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Mutter der Barmherzigkeit

Die Würde einer Mutter Gottes erhebt dich, o Maria! über alle Geschöpfe und himmlischen Geister.

Der heilige Thomas von Aquino.

Die Stolzen sind unweise, auf den Demütigen aber ruht der Segen der Weisheit. Maria war von allen am demütigsten. Deshalb ist die Weisheit des Ewigen Vaters, Christus Jesus, in Maria Mensch geworden. Die Stolzen haben keine Liebe, sondern ein unruhiges Verlangen nach ihrer eigenen Vergrößerung, davon sie verzehrt werden; so sterben sie bei lebendigem Leibe eines kalten. Todes; niemand liebt sie, es wäre denn, um sich nach kurzer Zeit erschaudernd von ihnen abzuwenden; Gott liebt sie, aber da ihr unweises Herz nur die Selbstliebe pflegt, verschließt es sich Gott. – Maria hat der Selbstliebe nicht gedient. Somit war ihr Herz der Liebe vollkommen geöffnet. Die Weisheit des Ewigen Vaters, Christus Jesus, nahm deshalb in ihr die vorherbestimmte irdische Wohnung ein; sie wurde die Mutter des Neuen Bundes, den Gott durch seinen eigenen Sohn, Christus Jesus, mit den Menschen schloß; sie wurde die Mutter der Barmherzigkeit. Nun urteilet selbst: – an wen wollt ihr euch wenden, um Christi Barmherzigkeit zu empfangen, wenn nicht an Maria! Oder wollt ihr die gottgeschaffene Ordnung beiseiteschieben und die Barmherzigkeit von euch aus bei Christus erobern? Er wird euch antworten: ich bin aus Maria geboren, aber weil ihr stolz seid, darum seid ihr unweise und könnt es nicht fassen. Den Demütigen allein erschließt sich dieses Geheimnis Meiner Liebe.

 

Der selige Joseph Ariol hatte sich Christus durch Maria geweiht. Je mehr er sich Maria anheimgab, desto mehr wurde ihm ihre Barmherzigkeit eigen; und selten hat ein Mensch so wie er Maria als die wahrhafte Mutter der Barmherzigkeit erkannt und geliebt; seine Seele empfing unausgesetzt Christus in Maria. Selten auch hat daher ein Mensch die Tugend der Barmherzigkeit gegen die Armen jeder Art, zu denen wir ja alle gehören, so geübt wie dieser treue Diener der glorreichen Jungfrau. In der Stadt Barcelona, in der er gelebt hat, ist er noch heute wegen seiner Barmherzigkeit berühmt.

Von solcher Barmherzigkeit geht aber eine wundersame Kraft aus, welche nicht des Menschen ist; denn Gott versagt sich denen nicht, die von eigener Kraft nichts, sondern alles durch die Fürbitte Marias von ihm erhoffen; durch die Fürbitte Marias: – sie gefallen sich nicht in dem Dünkel, das ihrem eigenen Gebet sich die Gotteskraft überliefere, sondern beten durch Maria, die Mutter der Barmherzigkeit.

Dem Priester Joseph Ariol brachte eine arme Mutter ihr noch ärmeres, weil blindes Kind. Und sie sagte: »Mir liegt nichts an meinem Elend, ich hungere, wenn es schon sein muß, denn ich weiß ja, daß ich nichts bin und Gott kein anderes Opfer bringen kann als meine armselige Armut. Aber seht da mein Kind, es hat nicht einmal den Anblick der Sonne und Erde. Mein Gott, ich will doch gerne weiterhungern mein Leben lang, ich gebe auch meine Augen hin, wenn nur Gott diesem meinem Kind das Augenlicht gibt. Ich bin nichts, aber Ihr seid ein frommer Mann, betet, und es wird sehend werden!«

Und es erwiderte Joseph Ariol, der vor Tränen selber in diesem Augenblick nichts mehr sah: O gute Frau, ihr seid an den Falschen geraten. Denn ich bin noch weniger als nichts. Aber Maria haben wir beide, ihr und ich. Habt ihr Vertrauen zu Maria? –

»Hochwürdiger Herr, was sagt Ihr da? zu wem soll denn ein so elender Mensch wie ich, zu wem sollen wir Armen alle Vertrauen haben, wenn nicht zu Maria! Könnten wir sonst dieses elende Leben aushalten!« –

