Johann Gottfried Herder
Journal meiner Reise im Jahr 1769
Johann Gottfried Herder

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Die Menschliche Seele hat ihre Lebensalter, wie der Körper. Ihre Jugend ist Neugierde, daher kindischer Glaube, unersättliche Begierde, Dinge zu sehen, insonderheit Wunderdinge, die Gabe Sprachen zu lernen, wenn sie nur an Begriffen und Dingen hangen; jugendliche Biegsamkeit und Munterkeit u. s. w. Ein Alter, von der Neugierde, ist immer verächtlich und ein Kind.

Das Kind konnte an Allem, was es durch Neugierde kennen lernte, noch nicht viel Antheil nehmen: es sahe nur, es staunte, es bewunderte. Daher seine Ehrerbietung für die Alten, wenn sie ihm wahrhaftig ehrwürdig sind: daher die Tiefe seiner Eindrücke, die durch Staunen und Bewundern gleichsam eingesammelt werden. Je mehr Seele und Körper wächst, je mehr die Säfte in beiden zunehmen und aufwallen: desto mehr nähern wir uns gleichsam an die Gegenstände an, oder ziehen sie stark zu uns. Wir mahlen sie also mit Feuer des Geblüts aus: das ist Einbildungskraft, das herrschende Talent der Jugend. Da ist Liebe mit allen ihren Scenen die bezauberte Welt, in denen sie wandelt: oder in der Einsamkeit sinds Dichter, alte entfernte Dichterische Geschichten, Romane, Begeisterungen. Da wohnt der Enthusiasmus von Freundschaft, sie mag Akademisch oder Poetisch ausgemalt werden: da die Welt von Vergnügungen, von Theilnehmungen, Zärtlichkeiten. Da wird auch in den Wißenschaften, alles Bild, oder Empfindung, oder aufwallendes Vergnügen. Das ist der Jüngling: ein alter tändelnder feuriger Greis ist ein Geck.

Er wird Mann und Gesellschafter: dies zuerst, und also nach unsrer Welt werden die heftigen Züge der Einbildungskraft ausgelöscht: er lernt sich nach andern bequemen, sich von andern unterscheiden: das ist[,] Witz und Scharfsinn kommen los. Er wird Gesellschafter; lernt alles Feine, das in der gesellschaftlichen Politur besteht: und wozu ihn Liebe, um seiner Schöne[n] zu gefallen und was zu gelten, Freundschaft, die bei uns meist Gesellschaft ist, Vergnügungen, die nie ohne das Gesellschaftliche so allgemein sind, kurz alles einladen. Ein Fontenelle, der in der Akademie d[er] W[issenschaften], und in seinem 103. Jahr witzelt, ist lächerlich. – – Aus dem Gesellschafter wird Mann, und dies ist eigentlich die reelle Stuffe, da der Gesellschafter blos ein Zugang ist, den man nicht entbehren kann, in dem man aber nicht stehen bleiben muß. Im Mann regiert Bonsens, Weisheit zu Geschäften. Er hat die Bahn der Neugierde durchwandelt, und gefunden, daß es viel Leeres gibt, was blos ersten Blick verdient und nichts mehr; er ist die Zeit der Leidenschaften durch, und fühlt, daß sie gut sind, sich in die Welt hineinzuleben, nicht aber sich durch sie hinwegzuleben, sonst verliert man alles. Er hat also kaltes Geblüt, wahre Dienstfertigkeit, Freundschaft, Weisheit, Brauchbarkeit, Bonsens. Sein Alter, seine Gesellschaft, seine Denkart, seine Beschäftigungen s[ind] d[ie] Reellsten im Menschlichen Leben: er ist der wahre Philosoph der Thätigkeit Weisheit Erfahrung.

