Johann Gottfried Herder
Journal meiner Reise im Jahr 1769
Johann Gottfried Herder

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Man bildet sich ein, daß man auf Meeren, indem man Länder und Welttheile vorbeifliegt man viel von ihnen denken werde: allein diese Länder und Welttheile siehet man nicht. Sie sind nur fernher stehende Nebel, und so sind auch meistens die Ideen von ihnen für gemeine Seelen. Es ist kein Unterschied, ob das jetzt das Curische, Preußische, Pommersche, Dänische, Schwedische, Norwegische, Holländische, Englische, Französische Meer ist: wie unsre Schiffart geht, ists nur überall Meer. Die Schiffart der Alten war hierinn anders. Sie zeigte Küsten, und Menschengattungen: in ihren Schlachten redeten Charaktere und Menschen – jetzt ist alles Kunst, Schlacht und Krieg und Seefahrt und Alles. Ich wollte den Reisebeschreiber zu Hülfe nehmen, um an den Küsten jedes Landes dasselbe zu denken, als ob ichs sähe; aber noch vergebens. Ich fand nichts, als Okularverzeichniße und sahe nichts, als entfernte Küsten. Liefland, du Provinz der Barbarei und des Luxus, der Unwißenheit, und eines angemaaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sklaverei, wie viel wäre in dir zu thun? Zu thun, um die Barbarei zu zerstören, die Unwißenheit auszurotten, die Cultur und Freiheit auszubreiten, ein zweiter Zwinglius, Calvin und Luther, dieser Provinz zu werden! Kann ichs werden? habe ich dazu Anlage, Gelegenheit, Talente? was muß ich thun, um es zu werden? was muß ich zerstören? Ich frage noch! Unnütze Critiken, und todte Untersuchungen aufgeben; mich über Streitigkeiten und Bücherverdienste erheben, mich zum Nutzen und zur Bildung der lebenden Welt einweihen, das Zutrauen der Regierung, des Gouvernemen[t]s und Hofes gewinnen, Frankreich, England und Italien und Deutschland in diesem Betracht durchreisen, Französische Sprache und Wohlstand, Englischen Geist der Realität und Freiheit, Italienischen Geschmack feiner Erfindungen, Deutsche Gründlichkeit und Kenntniße, und endlich, wo es nöthig ist, Holländische Gelehrsamkeit einsammlen, grosse Begriffe von mir, und grosse Absichten in mir erwecken, mich meinem Zeitalter bequemen, und den Geist der Gesetzgebung, des Commerzes und der Policei gewinnen, alles im Gesichtspunkt von Politik, Staat und Finanzen einzusehen wagen, keine Blößen mehr geben und die vorigen so kurz und gut, als möglich zu verbeßern suchen, Nächte und Tage darauf denken, dieser Genius Lieflands zu werden, es todt und lebendig kennen zu lernen, alles Praktisch zu denken und zu unternehmen, mich anzugewöhnen, Welt, Adel und Menschen zu überreden, auf meine Seite zu bringen wissen – edler Jüngling! das alles schläft in dir? aber unausgeführt und verwahrloset! Die Kleinheit deiner Erziehung, die Sklaverei deines Geburtslandes, der Bagatellenkram deines Jahrhunderts, die Unstätigkeit deiner Laufbahn hat dich eingeschränkt, dich so herabgesenkt, daß du dich nicht erkennest. In Critischen unnützen, groben, elenden Wäldern verlierst du das Feuer deiner Jugend, die beste Hitze deines Genies, die gröste Stärke deiner Leidenschaft, zu unternehmen. Du wirst eine so träge, lache Seele, wie alle Fibern und Nerven deines Körpers: Elender, was ists, das dich beschäftigt? Und was dich beschäftigen sollte? und nach Gelegenheit, Anlaß und Pflicht beschäftigen könnte? = O daß eine Evmenide mir in meinen Wäldern erschiene, mich zu erschrecken, mich aus denselben auf ewig zu jagen, und mich in die grosse nutzbare Welt zu bannen! Liefland ist eine Provinz, den Fremden gegeben! Viele Fremde haben