»Oh mein Gott!« murmelte Joseph Ariol und seine Tränen versiegten, weil es ihm inwendig durch und durch ging, – »wenn es denn sein soll, daß deine Werke geschehen in meiner nichtswürdigen Gegenwart, o mächtiger Gott, so empfehle ich dir dieses Kind durch die Fürbitte der barmherzigsten Mutter, der Mutter des Lichtes – o so möge es Licht werden vor den Augen dieses Kindes – im Namen des dreieinigen Gottes, du Menschenkind, werde sehend durch Christus unsern Herrn, Amen, Amen!« Er machte das Kreuzzeichen auf die Augen des Kindes, und siehe, es sah. Und als es den Priester groß und staunend anschaute, eilte er von dannen. Denn er gedachte in seinem Herzen: wahrlich, o Herr, ich bin es nicht wert, die Werke zu schauen, die du wirkst, siehe wir bei, o seligste Jungfrau, denn ich bin es nicht wert!

 

Von nun an trachtete Joseph Ariol mit noch größerem Eifer danach, die Menschen mit Vertrauen in Maria zu erfüllen. Der Ernst des Sanftmutes thronte fortan aus seiner gläubigen Stirn, und der Frieden seiner unsäglichen Zuversicht. Wenn er durch die Straßen ging, stürzten die Kinder zu ihm hin, ergriffen seine Hand und sagten: Ave Maria! Er aber antwortete: sine labe concepta, ohne Makel empfangen.

Dem ersten Wunder folgten andere; er heilte Kranke und stellte die Gebrechlichen wieder her. Aber seine Augen waren niedergeschlagen und er betete: Maria, verteidige meine Demut, wende die Blicke dieser Menschen von mir weg zu dir, du Mutter der Barmherzigkeit!

Indes mochte er sich noch soviel Mühe geben, gleichsam das Antlitz zu verhüllen, seine Barmherzigkeit ließ ihn doch immer alles Unglück und Elend der Menschen sehen; denn hierfür schienen seine Augen eigens geschaffen.

 

Der Selige gehörte zu der Pfarrei in Barcelona, deren Kirche »Unsere Liebe Frau vom Brote« zubenannt ist, und dort war dieser Priester gar wohl an seinem Platz. – Auf den Stufen, die zum Tor der Kirche hinaufführen, pflegte sich seit geraumer Zeit ein lahmer Mensch aufzuhalten, der sich jeden Tag mit seinen Krücken dorthin schleppte, um zu betteln. Joseph Ariol hatte ihn schon öfters gewahrt und sagte eines Tages zu ihm: »Nun, und du? hast du kein Vertrauen zu Maria? – warum läßest du dich nicht heilen wie die Andern, die hierher kommen?«

»Ach,« entgegnete dieser, »ich habe wohl auch schon daran gedacht. Aber ich bin vierzig Jahre alt und kann kein Gewerbe, rein nichts. Wie hätte ich auch etwas lernen können? Wenn ich nun geheilt bin, so wird mir niemand mehr Almosen geben, und ich muß Hungers sterben.«

Joseph Ariol ging in die Kirche hinein und las die heilige Messe. Als er wieder herausging, konnte er seiner eigenen Barmherzigkeit und dem Drange nicht widerstehen, diesem Unglücklichen dennoch zu helfen. Er legte ihm daher die Hände auf und sprach zu ihm: »Stehe auf, nimm eine Leiter in der Sakristei und hänge deine Krücken neben dem Bilde der allerseligsten Jungfrau auf!« –

Der Lahme stand augenblicklich auf, nahm eine Leiter, und hing seine Krücken an einen Nagel auf. Der Selige aber verhalf ihm zu einem bescheidenen Dienst bei der Kirche, wo er noch sechzehn Jahre lebte. Joseph Ariol gab an alledem Maria die Ehre, indem er sagte: »Es geht mit den Sündern, wie es mit diesem Krüppel gegangen ist. Maria hat ihn gleichsam wider seinen Willen geheilt. Wollte Maria warten, bis die Sünder von sich aus bekehrt werden wollen, so müßte ihre Barmherzigkeit oft lange müßig gehen. Sie aber verlangt es, die Sünder zu Christus zu bringen. Wie könnte sie anders, da Christus der Sohn Gottes aus ihr geboren ist!« –


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