Der Greis ist ein Schwätzer und Philosoph in Worten. Seine Erfahrungen, matt, weitläuftig, ohne Bestimmtheit in Lehren vorgetragen, werden loci communes: und er ist reich an ihnen, weil er Erfahr[ung] zu hab[en] glaubt, und sie vorträgt, da er d[ie] Jugend so von sich entfernt sieht, sie für zu frei hält, weil er nicht mit springen kann u. s. w. Das ist das Alter der Ruhe[.] Neuen Eindrücken ist die Seele kaum mehr offen; sie ist verschlossen: zu neuen Erfahrungen kaum aufgelegt: zu furchtsam: für neuen Unterricht nicht mehr biegsam gnug; gesätigt gleichsam an Lehre. Das was vorher weich, und gleichsam Knorpel der Bewegung waren, sind Knochen der Ruhe geworden. Die Seele geniesst ihr Leben, das sie geführt und verlebt sich; und es ist diese eingezogne Furchtsamk[ei]t auch gut, weil der Greis kaum mehr Kraft und Stärke hat, sich aus seiner Austernschaale zu bewegen. Das ist der Greis. – –Aristoteles, Horaz, Hagedorn haben die Lebensalter geschildert: ihre Schilderung muß für die Seele auf gewisse Hauptbegriffe Psychologisch zurückgeführt werden, und diese sind Neugierde, Einbildungskraft und Leidenschaft, Witz und Bonsens, endlich die alte Vernunft. Und aus ihnen wird so ein System des Menschlichen Lebens, wie Montesquieu die Regierungsarten geschildert hat.

Jeder Mensch muß sie durchgehen: denn sie entwickeln sich aus einander: man kann nie das folgende geniessen, wenn man nicht das vorhergehende genossen hat. das erste enthält immer die Data zum Zweiten: sie gehen in Geometrischer nicht Arithmetischer Progression fort: in ihrer ganzen Folge nur geniesst man das Leben, und wird auf honette Weise alt. Man kann nie das vorhergehende völlig zurücknehmen, (auch in Verbeßerung) ohne das gegenwärtige zu verlieren.

Hingegen aber, wenn man 1) dem Lebensalter nicht Gnüge thut, in dem man ist 2) wenn man das folgende vorausnimmt 3) wenn man gar alle auf einmal nimmt 4) wenn man in verlebte zurückkehret: da ist die Ordnung der Natur umgekehrt, da sind veraltete Seelen: junge Greise, greise Jünglinge. Unsre Vorurtheile der Gesellschaft geben viel Gelegenheit zu solchen Monstern. Sie nehmen Zeitalter voraus, kehren in andre zurück, kehren die ganze Menschliche Natur um. So ist Erziehung, Unterricht, Lebensart: hier eine Stimme der Wahrheit und Menschheit ist Wohlthat: sie schafft den Genuß der ganzen Lebenszeit: sie ist unschätzbar. Und dazu das Buch.

Erster Theil: nach Fähigkeiten der Seele: und eben dabei nach den Zeitaltern der Menschheit.

Erster Abschn. von der Ausbildung der Sinne: und also von der Seele der Kindheit.

Man verliehst seine Jugend, wenn man die Sinne nicht gebraucht. Eine von Sensationen verlaßene Seele ist in der wüstesten Einöde: und im schmerzlichsten Zustande der Vernichtung. Nach langen Abstraktionen folgen oft Augenblicke dieses Zustandes, die verdrießlichsten im Leben. Der Kopf wüste und dumm: keine Gedanken und keine Lust sie zu sammeln: keine Beschäftigung und keine Lust sich zu beschäftigen: sich zu vergnügen. Das sind Augenblicke der Hölle: eine völlige Vernichtung, ein Zustand der Schwachheit, bis auf den Grad, was zu begehren. – – Man gewöhnt die Seele eines Kindes, um einst in diesen Zustand zu kommen, wenn man sie in eine Lage von Abstraktionen, ohne lebendige Welt; von Lernen ohne Sachen, von Worten ohne Gedanken, von gleichsam Ungedanken ohne Gegenstände und Wahrheit hineinquält. Für die Seele des Kindes ist keine größere Quaal, als diese: denn Begriffe zu erweitern, wird nie eine Quaal seyn. Aber was als Begriffe einzubilden, was nicht Begriff ist, ein Schatte von Gedanken, ohne Sachen; eine Lehre ohne Vorbild, ein Abstrakter Satz, ohne Datum, Sprache ohne Sinn – das ist Quaal; das ältert die Seele. (Alle Tugenden und Laster sind solche Abstrakta aus 1000. Fällen herausgezogen: ein feines Resultat vieler feinen Begriffe.)