es, aber bisher nur auf ihre Kaufmännische Art, zum Reichwerden, genoßen; mir, auch einem Fremden, ists zu einem höhern Zwecke gegeben, es zu bilden! Dazu sei mein geistliches Amt; die Colonie einer verbeßerten Evangelischen Religion zu machen; nicht schriftlich, nicht durch Federkriege, sondern lebendig, durch Bildung. Dazu habe ich Raum, Zeit, und Gelegenheit: ich bin ohne drückende Aufsicht: ich habe alle Groß- Gut- und Edeldenkende, gegen ein paar Pedanten, auf meiner Seite: ich habe freie Hand. Laßet uns also anfangen, den Menschen und Menschliche Tugend recht kennen und predigen zu lernen, ehe man sich in tiefere Sachen mischst. Die Menschliche Seele, an sich und in ihrer Erscheinung auf dieser Erde, ihre sinnlichen Werkzeuge und Gewichte und Hoffnung[en] und Vergnügen, und Charaktere und Pflichten, und alles, was Menschen hier glücklich machen kann, sei meine erste Aussicht. Alles übrige werde blos bei Seite gesetzt, so lange ich hiezu Materialien sammle, und alle Triebfedern, die im Menschlichen Herzen liegen, vom Schreckhaften und Wunderbaren, bis zum Stillnachdenkenden und Sanftbetäubenden, kennen, erwecken, verwalten und brauchen lernen. Hiezu will ich in der Geschichte aller Zeiten Data sammlen: jede soll mir das Bild ihrer eignen Sitten, Gebräuche, Tugenden, Laster und Glückseligkeiten liefern, und so will ich alles bis auf unsre Zeit zurückführen, und diese recht nutzen lernen. Das Menschliche Geschlecht hat in allen seinen Zeitaltern, nur in jedem auf andre Art, Glückseligkeit zur Summe; wir, in dem unsrigen, schweifen aus, wenn wir wie Roußeau Zeiten preisen, die nicht mehr sind, und nicht gewesen sind; wenn wir aus diesen zu unseren Mißvergnügen, Romanbilder schaffen und uns wegwerfen, um uns nicht selbst zu genießen. Suche also auch selbst aus den Zeiten der Bibel nur Religion, und Tugend, und Vorbilder und Glückseligkeiten, die für uns sind: werde ein Prediger der Tugend deines Zeitalters! O wie viel habe ich damit zu thun, daß ichs werde! wie viel bin ich aber, wenn ichs bin! – Welch ein Großes Thema, zu zeigen, daß man, um zu seyn, was man seyn soll, weder Jude, noch Araber, noch Grieche, noch Wilder, noch Märtrer, noch Wallfahrter seyn müsse; sondern eben der aufgeklärte, unterrichtete, feine, vernünftige, gebildete, Tugendhafte, geniessende Mensch, den Gott auf der Stuffe unsrer Cultur fodert. Hier werde alles das Gute gezeigt, was wir in unserm Zeitalter, Künsten, Höfflichkeit, Leben u. s. w. für andern Zeitaltern, Gegenden, und Ländern haben; alsdenn d[as] Grosse und Gute aus andern dazugenommen, sollte es auch nur zur Nacheiferung seyn, so weit es möglich wäre, es zu verbinden – o was schläft in alle dem für Aufweckung der Menschheit. Das ist eine Tugend, und Glücksel[igkeit] und Erregung, gesammlet aus mehr als aus Iselins Geschichte, aus dem lebendigen Vorstellen der Bilder aller Zeiten und Sitten und Völker; und gleichsam daraus die Geschichte eines Agathon in jeder Nation gedichtet! Welch ein grosses Studium! für Einbildungskraft und Verstand und Herz und Affekten! Einer aus Judäa und ein Hiob aus Arabien, und ein Beschauer Aegyptens, und ein Römischer Held, und ein Pfaffenfreund, und ein Kreuzzieher und ein Virtuose unsres Jahrhunderts gegen einander und in allem Geist ihres Zeitalters, Gestalt ihrer Seele, Bildungsart ihres Charakters, Produkt ihrer Tugend und Glückseligkeit. Das sind Fragmente über die Moral und Religion aller Völker, Sitten und Zeiten, für unsre Zeit – wie weit laße ich damit hinter mir die Bruckers und die Postillenprediger und die Mosheimschen Moralie[n].

