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Maria befreit einen heiligen Ordensmann

Ein Merkmal derjenigen, welche zur Seligkeit gelangen werden, besteht darin, daß sie eine große Verehrung zu Maria im Herzen tragen.

Johannes von Avila.

Im 12. und 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschah es häufig, daß christliche Seefahrer von den islamitischen Sarazenen überfallen, an deren Küsten verschleppt und in die Sklaverei gebracht wurden. Über das bittere Los dieser Sklaven wurden in der Christenheit viele Tränen vergossen. Was kann es auch für Mütter und Gattinnen Schrecklicheres geben, als ihre Söhne oder Männer in fernem Land ohnmächtig unter der Gewalt und Willkür fremder Herren zu wissen!

Die Gebete solcher Frauen und die Seufzer der Sklaven drangen zu Maria und es erbarmte sie ihrer. In einer gewissen Nacht, nämlich des 1. August 1218 (der Zeitpunkt ist genau und getreulich überliefert), erschien sie daher dreien Männern, jedem einzeln, und tat ihnen kund, daß sie wünsche, es solle eine Ordensgemeinschaft zur Befreiung der Sklaven gebildet werden. Diese drei Männer waren Raimund von Pennafort, Petrus Nolaskus und der König Jakob I. von Arragonien; Raimund und Petrus gründeten mit Hilfe dieses Königs zehn Tage nach der Erscheinung den neuen Orden. Die Mitglieder sammelten im ganzen Abendland milde Gaben zum Loskauf der Gefangenen, begaben sich unter großen Gefahren ins Sarazenenland, um das Werk der Befreiung zu vollbringen, und sie waren zudem durch ein besonderes Gelübde gehalten, sich selbst an Stelle der Gefangenen in die Sklaverei zu begeben, sofern die Lösungsgelder nicht ausreichten oder die Befreiung aus irgendwelchen Gründen anders nicht möglich war. In der Tat sind nicht wenige dieser Ordensbrüder in der selbstgewählten Sklaverei gestorben oder aus ihren gefährlichen Gesandtschaften ergriffen und getötet worden. In der Förderung des neuen Mariendienstes war außer dem Petrus Nolaskus der fromme Priester Raimund von Pennafort wohl einer der Eifrigsten von allen.

Raimund, als ein Mensch, dessen Herz von christlicher Liebe überfloß, handelte allezeit gemäß den Worten des heiligen Bernard, indem er alle Gnade von Gott suchte, sie aber suchte durch Maria. So wußte er auch wie wenige, daß Maria voll der Gnaden ist, eine Lobpreisung, die von vielen gesprochen, in ihrem lebendigen Sinn aber nicht von allen erkannt ist; denn sonst wäre die Liebe zu Gott durch Maria allen süß und selbstverständliches Eigentum. Raimund indes lebte in dieser heiligen Liebe. Vom Bischof in Barcelona zum Generalvikar erwählt, hatte er beim Antritt dieses Amtes alles, was er besaß, unter die Armen verteilt, die er nicht anders als seine Gläubiger nannte, Gläubiger und Brüder in Christo. – Mit eben dieser Liebe gab er sich dann also dem Werk der Sklavenbefreiung hin.

Es ging etwas Wundersames von diesem liebesdurchdrungenen Menschen aus; wer in seine Nähe kam, fühlte sich sicher und geborgen; sich ihm zu eröffnen war allen Trost und Glück. Deshalb wählte ihn auch der König Jakob I. von Arragonien zu seinem Beichtvater.

Der König hing aufrichtig an der Religion. Aber er hatte eine Geliebte, von der er sich nicht trennen wollte, obgleich er selbst einsah, daß diese Verbindung aus mehreren Gründen wider sein Seelenheil war; die Maßlosigkeit seiner Liebe war von diesen Gründen noch nicht der gewichtigste.

Wie es so vielen geht, so ging es damals auch diesem König: er war bereit, Gott viele Opfer zu bringen, und er brachte sie. Aber hier, wo es darauf ankam, das Opfer der Entsagung zu bringen, war er zu schwach. Vergeblich mahnte ihn sein Beichtvater Raimund, jene Verbindung zu lösen. Der König versprach es, aber er hielt nicht Wort. Raimund mahnte ihn wieder und wieder. Aber der König brachte die Trennung nicht über sich.