Gehe also in eine Schule der Grammatiker hinein: eine Welt alternder Seelen, unter einem veralteten Lehrer. Jeder Mensch muß sich eigentlich seine Sprache erfinden, und jeden Begrif in jedem Wort so verstehen, als wenn er ihn erfunden hätte. Eine Schule des Sprachunterrichts muß kein Wort hören lassen, was man nicht versteht, als wenn mans denselben Augenblick erführe. Man gehe ein Deutsch Lexicon durch, ob man so die Sprache versteht: man gehe eine fremde Sprache durch, tausendmal weniger. Ein Kind lernt tausend Wörter, Nuancen von Abstraktionen, von denen es durchaus keinen Begrif hat; tausend andre, von denen es nur halben Begrif hat. In beiden wirds gequält, seine Seele abgemattet und auf Lebenslang alt gemacht. Das ist der Fehler der Zeit in der wir leben: man hat lange vor uns eine Sprache erfunden, tausend Generationen vor uns haben sie mit feinen Begriffen bereichert: wir lernen ihre Sprache, gehen mit Worten in 2. Minuten durch, was sie in Jahrhunderten erfunden und verstehen gelernt. Lernen damit nichts: veralten uns an Grammatiken, Wortbüchern und Discursen, die wir nicht verstehen, und legen uns auf Zeitlebens in eine üble Falte.

Weg also Grammatiken und Grammatiker. Mein Kind soll jede Todte Sprache lebendig, und jede lebendige so lernen, als wenn sie sich selbst erfände. Monta[i]gne, Shaftesburi lernten Griechisch lebendig: wie weit mehr haben sie ihren Plato und Plutarch gefühlt, als unsre Pedanten. Und wer seine Muttersprache so lebendig lernte, daß jedes Wort ihm so zur Zeit käme, als er die Sache sieht und den Gedanken hat: welch ein richtiger, philosophisch denkender Kopf! welch eine junge blühende Seele! So waren die, die sich ihre Sprache selbst erfinden musten, Hermes in der Wüste, und Robinson Crusoe. In solcher Wüste sollen unsre Kinder seyn! nichts als Kindisches zu ihnen reden! Der erste abstrakte unverstandne Begrif ist ihnen Gift: ist, wie eine Speise, die durchaus nicht verdaut werden kann, und also wenn die Natur sich ihrer nicht entledigt, schwächt und verdirbt. Hier eben so, und was würden wir, wenn die Natur nicht noch die Güte hätte, uns dessen durch Vergessenheit zu entledigen. Wie ändert sich hier Schule, Erziehung, Unterricht, Alles! Welche Methode, Sprache beizubringen! Welche Genauigkeit und Mühe, Lehrbücher zu schreiben und noch mehr über eine Wißenschaft zu lesen, und sie zu lehren! Lehrer! in Philosophie, Physik, Aesthetik, Moral, Theologie, Politik, Historie und Geographie kein Wort ohne Begrif, kein Begrif präoccupirt : so viel, als in der Zeit eine Menschliche Seele von selbst fassen kann, und das sind in der ersten Jugend, nichts als Begriffe durch Sinne.

Auf diese eingeschränkt, wie lebt die Menschl[iche] Seele auf: nun kein Zwang, keine Schule mehr. Alles Neugierde, die Neugierde Vergnügen. D[a]s Lernen Lust und Ergötzen; üben, sehen, neu sehen, Wunderdinge sehen, welche Lust, welche schöne Jugend. Hier ein Plan, was und wie sie in allen Wissenschaften hindurch zu lernen hat, um immer jung zu seyn, ist Verdienst der Menschheit.

Umgekehrt aber: sehet die elenden Schüler, die in ihrem Leben nichts als Metaphysik an Sprache, sch[önen] K[ünsten] und W[issenschaften], und Allem nichts als Metaphysik lernen! sich an Dingen zermartern, die sie nicht verstehen! über Dinge disputiren, die sie nicht verstanden hab[en]. Sehet elende Lehrer! und Lehrbücher, die selbst kein Wort von dem verstehen, was sie abhandeln. In solchen Wust von Nominalbegriffen, Definitionen, und Lehrbüchern ist unsre Zeit gefallen: drum liefert sie auch nichts grosses: drum erfindet sie auch nichts. Sie ist wie der Geizige[:] hat Alles und geniesset nichts. Ich darf nur meine eigne Erziehung durchgehen, so finde ich einen Reichthum von traurigen Ex[empeln]. Ein Kind muß blos durch sich und seine Triebfeder handeln, das ist Neugierde: die muß geleitet und gelenkt werden; ihm aber keine fremde eingepflanzt werden z. E. Eitelkeit u. s. w. die es noch n[ich]t hat. Durch die kans viel lernen, nichts aber an seinem Ort, zu seiner Zeit. Die Jugend der Menschlichen Seele in Erziehung wiederherzustellen, o welch ein Werk! Das einzige, was den Schwarm von Vorurtheilen tödten kann, der in Religion, Politik, Weltweisheit u. s. w. die Welt bedeckt! ich zweifle aber, ob es g[an]z in unsr[er] Gesellsch[aft] angeht. Jeder lernt die Masse von hundert andrer Gedanken und wird damit alt.