Ein solches grosses Geschäfte, in seiner Vollendung, welch ein Werk würde es für die Welt! Aber was sorge ich für die Welt; da ich für mich, und meine Welt und mein Leben zu sorgen und also aus meinem Leben zu schöpfen habe. Was also zu thun? Dies in allen Scenen zu betrachten und zu studiren! Die ersten Spiele der Einbildungskraft der Jugend, und die ersten starken Eindrücke auf die weiche empfindbare Seele zu behorchen; aus jenen vieles in der Geschichte unsres Geschmacks und Denkart erklären; aus dieser alles Rührende und Erregende brauchen zu lernen. Das erste Verderben eines guten Jünglings auf seine Lebenszeit, was gibts auch aus meinem Leben für rührende Züge, die noch jetzt alle meine Thränen locken, und so viel Homogene ähnliche Verwirrungen und Schwächungen auf mein ganzes Leben würken. Alsdenn das Wunderbare und Immer Gute, was jeder Schritt unsres Lebens mit sich bringet – weiter! ein Bild von allen Gesichten und Nationen und merkwürdigen Charakteren und Erfahrungen, die ich aus meinem Leben mich erinnere – was für Geist und Leben muß dies in meine Denkart, Vortrag, Predigt, Umgang bringen. So lernte ich ganz mein Leben brauchen, nutzen, anwenden; kein Schritt, Geschichte, Erfahrung, wäre vergebens: ich hätte alles in meiner Gewalt: nichts wäre verlöscht, nichts unfruchtbar: alles würde Hebel, mich weiter fortzubringen. Dazu reise ich jetzt: dazu will ich mein Tagebuch schreiben: dazu will ich Bemerkungen sammlen: dazu meinen Geist in eine Bemerkungslage setzen: dazu mich in der lebendigen Anwendung dessen, was ich sehe und weiß, was ich gesehen und gewesen bin, üben! Wie viel habe ich zu diesem Zwecke an mir aufzuwecken und zu ändern! Mein Geist ist nicht in der Lage zu bemerken, sondern eher zu betrachten, zu grübeln! Er hat nicht die Wuth Kenntniße zu sammlen, wo er sie kann; sondern schliesset sich schlaf und müde in den ersten Kreis ein, der ihn festhält. Dazu besitze ich nicht die Nationalsprachen, wohin ich reise. Ich bin also in Frankreich ein Kind: denn ich müßte Französisch können, um mich geltend zu machen, um Alles zu sehen, zu erfragen, kennen zu lernen, um von meinem Orte und aus meinem Leben zu erzählen und also dies auf gewiße Art zu wiederholen und gangbar zu machen. Ich bin also, ohne dies alles, in Frankreich ein Kind, und wenn ich zurückkomme, eben dasselbe: Französische Sprache ist das Medium um zu zeigen, daß man in Frankreich gelebt und es genossen hat – so auch mit andern Sprachen – wie viel habe ich zu lernen! mich selbst zu zwingen, um nachher Einer seyn zu können, der Frankreich, England, Italien, Deutschland genossen hat, und als solcher, erscheinen darf! Und kann ich als solcher erscheinen, was habe ich in Liefland als Prediger, für Vorzüge und Geltungsrechte! Mit allen umgehen, von allem urtheilen zu können, für eine Sammlung von Känntnißen der policirten Welt gehalten zu werden! Was kann man mit diesem Scheine nicht thun! nicht ausrichten! Wie viel liegt aber vor mir, diesen Schein des Ansehens zu erreichen, und der Erste Menschenkenner nach meinem Stande, in meiner Provinz zu werden!

Bin ichs geworden, so will ich diesen Pfad nicht verlassen, und mir selbst gleichsam ein Journal halten, der Menschenkänntniße, die ich täglich aus meinem Leben, und derer, die ich aus Schriften sammle. Ein solcher Plan wird mich beständig auf einer Art von Reise unter Menschen erhalten und der Falte zuvorkommen, in die mich meine einförmige Lage in einem abgelegnen Scytischen Winkel der Erde schlagen könnte! Dazu will ich eine beständige Lecture der Menschheitsschriften, in denen Deutschland jetzt seine Periode anfängt, und Frankreich, das ganz Convention und Blendwerk ist, die seinige verlebt hat, unterhalten. Dazu die Spaldinge, Resewitze und Moses lesen; dazu von einer andern Seite die Mosers, und Wielands und Gerstenbergs brauchen; dazu zu unsern Leibnizen die Shaftesburis und Locke's; zu unsern Spaldings die Sterne's, Fosters, und Richardsons; zu unsern Mosers, die Browne und Montesquieus; zu unsern Homileten jedes Datum einer Reisebeschreibung oder merkwürdigen Historie dazu thun. Jahrbuch der Schriften für die Menschheit! ein grosser Plan! ein wichtiges