 

Der Platz an der Seite des Königs hatte dem Raimund viele Gelegenheit, Gutes zu tun, den Brüdern zu helfen, geboten; dieserthalben war er ihm wertvoll, aus gewöhnlichem Ehrgeiz hatte er ihn fürwahr nicht gesucht. Als aber der König fortfuhr, seine Mahnungen bezüglich jener Verbindung zu mißachten, mußte Raimund zu der Einsicht gelangen, daß seines Bleibens am Hofe nicht sei.

»Sire,« sagte er eines Tages zum König, »Ihr verehrt doch auch Maria, Ihr nahet Euch ihr mit mancherlei Bitten. Oder ist es nicht so?« –

»Ja, das tue ich tagtäglich und mit großer Zuversicht«, erwiderte der König.

»Wenn zu Euch ein Mann kommt als ein Bittsteller, aber es verschmäht, seine Kleider vom Schmutze zu reinigen, bevor er den Palast betritt – glaubt Ihr, daß man ihn zu Euch vorlassen wird?« –

»Ich hoffe nicht«, gab der König lächelnd zur Antwort.

»Nun also, Ihr selbst aber, Sire, tretet der allerseligsten Jungfrau, der himmlischen Königin, mit Euren Bitten, ohne doch Euer Herz – endlich! – zu reinigen, jeden Tag nahe. Sagt doch, Sire, was muß sie von Euch denken?« –

Der König schwieg verdrossen; aber er sagte nicht, daß er diese letzte Mahnung zu beherzigen gewillt sei. Darum eröffnete ihm Raimund nunmehr den Entschluß, den Hof zu verlassen und heimzukehren in sein Kloster nach Barcelona. Maria, fügte er bei, werde zu gegebener Zeit den Sinn des Königs erschüttern, das hoffe er fest; für ihn, Raimund, indes sei es jetzt geboten, wieder fortzugehen.

Der König verehrte in Raimund gleichsam den guten Engel seines Hofes und dachte, wenn er von ihm schiede, scheide mit ihm ein Schutzgeist und ziehe alles Gute fort aus seiner königlichen Hauptstadt. So erwiderte er dem Priester, daß er ihn durchaus nicht gehen lasse, daß er ihn bitte, zu bleiben, aber, sofern er dieser Bitte nicht nachgeben wolle, ihn gleichwohl zu halten gedenke.

 

Wie gesagt, tat er. Er befahl nämlich unter Todesstrafe, den Raimund nicht über das Meer nach Barcelona zu fahren. Raimund sah sich dergestalt wider seinen Willen festgehalten. In dieser Not wandte er, der die Mutter Gottes allzeit nur für andere, niemals für sich selber angefleht hatte, sich jetzt um gnädige Hilfe an seine Herrin. »Wie ist es denn jetzt anders,« rief er sie an, »wie ist es denn anders mit mir als mit den Sklaven, zu deren Befreiung du mich ehedem in deine Dienste genommen! Ich bin ein Gefangener, nämlich des Königs. Aber vergiß nicht, o Jungfrau, daß ich vor allem dein Dienstmann bin! Deine Königliche Macht weiß ihre Diener gewiß zu befreien aus der Gefangenschaft an irdischen Höfen. Wohlan denn, liebreichste Majestät, Mutter Königin, hilf mir nun fort von dieser Küste, befreie mich und gib mir den Weg frei!« –

Nach dieser Anrufung begab er sich nun hinunter an das Gestade des Meeres, wo eben ein Schiff zur Ausreise bereitstand. Aber der Kapitän nahm ihn nicht an Bord, sondern berief sich auf den Befehl seines Königs.

Da sprach Raimund: »Ein irdischer König versperrt mir die Abfahrt. Aber meine Herrin Maria wird beim König des Himmels für mich ins Mittel treten!« Sodann breitete er seinen Mantel auf das Wasser, nahm seinen Stab, bezeichnete sich mit dem Zeichen des Kreuzes und fuhr auf dem Mantel über das Meer. Maria, der holde Meeresstern, geleitete ihn sicher und wohlbehalten über die Wellen nach Barcelona, wo er vor den Augen einer großen Menge Volkes ans Land stieg. Ohne sich umzusehen, eilte er seinem Kloster zu. Dort priesen sie alle zusammen Maria, deren mächtige Fürbitte den Christenmenschen freibittet an Leib und Seele bei Gott.


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