Nicht, als wenn man nicht von der Gesellschaft andrer profitiren könnte: der Mensch ist ein so geselliges Thier, als er Mensch ist. Die Senkung zur Sonne ist den Planeten eben so natürlich, als ihre Kraft fortzueilen. Aber nur, daß die Geselligkeit unsre Eig[en]h[ei]t nicht g[an]z tödte: sondern sie nur in eine andre schönere Linie bringe. So also wird die Gesellschaft uns auch tausendmal mehr Begriffe geb[en] könn[en], als wenn wir allein wär[en]: allein nur immer Begr[iffe], die wir verstehen können, die begr[iffen] s[in]d. Der Führer muß uns den Weg verkürzen, uns aber selbst gehen lassen, nicht trag[en] woll[en], und uns damit lähmen!

Es ist eine schwere Sache, jede Wissenschaft in allen Begriffen und jede Sprache in allen Worten auf die Sinne zurückzuführen, in denen und für die sie entstanden sind, und das ist doch zu jeder Wißenschaft und Sprache nöthig.

Zweitens. Alle seine Sinne zu gebrauchen. Das Gefühl z. E. schläft bei uns, und d[as] Auge vertritt[,] obgleich manchmal nur sehr unrecht, seine Stelle. Es gibt eine Reihe von Modificationen des Gefühls, die kaum unter der Zahl der bisherigen 5. Sinne begriffen werden können, und in denen allen die schöne Jugend geübt werden muß. Ueberhaupt ist kein Satz merkwürdiger und fast vergeßner, als[:] ohne Körper ist unsre Seele im Gebrauch nichts: mit gelähmten Sinnen ist sie selbst gelähmt: mit einem muntern proportionirten Gebrauch aller Sinne ist sie selbst munter und lebendig. Es gibt in den alten Zeiten der schönen Sinnlichkeit, insonderheit in den Morgenländern Spuren, daß ihre Seele gleichsam mehr Umkreis zu würken gehabt habe, als wir. Alsdenn würden sich theils neue Phänomena theils die Alten auf neue Art [zeigen]. Das ist der Weg, Originale zu haben, nehmlich sie in ihrer Jugend viele Dinge und alle für sie empfindbare Dinge ohne Zwang und Präoccupation auf die ihnen eigne Art empfinden zu lassen. Jede Empfindung in der Jugendseele ist nicht blos was sie ist, Materie, sondern auch aufs ganze Leben Materie: sie wird nachher immer verarbeitet, und also gute Organisation, viele, starke, lebhafte, getreue, eigne Sensationen, auf die dem Menschen eigenste Art[,] sind die Basis zu einer Reihe von vielen starken, lebhaften, getreuen, eignen Gedanken, und d[as] ist das Originalgenie: Dies ist in allen Zeiten würksam gewesen, wo die Seele mit einer grossen Anzahl starker und eigenthümlicher Sensationen hat beschwängert werden können: in den Zeiten der Erziehung fürs Vaterland, in grossen Republiken, in Revolutionen, in Zeiten der Freiheit, und der Zerrüttungen wars würksam. Diese sind für uns weg: wir sind im Jahrhundert der Erfahrungen, der Polizei, der Politik, der Bequemlichkeit, wo wir wie andre denken müssen, weil wir, was sie sehen, wie sie sehen lernen, und man es uns durch Religion, Politik, Gesellschaftston, u. s. w. selbst zu denken verbaut, wie wir wollen. Wir sehen in unsrer Jugend wenige Phänomena, wenn es noch Zeit ist, sie zu sehen, damit sie in uns leben. Diese Phänomena sind meistens schwach, gemein, unwichtig, aus einer bequemen, üppigen Welt, wo die Regierung der Staaten, und alle grosse Handlungen des Menschlichen Geschlechts geheim, oder verborgen, oder gar verschwunden sind: und also ihr Anblick kein Zunder zu grossen Thaten geben kann. Wir werden durch Worte und das Lernen fremder allgemeiner Begriffe so erstickt, daß wir nicht auf sie merken, wenigstens nicht mit dem ganzen Feuer auf sie merken können. Die rührendsten Auftritte der Natur sind bei uns weg. Wir bekommen also nur schwache, monotone Stöße: unsre Jugendlichen Sensationen sagen wenig unsrer Seele: diese erstirbt.


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