Werk! Es nimmt aus Theologie und Homiletik; aus Auslegung und Moral; aus Kirchengeschichte und Ascetik, nur das, was für die Menschheit unmittelbar ist; sie aufklären hilft; sie zu einer neuen Höhe erhebt, sie zu einer gewissen neuen Seite verlenkt; sie in einem neuen Licht zeigt; oder was nur für sie zu lesen ist. Dazu dient alsdenn Historie und Roman, Politik, und Philosophie, Poesie und Theater als Beihülfe; bei den letzten Allen, wird dies nicht Hauptgesichtspunkt, aber eine sehr nutzbare und bildende Aussicht! Ein solches Journal wäre für alle zu lesen! Wir habens noch nicht; ob wir gleich Materialien dazu haben! Es würde in Deutschland eine Zeit der Bildung schaffen, indem es auf die Hauptaussicht einer zu bildenden Menschheit merken lehrte. Es würde das Glück haben, was kein Journal so leicht hat, Streitigkeiten und Wiederspruch zu vermeiden; indem es sich von allem sondert, und nur bilden will. Es wurde seinen Autor berühmt, und was noch mehr ist, beliebt machen: denn das Menschliche Herz öfnet sich nur dem, der sich demselben nähert und das ist ein Schriftsteller der Menschheit! O auf dieser Bahn fortzugehen, welch ein Ziel! welch ein Kranz! Wenn ich ein Philosoph seyn dörfte und könnte; ein Buch über die Menschliche Seele, voll Bemerkungen und Erfahrungen, das sollte mein Buch seyn! ich wollte es als Mensch und für Menschen schreiben! es sollte lehren und bilden! die Grundsätze der Psychologie, und nach Entwicklung der Seele auch der Ontologie, der Kosmologie, der Theologie, der Physik enthalten! es sollte eine lebendige Logik, Aesthetik, historische Wißenschaft und Kunstlehre werden! aus jedem Sinn eine schöne Kunst entwickelt werden! und aus jeder Kraft der Seele eine Wißenschaft entstehen! und aus allen eine Geschichte der Gelehrsamkeit und Wißenschaft überhaupt und eine Geschichte der Menschlichen Seele überhaupt, in Zeiten und Völkern! Welch ein Buch! – – und so lang ich dies nicht kann! so sollen meine Predigten und Reden und Abhandlungen und was ich künftig gebe, Menschlich seyn! und wenn ichs kann, ein Buch zur Menschlichen und Christlichen Bildung liefern, das sich, wie ein Christ in der Einsamkeit u. s. w. lesen lasse, was empfunden werde, was für meine Zeit und mein Volk und alle Lebensalter und Charaktere des Menschen sei! – Das wird bleiben! –

Ein Buch zur Menschlichen und Christlichen Bildung! Es finge von der Känntniß sein selbst, des weisen Baues an Leibe und Geist an: zeigte die Endzwecke und Unentbehrlichkeiten jedes Gliedes an Leib und Seele; zeigte die Mancherleiheit, die dabei statt fände, und das doch jedes nur in dem Maas möglich und gut ist, wie wirs haben: alsdenn Regeln und Anmahnung, sieh an Leib und Geist so auszubilden, als man kann. Dies erst an sich, und so weit ist Roußeau ein grosser Lehrer! Was für Anreden sind dabei an Menschen, als Menschen, an Eltern und Kinder, an Jünglinge und Erwachsne, an mancherlei Charaktere und Temperamente, Fähigkeiten und Menschliche Seelen möglich! Alsdenn kom[m]t ein zweiter Theil für die Gesellschaft, wo Roußeau kein Lehrer seyn kann. Hier ein Catechismus für die Pflichten der Kinder, der Jünglinge, der Gesellschafter, der Bürger, der Ehegatten, der Eltern; alles in einer Ordnung und Folge und Zusammenhang, ohne Wiederholungen aus dem vorigen Theile, ohne Einlaßung auf Stände und blos Politische Einzelnheiten – wäre ein schweres Werk. Drittens ein Buch für die Charaktere aus Ständen, um die bösen Falten zu vermeiden, die der Soldat und Prediger, der Kaufmann und Weise, der Handwerker und Gelehrte, der Künstler und Bauer gegen einander haben; um jedem Stande alle seine Privattugenden zu geben, alle mit einander aus den verschiednen Naturen und Situationen der Menschheit zu erklären, und zu versöhnen, alle dem gemeinen Besten zu schenken. Hiemit fängt sich ein vierter Theil an, wo Unterthanen und Obrigkeiten gegen einander kommen; vom Bauer an, der dem Sklaven nahe ist, denn für Sklaven gibts keinen Catechismus, zu seiner bürgerlichen Herrschaft, zum Adel, zum Prinzen, zum Fürsten hinan: alsdenn die mancherlei Regierungsformen, ihre Vor- und Nachtheile und endlich Grundsätze eines ehrlichen Mannes, in der, wo