »Lieber Martin, wie oft sprechen wir gerade in diesen dunklen Deutschlandtagen von den sonnigen Wanderungen im Schwarzwald und von den Freudentagen auf dem Opterberghof, wo ich mich dem Liebsten da heimlich anverlobte.«

Martin Opterberg beugte sich herab und küßte ihr beide Hände ...

Sein Zug führte ihn heimwärts.

»Es gibt noch Männer in diesem Deutschland,« dachte er, »und es gibt noch Frauen, und es gibt noch einen Nachwuchs!« Und dann versank er in ein Träumen – –

*

 


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