er lebt. Hieraus werden fünftens die schönen, überflüßigen Bedürfnisse: Kunst, Wißenschaft, gesellschaftliche Bildung: Grundriß zu ihnen: ihre Erziehung nach Temperamenten und Gelegenheiten: ihr Gutes und Böses: Auswahl aus ihnen zum ordentlichen, nützlichen und bequemen Leben unsres Jahrhunderts: und hier also Philosophie eines Privatmannes, Frauenzimmers, u. s. w. nebst einer Bibliothek dazu: Sechstens: Mängel, die dabei bleiben, uns zu unterrichten, zu beruhigen, zurückzuhalten, aufzumuntern: Christliche Känntniße, als Unterricht, Beruhigung, Rückhalt, und Erhebung: Was Menschen davon wissen konnten und wie Gott sich Menschen geoffenbaret hat, in Absicht auf die Schöpfung, Ursprung des Uebels in der Welt, Wanderungen des Menschengeschlechts, Erlösung, Heiligung, künftige Welt. Begriffe von der Theopnevstie überhaupt; von der Gestalt der Religion in Judäa; im alten und neuen Testament, und in den verschiednen Jahrhunderten. Alles im Gesichtspunkt der Menschheit – und hieraus Lehren für Toleranz: Liebe zur Protestantischen Religion: wahrer Geist derselben im Akademischen Lehrer, Prediger, Zuhörer, Privatchristen. Christliche Erziehung: Taufe: Confirmation: Abendmal: Tod, Begräbniß. – – – Ich liefre nur kurze Gesichtspunkte, wohin würde die Ausarbeitung nicht führen! – Noch ist Alles Theorie: es werde Praxis und dazu diene die Seelensorge meines Amts. Hier ist ein Feld, sich Liebe, Zutrauen und Känntniße zu erwerben: ein Feld, zu bilden und Nutzen zu schaffen – wenn die Religion z. E. bei Trauungen und Taufen und Gedächtnißreden und Krankenbesuchen, den Grossen edel und groß und vernünftig; den Geschmackvollen mit Geschmack und Schönheit; dem zarten Geschlecht zart und liebenswürdig; dem fühlbaren Menschen fühlbar und stark; dem unglücklichen und sterbenden tröstl[ich] und hoffnungsvoll gemacht wird. Und hier ist ein Feld besonders für mich. Sich vor einer Gewohnheits- und Kanzelsprache in Acht nehmen, immer auf die Zuhörer sehen, für die man redet, <sich> immer in die Situation sich einpassen, in der man die Religion sehen will, immer für den Geist und das Herz reden: das muß Gewalt über die Seelen geben! oder nichts gibts! = = Hier ist die vornehmste Stelle, wo sich ein Prediger würdig zeigt: hier ruhn die Stäbe seiner Macht.

Alles muß sich heut zu Tage an die Politik anschmiegen; auch für mich ists nöthig, mit meinen Planen! Was meine Schule gegen den Luxus und zur Verbeßerung der Sitten seyn könne! Was sie seyn müsse, um uns in Sprachen und Bildung dem Geschmack und der Feinheit unsres Jahrhunderts zu nähern und nicht hinten zu bleiben! Was, um Deutschland, Frankreich und England nachzueifern! Was um dem Adel zur Ehre und zur Bildung zu seyn! Was sie aus Polen, Ruß- und Kurland hoffen könne! Was sie für Bequemlichkeiten haben, da Riga der Sitz der Provinzcollegien ist, und wie unentbehrlich es sei, die Stellen kennen zu lernen, zu denen man bestimt ist. Wie viel Auszeichnendes eine liefländische Vaterlandsschule haben könne, was man auswärtig nicht hat. Wie sehr die Wünsche unsrer Kaiserin darauf gehen, und daß zur Kultur einer Nation mehr als Gesetze und Colonien; insonderheit Schulen und Einrichtungen nöthig sind. Dies Alles mit Gründen der Politik, mit einem Vaterlandseifer, mit Feuer der Menschheit und Feinheit des Gesellschaftlichen Tons gesagt, muß bilden und locken und anfeuren. Und zu eben der Denkart will ich mich so lebend und ganz, als ich denke und handle, erheben. Geschichte und Politik von Lief- und Rußland aus, studiren, den Menschlichwilden Emil des Roußeau zum Nationalkinde Lieflands zu machen, das, was der grosse Montesquieu für den Geist der Gesetze ausdachte, auf den Geist einer Nationalerziehung anwenden und was er in dem Geist eines kriegerischen Volks fand, auf eine friedliche Provinz umbilden. O ihr Locke und Roußeau, und Clarke und Franke und Heckers und Ehlers und Büschings! euch eifre ich nach; ich will euch lesen, durchdenken, nationalisiren, und wenn Redlichkeit, Eifer und Feuer hilft, so werde ich euch nutzen, und ein Werk stiften, das Ewigkeiten daure, und Jahrhunderte und eine Provinz bilde.


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